Januar 11, 2022
Von Autonomie Magazin
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Von: Swissfenian

Am 1. MĂ€rz 1981 begann Bobby Sands, als erster einer Reihe inhaftierter republikanischer Gefangener, einen Hungerstreik in den berĂŒhmten H-Blocks. Das Maze Prison, so der offizielle Name, bildete fĂŒr die republikanische Bewegung sowohl eine Lebensschule als auch ein immer wiederkehrender Ort, um die Massen zu mobilisieren und rekrutieren.

Die Reihe „40 Jahre irisch-republikanischer Hungerstreik“ erzĂ€hlt die Geschichte des Hungerstreiks, mit all seinen Vorbedingungen in der ruhelosen Geschichte des irischen Befreiungskampfes.


Der Ausbruch der Troubles leitete die Spaltung der republikanischen Bewegung und damit auch der IRA ein. Bereits kurz nach den heftigen Unruhen, welche den Norden ĂŒberschatteten, versammelten sich in Belfast am 24. August wichtige Persönlichkeiten zu einem geheimen Treffen. Am Treffen nahmen mehrheitlich Traditionalisten und verdiente Veteranen der republikanischen Bewegung teil. Unter ihnen befanden sich auch Aktivisten, welche heute Legendenstatus genießen. Dabei sei insbesondere Billy McKee erwĂ€hnt, der noch in seinen spĂ€ten 90ern den bewaffneten Kampf befĂŒrwortete und noch heute fĂŒr seine kompromisslose Haltung in den unterschiedlichsten Kreisen geschĂ€tzt wird. Weitere bekannte Teilnehmer waren unter anderem Joe Cahill, Seamus Twomey, Daithi O’Connell und Jimmy Drumm. Dieser Personenkreis einte die Ablehnung gegenĂŒber dem bisherigen FĂŒhrungsstil der IRA, sowohl in Belfast, als auch in seiner Gesamtheit durch die FĂŒhrungskader aus dem SĂŒden.

Zwei Frauen der Provisional IRA auf Patrouille

Daher wurde entschieden, die Kommandoebene aus Belfast mit der Kritik handfest zu konfrontieren. Dies fĂŒhrte zu einer Teilung innerhalb der IRA Kommandoebene im Norden Irlands, welche zum damaligen Zeitpunkt mehrheitlich in Belfast stationiert war. Die FĂŒhrung aus dem SĂŒden Irlands ĂŒbersah die Konflikte im Norden relativ gekonnt und arbeitete weiter an ihrem weitgehend ausschließlich politischen Programm. Dabei wurde auch der Vorschlag unterbreitet, die bisherige Politik, gewĂ€hlte Mandate nicht wahr zu nehmen, aufzugeben. Dieser geplante Bruch mit der bisherigen Tradition beschleunigte die Trennung zusĂ€tzlich. Innerhalb der höchsten IRA-FĂŒhrungsebene löste dieser Vorschlag die endgĂŒltige Trennung der beiden Fraktionen aus. Am 18. Dezember 1969 wurde innerhalb dieser Kritiker*innen eine neue Armee-Struktur aufgebaut und gewĂ€hlt. Dabei wurde SĂ©an MacStiofĂĄin als Stabschef der neuen IRA-FĂŒhrung gewĂ€hlt. Der politische Arm in Form der Partei Sinn FĂ©in folgte diesem Schritt im Januar. Fortan existierten zwei bewaffnete Organisationen, nĂ€mlich die Official IRA und die Provisional IRA.

Official IRA, auch mit sozialen Forderungen.

Die Trennung zur Zeit des Ausbruchs des Konflikts hatte sich schon lĂ€nger abgezeichnet. Ihre Ursache lag tief verwurzelt. In zahlreichen Publikationen ĂŒber die Teilung der IRA gehen die Traditionalisten rund um die Provisional IRA sehr rasch und deutlich als Sieger aus der Spaltung hervor. Dies auch aufgrund der Deutungshoheit einzelner PIRA-Kader, die sie mittels Autobiografien usw erlangten. Das Narrativ der einzigen, kĂ€mpfenden Gruppe wurde schon seit der GrĂŒndung bemĂŒht und bis zum „Ende“ der RivalitĂ€t weiter bedient.

