November 29, 2022
Von Autonomie Magazin
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Die erste Stunde der Klasse 10a beginnt mit Gemeinschaftskunde. Lehrer Thomas Lemper setzt langweiligerweise das Thema der letzten Stunde fort: die deutsche Verfassung. Für ihn gibt es keine Parolen an der Schulwand. Aber für Stefan.

„Ich halte es aus gegebenem Anlass für notwendig, über die Schmierereien an unserer Schule zu reden.“

Lemper schaut ihn genervt an: „Was hat das bitte mit meinem Unterricht zu tun?“

„Wir sollen doch mündige Bürger werden. Also sollten wir darüber sprechen, wie man solche Schmierereien in Zukunft verhindert. Und vielleicht dafür sorgen, dass sie verschwinden“, antwortet Stefan ruhig.

Er bekommt spontane Unterstützung von Vera: „Ich finde, Stefan hat recht. Es ist ein Skandal, dass die Parolen dort überhaupt noch stehen. Der Hausmeister hätte sie längst entfernen müssen. Sie sind eine Beleidigung für unsere ausländischen Mitschüler und Mitschülerinnen.“

„Was hat denn die Schule mit den Parolen zu tun?“ Lemper ist gereizt.

„Stimmt, sie stehen ja nur auf der Schulwand …“, ruft jemand dazwischen.

„Die Schule macht sie nicht weg. Sie lässt sie stehen. Unsere Schule fördert somit also die Verbreitung von Nazi-Ideen.“ Vera ist in ihrem Element.

„Was? Die Schule fördert Nazi-Ideen? Nur weil die Schule die Parolen nicht sofort übermalt? Das ist doch eine unglaubliche Frechheit!“ Lemper ist erschüttert.

„Wer nichts dagegen tut, macht mit“, tönt es von hinten.

„Ja, genau. Wie sehen Sie das denn, wenn die Parolen da stehen bleiben?“ Ein weiterer Ruf aus der Klasse. „Das ist doch Unterstützung!“

Jetzt wird es inhaltlich, denkt Lemper. Ich muss wieder formal argumentieren, muss etwas von Lerninhalten erzählen und mich auf die Vorschriften berufen. Ich darf keinesfalls auf die Argumente der Schüler eingehen. Ich muss den Unterrichtsstoff durchziehen. Ich habe keine Lust auf Diskussion. Diskutieren kostet nur Zeit. Das muss ich den Schülern sagen. Aber auch wenn die Zeit da wäre, so eine Debatte will ich nicht! Ist mir doch egal, wann die Parolen wegkommen.

Doch er sagt nichts und gerät so in die Defensive. Vera übernimmt die argumentative Führung.

„Ich möchte keine Mittäterin sein, indem ich die Naziparolen akzeptiere. Ich schlage vor, zum Direktor zu gehen. Wir können ihn fragen, wann der Hausmeister die Sauerei übermalt. Tut er das nicht umgehend, mache ich es heute Mittag selbst.“

Veras Idee stimmt ein Großteil der Klasse zu. Einzelne klopfen auf ihre Tische.

Lemper ruft dazwischen: „Ihr könnt gerne in der Pause zum Direktor gehen, aber ich wüsste nicht, was die Schulbemalung mit meinem Unterricht zu tun hat. Wir fahren jetzt im Stoff fort und ich möchte das Thema hiermit beenden. Regelt das nach der Stunde.“

Lemper schaut in die Runde. Unmut schlägt ihm entgegen. Er hat die Kontrolle wieder an sich gerissen.

Ich will mit diesen Dingen nichts zu tun haben. Erstens interessiert es mich wirklich nicht, wer wann was an die Schulwände schmiert. Und zweitens wird die Sache sowieso noch ausführlich von den Kollegen im Lehrerzimmer breitgetreten. Jedes zusätzliche Wort mit meinen Schülern ist insofern überflüssig. Ich will nur meinen Unterricht machen und die Schüler zum Klassenziel führen. Außer denen natürlich, die die erforderlichen Leistungen nicht bringen. Das ist ja klar. Keine Leistung, kein Abi! Logisch. Wir leben ja schließlich in einer Leistungsgesellschaft, wo man sich Titel und Anerkennung verdienen muss!

