Februar 28, 2021
Von Autonomie Magazin
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Am 1. MĂ€rz 1981 begann Bobby Sands, als erster einer Reihe inhaftierter republikanischer Gefangener, einen Hungerstreik in den berĂŒhmten H-Blocks. Das Maze Prison, so der offizielle Name, bildete fĂŒr die republikanische Bewegung sowohl eine Lebensschule als auch ein immer wiederkehrender Ort, um die Massen zu mobilisieren und rekrutieren.

Der Hungerstreik von 1981 im Norden Irlands ist der weltweit wohl bekannteste, jedoch bei weitem nicht der einzige. Der Hungerstreik als politisches (Druck-) Mittel wurde in Irland schon frĂŒh angewandt. Die moderne republikanische Bewegung hat diesen auch schon frĂŒh als Mobilisierungsmöglichkeit entdeckt. Bereits vor dem Osteraufstand von 1916 wurde der Hungerstreik von republikanischen aber auch von Suffragetten Aktivisti*innen im Knast angewandt. Welche Mobilisierungseffekte der Hungerstreik fĂŒr die Bewegung haben kann, erfuhren die irischen RevolutionĂ€re bereits kurz nach dem Aufstand von 1916. Die blutige Niederschlagung der Revolution in Verbundenheit mit der Exekution beinahe aller FĂŒhrungspersönlichkeiten sorgte innerhalb der irischen Bevölkerung nachtrĂ€glich fĂŒr grosse Sympathien fĂŒr den Aufstand. Teile der bis dahin eher zurĂŒckhaltende Bevölkerung wandten sich nun gegen die Brit*innen und unterstĂŒtzten die republikanische Bewegung. Daher sollte der zweite Hungerstreik von Thomas Ashe, die Todesstrafe wurde bei ihm in lebenslĂ€ngliche Haft umgewandelt, im Jahr 1917 auch nicht zu einem erneuten Tod eines AnfĂŒhrers der UnabhĂ€ngigkeitsbewegung fĂŒhren. Ashe wurde daher bewusst zwangsernĂ€hrt, um seinen Tod zu vermeiden, tragischerweise fĂŒhrte jedoch genau diese ZwangsernĂ€hrung am 25. September zu seinem Ableben. Seine Beerdigung wurde von 30‘000 Leuten besucht. Der Tod von Ashe fĂŒhrte wiederum zahlreiche Menschen in die Arme(e) der republikanischen Bewegung. Acht Aktivist*innen der politischen Partei der IRA, Sinn Fein (irisch fĂŒr wir Selbst), traten 1919 in einen gemeinsamen Hungerstreik. Sie forderten von den Briten eine Behandlung als Kriegsgefangene. Die GefĂ€ngnisleitung entschied sich in Sorge vor möglichen politischen Konsequenzen zu einer drastischen Massnahme und entliess alle acht Gefangenen. Dieser und andere erfolgreiche Hungerstreiks sorgten fĂŒr die Erkenntnis, dass Forderungen mit dem Hungerstreik als Druckmittel durchaus erreicht werden können. Das Kampfmittel Hungerstreik musste dennoch immer mit den schlimmstmöglichen Konsequenzen verbunden werden. Terence MacSwiney, welcher zum Zeitpunkt seiner Verhaftung immerhin OberbĂŒrgermeister der Stadt Cork war, verstarb 1920 in Brixton am 74. Tag seines Hungerstreiks. Dieser lange Hungerstreik, zusammen mit neun anderen Gefangenen, sorgte weltweit fĂŒr Aufmerksamkeit und Empörung. Die Frage der irischen UnabhĂ€ngigkeit wurde damit weit ĂŒber die gewöhnlichen Adressat*innen zum Thema einer interessierten Weltöffentlichkeit.

