MĂ€rz 16, 2022
Von Freie ArbeiterInnen Union (FAU)
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AnlĂ€sslich des internationalen Frauenkampftages am 8. MĂ€rz hatten verschiedene Gruppen zum gemeinsamen Protest am König:innenufer mobilisiert, das offiziell als Königsufer bekannt, konsequenterweise im Sinne einer geschlechtergerechten Sprache umbenannt wurde. Wie bereits im letzten Jahr, wurde der Platz vor den Treppen ab 14 Uhr zu einem öffentlichen Veranstaltungs- und Treffpunkt fĂŒr feministischen Streik, Austausch und Vernetzung. Auch in diesem Jahr gab es InfostĂ€nde, Kuchen und verschiedene kleine Aktionen bei bestem Wetter, das wohl seinen Beitrag fĂŒr die gute Stimmung und die zahlreichen Besucher:innen leistete.

Unter den vertretenden Initiativen war die basisdemokratische Gewerkschaft FAU (Freie Arbeiter:innen Union) zu finden, Menschen von der Queer Pride Dresden , dem anarchistischen CafĂ© Malobeo, der Initiative fĂŒr Frieden in Kurdistan (IFK) und vom Dresdner Verein deutsch-kurdischer Begegnungen. Auch Aktivist:innen von Women Defend Rojava, den e*vibes, der GrĂŒnen Jugend Dresden und der Gruppe Rotes Dresden beteiligten sich an Kundgebung und Demonstration.

Einen feierlichen Charakter erhielt die Veranstaltung vor allem durch die kurdischen Lieder und TĂ€nze, die die vielen einzelnen GesprĂ€che um Gesang und Bewegung ergĂ€nzten und so die Stimmung auflockerten.Kurdische Frauen nutzten die Teilnahme, um auf die UnterdrĂŒckung und Gewalt gegen Frauen in Kurdistan und der ganzen Welt hinzuweisen, aber auch um zu feiern, dass Frauen alles schaffen können, wie in Rojava zu sehen sei. Eine Aktivistin des Vereins deutsch-kurdischer Begegnungen wies auch auf die UnterstĂŒtzungsangebote fĂŒr Menschen hin, die in Dresden ankommen und die ihnen das Leben hier und die Integration erleichtern sollen. Eine Gruppe junger Menschen prĂ€sentierte ihre erste Ausgabe der The Queer Agenda, ein queerfeministisches Zine aus Dresden, und rief zur Einsendung von Texten fĂŒr kĂŒnftige Ausgaben auf. 

Ab 16 Uhr hielten Aktivst:innen der AG Feministische KĂ€mpfe der FAU Dresden und des feministisches Kollektivs Colectiva feminista de Abya Yala die ersten RedebeitrĂ€ge. Das Kollektiv hatte sich genau vor einem Jahr an gleicher Stelle gegrĂŒndet und rief dazu auf, den Tag zu nutzen, um zusammen zu feiern und gegen das unterdrĂŒckerische System zu kĂ€mpfen. Da diese UnterdrĂŒckung aber nicht alle in gleichem Ausmaß betreffe, solle SolidaritĂ€t auch heißen, die eigenen Privilegien zu ĂŒberprĂŒfen und dekolonialistische, antirassistische und antiklassistische Überzeugungen zu entwickeln. Die FAU verwies auf den Zusammenhang von Patriarchat und Kapitalismus, der zu Vereinzelung, Ausbeutung und extremer Benachteiligung verschiedener Menschengruppen fĂŒhre. Zudem forderte die Gewerkschaft neben einer ArbeitszeitverkĂŒrzung auf maximal 20 Stunden pro Woche bei vollem Lohn, eine umfassende Selbstbestimmung und die Auseinandersetzung mit feministischen Utopien. 

Abschließend wurde zur Selbstorganisierung und zu kollektiven Widerstandsformen aufgerufen, egal ob in Gewerkschaften oder außerhalb. Der feministische Streik, der am 8. MĂ€rz gefordert und gelebt wird, sollte dabei als Anfang einer großen VerĂ€nderung verstanden werden, der alle Bereiche der Gesellschaft umfassen sollte, um ein Zusammenleben ohne Ausbeutung und jegliche Form von Herrschaft zu ermöglichen.

Nach dem Ende der Auftaktkundgebung startete die etwa 500 Menschen umfassende Demonstration auf dem Carolaplatz. Über die CarolabrĂŒcke fĂŒhrte die Route auf die St. Petersburger Straße. den Dr. KĂŒlz-Ring bis zum Postplatz fĂŒr eine Zwischenkundgebung. Auf dem Weg begleiteten Musik und bekannte feministische Sprechchöre wie „Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat!“ oder „Ehe, KĂŒche, Vaterland – Unsere Antwort Widerstand!“ die Demonstration lautstark. Wie bereits am Treffpunkt an der Elbe waren es auch hier Kurd:innen, die mit Fahnen, Transparenten und Sprechchören wie „Jin, Jiyan, Azadü“ (Frauen, Leben, Freiheit) die Veranstaltung wesentlich internationaler und vielfĂ€ltiger machten, als sie sonst gewesen wĂ€re.

