Juli 15, 2021
Von InfoRiot
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GeflĂŒchtete: Ahnungslos beim Menschenhandel

Foto: dpa | Mohssen Assanimoghaddam

Brandenburgs Landesregierung sei nicht in der Lage, Kinder und Jugendliche zu identifizieren und somit zu schĂŒtzen, die Opfer von Menschenhandel geworden sind, kritisiert der Bundesfachverband Unbegleitete MinderjĂ€hrige FlĂŒchtlinge e.V. Das gehe aus einer Antwort des Jugendministeriums auf eine Parlamentarische Anfrage der Linken hervor, die auch »nd« vorliegt. »Die Antwort ist alarmierend«, sagt Paul Stieber vom Bundesfachverband. »Laut dem zustĂ€ndigen Ministerium werden keine Daten zu möglichen minderjĂ€hrigen Opfern von Menschenhandel erfasst.« Das bedeute aber nicht, dass das Problem nicht existiert, so Stieber weiter. »Mitten in Deutschland werden Kinder und Jugendliche Opfer von Menschenhandel und niemand schaut hin.«

Medien hatten in diesem Zusammenhang ĂŒber vietnamesische Betroffene berichtet. Dem Fachverband liegen auch Hinweise vor, dass Menschenhandel bei Kindern und Jugendlichen aus dem russischen Sprachraum vorliegen könnte. Bisher ist das ein Verdacht, weil polizeiliche Ermittlungen, sofern es welche gibt, zu unterschiedlichen Auffassungen kommen.

Junge Vietnames*innen kommen in der Regel freiwillig nach Europa, ausgestattet mit dem Auftrag ihrer dort zurĂŒckgelassenen Familie, fĂŒr sie Geld zu verdienen. Sie zahlen sogar hohe BetrĂ€ge an Schlepperorganisationen, weil es sonst gar nicht möglich wĂ€re, in die Festung Europa zu kommen. Was dann passiert, ist unterschiedlich: Einige schreiben Erfolgsgeschichten wie der heute 33-jĂ€hrige Gastronom Van Tuyen Pham. Der Inhaber der Restaurantkette »Umami« in Berlin war mit 14 Jahren als unbegleiteter FlĂŒchtling nach Berlin gekommen. Er kam in einer Pflegefamilie unter, machte den Schulabschluss, arbeitete neben der Schule als TellerwĂ€scher und eröffnete vor neun Jahren sein erstes eigenes Restaurant. Von den Gewinnen seiner inzwischen sechs Restaurants unterstĂŒtzt der glĂ€ubige Katholik soziale Projekte in Vietnam sowie der katholischen Kirche in Deutschland.

Andere landen in ausbeuterischen ArbeitsverhĂ€ltnissen, mĂŒssen beispielsweise fĂŒr drei Euro pro Stunde in vietnamesischen LĂ€den Regale einrĂ€umen, oder sie betreuen fĂŒr wenig Geld Kinder vietnamesischer Familien. Die Polizei kennt auch FĂ€lle in Berlin, wo MĂ€dchen gegen ihren Willen in der Prostitution landen. Unklar ist allerdings, ob sie minderjĂ€hrig sind. Wieder andere verschwinden mit unbekanntem Ziel aus Jugendhilfeeinrichtungen und wandern – freiwillig oder nicht – weiter nach Großbritannien, wo sie in Nagelstudios oder auf Cannabis-Indoor-Plantagen das große Geld machen wollen.

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Sofern Menschenhandel vorliegt, egal, ob die Opfer minderjĂ€hrig oder erwachsen sind, können die Behörden die Opfer nicht einfach nur abschieben. Sie mĂŒssten ihnen Schutz bieten. Das Brandenburger Jugendministerium schreibt aber, die Strafverfolgungsstatistik weise fĂŒr 2018 und 2019 keine Verurteilungen wegen Menschenhandels mit MinderjĂ€hrigen auf. Justiz, Polizei und JugendĂ€mter wĂŒrden seit 2018 zu diesem PhĂ€nomen geschult. Die Behörden in Brandenburg fĂŒhrten jedoch keinerlei Statistik, wie viele Kinder und Jugendliche aus Hilfseinrichtungen verschwinden, woher sie stammen und ob sie durch Straftaten auffielen, die auf ein AusbeutungsverhĂ€ltnis hinweisen könnten.

Barbara Eritt vom katholischen Verband In Via, der sich um von Menschenhandel betroffene Frauen kĂŒmmert, sagt: »In Brandenburg ist das PhĂ€nomen des Handels mit Kindern im öffentlichen Diskurs nicht angekommen«, auch nicht in der Politik. Dabei sei belegt, dass die Pandemie zu einer Zunahme von Gewalt gegen Kinder fĂŒhre. Sie fĂŒrchtet, dass MissbrauchsfĂ€lle vermehrt verdeckt ablaufen wĂŒrden, sagt aber auch: Genaue Erkenntnisse lĂ€gen nicht vor.

Auch die jugendpolitische Sprecherin der Linken, Isabelle Vandre, kritisiert die Landesregierung. »Das große Problem ist die Ahnungslosigkeit der Behörden. Wir mĂŒssen den Bereich der Spekulationen verlassen und die Fakten kennen.« Schulungen von Polizei, Justiz und JugendĂ€mtern reichen ihrer Meinung nach nicht aus. »Wir mĂŒssen nachverfolgen können, woher die Kinder nach Brandenburg kommen und wohin sie verschwinden.« Das Jugendministerium reagierte zunĂ€chst nicht auf die Bitte von »nd« um eine Stellungnahme.




Quelle: Inforiot.de