Februar 13, 2021
Von Anarchistische Bibliothek
272 ansichten


Einleitung zur zweiten Ausgabe

Die in diesem Buch enthaltene Idee, einfach und leicht verstÀndlich, von einer informellen Organisation, die antiautoritÀre GefÀhrten und Gruppen auf internationaler Ebene, eben auf informelle Weise, zusammenbringt, ist in der Praxis nicht auf den Erfolg von Beteiligung und Vertiefung gestossen, den sie verdient hÀtte.

Sich zu fragen weshalb ist vergebliche rhetorische Übung.

Die Zeiten sind noch nicht reif.

Ich fĂŒge dieser zweiten Ausgabe die Transkription der Tonbandaufnahme meiner RedebeitrĂ€ge am Treffen von Velletri vom Dezember 2000 an, welche dem fraglichen Argument gewidmet sind.

Auch diese Gelegenheit kann als gescheitert betrachtet werden.

Triest, 25. Oktober 2007

Alfredo M. Bonanno

Einleitung zur ersten Ausgabe

Der Gedanke an eine Reihe von stabilen Beziehungen unter GefĂ€hrten im Bereich des Mittelmeerbeckens, als wesentlicher Kern, um in Richtung von einer möglichen kĂŒnftigen grösseren Ausdehnung auszugehen, auch jenseits der anfĂ€nglichen geographischen Grenzen, war ein seit langen Jahren gehegter Traum.

Nicht irgendein organisatorischer Fetisch, irgendein krĂ€ftiges und hochtrabendes Sigel, das wie eine Vogelscheuche die ĂŒbel gesinnten Repressoren fernhalten und die reinen GemĂŒter der Anarchisten, danach verlangend, sich kennenzulernen, anziehen wĂŒrde, sondern etwas Konkretes, Reales, fĂ€hig, ĂŒber die formellen, oder, wenn man es bevorzugt, Fahnen-Aspekte hinaus zu gehen, um das Problem zu essentialisieren.

Versuche in diese Richtung hat es viele gegeben, alle beseelt von einer breiteren, allgemeineren Perspektive, jene, die in der Regel die Treffen unter GefÀhrten auf internationaler Ebene nÀhrt, eine wichtige Bekanntschaft, um, auf direkte Weise, in Besitz von jenen Nachrichten zu gelangen, die nur besitzt, wer an einem bestimmten Ort wohnt. Die repressiven Aspekte, meist, viel weniger auch die Kampfinitiativen, diese letzteren verstanden im prÀzisen Sinne des Wortes, also wenn wir es sind, wir selber, die das Spiel in die Hand nehmen und es auf unsere Weise spielen.

Auch wenn ich mir die Wichtigkeit dieser informativen Interessen und der Anstrengungen nicht verberge, die wir alle gemacht haben, und weiterhin machen, um sie zu entwickeln, auch wenn ich das Erfordernis teile, so viel Material wie möglich in diesem Sinne in Umlauf zu bringen, sodass man weiss, was in den verschiedenen LÀndern passiert, in denen es GefÀhrten gibt, mit denen man in Kontakt ist, so besteht kein Zweifel daran, dass diese fundamentale TÀtigkeit nicht alles ist, was getan werden kann.

Beim Stand der Dinge, so unglaublich es auch scheinen mag, existiert ein dichtes Netz aus BlĂ€ttern und BlĂ€ttchen, aus Zeitungen und Zeitschriften, ein Netz reich an Nachrichten, meist in Bezug auf die Repression, aber auch einige direkte Angriffe gegen die konkreten Verantwortlichen und Objekte, die die Herrschaft ermöglichen, und es erfĂŒllt seine Aufgabe bestens. Es hat sich in den letzten Jahren eine untergrĂŒndige Struktur entwickelt, die imstande ist, dem von allen GefĂ€hrten verspĂŒrten Informationsbedarf vollkommen, oder fast vollkommen, zu entsprechen. In diesem Sinne können wir sagen, dass gerade die traditionellen Zeitungen, als Sprachrohr, in den diversen Situationen, der klassischen Formen der anarchistischen Organisation, diejenigen sind, die sich weniger beteiligen an dieser spontanen, in tausend Initiativen zerstreuten Bewegung, die es nicht möglich ist, in einer Synthesenabsicht einzuschliessen.

Aber, noch einmal, es ist nicht dies der Punkt.

Auch der Informationsaustausch, und sogar die gegenseitige, direkte und persönliche Bekanntschaft kann sich als ein Allheilmittel wie jedes andere, als ein Ersatz fĂŒr die Aktion herausstellen. Ich pumpe mich tagtĂ€glich mit Informationen voll, durch die Zeitungen und den Fernseher, und so fahre ich damit fort, dies durch die privilegierten Kontakte zu tun, die es mir mit den GefĂ€hrten der diversen fremden LĂ€nder, womit ich in Kontakt trete, zu erlangen gelingt. Sicher, ich tue das in gutem Glauben, ja ich mache mir sogar viel daran zu schaffen, diese zweitere Informationsdosis zusammenzutragen, die ich nicht einfach aufgreifen kann, indem ich am Knopf des Fernsehers drehe oder die morgendliche Zeitung öffne. Die Schwierigkeit selbst von der Beschaffung dieses zweiteren Typs von Informationsmaterial, die MĂŒhe und die Kosten der Reisen, das Schreiben von Briefen und das Kennenlernen von exotischen fremden GefĂ€hrten, etwas, dieses letztere, was mein Herz mit Freude und schlecht unterdrĂŒcktem Stolz erfĂŒllt, dies alles hindert mich schliesslich oft daran, jenes Minimum an kritischem Licht auf mein Verhalten zu werfen, das es stets unentbehrlich ist, angeschaltet zu behalten.

Was fange ich mit dieser, um es so zu sagen, privilegierten Information an? Nachdem ich sie in meinen HĂ€nden gewendet habe, ist das einzige, was mir in den Sinn kommt (es gĂ€be anderes, aber ich wĂŒsste nicht, wo anfangen), sie den GefĂ€hrten weiterzugeben, damit sich diese Information verbreitet, und so mein anfĂ€ngliches und persönliches Privileg gemeinsames, möglichst generalisiertes Erbgut wird.

Ein löblicher Gedanke, aber auch dieser gezwungen zu einer tristen Schlussfolgerung: und danach?

Und danach weitere Informationen, weitere RĂ€ume, weitere Reisen, weitere Begegnungen mit weiteren mehr oder weniger exotischen GefĂ€hrten, weiteres in meinen HĂ€nden Wenden von weiteren Papieren und, schliesslich, weitere ÜbergĂ€nge in Richtung von jener mythischen Informationsgeneralisierung, welche der GĂ€rstoff der Revolution sein sollte. Sollte, denn in Wirklichkeit ist sie das nicht, sie ist das nicht, wenn sie alleine bleibt, wenn ihr das Wesentlichen fehlt, wenn ihr ein Projekt fehlt.

Das ist der Punkt. Alles bricht zusammen, oder redimensioniert sich zumindest auf ein angenehmes Wiegenlied, gerade gut, um mir das Leben zu retten, wenn es mir an einem Projekt fehlt. Aber kein Projekt wird mir als Beilage zum Informationspacket geliefert. Gleichermassen kann ich es mir nicht auf denselben Wegen und mit denselben Mitteln aufsuchen gehen, die ich beim Aufsuchen jener Kontakte begehe und gebrauche, die mir das Leben erfĂŒllen, und retten. Das Projekt ist eine schmerzhafte und aufwĂŒhlende persönliche Erfahrung, ein primĂ€res BedĂŒrfnis, zu fragen und sich zu fragen: Warum?, ein Elan, um weiter zu gehen, noch weiter vorwĂ€rts, weit ĂŒber das hinaus, was, da es wie Milch und Honig ankommt, auf den ersten Blick in der Lage scheint, meinen Informationsdurst zu stillen.

Ich sage nicht, dass dieser DĂ€mon, einmal im eigenen Herzen aufgenommen, fĂ€hig ist, die TĂŒr zu jeder anderen Angelegenheit zu verschliessen, ich sage nur, dass er hochgradig darauf bestehen wird, mehr zu erhalten, und zwar nicht quantitativ (weitere Informationen, weitere Papiere, weitere Schlamassel, weitere schöne Angriffsnachrichten), sondern qualitativ, indem er unnachgiebig wird, mehr fragt und mehr vorschlĂ€gt.

Die Tatsache, sich anzupassen, ist im Grunde, wie leicht zu verstehen ist, nichts anderes als das Zeichen der eigenen UnzulĂ€nglichkeit. Ich kann mir nicht erlauben, von jemandem, der mir Informationen ĂŒbermittelt, Ideen und Projekte zu fordern, das wĂ€re implizit eine Delegation und eine unkorrekte Geste, speziell fĂŒr einen Anarchisten, ich könnte selber ein Vertiefungsgebiet vorschlagen, worauf es jenen so reichen Fluss an Informationen auszurichten gilt, den ich mich hingegen darauf beschrĂ€nke, passiv zu unterstĂŒtzen, oder leidenschaftlich zu Fleisch von meinem Fleisch mache, aber um dies zu tun, um auf diesem Weg noch einen Schritt voran zu gehen, brĂ€uchte es den DĂ€mon, der in mir diktiert, und auch den Inhalt dieses Diktats, die Substanz des Projekts. Wenn diese Substanz fehlt, und wenn ich nie die Notwendigkeit in mir verspĂŒrt habe, mich mit allen Instrumenten auszustatten, die geeignet sind, um sie ans Licht zu bringen, dann kann ich nichts anderes tun als schweigen, mich auf eine Position des geringeren Risikos zurĂŒckziehend.

Vielleicht bin ich auf den vorangegangenen Seiten, wie es mir oft geschieht, ĂŒber meine Absichten hinausgegangen. Nicht alle GefĂ€hrten stellen sich passiv vor die Ankunft des Informationsflusses, der von ihnen selbst angeregt und in Gang gebracht wurde. Viele denken, dass die Zirkulation der Nachrichten selbst ein revolutionĂ€res Projekt ist, und, in einem gewissen Rahmen, haben sie Recht, aber auch diese GefĂ€hrten mĂŒssen damit ĂŒbereinstimmen, dass das Projekt sehr viel breiter sein kann und, zumal, um als solches betrachtet zu werden, die Charakteristik der Initiative besitzen muss, das heisst, ein eigenes Projekt von Angriff und Zerstörung der bestehenden Ordnung sein muss. Es mag, gewiss, auch beschrĂ€nkte, und selbst mikroskopische Dimensionen haben, aber diese Charakteristik, die muss es ab dem ersten Moment seiner Ausarbeitung voll und ganz besitzen.

Es mag auch sein, und das kann ich nicht ausschliessen, dass viele GefĂ€hrten ein grundsĂ€tzliches Projekt haben, sagen wir eine Ausrichtung auf die Entwicklung und das quantitative Wachstum der anarchistischen Bewegung, im weiten Sinne verstanden, und auch wenn sie nicht einer spezifischen Synthesenorganisation angehören, so fĂŒhlen sie sich fĂ€hig, diesen ihren Einsatz bei der Suche nach den Informationskontakten mit diesem ihrem Wachstumsprojekt zu verbinden, auch wenn dieses letztere in der Nebelhaftigkeit einer Entwicklung verschlossen bleibt, die stĂ€ndig auf ein Morgen verschoben wird, das reicher an Resultaten sein wird als das Heute. Das mag sein, aber es ist nicht dies das Projekt, wovon ich es habe.

Wenn der DĂ€mon in mir, manchmal auf konfuse und sogar widersprĂŒchliche Weise, eine zerstörerische Anregung diktiert, und wenn dieses GrundbedĂŒrfnis, das in mir wie jenes nach der Luft ist, die ich atme, in apokalyptischen Visionen von aufstĂ€ndischen Massen Gestalt annimmt, die die Intrigen und die Substanzen der Herrschaft vernichten, so kann ich nicht verbergen, dass all dies bloss ein schöner Traum sein könnte, oder ein Albtraum, je nach Blickwinkel.

Es wÀre dumm, herum zu gehen und den GefÀhrten von diesen nÀchtlichen Visionen zu erzÀhlen, die meinen Geist abhÀrten und mich zur Aktion antreiben, höchstenfalls könnte das alles meine Aktionen vor mir selber rechtfertigen, sie mir verstÀndlich und somit realisierbar machen, das Projekt aber ist etwas mehr und etwas weniger.

Es ist etwas mehr, weil es jene Impulse und jene Verlangen in praktische und theoretische Begriffe ĂŒbersetzt, weil es sie als mögliche soziale Prozesse mit Leben erfĂŒllt, wĂ€hrend es sie mit den effektiven Bedingungen des Klassenfeindes und mit seinen Transformationen in der Organisation der Herrschaft verbindet. Es ist etwas weniger, weil es, indem es dies tut, die mĂ€chtige Eingebung des DĂ€mons schmĂ€lert und sie in den Rahmen des technischen, ĂŒberzeugenden und sogar ein bisschen pedantischen Diskurses fĂŒhrt.

Auf jeden Fall, sei es auf die einfachen Bilder des Zorns zurĂŒckgreifend, der gerne alles von dem dreckigen Nest von Unannehmlichkeiten, worin wir leben, vernichten wĂŒrde, oder die Linien eines spezifischen aufstĂ€ndischen Projekts aufbauend, so habe ich mich nie imstande gefĂŒhlt, diese beiden Wege als eine mögliche ErgĂ€nzung der Kontakte und der Nutzniessung des obengenannten Informationsflusses zu denken. Andererseits nahm ich, öfters als man denken wĂŒrde, in den Anderen dasselbe Interesse und dieselbe Leidenschaft wahr, die sich in mir regten, doch es gelang mir nicht, die beiden Momente zu verbinden, ich empfand stets eine Art unannehmbaren logischen Sprung, der mich mit Vorsicht zurĂŒckweichen liess. So endete ich, und mit mir viele andere, oft darin, zwei verschiedene Universen zu bewohnen, das informative und das projektuelle. Manchmal wollte ich mich beeilen, mit dem ersteren fertig zu werden, um mich dem zweiteren zu widmen, wĂ€hrend ich darauf beharrte, sie getrennt abzulegen.

Es wĂ€re ungenau, zu sagen, dass das Problem dadurch gelöst wurde, ĂŒber die möglichen Entwicklungen der sozialen, ökonomischen und politischen Situation der LĂ€nder des Mittelmeerraumes nach dem Zerfall des Sowjetreiches nachzudenken. Ungenau, aber richtungsweisend.

Das Nachdenken begann eben ab hier. Ohne hier auf die Probleme der neuen LĂ€nder, die aus der Zersetzung des Realsozialismus hervorgingen, nĂ€her einzugehen, so scheinen auf den ersten Blick Situationen von extremem generalisiertem Unbehagen mehr als wahrscheinlich, nicht nur unter den Ă€rmsten Schichten, auf die letzten ZĂŒge der Ressourcen reduziert, sondern auch unter jenen, die einst die Mittelklassen waren, von der Verwaltungspyramide des allumfassenden Staates privilegiert, und jetzt sich selbst ĂŒberlassen sind, einem Schicksal, wenn nicht von Elend, so von sozialem Zerfall und folglich von Schwinden der Perspektiven, zu denen sie seit jeher erzogen worden sind.

Ab 1990 ist diese Situation offensichtlich geworden, anschliessend bauschte sie sich immer weiter auf, gebremst einzig von der sporadischen und beilÀufigen humanitÀren Intervention der internationalen Organisationen, vom verlÀngerten Arm der Vereinigten Staaten und von den wachsamen Almosen des erneuerten Deutschlands.

Viele von uns sind, ab sagen wir den 70er Jahren, daran gewohnt gewesen, die internationalen Beziehungen mit anderen anarchistischen GefĂ€hrten als auf Spanien, Frankreich, England, Deutschland und die Schweiz beschrĂ€nkt zu betrachten. Nach dem Fall des spanischen Faschismus brachen interessante Angriffsinitiativen gegenĂŒber dem MissverstĂ€ndnis einer spektakulĂ€ren Wiedergeburt der iberischen anarchistischen Bewegung ab, eine Wiedergeburt, die im Laufe von diesen zwei gerade vergangenen Jahrzehnten ungeschickt betrieben wurde, aber die in ihren Hoffnungen auf quantitativ bedeutende volkstĂŒmliche StĂ€rke, von Anfang an, jegliche Art von Angriff gegen die neue spanische Demokratie blockierte, die als ein möglicher Verhandlungspartner fĂŒr einen verwalterischen Dialog der öffentlichen Sache betrachtet wurde.

Die Tristheit dieser politischen AbwĂ€gungen fĂŒhrte GefĂ€hrten, die sich anfangs im Antifaschismus und im sogenannten klandestinen Kampf engagierten, und zwar ernsthaft, dazu, sich auf eine externe UnterstĂŒtzung der linken demokratischen KrĂ€fte, wenn nicht auf eine Akzeptanz der Abstimmung zu beschrĂ€nken, als Weg hin zu allmĂ€hlichen, den Ausgebeuteten nĂŒtzlichen Verbesserungen.

Aber, auch wenn wir diese Miseren beiseite legen, und wenn wir den radikaleren Kampf, oder zumindest aufgrund seines systematischen RĂŒckgriffs auf die Waffen dem Schein nach solchen, in BerĂŒcksichtigung nehmen, so kann von keiner dieser Erfahrungen, die mit libertĂ€ren Absichten losgingen, was der betrĂ€chtlichen PrĂ€senz von Anarchisten zu verdanken war, gesagt werden, dass mit einem wirklichen organisatorischen und methodologischen Experiment geschlussfolgert wurde, darauf ausgerichtet, das Klischee der bewaffneten Partei zu durchbrechen. Von der M.I.L. bis zur G.A.R.I., von Action Directe bis zur Bewegung 2. Juni, bis hin zu Azione Rivoluzionaria, war das Anziehen fĂŒr eine Verstarrung der Ausgangspositionen, mit Ausnahme vielleicht der Angry Brigade, soviel wie man weiss. Ohne damit dem Interesse und dem Wert von diesen Erfahrungen irgendetwas abzusprechen.

Sagen wir, dass die “antifaschistische” WeiterfĂŒhrung innerhalb von Erfahrungen von spezifischen bewaffneten Organisationen von libertĂ€rer PrĂ€gung nicht ohne Konsequenzen blieb. Die “rektrutiererische” MentalitĂ€t, als Konsequenz der quantitativen Auffassung als Symbol von StĂ€rke und PrĂ€senz in der RealitĂ€t, sich nach dem geschlossenen Rahmen des Proselytismus durch leicht zu merkende Sigel richtend (AR kommt im alphabetischen Verzeichnis vor BR), schnitt unbewusst den Weg zur Generalisierung der Konfrontation ab, ja betrachtete sogar, letztlich, jede Anstrengung in Richtung der Verstreuung auf dem Territorium der bewaffneten Aktionen als ein zersetzendes und folglich negatives Element. Der Höhepunkt der Unerhörtheit wurde erreicht mit dem Ruf: „Einheit der kĂ€mpfenden Organisationen”.

Im umgekehrten Sinne, das heisst im Sinne des “Wir kommen”, zu dessen TrĂ€gerin sich die Angry Brigade machte, wurde nicht viel getan, auch aufgrund des Mangels in vielen GefĂ€hrten am Mut, zu experimentieren, weshalb man es bevorzugte, sich auf, dem Anschein nach, “solidere” Strukturen zurĂŒckzuziehen, wie zum Beispiel Action Directe, wĂ€hrend man die Sorge vermied, anzufangen, darĂŒber nachzudenken, wohin denn eine Erfahrung des Typs “Wir kommen” fĂŒhren könnte, ohne wirklich zu wissen, was man tun und worauf man damit hinaus will.

Und doch, neben diesen Erfahrungen, und bis in sie hinein (zumindest auf der Ebene von theoretischer Debatte), hat es Zehntausende von kleinen Aktionen gegeben, die in den Tatsachen dem verbreiteten, wenn nicht geradewegs generalisierten Verlangen entsprachen, den Feind auf tausend verschiedene Weisen anzugreifen, ohne zu beanspruchen, ihn im Herzen zu treffen, das nicht existiert, und auch nicht in den essenziellen Operationszentren, die, auch wenn sie existieren, sich gegenseitig ĂŒberlagern. Und diese Aktionen, fast immer nicht bekennt, oder von fantasievollen Bekennerschreiben und von unwahrscheinlichen Siglen begleitet, hatten einzig zum Ziel, den bewaffneten Angriff auszuweiten, aufzuzeigen, dass er abgesehen von mehr oder weniger geschlossenen, vertikal orientierten Strukturen möglich ist, und im Grunde, dass er als generalisierbares revolutionĂ€res Instrument, in gewissen FĂ€llen, gegenĂŒber einer ganzen Kampfsituation vorgeschlagen werden kann. Nirgends eine Absicht von quantitativem Wachstum.

Der insurrektionalistische Anarchismus entsteht hier, in dieser ZurĂŒckweisung der quantitativen Erpressung und im Unternehmen der kleinen Aktionen als revolutionĂ€res Modell der Intervention in die RealitĂ€t. Aber, aus vielerlei GrĂŒnden, entsteht er hier und bleibt er fast ausschliesslich auf westeuropĂ€ische Erfahrungen begrenzt, mit der zusĂ€tzlichen EinschrĂ€nkung der unterschiedlichen Sektoren, worin er Gestalt anzunehmen und sich zu kanalisieren scheint: die Tierbefreiung, der Kampf gegen die Atomkraft, die internationale SolidaritĂ€t gegenĂŒber den besonders brutal unterdrĂŒckten Völkern, usw. Ein generelles Projekt tut sich schwer, Fuss zu fassen, und geschweige denn, sich nach europĂ€ischen LĂ€ndern auszurichten, die eine andere Art von Erfahrung hinter sich und anderen Problemen entgegenzutreten haben.

Wenn der insurrektionalistische Anarchismus eine auf dem Territorium verstreute Angriffsmethode vorschlĂ€gt, so scheint er auf den ersten Blick der projektuelle Vorschlag, der den Bedingungen der östlichen LĂ€nder, manchmal nahe an der Anomie, am besten angepasst ist. Starke grundlegende Konflikte charakterisieren diese Bedingungen: eine Arbeiterklasse, die sich in Zersetzung befindet, aber noch immer stark an veraltete ProduktionsstĂ€tten gebunden ist, eine FĂŒhrungsschicht, die schnell auf eine unvermeidliche Proletarisierung zusteuert, eine politische Spitze, die instabil und nunmehr ohne das ideologische Alibi ist, das ihr in der Vergangenheit geholfen hat, so einige kritische Momente zu ĂŒberwinden. Und doch gelingt es uns nicht, uns verstĂ€ndlich zu machen. Im Gegenteil, in vielen LĂ€ndern, wie in Russland, ist es eben die traditionelle anarchistische Bewegung, der Anarchosyndikalismus und der Archinovismus, die Fuss fassen, wĂ€hrend erneut die tristen spanischen Marschrouten von zehn Jahren zuvor begangen werden. Vielleicht sind gewisse historische EntwicklungsablĂ€ufe unvermeidlich?

Ich glaube nicht, aber so stehen die Fakten, so prĂ€sentieren sie sich. Die Wiederentdeckung der eigenen revolutionĂ€ren IdentitĂ€t ist, besonders fĂŒr die neuen Generationen, nie eine lineare Bewegung, sondern ein widersprĂŒchlicher Prozess, der sich auf verworrene Weise entwickelt und der deswegen in Sachen TrĂ€nen und Blut sehr viel mehr kostet. Der Mensch hat vielleicht, wie Bakunin sagte, noch keinen anderen Weg gefunden, um zu rebellieren, und hĂ€lt sich bei der Suche nach dem besten Mittel damit auf, im Keller der vergangenen Schrecken zu wĂŒhlen.

WĂ€hrend man immer mehr in Kontakt kommt, wenn auch durch die Presse, aber manchmal auch dank Nachrichten, denen es gelingt, sich zwischen den tausend Hemmnissen und den MissverstĂ€ndnissen, die fortbestehen, nicht zuletzt die Sprachbarriere, ihren Weg zu bahnen, wird man sich bewusst, dass in diesen LĂ€ndern die insurrektionalistische Methodologie nicht eine Methode von vielen ist, und auch nicht ein genau umrissenes Projekt, sondern eine Notwendigkeit, der nicht anders abgeholfen werden kann. Wenn die AufstĂ€nde bisher eingegrenzte AusdrĂŒcke des volkstĂŒmlichen Missmuts waren, so könnten sie innert Kurzem zu einem generalisierten, unaufhaltsamen FlĂ€chenbrand werden, imstande, im Resten von Europa, und besonders in den Mittelmeerregionen, unleicht kontrollierbare RĂŒckwirkungen zu verursachen.

Diese Argumentation, bei vielen Gelegenheiten umgestĂŒlpt wie eine Socke, veranlasste uns, anlĂ€sslich des Treffens von Triest, von 1990, dazu, einen organisatorischen Vorschlag vorzubringen, der auf einem aufstĂ€ndischen Projekt beruht. Die Antworten, die man erhielt, erwiesen sich auf Dauer nicht als ermutigend, auch, weil sie innerhalb von einem Kontext vorgebracht wurden, in dem eine andere Weise, das Treffen selbst zu verstehen, dominierte, das Sprechen unter GefĂ€hrten, das zum ersten Mal in Kontakt Kommen mit Erfahrungen, die von den eigenen weit entfernt sind. Vielleicht liess man es bei jener Gelegenheit zu (und wie könnte man es anders tun?), dass die Ideologie des wir sind alle Anarchisten ĂŒberwiegt, versuchen wir alle vereint, das Erbe der sozialistischen Linken und der von ihr kreierten Welt zusammenzusammeln, einer Welt voller Schrecken und Foltern, streichen wir aus dieser tragischen Erfahrung den Staat, indem wir ihn ausgehend von der Wirtschaft liberalisieren, und wie das Gold auf dem Grund des alchemischen Schmelztiegels bleibt der anarchistische Kommunismus ĂŒbrig.

Die Dinge liegen sicherlich nicht auf dieser Ebene von Einfachheit. Die Anarchie ist etwas anderes, sie geht zuallererst durch eine tiefgreifende VerĂ€nderung des Individuums, und zu dieser VerĂ€nderung kann es nicht kommen ohne ein Anwachsen des Bewusstseins, also ohne das Aufkommen von einer neuen – zuvor inexistenten – FĂ€higkeit, das eigene Leben und die eigene Welt auf radikal andere Weise zu organisieren. Es gilt nicht nur die faule Stelle vom Apfel wegzuschneiden, es gilt ihn tatsĂ€chlich wegzuwerfen.

Die unterschiedliche Betrachtung des Was tun?, dies ist es, an diesem Treffen, so scheint mir, wenn ich die Niederschriften (Est: laboratorio di libertĂ ? [Der Osten: Laboratorium der Freiheit?], Mailand 1992) durchlese, denn zu jener Zeit befand ich mich im GefĂ€ngnis von Bergamo, worin schliesslich ein grundsĂ€tzliches MissverstĂ€ndnis zutage trat. An der Zusammenkunft sprach jeder mit einer anderen programmatischen Absicht und erwartete, umgekehrt, verstanden zu werden, was natĂŒrlich nicht geschehen konnte innerhalb der zeitlichen Grenzen von einem Moment, der allem voran dafĂŒr bestimmt war, sich persönlich kennenzulernen, und ohne irgendein zuvor diskutiertes Projekt, das von gemeinsamem EinverstĂ€ndnis ist, und innerhalb von einem gewissen Rahmen geteilt wird. So wurde, im Grossen, das im Kleinen zelebrierte Ritual der ewigen Suche nach Kontakten und Informationen fortgefĂŒhrt. Diese Kontakte gab es, endlich in Fleisch und Blut sichtbar, die Informationen auch (die grosse Mutter Russland erneut im Felde unter den Symbolen der Anarchie), aber es konnte nicht darĂŒber hinaus gegangen werden, und wer dies tun wollte, und versuchte, es zu tun, dĂŒrfte fĂŒr die meisten, soviel es mein Eindruck als ferner Zuschauer war, wie ein Marsmensch gewirkt haben.

Etwas anderes, dachten viele, ein Treffen, das auf einer prĂ€zisen theoretischen Grundlage konkretisiert werden kann, nicht nur in den Themen und in den methodologischen Projekten eingegrenzt, sondern sogar geographisch. Der Mittelmeerraum als Schnittstelle von Problemen, die vielen Völkern und LĂ€ndern gemeinsam sind, aber Probleme, die auch fĂ€hig sind, als Wirkung und als Bezugspunkt auf die Kampfbedingungen von LĂ€ndern rĂŒckzustrahlen, die geographisch weit entfernt liegen.

Aber etwas Kontinuierliches, das fĂ€hig wĂ€re, einen Informationsfluss am Leben zu erhalten, der von einem gemeinsamen Projekt gestĂŒtzt wird, ein Projekt, das den aufstĂ€ndischen Geist in der Praxis, und in den verschiedenen Situationen konkretisiert, jede Illusion von schwĂŒlstigen Siglen und bewaffneten Abrechnungen hinter sich lassend.

Die Idee des Treffens, unter GefĂ€hrten der verschiedenen LĂ€nder des Mittelmeerraumes, mehrerer Treffen im Laufe der Zeit, begann, Form anzunehmen. Und, parallel dazu, das BedĂŒrfnis, dass diese Treffen nicht die Gigantografie der individuellen Kontakte sein sollen, quasi lediglich dem gegenseitigen Kennenlernen und dem Informationsaustausch gewidmet. In ihnen musste auch das Problem des insurrektionalistischen Projektes angegangen werden, ein Problem, das komplex und schwer auf klare Weise aufs Tapet zu bringen ist, das sich aber die RealitĂ€t, ihrerseits, jeden Tag mehr darum kĂŒmmerte, deutlich hervorzuheben.

Was tun? Was tun in FĂ€llen wie Bosnien, wie Albanien, RumĂ€nien, Armenien, Tschetschenien? Was tun? Und nochmals, was tun in FĂ€llen wie Algerien, PalĂ€stina, Israel? Was tun? Wie viele Situationen mĂŒssen wir noch vor unseren Augen vorbeiziehen sehen, bevor wir wissen, was tun?

Die insurrektionalistische Internationale, als Idee und als Projekt, entsteht aus diesem Fluss von Problemen.

Aus vielerlei GrĂŒnden, nicht zuletzt den repressiven, aber auch aufgrund der vielen Meinungsverschiedenheiten unter GefĂ€hrten, die den nie klaren Himmel der anarchistischen Bewegung in den letzten Jahren, wie es scheint, gewittriger denn gewöhnlich gemacht haben, ist man nicht zum ersten Schritt gelangt, demjenigen von einer Vorbereitungssitzung fĂŒr die Anfangszusammenkunft der Internationale.

Ich wĂŒnsche mir, dass dieses Buch ein Ansporn sein kann, um voran zu gehen, um nochmal auf das Problem zurĂŒckzukommen, und um dahin zu gelangen, wohin man zu gelangen gedachte.

Auf dass, zu guter Letzt, der Wille, zu handeln, die Hemmnisse und die VerdĂ€chtigungen ĂŒberwiegt.

Catania, 13. Dezember 1998

Alfredo M. Bonanno

Insurrektionalistische AntiautoritÀre Internationale (Ein Diskussionsvorschlag)

Erster Teil: (AnsĂ€tze fĂŒr eine Analyse)

Die GrĂŒnde fĂŒr eine geographische Gebietswahl

Es gibt viele Möglichkeiten, den Mittelmeerraum zu betrachten, ein Meer reich an Völkern, Traditionen, Kultur und Geschichte, aber auch an ununterbrochenen Kriegen und Massakern.

Zu einem Zeitpunkt, da dieses geographische Gebiet, einmal mehr, in politische Spiele verwickelt ist, die vielleicht noch schlimmer sind als jene der Vergangenheit, ist es zweifellos wichtig, ĂŒber die sozialen, ökonomischen und politischen Bedingungen nachzudenken, die ineinandergreifen und untereinander interagieren, wĂ€hrend sie Situationen von extremer Spannung erzeugen, aber gleichzeitig allen RevolutionĂ€ren ein Ă€usserst breites Interventionsgebiet bereitstellen. Wir sind ĂŒberzeugt, dass an diesem Ort der alten Welt, wie schon in der Vergangenheit, aber auf andere und sogar auf heftigere Weise, die Klassenkonfrontation einmal mehr eine ihrer historischen Verkörperungen finden wird, StĂ€rken und Konsistenzen annehmend, die wir uns beim gegenwĂ€rtigen Stand der Dinge nicht in allen Details vorstellen können, aber die gewiss nicht die starren Aufteilungen einer sozialen Doktrin respektieren werden, die nunmehr von der Zeit und von den schlechten historischen Erfahrungen gezeichnet ist.

Das Ende der GegenĂŒberstellung zwischen den beiden Blöcken der SupermĂ€chte, dem sowjetischen und dem amerikanischen, ist dermassen schnell, und in gewisser Hinsicht unerwartet erfolgt, dass es uns auf kurze Frist nicht erlauben kann, die neue Ordnung von Problemen, die daraus hervorgeht, scharf zu umreissen. An erster Stelle das Verschwinden des Alibis des globalen Krieges, desjenigen, der den Planeten hĂ€tte in einer Zivilisationsendstimmung erschĂŒttern sollen, und können, das Leben wieder in die Höhlen zurĂŒckzwingend, die der Mensch unter MĂŒhen aller Art verlassen hat. Dass dieser Konflikt schliesslich mehr theoretisch als praktisch war, macht keinen grossen Unterschied, denn er trug dazu bei, viele reale GegenĂŒberstellungen zu kontrollieren, insbesondere die KlassengegenĂŒberstellungen, die in allen LĂ€ndern und vor allem in jenen des fortgeschrittenen Kapitalismus hĂ€tten subversive Winde von revolutionĂ€rer Erneuerung wehen lassen können. Auch wenn man sich in einer Optik von Verbreitung der minoritĂ€ren revolutionĂ€ren Kerne bewegte, also in einer Optik, die an sich reduktiv und dazu verurteilt ist, im unvermeidlichen militĂ€rischen Krieg, der daraus resultieren wĂŒrde, zu unterliegen, so hielt man sich stets, als absolutes Hemmnis, die Tatsache vor Augen, die internationalen Gleichgewichte nicht allzu sehr zu stören, um es zu vermeiden, ein weiteres Mal, wie zur Zeit der Kubakrise, am Rande des Atomkriegs zu stehen. Die metropolitanen revolutionĂ€ren Bewegungen, indem sie Parteischemas entlehnten, die gewiss nicht zur Befreiung geeignet sind, nahmen sich die, unter gewissen Aspekten rein platonische, Idee vor, die der Dritten Welt typischen proletarischen Widerstandsherde in die Metropole zu importieren, aber sie verloren einen artikulierten Diskurs ĂŒber die Grenzen und Gefahren eines innerhalb von einem der grössten Industriestaaten des fortgeschrittenen Kapitalismus durchgefĂŒhrten institutionellen Umsturzes nicht aus den Augen. Dies war eines der schwerwiegendsten Hemmnisse, das sich vielen Versuchen stellte, die vielleicht hĂ€tten andere Wege einschlagen und grosse Massen in Perspektiven von wirklicher Befreiung miteinbeziehen können.