Der Split innerhalb der Bewegung konnte den aufkommenden Widerstand jedoch nicht bremsen. Im Gegenteil die Jahre nach dem Ausbruch der Troubles bis 1973 waren die ereignisreichsten in den gesamten 40 Jahren des Konflikts. Nur schon ein Blick auf das in Belfast sehr bekannte „The Troubles Magazin“, ein empfehlenswertes Heft(chen), das von lokalen, historisch Interessierten Personen herausgebracht wird, spricht (wort)wörtlich BĂ€nde. Die Publikation sammelte mittels Zeitungsberichten und anderen Quellen alle Ereignisse der Troubles fĂŒr die einzelnen Jahre. Die Jahre 70-72 brachte die breiteste Dichte an Ereignissen zu Tage. Das blutigste Jahr 1972 kommt sogar mit einem Heft pro Monat daher. Auf einer Seite finden sich beispielsweise im Jahr 1970 folgende Meldungen: So gewann die BĂŒrgerrechtlerin Bernadette Devlin als Parlamentsmitglied 1970 die Umfrage vom Sunday Independent zur Frau/Mann des Jahres Irlands. Gefolgt von Riot Meldungen in Derry am selben Tag. Aber auch SĂ©an MacStiofĂĄin darf sich am 12. Januar soweit Ă€ußern, dass die Trennung von Sinn FĂ©in die AktionsfĂ€higkeit der IRA nicht betreffen wĂŒrde. Und auch hier findet sich das Narrativ zur Trennung. Die IRA-Leute aus dem Norden seien sauer gewesen, dass die FĂŒhrung aus dem SĂŒden keine Waffen zur Verteidigung liefern konnte. Und sogleich folgen dann die Meldungen ĂŒber Waffenraube und Versuche ebensolcher. Die Dichte an Kurzmeldungen in kĂŒrzester Zeit ist bemerkenswert.1 Brian Hanley und Scott Millar erwĂ€hnen in ihrem lesenswerten Buch ĂŒber die Offical IRA und die Workers Party, dass die Legende von IRA= „I Ran Away“ nach dem Beginn der Troubles einzig und allein aus Joe Cahills Mund und Schriften kam. Es hĂ€tten sich keine Bilder oder Zeugen eines solchen Spruches auf WĂ€nden in Belfast gefunden. Diese These ist schwierig zu widerlegen und gehört wohl zur Rubrik: Die Geschichte wird immer von den Siegern geschrieben.

The Troubles, Juli 1972

Der Beginn der 70er Jahre bringt einen rasanten Wechsel der Politik mit sich. Die republikanische Seite versuchte auch in Form der Provos zu Anbeginn nur eine Defensive Haltung einzunehmen. Die britischen Soldaten, welche ab 1969 im Norden stationiert wurden, waren zu Anfangszeiten keine Feinde. Im Gegenteil, die Bevölkerung in den katholischen Ghettos sahen die Soldaten als BeschĂŒtzer der Viertel an. Soldaten wurden mit Tee und Biskuits hofiert und die IRA hĂŒtete sich davor die wenigen Waffen auf sie zu richten. Im Hintergrund wurden Wege und Möglichkeiten gesucht das Arsenal an Waffen möglichst schnell und effektiv aufzustocken. Dies gelang, insbesondere auch durch traditionell gute Verbindungen in die USA. Durch diese Kontakte wurden zu Beginn der PIRA diverse Waffen nach Irland geschmuggelt. Die lĂ€ndlichen IRA-Einheiten verhielten sich, im Gegensatz zu den stĂ€dtischen Pendants, weniger klar nach Linie. Die lĂ€ndlichen Einheiten orientierten sich hĂ€ufig an der bestmöglichen Waffenquelle. Doch auch hier sollte sich, wenn auch teils deutlich spĂ€ter, eine klare Dominanz der Provos durchsetzen.

Joe Cahill beschreibt die AnfĂ€nge der Provos so: „Defence was the main reasons fort he Army’s existence at the time and there was little obvious evidence of an offensive against the British. Soon, however, some provoactive operations were carried out by the IRA, although it was not generally known that they were carried out by republicans.“

Die Urheberschaft dieser Aktionen wĂ€re den meisten der IRA-Freiwilligen und der Öffentlichkeit unbekannt geblieben, wĂ€re Michael Kane (New Lodge) nicht an einer vorzeitigen Bombenexplosion verstorben. Kane wird allgemein als der erste IRA-Volunteer welcher im aktiven Dienst getötet wurde angesehen.

Cahill erwÀhnte in seiner Autobiographie PlÀne von Waffenlieferungen konservativer irischer Politiker*innen an die IRA. Diese aber nur in klarer Abgrenzung zur marxistischen Official IRA. Zu diesen kam es jedoch nie und noch heute schÀmen sich Parteinachkommen aufgrund solcher PlÀne.

Innerhalb kĂŒrzester Zeit entwickelte sich der Norden Irlands von einer Konflikt- zu einer Kriegszone. Bereits im April 1970 kamen die berĂŒhmten Armalite Sturmgewehre (AR15 und AR18) aus der USA in Irland an. Auch hier wurde auf die UnterstĂŒtzung alter Veteranen zurĂŒckgegriffen So beteiligten sich IRA-Volunteers aus den 20er Jahren wie z.B. Michael Flannery, Jack Magowan und Jack McCarthy an der Organisation und Planung dieser Schmuggelaktionen. Im Norden Irlands wurden zur gleichen Zeit strengere AnkĂŒndigungsvorschriften fĂŒr Demonstrationen und MĂ€rsche verordnet. Diese konnten weder unionistische Paraden noch Riots in Armagh, Derry oder Lurgan verhindern. In Belfast kam es nach dreitĂ€gigen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten zu den ersten Angriffen auf britische Soldaten. Nationalisten aus West-Belfast griffen die Soldaten mit Molotowcocktails an. Die Soldaten antworten mit CS-Gas. Innerhalb der Provos kam es zu intensiven Debatten ĂŒber die Mittel und die Ziele möglicher Angriffe. Billy McKee war der Meinung die britischen Soldaten mĂŒssten direkt mit Waffen angegriffen werden. Andere Provos konnten ihn zu diesem Zeitpunkt noch stoppen. Fra McCann, heute Sinn FĂ©in Abgeordneter im Westen von Belfast beschrieb die Situation folgendermassen:

