August 16, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Die Geschwindigkeit, mit der die Taliban Afghanistan noch vor dem Ende des Abzuges der USA zurĂŒckerobert haben, zeigt, wie zerbrechlich die Hegemonie des US-Imperiums ist: wie viel Zwangsgewalt es braucht, um sich aufrecht zu erhalten und wie schnell sich alles Ă€ndern kann, wenn diese Gewalt abgezogen wird. Dadurch wird ein Blick in eine mögliche post-imperiale Zukunft möglich — wenn auch kaum in eine vielversprechende. Wie hat sich die Besatzung auf die Menschen in Afghanistan ausgewirkt? Warum konnten die Taliban so schnell so viel Territorium zurĂŒckerobern? Was sagen uns der RĂŒckzug der USA und seine Folgen ĂŒber die Zukunft und wie wir uns darauf vorbereiten können?

Wie schon der Kalte Krieg zuvor hat der Krieg gegen den Terror hat ganze Bevölkerungen dazu gezwungen, sich zwischen zwei nicht wĂŒnschenswerten Alternativen zu entscheiden. Dadurch wurde es schwierig, sich eine Alternative zwischen globalen kapitalistischen Imperien und einheimischem Autoritarismus vorzustellen. Was auch immer er verspricht: Auf lange Sicht kann der koloniale Militarismus Nationalismus, Faschismus oder Fundamentalismus nicht kontrollieren — er gibt ihnen nur eine Rechtfertigung, zu rekrutieren. Die Frage ist, wie man globale Basisnetzwerke aufbaut, die eine echte Alternative schaffen können.

In der folgenden Analyse diskutiert ein Veteran der US-Besatzung Afghanistans diese Niederlage fĂŒr das imperiale Projekt der USA — und stellt die Taliban, die Besatzung und ihre Folgen in den Kontext einer weltweiten Welle des Faschismus und Fundamentalismus, die auch in den Vereinigten Staaten an Boden gewinnt.

Der Sieg der Taliban im globalen Kontext

WĂ€hrend ich dies schreibe, haben die Taliban die Kontrolle ĂŒber Kabul und damit ĂŒber das gesamte Land Afghanistan ĂŒbernommen. Der von den USA unterstĂŒtzte PrĂ€sident Ashraf Ghani ist nach Tadschikistan geflohen, wĂ€hrend Mitglieder der afghanischen Armee in NachbarlĂ€nder fliehen oder sich den Taliban-KĂ€mpfern ergeben. Noch vor wenigen Tagen sagten US-Geheimdienstler voraus, dass es mindestens 30 Tage bis zum Fall von Kabul dauern wĂŒrde, wĂ€hrend PrĂ€sident Biden 5000 US-Soldat_innen zum Schutz der Evakuierung der US-Botschaft und des Personals entsandte. Nun fordert das Außenministerium die verbliebenen US-BĂŒrger_innen auf, sich in Sicherheit zu bringen und nicht fĂŒr eine Notevakuierung zum Flughafen von Kabul zu eilen. WĂ€hrend der Rauch von brennenden Geheimdokumenten und SchĂŒssen einen Dunst ĂŒber dem Horizont von Kabul verbreitet, denkt jeder an den Fall von Saigon an die Nordvietnamesische Armee und die Nationale Befreiungsfront.

Ich kann den Sieg der Taliban nicht feiern. WÀhrend sie gegen eine imperialistische, kapitalistische Besatzung gekÀmpft haben, reprÀsentieren sie das Schlimmste von religiösem Fundamentalismus, Patriarchat und Hierarchie. Dennoch ist es beeindruckend zu sehen, wie der Vorhang herunter gerissen wird und den amerikanischen militÀrischen Sonderfall als das entlarvt, was er ist. Zwanzig Jahre verschwendetes Geld, Jugend und Blut.


Ich bin ein Veteran der Besatzung von Afghanistan. Alles, was ich dir jetzt erzĂ€hle, stammt aus meiner Erfahrung aus erster Hand, als ich dem Imperium zehn Jahre lang als Fußsoldat diente.