Die jĂŒngsten Ereignisse in Osteuropa haben sich entwickelt, und entwickeln sich weiterhin, auf eine Art und Weise, die ein höchst dramatisches Crescendo darstellt, ohne dass zu erkennen wĂ€re, wie die Völker ihre Leiden erleichtern könnten, die dabei sind, den Konsequenzen von Regimen unterzogen zu werden, die diktatorischer und repressiver sind denn andere je. Denn dies ist es, worum es sich handelt. Machtminderheiten versuchen, sich an Stelle von anderen zu setzen, die nunmehr, auf der ideologischen und auf der praktischen Ebene, ĂŒberholt sind, und dazu gebrauchen sie jedes Mittel, vor allen Dingen ein falsch gestelltes nationalistisches Prinzip, um die Völker dazu anzutreiben, sich in BĂŒrgerkriegen entgegenzutreten, die nichts als Tod und VerwĂŒstung generieren.

Leider ist der BĂŒrgerkrieg ein obligater Weg, auf den man sich bei jeder historischen Gelegenheit von tiefgreifender und radikaler Transformation so oder so begeben muss. Es ist also nicht der BĂŒrgerkrieg an sich, der uns Angst macht, und der uns Sorge bereitet, sondern die Art, wie dieses Mittel eingesetzt wird, um Machtziele zu erreichen, die Instrumentalisierung der Leute und die unaussprechlichen Opfer, die einmal mehr von den Völkern gefordert werden, um Machtminderheiten zu befriedigen, die sich gegenseitig bekĂ€mpfen.

Der BĂŒrgerkrieg als notwendiges Übel, als höchste UmwĂ€lzungsbedingung innerhalb von einem Land, die sich entfesselt, um die im Laufe von Jahrzehnten angestaute soziale Streitsache, wenn nicht gerade ein fĂŒr alle Mal, so auf radikale Weise zu lösen, ist, sagen wir, eine physiologische Bedingung der sozialen Revolution, eine Art Kinderkrankheit, die die im Entstehen begriffene Gesellschaft durchmachen muss. Aber dabei handelt es sich um einen BĂŒrgerkrieg, der die Konfrontation zwischen gegenĂŒbergestellten realen Interessen sieht, jene der herrschenden Klasse, assistiert von ihren herkömmlichen Janitscharen, und jene der beherrschten Klasse, stark durch ihre kreativen KapazitĂ€ten und ihren Mut. Etwas völlig anderes hingegen ist das Spektakel von BĂŒrgerkrieg, das wir heute [1993] mitten im Zentrum des Mittelmeerraumes, in den Gebieten Ex-Jugoslawiens sehen können, wo sich Interessen konfrontieren, die real sind, gewiss, aber ĂŒberall von ideologischen ÜberzĂŒgen erstickt oder von Gruppen, die die privilegierten Bedingungen der Herrschaft nicht aufgeben wollen, fĂŒr politische Ziele und zu militĂ€rischen Machtzwecken homogenisiert werden.

Hier versucht der Imperialismus der reicheren LĂ€nder, an erster Stelle der amerikanische verwalterische Imperialismus, die Situation zu kontrollieren, indem die möglichen befreienden Absichten von Völkern gebrochen werden, welche andere Wege einschlagen und folglich inmitten von Europa einen ersten Herd von sozialen Forderungen und von revolutionĂ€ren PotenzialitĂ€ten bilden könnten. Es besteht kein Zweifel daran, dass man in diesen Gebieten, in denen das Elend und der wirtschaftliche EntwicklungsrĂŒckstand Levels verzeichnen, die fĂŒr die wenn auch kĂŒnstlichen Bequemlichkeiten des sich selbst als opulent definierenden Westens undenkbar sind, auf neue Ausbeutungsbedingungen zusteuern wird. Und dieser Diskurs gilt nicht nur fĂŒr Ex-Jugoslawien, sondern genauso fĂŒr alle LĂ€nder, die einst dem Sowjetreich angehörten und heute mit einer mehr oder weniger stabilen staatlichen Autonomie oder UnabhĂ€ngigkeit ausgestattet sind. Das gesamte Netz dieser LĂ€nder ist gegenwĂ€rtig mit einer prekĂ€ren Wirtschaft ausgestattet, Russland an erste Stelle, welches der westlichen und japanischen Investitionen bedarf, wenn es auf Modelle abheben will, die im Übrigen in der kapitalistischen Erfahrung selbst bereits unglĂŒcklich endeten. Eine alles andere als rosige Zukunft also, die vielleicht nur in den Augen von jemandem als positiv betrachtet werden kann, der im Namen eines angeblichen Ideals von proletarischer Revolution ein Leben voller Entbehrungen gelebt hat. Aber die GrundbedĂŒrfnisse, das Überleben selbst drĂ€ngen vor den TĂŒren, und kĂ€mpferische Völker wie die Albaner, die Kroaten, die Serben, die Slowenen und die muslimischen Bosniaken wĂ€ren nicht mit den HĂ€nden im Schoss geblieben, wenn sie nicht in das MissverstĂ€ndnis eines Kampfes zwischen Ethnien und zwischen Religionen eingefangen worden wĂ€ren. Daher das Interesse fĂŒr den verwalterischen Imperialismus, Religionskriege und nationalistische Konflikte am Leben zu erhalten, mit der offensichtlichen Motivation, die schwierigeren Gebiete besser kontrollieren zu können, insbesondere im Mittelmeerraum.

Der Mittelmeerraum also als Ort von weiterer Entwicklung dieser Konflikte, die scheinbar nationalistischen Hintergrund haben, aber im Grunde auf Problemen von sozialer, ökonomischer und nur in kleinstem Teil von ethnischer Natur basieren. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich im Mittelmeerraum in den kommenden Jahren Konflikte entwickeln werden, die in der Lage sind, die gegenwÀrtigen Spannungen zu verschÀrfen, wÀhrend sie die Migrationsströme intensivieren und weitere und nicht leicht vorstellbare wirtschaftliche und soziale Unausgeglichenheiten generieren.

Dieser Schauplatz von bevorstehenden sozialen Konfrontationen, die in einigen Gebieten bereits am Laufen sind, aber die sich sehr schnell generalisieren könnten, ist es, womit die Anarchisten und LibertĂ€ren, als Gegner von jeder Form von Kampf um die Macht und von jedem Interesse von Herrschaft und Ausbeutung, in Kontakt treten sollten, um den Widerstand gegenĂŒber den laufenden Hegemonieprojekten besser zu koordinieren und die bestmöglichen Bedingungen zu organisieren, um gegen diese Machtzentren zu einem Angriff ĂŒberzugehen, mit dem Ziel, fĂŒr alle akzeptable Lebens-, Entwicklungs- und Fortschrittsbedingungen zu garantieren.

Die ZustÀnde der traditionellen Linken

Schlichtweg lĂ€cherlich. Die konservative Offensive hat die weltweite Linke soweit zurĂŒckweichen sehen, bis sie praktisch von der BildflĂ€che verschwand. Die Zahl der sozialistischen Parteien, die in der sozialistischen Internationale sind, ist zwar, infolge jĂŒngster Einschreibungen, angestiegen, doch die reale StĂ€rke von dieser Organisation ist absolut nichtig. In den meisten FĂ€llen, ohne nĂ€her auf die “sozialistischen” Modelle des Mittleren Ostens einzugehen, die eigene, fĂŒr einen Westlichen schwer nachvollziehbare VerschĂ€rfungen haben, so nehmen diese sozialistischen Parteien an der Macht teil und sind es eben sie, die den Übergang von der alten zur neuen Konservation am verwalten sind. Der Sozialstaat verschwindet vollends, wĂ€hrend ein informatischer Kapitalismus von neuem Schlag aufkommt, um vieles gefĂ€hrlicher als der alte Reaganismus und der alte Thatcherismus.

Diese Krise kann nicht nur mit dem Zusammenbruch der UdSSR erklĂ€rt werden. Das wĂ€re zu einfach. Im Übrigen hat die Linke, speziell die europĂ€ische, zumindest in jĂŒngster Zeit, nie einheitliche Absichten gehabt und schon immer mit dem fortgeschritteneren technokratischen Kapitalismus geflirtet. Die Krise ist also vielmehr eine Krise von Idealen als eine wirkliche Krise. Diese Parteien, und diese Menschen, nachdem das Alibi des sowjetischen Staatskommunismus verschwunden ist, sahen sich nun in ihrer Aufgabe exponiert, direkt oder indirekt, das reibungslose Funktionieren der Mechanismen von Ausbeutung und Förderung des Kapitalertrags zu sichern. Mit dieser Krise sind die grossen idealen Bestrebungen des traditionellen Kampfes der Linken, sei es auch mit ihren WidersprĂŒchen und ihren taktischen und strategischen Fehlern, verschwunden, jener Kampf, der es gestattete, die Gleichheit, das Ende der Ausbeutung, die Befreiung des Menschen und die Bildung von einer Gesellschaft, in der Individuen und Völker werden leben können, ohne zu töten oder getötet zu werden, möglich zu sehen.

TatsĂ€chlich ist die Klassenlogik, im traditionellen Sinne des Wortes, das heisst, als ErklĂ€rung der Bewegungen innerhalb von einer strikt ökonomischen Einteilung des sozialen PhĂ€nomens, völlig ĂŒberholt. Alle politischen Organisationen, die darauf beharren, bei solchen mechanizistischen ErklĂ€rungen zu verweilen, sind dazu verurteilt, zu verschwinden, ins Hintertreffen gestellt nicht nur von ihrem begrenzten reformistischen Ziel, sondern auch von der UnfĂ€higkeit, zu verstehen, dass sich das traditionelle soziale GefĂŒge endgĂŒltig aufgelöst hat. Die heutigen Massenbewegungen berufen sich auf Ziele, die nicht im strikten Sinne Klassenziele sind, das heisst, als unmittelbaren Bezugspunkt nicht ein Element der in Klassen geteilten Gesellschaft haben, sie prĂ€sentieren sich im Gegenteil – wohlgemerkt nur auf oberflĂ€chlicher Ebene, denn die Substanz der Dinge hat sich nicht verĂ€ndert, aber auch diese Ebene hat ihre Wichtigkeit – mit einem verallgemeinerten sozialen Interesse, als ob der Angriff der Macht gegen den schwĂ€chsten Teil der Klassenformation, wenn auch in reduzierter Form, auf gesamtheitlicher Ebene gesehen werden kann. Dies hat aus den Nebeln einer Vergangenheit, die man nunmehr als fĂŒr immer vergessen betrachtete, zwei Elemente wieder hervorgebracht, die einen neuen und interessanteren Konflikt bestimmen könnten: auf der einen Seite das Individuum mit seinen Rechten, seiner kulturellen IdentitĂ€t und seinem BedĂŒrfnis nach Befreiung gegenĂŒber jeglicher Art von UnterdrĂŒckung; auf der anderen Seite die irrationale Beunruhigung, die uns alle ergreift, und die gegenĂŒber der Andersheit, die, zu Recht, beansprucht, ihre Rechte durchzusetzen, auf absurde Weise reagieren lĂ€sst. Der wiederaufblĂŒhende Rassismus findet hier seine ErklĂ€rung.

In diesem neuen Gebiet von KĂ€mpfen, wo sich die Leute im Namen der ökologischen Verteidigung des Planeten, gegen die Hungersnot auf der Welt und gegen den ökonomischen Imperialismus mobilisieren, wĂ€hrend sie sich aber auch an KĂ€mpfen beteiligen, die auf Nationalismen beruhen, und somit scheel von Machteliten instrumentalisiert werden, ist die Rolle der traditionellen Linken endgĂŒltig, und auf triste Weise, untergegangen.

Das Modell des gewerkschaftlichen und generell des korporativen Widerstands der Vergangenheit ist, in vielerlei Hinsicht, vom vereinheitlichenden Mechanismus des informatischen Kapitals verschlungen worden. Die postindustrielle Technologie hat endgĂŒltig Überhand genommen und hat, indem sie das ideologische GeschwĂ€tz beseitigte, die Aufgabe dieser Linksorganisationen, als mehr oder weniger klassische sozialistische Parteien, auf ihre schlichte und scheele Rolle reduziert: die Ausbeutung und die Herrschaft zu stĂŒtzen und zu sichern.

Kein RĂŒckzugsort

Wir betrachten den Mittelmeerraum nicht als einen RĂŒckzugsort, eine RĂŒckkehr in unsere ursprĂŒngliche Dimension, eine Suche nach gemeinsamen Wurzeln mit anderen Völkern, die es anzurechnen gilt, um reduktive Entscheidungen aufzuwerten. Im Gegenteil, wir denken, dass das Bewusstsein ĂŒber die eigene historische Bedingung, und somit auch das Bewusstsein ĂŒber die eigene geographische, politische, ökonomische und soziale Stellung, Ausgangspunkte sind, um den Fragmentarismus zu ĂŒberwinden, in den uns eine vollends informatisierte Verwaltung des Kapitalismus endgĂŒltig zwingen könnte.

Es ist nicht möglich, sich aus der individuellen Isolierung wieder aufrichten, in die sie dabei sind, uns zu zwingen, indem man sich auf einen hohlen, und sogar der Macht dienlichen, rhetorischen Universalismus beruft, der aus dem Menschen eine ĂŒberwirkliche, und somit ideologische Wesenheit macht, eine Wesenheit, in deren Namen Opfer und Unterwerfung erneut plausibel und somit akzeptierbar werden können.

Wenn wir etwas gelernt haben aus der Lektion dieser letzten Jahre, dann ist es, dass wir uns nicht mit dem schlichten aufs Tapet Bringen der sozialen Probleme die Augen verdecken können. Einst prĂ€sentierte man sich auf der BĂŒhne, gab man seine soziale Stellung an – Arbeiter, BĂŒrgerlicher, Subproletarier – und begann man, seine Intervention im Einzelnen darzulegen, das, was es einem zu tun gelang, und das, was man sich, in einem sozialen Umfeld, das man fĂŒr recht fix hielt, von unserer Aktion vornahm. Heute liegen die Dinge anders. Die Ideologie hĂ€lt uns keinen Schleier mehr vor, und somit geben wir uns nicht zufrieden, wenn wir in ökonomischen Begriffen von der Ausbeutung sprechen, sondern wir wollen in die Mechanismen selbst von diesem komplexen und schwierigen Prozess vordringen, der nicht nur ökonomisch ist, und in Zukunft sogar immer weniger ökonomisch werden könnte, und stattdessen vielmehr psychologisch ist, um nicht zu sagen ethisch und sogar imaginativ. Die Ausgeschlossenen von heute, und mehr noch diejenigen von morgen, sind zuallererst Individuen, dann sind sie auch entsalarisierte Arbeiter, oder Subproletarier, die dem sozialen Sumpf der grossen Metropolen ausgesetzt sind. Die Bilder von Elend und Niedergeschlagenheit, an die uns die englische Literatur des vergangenen Jahrhunderts gewöhnt hat, kehren heute wieder vor die Augen aller zurĂŒck: Epidemien, von denen man glaubte, dass sie dem Katalog der Schrecken der Vergangenheit angehören, kehren mit mehr oder weniger neuen Namen zurĂŒck, der Alkoholismus rafft eine stĂ€ndig wachsende Zahl von Opfern dahin, wĂ€hrend der Krebs in einem Jahr mehr Leute tötet als alle Kriege, die dem gegenwĂ€rtigen Jahrhundert vorangegangen sind.

Der soziale Konflikt neigt heute dazu, sich nicht aufgrund von einer ökonomischen oder Klassen-Linie zu diskriminieren, als vielmehr aufgrund von einer, im Übrigen anwachsenden, Differenzierung von kultureller und, untergeordnet, natĂŒrlicher Natur. Die Gefahr, welche die Ausgeschlossenen heute eingehen, besteht weniger darin, ausgebeutet zu werden, als darin, entmenschlicht, beziehungsweise, auf die Rolle von mehr oder weniger bewussten FortsĂ€tzen der Maschinen reduziert zu werden. SelbstverstĂ€ndlich, je mehr sich diese Entmenschlichung ausweitet, desto einfacher wird es, vom Betrug der Religions- oder ethnischen Kriege Gebrauch zu machen, und die Macht hat immer ein Interesse daran, diese Kriege zu schĂŒren, welche die Ausgeschlossenen, ihren Widerstand dahinraffend und sie um ihr Schicksal betrĂŒgend, zum Konsens bereit machen.

In dieser Situation, speziell in einem verschiedenartigen und vielförmigen Kontext wie demjenigen des Mittelmeerraumes, muss man sich auf die Suche nach den Differenzen machen, nicht, um sie durch unwahrscheinliche Zusammenlegungen abzuflachen, sondern, um sie hervorzuheben und von den kĂŒnstlichen GegenĂŒberstellungen zu befreien, die nur den verwalterischen Absichten der Macht dienlich sind.

Keine mikrogemeinschaftliche Ideologie, womit es sich die Augen zu verdecken gilt, um das Elend nicht zu sehen, in das uns die verschiedenen Reduktionismen, die sie uns akzeptieren machen wollen, am zwingen sind. Keine Verteidigung des Allgemeinen auf Kosten des Besonderen, der ModernitĂ€t auf Kosten der Tradition. Wir beziehen uns auf diese Weise nicht auf spezifische Gemeinschaften, die es im Namen von ihren althergebrachten Prinzipien zu schĂŒtzen gilt, die inzwischen vor die Hunde gegangen sind, ĂŒber den Haufen geworfen durch den vom fortgeschrittenen Kapital gewollten Abflachungsprozess. Wenn diese Bedingungen vorliegen, dann mĂŒssen sie, um unsere Aufmerksamkeit zu haben, ein Element darstellen, wovon zum subversiven Abenteuer des Widerstands, einerseits, und des Angriffs, andererseits, ausgegangen werden kann. Andernfalls wird jedes traditionalistische Hemmnis zu einem weiteren Zusammenhalts- und Zementierungselement der neuen Macht, welche ĂŒber dem alten Lebensmodell die neuen Illusionen von gemeinschaftlicher VerbrĂŒderung aufbaut.

Kein ideologisches GefÀss

Gleichermassen schlagen wir nicht eine Gesamtheit von ideologischen GefĂ€ssen vor. Keine VorschlĂ€ge, die darauf ausgerichtet sind, abstrakten theoretischen PrĂ€judizien GĂŒltigkeit zuzubilligen, die nicht in die vorliegenden Bedingungen, in ihre SpezifitĂ€t, in die Betrachtung dessen herabgelassen werden, was heute als mediterranes Gebiet von sozialer KonfliktualitĂ€t verstanden werden kann und muss.

Die freie Zirkulation lediglich von leeren HĂŒlsen der alten Ideologien, an erster Stelle auch derjenigen des perbenistischen und pluralistischen Anarchismus der Vergangenheit, produziert nur den Eindruck von einer revolutionĂ€ren Bewegung, nicht ihre wahre und wirksame RealitĂ€t.

Dies will nicht heissen, dass wir eine AbschwĂ€chung der idealen Spannung suchen, verstanden als KlĂ€rung und Zirkulation der Ideen, der grossen Prinzipien von Freiheit und Gleichheit. Im Gegenteil, es will heissen, dass wir dazu beitragen wollen, all jene Versuche zu klĂ€ren und in die Flucht zu schlagen, die revolutionĂ€re und transformative FĂ€higkeit von diesen Prinzipien, von diesen Ideen zu trĂŒben.

In einer Welt, die dabei ist, den ruinösen Zusammenbruch der stÀrksten Ideologien der Vergangenheit zu erleben, können wir uns nicht vagen Melancholien hingeben, und auch nicht meinen, eine Lösung auf die Probleme zu finden, indem wir vor den verÀnderten Bedingungen der Weltgeschichte fliehen. Und dies ist es, was all diejenigen tun, die im Namen eines schlecht verstandenen Individualismus, oder im Namen einer objektiven NaturmÀssigkeit von einigen grossen Problemen des Planeten, vor den neuen Schwierigkeiten, das Problem des sozialen Konfliktes anzugehen, davonlaufen.

Der Konflikt zwischen reichen LĂ€ndern und armen LĂ€ndern

Uns scheint er einer der essenziellen Pole der Klassenkonfrontation der kĂŒnftigen Jahre im Mittelmeerraum. Auf der ganzen Welt könnte diese Konfrontation jene andere ersetzen, die wir nunmehr gewohnt sind, als ĂŒberholt zu betrachten, diejenige nĂ€mlich zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Nur dass, wĂ€hrend diese letztere rein formell war, da zwischen den verwalterischen und den Markt-Formen des Kapitals kein Unterschied besteht, der Konflikt zwischen reichen LĂ€ndern und armen LĂ€ndern eine konsistentere RealitĂ€t annimmt.

Und viele dieser armen, oder zumindest beim gegenwĂ€rtigen Stand der Dinge materiell armen LĂ€nder liegen am Mittelmeer. Die Absichten der fortgeschrittenen LĂ€nder, ihre kapitalistischen Strukturen in diese LĂ€nder zu verlagern, hatten zum einzigen Zweck, ein ungleiches Wachstum beizubehalten, als Wachstum, worauf sich die internationale Ausbeutung schon immer stĂŒtzte. Heute, in einem Prozess von schneller Transformation, könnten einige der Aspekte des Problems der Verteilung der ReichtĂŒmer sich verĂ€ndern, und im Schatten des ethnischen Deckmantels oder des religiösen Integralismus könnten schreckliche und kolossale Konflikte sich entwickeln.

Der Waffenmarkt stellt einen der essenziellen Punkte einer traditionellen Politik der Ausbeutung und Unterwerfung dar, der sich in den nĂ€chsten Jahren schnell verĂ€ndern könnte. Dies wĂŒrde die rĂŒckstĂ€ndigeren Staaten, die sich aber unter dem militĂ€rischen Gesichtspunkt seit Jahrzehnten gestĂ€rkt haben, in die Lage versetzen, kontinuierliche periphere Kriege zu entfachen, bis hin zu Konflikten von umfassender Tragweite, im Bereich des Mittelmeerraumes, als geographisches Gebiet, das in vielerlei Hinsicht seine antike Wichtigkeit beibehĂ€lt.

Im Bereich der LĂ€nder aus islamischem Gebiet nimmt dieser Konflikt religiös-integralistische EinschlĂ€ge an, und dies hat grosse Wichtigkeit, da dieses Anwachsen einer Wiederinfragestellung der Herrschaft der philo-sozialistischen oder philo-marxistischen Laizisten entspricht. Die althergebrachte Trennung des Islams zwischen Freund und Feind, zwischen GlĂ€ubigem und UnglĂ€ubigem (“muâ€Čmin” und “kāfir”), entspricht jener ganz modernen zwischen UnterdrĂŒcktem und UnterdrĂŒcker (“mustad” und “mustakbird”). Es ist innerhalb von diesem immensen theoretischen Laboratorium des militanten Islams, wo besorgniserregende Entsprechungen zwischen BĂŒrgerkrieg und militĂ€rischem Krieg, zwischen Krieg der Völker, um sich zu befreien, und Krieg der Staaten, um ihre Herrschaft aufzuzwingen, zum Vorschein kommen. Und der muslimische Integralismus findet guten Halt, wenn er die Parallele zwischen UnterdrĂŒckern und UnglĂ€ubigen, und die daraus folgende Parallele zwischen diesen letzteren und den fortgeschritteneren und somit reicheren westlichen LĂ€ndern zieht. Das Elend hat stets kurzsichtige Augen und ist ein schlechter Ratgeber.

Der islamische Integralismus, ĂŒbrigens genauso wie andere Integralismen, wie zum Beispiel der katholische, ist dabei, auf die Isolierung und den Argwohn von allen Seiten der Welt mit einer erheblichen Versteifung seiner Positionen zu antworten, auch infolge der Positionen, die von der sogenannten iranischen Revolution angenommen wurden. Insbesondere finden mentale Verschliessungen statt, wovon man im Übrigen meinen wĂŒrde, dass sie sich mit der Tradition von Kultur und Toleranz beissen, die fĂŒr die muslimische Welt spezifisch ist, Verschliessungen, welche den Islamismus letztendlich, auf politischer Ebene, in eine Herrschaftstheodizee, in ein totalitĂ€res Regime verwandeln. So werden all die Aspekte des alltĂ€glichen Lebens nicht mehr als TugendgrundsĂ€tze reguliert, sondern als irdische Bedingungen einregimentiert, um bestimmte Gunsten, wenn nicht das schlicht und einfache Überleben zu erhalten.

Die möglichen Ergebnisse dieser politischen Bewegung von spezifischer Rekuperation der muslimischen LĂ€nder könnten sein: eine mögliche Explosion auf Massenebene, als Bewegung, die fĂ€hig ist, Millionen von Personen in Richtung eines um sich greifenden Religionskrieges zu treiben; oder eine Implosion, also ein Nachlassen des gegenwĂ€rtigen Wachstums desselben Integralismus. Da die Geographie des aktuellen Islamismus, zumeist, gĂ€nzlich im Bereich von LĂ€ndern umrissen ist, die arm, oder jedenfalls, auch wenn durch die vom Öl stammenden ReichtĂŒmer vermögend, nicht in der Lage sind, sich der Hypothek des amerikanischen und globalen verwalterischen Imperialismus zu entziehen, könnte der Religionskrieg, der sich daraus ableiten wĂŒrde, parallele Wege zu einem regelrechten sozialen Befreiungskrieg begehen. Aber dabei handelt es sich um Hypothesen, die nicht immer nahe an der RealitĂ€t sind.

Das Einbrechen des Irrationalen in den Bereich des Politischen

Dies ist, was vor unseren Augen, jeden Tag mehr am geschehen ist.

Erstens der Nationalismus, der das grosse ethnische Mosaik vom europĂ€ischen Streifen des Ex-Sowjetreichs und von den LĂ€ndern der alten Welt des Realsozialismus wieder zum Brodeln bringt. Es handelt sich um irrationale Impulse, die dazu dienen, die ZĂŒndschnur von realen ökonomischen und sozialen Konflikten zu entfachen, Konflikte um die Herrschaft, aber auch volkstĂŒmliche KĂ€mpfe, um eine Lösung auf die dringlicheren Probleme des Elends und der Unterwerfung zu suchen. Einmal entfesselt, werden sich diese Impulse nicht leicht abschwĂ€chen und werden sie immer dringlichere Einladungen zum Krieg und zum nationalen Befreiungskampf vorschlagen, worin es nicht einfach sein wird, zu unterscheiden, wo der Militarismus der Staaten endet und das natĂŒrliche, und berechtigte, BefreiungsbedĂŒrfnis der Völker beginnt.

Zweitens der islamische Integralismus (indirekt unterstĂŒtzt von den anderen religiösen Integralismen, die sich ihm entgegenstellen, ihn dadurch anwachsen lassend und legitimierend), welcher eine teologische Dimension nach “alter Manier” in die moderne politische Welt einbrechen lĂ€sst, Positionen und Interpretationen vorweisend, von denen man glaubte, dass sie dem vergangenen Museum der Schrecken angehören. Als Alternative zu den laizistischen Schrecken der sozialistischen und marxistischen Regime, wovon einige es nun nicht verschmĂ€hen, sich als wahre Verteidiger der GlĂ€ubigen zu prĂ€sentieren, wĂ€hrend sie das Bild immer mehr verwirren, gibt es nichts zu sagen. Dem Übel sind wahrlich keine Grenzen gesetzt.

Drittens der laizistische Individualismus alten Schlages, liberal-sozial, vielleicht nicht in der Lage, neue Ausrichtungen zu begehen, aber sicherlich in der Lage, Impulse in Richtung von einer Art Religion des Ichs, einer Sakralisierung der menschlichen Abstraktheit zu wecken, die vor diversen Jahren nunmehr besiegt schien, und zwar fĂŒr immer. Wenn es wahr ist, dass wir uns heute von den alten Schemen befreien mĂŒssen, deren Zeit abgelaufen ist, auf Basis von welchen wir bis Gestern noch rĂ€sonierten, als ob wir die heilige Wahrheit vor uns hĂ€tten, wenn sich heute niemand mehr auf eine Analyse bezieht, die von lĂ€cherlichen Dichotomien wie jener zwischen Bourgeoisie und Proletariat ausgeht, so ist es auch wahr, dass wir uns nicht zu UnterstĂŒtzern von einem abstrakten naturalistischen Humanitarismus machen können. Wir können, in anderen Worten, nicht von der Verteidigung der Natur, vom Schutz des Menschen gegen die Gefahren der Technik, vom Widerstand gegen jeden von der Macht auferlegten Entkulturalisierungsprozess sprechen, wenn wir all das nicht in die spezifische soziale RealitĂ€t einfĂŒgen, womit wir uns befassen, die, so sehr sie auch variieren mag, von den aus wirtschaftlicher Sicht fortgeschrittensten bis zu den rĂŒckstĂ€ndigsten LĂ€ndern reichend, stets eine Konstante aufweist: die Klassenteilung zwischen Herrschenden und Beherrschten, zwischen Eingeschlossenen und Ausgeschlossenen.

Die Unmöglichkeit des fortgeschrittenen Kapitals

Vielleicht werden sich die aufgeklĂ€rtesten Kapitalisten ĂŒber das Pulverfass bewusst, das dabei ist, sich anzuhĂ€ufen vor den Toren des europĂ€ischen Wohlstands, und bis hinein ins eigene Haus, in den ĂŒberfĂŒllten Strassen voller GeschĂ€fte mit KonsumgĂŒtern der europĂ€ischen HauptstĂ€dte. Aber, auch wenn diese Bewusstwerdung sich in höchstem Masse ausweiten wĂŒrde, ist der Kapitalismus nicht in der Lage, das ökonomische Problem der armen LĂ€nder zu lösen.

Er kann das nicht tun aufgrund der Schwierigkeit, in denen fast all die sieben entwickeltsten LĂ€nder der Welt sich befinden, angefangen bei der USA, und einschliesslich Deutschland, welches in den nĂ€chsten zehn Jahren etwas um die tausend Milliarden Mark in die Ex-DDR investieren wird, um ein Land, das nicht gerade eines der Ă€rmsten ist, auf westliches Level zu bringen. Wenn man sich die Proportionen bewusst hĂ€lt, und daran denkt, dass die Ex-DDR etwa siebzehnmillionen Einwohner hat, wĂ€hrend der blosse westliche Streifen des Ex-Sowjetreichs mehr als zweihundertmillionen besitzt, so kann man sich eine Vorstellung davon machen, welch unmöglicher Betrag erforderlich wĂ€re, um die Geschicke dieser Ökonomien anzuheben. Geschweige denn von Nordafrika und von den zerrĂŒtteten Ökonomien des Mittleren Ostens. Das Problem ist deswegen ökonomisch unlösbar, und wird sich folglich gemĂ€ss seiner natĂŒrlichen Konsequenzen entwickeln: Anstieg der Immigration, der Armut der armen LĂ€nder, der ethnischen, sozialen und ökonomischen Konflikte, der Kriege und der Massaker.

Das Ende des zweiten Jahrtausends beginnt, immer mehr dem Ende des vorhergehenden zu Àhneln.

Provisorische Schlussfolgerung

Wir denken, gemeinsame Probleme können auf einem gemeinsamen, theoretischen und organisatorischen Terrain angegangen werden.

Die Punkte von einer möglichen zu vertiefenden Diskussion sind die folgenden:

In ErwÀgung, dass sich die ökonomische und soziale KonfliktualitÀt im Bereich des Mittelmeerraumes immer mehr verschÀrfen anstatt abschwÀchen wird;

In ErwÀgung, dass die Bewegungen, die Gruppen und die Individuen, denen die Freiheit und der Schutz der Völker und der Einzelnen am Herzen liegen, allein aus diesem Grund gemeinsame Interessen haben;

In ErwÀgung, dass das tragische Scheitern der Ideologien und der Organisationen der traditionellen Linken nunmehr eine vollendete Tatsache ist und nicht eine tragische Perspektive;

In ErwÀgung, dass es immer dringlicher wird, sich unter den verschiedenen RealitÀten, die am Mittelmeer liegen, eine internationale Organisation zu geben;

Schlagen wir allen Individuen, allen Gruppen und allen Bewegungen, die interessiert sind, vor, mit der Förderungsgruppe in Kontakt zu treten [zur Zeit der ersten Publikation dieses Textes war an dieser Stelle der Name der Förderungsgruppe angegeben, der jetzt natĂŒrlich nicht mehr gĂŒltig ist].

Zweiter Teil: (Organisatorische AnsÀtze)

Eine informelle Organisation

Die Insurrektionalistische AntiautoritÀre Internationale wird als informelle Organisation vorgeschlagen.

Was verstehen wir unter einer “informellen Organisation”?

Eine Gesamtheit von Individuen, Gruppen, Strukturen, Bewegungen, und jeder anderen mehr oder weniger stabilen Form von Beziehungen zwischen Personen, die versucht, gegenseitig in Kontakt zu treten, beziehungsweise, eine gegenseitige Kenntnis zu vertiefen.

Das erste Element von jeder informellen Organisation wird also nicht vom Entstehen einer prÀzisen Struktur gegeben, mit Individuierung von Personen und zu absolvierenden Aufgaben, mit Arbeitsteilung und mit Koordinationsbeauftragungen oder Sonstigem. Das erste Element von jeder informellen Organisation besteht aus der gegenseitigen Kenntnis.

Die Insurrektionalistische AntiautoritĂ€re Internationale basiert also auf einer allmĂ€hlichen Vertiefung der gegenseitigen Kenntnis unter all ihren Mitgliedern. Diese wird zweifellos eine revolutionĂ€re Kenntnis sein, da sie sich nach dem Austausch von jenen Informationen ĂŒber die jeweilige Arbeit ausrichten wird, die jedes Mitglied, jede Gruppe und jede Struktur etc. in der eigenen RealitĂ€t am entwickeln ist. Zu diesem Zweck werden alle Mitglieder die Dokumentierung, die sie fĂŒr notwendig halten werden (Zeitungen, BroschĂŒren, BĂŒcher, FlugblĂ€tter, Plakate usw.), der Förderungsgruppe zuschicken mĂŒssen, um Kenntnis von der eigenen AktivitĂ€t zu haben. Im Gegenzug werden sie den Text des vorliegenden Dokuments in die eigene Sprache ĂŒbersetzen und ihn an alle Gruppen, womit sie in Kontakt sind, national und international, verschicken mĂŒssen.

Auf diese Weise wird sich die erste informelle organisatorische Phase in Bewegung setzen, bestehend aus der Verbreitung des vorliegenden Diskussionsvorschlags.

Eine organisatorische Gelegenheit

Nun einige Ideen darĂŒber, was wir unter “organisatorischer Gelegenheit” verstehen.

Wir denken, dass sich die Insurrektionalistische AntiautoritĂ€re Internationale nicht ein quantitatives Ziel, also ein schlichtes zahlenmĂ€ssiges Anwachsen ihrer Mitglieder vornehmen darf. Dieses Anwachsen wird es nur geben können, wenn die Beteiligten gegenseitige Kontakte fĂŒr nĂŒtzlich befinden werden, um, jeder aufgrund der eigenen, persönlichen und politischen AffinitĂ€ten, fĂŒr eine gemeinsame Arbeit, eine gegenseitige Kenntnis zu vertiefen.