Auf dem Postplatz sprach eine Person von dem Projekt Queer Pride Dresden anlĂ€sslich des Ukraine-Krieges ĂŒber internationale KĂ€mpfe queerer Menschen. Statt dieses Jahr das 10-jĂ€hrige JubilĂ€um der Kiew-Pride feiern zu können, werden Verteidigungsmaßnahmen vor Ort aufgebaut und trans Frauen dabei unterstĂŒtzt, ausreisen zu dĂŒrfen. Aufgrund des neuen Krieges in Europa, der gerade alle Ukrainer:innen in Gefahr bringt, wurde zu queerer SolidaritĂ€t mit den Menschen in der Ukraine aufgerufen und ein Ende von Diskriminierung, Ausbeutung und Krieg gefordert.

Das PhĂ€nomen der so bezeichneten Vergewaltigungskultur wurde in einem Redebeitrag der Gruppe Gleiche Brust fĂŒr Alle thematisiert. Der sexistische und sexualisierte Umgang mit Frauenkörpern als allgegenwĂ€rtiges Dekorationsobjekt wurde ebenso kritisiert, wie der Widerspruch zwischen dieser Dauersexualisierung und der vorherrschenden Zensur weiblicher BrĂŒste in digitalen Medien. Bei einem selbstbestimmten Umgang mit dem eigenen Körper, beispielsweise wenn weibliche BrĂŒste in der Öffentlichkeit gezeigt werden, drohe sogar staatliche Repression. Das Beispiel einer jungen Frau, die von der Polizei aufgefordert wurde, ihre BrĂŒste zu bedecken, als sie sich sonnte, verdeutlichte genau diese sexistische Beziehung zu weiblichen BrĂŒsten, die dann nicht mehr erwĂŒnscht sind, wenn sie weder einem kapitalistischen Verwertungscharakter zur Generierung von Profit unterworfen sind, noch der sexuellen BedĂŒrfnisbefriedigung dienen.

Danach lief die Demonstration weiter ĂŒber die AugustusbrĂŒcke zur Abschlusskundgebung auf dem NeustĂ€dter Markt, wo die letzten beiden RedebeitrĂ€ge von Women Defend Rojava und einer Aktivistin aus dem Heibo den bunten Protest abschlossen. Der Heibo steht dabei als AbkĂŒrzung fĂŒr den Heidebogen, ein Waldgebiet bei Ottendorf-Okrilla, in dem eine Gruppe junger Menschen wohnt, um die Zerstörung von ĂŒber 900 Hektar WaldflĂ€che fĂŒr einen geplanten Kiestagebau zu verhindern. 

Eine Waldbesetzerin betonte in ihrem Beitrag die zwingenden ZusammenhĂ€nge von Patriarchat und Klimakrise. Feminismus und Ökologie mĂŒssten verbunden werden, um eine nachhaltige Zukunft fĂŒr Alle zu ermöglichen. Nicht der Verweis auf kĂŒnftige technologische Erfindungen seien Teil der Lösung, sondern vielmehr Teil des Problems und einer Denkweise, die erst zu der aktuellen, globalen, ökologischen Katastrophe gefĂŒhrt hat. Denn statt mit der Natur zu leben, ohne die kein Gegenstand und Menschenleben existieren wĂŒrde, wird sie im kapitalistischen Streben nach Wachstum der totalen Verwertung und Ausbeutung fĂŒr den sogenannten Fortschritt preisgegeben, was inzwischen die Lebensgrundlagen aller Lebewesen auf unserem Planeten bedrohe. Eine Ă€hnlich umfassende Perspektive wurde zum Schluss fĂŒr die Revolution in Rojava thematisiert, indem feministische KĂ€mpfe auch immer antirassistisch und antikapitalistisch gegen Staaten, Regierungen und MilitĂ€rs ausgerichtet sein sollten. 

Als die Sonne untergegangen und das Tageslicht von der Straßenbeleuchtung abgelöst wurde, tanzten einige der verbliebenen Teilnehmer:innen zur Musik aus den Lautsprecherwagenboxen noch ein bisschen weiter. Sie setzten damit auch in Dresden ein Zeichen dafĂŒr, dass der feministische Streik an diesem Nachmittag mit seinen zahlreichen kĂ€mpferischen Botschaften, Forderungen und Reden auch zeitgleich ein fröhlicher Protest war, bei dem fĂŒr ein anderes, solidarisches Zusammenleben nicht nur zusammen gekĂ€mpft, sondern auch zusammen gefeiert werden sollte.

Bilderquelle: Arbeiter:innenfotografie Dresden




Quelle: Fau.org