September 27, 2021
Von Paradox-A
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Lesedauer: 6 Minuten

Eine Diffamierung

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blÀttle.ch

Vorweg erwĂ€hnt werden muss, dass das Gemecker, Gepöbel und klugscheißen in diesem Beitrag fĂŒr sich genommen einige patriarchale Aspekte aufweist. Ein mehr oder weniger intelligenter, kleiner Mann beißt und kratzt einen anderen ebensolchen an. DarĂŒber gilt es zu reflektieren, auch wenn die inhaltlichen Standpunkte und Erfahrungen verschieden sind. Insofern kann mit der Unabgeschlossenheit dieses Textes, nur ein Denkanstoß geliefert werden.

Mit dem LibertĂ€ren Manifest erschien vor mittlerweile 20 Jahren ein schlechtes Buch, um die Theorie des sogenannten „Anarcho-Kapitalismus“, welche Murray Rothbard in den USA der 1970er entwickelte, in den deutschsprachigen Raum zu exportieren. Der Autor Stefan Blankertz offenbart sich darin nicht nur als Protagonist dieser skurrilen Szene, sondern ist auch MitbegrĂŒnder der neu-rechten Zeitschrift eigentĂŒmlich.frei, welche nach eigenen Angaben eine Auflage von ĂŒber 8000 StĂŒck hat.

Formuliert und legitimiert wird darin der Klassenkampf von oben, der mangels fehlender ĂŒberzeugender Argumente, fortwĂ€hrend in einen Hass gegen jeglichen „Egalitarismus“ verfĂ€llt, sowie rassistische und sexistische Abwertungen am laufenden Band vornimmt.

Die VerknĂŒpfung von Marktradikalismus, Rassismus und Antifeminismus geschieht durch den ausgeprĂ€gten Anti-Egalitarismus – welcher wiederum viele AnknĂŒpfungspunkte fĂŒr das Denken der Neuen Rechten, wie es etwa Alain de Benoists formuliert, bietet. Die anti-egalitaristische Ideologie ist konsequenterweise anti-demokratisch. Und in diesem Zusammenhang sind alle ĂŒberzeugten Liberalen (und seien sie bei der FDP) aufzufordern, sich von den hĂ€sslichen AuswĂŒchsen, die an ihre Weltanschauung anknĂŒpfen und sie radikalisieren wollen, zu distanzieren.

Diese Notwendigkeit zeigte sich bei den Konferenzen der ultra-liberalen „Students for Liberty“, die 2017 und 2018, die in den RĂ€umen der Friedrich-Schiller-UniversitĂ€t Jena stattgefunden hatten. Dort wurde sich nicht gescheut, gegen den angeblichen KonformitĂ€tszwang der vermeintlichen „political correctness“ zu wettern und neurechte Netzwerker wie Rainer Zitelmann einzuladen – dies selbstverstĂ€ndlich alles unter dem Label der „Meinungsfreiheit“, dessen sich auch Faschisten, Antisemiten und Antifeministen in den USA ausgiebig bedienen.

Derartige „alternative“ Meinungen verbreitet beispielsweise auch das Klimaleugnungs-Institut EIKE, dass nur dafĂŒr gegrĂŒndet wurde, Desinformationen zu produzieren und mĂ€chtigen Unternehmen fĂŒr eine Weile des RĂŒcken vor unweigerlich anstehenden staatlichen Strukturreformen freizuhalten. Der Keim fĂŒr diese unsĂ€glichen AuswĂŒchse ist allerdings bereits vorher, etwa bei den „Hayek-Clubs“ zu verorten.