Aber diese Kontakte werden, sagen wir es so, von der Existenz der Internationale veranlasst sein, aber sie werden auf keinste Weise von ihr abhĂ€ngig sein. Die einzelnen Beteiligten werden, ausgehend von der gegenseitigen Kenntnis, innerhalb der Internationale, ihre GefĂ€hrten suchen, wĂ€hrend sie gemeinsam mit diesen ihren AffinitĂ€tsparcours aufbauen, der folglich alle anderen ausschliessen kann, mit welchen man sich, auch wenn man derselben Organisation angehört, aufgrund der Abwesenheit von dieser AffinitĂ€t nicht verbunden fĂŒhlt.

Die nicht-quantitative Auffassung von Organisation tritt somit deutlicher zum Vorschein. Diese letztere setzt sich, da sie nicht die Charakteristiken der formalisierten Organisationen hat, keine Wachstumsziele, und beansprucht folglich nicht, in ihrem Innern, wie in einem winzigen sozialen Laboratorium, die gesamte RealitĂ€t der KĂ€mpfe, in ihren verschiedenen nationalen und internationalen AusdrĂŒcken, zusammenzufassen. Sie will sich hingegen, ab dem Moment ihres Entstehens, darauf beschrĂ€nken, einen Bezugspunkt zu bilden, eine Gelegenheit fĂŒr Begegnungen und Austausch, fĂŒr gegenseitige Kenntnisse und AffinitĂ€tsbande, fĂŒr Sympathie, fĂŒr Zuneigung, und dies nicht zu dem Zweck, einen erweiterten Freundeskreis zu kreieren, sondern zu dem Zweck, denjenigen, die es wĂŒnschen, die Erfahrungen von allen anderen verfĂŒgbar zu machen, um die Kampfmöglichkeiten und somit die revolutionĂ€re FĂ€higkeit, in die RealitĂ€t einzuwirken, zu erweitern.

Ein minimales Programm

Aus diesem Grund schlagen wir nicht eine Plattform oder ein detailliertes Programm vor, suggerieren wir keine Beitrittsprozeduren und möglichen Organigramme, in die es die Arbeit und die Beziehungen selbst unter Mitgliedern aufzuteilen gilt.

Wir lassen allen die maximale Freiheit, den eigenen Weg zu finden, die eigene Marschroute aufzubauen, ausgerichtet auf die Suche nach den eigenen GefÀhrten, womit man bedeutsamere Abmachungen und Beziehungen schliesst, selbstverstÀndlich mit dem einzigen Ziel, das plausibel ist, demjenigen einer Intensivierung und einer Verbesserung der derzeitigen Kampfbedingungen.

Aus demselben Grund wird sich, da ein grundlegendes Programm fehlt, das in allen Details bekannt ist, kein Mitglied dazu verpflichtet fĂŒhlen können, sich am Kampf von einem anderen Mitglied zu beteiligen, gegenĂŒber welchem er eine gegenseitige Kenntnis nicht hat vertiefen können, oder wollen, um eine gegenseitige AffinitĂ€t festzulegen. In anderen Worten, wir wollen nicht eine internationale Partei errichten, sondern eine Reihe von internationalen Beziehungen, eine grosse Gelegenheit, damit all diejenigen, die ihr eigenes Interesse daran finden, diese Beziehungen in höchstem Masse entwickeln können.

Zwei grundlegende Diskriminanten

Wir setzen jedoch zwei grundlegende Diskriminanten, im Überigen in der Benennung selbst der Insurrektionalistischen AntiautoritĂ€ren Internationale enthalten. Und dies nicht, weil wir sektiererisch sein wollen oder einigen zu Gunsten von anderen eventuelle Möglichkeiten verwehren wollen.

Wir tun das, weil wir es vermeiden wollen, Zeit zu verlieren, und sie auch andere nicht verlieren lassen wollen.

Die erste Diskriminante ist der Antiautoritarismus.

Wir sind der Ansicht, dass alle revolutionĂ€ren Organisationen, die innerhalb von sich als Methode, um miteinander in Beziehung zu treten, und ausserhalb von sich als Kampfmethode autoritĂ€re Strukturen wĂ€hlen, mehr oder weniger der Macht dienlich sind, die sie zu bekĂ€mpfen behaupten. Diese Organisationen wĂŒrden bestenfalls darin enden, eine amtierende Macht zu stĂŒrzen, um sie zu ersetzen. Aus diesem Grund diskriminieren wir diese Organisationen von Anfang an, indem wir alle, die sich in diesen Entscheidungen und in dieser Praxis wiedererkennen, bitten, nicht mit uns in Kontakt zu treten. Zu guter Letzt denken wir, dass heute die Zeit gekommen ist, jegliche autoritĂ€re Anwandlung im revolutionĂ€ren Kampf radikal zurĂŒckzuweisen. Die Welt ist bereit fĂŒr Erfahrungen von anderer Art.

Die zweite Diskriminante ist der Insurrektionalismus.

Wir sind der Ansicht, dass die Kampfpraxis, die dem gegenwĂ€rtigen Stand des Klassenkonfliktes in fast allen RealitĂ€ten, aber insbesondere in der mediterranen RealitĂ€t, am angemessensten ist, die aufstĂ€ndische ist. Unter aufstĂ€ndischer Praxis verstehen wir die revolutionĂ€re AktivitĂ€t, die beabsichtigt, die Initiative des Kampfes zu ergreifen, und die sich nicht auf das Warten oder auf die blosse resistenzialistische Antwort auf die Angriffe der Macht beschrĂ€nkt. Die Insurrektionalisten teilen demnach all die fĂŒr das Warten typischen quantitativen Praktiken nicht, also die organisatorischen Projekte, die vorsehen, auf die Resultate eines quantitativen Wachstums zu warten, bevor sie in die KĂ€mpfe intervenieren, und die sich in diesem Warten lediglich auf den Proselytismus und die Propaganda, oder auf eine sterile und harmlose Gegeninformation beschrĂ€nken, die nunmehr von der Zeit ĂŒberholt ist. Auch in diesem Sinne, mit dieser unseren insurrektionalistischen Wahl, wollen wir niemanden diskriminieren. Wir wollen bloss auf das Instrument zurĂŒckgreifen, das uns mehr liegt, und, gleichzeitig, auf das Instrument, das wir fĂŒr den gegenwĂ€rtigen Bedingungen der Konfrontation angemessener halten, speziell in dem Gebiet, das uns mehr interessiert, im Gebiet des Mittelmeerraumes.

Erste organisatorische Schritte

Die Interessierten mĂŒssen, nachdem sie mit der Förderungsgruppe in Kontakt getretensind, falls sie mit dem Vorschlag einverstanden sind, dieses Dokument in ihre Sprache ĂŒbersetzen, falls es eine andere als Italienisch ist, und es allen GefĂ€hrten und Gruppen zusenden, womit sie in Kontakt sind, wĂ€hrend sie sich als Referenzpunkt fĂŒr einen eventuellen Austausch von PrĂ€zisierungen, KlĂ€rungen, Dokumentierungen und was sonst noch nötig ist vorschlagen. Es wird an ihnen liegen, zu entscheiden, ob sie diese Gruppen mit der Förderungsgruppe in Kontakt setzen wollen oder ob sie die Beziehung direkt verwalten wollen.

Die beiden Wege schliessen sich fĂŒr das zukĂŒnftige Funktionieren und die Entwicklung der Insurrektionalistischen AntiautoritĂ€ren Internationale nicht aus und können parallel begangen werden.

Die Praxis wird uns sagen, ob diese Methodenwahl gute FrĂŒchte tragen wird oder nicht.

In der Folgezeit, wir hoffen innert Kurzem, sollte der zweite wichtige organisatorische Moment die Einberufung von einem ersten Insurrektionalistischen AntiautoritÀren Internationalen Treffen sein, zu halten an einem Ort und an einem Datum, die es zu vereinbaren gilt, eine Gelegenheit, diese letztere, die von grosser Wichtigkeit ist, um die gegenseitige Kenntnis zu vertiefen und die jeweiligen Kampferfahrungen auszutauschen.

Einige persönliche Überlegungen

Der Beweggrund fĂŒr diese Notizen besteht darin, einige Probleme bezĂŒglich der Insurrektionalistischen AntiautoritĂ€ren Internationale zu vertiefen, die mir im Verlaufe von einigen GesprĂ€chen unter GefĂ€hrten, die ich in den vergangenen Monaten [1996] fĂŒhrte, interessant erschienen sind. Wie sich zeigen wird, handelt es sich nicht um grosse Fragen, sondern um Nuancierungen, die dennoch all ihr Gewicht bewahren und die ein Hindernis fĂŒr das VerstĂ€ndnis dessen bilden könnten, was getan werden muss, um das Vorbereitungstreffen vom Herbst bestmöglich zu organisieren.

Weshalb eine informelle, antiautoritÀre und insurrektionalistische internationale Organisation, die sich ausgehend vom Mittelmeerraum entwickelt.

Der Mittelmeerraum ist nicht das Zentrum der Welt. Wie alle anderen Ecken des Planeten hat er seine sozialen, ethnischen und politischen Charakteristiken und SpezifitĂ€ten, aber das sind nicht Elemente von solcherart, dass sie Kontakte oder operative Beziehungen mit GefĂ€hrten, ob einzeln oder organisiert, welche sich in geographischen Situationen befinden, die fernab von seinen KĂŒsten liegen, ausschliessen.

Sicher, wie im anfĂ€nglichen Diskussionsvorschlag, in dem Teil betreffend der “AnsĂ€tze fĂŒr eine Analyse” prĂ€zisiert wurde, so lassen einige Hypothesen ĂŒber die konfliktuelle Entwicklung der heute in diesem Gebiet bestehenden Spannungen einen interessanten “gemeinsamen Diskurs” voraussehen, aber das ist nicht das Wichtigste.

In einer anderen Hinsicht wurde angemerkt: „Welchen Sinn hat eine internationale Organisation, die sich, in dem Moment, wo sie als mögliche Verbindungsstruktur zwischen verschiedenen Situationen vorgeschlagen wird, auf ein prĂ€zises geographisches Gebiet begrenzt? MĂŒsste nicht die Tatsache selbst, sich ‘international’ zu nennen, sie ĂŒber jede mögliche geographische Grenze hinweg projizieren?”.

Beide von diesen EinwĂ€nden sind begrĂŒndet. Die LĂ€nder, die am Mittelmeer liegen, haben einige gemeinsame Charakteristiken, die, mit grösserer oder geringerer IntensitĂ€t, auf die kĂŒnftige Entwicklung der sozialen KĂ€mpfe in ihrem Innern tiefgreifend einwirken könnten. Gleichzeitig ist die Organisation, wovon wir im Vorschlag gesprochen haben, eine informelle Organisation, folglich existiert sie in dem Moment, wo Vereinbarungen in Hinsicht darauf getroffen werden, Dinge zu tun, sie wird nicht als stabiler organisatorischer Referenzpunkt vorgeschlagen.

Es besteht kein Zweifel daran, dass eine Organisation, die mit fixen Strukturen versehen ist, also mit einer grundlegenden operativen Hypothese, die an die traditionellen Konzeptionen des Synthesenanarchismus gebunden ist, wenn sie einmal als “internationale Organisation” konzipiert wird, nicht als auf ein geographisches Gebiet begrenzt vorgeschlagen werden kann, ausser auf die Gefahr hin eines unheilbaren internen Widerspruchs. WĂ€hrend hingegen eine informelle Organisation, die, in der Hypothese von denjenigen, die sie vorschlagen, bessere Möglichkeiten hat, in einigen prĂ€zisen geographischen Gebieten zu operieren, mit dem Ziel, alle fĂŒr die eigenen Initiativen zu interessieren, und somit den FĂ€cher der eigenen zukĂŒnftigen operativen Möglichkeiten grösstmöglich zu erweitern (der einzige gĂŒltige Grund, weshalb die informelle Organisation existiert und operiert), sich bestens ein prĂ€zises geographisches Gebiet aussuchen und sich nichtsdestotrotz als international definieren kann.

Da die Aktion der einzige Lebenssaft der informellen Organisation ist, so muss sich diese letztere, um zu existieren, in jener Situation verwurzeln, welche die Aktion, zumindest hypothetisch, annehmlicher macht, und sich von dieser Situation aus grösstmöglich (und somit auch auf internationaler Ebene) in ihrer Aufgabe, “organisatorische Gelegenheiten” zu liefern, entwickeln. Im Falle einer Synthesenorganisation hingegen, wenn diese letztere als “international” definiert wird, so kann sie nicht auf irgendein geographisches Gebiet begrenzt werden, da sie ab dem Moment, wo sie gegrĂŒndet wird, in all ihren Teilen auf vollstĂ€ndige Weise existiert (ihre kĂŒnftigen Modifizierungen werden nur von quantitativer Natur sein), und wenn sie als “international” definiert wird, dann muss sie Strukturen haben, die jeden Teil der Welt berĂŒcksichtigen.

Was bedeutet informell?

Im mehrmals zitierten Vorschlag definierten wir als “informelle Organisation”: «Eine Gesamtheit von Individuen, Gruppen, Strukturen, Bewegungen, und jeder anderen mehr oder weniger stabilen Form von Beziehungen zwischen Personen, die versucht, gegenseitig in Kontakt zu treten, beziehungsweise, eine gegenseitige Kenntnis zu vertiefen.» (“Zweiter Teil. Organisatorische AnsĂ€tze”).

Es besteht kein Zweifel daran, dass, auch wenn das Konzept von InformalitÀt von dieser Definition nicht definitiv geklÀrt wird, zumindest eine Sache daraus klar hervorgeht: die Charakteristik nÀmlich, dass die informelle Organisation keine StabilitÀtscharakteren hat.

Aus eben diesem Grunde konnte die Insurrektionalistische AntiautoritĂ€re Internationale nicht entscheiden, sich in einer Föderation zu konstituieren. Wenn dieses Konzept fĂŒr die Anarchisten einen Sinn hat, so bewahrt es ihn als Synonym fĂŒr Zusammenschluss von Gemeinden und Gemeinschaften (aber auch von einzelnen Individuen oder sehr kleinen Gruppen), oft selbststĂ€ndig, und völlig frei darin, die Bedingungen des Zusammenschlusses festzulegen. Eine freie Vereinbarung also, aber noch immer eine Vereinbarung, welche die Konstituierung von einer fixen Struktur festlegt, aus der jederzeit ausgetreten werden kann, wenn man das will, ohne deshalb die Struktur selbst weniger fix werden zu lassen. Die Föderation ist also ein Zusammenschluss von freien IndividualitĂ€ten, oder Gruppen, oder Strukturen, oder Bewegungen, der ein fĂŒr alle Mal festgelegt wird.

Die informelle Organisation wird nicht ein fĂŒr alle Mal festgelegt, folglich kann sie nicht mit einem formellen Akt “konstituiert” werden.

Entgegen dem, was gesagt und geschrieben worden ist, wird das erste Treffen der Insurrektionalistischen AntiautoritĂ€ren Internationale nicht ein “konstitutives” Treffen sein. An diesem kĂŒnftigen Treffen, wovon ich mir wĂŒnsche, dass es die PrĂ€senz von sehr vielen GefĂ€hrten aus allen Teilen des Mittelmeerraumes und der Welt sehen wird, wird es keine “Konstituierung” geben, denn die Internationale unserer TrĂ€ume ist in dem Moment, wo sie Kontakte, Beziehungen etc. ermöglicht, sprich in dem Moment, wo sie ihre Natur als “organisatorische Gelegenheit” realisiert, bereits am Wirken, ohne dass es offizielle Konstitutionsakte gĂ€be.

Das Treffen, das wir organisieren mĂŒssten, und wofĂŒr wir uns vorbereiten all unsere kĂŒnftigen Anstrengungen zu bestimmen, wird folglich eine sehr grosse “organisatorische Gelegenheit” sein, nicht ein Moment, um eine Organisation ins Leben zu rufen, die, da sie in dem Moment, wo sie am wirken ist (und das Treffen wird der Moment ihres höchsten Wirkens sein), informell ist, bereits existiert, ohne dass irgendjemand sich darĂŒber Gedanken machen mĂŒsste, sie zu konstituieren.

Was bedeutet aufstÀndisch

Ich könnte mich noch einmal auf den Vorschlag beziehen, aber das scheint mir nicht nötig. Das Element, das eine insurrektionalistische Organisation auszeichnet, ist nicht nur die Methode des Kampfes, welches diejenige ist, die auf der permanenten Konflikthaltung basiert, sondern auch ihre Strukturierung als Organisation. Im engeren Sinne des Begriffs könnte eine Methode, die auf der permanenten Konflikthaltung beruht, auch von einer Synthesenorganisation angewandt werden, die jedoch fĂ€hig ist, jedesmal, wenn es sich als nĂŒtzlich erweist, eine Angriffsentscheidung zu treffen. Sicher, das ist schwierig, denn die Mediation, die fĂŒr das Ziel des quantitativen Wachstums notwendig ist, wĂŒrde frĂŒher oder spĂ€ter darin enden, Überhand zu nehmen, dennoch, a priori gibt es da keinen logischen Widerspruch. Diesen Widerspruch gibt es hingegen im Falle einer informellen Struktur, die auf AffinitĂ€tsbeziehungen basiert, eine Struktur, die nicht auf starre Weise ein fĂŒr alle Mal festgelegt werden kann, anderenfalls sieht man die aufstĂ€ndische Methode in eben dem Moment dahinschwinden, wo man sie zwingt, sich auf eine Art und Weise zu bewegen, die ihrer Natur entgegengestellt ist.

Der Aufstand kann nicht vonseiten einer starren Struktur als Methode vorgeschlagen werden, anderenfalls verwandelt er sich in eine der vielen Modelle von politischem Angriff auf die amtierende MachtrealitÀt.

Die informelle Organisation kann deshalb unmöglich nicht insurrektionalistisch sein.

Was bedeutet antiautoritÀr

Wenn der Antiautoritarismus einen Sinn hat, dann muss er bis auf den Grund der Wunde reichen, das heisst, in alle Schichten der Macht vordringen, auch jene, die sich innerhalb der sogenannten revolutionÀren Strukturen selbst verbergen.

Nun, eine starre Organisation, die mit permanenten Strukturen ausgestattet ist, die fĂ€hig sind, hinsichtlich verschiedener Ziele (um Himmels Willen, alles revolutionĂ€re Ziele!) zu funktionieren, fĂ€hig, sich um die Abfassung von Programmen und Projekten, Analysen und Dokumenten zu kĂŒmmern, eine Struktur, die sich entwickelt und mit der Zeit quantitativ anwĂ€chst, kurz, eine Organisation wie es sich gehört, kann unmöglich nicht einige Machtaspekte aufweisen.

Wer sich als antiautoritĂ€r versteht, mag eine Art Kompromiss mit sich selber eingehen und der Ansicht sein, dass auch diese Strukturen nĂŒtzlich sind, um die Zerstörung der grösseren Macht, die uns unterdrĂŒckt, zu erreichen, und viele Male ist dieser Gedankengang gemacht worden. Aber er kann nicht verbergen, dass es sich dabei um einen Kompromiss handelt.

Der Antiautoritarismus kann unmöglich nicht informell sein.

Die propositiven und projektuellen Aspekte des anarchistischen Insurrektionalismus in einer Perspektive von internationaler informeller Organisation.

Es ist gewiss nicht meine Absicht, an dieser Stelle zur Abfassung eines Programmes beizutragen. Es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass einige mentale Vorbehalte aufgelöst werden mĂŒssen.

Die Insurrektionalistische AntiautoritĂ€re Internationale ist eine informelle Organisation, wer sich an ihr beteiligt, kann folglich nicht erwarten, einen Organismus vor sich zu haben, der fĂ€hig ist, seine Probleme zu lösen, eine Art Supereinzel, woraus man schöpfen kann, fĂŒr all die Defizite, die im eigenen alltĂ€glichen Agieren stets nicht missen sich zu zeigen, in anderen Worten, die Internationale, wovon wir sprechen, ist keine Gewerkschaft, und sie beabsichtigt auch nicht, das zu werden, trotz allen möglichen aggregativen Verlockungen.

Die organisatorische Gelegenheit bleibt, zumindest so wie ich das verstehe, die grosse Möglichkeit der Internationale, und diese Gelegenheit darf nicht in fehlplatzierten Erwartungen verschwendet werden, die einzig MissverstÀndnisse und EnttÀuschungen nÀhren können.

Seine GefĂ€hrten zu kennen, das ist die grosse propositive Gelegenheit, die von der Internationale ermöglicht werden sollte. Aber nicht jede Kenntnis kann uns kostenlos von ausserhalb, von einem grossen GefĂ€ss gegeben werden, das ein fĂŒr alle Mal damit beauftragt ist, auszusondern und zu prĂŒfen, zu rechtfertigen und zu garantieren. Nichts von alledem. Die Gelegenheit ermöglicht die Kenntnis, aber diese letztere erfordert Einsatz und Korrektheit in der Tatsache selbst, uns vorzustellen, uns selber zu prĂ€sentieren, als einzelne Individuen, als das, was wir sind, und in der Tatsache, zu erfassen, exakt erfassen zu können, was die anderen GefĂ€hrten sind. Aus dieser langen und schwierigen Arbeit, um vieles bedeutsamer als Referate und Dokumente, Analysen und Resolutionen, geht der projektuelle Aspekt der Insurrektionalistischen AntiautoritĂ€ren Internationale hervor, ein Aspekt also, der nicht von einer kollektiven Entscheidung kodifiziert wird, und sei es auch jene, die von einer noch so grossen Vollversammlung gutgeheissen wurde, sondern von den Vereinbarungen der Einzelnen mit Einzelnen, auf Basis des Entdeckens und des Vertiefens von jenen AffinitĂ€ten, die im Laufe der Abwicklung der “Gelegenheit” nicht missen werden ans Licht zu kommen.

Der Rest, jede nicht strikt notwendige Sedimentation, wĂ€re einzig ein Komfort fĂŒr schwache GemĂŒter, eine Marionette fĂŒr jene, die gerne mit Siglen und Kodexen spielen. Nichts von alledem kann uns interessieren.

An die GefÀhrten der östlichen LÀnder

Die politischen und ökonomischen Ereignisse, die sich in allen LÀndern des europÀischen Ostens am entwickeln sind, haben ein Wiedererwachen des Anarchismus erlaubt, das, wie wir hoffen, reich an Ideen und vor allem an Aktionen sein wird.

Wir richten uns deshalb an all jene GefÀhrten, die daran interessiert sind, den insurrektionalistischen anarchistischen Kampf zu entwickeln und die entsprechende theoretische Analyse zu vertiefen, indem wir folgende Punkte von theoretischer und praktischer Reflexion vorschlagen:

Die historischen Wurzeln

Der Anarchismus, der in den LĂ€ndern des europĂ€ischen Ostens wieder am erwachen ist, mag dazu verleitet sein, sich als historischer Erbe des Anarchismus zu denken, welcher der endgĂŒltigen Machtergreifung vonseiten der Bolschewisten oder zumindest dem Ende des zweiten Weltkriegs voranging. Es gibt auch GefĂ€hrten, die denken, dass es unerlĂ€sslich ist, zu den eigenen in diesem Sinne verstandenen anarchistischen organisatorischen UrsprĂŒngen zurĂŒckzukehren.

Nun, wenn es sicherlich wichtig ist, die Theorien und die Aktionen der GefĂ€hrten, die uns vorangingen, zu wahren und vielleicht wiederzuentdecken, so ist es nicht unerlĂ€sslich, noch einmal dieselben organisatorischen Wege zu begehen, von denen einige nunmehr von den Schwierigkeiten ĂŒberholt wurden, die die heutigen Zeiten uns tĂ€glich vor die Augen setzen.

Die neuen Bedingungen des Kapitals

Der Feind hat sich tiefgreifend verĂ€ndert. Der alte, in zwei mĂ€chtige Weltblöcke geteilte Imperialismus ist dabei, durch einen supranationalen telematischen Kapitalismus ersetzt zu werden, welcher als postindustrieller Kapitalismus definiert worden ist. Die Struktur selbst der Klasse der Arbeiter ist dabei, sich durch Restrukturierungsprozesse zu verĂ€ndern, die innert wenigen Jahren auch in den LĂ€ndern des europĂ€ischen Ostens eintreten werden. Es ist dieser Neokapitalismus, der als Zentrum nicht mehr die Fabrik hat, dem sich der Ex-Sowjetimperialismus gemeinsam mit den anderen LĂ€ndern des Ex-Realsozialismus am annĂ€hern ist, die Haut wechselnd und die Flagge und das ideologische GeschwĂ€tz Ă€ndernd, um die gefĂ€hrlichen ökonomischen Bedingungen des Staatskommunismus zu ĂŒberwinden.

Überwindung der alten anarchistischen Organisationskonzeptionen

Um den verĂ€nderten Bedingungen des Klassenkampfes entgegenzutreten, muss der Anarchismus eine radikale Kritik seiner alten Organisationsformen vornehmen: der spezifischen Synthesenorganisation und der anarchosyndikalistischen Massenorganisation. Um es zu vermeiden, das Scheitern des Wiederauflebens der spanischen CNT zu wiederholen, das nach einer anfĂ€nglichen falschen BlĂŒte erlosch, ist es erforderlich, vom ersten Moment an zu schauen, ob die traditionellen anarchistischen Föderationen, welche auf einem politischen Synthesen-Programm basieren, noch immer dafĂŒr geeignet sind, als soziales Kampfinstrument zu funktionieren, und mĂŒssen wir auch schauen, ob die Gewerkschaft ein geeignetes Instrument ist fĂŒr den ökonomischen Kampf.

Wir denken nicht.

AffinitÀtsgruppen

Wir denken, dass an Stelle der Föderationen und der nach dem klassischen anarchistischen Modell organisierten Gruppen AffinitĂ€tsgruppen aufgebaut werden mĂŒssen, bestehend aus einer begrenzten Anzahl GefĂ€hrten, zusammengehalten von einer gegenseitigen und direkten persönlichen Kenntnis, fĂ€hig, sich durch regelmĂ€ssige Kampftermine miteinander zu verbinden, die darauf ausgerichtet sind, prĂ€zise Aktionen gegen den Klassenfeind zu realisieren.

Im Verlaufe selbst von diesen Kampfgelegenheiten muss ein Weg gefunden werden, um die theoretischen und praktischen Aspekte bezĂŒglich sowohl der kĂŒnftigen zu realisierenden Aktionen, wie auch die Analysen, die es innerhalb der verschiedenen AffinitĂ€tsgruppen in Umlauf zu bringen gilt, zu diskutieren und zu vertiefen. Der zentrale Punkt, um den es die organisatorische Beziehung dieser Gruppen drehen zu lassen gilt, ist also nicht der periodische Kongress (der fĂŒr die Synthesenorganisationen typisch ist), sondern die verschiedenen Kampfsituationen, welche zur selben Zeit konkrete Angriffe gegen den Klassenfeind und Reflexionsmomente sein mĂŒssen.

Basiskerne

Wir denken, dass an Stelle der gewerkschaftlichen Strukturen, auch der anarchosyndikalistischen, die nunmehr ausserhalb der modernen Konfliktlogik stehen, Basiskerne aufgebaut werden mĂŒssen, innerhalb der verschiedenen sozialen Situationen: in den Fabriken, Vierteln, Schulen, sozialen Ghettos; Kerne, die fĂ€hig sind, in den verschiedenen intermediĂ€ren KĂ€mpfen zu agieren: salĂ€rielle und normative Forderungen, Besetzungen von Fabriken, Schulen, HĂ€usern, Verbindungen zwischen den verschiedenen sozialen Sektoren, antimilitaristische Initiativen, ökologische Initiativen etc.

Jeder Basiskern sieht die Beteiligung der Anarchisten, besteht aber nicht nur aus Anarchisten, die Verwaltung ist folglich versammlungsbasiert, eine Situation, worin die Anarchisten ihre Rolle als treibende Kraft gegen den Klassenfeind entwickeln mĂŒssen. Einzelne Basiskerne oder Koordinationen von mehreren Kernen mit einem gleichen Ziel können sich eine spezifischere Organisationsform geben, die auf relativ klaren Prinzipien beruht:

a) permanente Konflikthaltung, das heisst ununterbrochener und wirksamer Kampf, wenn auch angepasst an die Bedingungen der Klassenkonfrontation;

b) Selbstverwaltung, das heisst absolute UnabhÀngigkeit von jeglicher Partei, Gewerkschaft und jeglichem Klientel. Die Finanzierung darf nur von spontanen BeitrÀgen kommen, die von allen Mitgliedern gemacht werden;

c) Angriff, das heisst ZurĂŒckweisung von jeder Art von Verhandlung, Vermittlung, Befriedung und Kompromiss.

MassenkÀmpfe

Die MassenkÀmpfe sind fast immer intermediÀre KÀmpfe, die keinen unmittelbaren zerstörerischen Charakter haben, sondern sich stattdessen ein Forderungsziel vornehmen, da sie zum Ziel haben, mehr KrÀfte aufzusammeln, um den Kampf zu entwickeln. Das finale Ziel der intermediÀren KÀmpfe bleibt stets das des Angriffs. Die Basiskerne sind die geeignetsten Instrumente, um diese KÀmpfe zu organisieren.

Spezifische KĂ€mpfe

Einzelne GefĂ€hrten oder AffinitĂ€tsgruppen, unabhĂ€ngig von jeglicher komplexeren organisatorischen Beziehung, eine Beziehung, die vorhanden sein mag oder auch missen mag, können entscheiden, einzelne Strukturen, Individuen und Organisationen des Kapitals und des Staates auf direkte Weise anzugreifen. In einer Welt wie derjenigen, worin wir leben, wo das informatische Kapital nunmehr dabei ist, die Bedingungen fĂŒr eine noch nie dagewesene Kontrolle und Herrschaft aufzubauen, durch den Einsatz einer Technologie, die niemals wird anders benutzt werden können, ausser um diese Herrschaft aufrechtzuerhalten, wird die Sabotage wieder zur klassischen Kampfwaffe der Anarchisten.

Nationale BefreiungskÀmpfe

Besonders in den Situationen der LĂ€nder des östlichen Europas muss diese Art von volkstĂŒmlichem Antrieb die Anarchisten prĂ€sent sehen, ohne dass deswegen auf das internationalistische Ideal des Anarchismus verzichtet werden soll. Jede Zergliederung der grossen Staaten ist, gemĂ€ss der fundamentalen These von Bakunin, stets ein Schritt voran in Richtung Befreiung. Es sollten deshalb alle nationalen Befreiungsbewegungen erleichtert und unterstĂŒtzt werden, die gegen die Hegemonie der UdSSR und der anderen grossen Staaten des östlichen Europa gerichtet sind.

Weshalb sind wir insurrektionalistische Anarchisten?

Weil wir gemeinsam mit allen Ausgeschlossenen dafĂŒr kĂ€mpfen, die Bedingungen der Ausbeutung zu erleichtern und womöglich abzuschaffen.

Weil wir es fĂŒr möglich halten, dazu beizutragen, die Revolten, die am entstehen sind, zu MassenaufstĂ€nden und sodann zu regelrechten Revolutionen zu entwickeln.

Weil wir eine kapitalistische Ordnung der Welt zerstören wollen, die durch die informatische Restrukturierung einzig den Bossen technologisch nĂŒtzlich geworden ist.

Weil wir fĂŒr den unmittelbaren und zerstörerischen Angriff gegen einzelne Strukturen, Individuen und Organisationen des Kapitals und des Staates sind.

Weil wir all diejenigen konstruktiv kritisieren, die auf Positionen von Kompromiss mit der Macht verweilen oder die den revolutionĂ€ren Kampf nunmehr fĂŒr unmöglich halten.

Weil wir, anstatt zu warten, entschlossen sind, zur Tat zu schreiten, auch wenn die Zeiten noch nicht reif sind.

Weil wir diesem Zustand der Dinge ein Ende setzen wollen, sofort, und nicht erst dann, wenn die Àusseren Bedingungen es uns ermöglichen werden.

Dies sind die GrĂŒnde, weshalb wir Anarchisten, RevolutionĂ€re und Insurrektionalisten sind.

Die obengenannten Reflexionspunkte, zwangslÀufig schematisch zusammengefasst, können direkt mit den GefÀhrten, die sich auf den insurrektionalistischen Anarchismus berufen, vertieft werden.

Individuum, AffinitÀtsgruppe, informelle Organisation

Wenn wir verstehen wollen, worin die Einsatz- und Entwicklungsmöglichkeit eines Instruments wie der AffinitĂ€tsgruppe, und somit auch der informellen und aufstĂ€ndischen Organisation besteht, dann mĂŒssen wir zu verstehen versuchen, weshalb wir nahelegen, dieses Instrument zu gebrauchen. Wenn uns dieses Problem interessiert, dann mĂŒssen wir es vertiefen, ansonsten, falls es uns nicht interessiert, verliert es an Wichtigkeit, weshalb wir dieses Instrument gebrauchen, weshalb wir es fĂŒr der RealitĂ€t angemessener halten.

Wenn wir ein organisatorisches und revolutionĂ€res Instrument untersuchen, wird uns dieses Instrument nicht aus theoretischer Tugend auferlegt, sondern sind wir es, die es wĂ€hlen, mit unserer Entscheidung, sowohl individuell wie auch kollektiv, und wir wĂ€hlen es, weil es uns scheint, dass es ein angemesseneres Instrument sein könnte als andere, und folglich ein Instrument, das fĂ€hig ist, besser als andere auf die RealitĂ€t einzuwirken, die uns unterdrĂŒckt. Die Entscheidung, die uns zu dieser Schlussfolgerung fĂŒhrt, ist oft nicht klar. Viele fĂŒhlen sich von einer gefĂŒhlsmĂ€ssigen, oder romantischen, irrationalen, oder schlicht geschmacklichen Tatsache angezogen, und wenden sich daher der aufstĂ€ndischen Organisation und nicht der Synthesenorganisation, der quantitativen Struktur zu. Diese Entscheidung ist a priori wunderbar, doch sie zĂ€hlt nicht als Vertiefung vom Einsatz, vom Gebrauch von einem revolutionĂ€ren Mittel. Um diese Vertiefung zu haben, wenn wir sie fĂŒr wichtig halten, mĂŒssen wir verstehen, weshalb sich dieses Instrument, nachdem sich gewisse objektive Bedingungen der RealitĂ€t verĂ€nderten, dem revolutionĂ€ren Kampf als angemessener erweist, als es, sagen wir, das anarchosyndikalistische, oder das revolutionĂ€r syndikalistische Instrument ist.

An sich garantiert diese Entscheidung fĂŒr ĂŒberhaupt nichts. Warum nennen sich manche von uns Insurrektionalisten? Weil das Wort schöner ist? Warum glauben sie, dass der Aufstand ein angemesseneres Instrument ist? Aus welchem Grund die AffinitĂ€tsgruppen, und nicht die Synthesenorganisation? Die Formen, die die Menschen entdeckt haben, um sich zusammenzutun, sind sehr viele. Warum denken wir, dass die AffinitĂ€tsgruppe die bessere Organisation ist?

