September 26, 2020
Von Antisexistische Aktion MĂŒnchen
197 ansichten


AnlĂ€sslich des 40. Jahrestags des Oktoberfestattentats am 26.9.1980 in MĂŒnchen organisierte die Initiative „Mehr als 40 Jahre“ eine antifaschistische Demonstration. Hier ist unser Redebeitrag, der in einer kĂŒrzeren Variante auf der Demo gehalten wurde:

Rechter Terror sowie seine Verharmlosung und Entpolitisierung sind seit mehr als 40 Jahren Teil der MĂŒnchner Stadtgeschichte. 

Wir sind heute hier, um an die Opfer dieser Gewalt zu erinnern und uns mit ihnen zu solidarisieren, denn allzu oft steht noch immer die einseitige Auseinandersetzung mit den TĂ€ter*innen im Fokus. WorĂŒber berichtet und geredet wird, sind die vermeintlichen Motive der TĂ€ter*innen, die nicht selten fĂŒr psychisch krank erklĂ€rt werden. So werden ihre Taten entpolitisiert, an den gesellschaftlichen Rand gedrĂ€ngt und einer Auseinandersetzung aus dem Weg gegangen. 

  • Das war so bei Gundolf Köhler. Die Ermittlungsbehörden ignorierten seine Mitgliedschaft in der neonazistischen Wehrsportgruppe Hoffmann. Er, der vermeintliche EinzeltĂ€ter, habe sich in einer persönlichen Krise befunden. 
  • Das war so bei den mindestens zehn Morden des Nationalsozialistischen Untergrunds, von denen zwei hier in MĂŒnchen verĂŒbt wurden, deren rechter Charakter erst 10 Jahre spĂ€ter durch die Selbstenttarnung des NSU von Behörden erkannt wurde. Habil Kılıç und Theodoros Boulgarides wurden Opfer dieses Rechtsterrors hier in MĂŒnchen. von Rechtsterror, doch dauerte es mehr als zehn Jahre, bis zur Selbstenttarnung des NSU, dass der rechte Charakter der Morde auch bei den Behörden erkannt wurde. Sie ermittelten gegen die Angehörigen, statt ihnen zuzuhören, ihnen zu glauben und den Hinweisen auf Rechtsterrorismus nachzugehen.  
  • Das war so beim rechten Terror vom 22. Juli 2016 als David Sonboly neun Menschen am MĂŒnchner Olympia Einkaufszentrum und anschließend sich selbst erschoss. Er wĂ€hlte die Opfer nach rassistischen Motiven aus, verehrte Hitler und die Alternative fĂŒr Deutschland. Bis heute tun sich die Behörden schwer, die Tat als rechten Terror einzustufen.
  • Und das war so beim Anschlag auf den Club Liverpool in der Schillerstraße im MĂŒnchner Bahnhofsviertel, auf den wir in unserem Redebeitrag heute nĂ€her eingehen möchten. 

Am Abend des 7. Januar 1984, nur vier Jahre nach dem Oktoberfestattentat, werfen zwei MĂ€nner je einen Benzinkanister in den Eingangsbereich des Clubs Liverpool. Die Kanister explodieren, kurz darauf steht das Kellerlokal in Flammen. Unter den 25 GĂ€sten und Angestellten bricht Panik aus, einige können sich durch eine TĂŒr im hinteren Teil des Liverpools retten. Am Ende sind sieben Menschen verletzt, eine davon ist Corinna Tartarotti, die in der Bar gearbeitet hatte. Sie rettete sich durch das Feuer ins Freie und zog sich dabei so schwere Verletzungen zu, dass sie ihnen drei Monate nach dem Anschlag, am 27. April 1984 erliegt. 

VerĂŒbt hatte den Anschlag die neonazistische, christlich-fundamentalistische Gruppe Ludwig bestehend aus Wolfgang Abel und Marco Furlan. 

Wir thematisieren diesen Anschlag immer wieder, da in MĂŒnchen und insbesondere am Tatort in der Schillerstraße nichts an den Anschlag erinnert. Er wĂ€re wohl auch ganz in Vergessenheit geraten, hĂ€tte nicht der MĂŒnchner Journalist Robert Andreasch, zum Anschlag auf das „Liverpool“ recherchiert und ihn als rechten Anschlag identifiziert. Erst diese Arbeit rĂŒckte den Fall ĂŒberhaupt wieder ins öffentliche Interesse. Seither erinnern in erster Linie antifaschistische Initiativen an den Anschlag und die Opfer, die er forderte. 