Zweifellos wurde der „Anarcho-Kapitalismus“ in der BRD mit dem Agieren Blankertz‘ verbreitet, stĂ¶ĂŸt in ihr jedoch auf einen weit verbreiteten Glauben an den Staat, der fĂ€lschlicherweise als Gegenmodell zu einem idealisierten, vermeintlich „freien“ Markt kritisiert wird. Deswegen von „Sozialismus“ zu sprechen, ist allerdings ein ungeheurer Fehlgriff in die Kiste der ideologischen Kampfbegriffe. Dennoch zieht die ErzĂ€hlung, dass „die GrĂŒnen alles verbieten“ wollen wĂŒrden: Das schnelle Autofahren und das billige Öl, die Zigaretten, die Witze ĂŒber AuslĂ€nder und Frauen, die billigen Putzfrauen, KindermĂ€dchen und Krankenschwestern aus dem Ausland, das subventionierte schlechte Essen der Lebensmittelindustrie, das Koksen, die Zwangsprostitution, das Anheben der Mietpreise – eben alles, was Spaß macht.

Die Welt der „Anarcho-Kapitalisten“ ist eine, in welcher privilegierte weisse MĂ€nner, sich unverblĂŒmt nehmen können, was ihnen gefĂ€llt: Arbeitskraft und von anderen produzierter Reichtum, Ruhm und Statussymbole, sexuelle Dienstleistungen und die ErfĂŒllung ihrer grĂ¶ĂŸenwahnsinnigen WĂŒnsche. Auf unvermeidlichen gesellschaftlichen Transformationsbedarf reagieren sie damit, Utopien von Privat-StĂ€dten, kĂŒnstlichen schwimmenden Inseln, Krypto-WĂ€hrungen und sonstigen Kram fĂŒr Bonzen, zu konzipieren
. Warum also einen Beitrag ĂŒber ein 20 Jahre altes, theoretisch schwaches Buch schreiben, mit welchem zwar das Niveau seiner AnhĂ€nger erreicht wird, aber sonst nicht groß etwas erreicht wird?

Nun, traurig im Fall von Blankertz ist, dass er ursprĂŒnglich vom Anarchismus kam, bevor er einen kaum bedienten Marktplatz fand. Auf diesem haben aggressive Kapitalist*innen, die sich als Opfer darstellen, eine Nachfrage an primitiven und billigen Ideologien, die Blankertz mit seiner Erfindungsgabe bedienen konnte. Man kann es nicht anders sagen: Blankertz hat sich einen eigenen Absatzmarkt fĂŒr seine wirren GedankengĂ€nge erschlossen unter Leuten, die behaupten, in der Lohnhöhe spiegele sich wirklich die Leistung eines Menschen und dementsprechend auch seinen Wert, wider – Wenn da nicht die bösen Steuern wĂ€ren.

Bedauerlicherweise bedient sich der Autor des Manifests des gekrĂ€nkten Mannes am Denken von Anarchisten, wie Kropotkin, Landauer, Rocker und Paul Goodman, deren Grundannahmen er sĂ€mtlich missversteht und gezielt falsch interpretiert. Auch Anthropologen wie Christian Sigrist oder Pierre Clastres werden fĂŒr die Erarbeitung seiner Weltanschauung mit Neoliberalen wie Milton Friedman oder Friedrich August von Hayek in einen Topf geworfen. Und das ist Ă€rgerlich, weil es eine eindeutige ideologische Konstruktion darstellt. Sie ist billig, schlecht und in vielerlei Hinsicht falsch, weil mit ihr die Ideologie der bĂŒrgerlichen, staatlich-kapitalistischen Gesellschaft nicht begriffen und offengelegt, sondern diese gezielt verwirrt und verschleiert wird.

Blankertz ist nicht dumm, sondern ein manipulativer Falschspieler. So geht er etwa davon aus, wirtschaftliche Beziehungen seien eigentlich „frei“ und bildeten auch die Grundlage von Gesellschaftlichkeit. Staatliche Vorgaben, Steuern, Konkurrenz-bremsende Gleichheitsforderungen, die Forderung verschiedener sozialer Gruppen nach einem gerechten Anteil am von ihnen produzierten Reichtum, sowie Moralismus, wĂŒrden diese „Freiheit“ der MĂ€rkte angeblich einschrĂ€nken.

