April 27, 2021
Von Emrawi
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Wir können uns in Wien auf eine Geschichte der Arbeiter*innenbewegung berufen, aber der 1. Mai ist hier nur noch ein Gedenken, das jeden Anspruch an ein besseres Leben aufgegeben hat.

Am 1. Mai 2021 wollen wir uns treffen und zusammenschließen, nicht um romantisierend in die Vergangenheit zu schauen, wie das im Roten Wien an diesem Tag so ĂŒblich ist, sondern um aktuelle und radikale Forderungen kĂ€mpferisch auf die Straße zu tragen.

Die Verbesserung sozialer VerhĂ€ltnisse folgt keinem natĂŒrlichen Ablauf, sie fĂ€llt auch nicht vom Himmel. Sie ist immer ein Ergebnis von KĂ€mpfen. Und die aktuelle Situation der multiplen Krisen in Gesundheit und Wirtschaft, sowie das Erstarken reaktionĂ€rer Ideologien, stellt uns vor große Herausforderungen, auf die es neue Perspektiven braucht.

Wir können uns auf vieles stĂŒtzen, was in der Vergangenheit erkĂ€mpft wurde. Aber wir lernen auch dazu. Gesellschaftliche VerhĂ€ltnisse verĂ€ndern sich fortwĂ€hrend, so muss unsere Kritik und unser Kampf der Arbeit und des Kapitalismus sich auch verĂ€ndern. Das was als Arbeit gilt und wer sie unter welchen Bedinungen macht, ist Teil dieses Kampfes.

Wir meinen, wenn wir von ArbeitskĂ€mpfen sprechen, nicht nur die Fabriksarbeit, sondern wir richten unsere Kritik gegen jede Form fremdbestimmter Arbeit: die Lohnarbeit und die Reproduktionsarbeit, die Hausarbeit, die Carearbeit, all die Arbeit die notwendig ist, damit die Welt ĂŒberhaupt am Laufen bleibt – egal, ob sie unbezahlt verrichtet wird oder völlig prekĂ€r an Migrant*innen ausgelagert wird. Wir richten uns also gegen jede Form der Fremdbestimmung, auch wenn Arbeiter*innen durch verschleiernde Strukturen wie ScheinselbststĂ€ndigkeit oder flache Hierarchien Freiheit und Selbstbestimmung vorgegaugelt wird.

Im letzten Jahr haben wir oft gehört, dass die Pandemie ein Brennglas der VerhĂ€ltnisse darstellt. Und trotzdem gibt es Menschen, die weiterleben wollen wie zuvor. ZurĂŒck zur NormalitĂ€t. ZurĂŒck zum geringeren Übel. Ein gutes, ein besseres Leben fĂŒr alle scheint fĂŒr viele unmöglich, zu sehr durchdringt das Gelernte, die Disziplinierung unsere Lebensweise. Aber diese Vorstellung, wie wir leben mĂŒssen, ist nicht „normal“, sie beruht auf einem System, das von Menschen gemacht ist und dessen Strukturen es geschafft haben, sich durchzusetzen, in unserer Art zu wohnen, zu arbeiten, uns zu ernĂ€hren, zu kleiden, Energie und Technologie zu nutzen und miteinander in Beziehung zu treten. Es ist ein Leben, in dem wir gelernt haben, uns völlig auf die BedĂŒrfnisse des Kapitals auszurichten, ihm alles unterzuordnen. Ob wir selbst arbeiten gehen mĂŒssen, Angst vor der KĂŒrzung der nĂ€chsten AMS Zahlung haben, oder ob wir uns um andere kĂŒmmern, sie aufbauen und motivieren, damit sie am nĂ€chsten Tag wieder den Weg in die Arbeit schaffen.

WĂ€hrend manche also Licht am Ende des Tunnels zu sehen meinen, wollen wir nicht zurĂŒck zu einer angeblichen NormalitĂ€t, die schon vorher beschissen war, nicht zurĂŒck zu einer Ordnung, die nicht einmal im Stande ist, das Lebensnotwendige fĂŒr alle Menschen bereitzustellen.

Was von Menschen geschaffen wurde, kann von ihnen verÀndert werden. Eine Perspektive im Kampf gegen die neue NormalitÀt ist der feministische Streik.

Er kann ein zentrales Mittel sein zur Politisierung all dieser gewaltvollen VerhĂ€ltnisse! Er ermutigt uns, gegen alle Formen patriarchaler Gewalt und vergeschlechtlicher Arbeitsteilung gemeinsam transnational, anti-rassistisch und antikapitalistisch zu kĂ€mpfen! Denn mit dem Sichtbarmachen und Bestreiken all dieser Arbeit, die fĂŒr den Kapitalismus notwendig ist (zum Beispiel das GebĂ€ren und Großziehen von Arbeiter*innen oder das Umsorgen von jenen, die nicht mehr als Arbeiter*innen verwertbar sind, als Kranke oder als Alte… Mit dem Bestreiken all dieser Arbeit wird die vermeintliche Naturgegebenheit des Kapitalismus massiv ins Wanken geraten.

In Chile, Mexiko oder in Polen finden diese KĂ€mpfe bereits statt: Beispielsweise als Widerstand gegen Feminizide, als Widerstand gegen die Kriminalisierung von Abtreibung und fĂŒr reproduktive Gerechtigkeit – das heißt in jedem Fall als Widerstand gegen die binĂ€re und hierarchische Geschlechterordnung und die VerfĂŒgung ĂŒber vergeschlechtlichte Körper im Kapitalismus.

Der Feministische Streik beinhaltet nicht nur die kollektive Arbeitsverweigerung aller fremdbestimmter Arbeit, sondern auch die bewusste Organisierung jener Arbeit, die notwendig ist, fĂŒr ein gutes Leben fĂŒr alle.

Der Feministische Streik umklammert KĂ€mpfe, er umarmt und verbindet sie – mit dem Ziel tatsĂ€chlich alles zu verĂ€ndern.

Am 1. Mai und immer scheissen wir also auf “Hoch die Arbeit”! Wir sagen: Legt die Arbeit nieder! – Auf zum feministischen Streik!




Quelle: Emrawi.org