Ich bin aus all den GrĂŒnden beigetreten, die du in Rekrutierungsanzeigen gesehen hast. Als Geheimdienstanalyst und Unteroffizier habe ich Teams, Trupps und Einheiten von Soldat_innen geleitet und gefĂŒhrt. Aufgrund meiner Erfahrung mit LuftĂŒberwachung und AufklĂ€rung wurde ich fĂŒr ein RĂŒstungsunternehmen rekrutiert. Zu den Verteidigungsunternehmen, fĂŒr die ich arbeitete, gehörten L3, Boeing und Lockheed Martin. Ich trainierte ĂŒber drei Jahre lang Einheiten in den USA und in Afghanistan und war fĂŒr diese Firmen dreimal in Afghanistan im Einsatz. Ich war auch in Afghanistan Teil des Einsatzteams einer Einheit, die eine der grĂ¶ĂŸten Basen im SĂŒden Afghanistans verwaltete.

Nach dem, was ich gesehen habe, geht es bei den Antiterroroperationen der USA vor allem darum, MĂ€rkte fĂŒr US-MilitĂ€rtechnologien und -produkte zu schaffen und Ressourcen fĂŒr das US-Imperium zu sichern. 20 Jahre lang haben wir lokale und regionale Warlords gestĂŒtzt und ihnen Waffen, Geld und RĂŒstung gegeben, damit sie unsere StreitkrĂ€fte nicht angreifen wĂŒrden. Wir gaben ihren Todesschwadronen grĂŒnes Licht und nannten sie die lokale afghanische Polizei. Ich arbeitete auf der FĂŒhrungsebene und beobachtete, wie sowohl ranghohe Offiziere als auch Nachwuchssoldat_innen sich darum bemĂŒhten, ihren Lebenslauf aufzubessern, in der Hoffnung, als Söldner_in fĂŒr die Firmen und Agenturen arbeiten zu können, die die Show tatsĂ€chlich betrieben. GenerĂ€le machten Karriere und wurden von diesen Firmen oder dem Verteidigungsministerium/Geheimdienst angestellt. Von Syrien und dem Irak bis hin zum Jemen und ganz Afrika, in unseren 800 MilitĂ€rbasen, kenne ich keine einzige militĂ€rische Mission, die hauptsĂ€chlich darauf ausgerichtet ist, Frieden und StabilitĂ€t zu schaffen.

Ich habe viel zu lange daran teilgenommen — und ich möchte Rechenschaft ablegen, auch wenn ich weiß, dass es keinen Weg gibt, wirklich Wiedergutmachung zu leisten.

Es musste erst eine_r meine_r Soldat_innen sterben, um das alles in die richtige Perspektive zu rĂŒcken. Danach begann ich unter den Auswirkungen der CPTSD [Complex Post-Traumatic Stress Disorder — komplexe posttraumatische Belastungsstörung] zu leiden. Die klassischen Merkmale: Alkohol- und Drogenkonsum, der Verlust von Beziehungen, Depressionen, Selbstmordgedanken. Ich begann auch, mir Hilfe zu suchen. Ich schloss mich den Iraq Veterans Against the War an und verband mich mit aktuellen und ehemaligen Soldat_innen, die gegen den US-Imperialismus kĂ€mpfen. Mit Informationen von der GI Rights Hotline konnte ich die Army Reserves verlassen. Ich begann einen Prozess der Politisierung, in dem ich ĂŒber Militarismus, Imperialismus, Kolonialismus und weiße Vorherrschaft lernte.

Jetzt, wo die Besatzung beendet ist, wird eine ganze Generation von US-MilitĂ€rveteran_innen gezwungen sein, sich zu fragen, wofĂŒr das alles war. Alles, was ich tun kann, ist zu fragen, warum sie so lange gebraucht haben, um zu dieser Frage zu kommen. Es war immer offensichtlich, ĂŒberall um uns herum.

Das sind Älteste aus dem Distrikt Panjwai in der Provinz Helmand — dem Distrikt, in dem das Massaker von Kandahar stattfand. Dieses Kind kam mit seinem Vater, um eine Klage gegen die USA einzureichen, weil sie ihre Farmen fĂŒr den Bau einer Basis nutzten. Sie fuhren monatelang jede Woche dorthin — sie hatten ihre Brunnen, ObstgĂ€rten und Lebensgrundlagen verloren. Unsere Basis war die einzige in ganz SĂŒdafghanistan, die „auslĂ€ndische Forderungen“ zuließ, also AntrĂ€ge auf EntschĂ€digung fĂŒr Leben, Land oder Eigentum, das von den USA zerstört wurde. Der Junge muss jetzt Mitte zwanzig sein. Jede_r Nutznießer_in der US-Besatzung muss herausfinden, was es bedeutet, in echter SolidaritĂ€t mit den Menschen zu handeln, die die Auswirkungen der Besatzung erfahren haben.