Das ist eigentĂŒmlich idiotisch. Worauf die damit verbundenen Vorstellungen hinaus laufen, ist Folgendes: Proletarisierte Klassen sollen ungezĂŒgelt, ohne jeden Ausgleich, ausgebeutet werden, öffentliche GĂŒter und Dienstleistungen sollen sĂ€mtlich privatisiert werden. Der Eigentumsschutz wird durch private Milizen vorgenommen, die Rechtsprechung durch PrivatanwĂ€lte geregelt, die sich gegenseitig bekriegen. So etwas wie ein freies Mittagsessen gibt es in dieser Welt, in der alles zur Ware gemacht wird, schon gar nicht.

Soziologische, historische, ideengeschichtliche, ja selbst ökonomische, falsche Grundannahmen werden in der Szene der „Anarcho-Kapitalisten“ fortlaufend reproduziert. So wird etwa behauptet, ursprĂŒnglich „freie“ (und dadurch auch implizit vermeintlich moralisch „gute“) MĂ€rkte wĂ€ren erst durch Staaten korrumpiert worden, anstatt zu begreifen, dass MĂ€rkte, Geldform und Finanzwesen von Staat oktroyiert wurden, um effektivere KriegsfĂŒhrung zu ermöglichen, grĂ¶ĂŸere Reiche beherrschen und Metalle ausbeuten zu können.

Durch die Vermarktlichung und die Geldform wurden Menschen ĂŒber Jahrhunderte vom Handel abhĂ€ngig und verloren ihre Subsistenzgrundlagen. „Den“ Markt umgekehrt als „böse“ oder „schlecht“ darzustellen, wĂ€re genau so ahistorisch und verkĂŒrzt wie die Argumentation der „Anarcho-Kapitalisten“. Anzunehmen, er wĂ€re „neutral“ und von Staat (und auch Patriarchat) unabhĂ€ngig, ist es aber ebenso.

Da dies keine Rezension ist, gehe ich nicht auf den inhaltlichen Argumentationsgang im Manifest des gekrĂ€nkten Mannes ein. Diese könnte an anderer Stelle geschehen, erspare ich mir hier aber. Entweder die Lesenden werfen selbst einen Blick in das online digital verfĂŒgbare Buch – oder sie lassen es sein, weil sie daraus keinen großen Gewinn ziehen werden. Was aber mag bei Stefan Blankertz los gewesen sein und immer noch los sein, dass er sich als denkender Mensch nicht scheut, solch offensichtlichen Schund zu produzieren?

Da mag erstens der erwĂ€hnte Aspekt seines Absatzmarktes eine Rolle gespielt haben. Jede Theoretiker:in, die sich aus Interesse marginalen Themen widmet, kennt das Problem, das es schwierig ist, diese zu verallgemeinern und ihnen langfristig nachgehen zu können. So hat sich Blankertz die Fraktion einer sozialen Klasse gesucht, welche einen Ideologiebedarf hatte und dabei ĂŒber Vermögen verfĂŒgte. Keine schlechte Strategie.

Zweitens scheint der Autor von einer beißenden „Staatskritik“ getrieben zu sein, die sich so auch in seinen spĂ€teren BeitrĂ€gen wiederfindet – und also ein Grundthema ist, welches ihn beschĂ€ftigt. Der Mensch wird nicht gern bevormundet und gegĂ€ngelt, das ist klar. Statt „unter sich keine Sklaven [zu] haben und ĂŒber sich keine Herrn“, wie es im Einheitsfrontlied mit dem Text von Bertold Brecht heißt, beschloss Blankertz offenbar den umgekehrten Weg einzuschlagen. Statt sich weiter die linken Jammerchor anzuhören, biederte er sich als Hofnarr der ökonomisch Siegreichen mit Minderwertigkeitskomplexen an.