Wir können auf diese Fragen nicht antworten, und somit nicht vorankommen, wenn es uns nicht gelingt, zu verstehen, was sich in den letzten Jahren verĂ€ndert hat. Denn die Struktur des Kapitals, die ökonomische und soziale Zusammensetzung, die wir heute vor uns haben, ist anders als jene der 70er Jahre, und anders als jene, die sie Anfangs der 80er Jahre war. Ich spreche nicht davon, jetzt drei Tage damit zu verbringen, ĂŒber politische Ökonomie zu diskutieren, aber diese eher technischen Aspekte scheinen mir nicht so verschieden von dem, was uns hier interessiert. Ansonsten mĂŒssten wir schlussfolgern: Ich mag den Aufstand, weil ich den Aufstand mag.

Ich denke, dass die Kenntnis keine Angst machen kann. Gegebenenfalls mag sie lĂ€stig fallen: einer sagt, genug, ich habe die Nase voll, das Problem ist mir unangenehm, hören wir auf damit, wechseln wir das Thema. Aber Angst, nein. Die theoretischen Aspekte zu vertiefen ist nie kontraproduktiv. Gut aufgepasst, mit etwas Intelligenz: wir sind nicht hier, um eine Abhandlung ĂŒber politische Ökonomie oder ĂŒber zeitgenössische Geschichte zu lesen. Dennoch, ich weigere mich, einzurĂ€umen, dass die Reflexion, worĂŒber wir sprechen, von unseren Interessen losgelöst ist.

Es ist klar, dass bestimmte Instrumente bei vielen Gelegenheiten seiner Geschichte vom Menschen gebraucht worden sind. Aber die Experimente von sozialer, anarchistischer, revolutionÀrer Natur etc., bedeuten sie, herausgelöst aus dem historischen Kontext, worin sie zum ersten Mal realisiert wurden, dasselbe? Ich denke nicht. Es stimmt nÀmlich nicht, dass zwischen der RealitÀt, die wir vor uns haben, und den Erfahrungen, die wir machen, jeglicher Kontakt fehlt. Den Kontakt gibt es, und er ist so stark, dass die Idee, das Verlangen, die Anstrengung, und auch der Wille, jeglicher Evidenz zuwider zu handeln, dass all dies, denke ich, nicht aus dem Kontext herausgerissen ist, worin man sich befindet. Es ist nicht herauslösbar, es kann nicht in Klammern gesetzt werden.

Wenn also vom Konzept von Angemessenheit gesprochen wird, dann handelt es sich nicht um ein Konzept von Unterordnung der eigenen Verlangen gegenĂŒber der RealitĂ€t, in dem Sinne, dass ich meine Verlangen, meine Bestrebungen und meine Vorlieben beiseitestelle, um mich als der RealitĂ€t angemessen zu erweisen: dies ist, was die Politiker tun. Es ist der funktionalistische Ideologismus, der aufzwingt, seine Vorlieben zurĂŒckzustellen, um das effizienteste verfĂŒgbare Mittel ins Feld zu fĂŒhren. Unsere ist die Wahl eines anderen Feldes. Wenn von revolutionĂ€rer Angemessenheit gesprochen wird, beziehen wir uns nicht auf eine funktionalistische Angemessenheit. Offensichtlicherweise beziehen wir uns auf eine andere Angemessenheit, in dem Sinne, dass sich die Entscheidung, die eigene Entscheidung, wahrscheinlich heute, zum ersten Mal, als der RealitĂ€t angemessener erweisen könnte (aber das ist nicht sicher). Die informelle Entscheidung sagt mir zu, und sie hĂ€tte mir auch im 19. Jahrhundert zugesagt, als sie den Bedingungen der Konfrontation, soviel man weiss, sicherlich nicht angemessen war.

Es könnte interessant sein, ĂŒber diesen Punkt zu reflektieren. In der Vergangenheit haben wir oft eine schwere Last mit uns herum getragen, ein Hindernis fĂŒr jedes revolutionĂ€re Projekt, ein Gewicht, das eben von unseren Entscheidungen verursacht war. Jetzt, und in einer unfernen Zukunft, könnten wir uns in der Situation wiederfinden, worin unsere Entscheidungen, vielleicht zum ersten Mal, verstĂ€ndlich sein könnten, und wir, hingegen, ĂŒberhaupt nicht darauf vorbereitet sind. Das ist eine delikate Frage: gelingt es uns denn wirklich, heute einen Diskurs an die Leute zu fĂŒhren, uns den Leuten verstĂ€ndlich zu machen? Eine Frage, die nicht unnĂŒtz ist, denn unsere Thesen könnten, im kurzen Verlauf von ein paar Jahren, die angemessensten, wenn nicht die einzigen sein, die imstande sind, die Ordnung umzuwĂ€lzen, worin wir leben. Wird es uns, in dieser EventualitĂ€t, gelingen, dieser Aufgabe gewachsen zu sein? Ich weiss es nicht. Meist stellen wir uns dieses Problem gar nicht erst. Es genĂŒgt uns, zu wissen, dass wir anders sind, dass wir Anarchisten sind, dass wir begreifen, was die anderen nicht verstehen, dass wir die alleinigen HĂŒter der Wahrheit sind. Die RealitĂ€t, in ihrer Gesamtheit, bewegt sich hingegen auf Transformationen zu, die, gerade fĂŒr die Anarchisten unverstĂ€ndlich sein könnten, die sich heute fĂŒr viel revolutionĂ€rer halten als die gemeinen Leute. Versucht, einen beliebigen Diskurs zu fĂŒhren, einen alltĂ€glichen Diskurs, der nicht ein kanonisches Argument ist, der nicht ein spezifisches Argument unserer ĂŒblichen revolutionĂ€ren Reflexionen ist, versucht, von einer beliebigen Sache zu sprechen, und wir werden sehen, ob hinter dem Gemeinsinn der Leute nicht manchmal eine grössere FĂ€higkeit liegt, zu verstehen, was zu tun ist, welchen Punkt es anzugreifen gilt. Wir selber, mit all unserer revolutionĂ€ren Sophisterei, schaffen das oft nicht.

Dies ist es, was ich sagen will. Wir haben, wahrscheinlich, eine MinderheitenmentalitĂ€t, und die RealitĂ€t ist heute dabei, sich auf eine Weise zu verĂ€ndern, dass sie diese MentalitĂ€t als unangemessen resultieren lassen kann. Vielleicht war sie einmal angemessen, als die Bedingungen der Struktur, die es zu bekĂ€mpfen galt, anders waren. In den 30er Jahren, die anarchistischen GefĂ€hrten, die nach Spanien gingen, um sich an der spanischen Revolution zu beteiligen, als sie dahin gingen, was fanden sie vor? Sie fanden eine Situation vor, die von der republikanischen Armee organisiert war, und daher waren sie gezwungen, ihren Ideen Gewalt anzutun, denn sie erkannten an, dass, im Grunde genommen, auch innerhalb von autoritĂ€ren und militaristischen Strukturen etwas getan werden konnte, um das grössere Übel zu bekĂ€mpfen. Sie taten sich selbst Gewalt an, akzeptierten einen Kontext, dem sie unmöglich nicht fremd sein konnten, und oft wurden sie umgebracht, ohne sich nicht einmal verteidigen zu können.

Was will das alles heissen? Das will heissen, dass wir uns in Situationen befinden könnten, die anders sind, nicht völlig unverstĂ€ndlich, aber schwierig zu verstehen, wie es diejenigen des BĂŒrgerkriegs sein könnten. Nun, sind wir in der Lage, diese Situationen zu verstehen? Und wie können wir diese Situationen verstehen, wenn die einzige Argumentation, die wir mit uns herum tragen, diejenige ist, dass uns der Aufstand passt und fertig, ohne jedoch in die Argumentation eine Analyse einzubringen, die zu erklĂ€ren versucht, weshalb denn diese Möglichkeiten heute dabei sind, sich zu ereignen, weshalb denn der BĂŒrgerkrieg von vor ein paar Jahren in Ex-Jugoslawien anders gewesen ist als derjenige, den es in Spanien in den 30er Jahren gab.

Der BĂŒrgerkrieg ist gewiss eine besondere Bedingung, aber so besonders ist sie schliesslich nicht. Den BĂŒrgerkrieg, den erleben wir alle, wir befinden uns alle in einer BĂŒrgerkriegssituation. Abgesehen davon, was ein spezifisches Problem ist und was wir vielleicht spĂ€ter werden vertiefen können, indem wir uns entscheiden, von welcher Seite wir es untersuchen wollen, so ist das Wichtige die Situation, worin man sich befindet, sei es jene des BĂŒrgerkriegs oder jene des Überlebens unter einer Bedingung von mehr oder weniger sichtbarer KlassenkonfliktualitĂ€t.

Jemand kann gewiss sagen: warum stellen wir uns denn diese Probleme? Doch, sie nicht zu stellen, bedeutet, in die Position der Minderheit zurĂŒckzukehren, welche, bewusst ĂŒber die eigene intellektuelle und moralische Erhabenheit, keine Probleme hat. Weshalb sie, in der verĂ€nderten Situation, nicht weiss, was tun, wie es andere Male geschehen ist, und darin endet, sich dem Karren von jenen anzuschliessen, die mehr wissen.

Aus dem, was in den Diskussionen von gestern zu verstehen war, schien das BedĂŒrfnis aufzukommen, das VerhĂ€ltnis besser zu klĂ€ren, das besteht zwischen der Tatsache, Dinge tun zu wollen, oder jedenfalls in die RealitĂ€t intervenieren zu wollen, manchmal mit einer geradezu maximalen Dringlichkeit, einer Art innerem Druck, zwischen der Tatsache, Dinge tun zu wollen, sagte ich, und der Tatsache, zu versuchen, auf dieses Tun-Wollen ein theoretisches Licht fallen zu lassen, welches das Tun selber besser ausrichten kann. So kam, aus den RedebeitrĂ€gen von gestern, ein BedĂŒrfnis, letztlich ein Verlangen auf, das VerhĂ€ltnis besser zu bestimmen, zu vertiefen, zwischen dem, was als “Theorie” definiert werden kann, und dem, was als “Praxis” definiert werden kann, zwischen Theorie und Aktion, zwischen einer Weise, die RealitĂ€t zu verĂ€ndern, in die RealitĂ€t zu intervenieren, und der Weise, darĂŒber zu denken.

Dies ist ein theoretisches Problem, und es hat seine Wichtigkeit, aber es ist nicht losgelöst vom praktischen Problem, wie man sich organisiert, durch die unterschiedlichen Formen, auf deren Basis man miteinander in Beziehung tritt, man sich zusammentut, und entscheidet, was man tun will. Es gibt ein wichtiges VerhĂ€ltnis, das wir oft in Betracht gezogen haben, bezĂŒglich der Art und Weise, wie der Wille, die Tatsache, zu entscheiden, etwas zu tun, in jedem von uns funktioniert, und der RealitĂ€t, die wir vor uns haben. Der Wille ist nur in Theorie Herr ĂŒber die Welt. Wir können alles Beliebige wollen, und oft, in unseren TrĂ€umen, stellen wir uns vor, wie es uns gelingt, die Welt umzuwĂ€lzen. Dann, sobald wir dieses Verlangen, diesen Traum des Willens auch nur ein Bisschen einer vertiefteren Analyse, einer kritischen Analyse unterziehen, werden wir uns darĂŒber bewusst, dass die Hindernisse, die sich zwischen unseren Willen und die Möglichkeit, ihn zu realisieren, stellen, nicht so sehr an etwas gebunden sind, das vor uns liegt, und das uns daran hindert, zu realisieren, was wir tun wollen, als vielmehr, sehr oft, an etwas, das in uns drin liegt, an eine schlechte oder unvollkommene Kognition des Tun-Wollens.

Sicher, es gibt eine Beziehung zwischen Kenntnis und Wille, zwischen Erkenntnisvermögen und Willensvermögen. Über dieses Argument, was einer der delikateren Punkte der Analyse des Willens ist, haben sich die Anarchisten manchmal, meiner Meinung nach, nicht geringen OberflĂ€chlichkeiten hingegeben.

Es ist nicht so einfach, Klarheit in diese Probleme zu bringen. Auf der einen Seite feststellen, dass wir alles Beliebige wollen können, und daraus folgern, dass wir, sowieso und in jedem Fall, in der Lage sind, den besten Weg zu wĂ€hlen, um das zu realisieren, was wirksamer ist, und auf der anderen Seite bekrĂ€ftigen, dass wir nur das wollen dĂŒrfen, was uns mehr am Herzen liegt, das, was unsere Verlangen besser erfasst. Wer ist berufen, diese Unterscheidung zu tĂ€tigen? Hier gibt es eine enorme Verwirrung.

Der erste Grund fĂŒr diese Verwirrung ist zweifellos die Unterbewertung, die einige von uns von der theoretischen Vertiefung der RealitĂ€t machen. Viele von uns denken, dass dieses Element, also die “Theorie”, ein ergĂ€nzendes Element sei, das es uns mit der Zeit, mit dem Verlauf der Aktion, mit der Abwicklung unseres Tuns, irgendwann gelingen wird, zu verstehen, zu besitzen und zu verwalten. WĂ€hrend auch das Gegenteil der Fall sein kann, das heisst, sich herausstellen kann, dass die FĂ€higkeit, zu handeln, den eigenen Willen zu verwalten, und somit die Aktion zu realisieren, eben von der Unklarheit der Kenntnis, von der mangelnden Vertiefung der Kenntnis getrĂŒbt, reduziert und gehemmt wird.

Der Unterschied zwischen Praxis und Theorie, zwischen Theorie und Aktion, wenn wir ihn unter diesem Gesichtspunkt untersuchen, tendiert also dazu, zu verschwinden. Die AusĂŒbung des Willens, in der FĂ€higkeit, zu verĂ€ndern, ist der FĂ€higkeit, zu verstehen, untergeordnet. Zwischen Handeln und Verstehen gibt es keinen Unterschied, denn beides durchdringt sich gegenseitig so sehr, dass wir darin enden, innerhalb der Grenzen handeln zu können, in denen es uns gelingt, zu verstehen, und innerhalb der Grenzen verstehen zu können, in denen es uns gelingt, zu handeln. So ist es logisch, dass jemand, der sich in einem Elfenbeinturm einschliesst und versucht, die RealitĂ€t zu verstehen, ĂŒberhaupt nichts versteht, denn letztendlich gelingt es ihm nur das zu verstehen, was rund um seine Bibliothek liegt. Die Wichtigkeit der Aktion besteht nicht nur in Funktion zur VerĂ€nderung der Welt, sondern hauptsĂ€chlich fĂŒr die VerĂ€nderung von uns selbst und unserer eigenen FĂ€higkeit, zu verstehen. Aber, diese letztere Möglichkeit, zu verĂ€ndern, ist dem untergeordnet, was es uns gelingt, zu verstehen, denn nur, wenn es uns gelingt, zu verstehen, können wir auch handeln, um die Welt zu verĂ€ndern und damit fortzufahren, zu verstehen, um damit fortzufahren, zu handeln. Diese Verkettung demonstriert, dass es zwischen Theorie und Praxis keinen Unterschied gibt. Jedes Mal, wenn jemand denkt: „nun gut, diese theoretische Analyse interessiert mich nicht“, sollte er seine Behauptung einem Minimum an kritischer Vertiefung unterziehen.

Wir sagten Gestern: die Transformationen, die in den letzten Jahren stattgefunden haben, sind nicht Angelegenheiten, die uns nichts angehen, Angelegenheiten, die eine Welt der Theorie anbelangen, die von unseren Feinden oder, im besten Falle, von jemandem von uns verwaltet wird, der immerhin Hand anzulegen weiss, und an den wir die Aufgabe delegieren (noch dazu, manchmal, mit dringenden Anfragen, Terminen und knappen Zeiten, und Bedingungen von Klarheit und Leserlichkeit), etwas hervorzubringen, das als Instrument fĂŒr unsere Aktion gebraucht werden kann. Nein, das funktioniert nicht, so kann es nie funktionieren, so hat es noch nie funktioniert.

Wenn wir nun einen logischen Sprung machen und vom Konzept von “AffinitĂ€t” sprechen, dann mĂŒssen wir sofort sagen, dass die AffinitĂ€t nicht die Sympathie ist, nicht die Freundschaft ist, nicht die Liebe ist, nicht das GespĂŒr fĂŒreinander ist, wie es manchmal genannt wird, nicht die Tatsache ist, mit einer Person gut auszukommen, nicht die Tatsache ist, zusammen ins Kino gehen zu können, ins Bett gehen zu können usw., sondern sie ist etwas anderes, etwas mehr. Aber was ist dieses Etwas mehr? Die AffinitĂ€t, so wie ich sie verstehe, geht aus einer Vertiefung der Beziehung zum Anderen hervor, eine Vertiefung, die eine bessere Kenntnis des Anderen, und folglich, auf Basis des Konzeptes, worĂŒber wir vorhin sprachen, eine bessere FĂ€higkeit bedeutet, die RealitĂ€t zu verstehen. Uns gelingt es, mit dem Anderen eine AffinitĂ€t zu verifizieren, zu identifizieren, in AbhĂ€ngigkeit von unserer FĂ€higkeit, die RealitĂ€t zu verstehen, die den Anderen und uns selber umgibt. Wenn wir diese FĂ€higkeit, die uns umgebende Welt zu verstehen, also sie zu kennen, nicht haben, gelingt es uns nicht, den Anderen zu verstehen. Der Andere ist nicht ein Atom, das von dieser Welt separiert ist, die auch unsere Welt ist, und wenn es in der Beziehung zwischen der Welt und dem Anderen und der Welt und uns Differenzen gibt, so mĂŒssen diese Differenzen bekannt sein, damit von AffinitĂ€t gesprochen werden kann.

Wenn wir von der AffinitĂ€t als von etwas sprechen, das auf den Interessen basiert, die mir und dem Anderen gemeinsam sind, was sind dann diese gemeinsamen Interessen? Sie sind das Resultat einer Antwort, die der Andere gegenĂŒber einer gesamtheitlichen, und nicht nur ökonomischen, sozialen Bedingung geben will, die ihn unterdrĂŒckt. In AbhĂ€ngigkeit von dieser AntwortfĂ€higkeit von ihm gegenĂŒber der RealitĂ€t ist der Andere fĂŒr uns erkennbar. Nicht aufgrund der Ă€usseren Aspekte: Mann, Frau, gross, klein, hĂŒbsch, hĂ€sslich, usw. All diese zusĂ€tzlichen Elemente mögen wichtig sein, aber sind nicht entscheidend. Ich, zum Beispiel, habe mich in der Situation befunden, eine sehr hohe AffinitĂ€t mit Personen zu haben, mit denen ich nicht einmal daran gedacht hĂ€tte, gemeinsam ins Kino zu gehen, da sie mich irritierten, aber es handelte sich um Personen, um GefĂ€hrten, in denen ich die PrĂ€senz einer operativen und theoretischen AffinitĂ€t mit mir erkannte, und es ist mit ihnen, mit denen ich etwas tun wollte, auch wenn ich, dieser besonderen AffinitĂ€tsbedingung entledigt, in anderer Hinsicht, nicht einmal in der Lage gewesen wĂ€re, sie mit einem Finger anzurĂŒhren. Aber ist denn so etwas möglich? Es ist möglich, ich sehe das als etwas Mögliches an. Oft fĂ€llt man in das MissverstĂ€ndnis, zu denken, dass die AffinitĂ€t aus jenen GefĂŒhlen, aus jener LiebenswĂŒrdigkeit, aus jener Hilfsbereitschaft, aus jener Art von Toleranz gewonnen werden kann, die oftmals der Effekt einer Maske, eines Auftretens, eines ideologischen PrĂ€judizes ist, gegenĂŒber dem man, anstatt einen Verdacht zu haben, in die Falle der Akzeptierung fĂ€llt.

Das erste Element der AffinitĂ€t ist also, um auf den Diskurs von vorhin zurĂŒckzukommen, die Kenntnis. Nun, Kenntnis heisst theoretische Vertiefung, heisst all das, was vorhin gesagt wurde: die FĂ€higkeit, zu handeln, die RealitĂ€t zu verĂ€ndern, um zu verstehen, und zu verstehen, um die RealitĂ€t zu verĂ€ndern. Wenn ihr mich fragt, muss der Diskurs ĂŒber das Individuum, der Diskurs ĂŒber die AffinitĂ€t, und von diesen bis hin zum Diskurs ĂŒber den Aufstand, zum Diskurs ĂŒber die organisatorischen Möglichkeiten, worĂŒber wir, hoffe ich, nachher sprechen werden, all diese Diskurse mĂŒssen, oder besser gesagt, sollten von einem Minimum an Kenntnis bezĂŒglich der Mechanismen ausgehen: der subjektiven, intersubjektiven, objektiven und interobjektiven Mechanismen. Also Funktionieren des Individuums, Funktionieren der Beziehungen zu den anderen Individuen, Funktionieren der RealitĂ€t.

Ich merke aus einigen eurer EinwĂ€nde, dass das, was ich gesagt habe, mehr Probleme aufgeworfen hat, als ich mit meinen Worten gedachte, zu lösen beizutragen. Zum Beispiel das Problem der Kenntnis. Es hat hier jemand fĂŒr angebracht gehalten, uns daran zu erinnern, dass es keine absolute Kenntnis gibt. Und das stimmt. Ohne die philosophischen Konzepte des Relativismus herbeizuziehen, wovon man im Übrigen weiss, was sie wert sind, denke ich, dass diese BekrĂ€ftigung geteilt werden kann. TatsĂ€chlich hatte ich keineswegs die Absicht, mich auf eine absolute Kenntnis zu beziehen. Als ich von Kenntnis sprach, meinte ich selbstverstĂ€ndlich eine Kenntnis innerhalb der Grenzen, in denen dieses Unterfangen machbar ist. Das Absolute gehört uns nicht an. Wenn wir von Kenntnis sprechen, sprechen wir oft auch von ObjektivitĂ€t. Vielleicht habe auch ich das gesagt, wenn ich mich recht erinnere, aber wĂ€hrend ich es sagte, habe ich mich selbst verĂ€ngstigt. Das ist tatsĂ€chlich ein Begriff, der Angst macht, aufgrund des Hintergrunds von Absolutheit, den es ihm nicht gelingt zu verbergen. Eine objektive Kenntnis, schön und ausserhalb von uns verwurzelt, liegt meiner Sicht der Dinge fern. Kenntnis, spezifischer betrachtet, im Falle des Konzepts von AffinitĂ€t, ist alles, was sich in eine praktische Handlungsperspektive einfĂŒgt. Wir sind nicht dabei, auf abstrakte Weise, in rein philosophischem Sinne darĂŒber zu sprechen, sondern in der Konkretheit davon, sich zusammenzutun, um einzuschĂ€tzen, was die möglichen aktiven Realisierungen zur VerĂ€nderung der RealitĂ€t sind. Diese Art von Kenntnis ist notwendigerweise an einen Prozess von stĂ€ndiger Transformation, VerĂ€nderung und Modifizierung gebunden. Das schien mir implizit in dem Konzept, das ich, vielleicht nicht sehr klar, ausgedrĂŒckt habe.

WĂ€hrend die Meinungsverschiedenheit, die in Bezug auf das Konzept von AffinitĂ€t besteht, keineswegs implizit ist. Zum Beispiel, wenn jemand sagt, dass es ihm noch nie passiert ist, irgendeine AktivitĂ€t mit einer Person fĂŒr möglich zu halten, gegenĂŒber der er nicht eine gewisse Sympathie hegt, so hĂ€lt er sich nicht prĂ€sent, dass diese Sympathie eben aus der Kenntnis kommt, und eine Person, die auf den ersten Blick distanziert und kalt wirkt, sich schliesslich als reich an GefĂŒhlen und somit als sympathisch erweist.

Hier sind wir dabei, zu versuchen, einen Schritt vorwĂ€rts zu machen, nicht in dem Sinne, das gegenseitige GefĂŒhl von Sympathie abzuschaffen – wenn dieses vorhanden ist, wird es sicherlich ein Reichtum sein –, oder die persönlichen Neigungen zu annullieren, die oft Frucht unserer intimeren Seinsweisen sind. Sondern wir sind dabei, zu versuchen, zu sehen, ob es möglich ist, darĂŒber hinaus, im Bereich der AffinitĂ€t, was fĂŒr mich einen Ausgangspunkt darstellt, eine andere Art von AffinitĂ€t zu haben, die, wenn man so will, beschrĂ€nkter ist, manchmal spezifischer darauf ausgerichtet, gewisse Ergebnisse zu erreichen.

Es handelt sich dabei um eine Arbeitshypothese, die ich seit sehr vielen Jahren vertrete. Es ist nicht eine sozusagen “reine”, anarchistische Weise, um die zu erreichenden Ziele oder die einzusetzenden Mittel zu identifizieren. Es geht nicht um das. Es geht nicht darum, sich mit dem Teufel zu einigen, um die eigenen Ziele zu erreichen. Ich stelle mir bloss eine Frage: gibt es nur eine mögliche AffinitĂ€t? Oder gibt es andere AffinitĂ€tsebenen, die beschrĂ€nkter sind, welche, unter dem Gesichtspunkt der Dinge, die zu tun sind, ebenfalls als interessant betrachtet werden können? Man einigt sich, um eine Sache zu tun, aber ich muss mit demjenigen, mit dem ich diese Sache tun will, nicht mein Leben verbringen. Diese partiellen AffinitĂ€tsebenen als inexistent zu betrachten, und stattdessen zu denken, dass nur, wenn eine wunderschöne und totale AffinitĂ€t vorhanden ist, rechtmĂ€ssig in Begriffen von AffinitĂ€t gesprochen werden kann, ist einschrĂ€nkend und trĂ€gt nicht dazu bei, unsere Handlungsmöglichkeiten zu erweitern, sondern verschliesst sie in den Ă€usserst eingeschrĂ€nkten Grenzen der Aussergewöhnlichkeit der GefĂŒhle. In Wirklichkeit stehen wir oft vor unterschiedlichen AffinitĂ€tsordnungen. Wenn wir nur die höchste Ebene akzeptieren, und nur diese als wirkliche AffinitĂ€t betrachten, sehen wir uns vor einer Unmöglichkeit, den Übergang zwischen AffinitĂ€t und informeller Organisation zu bewirken.

In anderen Worten, es kommt vor, dass ich eine schöne Beziehung mit den GefĂ€hrten von meiner AffinitĂ€tsgruppe haben kann, aber es mir nicht gelingt, das Problem zu lösen, mit anderen GefĂ€hrten und anderen AffinitĂ€tsgruppen, also, mit anderen Individuen, die nicht dieselbe Art von AffinitĂ€t haben wie ich, in Kontakt zu treten. Ich mag extrem selektiv sein mit zwei, drei, vier, fĂŒnf GefĂ€hrten, aber gegenĂŒber allen anderen, worauf kann ich diese SelektivitĂ€t, in den Tatsachen, stĂŒtzen, ohne mich hoffnungslos zu verschliessen? Worauf kann ich mich stĂŒtzen, um eine breitere Aktion ins Leben zu rufen, gemeinsam mit anderen, welche mit mir (und auch ich mit ihnen) keine Ă€usserst hohe AffinitĂ€tsebene haben?

Jemand könnte sagen: das interessiert mich nicht. Mich interessiert es lediglich, dass mir die Beziehung mit zwei, drei, fĂŒnf GefĂ€hrten gut passt, die mir nahe stehen und gegenĂŒber denen ich eine wichtigere und bedeutendere AffinitĂ€t habe, eine AffinitĂ€t, sozusagen, von GespĂŒr, eine AffinitĂ€t, die auf der gegenseitigen SensibilitĂ€t basiert, wohingegen diese andere AffinitĂ€t mich nicht interessiert.

Versuchen wir, zu verstehen, wovon der Übergang von der AffinitĂ€tsgruppe zur informellen Organisation charakterisiert wird. Etwa von der Existenz einer anderen AffinitĂ€t? Etwa von einer AffinitĂ€t, die wir hier als qualitativ minderwertiger bezeichnen können, im Vergleich zu einer intensiveren, das heisst derjenigen der kleinen beschrĂ€nkten Gruppe? Oder gibt es da ein anderes Element? Mir scheint es nicht möglich, den breiteren organisatorischen Schritt zu machen, indem man sich auf ein qualitativ minderwertigeres Element stĂŒtzt. Mich interessiert nicht der quantitative Aspekt, oder besser gesagt, mich interessiert nicht nur der quantitative Aspekt. Ich weiss, sicher, dass man nichts ausrichten kann, wenn man mit wenigen ist, aber es ist keineswegs sicher, dass man es, wenn man mit vielen ist, besser machen kann.

Worin besteht also das Element, welches diesen Übergang charakterisieren könnte, der das Individuum zu jenem Zusammenschluss fĂŒhren könnte, welcher fĂŒr es, fĂŒr das, was seine individuelle SouverĂ€nitĂ€t ist, auch eine Aufopferung, oder zumindest eine EinschrĂ€nkung darstellen könnte, jedoch entschĂ€digt durch den Vorzug, intensivere Differenzen, breitere Handlungshorizonte zu haben? Worin besteht dieses Element?

Dieses Element muss, wenn ihr mich fragt, im projektuellen Aspekt gesucht werden. Dank dem Projekt wird jene AffinitÀt, die zuvor scheinbar minderwertiger, bescheidener, beschrÀnkter schien, auf einer qualitativ anderen Ebene neu bewertet. Denn das Projekt ist, per Definition, ein Element, das in die Zukunft projiziert ist, in Richtung von etwas, das es noch nicht gibt, wÀhrend die AffinitÀt, in ihrer EinschÀtzung, in die Vergangenheit projiziert ist, in Richtung von etwas, das es bereits gibt, wenn auch beschrÀnkt.

Nun, wir mĂŒssen auf unsere Beziehungen, auf die Kenntnisse und auf den ganzen Rest schauen, was die AffinitĂ€t betrifft, aber die ProjektualitĂ€t, dieser treibende VerĂ€nderungsdrang in Richtung der Zukunft, hat eine andere QualitĂ€t. Und dieser Aspekt ist es, woraus uns der andere qualitative Beitrag zukommt, derjenige, welcher die bescheidenen KapazitĂ€ten der AusgangsaffinitĂ€t anheben und verĂ€ndern kann.

Aber wie funktioniert dieses VerhĂ€ltnis? Mir scheint es nicht, dass zwischen der AffinitĂ€t und dem Projekt so etwas wie arithmetische Aspekte, ein Summenzeichen von QualitĂ€t wahrgenommen werden kann. Da gibt es etwas, das es zu tun gilt? Man tut sich zusammen, man tut es. Das alles geschieht auch in den klassischen Organisationen, in den Synthesenorganisationen, in den autoritĂ€ren Strukturen. Die Partei, zum Beispiel, hat ihre Sitze, versammelt die Militanten, macht einen Kongress, trifft ihre Entscheidungen. Aber es ist nicht dies unser Problem. Unser Problem ist gleichzeitig einfacher und viel komplexer. Einfacher, weil es bĂŒrokratisch nicht existiert, komplexer, weil es die Vertiefung von bestimmten Thematiken erfordert, an die wir, da wir so oder so Kinder der QuantitĂ€t sind, nicht gewohnt sind.

So stellen wir uns das Projekt als ein Produkt der QuantitĂ€t vor: bestimmte Resultate erreichen, dafĂŒr sorgen, dass die Leute gewisse Dinge tun. Dann, auf systematische Weise, wenn wir getan und realisiert haben, was in unseren FĂ€higkeiten liegt, zu tun und zu realisieren, stellen wir fest, dass wir ins Hintertreffen gestellt wurden, denn die Leute tun nicht, was wir zu tun gesagt haben, es gelingt uns nicht, unsere Ziele zu erreichen. Und dann? Dann denken wir, dass unsere Aktion keinen Sinn gehabt hat, bedeutungslos geblieben ist, denn in unserem Kopf haben wir noch immer die quantitative Auffassung, nicht eine qualitative Auffassung.

Das Problem ist also nicht bloss jenes der AffinitĂ€t, denn dies wĂŒrde bloss das betreffen, was wir im Hause haben, in seinen verschiedenen Ebenen, sondern hauptsĂ€chlich jenes des Übergangs zur Aktion, des Übergangs in Richtung der projektuellen VerĂ€nderung der RealitĂ€t.

Es ist deswegen das Projekt, welches uns hilft, die AffinitĂ€t besser zu verstehen. Aus dem Projekt, welches die Zukunft anbelangt, also nicht das anbelangt, was wir sind, sondern das, was wir gerne sein möchten, das, was wir gerne tun möchten, nicht das, was wir bereits getan haben, kommt uns eine Andersartigkeit zu, und dieser Aspekt ist es, den wir besser verstehen mĂŒssen. Wir meinen, dass eine arithmetische Summe von AffinitĂ€t, ab einem gewissen Punkt, eine grössere AffinitĂ€t, eine Art Supergruppe hervorbringt. Das ist alles absurd. Die Summe von mehr AffinitĂ€t bringt ĂŒberhaupt nichts hervor, sie bringt Fremdheit hervor, wenn sie nicht von einem Projekt zementiert wird, das heisst von etwas, das es noch nicht gibt, das noch kommen muss, also von einer radikalen Unbekannten, von einer substanziellen Andersartigkeit.

Die AffinitÀten sind Elemente des Bekannten, und je besser sie bekannt sind, desto besser können sie eingeschÀtzt werden, somit gehören sie zu dem, was wir sind. Nun, ich möchte nicht, dass mir nun irgendein skeptischer Philosoph prÀzisiert, dass wir nicht wissen, was wir sind. Aber, wenn wir dieses Problem einmal beiseite legen, so können wir sagen, dass sich die AffinitÀt, wenn wir besser wissen, wer wir sind, und was wir tun wollen, hinauszieht und in den Dingen, die wir tun wollen, ihre eigentliche Realisierung findet. Dies ist das eigentliche Terrain der Kenntnis, wo wir uns selbst und die anderen erfahren, und somit, beim Erfahren von uns und beim Erfahren, uns und die anderen erkennen, der AffinitÀt ein Fundament geben.

Es ist klar, dass ich, falls ich mich auf den blossen Diskurs der AffinitĂ€t beschrĂ€nken sollte und damit fertig, die komplettere, die bedeutsamere AffinitĂ€t wĂ€hlen wĂŒrde. Weshalb sollte ich mich auch ins Hintertreffen stellen? Weshalb sollte ich mit jemandem reden, mit dem ich nicht eine totale AffinitĂ€t habe? Wahrscheinlich wĂŒrde ich, auf dieser Ebene, in meinem ganzen Leben, recht wenige Personen finden, mit denen ich reden kann, und mit diesen Personen wĂŒrde ich bestens auskommen. Hier jedoch sind wir dabei, zu versuchen, einen Schritt vorwĂ€rts zu machen, in Funktion des Projektes, das uns interessiert. Nicht, weil dies ein intelligenter Weg ist, um mich an den Karren der Zweckorientierung binden zu wollen, ein Umwandeln meiner Aktion von Suche nach der Schönheit des Lebens in Hingabe an die Wirtschaftlichkeit des Tuns. Es ist nicht das. Es ist klar, dass, wenn ich ein perfektes Leben fĂŒhren will, es auch sein kann, dass ich nicht einmal zwei Personen finden werde, mit denen ich sprechen kann, vielleicht auch nur mich selber. Vielleicht, ich weiss es nicht, nicht einmal mich selber. Die ProjektualitĂ€t verĂ€ndert also das Konzept von AffinitĂ€t und erlaubt es, den Übergang zwischen AffinitĂ€tsgruppe, in ihrer anarchistischen SpezifitĂ€t, und informeller Organisation besser zu sehen.

