Juli 19, 2022
Von Spektrum 360
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/// Gastbeitrag ///

Am 19. Juli 2012 ĂŒbernahmen in der nordsyrischen Stadt KobanĂź kurdische KrĂ€fte die Verwaltung der Stadt, nachdem sich syrische KrĂ€fte aus dem Norden des Landes zurĂŒckgezogen hatten. Was folgte, war die Übernahme der Institutionen auch in anderen Teilen in der Region und was sich daraus entwickelte, war nichts geringeres als eine Revolution inmitten des syrischen BĂŒrgerkrieges. Die Region, in der sich all das abspielte, heißt Rojava (ĂŒbersetzt in etwa „Westkurdistan“), liegt im Norden Syriens, besteht aus den Kantonen EfrĂźn, KobanĂź und CizĂźre und ist mehrheitlich kurdisch besiedelt.

Seit Jahren und Jahrzehnten bereits fĂŒhrte die kurdische Freiheitsbewegung bewaffnete (Guerilla-)KĂ€mpfe in kurdischem Siedlungsgebiet – also von der SĂŒdosttĂŒrkei, ĂŒber Nordsyrien, dem Nordirak bis in den Nordwestiran. GrĂŒnde dafĂŒr waren systematische UnterdrĂŒckung, Verbote kurdischer Sprache (etwa in der TĂŒrkei), EntfĂŒhrungen, Vertreibungen, Umsiedlungen und nicht zuletzt Genozide. War die ursprĂŒngliche Forderung der kurdischen Guerilla zu Beginn der 80er Jahre noch ein kurdisch-sozialistischer Staat gewesen, so war es 2012 nicht mehr die Staatlichkeit, sondern der Aufbau eines „Demokratischen Konföderalismus“. Beide AnsĂ€tze gehen auf den philosophischen Vordenker der Bewegung und PKK-GrĂŒndungsmitglied Abdullah Öcalan zurĂŒck, der seit 1999 in tĂŒrkischer Isolationshaft sitzt. 2012 wurde aus der Theorie schnell Praxis gemacht. FlĂ€chendeckende RĂ€testrukturen entstanden und ein Gesellschaftsmodell aufgebaut, das unter anderem auf Werten von Basisdemokratie; der Akzeptanz und Integration jeglicher ethnischer und religiöser IdentitĂ€ten; Frauenbefreiung und nachhaltiger Ökologie basiert. Genoss:innenschaften, in denen die Arbeiter:innen ĂŒber die Produktion bestimmen, wurden aufgebaut. GrĂŒndung von Kooperativen in allen ökonomischen Bereichen sowie mitunter spezielle Kooperativen, in denen nur Frauen entscheiden und arbeiten; Bildungspolitik mit Fokus auf Frauenbefreiung und Unterricht in jeweiligen Muttersprachen. Aber auch die militĂ€rischen Fraueneinheiten der SelbstverteidigungskrĂ€fte YPJ sind ein Kind der Revolution. Viele weitere Punkte und vor allem die jahrzehntelange Basisarbeit durch revolutionĂ€re Strukturen machten diesen radikal-demokratischen Gesellschaftsentwurf zu einem Platz der Hoffnung fĂŒr Abertausende in der ganzen Welt.

Als 2014 dann der Terror des „Islamischen Staates“ ĂŒber Syrien und den Irak fegte, wurde die Revolution auf eine harte Probe gestellt. UnterstĂŒtzt vom tĂŒrkischen Staat, dem ein vereintes Kurd:innengebiet entlang seiner sĂŒdlichen Grenze von Beginn an ein Dorn im Auge war, ĂŒberrannte der IS die irakische Armee, nahm diverse erdölreiche Regionen ein und verĂŒbte im Sommer 2014 einen Genozid an der ezidischen Bevölkerung Sengals im Nordirak. Nur die KĂ€mpfer:innen der PKK und der Volksverteidigungseinheiten aus Rojava konnten eine noch grĂ¶ĂŸere Tragödie verhindern, in dem sie Fluchtkorridore fĂŒr die Bevölkerung erkĂ€mpften. Der tĂŒrkische Staat indes verzichtete damals noch darauf, selbst militĂ€risch gegen die kurdischen Gebiete vorzugehen. Stattdessen stellte die TĂŒrkei fĂŒr KĂ€mpfer des IS eine Art sicheren Hafen dar, von dem aus sie rekrutieren und organisieren konnten. Nicht unerwĂ€hnt bleiben sollte, dass der IS auch von tĂŒrkischem Gebiet aus Angriffe auf kurdische Gebiete startete und seine Verwundeten zur Behandlung ebenso wieder zurĂŒck ĂŒber die Grenze brachte.

Ab Beginn des Jahres 2015 konnten kurdische Truppen und ihre VerbĂŒndeten – die internationale Anti-IS-Koalition unter FĂŒhrung der USA – erstmals grĂ¶ĂŸere militĂ€rische Erfolge und RĂŒckeroberungen, wie die der symboltrĂ€chtigen Stadt KobanĂź, feiern. Dies gilt bis heute als großer Wendepunkt und als Anfang vom Ende des Islamischen Staates. Weitere Jahre der Entbehrungen und des Kampfes gegen die islamistischen Milizen folgten, bis diese 2019 offiziell als militĂ€risch(!) zerschlagen galten. Die Bedrohungslage fĂŒr Rojava blieb jedoch bestehen.