Dies fĂŒhrt zum dritten Punkt, der meiner Wahrnehmung nach fĂŒr Blankertz, wie fĂŒr fĂŒr seine Kunden, ausschlaggebend gewesen sein muss, diesen völligen Quark von „Anarcho-Kapitalismus“ zu erfinden und zu kaufen. Hinter der reflexhaften Abwehr des angeblich alles durchdringenden „Egalitarismus“ verbirgt sich letztendlich eine unbearbeitete mĂ€nnliche KrĂ€nkung, welche sich gegen SchwĂ€chere und Andere richtet. Als Autor dieser Zeilen kenne ich dieses Problem leider selbst.

So lĂ€sst sich beispielsweise auch fragen, warum ich diesen Text auf diese Weise formuliere und ĂŒberhaupt meine, veröffentlichen zu mĂŒssen. Da will ich „meinen“ Anarchismus vor seiner ideologischen VerfĂ€lschung bewahren und deutlich machen, dass der sogenannte „Anarcho-Kapitalismus“ nichts mit dem Anarchismus zu tun hat. Doch es geht um mehr: Nicht mal bei Benjamin Tucker liessen sich direkte AnknĂŒpfungspunkte fĂŒr die AnKaps finden. Jener ist zwar fĂŒr regionale freie MĂ€rkte, ganz im Gegenteil zum Marktradikalismus aber ebenfalls fĂŒr Genossenschaften und Kollektivbetriebe, eingetreten.

Mit meiner Ansicht, Blankertz ganze Schrift in theoretischer Hinsicht nicht das Papier wert ist, auf das sie gedruckt wurde, habe ich recht und könnte mir die MĂŒhe machen, sie detailliert zu begrĂŒnden – was eine Frage von verfĂŒgbaren KapazitĂ€ten und Zeit ist.

Doch letztendlich Ă€ndert dies nichts an seiner hintergrĂŒndigen Motivation daran, so ein „Manifest“ zu verfassen und das Wort „libertĂ€r“ zu reklamieren, um verwirrte Geister in den eigenen ideologisch-politischen, neoliberal-aggressiven Sumpf hinein zu ziehen. Da ich Blankertz nicht kenne und also nur indirekt – auf der Ebene der ideologischen Auseinandersetzung – blöderweise mit ihm verstrickt bin, spare ich mir die Spekulation ĂŒber persönliche BeweggrĂŒnde, die hier auch nichts zur Sache beitragen.

Diese braucht es auch nicht, denn eine große Zahl von MĂ€nnern in der patriarchalen Gegenwartsgesellschaft kennt sie und hatte an verschiedenen Punkten in seinem Leben Gelegenheit, sich damit lösungsorientiert zu beschĂ€ftigen – was allerdings zweifellos zunĂ€chst nervig und anstrengend ist.

TatsĂ€chlich sind die Möglichkeiten und Chancen zur Reflexion ĂŒber die eigene GeschlechtsidentitĂ€t, die damit verbundenen Rollenerwartungen und EnttĂ€uschungserfahrungen, in verschiedenen Milieus sehr unterschiedlich ausgeprĂ€gt.

Umso mehr könnte eigentlich angenommen werden, dass ökonomisch privilegierte Gruppen dafĂŒr eine weit bessere Grundlage haben, als etwa jene Menschen, denen sie ihre Leistungsideologie, Überstunden und Entlassungsdrohungen aufdrĂŒcken. Dass dies nicht der Fall zu sein scheint, verdeutlicht einmal mehr, dass die allermeisten Menschen an Kapitalismus, Staat und Patriarchat leiden. Tragisch ist nicht dies, sondern das jene, die es besser wĂŒssten und könnten, diese HerrschaftsverhĂ€ltnisse noch affirmieren. Sie sind der ausgesprochene, miss-gestaltete, Klassenfeind.

Jonathan Eibisch




Quelle: Paradox-a.de