Die irische UnabhĂ€ngigkeitsbewegung von 1916 und 1981 sind natĂŒrlich nicht eins zu eins zu vergleichen. Dennoch steht die republikanische Bewegung in der Tradition des Osteraufstandes von 1916 bzw. den AufstĂ€nden davor. Einige Veteran*innen der AnfĂ€nge der IRA waren bei der Reorganisierung zu Beginn der Troubles durchaus aktiv dabei. Der SĂŒden Irlands erlangte seine Freiheit nur durch die bewaffnete Guerilla-Kampagne der IRA in den Jahren 1919 – 1922. Hierbei verwendet der irische Freistaat gerne den Begriff „Old IRA“, also die alte IRA. Dieser wird durchaus Legitimation und Berechtigung zugesprochen, da diese Irland von der englischen Herrschaft befreit hat. Der bewaffnete Kampf gilt dabei als notwendiges Übel und Bluttaten der englischen Besatzer*innen als plausible ErklĂ€rung der militanten Kampagne. Die offizielle Armee des Freistaates verwendet heute noch den irisch-gĂ€lischen Namen der IRA (Oglaigh na hEireann). Nach dem Friedensabkommen mit dem englischen Staat, welches eine Teilung Irland zur Folge hatte, kam es innerhalb der republikanischen Bewegung zu einer Spaltung. Ein Teil der Bewegung akzeptierte, dass sechs Grafschaften in der Provinz Ulster (historisch bestehend aus neun Grafschaften) in der Hand der englischen Krone bleiben sollten. Der andere Teil der Bewegung wollte keine halben Sachen und erst einen Frieden, nachdem sich England von der ganzen Insel abgezogen hĂ€tte. Der BĂŒrgerkrieg endete mit einer Niederlage der Teilungsgegner*innen. Diese wurde von ehemaligen KampfgefĂ€hrt*innen massiv mit Repression ĂŒberzogen. Als berĂŒhmtes Beispiel sei erwĂ€hnt, dass Mary MacSwiney, die Schwester vom oben erwĂ€hnten Terence MacSwiney, aufgrund von Reden gegen das Friedensabkommen, ohne Gerichtsverfahren inhaftiert wurde. Mary begann nach der Inhaftierung einen Hungerstreik gegen die Politik des Freistaates. SolidaritĂ€tskundgebungen von hunderten von Frauen vor dem Knast wurden mit WasserschlĂ€uchen und SchĂŒssen vertrieben. Mary MacSwiney wurde erst freigelassen, nachdem sie bereits die letzte Ölung erhalten hat. Dem Freistaat wĂ€re ein Tod von ihr dann doch zu heikel geworden. Die republikanische Bewegung und die IRA verloren zwar viele UnterstĂŒzter*innen, welche die Teilung akzeptierten, konnten aber auf eine gefestigte Anzahl UnterstĂŒtzer*innen zĂ€hlen . Die Bewegung hatte ihren Massencharakter nach Ende des BĂŒrgerkrieges defintiv verloren, blieb aber in Familien ĂŒber Generationen verankert und gewann auch immer wieder neue Mitglieder aus nicht republikanischen Kreisen. Die IRA blieb auch nach dem BĂŒrgerkrieg existent, auch wenn die Anzahl von Volunteers und UnterstĂŒtzer*innen massiv zurĂŒckging. In den sechs Grafschaften, welche weiterhin zum englischen Königreich gehören sollten, war die Mehrheit der Bevölkerung protestantisch und loyal zur englischen Krone. Diese wurden in vorherigen Jahrhunderten bewusst angesiedelt. England konnte sich nach der Abtrennung der 26 Grafschaften sicher sein, dass die sechs verbliebenen loyal zur Krone stehen wĂŒrden. Die katholische Minderheit, welche im Gegensatz mehrheitlich zu einem vereinten unabhĂ€ngigen Irland tendierte, wurde im Norden als BĂŒrger*innen zweiter Klasse behandelt.

Einheit der “anti-treaty” IRA auf Patrouille wĂ€hrend des BĂŒrgerkriegs, Dublin Graftonstreet, 1922.

Der irische Freistaat brachte im SĂŒden eine gewisse UnabhĂ€ngigkeit von der englischen Krone, ein Ende der Diskriminierung der katholischen Mehrheitsbevölkerung, aber keine wirklichen VerĂ€nderungen in der sozialen Situation fĂŒr die Mehrheit. Es traf ein, wovor James Connolly immer gewarnt hatte;

“If you remove the English Army tomorrow and hoist the green flag over Dublin Castle., unless you set about the organization of the Socialist Republic your efforts will be in vain. England will still rule you. She would rule you through her capitalists, through her landlords, through her financiers, through the whole array of commercial and individualist institutions she has planted in this country and watered with the tears of our mothers and the blood of our martyrs.”

Connolly, einer der Exekutierten von 1916, sah den Kampf fĂŒr ein unabhĂ€ngiges Irland immer auch mit der Änderung der herrschenden VerhĂ€ltnisse vereint. Alles andere wĂŒrde seiner Ansicht nach keine Freiheit fĂŒr die Bevölkerung Irlands bringen. Er sah den Kampf fĂŒr die UnabhĂ€ngigkeit immer mit dem Kampf fĂŒr den Sozialismus gleichauf. Die irische UnabhĂ€ngigkeitsbewegung sieht sich zu Teilen bis heute in seiner Tradition. Innerhalb der Bewegung gab und gibt es aber auch immer konservative, glĂ€ubige katholische und protestantische Mitglieder. Die IRA sollte 50 Jahre nach Connolly auch aufgrund von diesem bunten Mix an Mitgliedern eine folgenschwere Spaltung erleben.

