August 11, 2022
Von Der Rechte Rand
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von Nico Werner
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 156 – September | Oktober 2015

#Musik

Abhandlungen über die Band »Frei.Wild« gibt es mittlerweile zu Genüge. Die jüngste Veröffentlichung mit dem Untertitel »Südtirols Konservative Antifaschisten« von Klaus Farin hat der Band rechtzeitig zum neuen Album Aufmerksamkeit außerhalb ihrer Fangemeinde verschafft.

Antifa Magazin der rechte rand
Fans der Band wussten es schon immer …
@ Christian Ditsch

Das 1998 von Klaus Farin mitgegründete »Archiv der Jugendkulturen«, beziehungsweise die Partnerinstitution »Archiv der Jugendkulturen Verlag« – bei dem »Frei.Wild – Südtirols Konservative Antifaschisten« erscheint – forscht, sammelt und veröffentlicht als Schnittstelle zwischen eigener Szenenähe und Wissenschaft zu dem, was Jugendkulturen in Deutschland zu bieten haben. Gegen allen Kulturpessimismus werden Jugendkulturen als positive Sozialisierungsinstanzen verteidigt, ohne dabei problematische Entwicklungen zu beschönigen.

Der Jugendforscher Klaus Farin wird als Experte für Jugend(sub)kulturen gehandelt. In den vergangenen Jahrzehnten hat er sich intensiv mit Skinheads und Gruftis beschäftigt. Dabei hat er sich nicht gescheut, Kontakte zu problematischen Szenen und deren musikalischen VertreterInnen zu knüpfen. Die Einblicke, die er dabei gewonnen hat, sind integraler Bestandteil seiner Veröffentlichungen.
Das neue Buch von Farin ist geeignet, den guten Ruf des »Archivs der Jugendkulturen« zu schädigen. Das »Archiv der Jugendkulturen« legt deshalb trotz der anhaltenden Verquickung mittlerweile Wert auf die Feststellung, dass Archiv und Verlag zwei eigenständige Institutionen sind und Farin seit 2011 nur noch Mitglied und nicht mehr Leiter des Archivs ist. Grundregeln seriöser journalistischer oder wissenschaftlicher Arbeit hat Farin über Bord geworfen. Das Buch ist PR, es geht keineswegs nur darum, Bands und Fans »selbst zu Wort kommen« zu lassen, damit sich ein jeder »ein eigenes Urteil« bilden kann. Stattdessen beschönigt es und verfolgt damit einen Zweck: die Band gegen Kritik zu immunisieren. Dass auch ein paar »Frei.Wild«-Kritikerinnen zu Wort kommen, ändert nichts an dieser Grundkonstellation. »Frei.Wild« haben jetzt eine prominente Verteidigungsschrift auf dem Markt. Und Farin selbst hat mit dem Buch einen Kassenschlager. Die Band bewirbt das Buch großzügig; die Verkäufe laufen gut. Eine zweite Auflage ist in Arbeit. Es gab sogar eine gemeinsame Buchpräsentation des Autoren und der Band, inklusive Autogrammstunde.

Ein schönes Buch
Schon der erste Eindruck des Buchs »Frei.Wild – Südtirols Konservative Antifaschisten« macht klar, dass es hier nicht um eine objektive Annäherung an eine umstrittene Band geht. 400 Seiten, Hardcover mit geprägtem Bandlogo, lassen eher auf ein Fanbuch schließen. Die Aufmachung erinnert an das »Buch der Erinnerungen – Die Fans der Böhsen Onkelz« aus dem Jahr 2000 von Farin. Beim Durchblättern verfestigt sich dieser Eindruck. Unzählige Fotos – sowohl von Fans als auch den Musikern beigesteuert – zeichnen den Werdegang der 2001 gegründeten Band nach. Der Textanteil wird von der Bilderflut in den Hintergrund gedrängt. Zu Wort kommen Fans, die Bandmitglieder, verschiedene AutorInnen und natürlich äußert sich auch Klaus Farin selbst. »Wenn es gegen ‹rechts› geht, sind viele schnell dabei«, kritisiert er gleich zu Beginn. Zwei Sorten Menschen seien beim Kampf gegen Rechts laut Farin besonders engagiert: »moralisch-emotional motivierte« Gutmenschen, die immer alarmiert sind, vom Thema aber leider keine Ahnung haben. Und dann gebe es die »Profiteure«, »Geschäftsleute«, für die ihre Kampagnen eine »Gelddruckmaschine« seien, denen es um Macht und die »Selbsterhaltung ihrer aufgeblähten Strukturen« gehe. Dass Farin und das »Archiv der Jugendkulturen« selbst schon so manchen Förder-Euro aus den Programmen gegen Rechts eingeworben haben, bleibt unerwähnt. 2010 kassierte das »Archiv der Jugendkulturen« für die Erforschung der »Autonomen« hingegen mehr als 20.000 Euro aus Fördertöpfen zur Bekämpfung des »Linksextremismus«. 2015 brachte Klaus Farin zum gleichen Thema ein Buch heraus. Die in düsteren Farben gemalte Anti-Rechts-Industrie mit ihren naiven Fußtruppen sei schuld, so legt es Farin im »Frei.Wild«-Buch nahe, dass eine durch und durch anständige und obendrein »antifaschistische« Musikgruppe Verfolgungen ausgesetzt sei. Farin geriert sich als Meinungsrebell und biedert sich mit solchen Passagen dem Anti-Gutmenschen-Lamento und »Lügenpresse«-Gerufe der entsprechenden Milieus an.