WĂ€hrend meiner Zeit in Afghanistan haben wir nie ein Gebiet außerhalb unserer Basen und Außenposten kontrolliert — und wir fanden den Feind oft innerhalb unserer eigenen Mauern. Die Taliban fĂŒhrten zwanzig Jahre lang eine erfolgreiche AufstandsbekĂ€mpfung durch. Sie unterhielten eine Schattenregierung, trieben Steuern ein, schlichteten soziale, kulturelle und wirtschaftliche Streitigkeiten, manövrierten und eroberten Territorien und warteten die ganze Zeit ab.

Warum war es den Taliban möglich, die Besatzung abzuwarten und die Macht so leicht zurĂŒckzuerobern?

Die Taliban profitierten von den Stammes- und ethnischen Strukturen Afghanistans, einem komplexen Geflecht aus LoyalitĂ€ten und sozialen und kulturellen Bindungen, das die US/NATO-Truppen nie ganz verstehen konnten. Afghanistan wurde, wie andere Nationalstaaten des ehemaligen Britischen Imperiums, ohne RĂŒcksicht auf ethnische und religiöse Demographien geschaffen. Das Ergebnis war eine Bevölkerung, die sich aus Paschtun_innen, Tadschik_innen, Hazara, Usbek_innen, Aimak, Turkmen_innen und Belutsch_innen zusammensetzte — Gruppen mit einer großen Bandbreite an Kulturen und BrĂ€uchen. Einigen fiel es leicht, sich mit der NATO zu verbĂŒnden, wĂ€hrend andere sie strikt ablehnten.

Die Taliban waren fast ausschließlich Paschtu — die dominierende ethnische Gruppe Afghanistans, die 40 bis 50% der Bevölkerung ausmacht. Die Paschtu leben auf beiden Seiten der afghanischen Grenze zu Pakistan und entlang des sĂŒdlichen Teils des Landes. Ihre sozialen Verbindungen und Traditionen reichen ĂŒber die kolonialen Grenzen des Landes hinaus, was es ihnen leicht macht, sich zwischen sicheren Zufluchtsorten in Pakistan zu bewegen und dabei eine LĂŒcke in der militĂ€rischen Kontrolle der NATO auszunutzen.

Wenn ich ĂŒber die vielen Momente nachdenke, die verdeutlichten, warum der Krieg sinnlos war, erinnere ich mich an meine Zeit auf dem Kandahar Airfield, einer Basis, die mindestens 22.000 Soldat_innen, Dienstleister_innen und Zivilist_innen beherbergt. Dort erfuhr ich, dass der Schattenbezirkskommandeur der Taliban der Schwager des amtierenden Generals der afghanischen Luftwaffe war. In Anbetracht der Bedeutung von Stammes- und Familienbeziehungen in der paschtuischen Kultur war es offensichtlich, dass die LoyalitĂ€t des Generals gegenĂŒber der von der NATO unterstĂŒtzten Regierung niemals Vorrang vor dieser Beziehung haben wĂŒrde. Die Verbindungen zwischen diesen beiden Warlords, auch wenn sie formell als feindliche KĂ€mpfer galten, stellten sicher, dass keiner den anderen zu besiegen versuchen wĂŒrde. Diese Art der Verbindung zwischen vermeintlichen Feinden ist mir mehrfach begegnet, von meinen Interaktionen mit normalen BĂŒrger_innen bis hin zum damals amtierenden afghanischen PrĂ€sidenten Hamid Karzai.