Unter Berufung auf seine Sicherheitsinteressen und unter dem Vorwand der TerrorbekĂ€mpfung, begann der tĂŒrkische Staat ab 2016 mit mehreren MilitĂ€roffensiven im Norden Syriens, um „die kurdischen Milizen aus dem Grenzgebiet zu vertreiben“ und eine sogenannte Sicherheitszone in Nordsyrien zu etablieren. Im Februar 2018 marschierten tĂŒrkische Truppen und mit ihnen verbĂŒndete islamistische Milizen sowie tĂŒrkeinahe Söldner im Kanton EfrĂźn – dem westlichsten Teil Rojavas – ein und besetzten die Region. 2019 folgte die nĂ€chste militĂ€rische Offensive und die Besetzung weiterer Gebiete. Was folgte, waren und sind noch immer Berichte ĂŒber Vertreibungen und weitere Verbrechen an der lokalen Bevölkerung seitens der Besatzer.

Durch die anhaltenden tĂŒrkischen Operationen und Angriffe mussten kurdische KrĂ€fte aus anderen Teilen Nord- und Ostsyriens, welche wĂ€hrend der KĂ€mpfe gegen den IS erobert wurden (und mittlerweile weitgehend auch zu Rojava gezĂ€hlt werden), abgezogen und in die zu verteidigenden Gebiete verlegt werden. Das hatte die langsame Wiedererstarkung des IS zur Folge, da Anti-Terror-Operationen und die BekĂ€mpfung von SchlĂ€ferzellen nun nicht mehr vollumfĂ€nglich durchgefĂŒhrt werden konnten. Außerdem wirkte sich die Truppenverlegung auch auf die Sicherheit der GefĂ€ngnisse aus. In kurdischen Haftanstalten sitzen noch immer Tausende auslĂ€ndische IS-KĂ€mpfer ein. Da die kurdischen Gerichte international aber nicht anerkannt werden, ist eine ÜberfĂŒhrung der Gefangenen in ihre HerkunftslĂ€nder oft nicht möglich. Dennoch musste auch hier die Anzahl der Wachen teils verringert werden. IS-SchlĂ€ferzellen nutzten diese Situation bereits fĂŒr Angriffe und Befreiungsaktionen.

Es ist zu erwĂ€hnen, dass die fehlende internationale Anerkennung als auch die NATO-Zugehörigkeit der TĂŒrkei generell immer wieder an Grenzen fĂŒhrt, die besonders im Bereich der humanitĂ€ren Hilfe schwer wiegen. So wird kaum thematisiert, dass der tĂŒrkische Staat nach seinem Einmarsch in EfrĂźn etwa, die dortigen Ressourcen plĂŒnderte; dass tĂŒrkische Soldaten inmitten von DĂŒrre und Klimakatastrophe die Getreidefelder kurdischer Bauern in Brand setzten oder den Wasserzufluss der Bevölkerung stark einschrĂ€nken, indem sie beispielsweise das Wasser des Euphrat auf tĂŒrkischer Seite aufstauen! Bis heute mĂŒssen sowohl die kurdischen KrĂ€fte als auch die lokale Bevölkerung anhaltenden tĂŒrkischen Artillerie-Beschuss, AnschlĂ€ge und Drohnenangriffe erdulden. Und nun ist Rojava gefĂ€hrdeter denn je. Der tĂŒrkische Staat hat unlĂ€ngst angekĂŒndigt, eine große Offensive zu starten und seine PlĂ€ne von einer Sicherheitszone in Nordsyrien ein fĂŒr alle Mal zu besiegeln. Diese Zone soll 30 Kilometer tief in syrisches Territorium reichen und sich ĂŒber die gesamte GrenzlĂ€nge erstrecken. Das wĂ€re das Ende Rojavas!

Und an dem Punkt kommen wir ins Spiel. Denn auch wir mĂŒssen Teil der Verteidigung werden. Wir mĂŒssen die zweite Reihe bilden, wenn der tĂŒrkische Staat die erste Reihe, unsere Genoss:innen in Rojava, angreift. Rojava stellt auch fĂŒr mich, fĂŒr viele von uns einen Ort der Sehnsucht, der Hoffnung, dar. Seine Existenz allein gibt Kraft und zeigt, dass widerstĂ€ndiges Leben in großem Maßstab möglich ist. Es gilt also erneut, uns die Straßen zu nehmen und wir dĂŒrfen es nicht bei Mini-Demonstrationen und Flashmobs belassen. Unsere Antwort auf einen tĂŒrkischen Angriff muss eine radikale und konsequente sein. Die letzten Offensiven konnten bereits nicht verhindert werden. Nur geht es jetzt um nicht geringeres als das Überleben der Revolution!

Diese Revolution, die nicht perfekt ist, viele Fehler in sich trĂ€gt und oft genug harte Kritik einstecken muss. Etwa, dass die KlassenwidersprĂŒche in Rojava noch immer nicht aufgelöst sind und Eigentum weitgehend unangetastet blieb. Doch haben diejenigen nicht verstanden, dass auch die dortige Revolution ein Prozess ist und die Region sich nach wie vor in Krieg und Ausnahmezustand befindet.

Wenn wir wollen, dass sich der begonnene gesellschaftliche Aufbruch im Nahen Osten fortsetzt und entwickelt, mĂŒssen wir ihn zuerst verteidigen – international.

Serkeftin!

Wir danken dem Genossen Batko Makhno fĂŒr seinen Gastbeitrag!




Quelle: Spektrum360.noblogs.org