Juli 19, 2021
Von Emrawi
140 ansichten


Mit einer bewegenden Trauerfeier haben sich Familie, WeggefĂ€hrt:innen und Menschen aus der Politik am Sonntag in Hamburg von der Shoah-Überlebenden Esther Bejarano verabschiedet. Die Musikerin und Antifaschistin war am 10. Juli nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 96 Jahren in ihrer Wahlheimat Hamburg gestorben. Sie wurde auf dem JĂŒdischen Friedhof in Ohlsdorf neben ihrem bereits 1999 gestorbenen Ehemann Nissim Bejarano beerdigt.

„Heute wollen wir innehalten. Und schweigen und trauern. Um dann Esther Bejaranos Auftrag zu erfĂŒllen: ‚Nie mehr schweigen, wenn Unrecht geschieht. Seid solidarisch! Helft einander! Achtet auf die SchwĂ€chsten! Bleibt mutig! Ich vertraue auf die Jugend, ich vertraue auf euch! Nie wieder Faschismus – nie wieder Krieg!‘“, hieß es in einer ErklĂ€rung zur Trauerfeier, die von der Familie Bejarano, dem deutschen und dem internationalen Auschwitz-Komitee unterzeichnet wurde.

Nur wenige GĂ€ste konnten direkt an der Trauerfeier in der Kapelle des Friedhofs teilnehmen, die Ansprachen wurden jedoch vor die Friedhofstore und auf eine nahe Kundgebung ĂŒbertragen, welche vom Auschwitz-Komitee und dem BĂŒndnis gegen Rechts Hamburg organisiert worden war. Am Eingang des JĂŒdischen Friedhofs konnten KrĂ€nze und Blumen abgegeben werden. Auch die kurdische Community ĂŒbergab einen Kranz und trug sich in ein bereitliegendes Kondolenzbuch ein.

Auf der Kundgebung wurde Esther Bejaranos Appell an die Jugend verlesen. Darin heißt es:

„1945 war es fĂŒr uns unvorstellbar, dass Ihr, die Nachgeborenen, erneut konfrontiert sein wĂŒrdet mit Nazismus, Rassismus, einem wieder auflebenden Nationalismus und Militarismus. (
) Wir hoffen auf euch. Auf eine Jugend, die das alles nicht stillschweigend hinnehmen wird! Wir bauen auf eine Jugend, die sich zu wehren weiß, die nicht kapituliert, die sich nicht dem Zeitgeist anpasst, die ihm zu trotzen versteht, und deren Gerechtigkeitsempfinden nicht verloren gegangen ist“.

Zu Beginn sprach Joram Bejarano, Esthers Sohn, einige Worte auf hebrĂ€isch und deutsch und begrĂŒĂŸte die TrauergĂ€ste. Der erste BĂŒrgermeister Hamburgs, Peter Tschentscher, sprach im Namen des Hamburger Senats. Er erklĂ€rte, Esther Bejarano habe vier Jahrzehnte Impulse fĂŒr Gleichberechtigung und Gerechtigkeit gegeben, was ein großes Geschenk fĂŒr die Stadt Hamburg sei.

„Warum hat er dann so wenig davon umgesetzt“, kommentierte eine Besucherin der Trauerfeier diese Rede. „Er hĂ€tte besser geschwiegen.“ Damit spielte sie auch darauf an, dass Esther Bejarano, obwohl sie seit den 1960er Jahren die Politik in Hamburg mitgestaltet hat, niemals EhrenbĂŒrgerin geworden ist, sowie darauf, dass die reiche Stadt Hamburg anders als von Esther Bejarano gefordert, viele Menschen ausgrenzt.

Rolf Becker: Forderungen von Esther Bejarano unerfĂŒllt

Der Schauspieler und enge Freund von Esther Bejarano, Rolf Becker, ging auf viele der Forderungen und KĂ€mpfe von Esther Bejarano ein, die die Stadt Hamburg niemals erfĂŒllte: Die Forderungen nach einer menschlichen Obdachlosenpolitik, hier zitierte der 86-jĂ€hrige Becker Esther Bejarano: „Sie sind obdachlos, weil sie im Konkurrenzkampf des Kapitalismus nicht standhalten konnten, es ist das System, das menschenverachtend ist.“ Becker ging auf Esthers Forderung nach bedingungsloser Aufnahme der Lampedusa-Gruppe ein, die nach acht Jahren immer noch ohne Aufenthaltsrecht ist. Zudem zitierte er aus ihren Briefen an die ĂŒberlebenden Familienmitglieder der AnschlĂ€ge von Mölln und Solingen, in denen sie kritisierte, dass sich Nazis in Verfassungsschutz und Justiz ausbreiten konnten, es keine Konsequenzen gab und Toleranz gegenĂŒber den TĂ€tern geĂŒbt wurde.

Sie wĂŒnschte sich, dass sich Russen und Amerikaner wie damals in den Armen liegen

Rolf Becker erinnerte daran, wie Esther bei ihrer Befreiung durch die Alliierten in LĂŒbz Akkordeon gespielt und sich gewĂŒnscht hatte, dass sich Russen und Amerikaner wie damals in den Armen liegen wĂŒrden, um den Frieden zu feiern. Soldaten der Roten Armee kamen in das Dorf und schrien, Hitler sei tot und der Krieg sei aus. „Russische und amerikanische Soldaten feierten gemeinsam und verbrannten ein großes Bild von Hitler; ich spielte dazu Akkordeon. Es war fantastisch“, hatte Esther Bejarano ĂŒber die Befreiung berichtet.

Becker erinnerte auch daran, dass Esther das brutale Besatzungsregime gegen die PalĂ€stinenser:innen und die mehr als fragwĂŒrdige Israel-SolidaritĂ€t der Antideutschen kritisiert habe, dass Deutsche sich nicht darĂŒber zu entscheiden hĂ€tten, wozu JĂŒd:innen sich Ă€ußern dĂŒrften. Sie erklĂ€rte sich solidarisch mit Moshe Zuckermann, der immer wieder von Antideutschen angegriffen wurde, da er Israel kritisierte und sich fĂŒr konföderative Strukturen einsetzte.

Ihre letzte große Reise 2017 sei nach Kuba gegangen, wo sie gegen den 60 Jahre andauernden Boykott durch die USA protestierte. Esther sei Kommunistin gewesen, die viele Aufgaben an uns weitergereicht habe, so Becker.

Rabbiner Bistritzky: Ohne Erinnerung gibt es keine Zukunft

Die jĂŒdische Schauspielerin und Autorin Peggy Parnass, deren Familie in Treblinka ermordet wurde und die eine langjĂ€hrige Freundschaft zu Esther Bejarano pflegte, sprach sehr persönliche Worte. Sie erinnerte daran, dass Esther einen wunderbaren Ehemann gehabt habe und von vielen wunderbaren Menschen umgeben war. Sie habe eine wunderbare Freundin verloren und eine Genossin.

Der Rabbiner Shlomo Bistritzky erklĂ€rte, dass es ohne Erinnerung keine Zukunft gebe. „Esther Bejarano wurde zum Symbol, zur Lehrerin fĂŒr uns alle, entschlossen fĂŒr das Leben zu kĂ€mpfen“. Es sei ihre Rache an den Nazis gewesen, hier in Hamburg zu leben und auf diesem jĂŒdischen Friedhof begraben zu werden.

gefunden auf: https://anfdeutsch.com/aktuelles/abschied-von-esther-bejarano-in-hamburg




Quelle: Emrawi.org