Auch die Taliban sorgten fĂŒr Menschen. Die LegitimitĂ€t der Taliban ist in ihrer FĂ€higkeit verwurzelt, Schutz und religiöse FĂŒhrung zu bieten, lange vor der US-Invasion. Ihre Mullahs regelten soziale, kulturelle und wirtschaftliche Streitigkeiten in den Gebieten, die unter ihrer Kontrolle standen. Sie trieben Steuern ein und kontrollierten die Landwirtschaft wĂ€hrend des gesamten Krieges. Sie fĂŒhrten auch Akte extremer Gewalt aus, wodurch sie in Gebieten Fuß fassen konnten, die sie vor dem Krieg nicht kontrolliert hatten.

Die US-Besatzung hat es zwanzig Jahre nicht geschafft, den Widerstand der Taliban zu schwĂ€chen, weil es nie eine Zeit gab, in der die Mehrheit der Bevölkerung die Besatzungstruppen als legitim ansah. Bomben und Kugeln allein sind nicht in der Lage, einen Krieg gegen eine entschlossene Bevölkerung zu gewinnen. Im Gegensatz dazu waren die von den USA unterstĂŒtzte Regierung und das MilitĂ€r durch und durch eigennĂŒtzig und korrupt. HauptsĂ€chlich durch persönlichen Gewinn motiviert, kĂ€mpften die NATO-Truppen ihre Schlachten auf der Basis von Metriken — sie waren mehr um die Anzahl der Projekte, der Opfer, um ausgegebenes oder gespartes Geld besorgt. Da sie nur relativ kurze Zeit im Land verbrachten, waren sie nie in der Lage, Vertrauen oder Respekt aufzubauen. StĂ€ndig tauchten neue Einheiten und neue Leute auf, die keine Ahnung hatten, wo sie sich befanden oder was vorher gemacht worden war. Dieser Mangel an Respekt war so essentiell fĂŒr den Aufstand, dass wĂ€hrend eines Einsatzes im Jahr 2012 Insider-Angriffe (Angriffe von afghanischen RegierungskrĂ€ften gegen NATO-Truppen) ĂŒber 14% der gesamten Opfer ausmachten.

Am Ende waren die Taliban in der Lage, die Kontrolle zu ĂŒbernehmen, weil sie verstanden haben, dass es in einem Kampf gegen koloniale Besatzung wesentlich darauf ankommt, einen ZermĂŒrbungskrieg zu ĂŒberleben. Zwanzig Jahre lang, in denen sie die IneffektivitĂ€t einer korrupten, von der NATO unterstĂŒtzten Regierung demonstrierten, hielten sie die normativen und hierarchischen Kontrollsysteme aufrecht, die sie vor der US-Invasion errichtet hatten.

Aber der Fundamentalismus der Taliban war nicht wesentlich fĂŒr ihren Erfolg. Imperien zerbröckeln von ihren ExtremitĂ€ten nach innen: Der US-RĂŒckzug aus Afghanistan ist Teil eines grĂ¶ĂŸeren Prozesses, in dem der geopolitische Einfluss der USA auf der ganzen Welt erodiert. Der chinesische Staat könnte in der Region an Macht gewinnen; wir könnten eskalierende MachtkĂ€mpfe zwischen Indien und Pakistan erleben. Die Frage ist, was als nĂ€chstes kommen wird — in Afghanistan und auf der ganzen Welt.


In diesem Moment der Geschichte sehe ich im Kern des amerikanischen Imperiums eine aufstrebende konservative Bewegung mit vielen Ideen und einer Politik, die den gleichen Fundamentalismus, das Patriarchat und die Hierarchie widerspiegeln, die auch die Taliban charakterisieren. Die Meinungen, die ich vom rechten FlĂŒgel in Bezug auf Frauenkörper, LGBTQIA+-Gemeinschaften, Migrant_innen und allen, die als Außenseiter_innen angesehen werden, gesehen habe, stimmen mit der gewalttĂ€tigen Weltsicht ĂŒberein, die durch die religiösen Lehren der Taliban gerechtfertigt wird.

In den USA verbreitet die autoritĂ€re Rechte einen Mythos der Schande um den amerikanischen Mann — eine Mythologie ĂŒber Austausch, Feminisierung, Niederlage, Kontroll- und Machtverlust. Sie haben diese Mythologie seit Jahren entwickelt, und die Niederlage in Afghanistan wird nur Öl ins Feuer gießen. Die Gewalt und der Hass, den wir in den Straßen durch jahrelange faschistische Mobilisierungen gesehen haben, ist die direkte Folge einer Nation, die die LĂŒgen eines verlorenen Krieges verherrlicht hat. „Patrioten“ und Proud Boys, die Right Wing Death Squad AufnĂ€her tragen, sind nicht weit von den Todesschwadronen des Taliban-Fundamentalismus entfernt.