Thomas Lemper ist ein Typ, der sich in seiner Freizeit mit Reitpferden beschäftigt und Automodelle von vor 1950 sammelt. Vor 1950! Das ist wichtig. Einmal die Woche geht er in die VHS zum Gymnastikkurs mit Pilates. Dort ist er der einzige Mann. Keinem anderen Geschlechtsgenossen ist es in den letzten drei Jahren in den Sinn gekommen, diesen Kurs zu buchen. Lemper glaubt, den Grund zu kennen: Es ist nämlich schon ein Fortgeschrittenenkurs! So weit schaffen es seiner Meinung nach andere Männer nicht! Zwar gibt es auch in den Pilates-Anfänger-Kursen keine Männer, aber Fakten bringen ihn nicht von seiner Meinung ab. Auch die Frauen empfinden ihn nicht als Fremdkörper. Nie sprach je eine mit ihm. Lemper ist so konturenlos, dass keine der Anwesenden ihn bisher scheinbar überhaupt als Lebewesen wahrnahm …

Lehrer Lemper lebt daheim in seinem Jugendzimmer. Er trägt helle Pullunder, beigefarbene Bundfaltenhosen und Wildlederslipper. Seine Mutter fragt „ihren Thomas“ schon seit seinem 28. Lebensjahr nicht mehr, wann er denn nun mal auszieht. Auch die Hoffnung auf Enkel hat sie längst begraben. Sie glaubt, dass ihr Sohn „von der anderen Seite“ ist. Doch sie irrt. Thomas Lemper ist nicht schwul. Er ist irgendwie gar nichts. Er ist im Grunde zu faul für jede Entscheidung. Er liebt die Vollpension im „Hotel Mama“ und seine Modellautosammlung mit Fahrzeugen von vor 1950!

Lemper lebt in einem emotionalen Vakuum, das er ängstlich gegen alles verteidigt, was das fragile Gebilde seines Daseins, dieses belastungsfreie Schweben im Nichts, bedrohen könnte. Und wer Angst hat, denkt eher rechts. So wie Lemper. Seine Werte sind: Ordnung, Sauberkeit, Struktur. Quadratisch, praktisch, gut. Hätte er Mut, er wäre bei den Coronaleugnern mitgelaufen.

Gerade will er sich hinsetzen und damit die Debatte beenden, als Vera aufsteht. Das Mädchen ist keine gute Schülerin und die Schule hängt ihr zum Hals heraus. Sie trägt Jeans, ein einfarbiges Sweatshirt und hat ihre braunen Haare zu einem Zopf gebunden.

„Ich werde nicht auf das Ende der Stunde warten. Diese Schmierereien gehen uns alle an. Jede Minute, die sie dort stehen und so braunes Gift verspritzen, ist eine Beleidigung für unsere Mitschüler und Mitschülerinnen ohne deutschen Pass. Ich will deshalb was machen. Ich werde jetzt zum Direktor gehen. Wer meiner Meinung ist, soll mitkommen“, sagt sie aufgebracht.

Lemper verharrt in seiner nicht sitzenden und nicht stehenden Position. Wieder ist er unentschieden. Vera ist dickköpfig, aber nicht dumm. Viele aus der Klasse mögen sie wegen ihrer klaren Art nicht. Sie sagt, was sie denkt. Und so ist sie auch. „You get what you see!“

Lemper sieht ein Problem auf sich zukommen.

Wenn die zum Direktor gehen, werde ich als Nächster dort stehen und muss mich rechtfertigen. Davor hat Lemper Angst. „Vera, du wirst diesen Raum nicht ohne meine Erlaubnis verlassen!“

Er weiß nicht, warum er diesen sinnlosen Satz sagt. Denn wie soll er sie daran hindern? Er kann sie nicht aufhalten. Aber er will sich gegen den rollenden Stein stemmen, bevor er eine Lawine auslöst. In seinem Inneren ahnt Thomas Lemper bereits, dass er verloren hat.

Vera grinst. „Ich danke Ihnen für die Unterstützung und nehme Ihre Erlaubnis wohlwollend zur Kenntnis. Es erfreut mich, dass sie als Gemeinschaftskundelehrer Verantwortung bei diesem ernsten Thema übernehmen.“

Lemper ist sich seiner schwachen Position bewusst.