Das Ergebnis seiner »Frei.Wild«-Forschung präsentiert Farin am Ende des Buches: »Frei.Wild distanzieren sich eindeutig und glaubwürdig von Faschismus jeglicher Art und sind auch als Personen nicht Teil der rechten Szene.« Ihr »Patriotismus« sei »konservativ, aber nicht ausgrenzend und nicht nationalistisch«. Der schale »Kern« der »Frei.Wild«-Kritik sei, »dass sie keine ‹linke› Band sind«. Sänger »Philipp Burger geht mit seiner Vergangenheit als rechter Skin (…) vor rund 15 Jahren offensiv und geradezu vorbildhaft um und verschweigt nichts.« Tatsächlich war Philipp Burger bis 2001 Sänger der Neonazi-Band »Kaiserjäger« – inklusive Hitlergrußposen. Burger insistiert jedoch beharrlich, beispielsweise gegenüber den »Ruhr Nachrichten«: Kaiserjäger »war keine Naziband, sondern eine Band von drei Jugendlichen.« Auch gegenüber Farin gab er die gleiche Auskunft: »Philipp sieht seine Zugehörigkeit zur rechten Skinhead-Szene heute noch als ‹unpolitische› Phase.« Burger selbst: »Man hat sich die Hörner abgestoßen, nicht mehr und nicht weniger.« Kann man solche Äußerungen wirklich als »offensive und geradezu vorbildhafte« Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit adeln?

Nichts Neues
Beliebtes Thema bei »Frei.Wild« ist der selbst verliehene Opferstatus ­(s. drr Nr. 152). So auch im Song »Wir reiten in den Untergang«. Die Band werde verfolgt, so wie damals die Nazis die Juden verfolgt hätten. Einziger Unterschied zu damals: »Heut gibt es den Stempel, keinen Stern mehr.« Gitarrist Jonas Notdurfter entschuldigt im Buch diese Entgleisung als ein Versehen, die Provokation sei nicht beabsichtigt gewesen: »Wenn wir das im vornherein geahnt hätten, hätten wir es anders formuliert.« Philipp Burger wird die gleiche Frage gestellt. Seine Antwort: »Ich habe mir natürlich schon gedacht, dass es ein paar Leute stören könnte, aber damit kann ich leben.« Überhaupt ärgern ihn die ständigen Sprechverbote: »Selbst das Wort Jude darfst du in Deutschland nirgendwo mehr nennen, dabei ist es doch eine der Weltreligionen überhaupt und ein ganz normales Wort.« Himmelschreiend, aber von Farin wieder nicht kommentiert: Plattenmillionäre tun in einem Lied so, als stünden sie kurz vor der Deportation ins Konzentrationslager und der Sänger sieht in der Kritik an einer solchen Geschmacklosigkeit ein angebliches Verbot, das Wort »Jude« in den Mund zu nehmen. Und: War der Song nicht als Provokation gedacht, wie Jonas Notdurfter sagt, oder eben doch, wie es Philipp Burger beschreibt? Warum fragt Farin nicht nach? Lieber arbeitet er mit Suggestivfragen, beispielsweise an Burger: »Gibt es für dich einen Unterschied zwischen Patriotismus und Nationalismus – abgesehen davon, dass ihr als Südtiroler eigentlich gar keine Nationalisten sein könnt – ihr seid ja nicht mal eine…«. Der Sänger greift die Vorlage dankbar auf: »Nein, Südtirol ist kein Staat, uns wegen unseren Texten über dieses Land Nationalismus vorzuwerfen, grenzt schon an politisch-geschichtliche Missbildung.« Seit wann braucht es einen eigenen Staat, um Nationalist zu sein? Noch suggestiver ist eine spätere Frage an Burger. Der ehemalige RechtsRock-Bandleader und regionale Neonazi-Skin-Anführer wird von Farin allen Ernstes gefragt: »Warum bist du kein Neonazi geworden?« Burger antwortet: »Allein schon von meinem Herzen aus könnte ich das nicht vereinbaren.«