Ich habe gesehen, wie Liberale mit der imperialen Kriegsmaschinerie im Gleichschritt gegangen sind. Was ihre Ideen ĂŒber Militarismus und Polizei angeht, stehen sie Seite an Seite mit der faschistischen Rechten — und ungeachtet ihres ProgressivitĂ€t haben sie nichts getan, um echte Sicherheit fĂŒr unsere Gemeinschaften zu schaffen. Es ist aufschlussreich, dass zwei republikanische und zwei demokratische PrĂ€sidenten diesen Krieg beaufsichtigt haben. Eine Regierung nach der anderen hat die Macht der Exekutive erweitert, wĂ€hrend die Verteidigungs- und Sicherheitsbudgets der letzten zwei Jahrzehnte unsere Gemeinden ausbluten ließen.

Die USA haben Billionen von Dollar fĂŒr Waffen ausgegeben. Viele davon sind in den HĂ€nden der Taliban und ISIS gelandet; andere wurden zurĂŒckgebracht und gegen Gemeinschaften in Nordamerika eingesetzt, besonders gegen Schwarze und Braune und Indigene. Die Proletarier_innen, die Polizeistationen abfackelten und die Straßenschlachten eines nicht allzu weit entfernten Aufstandes kĂ€mpften, haben sich mit denselben KrĂ€ften, Strategien, Taktiken und Denkweisen konfrontiert gesehen, die entwickelt wurden, um Afghanistan zu kontrollieren.

Seit einer ganzen Generation wird der Globale Krieg gegen den Terrorismus, der in Afghanistan begann, sowohl ausgebeutet als auch zur Ware gemacht. Menschen, die nie an dem Konflikt teilgenommen haben, haben sich mit Material eingedeckt, um ihre FiebertrĂ€ume von der Kriegskultur auszuleben. Ein ganzer Teil der Bevölkerung hat den giftigen mĂ€nnlichen Todeskult des Patriotismus und Nationalismus verinnerlicht. Jetzt ist diese Fassade entblĂ¶ĂŸt und ich beobachte, wie die IdentitĂ€t dieser Generation, die sich um ihre NĂ€he und Teilnahme am Krieg gebildet hat, um sie herum zerbröckelt. Die Liberalen werden unweigerlich die Konservativen beschuldigen und umgekehrt, wĂ€hrend sich der Prozess der politischen Polarisierung intensiviert und beide Seiten ihre Zukunft in unterschiedliche Arten Autoritarismus suchen – in der Hoffnung, die Illusion von StabilitĂ€t aufrechtzuerhalten.

Wenn der Sieg der Taliban etwas zeigt, dann, dass das amerikanische Imperium ein Kartenhaus ist, das darauf wartet zu fallen. Es ist zu extremer Gewalt fÀhig, zum Töten auf die technologisch fortschrittlichste Weise, die der Menschheit bekannt ist. Es ist zu extremer Grausamkeit fÀhig. Aber es ist dennoch ein Papiertiger, unfÀhig, die Herzen und Köpfe der Menschen zu erobern, unabhÀngig von der IntensitÀt der Intervention oder der LÀnge der Besatzung.

Turtle Island hat ĂŒber 500 Jahre Widerstand gegen die Besatzung erlebt, und unabhĂ€ngig davon, wie viele Jahre noch vor uns liegen, sollte klar sein, dass wir auch gewinnen werden. Die Folgen von Afghanistan werden nicht nur die Niederlage eines korrupten und ungewollten Marionettenregimes sein — sie werden in vielen Bereichen dieses zerfallenden Imperiums in den nĂ€chsten Jahre nachhallen.

Eine ganze Generation von kampferfahrenen Menschen hat auf die harte Tour gelernt, dass unsere Beteiligung an der imperialistischen Herrschaft auf TrugschlĂŒssen beruhte. Wir haben bereits damit begonnen, unser Wissen und unsere Erfahrungen wieder in Gemeinschaften zu investieren, die sich auf tatsĂ€chliche Befreiung konzentrieren.

