April 19, 2022
Von Freie ArbeiterInnen Union (FAU)
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Nach zwei Jahren pandemiebedingter Absagen, wird es in diesem Jahr wieder die traditionelle Gewerkschaftsdemonstration am 1. Mai geben.

Eine Initiative linker Gruppen, welche wir unterstĂŒtzen, mobilisiert zur Teilnahme und wirbt unter dem Motto “Alle gegen Alle? Nicht mit uns!” fĂŒr einen antikapitalistischen Block. Der Aufruf dazu findet sich hier

Geht mit uns auf die Straße fĂŒr bessere Arbeits- und Lebensbedingungen und fĂŒr eine Zukunft, in der Ausbeutung und UnterdrĂŒckung der Vergangenheit angehören!

Unser Beitrag:

Wir kriegen nur, wofĂŒr wir kĂ€mpfen!

Chicago, 1886: eine bereits seit Jahren aktive Arbeiterbewegung mobilisiert fĂŒr den ersten Mai zu einem mehrtĂ€gigen Streik. Ziel ist die EinfĂŒhrung des 8-Stunden Tags. Zehntausende beteiligen sich, dabei werden am 3. Mai sechs Arbeiter erschossen. Am 4. Mai explodiert auf einer Kundgebung eine Bombe die 18 Menschen in den Tod reißt. Die Polizei eröffnet daraufhin das Feuer und weitere Streikende sterben.

Obwohl unklar ist, wer die Bombe zĂŒndete, wurden acht Arbeiter und Organisatoren des Streiks fĂŒr schuldig befunden und sieben davon zum Tode verurteilt. Bei allen Verurteilten handelte es sich um ĂŒberzeugte Anarchisten und vorallem diese Haltung wurde ihnen zum VerhĂ€ngnis. Diese Ereignisse, die als Haymarket Riot in die Geschichte eingingen, waren die Geburt des 1. Mai als internationalem Kampftag der Arbeiter*innenklasse.

Aktuell erleben wir eine Explosion der Lebenshaltungskosten. Energie, Lebensmittel, Mieten: die Preise gehen weiter steil nach oben. Durch Klimakrise, Pandemie und Krieg verschÀrft sich die Situation und entwickelt eine bedrohliche Dynamik.

Das obere 1 Prozent hĂ€lt rund 18 Prozent des gesamten Vermögens – so viel wie die Ă€rmsten 75 Prozent der erwachsenen Bevölkerung zusammen. Die realen Löhne und damit die Kaufkraft sinken und wir sollen den GĂŒrtel enger schnallen?

In unserer gewerkschaftlichen Arbeit erleben wir die Auswirkungen einer zunehmenden Prekarisierung der Arbeitswelt. Vor allem in den Bereichen, die ohnehin schon als Niedriglohnsektoren gelten. Es ist an Dreistigkeit nicht zu ĂŒberbieten, mit welchen Maßnahmen windige Chefs und Unternehmen Arbeiter*innen selbst um gesetzliche Mindeststandards bringen.

Das sind keine Ausnahmen, dahinter steckt System und allein hierzulande sind Millionen betroffen. Wenn wir dies als nackte Ausbeutung, Betrug und EntwĂŒrdigung bezeichnen, ist das nicht ĂŒbertrieben.

Immer wieder sind es vor allem Migrant*innen, die sich in miesesten und oft irregulĂ€ren ArbeitsverhĂ€ltnissen verdingen mĂŒssen. Gerade in Teilen der Dienstleistungsbranche und der so genannten Plattformökonomie herrschen Bedingungen, die an frĂŒhkapitalistische Zeiten erinnern.

Bereits jetzt reiben sich Kapitalist*innen vor dem Hintergrund der hier ankommenden GeflĂŒchteten aus der Ukraine die HĂ€nde und sehen diese als Zustrom billiger ArbeitskrĂ€fte ohne anderen Ausweg. So das Unternehmen Tönnies beispielsweise, das direkt an der polnischen Grenze Flyer an GeflĂŒchtete verteilte und mit Anstellung in seinen Fleischfabriken warb.