Ich sehe nicht, wie dieser Übergang – wie es, sicherlich wider besseren Wissens, getan worden ist – auf etwas zurĂŒckgefĂŒhrt werden kann, das der Synthesenorganisation Ă€hnlich ist, wenn nicht sogar auf Schlimmeres unter dem Gesichtspunkt der Kontrolle und des organisatorischen Autoritarismus. Das scheint mir alles ein ĂŒberflĂŒssiger Diskurs. Die Synthesenorganisation berĂŒcksichtigt keineswegs die Differenzen, sondern ist im Gegenteil bestrebt, diese zu synthetisieren, sprich, sie in Abwesenheit von Differenzen zu verwandeln, sodass sie sich zur Vertreterin dessen erheben kann, was ausserhalb liegt, also der nunmehr synthetisierten Differenzen. Die verschiedenen Arbeitsgruppen, beispielsweise, von einer Synthesenorganisation, dienen als Rezyklier- und Umwandlungselemente der Differenzen der Aussenwelt. Das alles, was hat das mit der informellen Organisation zu tun?

Nihilismus. Die Nihilisten haben den Zaren getötet. Heute, wenn wir in gewissen Zeitungen (auch von der Bewegung) lesen, dass Anarchisten, die gewisse Aktionen machen, Nihilisten sind, so handelt es sich um nichts anderes als den Staub der GemeinplĂ€tze. Aber, einmal abgesehen von diesen unbedeutenden AusfĂ€lligkeiten, ernsthaft gesprochen, was können wir als Zerstörung betrachten? Um auf diese Frage zu antworten, ist es erforderlich, sich andere, vorangehende Fragen zu stellen: was wurde aufgebaut, was hat der Mensch aufgebaut? Und, dann, ist das, was die Welt ist, so, wie sie der Mensch gewollt und realisiert hat, in einen Fortschritt von Verbesserung eingefĂŒgt? Oder ist dem, in Wirklichkeit, nicht so, und dieser Aspekt ist eines der vielen Produkte der Ideologie des Fortschritts? Schliesslich, denken wir Anarchisten, dass die Anarchie sein wird, unabhĂ€ngig von unseren Aktionen, oder ist diese kĂŒnftige Anarchie nur eine Hypothese, eine Hypothese, die sich auch nicht realisieren könnte? Unsere Aktion, unsere Absicht, oft auch unsere Aufopferung, auch die GefĂ€hrten, die kĂ€mpfend gestorben sind, etc., sind sie in der Gewissheit gestorben, dass ihr Projekt in Zukunft glĂŒcklich abgeschlossen werden wĂŒrde? Oder sind sie in Ungewissheit, im Zweifel gestorben, und trotzdem haben sie sich dem Tod gestellt?

Wenn der berĂŒhmte Satz von Bovio wahr wĂ€re, wĂŒrde es genĂŒgen, sich ans Ufer vom Fluss zu setzen und auf das Vorbeiziehen der Anarchie zu warten. Und wenn die Dinge nicht so lĂ€gen? Und wenn die Welt nicht in Richtung der Verbesserung gehen wĂŒrde? Und wenn es uns heute nicht besser gehen wĂŒrde als vor fĂŒnfzig Jahren, und vor fĂŒnfzig Jahren nicht besser als vor hundert Jahren, und so weiter? Und wenn diese Ideologie des Fortschritts alles ein Schwindel wĂ€re? Und wenn die Barbaren, auch heute, vor unseren Toren lagern wĂŒrden? Und wenn wir selber diese Barbaren wĂ€ren? Und wenn die DestruktivitĂ€t und die Barbarei, gemeinsam mit dem absolutesten Mangel von jeglichem Konzept von Verbesserung, die wirkliche RealitĂ€t wĂ€ren? Und wenn all dies eine Arbeitshypothese von uns werden wĂŒrde, wĂŒrden wir dann nicht darin enden, alles anders zu sehen?

Es gibt kein beiseitegestelltes heiliges Erbe, ein Erbe, das von den Barbaren befallen wird, welche nicht wissen, was an seine Stelle zu setzen. Daraus folgt, dass, da dieses positive Objekt, das ein fĂŒr alle Mal auf deterministische Weise festgelegt ist, fehlt, die Zerstörung eine andere Bedeutung annimmt. Aus der zerstörerischen Aktion selbst kann eine andere Zusammensetzung der Gleichgewichte und der GegensĂ€tze hervorgehen, nicht schlicht eine bessere Zukunft. Die Zukunft könnte besser sein und sie könnte es nicht sein. Nichts ist garantiert. Diese Unmöglichkeit, die Zukunft zu bestimmen, ist eine Bedingung des Menschen, und darĂŒber hat er unmittelbares Bewusstsein, wie von einem aktuellen Problem, das ihm bevorsteht, ein Problem, auf das er keine endgĂŒltigen Lösungen finden kann. Von daher kommt die Notwendigkeit der Zerstörung, von der Tatsache, dass wir die Zukunft nicht durch kleine Anpassungen bestimmen können. Wenn wir daran denken, wie viele Lager, wie viele Massaker im Namen der Ideologie des Fortschritts realisiert wurden, so ist es zum Lachen, wenn man an die hypothetischen nihilistischen Strategien des sympathischen antizaristischen Bombenlegers denkt. Es handelt sich um eine minime Sache, verglichen damit, was im Namen der Ideologie des Fortschritts getan worden ist.

Uns also heute als Nihilisten zu definieren, weil wir die Notwendigkeit verfechten, den gegenwÀrtigen Stand der Dinge zu zerstören, ist schlichtweg lÀcherlich.

Es gibt ein VerhĂ€ltnis zwischen Aufstand und Zerstörung, und das, was dieses VerhĂ€ltnis ergreift, ist eine organisatorische Tatsache. Wir mĂŒssen nĂ€mlich schauen, wie wir uns den Aufstand denken. Wenn wir ihn uns auf mythische Weise denken, als eine Art Grand jour, an dem wir uns aufgrund von wer weiss was fĂŒr einer Kombination von astralen Launen gemeinsam mit den grossen Massen auf dem Platz wiederfinden, endlich in der Lage, jegliche Form und jegliches Überbleibsel von Staat zu zerstören und, folglich, die Anarchie einzuleiten; oder ob wir ihn uns anders denken. Gewiss hat es in der Geschichte aufstĂ€ndische Momente gegeben, kleine und auch grosse aufstĂ€ndische Taten, die so bedeutend waren, dass sie als klare Referenzpunkte bestehen blieben, aber ihr VerhĂ€ltnis zur projektuellen Abwicklung der einzelnen Individuen, die sich als erklĂ€rte und aktive Gegner der Institutionen aufstellen, ist keineswegs klar gerblieben.

Zum Beispiel haben wir mit der Gesellschaft, in der wir leben, ein VerhĂ€ltnis von Akzeptanz von gewissen Werten, bestimmten Codes, zumindest sprachlichen, abgesehen von moralischen. Die Tatsache, Anarchisten zu sein, verschont uns nicht von dieser Akzeptanz. Die Idee von Ordnung haben wir im Grunde in uns verwurzelt. Die Tatsache, dass wir sie theoretisch ablehnen, heisst nicht, dass wir sie nicht voraussetzen. Die Ordnung wird von uns vorausgesetzt. Ich mache eine Planung, indem ich gewisse ordinative Übereinstimmungen voraussetze, die ich fĂŒr jederzeit gegeben halte, vom Bus an der Ecke, wovon ich den Fahrplan kenne, bis zur Sprache, die ich gebrauche, um mich verstĂ€ndlich zu machen, bis zu den Codes, mit denen ich hantiere, meist ohne es zu merken. Es ist die Idee von Ordnung, die die Welt reguliert. TatsĂ€chlich sehen wir die Ă€usserste Hypothese, die wir uns mit dem Wort “Anarchie” vorstellen, als eine Bedingung an, worin es Ordnung geben wird, ohne den Preis, die diese Ordnung heute mit sich bringt: vor allen Dingen die Ausbeutung, und, dann, all die anderen Dinge, die wir gut kennen. Eine absolut neue, absolut andere Hypothese von Ordnung. Eine neue Ordnung, ja sogar, wie die alten VĂ€ter der Anarchie sagten: “die einzig mögliche Ordnung”. Wie wir sehen, so gelingt es uns, in der Praxis, nicht, dieser Idee zu entfliehen. Und tatsĂ€chlich, wenn wir von Zerstörung sprechen, und wir uns darĂŒber Gedanken machen, dann stellen wir uns vor, dass von dieser Zerstörung, indem sie die gegenwĂ€rtige Wertordnung stört und, als partielle Tatsache, nicht in der Lage ist, die Einrichtung von einer neuen Ordnung zu garantieren, nicht zu sehen ist, welches Recht sie haben kann, in Angelegenheiten Hand anzulegen, die sich uns, im Grunde, als nĂŒtzlich erweisen.

Und dann, was hĂ€tten wir gerne? Eine Zerstörung, die die bestehende RealitĂ€t trifft, aber in der Lage ist, eine neue Ordnung einzurichten. Der Aufstand ist etwas Komplexeres. Er geht nicht nur von einer Zerstörung der bestehenden Ordnung aus, soziale VerhĂ€ltnisse im Allgemeinen und an erster Stelle, sondern er geht von jedem von uns aus, bis zu dem Punkt, dass der korrekte Begriff als Aufstand des Individuums verstanden werden mĂŒsste, welches sich gegen die Art und Weise auflehnt, auf die ihm die Werte aufgetischt werden, auf Basis deren ein sicheres, aber lebensunwĂŒrdiges Leben garantiert wird.

Der SchlĂŒssel des Aufstands ist gewiss der zerstörerische, aber gelesen durch das Sich-Riskieren, das Sich-aufs-Spiel-Setzen, primĂ€r und individuell. Die zerstörerische Tat selbst produziert ein GefĂŒhl von Befriedigung, das dazu tendiert, allmĂ€hlich nachzulassen, je mehr man sich ihrer Radikalisierung annĂ€hert, das heisst, je bedeutsamer sie wird, die individuellen Elemente von dem ergreifend, der sie realisiert. Die Ästhetik der Zerstörung verschwindet dann, um einer ZurĂŒckweisung der elementarsten Ă€usseren AktivitĂ€t Platz zu machen, eine ZurĂŒckweisung, die uns im Geschlossenen der ewigen Sicherheiten unseres Bewusstseins lĂ€sst.

Der Aufstand hat also auch eine Seite von rationaler Art, das heisst, er kann einer Analyse unterzogen werden, die seine Aspekte, seine Momente, seine Entwicklungen studiert. Er hat auch die dokumentativen, formativen, edukativen Teile. Aber, wie umfassend diese Teile auch sein mögen, wir sind nie vorbereitet gegenĂŒber den Bedingungen, die den Aufstand aufkommen lassen: Wir sind entweder exzessiv enthusiastisch, oder wir sind schuldhaft kritisch.

Es ist erforderlich, einige Worte ĂŒber die sozialen Transformationen zu verlieren, die in den letzten Jahren stattgefunden haben. Wir leben in einer Welt, die nicht gleich ist wie jene von vor zwanzig Jahren. Alles hat sich verĂ€ndert. Einige Aspekte haben sich so stark verĂ€ndert, dass sie nicht rĂŒckgĂ€ngig zu machen sind. Die Macht von heute hat mit derjenigen von vor zwanzig oder hundert Jahren nichts zu tun. Wenn sich die Anarchisten, vor hundert Jahren, tatsĂ€chlich die Illusion machen konnten, die Möglichkeit zu haben, einmal von den aktuellen Bossen befreit, die angehĂ€uften ReichtĂŒmer auf andere Weise zu verwalten, auf eine Weise, die auf der neuen Ordnung basiert, so ist eine solche Idee heute völlig unrealisierbar. Heute machen die EinfĂŒgung der Technologie, die technologischen VerĂ€nderungen, die sich ereignet haben, eine freiheitliche, oder befreiende, oder befreierische, oder freimachende Verwaltung der gegenwĂ€rtigen technologischen Struktur absolut unmöglich. Einzig unsere schlechte Kenntnis des Problems hat uns diesbezĂŒglich etwas vormachen können.

Dies ist es, was wir gedacht haben: in Ordnung, wir bemĂ€chtigen uns der Computer und verwalten den Rest. Da gibt es eine Fabrik, was tun wir? Wir gehen in diese Fabrik, welche, nehmen wir an, Automobile produziert, und lassen sie aufpĂ€ppeln. Das ist nicht möglich. Heute haben sich, innerhalb des ProduktionsphĂ€nomens, in seiner gesamtheitlichen Ausdehnung betrachtet, technologische Elemente eingefĂŒgt, die, indem sie untereinander interagieren, eine andere Verwaltung als diejenige, die vom herrschenden Kapitalismus ausgeĂŒbt wird, unmöglich machen. Einige Produktionsentscheidungen sind also nicht rĂŒckgĂ€ngig zu machen, weshalb das Konzept von Zerstörung heute ein Konzept ist, das methodologisch der RealitĂ€t anhaftet, und nicht vorgeschlagen wird, weil es uns gefĂ€llt, zu zerstören.

Es besteht ein wesentlicher Unterschied zur Situation des französischen Webers, der im vergangenen Jahrhundert den Holzschuh in die Maschine warf, die dabei war, ihn mit ihren Rhythmen zu maltrĂ€tieren (auf Französisch heisst Holzschuh “Sabot”, daher das Wort Sabotage), um sie zum Stillstand zu bringen, da diese Rhythmen zu schnell waren und er einige Momente Rast brauchte. Das Konzept davon, einen Teil der eigenen physischen Kraft zurĂŒckzugewinnen, um einerseits weiterarbeiten zu können, und andererseits mehr Zeit zu haben, um durchzuatmen und darĂŒber nachzudenken, was tun, diese Konzeption, beschrĂ€nkt auf den schlichten Zerstörungsakt, ist heute zwangslĂ€ufig breiter. Jetzt geht es nicht mehr darum, einen Teil der Zeit zurĂŒckzugewinnen, die von den Bossen entrissen wird. Über diese Linie ist die Macht selbst einverstanden, die Verwalter der ökonomisch-politisch-sozialen Produktion selbst sind damit einverstanden, dem Produzenten mehr Raum und der Organisation der Arbeit grössere FlexibilitĂ€t zu geben, den Leuten zu sagen: entscheidet ihr ĂŒber die Arbeitszeiten, darĂŒber, wie ihr euch ausbeuten lassen wollt, sofern ihr jenes Produktionslevel erbringt, ein Level, das auch in Eins mit den Interessen des Kapitals “selbstverwaltet” werden kann. Dies ist der Weg, in dessen Richtung man sich aufmacht.

Denkt an einen Produktionskontext vom Typ “Insel”, wo zirka fĂŒnf Personen, jedenfalls eine kleine Gruppe, arbeiten und sich gegenseitig kontrollieren, in dem es keinen Schichtmeister gibt, in dem es keine Zeitnehmer gibt, in dem alle Freunde sind, Fans von demselben Fussballclub sind, in derselben Zone wohnen, deren Ehefrauen sich regelmĂ€ssig besuchen, deren Kinder in dieselbe Schule gehen, denkt an einen solchen Kontext: könnte ein Arbeiter seinen, wenn auch metaphorischen, Holzschuh in die Maschine werfen, mit dem Ziel, sie zu sabotieren. Die anderen Kameraden wĂŒrden ihn sofort aufhalten. Dies ist die RealitĂ€t, wovon wir es haben, diese Tatsache. Wenn wir von Zerstörung sprechen, dann dĂŒrfen wir nicht nur den Stereotypen von einer Bande UnverstĂ€ndiger prĂ€sent haben, die auf die Strassen stĂŒrmt und Champagnerflaschen klauend LĂ€den ausrĂ€umt.

Wenn wir von zerstörerischer Tat sprechen, dann mĂŒssen wir, zuerst, verstehen, wie heute gegen die Transformationen eines kapitalistischen Produktionssystems gekĂ€mpft werden kann, eines Systems, das die fortgeschrittenste Technologie benutzt hat, um sich derart zu regenerieren, dass es eine unumkehrbare Gesamtheit darstellt, deren Entscheidungen nicht RĂŒckgĂ€ngig gemacht werden können. Wir stehen vor einem produktiven, und somit ökonomischen und sozialen System, das auf keine andere Weise verwendet werden kann als diejenige, auf die es von den kapitalistischen Absichten verwendet wird. Das einzige, was zu tun bleibt, ist, deshalb, alles zu zertrĂŒmmern. Das Problem kann nicht anders gelöst werden.

Wenn wir also von Aufstand sprechen wollen, von aufstĂ€ndischem Projekt, dann mĂŒssen wir die Ideen, die Aktionen der anarchistischen GefĂ€hrten in Betracht ziehen, nicht, weil wir damit das Problem im Mikrokosmos von wenigen Personen einschliessen wollen, sondern, weil es hier ist, wo wir den Grad an Kenntnis des Problems und den Grad an Bewusstsein von denjenigen, die es sich stellen, bemessen können.

Machen wir ein Beispiel von etwas Katastrophalem fĂŒr das Kapital, ebenso und vielleicht noch mehr katastrophal wie ein Nuklearunfall. Sprechen wir davon, was einer Bank geschehen kann.

Wie funktionierten die Banken einst? Sie funktionierten aufgrund von Strukturen zur Kontrolle und Verwaltung des Geldes. Das Wirtschaftssystem von einem Land beruht auf den Banken. Dieses System ist in einem grossen Industrieland, auf engere Weise, mit den Banken verbunden. Das weltweite Wirtschaftssystem ist das, was, von einer Woche auf die andere, Millionen von Personen sterben lassen kann. Wenn wir einverstanden sind mit diesen BekrĂ€ftigungen, so haben wir eine Vorstellung von der Wichtigkeit und vom delikaten Charakter der Kreditstrukturen fĂŒr das moderne internationale Kapital.

Einst gab es eine Sabotageform, die man “mit offenem Mund” nannte. Sie bestand darin: gewisse geheime Daten der Bank verraten. Zum Beispiel verteilten einige Angestellte ein PapierstĂŒckchen an die Öffentlichkeit, worauf die KontostĂ€nde der grössten Anlagekonten standen. Die Bekanntschaft dieser Angaben erwies sich den Kontoinhabern als eher unangenehm, welche das Ausmass ihres Reichtums ausposaunt sahen, mit allen Folgen, die sich daraus ableiten konnten. Dies veranlasste sie dazu, die Fonds alle auf einmal zurĂŒckzuziehen, und das zu kreieren, was fachsprachlich eine “Bankpanik” genannt wird.

Heute hat eine grosse Bank, nehmen wir an die Banca di Roma, nicht ein einziges Datenzentrum, wo sie die Bankbewegungen von allen Klienten hĂŒtet, sondern hat sie fĂŒnf Archive, die sich an fĂŒnf verschiedenen Orten befinden. Nun, so sicher und geheim diese auch sein mögen, diese fĂŒnf Archive, so sind sie, rein theoretisch, nicht von einer Zerstörung gefeit. WĂŒrden alle fĂŒnf zerstört werden, so wĂŒrde das Buchhaltungssystem der Bank aufgrund der Unmöglichkeit, die Kredit- und Finanzbewegungen aller Klienten zu rekonstruieren, hochgehen. Man hĂ€tte eine Bankpanik, dieses Mal beispiellos, die Bank wĂŒrde hochgehen, das ganze italienische Bankensystem wĂŒrde hochgehen, das ganze weltweite Bankensystem wĂŒrde hochgehen, mit einer unmittelbaren RĂŒckwirkung an der Börse, bestialische Verluste, und der ganze Rest. Ein unermesslicher Schaden fĂŒr das Kapital in seiner Gesamtheit.

Sie wissen ganz genau auf welcher Atombombe sie sitzen, aber sie tun nichts, denn sie haben keine andere Wahl als jene, die Risiken von einem totalen Zusammenbruch auf das Minimum zu reduzieren, ohne sie gĂ€nzlich beseitigen zu können. Sie haben eine unumkehrbare technologische Entscheidung getroffen, die uns alle Ă€usserst gravierenden Risiken aussetzt. Und es ist nicht gesagt, dass sie in vollen ZĂŒgen wissen, was sie dabei sind, zu tun, denn die Konsequenzen von dieser Entscheidung sind nur zu geringstem Teil voraussehbar. Sie ist sicherlich faszinierend diese Welt, die wir vor uns haben. Wie kann man weiterleben mit einer technologischen Bombe, die in jedem Moment hochgehen kann? Zum Beispiel, wenn wir den internationalen Mechanismus der Aktienbörsen betrachten, so sehen wir, wie die EinfĂŒgung der Telematik eine bessere Kontrolle und eine bessere Zeitigkeit in der Berechnung der Kurse ermöglicht hat. Dies hat, einerseits, die Risiken von betrĂ€chtlichen ZusammenbrĂŒchen, in der Art von “schwarzer Freitag”, reduziert, welche sich nicht mit der Leichtigkeit von einstmals werden ereignen können, aber sie hat, andererseits, viele Möglichkeiten fĂŒr eine andere Art von Gefahren geöffnet, deren Entwicklungen und Konsequenzen fĂŒr die produktiven Aspekte des Systems in seiner Gesamtheit nur zu kleinem Teil bekannt sind.

Wir wohnen einer tiefgreifenden Transformation der Produktionsorganisation bei, nicht nur in den Produktionsmitteln, sondern auch im Raum. Es gab eine rĂ€umliche Explosion der Orte, die in der Vergangenheit, weil der Produktion gewidmet, geschlossen und geschĂŒtzt waren. Diese Weise, die Fabrik zu transformieren, ist interessant, da sie uns heute in die Lage versetzt, eine Produktionsstruktur zu sehen, die perfekt der aktuellen Zerstreuung der Arbeiterklasse entspricht. Es ist kein Zufall, dass sich diese Ereignisse parallel zugetragen haben, so wie es kein Zufall ist, dass die Ideologie des Arbeiterzentralismus vorbei ist, und dass die traditionellen Parteien verschwunden sind. DarĂŒber zu diskutieren, ob zuerst die Entscheidung des Kapitals, die Fabrik abzubauen, sprich, sie zu zerstĂŒckeln und zu telematisieren, oder das Ende der Ideologie des Arbeiterzentralismus, der FĂŒhrungspartei, des gewerkschaftlichen Übertragungsriemens aufkam, ist eine ĂŒberflĂŒssige Diskussion. Die RealitĂ€t ist Eine: heute sind diese Strukturen nicht diejenigen von einstmals, sie sind anders, und somit mĂŒssen auch unsere theoretischen und praktischen FĂ€higkeiten, die Interessen anzugreifen, die sie aufrecht erhalten, anders sein. WĂŒrden wir uns die Produktion so vorstellen, wie sie vor zwanzig Jahren, vor fĂŒnfzehn und in einigen FĂ€llen vor zehn Jahren war, wĂŒrden wir einen Fehler begehen.

Es geht nicht nur darum, dass die Fabrik geöffnet, zerlegt und auf dem Territorium zerstreut worden ist, es geht nicht nur darum, dass die internen FĂŒhrungsverhĂ€ltnisse und die Projekte zur Eroberung der MĂ€rkte umgestellt worden sind, sondern hauptsĂ€chlich darum, dass die Fabrik telematisiert worden ist. Daher eine Art Entmaterialisierung der Fabrik, oder, fĂŒr den Moment zumindest, eine nicht mehr strikte Anhaftung von ihr an das Territorium. Die Fiat ist nicht mehr nur in Turin, sondern ist in Russland wie in Argentinien und in anderen LĂ€ndern der Welt. All diese Teile der alten Fabrik sind auf telematischem Wege miteinander verbunden.

Denkt daran, wie das Problem der Lagerung gelöst worden ist. Dies ist ein zentrales Problem fĂŒr die grossen Industrien. Die Lagerung der Ersatzteile belastete die Produktionskosten eines Automobilunternehmens um circa 25%. Heute, anstatt grosse Mausoleen zu haben, die an einigen bestimmten Orten stehen (fĂŒr die IBM befand sich das Depot der Computer in Bordeaux, in Stockholm und in Melbourne, nur in diesen drei grossen Zentren), hat jeder Sitz des betreffenden Unternehmens, nehmen wir an der IBM, selbst der abgelegenste, sein kleines Magazin mit MaterialbestĂ€nden, ausgerichtet ohne unmittelbare Beziehung mit dem eventuellen lokalen Konsum. Folglich, wenn die IBM von Rovereto, oder von Trient, ein StĂŒck braucht, dann tippen die fĂŒr diese Arbeit ZustĂ€ndigen den entsprechenden Code von diesem StĂŒck in den Computer ein und sehen direkt, wo sich das StĂŒck befindet, in jedem beliebigen Teil der Welt. Der Lieferbefehl geht in Realzeit aus und die Spedition wird am nĂ€chsten Tag, per Luftweg, erledigt. Die durch den Transport bedingte Kostenerhöhung ist bei Weitem weniger hoch als die Verwaltung der grossen zentralen und peripheren Magazine, ausgestattet mit der unendlichen Menge an Teilen, aus der sich eine komplexe Maschine wie das Automobil oder ein grosser IBM-Computer zusammensetzt.

Ich frage mich: geht es dabei nur um eine wirtschaftliche Rechnung, um ein Projekt, das darauf ausgerichtet ist, bei den Verwaltungskosten zu sparen? Oder fĂŒrchteten sie sich vor einem gegen diese grossen Depots gerichteten Angriff, einem Angriff, der auf Basis dessen, was die Bedingungen der Vergangenheit waren, leicht realisierbar war?

Wenn wir heute eines der grossen Computerdepots der IBM angreifen und zerstören wollen wĂŒrden, wĂŒssten wir nicht, wohin gehen. Aber, wenn wir den Spiess umdrehen, so ist es heute, mit einer schlichten Schnittoperation, möglich, die Kommunikationen der Glasfaserkabel zu blockieren, die das ganze Territorium durchziehen, die Kommunikationen zwischen den grossen Banken, den grossen ElektrizitĂ€tszentralen und den grossen Industrien zu blockieren. Es ist also nicht wie einstmals, als man das BedĂŒrfnis verspĂŒrte, den Holzschuh in die Maschine zu werfen, um sie zu blockieren, das ZerstörungsbedĂŒrfnis beruht heute auf anderen Motivationen, und benötigt ganz andere Dokumentationen als die schlichte von der physischen ErmĂŒdung diktierte GemĂŒtsregung.

Die Kenntnis ĂŒber das Funktionieren und die Zusammensetzung der Produktionsstrukturen ist wichtig, um zu versuchen, den Angriff an die verĂ€nderte RealitĂ€t anzupassen.

Das Koordinationselement, das uns heute alle vereint, ist die Technologie. Und diese Tatsache ist nicht ohne Konsequenzen, in Anbetracht der Tatsache, dass wir wesentlich durch technologische Mittel kommunizieren. Die erste von diesen Konsequenzen ist eine Reduzierung der Sprache.

Nun, da der Einsatz von gewissen Maschinen und ihre Verbreitung nur möglich sind, wenn diese Reduzierung der Sprache realisiert wird, da das Level der Maschinen nicht auf das gehoben werden kann, was die Schwelle des Gemeinsinns der Individuen ist, so muss die FÀhigkeit der Individuen auf das Level der Maschine herabgesenkt werden.

Es öffnet sich hier ein interessantes Thema. Bildet die obengenannte Tatsache fĂŒr die Macht, im Bereich ihrer globalen Ausdehnung, ein bewusstes Projekt oder nicht? Gibt es das Projekt, einen Teil der Menschen verstummen zu lassen, der Sprache, des Wortes zu berauben? Zum Beispiel ist der Prozess zur Ersetzung des Bildes, der Farbe und des Klanges an Stelle des Wortes ein Synthesenprozess. Diese Art von Operationen sind Bestandteil der EinfĂŒgung der Technologie.

Der Verlust der Sprache könnte den Ausschluss von einem Teil der Menschheit, also die Neuzusammensetzung einer Klassentrennung auf anderen Grundlagen bewirken. Es gĂ€be dann: einerseits die “Sprechenden”, andererseits die “Stummen”, und da das Verlangen, welches der Revolte zugrunde liegt, nur in der Annahme möglich ist, dass man weiss, was verlangen, jenseits der Tatsache, dass man nicht besitzt, was man verlangt, so könnte es die Revolte nicht mehr geben, wenn man nicht in der Lage ist, zu sprechen, zu denken, zu verlangen.

Passen wir auf. Die Geschichte war gekennzeichnet vom Klassenkampf zwischen jenen, die rebellierten, und jenen, die besassen. Aber die ersteren, weshalb rebellierten sie? Weil sie nicht besassen, was sie im Besitz der anderen sahen, und ausserdem, weil sie diesen Besitz der anderen verstanden, weil die Sprache, die der Sache, die von den anderen besessen wird, Bedeutung und Merkmal gab, eine Sprache war, die auch den Nicht-Besitzenden gemeinsam war. Aber, wenn es den Besitzenden von heute einmal gelingen wĂŒrde, eine andere Sprache einzurichten, zum Beispiel eine Ausdrucksweise, die ausschliesslich fĂŒr jene, die besitzen, fĂŒr die “Eingeschlossenen” verstĂ€ndlich ist, und eine andere Ausdrucksweise, diese wahrhaftig verarmt, fĂŒr jene, die nicht besitzen, fĂŒr die “Ausgeschlossenen”, eine Ausdrucksweise vollgestopft mit Bildern, mit KlĂ€ngen und mit Farben, so viel sie wollen, fĂ€hig zu beliebiger FlexibilitĂ€t von Intentionen, was könnten die Ausgeschlossenen dann noch verlangen? Dies ist das Aufkommen von einer krassen, aber unverstĂ€ndlichen GegenĂŒberstellung, einer regelrechten unĂŒberwindlichen Mauer, die es unmöglich ist, zu zerstören.

Dies kann durch die Technologie sicherlich geschehen und macht, was uns betrifft, die revolutionĂ€re Nicht-Verwendbarkeit der Telematik und jeder fortgeschrittenen technologischen Form besser verstĂ€ndlich. Das Problem liegt also nicht so sehr darin, zu sagen, ob ich den Fernseher mag, oder ob ich es fĂŒr revolutionĂ€r halte, keinen zu haben.

Kommen wir auf ein anderes Beispiel zu sprechen. Manche behaupten, dass es heute im musikalischen Bereich möglich ist, mit drei Personen, mit Hilfe der Technologie, Musik zu machen, fĂŒr die frĂŒher, um sie zu machen, dutzende Personen nötig waren. Auf diese Behauptung könnte man einwenden: die Musik, die man auf diese Weise erhĂ€lt, ist das Musik, oder ist es etwas anderes, das sich in kultureller Hinsicht von der Musik unterscheidet? Gibt es eine Herabsenkung der QualitĂ€t, der musikalischen Sprache? Denn, wenn man keinen Unterschied mehr wahrnimmt, kann es auch sein, dass die Krankheit in einem sehr fortgeschrittenen Stadium ist, und dass es sich nicht mehr um eine VerĂ€nderung des musikalischen Geschmacks handelt, sondern um eine Misere, die uns ĂŒberkam, und die sich nunmehr unbemerkt aufrechterhĂ€lt.

Die FĂ€higkeit der Macht, die Sprache zu reduzieren, gehört zu ihren, zum GlĂŒck eher beschrĂ€nkten, FĂ€higkeiten, ihre TĂ€tigkeit zu planen. Die Kontrolle ĂŒber die Funktion der Sprache ist fĂŒr die Macht ein Muss, nicht nur fĂŒr die zukĂŒnftigen Entwicklungen der Herrschaft, sondern auch fĂŒr ihre gegenwĂ€rtigen Notwendigkeiten. Ein wichtiger Hinweis kommt uns aus den Transformationen des Arbeitssektors zu. In diesem Bereich hat die technologische Transformation die Nachfrage von einstmals verĂ€ndert. Die Qualifikation, die heute an den ArbeitsplĂ€tzen gefragt wird, hat sich verĂ€ndert. WĂ€hrend man frĂŒher Bedarf an einer kleinen Anzahl von Leuten mit durchschnittlicher Qualifikation hatte, einer grossen, sehr grossen Anzahl von Arbeitern mit einer sehr geringen Qualifikation, und einer kleinen Anzahl mit sehr hoher Qualifikation, so hat sich diese Kurve heute verĂ€ndert. Man hat noch immer Bedarf an einer kleinen Anzahl von Arbeitern mit hohen ProduktionsfĂ€higkeiten, wĂ€hrend das, was ĂŒbermĂ€ssig angewachsen ist, die Nachfrage nach Personen ist, die eine durchschnittliche Qualifikation haben, die auf realtiv viele TĂ€tigkeiten, auf verschiedene und flexible AnpassungsfĂ€higkeiten ausgerichtet ist. Also nicht eine spezialistische Qualifikation, sondern eine Erziehung dazu, sich verfĂŒgbar zu machen, zu partizipieren, zu diskutieren. Um dies zu tun, mussten sie, ausgehend von der Schule, die LehrplĂ€ne, die Studienkurse modifizieren. An vielen UniversitĂ€tsfakultĂ€ten sind sie heute dabei, experimentelle Kurse zu machen, in denen StudiengĂ€nge miteinander kombiniert werden, die es in der Vergangenheit undenkbar war, zusammenzulegen: zum Beispiel eine Ausbildung von mathematischer und elektronische Art mit einer gleichzeitigen Ausbildung von humanistischer und philosophischer Art. Kategorien, die in der Vergangenheit, in der Regel, klar getrennt blieben. Wer sich fĂŒr literarische FĂ€cher interessierte, verstand nichts von mathematischen Problemen, es sei denn im Falle von seltenen individuellen Ausnahmen. Jetzt, hingegen, stehen wir vor prĂ€zisen LehrplĂ€nen. Sie haben Interesse daran, eine FĂŒhrungsklasse zu kreieren, die eine Ausbildung von dieser Art besitzt, um auf deren Basis die Arbeit von Personen zu verwalten, die nunmehr lediglich dazu ausgebildet werden, diverse mögliche Alternativen zu visualisieren.

Das Training in der Visualisierung ist eine nunmehr vorrangige TĂ€tigkeit in der Schule und tritt, durch diese, in die Arbeitswelt ein, und es ist hier, wo es ein konkretes Projekt wird. Die kulturelle Herabsenkung der Schule ist nicht eine Konsequenz der 68er-KĂ€mpfe, des “sei politico”, oder ist das zumindest nicht gĂ€nzlich. Sie ist heute ein recht deutliches Projekt, das von den Entscheidungen und der Logik des postindustriellen Kapitalismus aufgezwungen wird.

Kommen wir nun auf den Diskurs der Musik zurĂŒck. Wenn ich sage, dass der Musiker frĂŒher das Notenblatt las (oder schrieb), dann beziehe ich mich nicht auf irgendeine rĂ€tselhafte Kunst. Es handelt sich um eine Sprache wie jede andere, die man mit einer Arbeit von sechs Monaten erlernt. Die Tatsache, sie nicht gelernt zu haben, dequalifiziert den, der sie nicht kennt, nicht, sie entzieht ihm nur ein kulturelles Mittel, ein Kenntnisinstrument. Ich denke, umso mehr Mittel wir besitzen, desto besser können wir handeln.