Aber was wird als nĂ€chstes kommen? Wenn der Sieg der Taliban in Afghanistan ein Hinweis darauf ist, könnte das, was auf das US-Imperium folgt, unterdrĂŒckender Fundamentalismus oder Nationalismus sein. Wir sollten uns fragen, wie wir vorgehen können, um die herrschende Ordnung so zu bekĂ€mpfen, dass sie nicht durch das Äquivalent der Taliban ersetzt wird, wenn sie anderswo zusammenbricht.

Die Feinde unserer Gemeinschaften und der Zukunft, die wir uns wĂŒnschen, haben auch verĂ€rgerte und unzufriedene Veteran_innen der Besatzung aufgesogen. Ihre Wut, die in der oben erwĂ€hnten Schande wurzelt, drĂŒckt sich in Gewalt und nicht in SolidaritĂ€t aus. Sie haben bereits einen Putschversuch unternommen, um ihre autoritĂ€re Vision zu verwirklichen. Die Ereignisse in Afghanistan werden sie weiter motivieren. Wir können damit rechnen, dass ehemalige Soldaten, Special Forces Operators und Söldner gegen ihre vermeintlichen Feinde mobilisieren und einzelne Terrorakte verĂŒben werden. Das ist es, womit wir es zu tun haben.

Die Taliban sind nur die lokale Manifestation einer globalen Welle des Autoritarismus.

Der Klimawandel, die politische Polarisierung, die Wirtschaftskrise, der Zerfall des amerikanischen Imperiums und die schwelenden sozialen Unruhen stehen nicht als einzelne PhĂ€nomene vor uns, sondern als verflochtende Herausforderung, die aus miteinander verbundenen Katastrophen besteht. Wir können uns von den Niederlagen unserer Gegner in der US-Regierung inspirieren lassen und von den Erfolgen derer lernen, die sich ihnen ĂŒberall widersetzen, wĂ€hrend wir einen permanenten Widerstand gegen alle Formen der UnterdrĂŒckung aufrechterhalten. Mein Herz zerbricht an dem Gedanken an die afghanische Bevölkerung, das nun schon seit Generationen unter den Traumata des Krieges leidet. Wir sprechen ĂŒber das Erbe eines Landes und einer vielfĂ€ltigen Bevölkerung, die wiederholt die mĂ€chtigsten Imperien der Weltgeschichte besiegt haben. Ich hoffe, dass sie die Kraft finden, weiterzumachen und letztendlich echte Befreiung, echte Sicherheit zu erreichen. Ich hoffe, dass diejenigen von uns hier in den USA, die sich als Teil einer internationalen Bewegung verstehen, die Kraft finden, im Herzen dieses bösen Imperiums alles zu tun, was nötig ist, um eine neue Welt in den TrĂŒmmern der alten aufzubauen.

Jetzt ist es an der Zeit, den Menschen aus Afghanistan zuzuhören, GeflĂŒchtete zu unterstĂŒtzen, Hilfsorganisationen zu unterstĂŒtzen und diejenigen zu benennen, die fĂŒr die Katastrophe der letzten zwanzig Jahre verantwortlich sind — unsere Herzen fĂŒr neue Möglichkeiten und neue potentielle Kompliz_innen zu öffnen — die FĂ€higkeiten und Denkweisen zu entwickeln, die uns sicher machen, wenn wir ins Unbekannte vorstoßen.

Wenn du oder deine Familienmitglieder derzeit im US-MilitĂ€r dienen, kontaktiere bitte die GI Rights Hotline unter 1-877-447-4487 oder entferne dich einfach unerlaubt der Truppe. Es gibt keinen Grund, im Dienst einer gewalttĂ€tigen Organisation fĂŒr Waffen- und RĂŒstungskonzerne zu bleiben. Es gibt keinen Grund, fĂŒr ihren Vorteil zu sterben, und es gibt absolut keinen Grund, den Armen der Welt das anzutun, was wir gerade die letzten zwei Jahrzehnte mit den Menschen in Afghanistan gemacht haben.

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Quelle: Schwarzerpfeil.de