„A lot of people were under the fals impression, and the Church played a big part in it, saying that the British were in to protect the nationalists. But if anybody looks back on it now, the British were here to uphold the state that they had imposed on the nationalist population. The RUC were stretched to the full limit. They were almost near breaking point. And if it went on any longer, the whole thing would have collapsed. So the British cam over to prop up that state.“

Diese Beschreibung folgt sicherlich einer gewissen politischen Erfahrung und Einstellung. Eine weitere, unabhĂ€ngigere Quelle Ă€usserste sich folgendermaßen:

„
It was an interesting situation because we had been at war with the police. That’s what it came down to. And then these guys arrived and suddenly the cops are pulled right out of it and not allowed to do anything unless they’re accompanied by the Brits and whoever else in charge. We had seemed to win a victory, and the Brits saying we’re in this.“

Die zweite Beschreibung endet in einer nĂŒchternen ErklĂ€rung, wieso die Person nach dem weiteren Handeln der Briten, der IRA beitritt. GemĂ€ss eigenen Aussagen diverser FĂŒhrungspersönlichkeiten, treten junge Menschen in Massen der IRA bei. Damals können noch beide Fraktionen von diesem Zulauf profitieren. Dies sollte sich in Zukunft jedoch Ă€ndern. In den grösseren StĂ€dten existierten in der Regel jeweils zwei Fraktionen der IRA und von Sinn FĂ©in. In den lĂ€ndlichen Regionen behĂ€lt die Official IRA fĂŒr kurze Zeit die Oberhand, verschwand danach aber praktisch vollstĂ€ndig. Diese Trendwende ergibt sich nicht durch die Trennung einzelner Ortssektionen, sondern durch Fraktionswechsel ganzer Gruppen.

Innerhalb der Provisonal IRA vollzog sich zunehmend ein Wandel. Von defensiven Aktionen sah man zusehends ab und wagte stattdessen den Angriff. Der Paradigmenwechsel wurde durch entsprechende Repressionsaktionen der britischen Armee zunehmend verstĂ€rkt. Insgesamt fielen in diesen Zeiten aber auch viele Zivilisten dem Konflikt zum Opfer. Schon frĂŒh wurde klar, wie sich die britische Armee verhalten wĂŒrde. Nach diversen Riots wurde von der Armee verlautbart, dass Petrol Bombers (Molotowcocktail-Werfer*innen) mit scharfer Munition beschossen werden. Nach Riots zwischen Unionisten/Loyalisten und Republikanern/Nationalisten erfolgte am 3. Juli 1970 ein Einsatz der britischen Truppen in den Lower Falls (West-Belfast). Hierbei kam es zu massiven Riots innerhalb der Gegend. Auf einen Schusswechsel folgte massiver CS-Gas Einsatz durch die Armee. Hierbei wurden im Verlaufe von 36 Stunden 2 Bewohner und ein freier Fotograf erschossen. Ein weiterer Anwohner wurde von einem gepanzerten Fahrzeug ĂŒberfahren. Bei den sogenannten «Falls Curfew» kamen schlussendlich 5 Zivilisten ums Leben. Rund 300 Republikaner*innen werden verhaftet. Frauen aus dem republikanischen Viertel Andersonstown gelingt es schliesslich,die Umlagerung nach drei Tagen zu durchbrechen.

Wandbild in Erinnerung an die Repression in Lower Falls.

Beim oben erwĂ€hnten Vorfall handelt es sich um ein Viertel, in welchem die OIRA traditionell stark verankert war und es teilweise bis heute noch ist. Dass Frauen aus dem traditionell starken PIRA Viertel Andersonstown die Blockade der Viertel beenden, spricht BĂ€nde. Die damaligen Trennlinien sind teilweise noch fliessend. Es hat sich noch keine der beiden Organisationen durchgesetzt. Im Laufe des Jahres zeichnete sich eine Vorherrschaft ab. Weitaus schlimmer, so wurden die Waffen vermehrt auch gegeneinander erhoben. Dabei kam es zu massiven BrĂŒchen innerhalb von Familien, Freunden, Genoss*innen und so weiter. Die dabei gezogenen Trennlinien wurden mehrheitlich sehr konsequent durchgezogen. Dabei spielten die ZugĂ€nge zu neuen Waffen oder auch Waffendepots im Allgemeinen, immer wieder eine wichtige Rolle. Auch kam es zu Angriffen vor Pub’s oder LokalitĂ€ten, welche einer der Parteien zugeschrieben wurde.

Trotz aller Feindseligkeiten gingen die beiden IRA Gruppen aktiv in die Offensive. Diese Offensive wird im nÀchsten Teil erlÀutert.


1Vgl. The Troubles: January – June 1970




Quelle: Autonomie-magazin.org