Über das Konzept von BĂŒrgerkrieg hat man oft eher schematische Vorstellungen. Man geht, um das Konzept von BĂŒrgerkrieg verstehen zu können, von gewissen Erfahrungen aus, die historisch sehr prĂ€zise sind, einige davon in Entwicklung begriffen, andere endgĂŒltig in der Geschichte verschlossen. Allem voran ist der BĂŒrgerkrieg eine gesamtheitliche Bedingung, wovon nunmehr gesagt werden kann, dass sie die gesamte Situation der heutigen Welt umhĂŒllt. Um zu verstehen, worin der Unterschied besteht zwischen der Konfrontations- und BĂŒrgerkriegsbedingung, so, wie sie in LĂ€ndern wie Italien oder wie den Vereinigten Staaten existiert, und derjenigen, die, sagen wir, in Ex-Jugoslawien am Laufen ist, mĂŒssen wir ein Minimum an Vertiefung machen.

Der Unterschied zwischen dem BĂŒrgerkrieg und dem militĂ€rischen Krieg zwischen Staaten, dem klassischen Krieg, wie er von der Geschichte und von den Theoretikern definiert worden ist, beruhte darin, dass es, in diesem letzteren, prĂ€zise Offizialisierungselemente der kriegerischen Konfrontation gab: die KriegserklĂ€rung, die Ausserkraftsetzung von bestimmten internationalen Garantien, das Eintreten des Kriegsrechts an Stelle des sogenannten Zivilrechts, die Autorisierung zum Massenmord, und viele andere Dinge. Mit dem Vergehen der Zeit, speziell im Verlaufe der letzten zwanzig Jahre, hat man gesehen, dass der Gebrauch des offiziell deklarierten Krieges, als internationales Verwaltungsinstrument der Beziehungen zwischen den Staaten, immer weniger praktisch, immer weniger nĂŒtzlich war. Die grossen EnttĂ€uschungen und die schmerzhaften Niederlagen, die von grossen globalen repressiven Komplexen erlitten wurden, wie dem amerikanischen und dem sowjetischen Staat, haben, wenn nichts anderes, gelehrt, dass es erforderlich war, das Instrument des Krieges anders zu bewerten. Und so ist man, da dieses Instrument, offensichtlicherweise, ein unentbehrliches Instrument in der Verwaltung des Staates ist, anstatt auf dem klassischen Krieg zu beharren, zu einem anderen Konzept von Krieg ĂŒbergegangen.

Dieses andere Konzept von Krieg wird verschleiert durch eine ganze Reihe von ErklĂ€rungen, das heisst, es wird geschĂŒtzt, gewahrt von ErklĂ€rungen, die die Staaten kontinuierlich machen: Aufrufe zur Toleranz, zum Pazifismus, zum gegenseitigen Respekt. Aufrufe, die, wie soll ich sagen, oberflĂ€chlich sind, die die Politik der militaristischen Staaten scheinbar in Politik von pazifistischen Staaten verwandelt haben, was eine AbsurditĂ€t ist, da nicht zu verstehen ist, wie ein Staat, zum Beispiel Italien, um bei den Problemen von unserem Hause zu bleiben, behaupten kann, fĂŒr den Weltfrieden zu sein, gegen die Entwicklung der Kriege insistieren kann, die auf dem ganzen Globus am Laufen sind, und dann damit fortfahren kann, Waffen zu fabrizieren, sie zu verkaufen, die Armeen zu finanzieren, die militĂ€rischen Forschungen zu finanzieren, und den ganzen Rest. Es ist klar, dass man hier nichts aufdeckt, wenn man sagt, dass der Staat essenziell ein Kriegsstaat, ein krimineller Staat ist, immer, zu jeder Zeit, und egal unter welcher Form er sich prĂ€sentieren mag. Heute hat sich die Situation verĂ€ndert. In substanzieller Hinsicht, nicht in formeller Hinsicht.

Der BĂŒrgerkrieg ist ein Krieg, der einige Wertbestandteile verĂ€ndert hat. Und hier mĂŒssen wir uns gut verstehen. Wenn wir uns daran erinnern, was gestern ĂŒber die Bedingung und ĂŒber die Wichtigkeit der Werte gesagt worden ist, die in der Gesellschaft prĂ€sent gehalten werden, so ist die Wichtigkeit von diesen Werten als FĂ€higkeit, die Kontrolle aufrechtzuerhalten, allmĂ€hlich zerbröckelt. Denken wir, beispielsweise, an den Zusammenbruch der sogenannten Ideologien. Dies hat in der Verwaltung der Staaten so manche Schwierigkeiten verursacht. Die Ideologien dienten als Kontroll- und Zusammenhaltselemente. Eine schwache Ideologie diente fĂŒr eine gewisse Art von Kontrolle, eine starke Ideologie, wie zum Beispiel die Ideologie der Staaten des Realsozialismus, diente fĂŒr eine andere Art von Kontrolle und von Zusammenhalt. Diese ZusammenbrĂŒche haben betrĂ€chtliche Konsequenzen ausgelöst. Andere VerĂ€nderungen in den Werten, welche die soziale Kontrolle stĂŒtzen, wurden von den Modifizierungen von ökonomischer und sozialer Natur innerhalb der Staaten auferlegt. Die Macht ist (wie wir gestern sagten) von einer hohen Konzeption der beruflichen Qualifikation zu einer geringfĂŒgigen und zweitrangigen ĂŒbergegangen. Auf diese Weise hat sie dem Arbeiterindividuum seine Zukunft von Qualifikation entzogen, jenen Bereich, innerhalb von dem dieses letztere sich als Spezialist erkannte, mit einer eigenen Sprache, einem eigenen Willen, die Welt zu verstehen, einer eigenen FĂ€higkeit, sie zu interpretieren und sich die Zukunft von sich und von seinen Kindern zu strukturieren. Und, all dies einmal entzogen, hat sie diese Zukunft von “Gewissheiten” mit einer Zukunft von Zweifeln, von Ungewissheiten, von PerplexitĂ€ten, von Ängsten ersetzt, einer Zukunft, die auf der FlexibilitĂ€t basiert, das heisst auf dem Erfordernis, dass der Arbeiter von einem qualifizierten Subjekt zu einem Subjekt wird, das sich anpassen muss. So hat sie eine Situation von Panik, eine Situation von Ungewissheit geschaffen. Und diese Ungewissheit veranlasst den Arbeiter dazu, die Zukunft nicht als vorhersehbare und kontrollierbare Gefahr zu betrachten, sondern als Gefahr, die auf der Ungewissheit beruht, und somit unvorhersehbar und unkontrollierbar ist.

Es gibt ein weiteres Element, das zusammengebrochen ist, und zwar dasjenige, das in den Gewissheiten bestand, die von der Wissenschaft geliefert wurden, Gewissheiten von Vorhersehbarkeit der Zukunft, Garantien, dass die Dinge schliesslich, in Zukunft, bessern können (denn auch dies ist abhanden gekommen). Wir haben, auf diese Weise, ein weiteres Element von gefĂ€hrlicher Wiederinfragestellung der StabilitĂ€t und des Gleichgewichts, was einst MassstĂ€be waren, die ausser Diskussion standen. BerĂŒcksichtigen wir, dass dieses Schwinden der grossen GewissheitsmassstĂ€be der Werte der Wissenschaft, in einem gewissen Sinne, von der Wissenschaft selbst vorausgesehen und theoretisiert worden ist, doch erst in jĂŒngster Zeit ist diese abstrakte Vorhersage, die in den BĂŒchern der Theoretiker und der Wissenschaftler verschlossen war, in die Praxis ĂŒbergegangen, sprich, ist sie in Sachen technologischer Instrumente und Massenaufgleisung, als Verbreitung auf massenhafter Ebene der Idee von Ungewissheit, realisiert worden.

Um uns besser zu erklĂ€ren. Die Idee von Ungewissheit, die hat die Wissenschaft nicht jetzt entdeckt, die hat sie zu Beginn des Jahrhunderts entdeckt, aber sie hat zirka achtzig Jahre gebraucht, um diese Idee von der Phase der Theoretisierung zur Phase der technologischen Realisierung ĂŒbergehen zu lassen, und diese technologische Dimension von Ungewissheit realisiert sich jetzt, zur selben Zeit, als Projektierung von ungewissen technologischen Mitteln und als ungewissen Gebrauch von denselben Mitteln. ZunĂ€chst gab es einen seltsamen Widerspruch. Die Wissenschaft verfocht, auf theoretischer Ebene, dass die Welt auf der Ungewissheit begrĂŒndet ist, wĂ€hrend die Technologie, bis vor dreissig Jahren, genau das Gegenteil sagte. Wir können vorhersehen, bekrĂ€ftigte diese letztere, Wissenschaft ist Mass, nichts anderes, und deshalb lieferte sie Garantien. Jetzt befinden wir uns in einer anderen Situation. Die Marschroute der letzten vierzig Jahre ist abgeschlossen, die Wissenschaft hat ihr technologisches Projekt zu Ende gefĂŒhrt, der bewaffnete Arm der Wissenschaft hat realisiert, was die Arbeitshypothese der Wissenschaft selbst war, und sie ist dabei, ein neues Individuum zu produzieren, das seiner Panik, seiner Ungewissheit, seiner Angst ausgeliefert ist.

Es ist logisch, dass dieses neue Individuum in den Jugendlichen, das heisst in jener Altersschicht, in der man schwerwiegender, dringlicher etwas von der Zukunft erwartet, besser gesehen werden kann. Die Anarchisten, und speziell die jĂŒngeren GefĂ€hrten, sind oftmals, wenn sie eine Analyse von den jugendlichen Schichten der Gesellschaft machen, dazu verleitet, das eigene revolutionĂ€re Bewusstsein, die eigene Sicht der Dinge nach aussen zu ĂŒbertragen, als ob alle die Möglichkeit hĂ€tten, die Welt so zu sehen, wie sie sie sehen. Dem ist nicht so. Wenn die Ungewissheit der Zukunft fĂŒr viele von uns zu einem Anspornelement fĂŒr ihre VerĂ€nderung werden kann, also sich als realer revolutionĂ€rer Antrieb erweisen kann, so ist dem fĂŒr viele nicht so, ist es fĂŒr viele schlichtweg Angst, schlichtweg Panik, schlichtweg Ungewissheit der Zukunft, nicht grösserer Ansporn. No Future, sagten viele amerikanische Jugendliche unter den AufstĂ€ndischen von Los Angeles von vor einigen Jahren. Dies ist der Kontext, den wir als Kontext von BĂŒrgerkrieg definieren.

Es ist also nicht so sehr die Tatsache, dass es in Italien, oder in Los Angeles, oder in Brixton, oder in Freiburg keine HeckenschĂŒtzen an den Fenstern gibt, dieser letztere ist ein, wenn ihr so wollt, makroskopischer und sekundĂ€rer Aspekt des Problems, als vielmehr die Tatsache, eine Marschroute abzuschliessen, zu ihren Ă€ussersten Konsequenzen zu bringen, die, in dem Moment, wo sie im Gange ist, bereits, sie selbst, BĂŒrgerkrieg ist, und es nicht erst dann wird, wenn der HeckenschĂŒtze das Fenster öffnet und schiesst. Der BĂŒrgerkrieg besteht nicht nur aus diesem PhĂ€nomen, er wird hauptsĂ€chlich vom Zusammenbruch der Werte bestimmt, auf die sich das Zusammenleben der Vergangenheit stĂŒtzte und aufgrund von welchen Werten, innerhalb von diesem Zusammenleben, nur dann von Krieg gesprochen wurde, wenn es eine offizielle ErklĂ€rung der internationalen MĂ€chte gab. Jetzt weitet sich das Konzept von Krieg auf den BĂŒrgerkrieg aus.

Wenn es 1936, um die spanischen Bedingungen des BĂŒrgerkriegs zu haben, zu einem gewissen Zeitpunkt einen faschistischen Staatsstreich, ein “Pronunziamento” der spanischen Armee brauchte, ansonsten hĂ€tte es keinen BĂŒrgerkrieg gegeben, so war dies von der Tatsache abhĂ€ngig, dass die Situation anders war. TatsĂ€chlich kann, im spanischen Kontext von 1936, erst infolge des Machtergreifungsversuchs vonseiten der Faschisten von BĂŒrgerkrieg gesprochen werden. Jetzt ist die soziale Situation etwas völlig anderes. Heute braucht es, um von BĂŒrgerkrieg sprechen zu können, keinen bewaffneten Aufstand der Armee, die versucht, die Macht an sich zu reissen, und folglich eine volkstĂŒmliche Antwort auf diesen Versuch, heute befinden wir uns automatisch in einer Situation von BĂŒrgerkrieg und können wir in Begriffen von BĂŒrgerkrieg sprechen, um zu versuchen, zu verstehen, was tun.

So seltsam es auch scheinen mag, wenn wir in diesem sich in Entwicklung befindlichen Kontext (nehmen wir an im heutigen italienischen Kontext), nicht wissen, was tun, in dem Moment, wo Situationen angegangen werden mĂŒssten, die fĂŒr uns unverstĂ€ndlich, oder im Rahmen der GemeinplĂ€tze, die wir im Kopf haben, basierend auf den Analysen der Vergangenheit, schwierig katalogisierbar sind, wenn wir nicht in der Lage sind, kohĂ€rent und korrekt auf die heutige Situation zu antworten, dann werden wir noch weniger in der Lage sein, dies zu tun, falls sich die Situation in Richtung von Ă€usserst klaren Bedingungen von BĂŒrgerkrieg, wie denjenigen von Ex-Jugoslawien, entwickeln sollte.

Letztendlich mĂŒsste die Überlegung folgende sein. Auf Ebene der realen Zusammensetzung der KrĂ€fteverhĂ€ltnisse gibt es zwischen der Situation von BĂŒrgerkrieg, die heute [1994] in Ex-Jugoslawien besteht, und derjenigen, die in den Vereinigten Staaten, in Russland oder in Italien besteht, keinen Unterschied ausser in der QuantitĂ€t. Auf der rein quantitativen Ebene, also auf der Ebene der MakroskopizitĂ€t der PhĂ€nomene, gibt es den Unterschied, aber wir befinden uns alle auf derselben Marschroute, wir sind alle dabei, uns auf dieselbe Schlussfolgerung zuzubewegen. Deshalb, da wir uns in einer Situation befinden, die zwar, sagen wir, anders ist, aber nur unter dem quantitativen Gesichtspunkt, sind die Probleme identisch. Wenn wir heute nicht wissen, was tun, dann werden wir morgen, in jener anderen Bedingung, noch weniger wissen, was tun.

Ich wiederhole noch einmal, die wesentliche Situation von BĂŒrgerkrieg, worin wir alle leben, auch in LĂ€ndern, die sich scheinbar nicht in einer sichtbaren Situation von BĂŒrgerkrieg befinden, ist abhĂ€ngig vom Schwinden einiger Werten. Dieses Schwinden fĂŒhrt zu einer anderen Bedingung des Zusammenlebens. Anstelle des starken Zusammenlebens, das auf einem VerhĂ€ltnis von Quasi-Gewissheiten basierte, ich sage nicht von Gewissheiten, denn von absoluten Gewissheiten wurde nie gesprochen, aber von Quasi-Gewissheiten, das heisst, von möglicher Vorhersehbarkeit der Zukunft, hat man jetzt einen schwachen Wert, von Ungewissheit der Zukunft. Diese Tatsache fĂŒhrt an sich zu einer anderen KonfliktualitĂ€t innerhalb der Gesellschaft. Sie fĂŒhrt nĂ€mlich zur Bildung einer Gesellschaft, die auf einer ungewissen, unbestĂ€ndigen KonfliktualitĂ€t basiert, begrĂŒndet auf Kategorien, welche nicht die klassischen der Forderung, der Gewissheit des BedĂŒrfnisses und somit der Gewissheit des zu erreichenden Zieles sind. Wenn alles verworren wird, wenn diejenigen, die auf die Strassen gehen, nicht wissen, was sie wollen, weil es kein klares zu erreichendes Ziel gibt, wenn die Verlangen, die dazu antreiben, sich zu konfrontieren, nebelhaft von Anreizen, von GefĂŒhlen diktiert werden, dann, in dieser Situation, befinden wir uns bereits im Bereich des BĂŒrgerkrieges.

Man könnte mir mit Recht entgegenhalten, dass es diese Komponente von Ungewissheit, diese Komponente von InstabilitĂ€t, oder Unklarheit was die Ziele betrifft, auch in den KĂ€mpfen der Vergangenheit, in den AufstĂ€nden der Vergangenheit gab, weshalb man sagen könnte, dass es auch in der Vergangenheit in den Kampfprojekten Unklarheiten gab. Und das stimmt, doch heute handelt es sich um eine andere Ungewissheit, welche direkt durch die gesamtheitlichen Bedingungen der Gesellschaft gesickert ist. Die Million von Personen auf der Strasse weiss heute nicht, weshalb sie dort ist, weiss nicht, was sie zu verlangen gekommen ist. In der Vergangenheit wussten die Leute, die sich an diesen selben Demonstrationen beteiligten, was sie verlangten. Auch die Strukturen, die diese Demonstrationen organisieren, die sogenannten Parteien, die sogenannten Gewerkschaften, wenn ihr sie aufmerksam beobachtet, sind einem Syndrom von Unsicherheit ausgeliefert, haben nicht mehr das Bewusstsein der eigenen StĂ€rke, wissen, dass sie nichts mehr reprĂ€sentieren, ausser sich selber, die eigene BĂŒrokratie, die nicht verschwinden will. Dieses Zeichen von Unsicherheit ist eine Konsequenz des Falls der “starken” Werte und ist somit Ursache, und Konsequenz, der gesamtheitlichen Situation von BĂŒrgerkrieg. Jene selbe Demonstration von einer Million Personen, welche heute auf die Strassen gehen, gelenkt von denselben bleichen Gesichtern der Gewerkschaftler, ist nicht dieselbe wie vor zwanzig Jahren, denn vor zwanzig Jahren hatten nicht nur die Leute, die auf die Strassen gingen, sondern auch die FĂŒhrer, ein Bewusstsein nicht so sehr von den Resultaten, die es zu erreichen galt, aber zumindest von dem, was sie sich vorstellten, erreichen zu können. Jetzt stellt sich niemand mehr etwas vor. Jetzt reist man im Bereich der mittleren und kleinen KĂŒstenfahrt. Meiner Meinung nach verĂ€ndert diese Modifizierung der Zusammensetzung der Werte von einer Gesellschaft das zivile Zusammenleben und fĂŒhrt sie es in Richtung von einer Bedingung von KonfliktualitĂ€t, von BĂŒrgerkrieg.

Wahrscheinlich ist es nicht möglich, einen Bestandteil der Gesellschaft zu ermitteln, in dem dieses Ereignis mit absoluter Gewissheit geschieht, es sei denn in GrenzfĂ€llen, wie in jenem von Ex-Jugoslawien, wo, da bestimmte VerhĂ€ltnisse zusammengebrochen sind, alles deutlicher wird. Halten wir uns jedoch bewusst, dass auch in den FĂ€llen von extremer Offensichtlichkeit des Problems des BĂŒrgerkriegs, wenn ihr die Situation gut untersucht, auch im Bosnienkrieg, lediglich einige Wertelemente zusammengebrochen sind, aber in praktisch allen FĂ€llen wurde, gewaltsam und sehr schnell, dafĂŒr gesorgt, sie durch andere Elemente zu ersetzen.

Wenn wir die Rolle der Ethnie betrachten, ihre Kontroll- und Rekuperationsfunktion, die Art und Weise, wie sie in der BĂŒrgerkonfrontation in Bosnien benutzt worden ist, dann versteht man sofort die schnelle Ersetzung von einem neuen ideologischen Element an die Stelle von anderen, die nunmehr verschwunden sind. Unter einem anderen Gesichtspunkt, wenn wir die Funktion der internationalen SolidaritĂ€t untersuchen, als das, wie sie sich bis zu diesem Zeitpunkt entwickelt hat, so sieht man die Absicht, einen Bezugspunkt zu ersetzen, der abhanden gekommen ist. Auch in der heftigsten, radikalsten Konfrontation gibt es Bezugsgrenzen, woraus die Absicht wieder zutage kommt, das zivile Zusammenleben nicht gĂ€nzlich zu vernichten. Auch die Ă€usserst heftigen Konfrontationen, die es zwischen den Armeen gibt, innerhalb der so klaren Dimension des BĂŒrgerkriegs, haben gewisse Charakteristiken von NormalitĂ€t, oder, jedenfalls, von Normalisierung. Es gibt keinen Lauf, der absolut von jeglichem Wert losgelöst ist, und es gibt (eine Interpretation, die fĂ€lschlicherweise vom Kontext gemacht werden könnte, worin wir leben) keine Situation, die, ein fĂŒr alle Mal, fest auf sicheren Werten begrĂŒndet ist, bloss weil es keinen HeckenschĂŒtzen gibt, der aus dem Fenster schiesst.

Das, was mir Angst macht, ist das Grassieren der Logik des Progressivismus. Wenn wir eine Situation analysieren, die anders ist, eine Situation, aus der die Werte entzogen worden sind, und sie mit der Hypothese des progressiven Wertes im Kopf analysieren, dann erhalten wir das Ergebnis, dass man zwangsweise Partei ergreifen, und somit bekrĂ€ftigen muss, dass die gegenwĂ€rtige Situation von Anomie notwendigerweise besser ist als die vorangehende Situation von grösserer normativer Starrheit. Aber weshalb schlimmer oder besser? Sie ist schlichtweg anders, folglich muss sie nicht einem Urteil unterzogen werden, sondern schlicht anders angegangen werden. Sicherlich könnte sie in Richtung einer Barbarei gehen, die brutaler ist als jene der Vergangenheit, und darin bin ich einverstanden mit allen, die eine solche Gefahr betonen, aber weshalb sollte das dann als ein Verrat an den grossen Schicksalen der Geschichte betrachtet werden? Im Gegenteil, wir mĂŒssen lernen, diese Urteile der progressivistischen Hypothek zu entziehen, denn andernfalls fallen wir stets in die GemeinplĂ€tze des “frĂŒher war es schlimmer” oder des “morgen wird es besser sein” zurĂŒck. Stattdessen ist es immer, und schlichtweg, anders. In Zukunft könnten wir einer unvorstellbaren Barbarei entgegengehen, gegenĂŒber der die Instrumente der Vergangenheit nicht die geringste Effizienz haben werden, sowie auch unsere Analysen, wenn wir sie an diesen deterministischen Dimensionen festmachen.

Manchmal habe ich quasi Angst davor, von diesen Argumenten zu sprechen, denn sie werden stets, wie soll ich sagen, mit einer Wertung von PositivitĂ€t oder von NegativitĂ€t beladen. Wenn ich, zum Beispiel, von einigen Konfrontationen spreche, auch von Ă€usserst heftigen, die sich in gewissen Kontexten ereignet haben, wovon ich einige in Entwicklung gesehen habe, und an denen ich, manchmal, auch teilgenommen habe, wĂ€hrend ich mich innerhalb von gewissen Situationen oft wie ein Marsmensch fĂŒhlte, so lege ich nie die Schwierigkeiten beiseite, denen ich bei dem Versuch begegnet bin, zu verstehen. Aber, da ich nicht schweigen will, scheint es, aufgrund der schlichten Tatsache, dass ich davon spreche, als ob ich Sympathie fĂŒr diese Ereignisse hĂ€tte, als ob ich sie auf unkritische Weise betrachten wĂŒrde. Hingegen spreche ich davon, weil es sich um schmerzhafte, Ă€usserst gravierende Ereignisse handelt, die sich da befinden, vor den Augen aller. Wenn ihr mich fragt, liegt die Barbarei zu unserer Seite, liegt sie nicht hinter unserem RĂŒcken. Daher, da sie sich neben uns befindet, kann sie jeden Moment beginnen, mit uns zu laufen, oder vielleicht uns voranzugehen, ich weiss es nicht.

Was den “Dialog” betrifft, so gibt es, meiner Meinung nach, einen Unterschied, zum Beispiel, zwischen der Philosophie des Dialogs, die vor dreissig Jahren zirkulierte, und derjenigen, die heute zirkuliert. Das ist nicht dieselbe. Oft machen wir eine ungenaue Übereinanderlegung. In einer Bedingung von “starken” Werten bedeutet der Dialog eine Sache, in einer Situation von Anomie, oder jedenfalls von diskutablen, “schwachen” Werten, bedeutet sie eine andere Sache. Wer von einem gemeinsamen Diskussionselement ausgeht, auf Grund von dem er voraussetzt, dass der Gegner dieselben Mittel wie er hat, aber, zur gleichen Zeit, sich fĂŒr so stark hĂ€lt, dass er die Phase der Infragestellung ĂŒberwinden kann, weil er sowieso weiss, was tun, nun gut, derjenige fĂŒhrt in gewissen Begriffen einen Dialog. Wer sich hingegen in einer Situation von Ungewissheit befindet, und weiss, dass der Gegner wie er InstabilitĂ€tsprobleme hat, weiss nicht recht, was er mittels der Diskussion anfangen soll, weswegen, fĂŒr ihn, die Hypothese selbst des Dialogs völlig anders ist.

Heute befinden wir uns in dieser letzteren Bedingung von Dialog. Wenn die Macht ihren permissiven Diskurs fĂŒhrt, kann man in ihren Worten die demokratische Hypothese erblicken, aber sie fĂŒhlt sich deshalb nicht stark, so dass sie ihren Worten und den Projekten, die sich daraus ableiten, maximalen Raum geben kann. Im Grunde sind ihre letzten zu spielenden Karten stets die Kontrolle und die Repression. Aber sie ist auch in Kenntnis ĂŒber einen kleinen Ausgangsvorteil von ihr, denjenigen, der von der Tatsache geliefert wird, der anfĂ€nglichen Kommunikationshypothese einen betrĂ€chtlichen Teil Inhalt entzogen zu haben. Deshalb, was gibt es im heutigen Dialog? Schlicht das Simulierbare. Man diskutiert nicht wirklich, man diskutiert kĂŒnstlich. Wenn ihr die ersten Seiten einer beliebigen Tageszeitung untersucht, so können sie ĂŒbersprungen werden: sie bedeuten nichts, es sind vier Seiten voller nichts. Wenn wir Fernsehen schauen: die Fernsehnachrichten, die eine halbe Stunde dauern, sagen fĂŒr gute zwanzig Minuten nichts. Es ist nicht, dass sie nichts sagen, weil sie in den anderen zehn Minuten etwas sagen, sondern schlicht, weil sie in diesen ersten zwanzig Minuten dabei sind, von etwas zu sprechen, das nicht existiert, das absolut bedeutungslos ist. Es ist logisch, dass alles, was innerhalb von diesen Diskussionen, von diesen Zeitungsseiten geschieht, unter dem klassischen Gesichtspunkt nichts autoritĂ€res hat, nicht auf traditionelle Weise aufgegleist wird, abgesehen von kleinen Ausrutschern, die im Grunde nebensĂ€chlich sind. Im Gegenteil, es wird alles in possibilistischer, politisch korrekter Form ausgedrĂŒckt. Es gibt nichts, das tadelnswert wĂ€re, alles ist tadellos, aber trotzdem sagt es nichts.

Dies ist der Dialog, wovon wir heute sprechen. Ein Dialog, worin die Entscheidungen woandershin verlagert worden sind. Am Kopf des Aussenministeriums der grossen Staaten steht heute nicht ein Armeegeneral, sondern ein Ökonom. Das sagt viel aus ĂŒber die Modifizierung der internationalen KrĂ€fteverhĂ€ltnisse zwischen Staaten. Man hat sich vom Gebrauch der StĂ€rke im klassischen Sinne zum Gebrauch der StĂ€rke im modernen Sinne verlagert, durch die ökonomischen Mechanismen.

AffinitÀtsgruppen, informelle Organisation, Aufstand

In dem Schema, das von den Organisatoren vorgeschlagen wurde, sind Themen aufgelistet, die wir als sehr allgemein betrachten können. Wie, zum Beispiel, was die Beziehung zwischen AffinitĂ€tsgruppen und informeller Organisation ist. Zuerst mĂŒssten wir klarere Ideen darĂŒber haben, was das aufstĂ€ndische Projekt selber ist. Deshalb wĂŒrde ich eine Vertiefung von diesem Aspekt vorschlagen. Hier eine erste Frage: „Aber dieses aufstĂ€ndische Projekt, ist das etwas, das wir uns als ausschliesslich unsere Sache vorstellen, oder ist es etwas, wovon wir denken, dass es auch die Leute in den verschiedenen sozialen Situationen interessieren kann?”

Sicher, auch das Konzept von “Leute” wĂŒrde eine Vertiefung verdienen. Wenn wir von “Leuten” sprechen, worauf beziehen wir uns? Was auch immer der Sinn von diesem Wort sein mag, was auch immer die soziale EntitĂ€t sein mag, worauf wir uns beziehen, mit dem Wort “Leute” gedenken wir nicht, uns auf andere anarchistische GefĂ€hrten zu beziehen, ansonsten verstehen wir uns nicht mehr. Wenn wir sagen, dass das aufstĂ€ndische Projekt einen Diskurs vorsehen kann, den es an die Leute auf dem Territorium zu richten gilt, einen Diskurs von konkreter, realisatorischer Art, aber auch von organisatorischer, also programmatischer, zeitlich projizierter Art, wenn wir sagen, dass dieses Projekt, theoretisch, andere Personen miteinbeziehen könnte, dann gedenken wir, uns auf jemanden zu beziehen, der sich vielleicht nicht im Geringsten um die Anarchie oder den Anarchismus schert.

Sind wir uns darin einig, oder nicht? Oder sind wir der Ansicht, dass eine solche Entscheidung nicht Bestandteil des anarchistischen insurrektionalistischen Projektes ist, da die Anarchisten den Aufstand alleine veranstalten mĂŒssen?

Wenn wir mit diesen Fragen weitermachen, mĂŒsste man sich, meiner Meinung nach, fragen: „Wenn wir zu den Leuten sprechen, weshalb sprechen wir? Bloss, um zu sagen: dies ist unsere These, wir denken so darĂŒber, macht ihr, was ihr wollt.”? Oder sprechen wir zu den Leuten, um unsere Interpretation von einem Problem zu erlĂ€utern, das alle betrifft?

Das sind Argumente, die eine PrĂ€zisierung verdienen wĂŒrden, bevor der Diskurs ĂŒber die informelle Organisation eingeleitet wird. Das aufstĂ€ndische Projekt ist im Grunde nicht etwas, das nachher kommt, auf automatische Weise, sondern es resultiert als von Entscheidungen und von theoretischen Positionen konditioniert, die ihm vorangehen. Wenn wir hingegen denken, dass unser Interesse nur dem Aufstand des Individuums, der Kreierung der AffinitĂ€tsgruppen, den Beziehungen zwischen AffinitĂ€tsgruppen und informeller Organisation gilt, wenn wir in unserem Hof bleiben wollen, dann könnten wir einen Mechanismus kreieren, der, auch wenn er gut lĂ€uft, darin enden wĂŒrde, leerzulaufen, oder sich als SelbstbestĂ€tigung von uns selbst als Anarchisten zu erschöpfen, fĂ€hig, Dinge zu tun, die es dann den Leuten nicht zu verstehen gelingt.

Das aufstĂ€ndische Projekt könnte auch “anders” sein, es könnte, sagen wir, eine anderweitige Phase haben, worin wir uns in einer gewissen RealitĂ€t prĂ€sentieren, die sich auf dem Territorium realisiert (Territorium ist ein missverstĂ€ndliches Wort), wie auch immer, sich im Raum realisiert, sich in physischen Tatsachen konkretisiert, physische Tatsachen, worin repressive Projekte liegen. Diese repressiven Projekte interessieren die Leute. Und eben hier mĂŒssen wir verstehen, wie wir in diese repressiven Projekte intervenieren.

Ich sehe, vielleicht nicht deutlich, ein Hindernis, das es zu klĂ€ren gilt. Denken wir, dass dieses anderweitige Thema etwas darstellt, das mit den Thematiken, die es in diesen “drei Tagen” anzugehen gilt, also mit der spezifisch anarchistischen Struktur der AffinitĂ€tsgruppen und mit der informellen Organisation auf enge Weise verbunden ist? Denken wir folglich, dass dies der essenzielle Punkt ist, wovon es auszugehen gilt, fĂŒr ein Projekt, das auf dem Territorium gemeinsam mit den Leuten eine Bewegung von aufstĂ€ndischer Natur realisiert?

Bei diesen Gelegenheiten von theoretischer Vertiefung sollten wir allesamt eine Anstrengung machen, um zu versuchen, einige Unterscheidung zu visualisieren. Also eine Anstrengung machen, auch von hypothetischer Art, sich gedanklich vorstellen, wĂ€hrend viele grundlegende Aspekte als selbstverstĂ€ndlich vorausgesetzt werden, da wir unter uns sind und da man folglich die Tatsache als vorausgesetzt lassen muss, dass die anwesenden GefĂ€hrten wissen, was bestimmte Weisen, den revolutionĂ€ren und anarchistischen Kampf aufzufassen, bedeuten. Wenn hingegen fĂŒr jeden Vorschlag, der gemacht wird, fĂŒr jeden Verweis tausend Facettierungen gesehen werden, dann ist es wahrscheinlich bei neunhundertneunzig von diesen Facettierungen nicht angebracht, sie hier zu vertiefen. Als soeben ein Unterschied gemacht worden ist, schematisch so sehr man will, und vielleicht auch irreal, aber ich glaube nicht von geringer Wichtigkeit, zu diskutieren, bezĂŒglich der Tatsache, ob das aufstĂ€ndische Projekt etwas ist, das wir, in einem spezifischen Kontext, zu den Leuten sagen, oder etwas, das wir gemeinsam mit den Leuten tun, so schien mir das interessant, ein Unterschied, den wir nicht der Stille ĂŒberlassen sollten. Dieser Unterschied, diese Wortwahl, ist nicht zufĂ€llig. Zum Beispiel gibt es einen betrĂ€chtlichen Interventionsunterschied zwischen dem Arbeiten in Strukturen, welche die PrĂ€senz der Leute umfassen, wie es in Comiso getan worden ist, oder unter Platzbedingungen, wo etwas zu den Leuten gesagt wird, wie es bei der jĂŒngsten Intervention gegen die Ankunft des Papstes in Trient getan worden ist. Das sind zwei unterschiedliche Situationen, die abstrakt schematisiert vielleicht nicht wiederholbar sind, nicht auf ein vorgefertigtes Modell zurĂŒckfĂŒhrbar sind, aber deshalb nicht miteinander verwechselt werden dĂŒrfen. Jemand hat zu Recht gesagt: „Nur weil es einmal so gemacht worden ist, muss man es nicht immer so machen.” Vollkommen einverstanden, das wĂ€re ja noch. Jedoch hier, an dieser Stelle, sind wir nicht dabei, die tausend Facettierungen zu hypothetisieren, wie man ein Projekt realisieren kann, wir sind dabei, zu versuchen, zu sehen, ob eine prĂ€zise ProjektualitĂ€tsphase möglich ist. Hier, das ist der Punkt.

