MĂ€rz 19, 2021
Von Kollektiv.26 Autonome Gruppe Ulm
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Seit Herbst letzten Jahres ist die Debatte um den Neubau der AdenauerbrĂŒcke in Ulm lauter geworden. Die Bundesstraßen-BrĂŒcke ist marode und muss renoviert werden. Das Bauvorhaben wird als grĂ¶ĂŸtes Infrastrukturprojekt der Region in den nĂ€chsten Jahren bezeichnet.

Die Diskussion dreht sich um die Frage: Sechs Fahrspuren wie bisher? Oder acht Fahrspuren? Immer wieder zu beobachten ist, wie dabei bizzarste Scheinargumente fĂŒr den achtspurigen Ausbau gebracht werden, um den Ausbau als nachhaltiges Projekt fĂŒr Verkehr und Umwelt zu verkaufen.

Aber genau das ist es nunmal nicht.

Die Stadt Ulm von den an der Planung beteiligten Behörden betreiben seit Monaten eine PR Kampagne u.a. mit stundenlangen Videos. Es wird dabei immer wieder ein unehrliches Framing betrieben:

  1. Die BrĂŒcke ist marode, also muss sie repariert werden.
  2. Wenn wir sie schon reparieren, wollen wir ja alle die bestmögliche Option und Funktion.
  3. Die beste Option sind acht Spuren. Weil sie neue ÖPNV Möglichkeiten bietet, weniger Kosten verursacht, eine bessere Fuß- und Radweg sowie Verkehrslage ermöglichen soll.

Die dritte Aussage ist nicht mehr als eine Behauptung. Die Einzelargumente hören sich schön an, dienen aber nur dem Zweck die achtspurige BrĂŒcke als beste Option zu prĂ€sentieren, die sie nicht ist. 

Aber schauen wir uns mal die einzelnen Argumente an:

Argument 1: Mehr Spuren = neue Möglichkeiten fĂŒr ÖPNV

Immer wieder wird betont, dass eine grĂ¶ĂŸere BrĂŒcke fĂŒr den ÖPNV genutzt werden könnte. Es wird so getan, als ob ganze Spuren fĂŒr Bus oder Straßenbahn genutzt werden könnten. Dies sind  alles nur theoretische Möglichkeiten, Anfragen im Landtag zeigen deutlich: Es ist weder eine ÖPNV Spur noch der Bau einer Straßenbahn vorgesehen.

Das Argument ist also nicht mehr als ein schön klingender Satz. Eine konkrete Umsetzung ist nicht geplant. Im Gegenteil es gibt Gutachten, die zeigen, dass eine Straßenbahn dort keinen Sinn ergibt.

Argument 2: Mehr Spuren = billiger

Besonders die Stadt Ulm argumentiert immer wieder ein achtspuriger Ausbau sei kostengĂŒnstiger, da der Bund dann den Schallschutz ĂŒbernĂ€hme. Das ist ein offensichtlich Scheinargument. NatĂŒrlich wĂ€re ein achtspuriger Ausbau teurer am Ende des Tages. Er bedeutet eine wesentlich grĂ¶ĂŸere BrĂŒcke, mehr Material, lĂ€ngere Bauzeit und so weiter.
Es geht hier lediglich darum wer, wieviel zahlt. Stadt, Land oder Bund.

Das mag fĂŒr die Kommunen und Behörden relevant sein. Am Ende zahlen wir es alle aus unseren Steuern, egal was kommt. Und eine grĂ¶ĂŸere BrĂŒcke kostet mehr, was fĂŒr eine Überraschung. 

Argument 3: Mehr Spuren = irgendwie bessere Geh- und Radwege

Auch immer wieder betont wird, wie Geh- und Radwege angelegt werden, die eine super nachhaltige Verbindung zwischen Ulm und Neu-Ulm bieten. Dabei gibt es schon keine 30 Meter von der Adenauer BrĂŒcke entfernt eine Fuß- und FahrradbrĂŒcke.

Selbst wenn sie eine kleine Verbesserung bedeuten könnten, ist der Bau von Geh- und Radwegen unabhĂ€ngig von der Frage sechs- oder achtspurig.

Im ursprĂŒnglichen Bau der AdenauerbrĂŒcke in den 50er Jahren war ĂŒbrigens auch ein breiter Fuß- und Radweg angelegt. Der wurde 1972 in zwei weitere Autospuren umgewandelt.

Argument 4: Mehr Spuren = irgendwie bessere Verkehrslage?