Diese Art der Erinnerung steht dem entgegen, was In der sonstigen öffentlichen Auseinandersetzung stand und steht: die Perspektive und Geschichte der TĂ€ter im Zentrum. In der Berichterstattung rund um den Anschlag ist augenfĂ€llig, wie detailliert Journalist*innen die Biographien und möglichen Motive der beiden TĂ€ter beschreiben. In „untadeligen“ familiĂ€ren VerhĂ€ltnissen seien sie aufgewachsen, wir erfahren wann und wo sie sich kennenlernten und wie der eine ein schmĂ€chtiger, talentierter Gitarrenspieler, der andere ein rationaler und sportiver Praktiker sei. 

Derweil ist ĂŒber die Opfer oft nicht mehr bekannt als ihr Name beziehungsweise wo und wie sie ermordet wurden. Von Corinna Tartarotti wissen wir, dass sie die Tochter eines ZDF-Journalisten war und familiĂ€re Wurzeln in SĂŒdtirol hat, ihr Halbbruder lebt noch, kann aber zur Sache nichts mehr sagen. Bekannt ist auch, dass rund 25 Personen am Tag des Anschlags im Club waren, um sich einen Film anzusehen. Sieben davon wurden bei dem Angriff verletzt. Wer diese Menschen sind, ihre Perspektive auf den Fall, was sie dazu zu sagen hĂ€tten, ob sie die Hilfe bekommen haben, die sie gebraucht hĂ€tten oder immer noch brauchen 
 all das ist uns derzeit leider nicht bekannt.  

Es gibt mehrere Aspekte, die sich wie ein roter Faden durch die 40 Jahre rechten Terrors ziehen. 

Eine davon ist die miserable und von Rassismus, Antisemitismus und Antifeminismus geprĂ€gte Arbeit der Ermittlungsbehörden. In den Tagen nach dem Anschlag auf das Liverpool laufen die polizeilichen Ermittlungen zunĂ€chst nur in eine Richtung: ins – so genannte – ZuhĂ€ltermilieu. 

Eine weitere KontinuitĂ€t ist die Pathologisierung der TĂ€ter. Kurzerhand erklĂ€rt man sie fĂŒr psychisch krank. Nachdem ein Bekennerschreiben der Gruppe Ludwig auftaucht, wird in allzu bekannter Manier von der extrem rechten und antifeministischen Ideologie abgelenkt. Abel und Furlan hĂ€tten in einer „Adoleszenzkrise“ gesteckt, sie seien „todeswĂŒtige Exorzisten“ und „psychopathische Neonazis“. 

Das Nichterkennen, die Verharmlosung und Pathologisierung von rechtem Terror und den TĂ€ter*innen ist neben dem Terror selbst eine Gefahr. Verhindert es doch, dass diese Gewaltverbrechen richtig eingeordnet und aufgearbeitet werden können. Um rechten Terror jedoch wirksam zu bekĂ€mpfen, mĂŒssen solche FĂ€lle aufgearbeitet werden. Demonstrationen wie diese heute sollen Anstoß dazu geben, sich mit diesem Fall und womöglich vielen anderen noch unerkannten rechten AnschlĂ€gen zu befassen – und zwar aus der Perspektive der Betroffenen. Wir mĂŒssen jenen zuhören, denen Leid angetan wurde und wird. Denn nur wenn die Konsequenzen rechter AnschlĂ€ge sichtbar gemacht werden, können die AnschlĂ€ge verringert werden. 

VerdrÀngung, Verleugnung und Wegsehen sind keine Lösung, darum stehen wir heute hier.

Als queer_feministisches Kollektiv trennen wir rechten Terror nicht von antifeministischen Ideologien. Vielmehr sind Antifeminismus und die BefĂŒrwortung von Gewalt zwei von mehreren Bestandteilen eines extrem rechten Weltbildes und viele FĂ€lle von rechter, rassistischer, antisemitischer und antilinker Gewalt haben eine Genderkomponente. 

Antifeminismus als fester Bestandteil eines extrem rechten Weltbildes zeigt sich auch bei aktuellen Beispielen rechten Terrors wie dem antisemitischen Anschlag in Halle oder dem rassistischen Anschlag von Hanau. So machte der Terrorist von Halle „den Feminismus“ fĂŒr sinkende Geburtenraten im Westen verantwortlich. Diese fĂŒhrten ihm zufolge zu einer vermeintlichen Massenmigration. Hinter all dem stĂŒnden JĂŒdinnen und Juden. Antifeminismus als verbindendes Element rechten Terrors und das Zusammenspiel von Antisemitismus, Rassismus und Frauenhass werden auch hier wieder deutlich. Deswegen muss Antifeminismus als konstanter Bestandteil rechten Terrors in die Ursachenfindung und Aufarbeitung dessen mit einbezogen werden.