Die Jahre nach dem BĂŒrgerkrieg fĂŒhrten die IRA verstĂ€rkt in Richtung Marxismus und Sozialismus. Die bisherigen konservativen Mitglieder gingen mehrheitlich im Freistaat auf. Die IRA verfĂŒgte ĂŒber einige aktive Mitglieder der Kommunistischen Partei. Im spanischen BĂŒrgerkrieg kĂ€mpften auch viele ehemalige IRA-Mitglieder in einer internationalen Brigade gegen Franco. Dennoch gab es in republikanischen Kreisen auch Stimmen, welche eine Allianz mit den Nazis gegen die Briten vorschlugen. So war auch der damalige IRA-Chef Sean Russel im Jahre 1940 in Deutschland um GesprĂ€che mit den Nazis ĂŒber Waffenlieferungen zu fĂŒhren. Ab 1939 gab es abgesehen davon einige AnschlĂ€ge und Aktionen in England. Doch die IRA und die Republikanische Bewegung verloren in den Jahres des Zweiten Weltkrieges an Relevanz und allgemein an Bedeutung. Im Jahre 1945 wird die IRA sogar einen Waffenstillstand verkĂŒnden. Gefangene bleiben aber dennoch in den GefĂ€ngnissen des Freistaates. Über 1500 Inhaftierte in ganz Britannien waren die Folge der Repression. Dies wirkte auch ĂŒber die folgenden Jahre hinaus. Im Jahre 1949 wird die irische Republik ausgerufen und die Teilung der Insel gefestigt. Der Freistaat ist ab sofort unabhĂ€ngig vom britischen Staat. Der UnabhĂ€ngigkeitskampf ist somit offiziell beendet, dennoch beansprucht die Verfassung den Norden noch fĂŒr sich. Michael Ryan, ein Veteran der IRA seit den 1950-Jahren, beschreibt die Zeit ab 1949 in seinem Buch eindrĂŒcklich. Ryan meint, in der Grossstadt Dublin kannte sich damals der Kreis von UnterstĂŒzter*innen und Aktivist*innen quasi gesamthaft. Die Volunteers verfĂŒgten zum einen ĂŒber eine schlechte Moral und Disziplin und zum anderen ĂŒber eine noch schlechtere Bewaffnung. Die IRA wurde innerhalb der irischen Gesellschaft praktisch irrelevant. Die ArmeefĂŒhrung versuchte dies mit der Operation Harvest (auch bekannt als Grenzkampagne / Border Campain) zu Ă€ndern. Mittels Aktionen in den sechs Grafschaften oder in GrenznĂ€he dieser sollte wieder eine Aufmerksamkeit auf die immer noch bestehende Teilung Irlands gelenkt werden. Freiwillige, möglichst wohnhaft ausserhalb der sechs Grafschaften, wurden rekrutiert. In den sechs Grafschaften bietet ein kleiner Kreis von bekannten Sympathistant*innen die nötige Infrastruktur und Logistik. Die Polizei des Nordens ist sich den Namen der UnterstĂŒzter*innen durchaus bewusst und Safehouses werden regelmĂ€ssig durchsucht. Die IRA stand am Ende der Border Campain praktisch vor der Auflösung. Die wenigen Waffen, wurden am Ende der Kampagne vergraben. Die noch funktionierenden Strukturen beinahe aufgelöst. Im Jahre 1962 war die IRA damit faktisch besiegt bzw. aufgelöst. Die Niederlage oblag nicht vordergrĂŒndig einer physischen Zerstörung, sondern eine moralischen. Viele ĂŒberzeugte Aktivist*innen fielen einer schlechten Organisationsstruktur zum Opfer, diese fielen zahlreich in eine ideologische Krise. Im Norden wiederum ĂŒbernahmen ĂŒberzeugte kommunistische und marxistische Persönlichkeiten die FĂŒhrung der IRA.

Angriff der IRA wÀhrend der Border Camapign (Operation Harvest) auf das Polizeiquartier in Lisnaskea (Lios na Scéithe), 14. Dezember 1956.

Innerhalb der sich anbahnenden Troubles schien eine bewaffnete Guerillagruppe die logische Konsequent zu sein, aber das Gegenteil war der Fall. FĂŒhrende Köpfe der Bewegung betrachteten den bewaffneten Kampf als sinnlos und rĂŒckstĂ€ndig. Die Organisierung sollte ĂŒber ArbeitskĂ€mpfe stattfinden. Diese positiven Überlegungen wurden, wie so viele anderen, ebenfalls Opfer von sektiererischen Vorbehalten. Einem gemeinsamen Agieren der Arbeiterklasse wurden jeweils, sowohl von protestantischer als auch katholischer Seite, alle Steine in die Wege geleitet. Dennoch beginnt zu Ende der 60er-Jahre eine Welle der Empörung ihren Lauf zu nehmen. Zivilrechtsaktivist*innen beider Konfessionen beginnen sich zu organisieren und fordern eine Gleichstellung in allen Bereichen. Unionist*innen und Loyalist*innen wird dies jedoch zu bunt und eine Welle von ViertelsĂ€uberungen beginnt. HĂ€user brennen und Drohungen werden alltĂ€glich. Gezielt werden katholische Familien zu UmzĂŒgen gezwungen, Familien, welche nicht Folge leisten, werden mit militanten Interventionen dazu gebracht. Loyalistische Feuerteufel werden von Polizei und ParamilitĂ€rs unterstĂŒtzt.




Quelle: Autonomie-magazin.org