Südtirol gegen Gutmenschen
Das professionelle und bewusst gewählte Image von »Frei.Wild« fußt auf einem starken Bezug auf die »Liebe« zur Heimat Südtirol, auf die eigene »Bodenständigkeit« und auf die »patriotischen« Texte. Die entsprechenden Lieder zählen bei »Frei.Wild«-Fans zu den populärsten. Genauso gehört zu »Frei.Wild« ein Bekenntnis, irgendwie »unpolitisch« zu sein sowie eine aggressive Abwehr jeder Kritik. Leute, die »Frei.Wild« kritisieren, seien »die größten Kokser, die zu Kinderstrichern gehen«, geifert es im Lied »Gutmenschen und Moralapostel«. Der »Frei.Wild«-Erfolg in Deutschland beruht auch darauf, dass die Fans mit ihrer Band den unverdächtigen »Patriotismus« der Südtiroler gern für sich selbst in Anspruch nehmen. Im bei Fans beliebten Lied »Südtirol« heißt es: »Ich dulde keine Kritik an diesem heiligen Land, das unsere Heimat ist«. Ein Land für »heilig« zu erklären und keine Kritik daran zu dulden, das ist radikaler Nationalismus. Farin hingegen umschreibt das Lied mit der Nullvokabel »umstritten« und findet im Text lediglich einen »religiös-patriotischen Pathos«. Ein Argument von »Frei.Wild«-VerteidigerInnen ist, dass Südtirol eine andere Geschichte als Deutschland habe. Die deutschsprachige Bevölkerung Südtirols habe unter dem – italienischen – Faschismus gelitten und sei darum mehr oder minder immun gegen jede Sorte von Totalitarismus. Eines der besseren Kapitel im Buch ist der Geschichte Südtirols gewidmet. Die Mehrheit der deutschsprachigen Bevölkerung in Südtirol habe in den 1930er Jahren gehofft, dass die von vielen verehrte Lichtgestalt Adolf Hitler Südtirol »heim ins Reich« holen würde, ist dort zu erfahren. Am Mussolini-Faschismus störte weniger dessen faschistischer Charakter, als der Fakt, dass er italienisch war und die deutsche Minderheit mit Repressionen belegte. Als die Wehrmacht 1943 Südtirol besetzte, wurde sie als Befreierin begrüßt. Kurzum: Der Antifaschismus in Südtirol ist ein Mythos. Farin schreibt: »Südtirols antifaschistische Haltung ist zu erheblichen Teilen zugleich eine pro-nationalsozialistische. So werden bezeichnenderweise zum Zeichen des Widerstandes gegen die FaschistInnen Hauswände mit Hakenkreuzen verziert.« Diese historischen Einordnungen sind hilfreich und verdeutlichen den Kontext der leeren »Frei.Wild«-Abgrenzungen gegen »Faschismus«. Warum nur trägt das Buch trotzdem den Titel »Südtirols konservative Antifaschisten«? Eine mögliche Erklärung für diesen Wirrwarr wäre übrigens, dass Farin gar nicht alleiniger Autor des Buches ist. Selbst der Sprachstil weicht in unterschiedlichen Kapiteln des Buches auffallend stark voneinander ab. Entsprechend zieht sich das begriffliche Chaos durch das ganze Buch. So lässt Farin kaum eine Gelegenheit aus, den Begriff der »Grauzone« als Bezeichnung für das Lavieren von Bands wie »Frei.Wild« als ungeeignet zu denunzieren. Das Wort diene Linken nur dazu, alle Nicht-Linken als »irgendwie doch rechts« abzuqualifizieren. Andererseits wird der der Begriff im Farinbuch selbst verwendet: Der SPD-Sachbuchmillionär Thilo Sarrazin, der MigrantInnen für weniger intelligent als Deutsche hält, wird als ein »Grauzone-Autor« kritisiert.

Farin beschreibt in seinem Buch alles Mögliche. Umso spannender ist darum, dass er die zentralen Begriffe Rassismus und Nationalismus nicht diskutiert, geschweige denn definiert. Im Zweifel segelt alles unter Labeln wie »Patriotismus« und »Konservatismus«. Fängt Rassismus denn erst beim Ku-Klux-Klan an und Nationalismus erst bei Hakenkreuzen? »Frei.Wild« ist keine Neonazi-Band. Die allermeisten »Frei.Wild«-Fans sind keine Neonazis. Die Band ist in erste Linie eine auf hohem Niveau geführte Marke für als Rebellion verpacktes Kleinbürgertum – allen Tätowierungen und Piercings zum Trotz – und: ein ökonomischer Erfolg. Leider wird hier die Gelegenheit verpasst, mit den Fans über ihre Ängste, Wünsche und Projektionen kritisch zu diskutieren. Stattdessen wird weiter am Produkt »Frei-Wild« gearbeitet. Zur Selbstbestätigung der »Frei.Wild«-Fans mag es taugen, als Bildungsmaterial ist es völlig ungeeignet.

Der vorliegende Text ist eine Überarbeitung einer zuvor im Blog »Störungsmelder« von »Zeit Online« veröffentlichten Rezension.




Quelle: Der-rechte-rand.de