Diesen extrem rechten, antifeministischen Ideologien liegt meist eine zerstörerische Vorstellung von MĂ€nnlichkeit zugrunde, bei der alles vermeintlich Schwache verachtet und weiblich Konnotiertes abgelehnt wird. Furlan und Abel hĂ€rteten sich ab, formten eine mĂ€nnerbĂŒndlerische Kameradschaft und imaginierten eine idealisierte MĂ€nnlichkeit in deren Kern die Bereitschaft und FĂ€higkeit zur GewaltausĂŒbung steht. 

Die daraus entstehende Gewalt richtet sich gegen Frauen, LGBTIQ*, Homosexuelle, Obdachlose oder DrogenabhĂ€ngige. 

Und diese Ideologien sind bis weit in die bĂŒrgerliche Mitte anschlussfĂ€hig. Sexarbeiter*innen, Queers, DrogenabhĂ€ngige, Homosexuelle sind keine Gruppen, mit denen sich die BĂŒrger*innen dieses Landes ohne weiteres solidarisieren – und genau darum ist es an uns, die Erinnerung an die Opfer der Gruppe Ludwig aufrechtzuerhalten. 

Foto: Robert Andreasch

Es darf kein „Weiter so“ geben. Die vergangenen 40 Jahre zeigen, dass wir als Antifaschist*innen, als Antirassist*innen, als Feminist*innen ganz genau hinschauen mĂŒssen. Denn große Teile der Gesellschaft werden es im Zweifel nicht tun. Genauso wenig wie die Sicherheitsbehörden – ganz im Gegenteil, letztere sind oftmals selbst TĂ€ter*innen oder mindestens MittĂ€ter*innen, wie sich aktuell wieder einmal zeigt. 

Es ist an uns rassistische, antifeministische und antisemitische Gewalt als solche zu benennen und sichtbar zu machen. Und es ist an uns, SolidaritĂ€t zu zeigen mit Betroffenen rechter Gewalt. Lasst uns wo immer möglich versuchen, ihnen eine Stimme zu geben, ihre Geschichten zĂ€hlen, nicht die der TĂ€ter*innen. 

  • Wir fordern ein respektvolles Gedenken aus Opferperspektive und zeigen SolidaritĂ€t mit allen von Rassismus, Antifeminismus und Antisemitismus betroffenen Menschen, 
  • Wir fordern die lĂŒckenlose AufklĂ€rung und Aufarbeitung aktueller und vergangener rechter TerroranschlĂ€ge,
  • Wir fordern ein Ende der Pathologisierung und Entpolitisierung rechter Gewalt und 
  • wir fordern, dass Antifeminismus in all seinen Facetten ernst genommen und auf allen Ebenen bekĂ€mpft wird.

Wir gedenken

  • Wir gedenken Guerrino Spinelli, einem 33-jĂ€hrigen Sinto, der am 25. August 1977 in Verona in seinem Auto schlafend mit BrandsĂ€tzen angegriffen wurde und eine Woche spĂ€ter seinen schweren Verletzungen erlag.
  • Wir gedenken Luciano Stefanato, einem homosexuellen Kellner, der am 19. Dezember 1978 in Padua mit Messerstichen getötet wurde. 
  • Wir gedenken Claudio Costa, einem 22-jĂ€hrigen Homosexuellen, der am 12. Dezember 1979 erstochen in Venedig aufgefunden wurde. 
  • Wir gedenken der 51-jĂ€hrigen Sexarbeiterin Alice Maria Beretta, die am 20. Dezember 1980 erschlagen wurde. 
  • Wir gedenken dem Studenten Luca Martinotti, der am 24. Mai 1981 einem Brandanschlag in Verona zum Opfer fiel. 
  • Wir gedenken der beiden Mönche Mario Lovato und Giovanni Pigato, die am 20. Juli 1982 in Vicenza erschlagen wurden. Mario Lovato wurde 71, Giovanni Pigato 69 Jahre alt. 
  • Wir gedenken dem 71-jĂ€hrigen Priester Armando Bison, der am 20. Februar 1983 in Trient erschlagen wurde. 
  • Wir gedenken Giorgio Fronza, Ernesto Mauri, Pasquale Esposito, Elio Molteni und Domenico La Sala, die alle am 14. Mai 1983 bei einem Brandanschlag auf das Kino „Eros“ in Mailand ermordet wurden und 
  • Wir gedenken dem 46-jĂ€hrigen Arzt Livio Ceresoli, der den im Kino eingeschlossenen Menschen zur Hilfe kommen wollte und selbst zum Opfer wurde. 
  • Und wir gedenken Corinna Tartarotti, die im ehemaligen Club Liverpool so schwere Verletzungen erlitt, dass sie drei Monate spĂ€ter, am 27. April 1984, hier in MĂŒnchen starb. Sie wurde 20 Jahre alt.



Quelle: Asam.noblogs.org