Gegen diese zynischen VerhĂ€ltnisse mĂŒssen wir uns wehren.

Erfreulich sind die vielen kleinen OrganisationsbemĂŒhungen, die auch immer öfter in kollektiven KĂ€mpfen ihren Ausdruck finden. Basisgewerkschaften wie die FAU sind oft Teil dieser Konflikte. Sei es in unterstĂŒtzender Form oder durch die eigene Betroffenheit ihrer Mitglieder. Beispielhaft seien hier die Streiks der Erntearbeiter*innen in Bornheim 2020 genannt oder die in vielen StĂ€dten laufenden Konflikte so genannter Rider, welche sich als Fahrradkurier*innen unter miesen Arbeitsbedingungen und fĂŒr mageren Lohn die RĂŒcken kaputt strampeln.

Wir mĂŒssen intervenieren, wo neue BeschĂ€ftigungsbereiche entstehen, in denen mit intensivster Ausbeutung zu rechnen ist. Doch es reicht nicht mit anderen solidarisch zu sein und diese zu unterstĂŒtzen. Es ist wichtig, dass wir uns selbst und in allen Sektoren organisieren und diesen Entwicklungen aktiv entgegentreten.

Denn wir alle sind Teil dieses RĂ€derwerks sind, dass die Maschinerie tagtĂ€glich am Laufen hĂ€lt. Und wir können der SchraubenschlĂŒssel im Getriebe sein, der das alles zum Stillstand bringt. Wir mĂŒssen den eigenen Arbeitsplatz nicht nur als Ort individueller Einkommensquelle betrachten, sondern als einen möglichen Ausgangspunkt fĂŒr gesellschaftliche VerĂ€nderung.

Wenn wir also ernsthaft mehr wollen, als uns immer nur gegen die schlimmsten Symptome des Kapitalismus zu wehren, sondern die herrschenden ZustĂ€nde und sozialen Probleme ĂŒberwinden und lösen wollen, mĂŒssen wir uns den damit einhergehenden Herausforderungen stellen.

Der herrschenden Ausbeutung, Zerstörung und UnterdrĂŒckung von Mensch und Natur stellen wir eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung gegenĂŒber, die auf SolidaritĂ€t und Selbstverwaltung basiert. In der Freiheit und Gleichheit keine Lippenbekenntnisse, sondern Grundlagen des Zusammenlebens sind und alle Menschen ein gutes Leben fĂŒhren können. Geschuldet der KomplexitĂ€t der global-vernetzen Produktionsketten, setzt dies ein Höchstmaß an Organisation in allen Arbeits- und Lebensbereichen und ĂŒber alle Grenzen hinweg voraus.

Geschenkt bekommen wir das alles nicht. Es verlangt Ausdauer und die Bereitschaft am Aufbau einer sozialen Arbeiter*innenbewegung mitzuwirken, die an den Wurzeln des kapitalistischen Systems ansetzt. Die sich immer wieder auch kleinen Konflikte, ob bei der Arbeit, um Miete oder Lebensmittelkosten annimmt ohne die Perspektive auf eine bessere Welt aus den Augen zu verlieren.

FĂŒr uns ist der 1. Mai kein Relikt der Vergangenheit. Im Gegenteil: die KĂ€mpfe fĂŒr bessere Arbeits- und Lebensbedingungen sind so nötig wie eh und je. Und auch die Perspektive einer Welt, in der Ausbeutung und Armut der Geschichte angehören, lebt in unseren KĂ€mpfen fort. Wenn uns der 1. Mai eines lehrt, dann ist das die Tatsache, dass wir nur das kriegen, wofĂŒr wir uns gemeinsam organisieren und kĂ€mpfen. Und zwar tĂ€glich.

FAU Sektion Aschaffenburg




Quelle: Fau.org