Um ins Spezifische zu gehen, wenn wir in diesen Diskurs die Frage der auf dem Territorium verstreuten Aktionen einfĂŒgen, dann sprechen wir nicht von etwas anderem, wir weiten das Problem lediglich aus, weswegen eine weitere Schematisierung erforderlich wird, ansonsten verstehen wir uns nicht mehr. Es besteht kein Zweifel daran, dass das Modell von auf dem Territorium verstreuten Aktionen, als es vorgeschlagen wurde, und es wurde durch realisatorische Tatsachen, nicht einfach auf dem Papier vorgeschlagen, einen Diskurs bedeutete in der Art von: „Uns interessieren nicht die grossen Aktionen, die auf den Titelseiten der Zeitungen Aufnahme finden, aber die viele GefĂ€hrten mit dem Willen zu handeln fernab lassen, die gegenĂŒber dieser Art von Aktion schlussfolgern, vor Angelegenheiten von militĂ€rischer und deswegen unwiederholbarer Natur zu stehen.” In jenem Fall wollten wir kein apriorisches Schema konstruieren, das es in jedem Fall und bei jeder Gelegenheit anzuwenden gilt. Das Konzept von “wiederholbaren, oder reproduzierbaren Aktionen” hatte eine prĂ€zise Bedeutung in einem gewissen historischen Moment. Es bedeutete nĂ€mlich, dass es nicht notwendig war, das Modell “Moro-EntfĂŒhrung” wieder vorzuschlagen, das vielleicht vielen GefĂ€hrten gefallen hat, das aber sehr wenige in der Lage sind, zu wiederholen. Die kleine Aktion hingegen war etwas anderes. Wenn wir gut darĂŒber nachdenken, so ist klar, dass wir nichts erfunden haben. In den letzten fĂŒnfundzwanzig Jahren sind hunderttausende kleine Angriffsaktionen gemacht worden, alles Aktionen, die nicht bekennt wurden. Nun, die kleine Aktion, da sie die FĂ€higkeit hat, sich von sich selbst aus zu entwickeln, spricht einen einfacheren und direkteren Diskurs zu den GefĂ€hrten, weshalb gewisse Dinge sich mit der Zeit von alleine entwickeln, ohne direkte Suggerierung, ohne organisatorische Vereinbarung und ohne detailliertes Programm.

Das grosse Thema der “kleinen Aktionen” ist Bestandteil des aufstĂ€ndischen Projektes, ja es bildet seine grundlegende Struktur, seine untergrĂŒndige Seele, aber es hebt das Projekt nicht gĂ€nzlich in sich selbst auf. Das aufstĂ€ndische Projekt ist ein Schritt vorwĂ€rts, in Richtung Zukunft projiziert, ein Element, das, wie ich manchmal gesagt habe, dafĂŒr garantiert, die AffinitĂ€t besser zu fundieren, und es deshalb gestattet, sich wirksamer in Richtung der informellen Organisation selbst zu projizieren. Die GefĂ€hrten, die Dinge tun wollen, betrachten die AffinitĂ€tsgruppe, oder die Ebene der informellen Organisation, als Instrumente, um diese ihre individuelle KapazitĂ€t zu potenzieren, und nicht als etwas Strukturiertes, von dem man sich Weisungen und Programme, Entscheidungen und nachfolgende Rechtfertigungen erwartet. Der Diskurs der kleinen Aktionen ist also sicherlich ein Diskurs, der “auch” an die Leute gerichtet werden kann, und es ist ein Diskurs, der seine Inhalte hat, ein Diskurs, der Bestandteil des aufstĂ€ndischen Projektes ist, aber es ist auch ein spezifischer Diskurs, der, fĂŒr den Moment, ausgeklammert werden kann, eben um die theoretische Vertiefung des organisatorischen Problems zu erleichtern.

Die Intervention in Comiso, wie wurde sie realisiert? Jemand könnte sagen: „Das Modell von Comiso wurde zwölf Jahre her realisiert, worin interessiert uns das heute?”. Ich denke, dass dieses Modell auch heute interessant sein kann. Das Modell von Comiso wurde zur Zeit realisiert, als das Problem vom Bau des RaketenstĂŒtzpunktes aufkam. Es handelte sich um ein Problem, das auf ein Territorium zu fallen kam, das von etwa 350â€Č000 Personen bewohnt wurde. Diese Tatsache könnte sich mit der Zeit wieder prĂ€sentieren. Hier, zum Beispiel, wird es das Problem des Susatals und der Hochgeschwindigkeit geben. Offen gesagt, die Probleme von hier sind den Leuten, die in Sizilien leben, völlig egal, und genauso interessierten sich jene des Tals, wahrscheinlich, nicht im Geringsten fĂŒr die Frage des StĂŒtzpunktes von Comiso, trotz all dem Gerede, das ĂŒber die GefĂ€hrlichkeit der Atomenergie gemacht wurde. Tschernobyl stand damals noch aus.

Nun, das Interventionsmodell, als wir unsere Arbeit in Comiso begannen, war dasjenige, das sich auf das klassische Kampf-“Komitee” stĂŒtzt, in dem es alles gab: Anarchisten, Überbleibsel von Lotta Continua, GrĂŒne, Splittergruppen der Autonomie, die Kommunistische Partei. Die Sozialistische Partei war nicht da, weil sie fĂŒr den StĂŒtzpunkt war, nur deshalb. Alle waren da. Wir, als wir nach Comiso gingen, sagten sofort, dass uns eine solche Jahrmarktsbude nicht interessiert, dass wir etwas alleine machen wollen. So setzten wir Anarchisten uns also alleine zusammen und schlugen wir ein Projekt vor, das, meiner Ansicht nach, noch heute ein revolutionĂ€res Interventionsmodell darstellt. Es wurde nicht gesagt: „Wir gehen jetzt nach Comiso und da wir die Überbringer der revolutionĂ€ren Wahrheit sind, erklĂ€ren wir den Leuten, was die Risiken sind etc., dann verabschieden wir uns von allen, kĂŒssen die eine Backe und die andere, und machen uns wieder davon, gehen wieder nach Hause.” Nein, wir sind zwei Jahre vor Ort geblieben. Das heisst, zwei Jahre lang haben wir versucht, zu den Leuten zu sprechen, die ganze Bewegung ĂŒber die Frage von Comiso miteinzubeziehen, wir haben also nicht nur einen Diskurs an die Leuten gefĂŒhrt, sondern wir haben einen Diskurs auf zwei Ebenen gefĂŒhrt: einen an die Leute, auf dem Territorium, alle Techniken gebrauchend, die in diesen FĂ€llen gebraucht werden können, und die wir jĂŒngst in Trient wiederholt haben, und einen an die ganze Bewegung. Die Kundgebungen, zum Beispiel, sind nicht nur in Comiso und Umgebung gehalten worden, sondern etwas ĂŒberall in Italien, um zu versuchen, die Leute in die Sache von Comiso miteinzubeziehen, dasselbe fĂŒr die VortrĂ€ge und die anderen Mittel zur Verbreitung von unseren Thesen: Plakate, FlugblĂ€tter, Radiointerviews, und der ganze Rest.

Nun, wenn wir bei dieser Phase der Intervention in Comiso stehen bleiben, befinden wir uns noch immer auf der Ebene, die wir in Trient angewendet haben, das heisst, wir sind dahin gegangen und haben mit den Leuten gesprochen. Aber in Comiso haben wir einen weiteren Schritt gemacht, und dies ist das Problem, das wir hier angehen mĂŒssten. Wir haben dazu beigetragen, Strukturen aufzubauen, die darauf ausgerichtet sind, die Leute zusammenzubringen, nicht-anarchistische Strukturen. Aufgepasst: nicht-anarchistische Strukturen. Dies ist der Punkt. Dort wurden sie “Ligen” genannt, in Zukunft könnten sie anders genannt werden. Strukturen, die einen öffentlichen Referenzpunkt bildeten, an den sich die Leute wenden konnten. Wir nahmen uns einen Standort und grĂŒndeten eine “Koordination” von diesen Strukturen, welche etwas ĂŒberall zu entstehen begannen. Strukturen, die, einzeln genommen, wĂ€hrend der ganzen Zeit, die die Initiative andauerte, nie die quantitative StĂ€rke von drei, vier, fĂŒnf Personen ĂŒberstiegen, von denen nur einige GefĂ€hrten waren. Und dies ist der Punkt, der gut verstanden werden muss. Als quantitative Strukturen von aufstĂ€ndischer Art bildeten sie einen Referenzpunkt, damit, wenn die Sprungfeder, die darauf ausgerichtet war, den RaketenstĂŒtzpunkt zu besetzen und zu zerstören, losgeschnellt wĂ€re (die dann nicht losgeschnellt ist), die Leute in den diversen RealitĂ€ten von jedem einzelnen Zentrum, bis zu den kleinen und sehr kleinen Dörfern der Zone, wissen wĂŒrden, wohin zu gehen, mit wem Kontakt aufzunehmen. Und diese Arbeit in Comiso, die machten wir alle gemeinsam, nicht nur die insurrektionalistischen GefĂ€hrten. Diese nahmen sie in erster Person auf sich, indem sie zwei Jahre lang dort blieben, aber es wurde die ganze anarchistische Bewegung miteinbezogen, mit all den WidersprĂŒchen, den Unterschieden, den Nachreden, den EifersĂŒchteleien, den Spannungen und den Unwissenheiten, die alle kennen. Aber die Bewegung wurde miteinbezogen und bis zuletzt versuchte man, sie in die Lage zu versetzen, in den Kampf von Comiso wirksam zu intervenieren.

Sicher, eine Intervention von dieser Art hat Charakteristiken, die sehr einschrĂ€nkend sind. Alleine die Tatsache, wĂ€hrend Jahren an einem Ort zu bleiben und eine flĂ€chendeckende Arbeit mit den Leuten zu entwickeln, oft mit lĂ€cherlichen Resultaten auf quantitativer Ebene, lĂ€sst einem jeden die Lust vergehen. Ferner schrĂ€nkt eine solche Arbeit andere Dinge ein, die damals hĂ€tten getan werden können und die aufgrund der Situation in Comiso nicht getan worden sind. Aber das sind Dinge, die einzig aus mangelnder persönlicher Energie, oder aus mangelnder KapazitĂ€t nicht getan worden sind, nicht, weil man sagte: “Diese Dinge tun wir nicht, weil sie unserem Projekt schaden.” Schliesslich, was Comiso und unsere Beziehungen mit der anarchistischen Bewegung in ihrer Gesamtheit betrifft, so sah man letztendlich, dass eine Reife, eine KapazitĂ€t, die der Ebene der Konfrontation, die in Comiso vorgeschlagen wurde, angemessen ist, nicht existierte. Vielleicht erreichte die Bewegung diese Reife und diese KapazitĂ€t einige Jahre spĂ€ter, doch zur Zeit der Intervention in Comiso zeigte sie all ihre MĂ€ngel.

Das Modell von Comiso, also dasjenige, gemĂ€ss welchem in eine RealitĂ€t interveniert und organisatorische Strukturen kreiert werden, die Bezugspunkte fĂŒr die Leute vor Ort sind, bleibt ein Modell von grossem Interesse im Bereich des aufstĂ€ndischen Projektes. Man muss jedoch auf den Sinn achten, den es dem Konzept von “Leute” zu geben gilt, und auf all die WidersprĂŒche bezĂŒglich der Möglichkeit, die Gruppen der Ausgebeuteten, der Ausgeschlossenen etc. zu bestimmen. In Comiso haben sich vielsagende FĂ€lle ereignet. Die Leute, welche den Enteignungen unterzogen werden sollten, waren zu Anfang extrem bissig, daraufhin setzten die separaten Vereinbarungen mit den öffentlichen Einrichtungen ein, welche dazu berufen waren, die Operation zu verwalten. Es reichte, dass diese den Preis der enteigneten Böden erhöhten und schon wurde die Vereinbarung erreicht, trotz den extrem bissigen ErklĂ€rungen, die zuvor gemacht worden sind. Es ist also nicht leicht, die Personengruppe zu identifizieren, die bereit ist, etwas zu tun, auch wenn sie direkt vom PhĂ€nomen betroffen ist.

Also, wenn wir diesen Aspekt vertiefen wollen, dann mĂŒssen wir besser ĂŒber diese Basisstrukturen diskutieren, anderenfalls, falls man es bevorzugt, nicht darĂŒber zu sprechen, können wir uns auf das Modell beschrĂ€nken, das wir im Laufe der Intervention vorgeschlagen haben, die vor einigen Tagen in der Zone von Trient und Rovereto realisiert wurde, wo wir zu den Leuten gesprochen haben, wĂ€hrend wir uns darauf beschrĂ€nkten, zu sagen: „Der Papst gefĂ€llt uns nicht”.

Was zĂ€hlt, ist also, ein Ziel zu haben, das es zu erreichen gilt, eine projektuelle Hypothese, die es zu realisieren gilt. In Comiso mag dies darin bestanden haben, den StĂŒtzpunkt zu zerstören, in Trient mag es darin bestanden haben, die Ankunft des Papstes zu verhindern, oder zumindest sie zu behindern. Nachdem diese Interventionen einmal abgeschlossen sind, das Ziel erreicht oder nicht, interessieren mich die Leute von Comiso oder von Trient nicht im Geringsten. Ja ich kann sogar sagen, dass mich diese Leute, da ich sie als nicht zweitrangig fĂŒr ihre Situation verantwortlich betrachte, ankotzen. Es wĂ€re unmöglich, mit ihnen ein VerhĂ€ltnis zu hypothetisieren, das fortwĂ€hrend, sagen wir, von quantitativem Charakter, also von aggregativem Wachstum ist, in anderen Worten: ein VerhĂ€ltnis, das auf den Modulen der Partei basiert. Niemand von uns hat Interessen an Beziehungen von dieser Art. Deswegen, ob der StĂŒtzpunkt zerstört wurde oder nicht, ob der Papst gekommen ist oder nicht, Schluss mit den Leuten von Comiso und von Trient.

Aber es darf nicht vergessen werden, dass der Diskurs, wovon wir sprechen, nach dem Versuch gerichtet ist, die Ziele, worĂŒber wir oben sprachen, “gemeinsam mit den Leuten” zu erreichen, oder, was die Intervention in Trient betrifft, den Leuten eine gewisse Analyse in Bezug auf eine repressive Institution bekannt zu machen. Auf anderem Wege könnte man andere Interventionen haben: den StĂŒtzpunkt alleine zerstören, alleine die Ankunft das Papstes verhindern, aber dabei wĂŒrde es sich um andere Art und Weisen handeln, zu intervenieren, die wir hier, an dieser Stelle, ausklammern.

Diese Art von Intervention fĂŒr beschrĂ€nkt zu halten, ist einfach, aber gleichermassen könnte man einen direkten Angriff auf dem Territorium, zum Beispiel das FĂ€llen eines Leitungsmastens, fĂŒr begrenzt halten. Tausend partielle Kritiken können gegen diese letztere Tatsache gerichtet werden, Kritiken, die darauf ausgerichtet sind, ihre ĂŒbermĂ€ssige Begrenztheit als zerstörerische Tat, ihre Rekuperationsleichtigkeit vonseiten der Macht und all den Rest zu erlĂ€utern. Ebenso können tausend Kritiken an dem Modell von Comiso oder von Trient geĂŒbt werden. Es besteht kein Zweifel daran, dass alles rekuperiert werden kann. Aber mich interessiert, sowohl im Fall des Leitungsmastens wie in jenem des Modells von Comiso und von Trient, dass diese Interventionen wiederholt werden können, unter verĂ€nderten Bedingungen realisiert werden können, mit anderen Personen, denn die Entwicklung von diesen Aktionen hat eben dann einen revolutionĂ€ren Sinn, wenn sie die Form von betrĂ€chtlichen Tatsachen annimmt, die zeitlich und rĂ€umlich, unter verĂ€nderten Bedingungen, wiederholt werden.

Denn, sich in einer absoluten kritischen Negation zu verschliessen, indem man behauptet (was stimmen könnte): „Wir können nichts tun, denn die Leute folgen uns nicht”, oder, „Es interessiert uns nicht, die Dinge mit den Leuten zu tun, denn sie wĂŒrden uns sowieso nicht folgen”. Die Dinge, die wir alleine tun, und jene, die wir versuchen, gemeinsam mit den Leuten zu tun, sind unter dem Gesichtspunkt der Methode sicherlich verschieden, aber unter dem Gesichtspunkt der revolutionĂ€ren Ziele, die es zu erreichen gilt, sind sie nur scheinbar verschieden. Oft ergĂ€nzen sie sich gegenseitig.

Ausserdem darf die Tatsache, dass die Leute drohen, unseren Weisungen nicht zu folgen, nicht als absolutes Hemmnis betrachtet werden. Mir wĂŒrde das Gegenteil Angst machen. Ich habe nicht die Absicht, zum Spezialisten zu werden, weder von einer Intervention wie jener von Comiso (mit einem grossen volkstĂŒmlichen Gefolge), noch im LeitungsmastenfĂ€llen (ganz alleine in der Nacht).

Über die Entscheidungen, die bei der Intervention in Comiso gemacht worden sind, sind viele Kritiken vorgebracht worden, auch in Bezug auf den Einschlag dieser Interventionen, ein Einschlag, der, nicht ohne Grund, als von “populistischer” Natur definiert worden ist.

In Comiso trafen die anwesenden anarchistischen GefĂ€hrten eine Entscheidung, und zwar entschieden sie, einige Argumente aufzulisten, wovon sie dachten, dass sie bei den Leuten besser greifen könnten: die Prostitution, die Verteuerung der Mieten, die Zirkulation der Drogen, die Erhöhung im Allgemeinen der Lebenskosten, etc. Es war tatsĂ€chlich genau dies, was den Leuten gesagt wurde: es kommen die Amerikaner, diese bringen die Dollars, und folglich wird alles teurer, usw. Argumente, die, entgegen dem, was man denken mag, besonders unter den Jugendlichen sehr breit griffen. Aber diese Argumente blieben im Verlaufe der ganzen Arbeit nie isoliert. Die Kundgebungen, und die zahlreichen VortrĂ€ge, die gehalten wurden, nicht nur in der Zone von Comiso und Ragusa, sondern auch etwas ĂŒberall in Italien, stĂŒtzten sich nie bloss auf diese Punkte, ja sie wurden sogar jedes Mal, wenn es möglich war, eine vertieftere Analyse zu entwickeln, sagen wir, beiseite gelegt, oder als selbstverstĂ€ndlich vorausgesetzt. Die Tatsache, dass jemand (mit Recht) angemerkt hat, dass selbst der Bischof von Ragusa unsere Argumente wiederaufgriff, bezeugt, einerseits, den populistischen Einschlag von eben diesen (der bereits eingestanden wurde), aber auch die Ă€usserst weite Verbreitung der Arbeit der GefĂ€hrten in der Zone. In der Tat sprach der Bischof, in einem Interview, das einer lokalen Zeitung gegeben wurde, nicht nur von unseren Argumenten, sondern wiederholte er sie in derselben Reihenfolge, wie wir sie in den FlugblĂ€ttern und in den Plakaten, die in Umlauf gebracht wurden, vorgebracht haben. Doch diese, um es so zu sagen, platten Argumentationen wurden in einen spezifisch anarchistischen Diskurs eingefĂŒgt, und dies aus verschiedenen GrĂŒnden. Jede Intervention sprach von dem Antimilitarismus, auch, weil es notwendig war, verstĂ€ndlich zu machen, was der RaketenstĂŒtzpunkt bedeutet, was die PrĂ€senz der Amerikaner heisst, was die Funktion der NATO ist, und was diejenige der sozialistischen Partei ist (es handelt sich um Zonen von mehrheitlich sozialistischer und kommunistischer Politik), usw., und so wurden diese grundlegenden Thesen jedes Mal in den theoretischen Kontext des Antimilitarismus eingefĂŒgt. Und da dieser Diskurs von Anarchisten gefĂŒhrt wurde, mĂŒssen wir zu Ehren gereichen, dass es sich dabei um einen anarchistischen antimilitaristischen Diskurs handelte. Ferner stimmt es nicht, dass keine anderen Diskurse gefĂŒhrt wurden, denn es blieben noch all die Probleme der Methode zu klĂ€ren. Und die Methode lĂ€sst sich nicht bloss zusammenfassen in dem Konzept von: zerstören wir den StĂŒtzpunkt oder gehen wir Unterschriften sammeln (wie das die GrĂŒnen sagten), sondern spezifiziert sich eben in den organisatorischen Aspekten. Als wir die Hypothese der Ligen vorgeschlagen haben, mussten wir die Konzepte von UnabhĂ€ngigkeit von den Parteien oder ökonomischen KrĂ€ften, von Selbstverwaltung der Struktur, von permanenter Konflikthaltung usw. erklĂ€ren. Diese grundlegenden Konzepte wurden jedes Mal, wenn Interventionen gemacht wurden, erklĂ€rt, wĂ€hrend in den Vorschlag die populistischen Thesen, worĂŒber wir oben sprachen, eingefĂŒgt wurden. Die Wahl der populistischen Thesen mag heute kritisierenswert sein so sehr man will, zu ihrer Zeit hing sie von der Wahl ab, welche die GefĂ€hrten, vereint in einem prĂ€zisen Moment, in einer prĂ€zisen historischen Situation, getroffen haben, mit allen Grenzen, die dies mit sich bringt. In anderen Situationen, mit BeitrĂ€gen von anderen GefĂ€hrten, hĂ€tten andere Entscheidungen getroffen werden und andere InterventionseinschlĂ€ge realisiert werden können.

Zum Beispiel, um ein konkretes Beispiel zu machen, wenn vom Hochgeschwindigkeitszug gesprochen wird, dann können wir uns nicht nur auf die technischen Aspekte dieses Kontexts beschrĂ€nken, sondern mĂŒssen wir einen Diskurs ĂŒber die Technologie fĂŒhren, einen ĂŒber die ZusammenhĂ€nge zwischen Technologie und Gesellschaft, einen anderen ĂŒber die Militarisierung der Technologie und somit des Territoriums durch den Einsatz der fortgeschrittenen Technologien, etc. Es muss also in den spezifischen Kontext der Hochgeschwindigkeit eine Vertiefung von allgemeiner Natur eingefĂŒgt werden, ansonsten erweist sich der spezifische Zerstörungsdiskurs als unfundiert, wirkt es, als ob der Zerstörungsdiskurs gefĂŒhrt wird, weil es uns gefĂ€llt, wennâ€Čs knallt, und das ist alles. Wir können uns im Bereich des Problems der Hochgeschwindigkeit nicht darauf beschrĂ€nken, von den SchĂ€den fĂŒr die Kulturen, oder fĂŒr das Gebiet zu sprechen, wir mĂŒssen auch etwas ĂŒber die Geschwindigkeit selber sagen, also ĂŒber die wissenschaftlichen und technologischen Probleme, die sich daraus ableiten. Es stimmt nicht, dass alles auf die traditionelle Analyse in Klassenbegriffen zurĂŒckgefĂŒhrt werden kann, denn es stimmt nicht, dass die sogenannten armen Leuten die Vorstellung nicht interessiert, die Strecke von Turin nach Lyon in einer Stunde zu machen, und dies, auch wenn sie diese Strecke nie in ihrem Leben machen werden, oder nie einen Zug besteigen werden. Dem armen Tropf gefĂ€llt allein schon die Vorstellung, dass es ein so schnelles Mittel gibt, er betrachtet die Tatsache auf dieselbe fantastische und imaginĂ€re Weise, mit der er die Rennen der grossen Sportautos verfolgt. Und dann könnte er sich fragen: „Weshalb wollen diese VerrĂŒckten so etwas tun? Weshalb wollen die den Bau eines so schnellen Zugs verhindern?”. Es sind nicht nur die Eingeschlossenen, die an der Hochgeschwindigkeit interessiert sind, sondern auch die Ausgeschlossenen, denn es stimmt nicht, dass die Ausgeschlossenen ĂŒber ein solches Projekt gleich denken wie wir.

Auch bei den jĂŒngsten Interventionen, die in Trient und in Rovereto gemacht wurden, war der fĂŒr die Kundgebungen gewĂ€hlte Einschlag ein sehr viel anderer als der klassische Einschlag des Antiklerikalismus. Es handelte sich um einen Einschlag, der die Kritik an der Macht und somit die Analyse der VerhĂ€ltnisse zwischen Kirche und Macht in die antiklerikale Analyse zurĂŒckfĂŒhrte. Andere GefĂ€hrten hĂ€tten vielleicht einen anderen Einschlag gewĂ€hlt, eine andere, klassischere Intervention, darauf ausgerichtet, mehr die irrationalen Aspekte der Religion zu betonen, ich weiss nicht, zum Beispiel die weinende Madonna, oder die pseudo-wissenschaftlichen Schwindel der Wunder, etc. Wir haben den Weg der Analyse der VerhĂ€ltnisse zwischen Kirche und Macht gewĂ€hlt. Andere könnten sagen, aber weshalb habt ihr nicht jenen anderen Weg gewĂ€hlt, der fĂŒr die Leute vielleicht verstĂ€ndlicher ist? Aber ich, als ich auf den PlĂ€tzen zu den Leuten sprach, habe nicht das GefĂŒhl gehabt, dass ich nicht verstanden werde.

Das Wichtige ist, es zu schaffen, die Dinge, die uns interessieren, auf eine Weise zu sagen, dass die Leute uns verstehen, also einen Weg zu finden, um diese beiden Ergebnisse zu erhalten, ohne dass das eine auf Kosten des anderen geht. Ohne Argumentationen zu wĂ€hlen, die spĂ€rlich bedeutsam, oder spĂ€rlich von einer anarchistischen Überlegung begleitet sind, um sich den Leuten verstĂ€ndlich zu machen. Wenn dies geschieht, dann ist es eben, weil man nichts anderes im Kopf hat, und dieser Aspekt ist gewiss eine grenzenlose Tragödie. Im Kontext von Comiso, ohne irgendwelchen Personen, die nicht anwesend sind, Prozesse machen zu wollen, ist man oftmals gezwungen gewesen, einen Teil von diesen Analysen zu akzeptieren, denn in vielen GefĂ€hrten gab es einen populistischen Geist, auf den es uns nicht zu verzichten gelang. Was die Kundgebungen betrifft, so bin ich im Allgemeinen der Ansicht, dass sich derjenige, der spricht, zuerst mit seinen GefĂ€hrten darĂŒber absprechen muss, was er sagen soll. Wenn er einverstanden ist, ĂŒber gewisse Argumente, auf eine gewisse Weise zu sprechen, so muss er auch die Meinung und die Positionen der anderen akzeptieren, ansonsten macht er die Kundgebung nicht. Ich habe mich oft in der Lage befunden, eine Kundgebung zu halten, weil ich es in einer gewissen Situation fĂŒr wichtig hielt, wĂ€hrend ich von Aspekten sprach und einen Einschlag der RealitĂ€t lieferte, die ich teilweise nicht teilte. Das scheint mir alles normal, auch wenn es manchmal unangenehm sein mag.

Die unerlĂ€ssliche Vereinfachung der Argumente und des sprachlichen Einschlags von gewissen öffentlichen Interventionen darf also nicht auf Kosten der anarchistischen Inhalte gehen. Die GefĂ€hrten, die sich an einer bestimmten Initiative von dieser Art beteiligen, mögen manchmal einen Einschlag wĂ€hlen, der den populistischen Aspekten nĂ€her ist, in der Hoffnung, eine grössere emotionale und unmittelbare VerstĂ€ndlichkeit zu ernten, aber dies sind Entscheidungen, die ab und zu auch bevorzugt werden mögen, sie können nicht zu einem absoluten Prinzip werden, aufgrund dessen jedes Mal, wenn man sich in einer Situation befindet, in der organisatorische Basisstrukturen, von aufstĂ€ndischer Art, ins Leben gerufen werden, zwangslĂ€ufig Argumentationen, Begriffe und DiskurseinschlĂ€ge gewĂ€hlt werden mĂŒssen, die elementar oder ohne anarchistische Inhalte sind. Die in Comiso getroffene Wahl der vier oder fĂŒnf Punkte, darunter die Prostitution oder die Erhöhung der Miete der HĂ€user, usw., hat nie daran gehindert, dass der Diskurs ĂŒber den anarchistischen Antimilitarismus, oder eine Analyse ĂŒber die Funktion als internationale Gendarmerie der NATO gefĂŒhrt wurde. Mehr noch, ich will in Erinnerung rufen, dass die Intervention in Comiso eine Dauer von zwei Jahren hatte und im ersten Jahr ein anarchistisches antimilitaristisches internationales Treffen veranstaltet wurde. Es ist also klar, dass eine viel komplexere und artikuliertere Aufgleisung umgesetzt wurde. Es bleibt schliesslich den GefĂ€hrten, welche die Arbeit in der Praxis machen, die Entscheidung ĂŒberlassen, jene EinschlĂ€ge zu wĂ€hlen, die sie wollen, oder die sie fĂŒr angemessener halten. Im Grunde ist es ĂŒberhaupt nicht selbstverstĂ€ndlich, dass ein einfacherer Einschlag fĂŒr die Leute, die uns zuhören, verstĂ€ndlicher ist. Aber dies ist ein Problem, das so alt ist wie die Welt. Wenn wir sprechen, stellen wir uns stets das Problem vom VerstĂ€ndnis vonseiten derjenigen, zu denen wir sprechen, und so gehen wir stets den nicht leichten Knoten an, entweder die Argumentation zu wĂ€hlen, die am einfachsten ist, oder jene, die am artikuliertesten ist. Aber es handelt sich dabei um ein Problem, wofĂŒr es a priori keine Lösung gibt. Das muss je nach Situation, von Mal zu Mal, abgewĂ€gt werden.

An diesem Punkt wĂŒrde ich gerne einen anderen Reflexionsbereich vorschlagen, der sich, wenn ich mit GefĂ€hrten spreche, oft als nicht sehr klar herausstellt.

Die Existenz der AffinitĂ€tsgruppen ist eine Erfahrung, die wir praktisch jeden Tag erleben, weshalb wir, mehr oder weniger, wissen, was sie sind, auch wenn jeder seine eigenen Ideen darĂŒber hat, was die AffinitĂ€t, oder das Funktionieren der AffinitĂ€tsgruppe sein mag, Artikulationen, die ziemlich komplex sind, aber wovon wir ausreichend Kenntnis haben. Was wir hingegen weniger kennen, ist das Entstehen, das Handeln und das Abschliessen einer informellen Organisation. Nun, viele fragen mich zum Beispiel: „Aber hat diese informelle Organisation ein Leben auf Dauer? Eine eigene Autonomie als Struktur? WĂ€re es nicht besser, wenn sie diese Autonomie als Struktur hĂ€tte, weil sie auf diese Weise einen ĂŒbergeordneten Referenzpunkt fĂŒr die einzelnen Gruppen bilden wĂŒrde, der folglich fĂ€hig wĂ€re, eine UnterstĂŒtzung von operativer Natur zu liefern?”. Nun, all diese Fragen haben als Ziel jenes, eine grössere HandlungskapazitĂ€t zu haben. Sprechen wir deutlich. Jede Gruppe, sowie jedes Individuum, hat seine Grenzen nicht nur im Bereich der Ideen, sondern hat seine Grenzen hauptsĂ€chlich im Bereich der Mittel und der Kenntnisse. Es ist also klar, dass jeder GefĂ€hrte, dem es danach verlangt, zu handeln, denkt, dass eine Struktur, die eine KapazitĂ€t hat, die höher ist als diejenige der einzelnen Gruppe, womit er sich identifiziert, oder des einzelnen Individuums, wĂŒnschenswert sei. Dieser Diskurs nĂ€hert sich gefĂ€hrlich der Idee der starr strukturierten Organisation. Das heisst, wir entfernen uns von der informellen Organisation und die Form beginnt, Struktur zu werden. Informelle Organisation heisst nicht bloss Organisation, die nicht offiziell, nicht mit einem Sigel ausgestattet, nicht darauf ausgerichtet ist, zeitlich ĂŒber die Sache hinaus, die man am tun ist, fortzubestehen, sondern heisst auch Organisation ohne Struktur. Dabei handelt es sich um ein nicht einfaches Argument. Viele von uns wissen bestens, dass es historisch gesehen Organisationen von starrem Typ gegeben hat, und dass diese Organisationen gehandelt haben, im Guten wie im Schlechten, mit positiven Resultaten oder negativen Resultaten, falschen Entscheidungen, und mit Erfahrungen, die, wieso nicht, nĂŒtzlich, interessant sind. Aber meiner Meinung nach besteht ein radikaler Unterschied, der mit Klarheit aufrechterhalten werden muss, zwischen informeller Organisation und starrer Organisation. Es ist klar, dass die informelle Organisation, meiner Meinung nach, von der Absicht dessen gekennzeichnet ist, was man in mehreren Gruppen, oder Individuen, tun will, die untereinander eine AffinitĂ€t haben und die sich im Hinblick darauf, ein bestimmtes Projekt zu realisieren, zusammentun. Was dieses Projekt ist, darĂŒber sprechen wir spĂ€ter, ob zu den Leuten sprechen, ob sie miteinbeziehen, usw. Diese Struktur kann recht lange andauern, zum Beispiel die zwei Jahre der Koordination der Ligen in Comiso, was eine informelle Organisation war, und sie kann sehr kurz andauern, zum Beispiel die zehn Tage der Intervention im Trientino. Es gibt also keine Frage von zeitlicher Permanenz unabhĂ€ngig von den Dingen, die man tun will, sondern die informelle Organisation entsteht, lebt und stirbt in AbhĂ€ngigkeit von den Dingen, die man tun will. Die starr strukturierte Organisation ist etwas anderes, sie hat gewisse Charakteristiken, hat gewisse VerfĂŒgbarkeiten, sucht die VerfĂŒgbarkeit gewisser Mittel, und endet darin, in der MentalitĂ€t und in der Praxis von vielen GefĂ€hrten zu grassieren, endet darin, eine Struktur zu werden, die von den AffinitĂ€tsgruppen unabhĂ€ngig ist, und darin, ein eigenes Programm, ein eigenes Projekt aufzuerlegen. Diesen Unterschied ist es wichtig, zu klĂ€ren, denn viele GefĂ€hrten denken, dass die informelle Organisation eine Art etwas vereinfachtere Organisation sei.

