November 14, 2022
Von Autonomie Magazin
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Dieses Buch ist Lina E. und ihren Genossinnen und Genossen gewidmet, die den Mut hatten, Nazis zu jagen.

  1. Jetzt oder nie!

Marc checkt ein letztes Mal alles durch. Seine Finger legen sich um das Metall. Ein ungewohntes Gefühl. Es strahlt Sicherheit aus. Marc hat nie zuvor so etwas benutzt. Eigentlich hasst er Waffen. Doch heute kommt er nicht drum herum. Er muss sie einsetzen. Er will sie einsetzen. Es gibt jetzt keine Alternative.

Für jeden kommt im Leben irgendwann der Moment, man sich entscheiden muss, denkt der Zehntklässler, eine Tat echte Konsequenzen zur Folge hat. Nicht nur jetzt, sondern vielleicht für das gesamte Leben. Wenn das hier schief geht, denkt er, habe ich ein Problem.

Er späht durch den Türspion. Draußen ist es dunkel. Zuerst kann er die Nazis nur ahnen. Dann tritt der fette Skinhead Markowitz ins Licht. In der Hand hält er einen Baseballschläger.

Wenn der mich in die Finger kriegt, bringt er mich um.

Marc blickt auf die Waffe in seiner Hand. Er atmet ruhig. Seine Luftzüge rauschen durch den Filter der Gasmaske. Sie ist sein Schutz. Und: Damit kann ihn niemand erkennen. Die Nazis stehen dort im Dunkeln. Unsichtbar. Versteckt. Sie warten.

Ich kann die Scheißkerle fühlen. Hoffentlich sind unsere Leute auch da. Mann, hab ich Schiss.

Marcs Knie zittern. Er reißt sich zusammen. Sein Leben liegt in den Händen anderer. Das ist neu für ihn. Er muss seinen Freunden absolut vertrauen. Sie liegen da draußen auf der Lauer. Hoffentlich. Auch sie warten. Auf Marc. Auf sein Signal. Was jetzt passieren wird, hängt allein von ihm ab.

In Gedanken spielt er alles noch einmal durch. Wie schon hunderte Male vorher. Jeden Handgriff, jede Bewegung. Es ist sein Moment der Entscheidung. Noch könnte er zurück. Könnte statt ‚Ja‘ ‚Nein‘ ankreuzen und umkehren. Einen anderen Weg gehen. Er müsste nur die Tür vor sich nicht öffnen, die Waffe weglegen und sich umdrehen.

Aber er will das nicht. Er will es tun. Er will diese Tür aufstoßen. Er will vor die Typen da draußen treten und einen Punkt setzen. Er will, dass es knallt. Er will ‚Ja‘ sagen. Er will handeln. Er ist nicht freiwillig bis hierher gegangen. Diesen Moment hat er nicht herbeigesehnt, er wurde ihm aufgezwungen. Er hatte keine andere Wahl. Vor Monaten ging es los. Über Nacht. Unübersehbar. Einfach so. An seiner Schule.

Marc schüttelt die Gedanken ab. Er kann sie jetzt nicht gebrauchen. Jetzt zählt nur, was in den nächsten Sekunden passiert. Was bisher geschah, spielt jetzt keine Rolle. Das ist vergangen. Aber es hat ihn hierhergeführt. Hat ihn zu dieser unumkehrbaren Entscheidung gebracht.

Ja‘ oder ‚Nein‘?

Jetzt oder nie?

OK‘ oder ‚Abbrechen‘ anklicken?

Marc legt die Hand auf die Türklinke.

Ja! Ich will es.

Er bewegt sich mechanisch. Im Kopf steht der genaue Ablauf fest. Doch Gedanken sind Theorie, existieren nur im Gehirn als Ideen, Phantasien, Vorstellungen. Erst Handlungen sind real. Taten. Das hier ist Wirklichkeit. Die Türklinke ist echt, die Waffe, die Nazis, die Gasmaske und die anderen da draußen. Die Versteckten, die Guten, seine Genossinnen und Genossen. Das hier ist kein Spiel, kein Traum, kein Probedurchlauf. Jetzt gibt es für ihn keinen Reset-Knopf und keinen Notausgang.

Marc ist plötzlich völlig ruhig. Das Zittern hat aufgehört. Er zieht den Sicherungsstift aus dem Abzug, wirft einen letzten Blick durch den Türspion. Im Dunkeln sieht er die Schatten vor dem Haus. Es müssen mehr als 20 sein. Alle bewaffnet. Vorne steht der große Skinhead. Sein Ziel.

Er kennt die Pläne der Nazis. Er wird sie durchkreuzen. Dazu muss er diesen entscheidenden Schritt tun. Er wird dieser Meute allein gegenübertreten. Er, Marc Brenda, Schüler der Klasse 10a, steht gleich vor einer Horde Nazis. David gegen Goliath. Einer gegen 20. Er wird zielen und abdrücken. Ohne Zögern.

Ja!

Wenn ich zaudere, sinkt meine Überlebenschance gegen Null.

Das weiß Marc. Deswegen hat er den Tunnelblick geübt.

Alles ausblenden. Nichts drum herum ist wichtig. Nur den Abzug drücken. Und auf das Gesicht zielen. Auf die Nase. Auf die widerliche Fresse von dem Dreckschwein in der Mitte. Auf den Chef. Den Koloss. Die Obernazisau: 100 Kilo Lebendgewicht, 100 Prozent Hass, keine Gnade.

Er muss ihn treffen. Präzise. Kein Zögern.

Marcs Hand umklammert die Türklinke.

Jetzt!

Er reißt die Tür auf.

Verdutzte Blicke vor ihm.

Ungläubigkeit.

Der gegen uns? Einer? Ist der lebensmüde?

Menschenverachtendes Grinsen.

Marc schaut das Skinheadmonster entschlossen an.

Es lächelt. Überheblich. Siegessicher. Grausam.

Marc hebt den Arm.

Das Gesicht vor ihm gefriert.

Marc legt an.

Überraschte Augen.

Marcs Ziel.

Er drückt ab.

Ja!




Quelle: Autonomie-magazin.org