Noch besteht Hoffnung. Ich muss die Katastrophe aufhalten. Vera ist erst der Anfang.

Er wirft sich wie ein Verzweifelter gegen den beginnenden Erdrutsch. Aus seiner Nicht-sitzend-und-nicht-stehend-Position erhebt er sich in den Stand. Immerhin eine Entscheidung. Die körperliche Überhöhung soll Autorität ausdrücken. So hofft er. Doch sein Repertoire ist überschaubar. Und dann tut er das, was ihm nicht einmal der schlechteste Coach für so einem Moment raten würde: Er droht.

„Vera, wag Dich! Das wird Konsequenzen haben. Ich werde den Direktor informieren.“

„Kein Problem. Da will ich ja auch hin. Kommen Sie doch einfach gleich mit.“

„Was?“

Sie lächelt ihn an.

„Und? Kommen Sie mit?“

„Was? Nein! Du bleibst hier!“

„Ach ja? Und wer will mich dazu zwingen?“

Marc beobachtet die eskalierende Szene.

Vera, du bist verrückt! Lemper wird dir dafür irgendwann eine reinwürgen. Das weißt du. Deine Leistungen sind zwar hier okay, aber Lemper wird dich fertig machen … Aber dir ist das scheißegal. Wenn du was richtig findest, dann ziehst du das durch. Ohne Rücksicht auf Nachteile. Für die Gerechtigkeit tust du alles! Du bist echt irre, Vera! Aber weißt du was? Genau deshalb finde ich dich interessant. Du bist anders als die anderen Mädchen. Irgendwie einfach mutiger. Oder durchgeknallter. Oder beides.

„Vera, das geht nicht!“ Lemper gibt nicht auf. Marc sieht die Eskalation im Klassenraum vor sich, aber sein Herz macht einen Ausflug.

Seit ein paar Monaten habe ich so ein Gefühl zu dir im Bauch. Deine braunen Augen gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Deine Stimme taucht überraschend in meinem Kopf auf. Wenn ich über den Hausaufgaben sitze, dann erscheint plötzlich dein lachendes Gesicht vor mir. Irgendwie bist du seit geraumer Zeit immer um mich. Zumindest fühlt es sich so an. Vor dem Einschlafen verschränke ich manchmal die Arme hinter dem Kopf und flüstere dir zu: „Jetzt erzähle ich dir was von meinem Tag.“ Manchmal gebe ich dir sogar einen Gute-Nacht-Kuss.

Und jetzt stehst du da und stapfst erhobenen Hauptes zur Tür. Ich weiß, dass du das durchziehst. Auch alleine. Du wirst die ganze Schule rebellisch machen wegen der Parolen. Und deine Mutter steht hinter dir. Immer. Das hast du mir mal erzählt. Irgendwie bist du unglaublich faszinierend.

Marc erhebt sich. Während Lemper herumtobt, mit einer Fehlstunde und einem Eintrag ins Klassenbuch droht und am liebsten die Tür zugehalten hätte, erscheint Marc neben Vera. „Ich begleite dich. Wenn wir nicht mal was gegen Naziparolen tun, werden wir auch niemals was gegen Nazis machen!“

Vera wirft ihm ein Lächeln zu. Es ist das schönste Lächeln, das Marc je bekommen hat. Er ist glücklich. Dieses Lächeln wird er nie vergessen. Wie durch ein Milchglas sieht er Vera vor sich. Den tobenden Lehrertrottel hat er vergessen, seine Worte verhallen wattegedämpft im Nichts. Für Marc gibt es nur noch Vera.

Plötzlich zerreißt sie seinen Trancezustand. „Okay Marc, lass uns gehen!“

Dann taucht Stefan neben ihm auf. Damit hat Marc gerechnet. Er hat es sogar erwartet. Stefan ist immer da, wenn er ihn braucht. Ein echter bester Freund.

Marlene aus der dritten Reihe zögert kurz, gibt sich dann aber ebenfalls einen Ruck. Entschlossen durchschreitet sie die Tür. Auch Petra und Elena erscheinen auf dem Flur.

Zurück bleibt ein zornesroter und kochender Lehrer Lemper. Die tödliche Lawine donnert unkontrolliert ins Tal. Er hat verloren




Quelle: Autonomie-magazin.org