MĂ€rz 6, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Kansk ist eine Stadt mit 90.000 Einwohner:innen in Sibirien, Russland. Die nÀchstgelegene Millionenstadt ist Krasnojarsk, 250 Kilometer westwÀrts. Zwei Jungen, die letztes Jahr 15 Jahre alt geworden sind, Nikita Uvarov und Denis Mikhaylenko, sitzen seit letztem Sommer im GefÀngnis, weil sie beschuldigt werden, einen terroristischen Anschlag geplant zu haben. Laut Anklage planten sie unter anderem, das Hauptquartier des russischen Sicherheitsdienstes FSB in Minecraft zu bauen und dort in die Luft zu jagen. WÀhrend der SowjetÀra hatte der FSB verschiedene Namen, der letzte vor dem Zerfall der Sowjetunion war FSB.

Nikita und Denis wurden verhaftet, nachdem sie Plakate verbreiteten, die die Freilassung des Anarchisten und Mathematikers Azat Miftakhov forderten, der in Moskau verhaftet wurde. Eines der Plakate wurde am örtlichen FSB-GebÀude in Kansk angebracht. Denis und Nikita planten auch, eine Food Not Bombs-Veranstaltung in Kansk zu organisieren, um Essen an Obdachlose zu verteilen.

Nikita und Denis wurden bereits im Juni 2020 verhaftet, aber Informationen ĂŒber den Fall begannen sich erst im November 2020 zu verbreiten, als Novaya Gazeta und die Online-Medienplattform Baza Artikel ĂŒber den Fall veröffentlichten. Dieser Artikel basiert grĂ¶ĂŸtenteils auf einem Artikel von Evgeniya Tamarchenko, der in der Online-Medienplattform The Insider veröffentlicht wurde und im Januar 2021 erschien.

Nikita und Denis kennen sich seit dem Kindergarten. Zur gleichen Zeit wurde auch Bogdan Andreev verhaftet. Er studiert in einer Parallelklasse, und alle drei haben sich wÀhrend der Mittelstufe angefreundet. Bogdan steht derzeit unter Hausarrest und darf weder Telefon noch Internet benutzen.

Alle drei sind angeklagt wegen „studieren, um einen terroristischen Anschlag auszufĂŒhren“ und „Mitgliedschaft und GrĂŒndung einer terroristischen Vereinigung.“ Neben dem Spielen von Minecraft und dem AufhĂ€ngen von Plakaten bereiteten die drei kleine Feuerwerkskörper vor und diskutierten ĂŒber Mittel zum Kampf gegen das aktuelle Regime in Russland. Mit diesen Anklagen wĂŒrden Erwachsene mindestens 15 Jahre im GefĂ€ngnis verbringen. Da Denis, Nikita und Bogdan minderjĂ€hrig sind, liegt die Höchststrafe bei 10 Jahren GefĂ€ngnis.

Die Ermittler:innen haben Denis und Bogdan taktisch belogen und manipuliert, um sie dazu zu bringen, die Vorbereitung eines Terroranschlags zuzugeben, indem sie ihnen zum Beispiel versprachen, dass sie nicht wegen eines Terroranschlags angeklagt werden, wenn sie die VorwĂŒrfe gestehen. Dieses Versprechen wurde natĂŒrlich gebrochen. Nikita hat nichts gestanden, aber er klagt auch Denis und Bogdan nicht an. Nikita glaubt, dass die Hauptverantwortung bei den Ermittler:innen liegt, die Denis und Bogdan manipuliert haben, um eine Aussage gegen ihn zu machen.

In Russland liegt die Untergrenze fĂŒr die StrafmĂŒndigkeit bei 14 Jahren. In der Region Krasnojarsk hat der FSB mehrere 14-JĂ€hrige im Jahr kurz nach ihrem Geburtstag verhaftet. Sie wurden oft monatelang verfolgt, bevor sie inhaftiert wurden. In zwei FĂ€llen hatten die Kinder ĂŒber Schießereien in der Schule diskutiert. Der Fall von Kansk unterscheidet sich von denjenigen, die sich fĂŒr Schulschießereien interessieren, da er mit politischem Aktivismus zu tun hat.