Hier kursieren verschiedene teils wiedersprĂŒchliche Aussagen. Auf der einen Seite wird gesagt, es soll nicht mehr Verkehr angezogen werden. Auf der anderen Seite werden irgendwelche Progonosen, die steigenden Verkehr anzeigen, ausgegraben. Dabei wird zugegeben, dass eigentlich sechs Spuren ausreichen:

„Die Frage ob sechs oder acht Streifen auf der Adenauer BrĂŒcke realisiert werden, hat nichts damit zu tun, ob zukĂŒnftige Verkehrsmengen aufgenommen werden können oder nicht. Auch sechs Spuren, das ist nachgewiesen, sind ausreichend leistungsfĂ€hig um den Verkehr, auch den zukĂŒnftigen Verkehr und prognostizierten Verkehr ausreichend leistungsfĂ€hig abzudecken.“

– BaubĂŒrgermeister von Witting am 03.03.21

All das ist irrelevant, wenn man sich die PlĂ€ne genauer anschaut. Denn ein achtspuriger Ausbau beeinflußt nicht direkt die KapazitĂ€t der Bundesstraße, sondern dient ausschließlich der InnenstĂ€dtischen Verbindung zwischen Ulm und Neu-Ulm. Es geht gar nicht um ĂŒberregionalen Verkehr sondern lokalen. Und genau dieser Verkehr ist abschaffbar mit ÖPNV und Fahrradstrukturen.

Fazit – Ganz viel grĂŒne Farbe um den Beton zu verstecken

Das ganze zeigt wunderbar, wie Politik mit Gesellschaft kommuniziert. Hier wird versucht ein Autoprojekt, das mental aus dem letzten Jahrhundert stammt, als nachhaltiges Verkehrsprojekt zu verkaufen. Es werden Wörter wie KlimaneutralitĂ€t, Umweltschutz, Nachhaltigkeit rauf und runter gebetet. Aber völlig ohne Inhalt – kurz gesagt: greenwashing.

Das Bauprojekt wĂŒrde dafĂŒr sorgen, dass 56 BĂ€ume gefĂ€llt werden, in einer der wenigen innenstĂ€dtischen Parks den Ehinger Anlagen. Vor ein paar Monaten hieß es ĂŒbrigens noch 13 BĂ€ume, komisch. Es wird bis zu 26 Millionen Euro kosten. Es wird mehrere Jahre eine Großbaustelle sein und wir wissen ja wie zuverlĂ€ssig Großbaustellen in diesem Land sind.

Mehrere Gruppen wie der BUND, die Critical Mass, Klimacamp oder Friday for Future sind seit Jahren in Ulm aktiv. Sie veranstalteten Klimacamps, Diskussionen und die grĂ¶ĂŸten Demonstrationen Ulms des letzten Jahrzehnts. Die Stadt und die Baubhörden zeigen mit ihrer Rethorik, dass sie mitbekommen hat, dass das Klima vielen wichtig ist. Doch mit ihrem unehrlichen Argumentationsmuster zeigt sie auch deutlich, was sie von dem Themenkomplex KlimaneutralitĂ€t oder nachhaltigen Verkehr halten: Nichts.

Wir leben in einer Stadt, in der Samstags kostenloser ÖPNV eingefĂŒhrt wurde, nur um mehr UmstĂ€tze in der Innenstadt zu erzielen und nicht um den Autoverkehr abzubauen.

Wir leben in einer Stadt, in der als erstes Fahrradwege und Obdachlosenprojekte vorgeschlagen werden, wenn darĂŒber nachgedacht wird, was im Haushalt eingespart werden könnte.

Wir leben in einer Stadt, die sich grĂŒn und bunt anzumalen versucht, aber im Kern seit Jahrzehnten in der mentalen Einstellung des Namensgeber der BrĂŒcke verkrampft ist:

Wirtschaftswachstum und mehr Profite ĂŒber alles. Im Zweifel auch auf Kosten unserer aller Zukunft.

„Wir halten die Straße noch fĂŒr einen sehr langen Zeitraum, außer die Gesellschaft Ă€ndert sich sehr grundsĂ€tzlich, fĂŒr sehr sehr relevant.“ – BaubĂŒrgermeister von Witting am 03.03.21

Dann wissen wir wohl, was wir alle zu tun haben


“ Die IrreversiblilitĂ€t der VerĂ€nderung ökologischer Systeme in ihrer Regenaration ist, glaube ich, einfach noch nicht begriffen worden.“

– Prof. Dr. Göpel




Quelle: Kollektiv26.blackblogs.org