Nikitas Mutter glaubt, dass die Verhaftung ihres Sohnes auch auf die Haltung seiner Lehrerin zurĂŒckzufĂŒhren ist. Im Oktober 2019 wurde Nikitas Mutter in die Schule zu einem GesprĂ€ch eingeladen, bei dem ihr gesagt wurde, dass Nikita sich fĂŒr Anarchismus interessiert und eine Fernsehserie ĂŒber den anarchistischen Kosaken Nestor Makhno anschaut. Die Lehrerin erwĂ€hnte, dass „sie vielleicht einen Terroranschlag vorbereiten“ und „wir das unter Kontrolle bringen mĂŒssen.“ Damals hat Nikita ĂŒber die Diskussion nur gelacht.

Auf Antrag der Staatsanwaltschaft schrieb Nikitas Lehrerin, Sofia Polychuk, eine negative persönliche Stellungnahme ĂŒber Nikitas Charakter, die als Grundlage fĂŒr seine Untersuchungshaft verwendet wurde. Die Sozialarbeiterin der Schule hĂ€tte eine positive Charakterisierung ĂŒber Nikita geschrieben, aber sie wurde vom Direktor verboten. Im Untersuchungshaftbeschluss wird zitiert, dass „laut dem Schulleiter Nikita die Schule als feindliche Umgebung betrachtet, er reagiert nicht angemessen auf die Anweisungen seiner Lehrer:innen, entwickelt kein gegenseitiges VerstĂ€ndnis und weigert sich, die Normen und Regeln der Gesellschaft zu befolgen.“ Laut Nikitas Anwalt könnten die Schulmitarbeiter:innen in dem anstehenden Gerichtsverfahren wichtige Zeug:innen auf Seiten der Staatsanwaltschaft sein.

Laut Nikitas Mutter begannen die Konflikte in der Schule etwa ein Jahr vor der Verhaftung. Die Lehrer:innen konnten nicht akzeptieren, dass AchtklĂ€ssler:innen ihre eigene Meinung haben wĂŒrden. Als zum Beispiel einmal ein:e Englischlehrer:in die Klasse fragte, welches das höchste GebĂ€ude der Welt sei, antwortete Nikita, dass es der Burj Khalifa in Dubai sei (was die richtige Antwort ist). Der Lehrer*die Lehrerin akzeptierte die Antwort nicht, Nikita versuchte, seinen Standpunkt zu beweisen, aber der Lehrer:die Lehrerin brachte ihn einfach zum Schweigen.

Die Verhaftung der oppositionellen Galionsfigur Alexei Navalny hat im Ausland viel Aufmerksamkeit erregt, aber es gibt hunderte von politischen Gefangenen in Russland, und sie werden immer jĂŒnger. Auch weniger bekannte politische Gefangene brauchen UnterstĂŒtzung, und derzeit wird eine UnterstĂŒtzungskampagne fĂŒr die Minecraft-Gefangenen von Kansk organisiert.

Die Webseite der UnterstĂŒtzungskampagne kanskdelo.com hat momentan nur Updates auf Russisch, aber in der Zukunft wird es dort auch Materialien auf Englisch geben.

Du kannst Nikita und Denis im GefĂ€ngnis schreiben, aber in der Untersuchungshaft gibt es eine starke Zensur, und es ist besser, offenkundig politische Themen zu vermeiden. Die Briefe mĂŒssen auf Russisch sein, aber mit einem Online-Übersetzer ist es oft möglich, verstĂ€ndliche Übersetzungen zu machen. Falls du den maschinellen Übersetzungen nicht traust, kannst du z.B. Fotos oder Zeichnungen schicken.

Uvarov Nikita Andreevich, 2005 g.r. SIZO-5 ul. Kaytymskaya 122, g. Kansk 663600 Krasnoyarskiy Kray Russland

Mikhaylenko Denis Sergeevich 2005 g.r. SIZO-5 ul. Kaytymskaya 122, g. Kansk 663600 Krasnoyarskiy Kray Russland

Du kannst auch fĂŒr die Gefangenen ĂŒber Paypal von ABC Moskau spenden, abc-msk@riseup.net. Wenn du fĂŒr Nikita und Denis ĂŒber dieses Paypal spenden möchtest, ist es obligatorisch, die Nachricht „for Minecraft case“ anzugeben. Ansonsten ist es unmöglich, den Zweck deiner Spende zu erfahren.

Liste der Gefangenen, die von ABC Moskau in Russland unterstĂŒtzt werden: https://wiki.avtonom.org/en/index.php/Category:Currently_imprisoned_in_Russia


Quelle: avtonom.org

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Quelle: Schwarzerpfeil.de