Der zweite Punkt, den ich vertiefen wollte, ist folgender. Die informelle Organisation, in dem Moment, wo man sich vor einem Projekt befindet, das beabsichtigt, eine Tatsache durch die Einigung und die gegenseitige Zusammenarbeit von mehreren Gruppen und GefĂ€hrten zu realisieren, eine Tatsache, die nicht unbedingt die Bildung von autonomen, selbstverwalteten Basisstrukturen vorsieht, denen Personen beitreten werden, die keine Anarchisten sind, also wie es in Trient und in Rovereto geschehen ist, wo wir nicht hingegangen sind, um die Leute zu organisieren, sondern nur, um unsere Ideen bezĂŒglich der Ankunft des Papstes zu sagen, in dieser EventualitĂ€t ist die informelle Organisation, sagen wir, einwertig, sie hat eine einzige Ausrichtung, deshalb wird sie ausschliesslich von der Art und Weise charakterisiert, wie sich die GefĂ€hrten vor die zu realisierende Tatsache stellen und gemeinsam entscheiden, wie sie realisiert werden soll. In dem Moment, wo wir uns in der Situation befinden, Basisstrukturen ins Leben zu rufen, Strukturen, denen auch Nicht-Anarchisten beitreten, in diesem Falle hat die informelle Organisation eine doppelte Wertigkeit: auf der einen Seite hat sie die Wertigkeit, mit den AffinitĂ€tsgruppen in Beziehung zu treten, und auf der anderen Seite hat sie die Wertigkeit, ein Referenzpunkt auch von organisatorischer Art fĂŒr die selbstverwalteten Basisstrukturen zu sein. Diese Scharnierfunktion, innerhalb der informellen Organisation, die mĂŒssen die Anarchisten realisieren, welche sowohl in den AffinitĂ€tsgruppen als auch in den autonomen Basisstrukturen prĂ€sent sind. Es können sie nicht Personen haben, die nicht gut, mit Klarheit, alle Aspekte des Projektes kennen. Es ist wichtig, dass man sich ĂŒber diese doppelte Aktion bewusst ist, die es innerhalb einer informellen Organisation zu entwickeln gilt, eine Funktion, die Ă€usserst bedeutsam ist, da, oft, in der Praxis, Probleme in Bezug auf das Funktionieren der informellen Organisation als Gesamtheit von AffinitĂ€tsgruppen, und in Bezug auf die spezifische Charakterisierung gegenĂŒber den generischen autonomen Basiskernen auftauchen. Unterscheidungen, die manchmal komplex sind, die oft nicht deutlich gesehen werden.

Die Merkmale des aufstĂ€ndischen Projektes, was die anzuwendenden organisatorischen Mittel betrifft, treten jetzt also etwas deutlicher zum Vorschein. Es geht nicht nur darum, was wir tun wollen, sondern auch darum, wie wir wollen, dass die informelle Organisation funktioniert. Es ist nicht so, dass, wenn wir an einen Ort gehen, wie zum Beispiel im Falle des Tales, in dem es das Problem der Hochgeschwindigkeit gibt, und autonome Basisstrukturen aufbauen, auf welche die Leute Bezug nehmen können, es ist nicht so, dass diese Strukturen eine Sache sind und die informelle Organisation eine andere Sache ist, und wir sind noch einmal etwas anderes. Wenn wir uns, als Anarchisten, an einer Initiative beteiligen, sind wir gĂ€nzlich in der Initiative selbst, und bewohnen wir nicht zwei verschiedene Welten. In anderen Worten: wir mĂŒssen fĂ€hig sein, uns nicht ĂŒber die Leute zu stellen, weil Besitzer von einer grösseren Beherrschung des organisatorischen Mittels, oder weil in der Lage, die Ideen oder die ideologischen AnsprĂŒche, womit wir uns auszeichnen, besser handzuhaben. Wir können unsere allumfassenden Ziele, womit es uns die Welt zu erklĂ€ren gelingt, nicht als entscheidendes Element wiegen lassen, um festzulegen, was zu tun ist und wie es zu tun ist. Die Strukturen, die wir gemeinsam mit den Leuten ins Leben rufen, leben dank einer Art Lunge, die atmet, und diese Lunge ist eben die informelle Organisation. Oft fand ich mich mit GefĂ€hrten, die aber sagten: “Einen Augenblick, wir sind Anarchisten, deshalb ist die informelle Organisation, die wir wollen, eine aufstĂ€ndische anarchistische informelle Organisation, folglich fĂŒhren wir einen Diskurs innerhalb von ihr, und dann, wenn wir innerhalb der Basisstrukturen sind, fĂŒhren wir einen anderen.” Dies ist eine Herangehensweise, die anscheinend gut scheint, die sich jedoch in der Praxis als desaströs herausstellt, denn man endet darin, zwei Diskurse zu fĂŒhren, und darin, gegenĂŒber den Leuten exakt die schlechte Kopie der Parteien, der autoritĂ€ren Strukturen darzustellen, welche sich vor Ort prĂ€sentieren und zwei Diskurse fĂŒhren, den ihren und denjenigen, den es den Leuten vorzuschlagen gilt. Macken, die nicht leicht auszumachen sind.

In dem Moment, wo man an einem Ort eine Intervention beginnt und entwickelt, sollte der Diskurs, den man fĂŒhrt, ich sage nicht einheitlich, in dem Sinne, dass alle GefĂ€hrten dasselbe sagen sollten, aber ausreichend kohĂ€rent sein. Das heisst, in den Dingen, die gesagt werden, und getan werden, sollte es eine Art HomogenitĂ€t geben, nicht bloss in den Teilbereichen, die dazu delegiert sind, einen â€œĂ¶ffentlichen” Diskurs zu fĂŒhren, sondern auch in den Dingen, die separat, einzeln getan werden, von den einzelnen Diskussionen bis zu den partiellen spezifischen Interventionen, bis zu den auf dem Territorium verstreuten Angriffsaktionen, bis hin zu den Flugblattverteilungen, zu den Quartierdiskussionen und dem ganzen Rest. Sicher, diese HomogenitĂ€t kann nicht absolut sein, und solch eine Lösung wĂ€re auch nicht wĂŒnschenswert. Jeder wird seiner persönlichen Vorbereitung, seinem Verlangen, seiner SpontanitĂ€t ĂŒberlassen. Doch ein Minimum an Koordination ist in diesen Kontexten unerlĂ€sslich. Es ist wichtig, dass die grossen, die ganz grossen Interventionsentscheidungen respektiert werden. Zum Beispiel sind wir nach Trient und in die umliegenden Zonen gegangen fĂŒr die Intervention gegen die Ankunft des Papstes und es wurde gesagt, nicht den klassischen, und armen, Diskurs des Antiklerikalismus zu fĂŒhren, worin grosso modo die AffĂ€ren des Priesters, der PfarrhaushĂ€lterin, die Schwindel der Religion, die weinenden Madonnas, kurz, das ganze Arsenal des Antiklerikalismus verflechtet wird, das vielleicht sympathisch, aber dazu verurteilt ist, stĂŒmmelhaft, partiell zu bleiben. Und es wurde fĂŒr einen vertiefteren Diskurs geschlossen, um das VerhĂ€ltnis zwischen Kirche und Macht zu vertiefen. Nun, ich sage nicht, das jemand, der einen grundsĂ€tzlichen Diskurs gehalten hat, ihn dann von A bis Z, bis aufs Letzte respektieren muss, aber dies ist sicherlich eine Vereinbarung, die man sich prĂ€sent halten muss. Im Trentino sind in diesem Sinne einige Patzer geschehen. Meiner Meinung nach sind diese Patzer im gesamtheitlichen Kontext der Intervention in Trient recht unwichtig, wenn nicht geradewegs nebensĂ€chlich gewesen, da sie mehr zeitliche und konzeptbezĂŒgliche Unstimmigkeiten betreffen als Dinge, die getan wurden oder die es zu tun gilt. Sicher, falls wir uns in einer anderen Interventionsbedingung befunden hĂ€tten, dazu bestimmt, zeitlich fortzudauern, mit dem Projekt, Basisorganismen zu bilden, die darauf ausgerichtet sind, die Leute miteinzubeziehen, dann hĂ€tten diese Patzer sehr viel ernstere Konsequenzen gehabt. In einer Situation, in der autonome Basisstrukturen gebildet werden, kann ein Fehler in der Wahl der Zeiten betreffend der Dinge, die es zu sagen gilt, oder der Dingen, die es zu tun gilt, desaströse Konsequenzen haben. Um, dennoch, innerhalb des Beispiels vom Trentino zu bleiben, so gibt es zwischen den Kundgebungen und den VortrĂ€gen, mit denen man versuchte, das VerhĂ€ltnis zwischen Kirche und Macht zu vertiefen, und einigen Inschriften auf den Mauern, oder einigen Aktionen, die zwei oder drei Tage frĂŒher getĂ€tigt wurden, als sie gemĂ€ss den Vereinbarungen hĂ€tten getan werden sollen, einen relativ betrĂ€chtlichen Patzer. Wenn ich einen Diskurs fĂŒhre, der auf den VerhĂ€ltnissen zwischen Kirche und Macht basiert, dann kann ich nachher nicht “Cloro al clero” [“Chlor dem Klerus”] auf die Mauern schreiben gehen. Der GefĂ€hrte, der diese Phrase schreibt, muss sich, in dem Moment, wo er sie schreibt, auch fragen, ob das, was er am schreiben ist, nicht eine zu grosse Distanz zu dem hat, was beschlossen worden ist, zu sagen. Wohingegen die Inschrift, und die Aktionen, und der ganze Rest, logisch, und folgerichtig, also im Rahmen der HomogenitĂ€t der Intervention vollkommen akzeptierbar werden konnten, wenn sie am Ende gemacht worden wĂ€ren, dann, als der gesamtheitliche Diskurs nunmehr abgeschlossen war und es nur noch darum ging, bei den Leuten das Zeichen einer “guten” Erinnerung zu hinterlassen, auf unsere Manier, selbstverstĂ€ndlich. Die Konsequenzen von diesen Patzern sind in diesem Kontext, wie ich gesagt habe, absolut vernachlĂ€ssigbar gewesen, da die Leute nie in unseren Diskurs miteinbezogen wurden, weshalb sie mit Phrasen in der Art von: “Sgozza il parroco” [“den Pfaffen abschlachten”] zu verstören, die völlig verschieden sind von den grundlegenden Entscheidungen der ganzen Intervention, schliesslich nicht so schlimm war, in Anbetracht der Tatsache, dass die wichtigere Störung eben in unserer Art und Weise bestand, die Intervention selbst aufzugleisen, aufgrund welcher wir bloss da waren, um zu sagen, dass uns der Papst nicht gefĂ€llt, ohne uns darum zu kĂŒmmern, zu sehen, wie vielen Teilen der Leute vom Trentino der Papst gefallen mag oder nicht. Ganz anders wĂ€re die Konsequenz gewesen, wenn wir hinsichtlich der Bildung von autonomen Basiskernen dort gewesen wĂ€ren. Wie auch immer, meiner Meinung nach ist das Beibehalten von einem gewissen Einschlag, der von allen GefĂ€hrten ĂŒbereinstimmend akzeptiert wird, solange, wie sich die ganze Intervention entwickelt, ein essenzieller Punkt des aufstĂ€ndischen Modells. Die FĂ€higkeit von jedem GefĂ€hrten, zu wissen und zu verstehen, was er tun muss, ungeachtet der durch die gewĂ€hlten Kommunikationsinstrumente offiziell bekanntgemachten Diskurse, ist also unerlĂ€sslich.

Die GefĂ€hrten sind alle verschieden. Jeder hat seine eigenen Ideen, seinen eigenen Charakter, seine eigenen VorzĂŒge, findet grössere oder geringere Freude darin, etwas auf eine andere Weise zu tun als ein anderer GefĂ€hrte, ansonsten wĂ€ren wir alle wie kopiert. Das aufstĂ€ndische Projekt mĂŒsste die FĂ€higkeit haben, all diese Impulse von Befreiung, von Freude, von Zerstörung, von VerĂ€nderung aufzunehmen, alle, keine ausgeschlossen, vom Kleinsten bis zum Grössten. Weshalb sind wir Insurrektionalisten? Weil wir diesen Ausgangspunkt haben, weil wir keine PrĂ€klusionen haben, dass auch die grösste Möglichkeit des Angriffs erreicht wird, weil wir wissen, dass es im aufstĂ€ndischen Moment, wenn er da ist, Dinge zu tun gilt, die unser Leben und unsere Zukunft auf umfassende Weise miteinbeziehen, wir machen keinen Schritt zurĂŒck, ansonsten wĂ€ren wir keine Insurrektionalisten, wĂ€ren wir nicht etwas anderes. Darin liegen die Schwierigkeiten von einer Zusammenarbeit mit anderen GefĂ€hrten, welche anderer Ansicht sind als wir, dies ist der Grund, weshalb diese Zusammenarbeit oft nicht möglich ist. Nun, was passiert, wenn das aufstĂ€ndische Projekt, das aufs Tapet gebracht wird, in dem Moment, wo es studiert wird, Begrenzungen oder Abstufungen vorsieht, wenn auch nur von zeitlicher Natur? Muss die Begrenzungen nicht jeder selber suchen? Und dennoch sehe ich nichts merkwĂŒrdiges daran, dass eine Person, die Gefallen daran hat, sofort eine Kirche zu zerstören, sich mit anderen Personen abspricht, welche sie morgen anstatt heute zerstören wollen. Aber da gibt es Schwierigkeiten. Auf den ersten Blick scheint das eine einfache Sache. Viele sagen, aber da gibt es doch kein Problem. Und stattdessen taucht das Problem stets auf, da es vom Kontext abstrahiert wird und der Anarchist aus Prinzip stets sagt: „Einen Augenblick, ich will nicht, dass es da Fristen gibt, da ich immer und in jedem Moment die Kirche niederbrennen will.” Es ist klar, dass man sich auf diese Weise nicht einigen kann. Es geht hier nicht darum, irgendwen von irgendwas abzuhalten, es geht bloss darum, Einigungen aufs Tapet zu bringen, die dann auch eingehalten werden sollten. Es wĂ€re etwas anderes, wenn man, als eine Prinzipiensache, sagen wĂŒrde, dass es verboten ist, die Kirche niederzubrennen. In diesem Falle findet der GefĂ€hrte, der dieses Verlangen hat, kein Interesse darin, sich zu beteiligen, da dieses Projekt offensichtlich andere Absichten hat, die völlig anders sind als die seinen.

Das aufstĂ€ndische Projekt mĂŒsste also jeglichen Impuls, jegliches Verlangen, jegliche AusdrucksfĂ€higkeit in sich aufnehmen können, was mit der Hypothese von einer separierten bewaffneten Gruppe, die sich einfĂŒgt, einen Diskurs auch mittels einem Flugblatt fĂŒhrt, und dann militĂ€rische Taten realisiert, nichts zu tun hat. Wir befinden uns nicht mehr im Rahmen der Spannung und der Verlangen, wir befinden uns im Rahmen eines Projekts von anderer Art. Sicher, es kann sich auch um anarchistische GefĂ€hrten handeln, aber das reicht nicht, man befĂ€nde sich noch immer im Bereich einer starren Organisation, die mit dem Diskurs nichts zu tun hat. WĂ€hrend angemerkt werden soll, dass es im Bereich des aufstĂ€ndischen Projektes keine apriorischen PrĂ€klusionen von quantitativer Art geben kann, in der Art von: “Da man mit dieser Aktion Gefahr lĂ€uft, zwanzig Jahre GefĂ€ngnis zu kriegen, macht man sie in dem Fall nicht.” Eben diese Art von AbwĂ€gungen sollten nicht berĂŒcksichtigt werden, oder sollten zumindest in den Entscheidungen und in den Wahlen, die es zu treffen gilt, kein Gewicht haben. Im Rahmen von diesen Bedingungen muss jemand, der das Verlangen hat, etwas anderes zu tun, dies nur innerhalb des aufstĂ€ndischen Projektes koordinieren, und um es zu koordinieren, muss dieser GefĂ€hrte in das Projekt intervenieren, und nicht in den eigenen Thesen verschlossen bleiben und dann, im gelegenen Moment, diese Aktion von ihm wie einen Fremdkörper auf das Projekt fallen lassen. In diesem letzteren Falle könnte man keine Koordination mehr bewirken. Eben diese EventualitĂ€t gilt es a priori auszuschliessen.

Ein aufstĂ€ndisches Projekt beruht auf einer gewissen Methode, aber es geht von einer Analyse der Situation aus, in die man intervenieren will. Anderenfalls kann gar nicht erst von einem Projekt gesprochen werden, und noch weniger von einem aufstĂ€ndischen Projekt. Es wĂ€re im Grunde absurd, ein aufstĂ€ndisches Projekt zu hypothetisieren, dass nur die Methode berĂŒcksichtigt, und sich nicht um die SpezifitĂ€t der Situation kĂŒmmert, in die man sich zu intervenieren vorbereitet. Diese Analyse muss die FĂ€higkeit haben, ĂŒber die lokale, spezifische Dimension der RealitĂ€t hinaus zu gehen, in die man intervenieren will, und sich mit der gesamtheitlichen ökonomischen und politischen Situation, mit den laufenden technologischen Entwicklungen und mit allem zu verbinden, was erforderlich ist, um eine RealitĂ€t, die in ihren lokalen Charakteristiken nie von einem breiteren Kontext losgelöst ist, verstĂ€ndlich zu machen. Kurz gesagt, das Problem auf eine Art und Weise prĂ€sentieren, die eine breite Konzeption hat (was normalerweise in all unseren Interventionen zu finden ist), wohingegen die Parteien, die Umweltschutzvereine usw. diese Analysen nicht machen, im Allgemeinen beschrĂ€nken sie sich darauf, spezifische und, oft, lokalistische Interessen zu behandeln. Zum Beispiel, wenn wir beim Problem der Hochgeschwindigkeit bleiben, so kann diese Analyse von uns nicht nur einer methodologischen PrinzipienerklĂ€rung ĂŒberlassen werden, sie muss sehr ausgedehnt sein, sie muss das Problem nicht nur im Spezifischen angehen, sondern es damit verbinden, was die gesamtheitlichen Entwicklungen des Kapitals heute sind, weshalb so etwas gemacht wird, weshalb es fĂŒr sie essenziell ist, dieses Projekt zu finanzieren, nicht nur im Tal, sondern auch an anderen Orten. Jedes Element von dieser Analyse ist darauf ausgerichtet, den Leuten verstĂ€ndlich zu machen, was unsere MentalitĂ€t, unsere Vorgehensweise ist, und bildet, in einem gewissen Sinne, die grundlegende Rechtfertigung fĂŒr die vorgeschlagene Methodologie. Dies bedeutet bereits ein Vorschlag des Problems. Also Darlegung dessen, was die umweltlichen, territorialen Bedingungen sind, um, was das Tal betrifft, zu wissen, wie lang es ist, wie breit es ist, seine biophysische und soziale Zusammensetzung, die Struktur der Dörfer, die sich dort befinden, wie weit ein Dorf vom anderen entfernt liegt, ob es unzugĂ€ngliche Berggebiete gibt, ob die Kommunikationen einfach sind, ob man sich leicht bewegen kann oder nicht. Diese Elemente gestatten es, mit grösserer Klarheit darĂŒber zu reflektieren, was getan werden kann.

Schliesslich, welches Modell schlÀgt man den Leuten vor? Man kann nicht einfach sagen, dass jede Gruppe, die interessiert ist, macht, was sie will. Wenn jede Gruppe im Rahmen der zur Frage stehenden Intervention machen kann, was sie will, weshalb sollte man sich dann mit anderen Gruppen koordinieren? Allein aufgrund der Tatsache, dass sie eine prÀventive Bedingung von methodologischer Natur akzeptiert, und diese ist bereits klar hervorgehoben worden: Autonomie von den Parteien, permanente Konflikthaltung, usw., ist sie nicht frei, zu machen, was sie will. Sie muss sich also koordinieren. Und diese Koordination ist durch die Tatsache gerechtfertigt, dass man eine gemeinsame Aktionsperspektive mit den anderen sucht.

Und nochmals, wie werden die Interventionen auf dem Territorium realisiert? Wie wird mit den Leuten gesprochen? Werden klassische Interventionen gemacht, in der Art von: Flugblattverteilung, Stand, usw., oder sind andere Interventionsarten vorgesehen. Wir sprechen hier noch immer von vorschlagenden Interventionen. FĂŒr mich ist die EinschĂ€tzung relativ unwichtig, von der man ausgeht, ob die Leute gegen den Hochgeschwindigkeitszug sind. Das ist ein recht unwichtiger Diskurs, der ein solcher bleibt, wenn er nicht in der RealitĂ€t ĂŒberprĂŒft wird, auf Basis des Vorschlags, der gemacht wird, ein analytisch fundierter Vorschlag, der eine Vertiefung von anarchistischer Natur haben muss. Ist dieser erste Schritt einmal gemacht, wird man dann schon sehen, was die Leute tun wollen. Das kann nicht als gegeben hingestellt werden.

Jede aufstĂ€ndische Intervention, wie diejenige, die beispielsweise im Susatal in Aussicht gestellt wird, hat spezifische Charakteristiken, die vom Gebietsspezifischen ausgehen und nach aussen abstrahlen. Die KanĂ€le, durch welche diese Charakteristiken abstrahlen, sind zweierlei: ein theoretischer Kanal im Allgemeinen, welcher das Hauptargument angeht, worĂŒber gesprochen wird, in diesem Falle die Technologie-Macht-VerhĂ€ltnisse, und ein praktischer Kanal, welcher all die UnterstĂŒtzungen angeht, die von ausserhalb ankommen, um das Projekt zu ermöglichen, UnterstĂŒtzungen von technischer, finanzieller, ökonomischer, verwalterischer, unternehmerischer Natur, usw. Die Verbindungen mĂŒssen also stets ins Spezifische zurĂŒckgefĂŒhrt werden. Wir wĂŒrden einen Fehler begehen, wenn wir behaupten wĂŒrden, durch den theoretischen Aspekt aus diesem Spezifischen einen breiteren Diskurs zu extrapolieren, nur weil die Hochgeschwindigkeit eine Konsequenz des VerhĂ€ltnisses zwischen Technologie und Macht ist, denn zur gleichen Zeit ist sie auch etwas PrĂ€zises, nĂ€mlich eine Realisierung von Beschleunigungsprozessen der Kommunikationssysteme. Diese SpezifitĂ€t darf das Projekt, meiner Meinung nach, durch seine Verortung im Bereich der VerhĂ€ltnisse zwischen Technologie und Macht nicht verlieren.

Wenn wir von einem aufstĂ€ndischen Projekt sprechen, das eine eigene SpezifitĂ€t hat, dann dĂŒrfen wir uns nicht von dieser SpezifitĂ€t entfernen. Jegliche Aktion, die an einem anderen Ort realisiert wird, muss sich also auf diese SpezifitĂ€t zu beziehen wissen. Ohne damit zu negieren, dass in dem Moment, wo die GefĂ€hrten Aktionen an anderen Orten realisieren, verschieden vom territorialen Kontext, worin sich das aufstĂ€ndische Projekt am entwickeln ist, diese sie selbstverstĂ€ndlich in andere Aktionen einfĂŒgen können, an denen sie am arbeiten sind, in andere Projekte, und diese EinfĂŒgung kann sich ĂŒbermĂ€ssig ausweiten, kann solch eine Ebene erreichen, dass daraus ein aufstĂ€ndisches Projekt von gĂ€nzlich neuer Art wird.

Wir mĂŒssen auf dieses Argument zurĂŒckkommen, das heisst, auf eine Initiative wie diese zurĂŒckkommen, mit denselben Themen.Wie sehr wir in diesen drei Tagen in dieser Art von Analyse auch vorangekommen sein mögen, so wissen wir, beispielsweise, ĂŒber das Funktionieren von einer informellen Organisation noch immer sehr wenig. Es wurde ĂŒber die informelle Organisation etwas unter dem Gesichtspunkt von temporĂ€ren Ansammlungen von AffinitĂ€tsgruppen gesagt. Aber darĂŒber, was geschieht, wenn sich in die informelle Organisation die Basiskerne einfĂŒgen, haben wir wenig gesagt. Ebenfalls wurde wenig darĂŒber gesagt, wie ein aufstĂ€ndisches Projekt im Moment der finalen Organisation der zerstörerischen Tat funktioniert, falls es vor relativ zahlreichen Personenbestandteilen steht, die keine Anarchisten sind. Um abzuschliessen, so bin ich der Meinung, fĂŒr das nĂ€chste Treffen noch einmal dasselbe Schema von Argumenten vorzuschlagen, in Hinblick auf eine grössere theoretische Vertiefung.

RedebeitrÀge am Treffen von Velletri

27. Dezember 2000

Die Gelegenheit, die heute Abend beginnt, und die wir, denke ich, morgen fortfĂŒhren werden, ist eben genau das: eine Gelegenheit. Mit all den Grenzen, die sie meiner Ansicht nach aufweist, ist sie ziemlich wichtig, denn, wenn ihr mich fragt, sind wir nicht hier fĂŒr eine der vielen Versammlungen, die ein jeder von uns in seinem Leben als GefĂ€hrte, in seinem revolutionĂ€ren Reifungsprozess erlebt hat, sondern gibt es da eine besondere Charakteristik, welche die vielleicht schwĂŒlstige Kennzeichnung als Internationale rechtfertigt, die wir uns gegeben haben, die auch Aspekte der Vergangenheit in Erinnerung ruft, die jedenfalls nichts mit der spezifischen Gelegenheit zu tun haben, die wir heute Abend erleben, und die wir morgen erleben werden.

Worin besteht also diese Besonderheit? Denn dies ist es, worĂŒber wir versuchen sollten, Kenntnis und Bewusstsein zu haben. Sie besteht nicht darin, festzustellen, was wir imstande sind, zu tun, und uns, an dieser Stelle, Projekte zu geben. Sie besteht auch nicht darin, imstande zu sein, denjenigen, die uns zuhören, oder mit denen wir gegenseitig Diskussionen vertiefen könnten, zu beweisen, was wir imstande sind, zu tun. Oder was wir fĂŒr eine PotenzialitĂ€t, fĂŒr eine unausgedrĂŒckte AktivitĂ€t haben, der es nicht gelingt, Gestalt anzunehmen, und wozu ich einen GefĂ€hrten um Zusammenarbeit frage: Was meinst du dazu? Und er antwortet mir: ja, an so etwas habe ich eigentlich auch gedacht, lasst es uns doch gemeinsam tun. Es ist auch nicht das.

Es ist eine Gelegenheit von besonderer revolutionĂ€rer IntensitĂ€t, wenn ihr mich fragt, die eine Aufmerksamkeit verdient, eben weil sie besonders intensiv ist, eine besondere Aufmerksamkeit. Wir sollten versuchen, diese wenigen Momente miteinander als eine besondere Initiation zu erleben, wir sollten uns aus dem Sinne schlagen, was unsere Erfahrungen aus so vielen Versammlungen sind, an denen wir ĂŒber dieselben Dinge gesprochen haben, an denen wir so viele Male darĂŒber diskutiert haben, was die informelle Organisation ist, weshalb die intermediĂ€ren KĂ€mpfe existieren, wie wir uns daran beteiligen, wie wir die Leute in unsere revolutionĂ€ren und aufstĂ€ndischen Projekte einverleiben können.

Aber sind wir im Grunde wirklich ĂŒberzeugt, mit dem Wort Aufstand einen Trumpf zu haben, oder benutzen wir dieses Wort, weil es uns sympathisch ist? Droht es Vorkehrungen an, die wir gegen das Kapital ergreifen werden, oder machen wir uns gegenseitig etwas vor? Oder sind wir Insurrektionalisten, weil uns der Klang von diesem Wort gefĂ€llt?

Nun, diese Dinge, die mĂŒssen wir einander sagen, denn wir sind nicht hier, um uns ein weiteres Mal gegenseitig hochzunehmen. Wir sind nicht hier, um zur Schau zu stellen, um darauf hinzuweisen, welche Medaillen wir uns auf dem Feld, in den KĂ€mpfen, die wir gefĂŒhrt haben, eingeholt haben, und was wir in der Vergangenheit aufgebaut haben. Wir stehen vor dem Ungewissen der Zukunft. Wir befinden uns in einer Situation, wo wir etwas absolut anderes beginnen werden, oder wir werden nichts beginnen, oder das, was wir erleben werden, wird eine bedeutungslose Fehlgeburt sein. Es wird von uns abhĂ€ngen, von dem, was es uns gelingen wird, zu verstehen, von dem, was es uns gelingen wird, vorzuschlagen, und auch in uns zu spĂŒren, welche StrĂ€nge des Herzens sich in Bewegung setzen werden.

Es könnte sich beispielsweise der Verdacht in Bewegung setzen und ich will Garantien von dem, der mir zuhört, ich will wissen, wer er ist, ich will wissen, was er tut, was er hauptsĂ€chlich getan hat, welcher RealitĂ€t er angehört, aus welcher Wolke der Vergangenheit er auf mich zukommt, um mit mir zu sprechen, und oft spĂŒre ich, dass wir in harten Zeiten leben, die Ideologie des Verdachts ist uns allen etwas ĂŒber den Kopf gewachsen, doch dies ist nicht die Geistesverfassung, die wir hier aufs Tapet bringen mĂŒssten. Wir mĂŒssten versuchen, zu sehen, ob es möglich ist, anders zu denken.

Nun, zunĂ€chst, als ich begann, darĂŒber nachzudenken, worĂŒber ich heute Abend gerne sprechen wĂŒrde, dachte ich, dass ich den Finger etwas auf die Wunde von dieser spezifischen Situation von heute Abend legen will. Zum Beispiel hat das Treffen von heute Abend einen offensichtlichen Mangel: es fehlen die auslĂ€ndischen GefĂ€hrten, es fehlt die Beteiligung, sehr wenige GefĂ€hrten sind hier, zwei, drei. Es fehlen die Spanier, es fehlen die Griechen, die vielen Griechen, wovon es schien, dass sie an dieser Initiative interessiert waren. Aber dann habe ich gedacht, dass nicht dies das Problem ist. Das Konzept der internationalen Beziehung unter GefĂ€hrten kann auch zwischen GefĂ€hrten stattfinden, die in derselben lokalen Situation wohnen und leben, denn es muss einem gelingen, sich in ein anderes Vorstellungsvermögen, Fantasievermögen hineinzuversetzen, und den GefĂ€hrten, den wir vielleicht tagein, tagaus sehen mögen, in einem ganz anderen Licht zu sehen.

Denn dies ist es, worĂŒber heute Abend diskutiert werden muss, nicht ĂŒber den Unterschied, der zwischen einer lokalen oder internationalen Situation besteht, oder darĂŒber, wie die internationale repressive Situation in die lokale Situation ĂŒbertragen werden kann, worin ich lebe. Das hat C. gut gesagt, aus diesem Blickwinkel ist die Tatsache des spanischen Kampfes gegen das FIES etwas, das mich persönlich angeht, und dementsprechend will ich sie in die lokale RealitĂ€t, worin ich lebe, einfĂŒgen und sie personifizieren, verkörpern. Darin sind wir einverstanden, aber es ist nicht dies der Punkt von heute Abend, wenn ihr mich fragt; der Punkt von heute Abend ist nur scheinbar Ă€hnlich, aber in Wirklichkeit ist er das keineswegs. Die Internationale, eben als eine internationale Gelegenheit, schlĂ€gt einen anderen Diskurs vor, das heisst, sie schlĂ€gt vor, dass ich, in meiner RealitĂ€t, nicht nur den spezifischen Kampf entwickle, der sich am ereignen ist, nicht nur dies. Und dass ich folglich auf meine lokale RealitĂ€t einwirke, indem ich auf zerstörerische Weise Ziele angreife, die auf die eine oder andere Weise auf diesen Kampf zurĂŒckfĂŒhrbar sind. Sprechen wir vom FIES in Spanien, zum Beispiel die Produktionsautos von Seat, die in Italien verkauft werden. Nur um ein Beispiel zu machen.

In der Situation, in der wir uns in diesem Moment befinden, heute Abend und morgen, versuche ich, den SchlĂŒssel zu erfassen, um zu verstehen, wie ich mit meiner Aktion in den internationalen Kontext intervenieren kann, wie ich eine repressive Situation angreifen kann. Worin besteht, meiner Meinung nach, diese Angriffsweise? McDonaldâ€Čs ist mich am vergiften und ich werfe einen Stein gegen eine McDonalds Filiale. Das FIES ist die GefĂ€hrten physisch am vernichten und ich zerstöre ein Auto von Seat. In Ordnung, das sind interessante Dinge, aber der Angriff, meiner Meinung nach, und darin besteht die essenzielle Basis der Überlegung von diesen Tagen, muss die Initiative haben. Ich muss die Initiative ergreifen, ich bin es, der verstehen muss, wogegen ich zuschlagen kann, nicht als Antwort auf eine repressive Tatsache, die mir widerfĂ€hrt, denn es ist keine besondere Grausamkeit der repressiven Tatsachen nötig, um zum Angriff ĂŒberzugehen.

Das Kapital, der Staat, existieren, und aufgrund der blossen Tatsache, dass sie existieren, und wĂ€ren sie auch die idealen ModellgefĂ€ngnisse der Welt, so wĂ€ren sie genauso zu zerstören. Der Kapitalist, auch der aufgeklĂ€rteste, und wĂ€re es auch Olivetti oder Bentham, wĂ€re trotzdem zu eliminieren. Es braucht also kein besonderes abscheuliches, repressives, extrem brutales Verhalten von der Gegenseite, vom Feind, um die Eliminierung moralisch zu rechtfertigen. Seine blosse Existenz ist ausreichend. Es ist also keine Antwort nötig, denn, wenn ich auf Erwiderung spiele, auf den zweiten Schlag, wie man einmal sagte, befinde ich mich stets in Verfolgung des feindlichen Projekts. Das Projekt, das muss ich mir selber aufbauen, ich muss es sein, der ermittelt, welches die möglichen laufenden Modifizierungen sind, die in den Repressionsprojekten und auch in den administrativen, wirtschaftlichen und sozialen Verwaltungsprojekten des Kapitals realisiert werden. Dies ist, was unsere Aufgabe ist, Dies ist, womit eine informelle internationale Organisation, wie diese es sein könnte, wirklich korrespondieren kann. Das heisst, verstehen, erahnen, sich in eine andere Dimension hineinversetzen, in der es zum ersten Mal wir sind, die die Initiative ergreifen, wir sind, die bestimmen, gegen welchen Teil des Kapitals zuzuschlagen, denn es sind keine Rechtfertigungen nötig, es ist nicht nötig, sich zu sagen: schau, wie böse dieser Polizist ist, schau, wie schlecht sich dieser GefĂ€ngniswĂ€rter verhalten hat, schau, wie sie in diesem GefĂ€ngnis die GefĂ€hrten verprĂŒgelt haben, und jetzt tun wir etwas, nein, die blosse Existenz der Gegenseite verdient bereits absolut vollstĂ€ndig unsere InterventionsfĂ€higkeit.

Aber weshalb ist dies schwierig zu verstehen, und weshalb ist es folglich schwieriger, zu intervenieren? Achtet euch gut, dass ich nicht dabei bin, die GĂŒltigkeit, die Wichtigkeit, die Fundiertheit von einer Intervention auf den zweiten Schlag zu negieren, wie es eine Antwort auf die Repression sein mag, ich sage nicht das. Ich bin dabei, zu sagen, dass sich an dieser Stelle ein Diskurs von internationaler Zusammenarbeit als Diskussions- und Vertiefungsgelegenheit, meiner Meinung nach, um diesen sehr komplizierten, aber Ă€usserst wichtigen Punkt drehen muss: Wie die Initiative ergreifen? Um diesen Schritt tun zu können, ist es erforderlich, eine FĂ€higkeit zur Vertiefung von Problemen zu haben, die derzeit nicht sehr verbreitet ist.

Also was geschieht: es geschieht, dass wir aus Anwendungs-, aus, sagen wir, Einsatzbequemlichkeit – denn der GefĂ€hrte hat zu Recht grosse Lust, etwas zu tun – in die etwas perverse Überlegung verfallen, dass wir nur, wenn uns eine repressive Tatsache widerfĂ€hrt, antworten.

Auf die Repression zu antworten, ist etwas wichtiges, wie ich gesagt habe, aber dies sollte nicht das Diskussionsargument von heute Abend sein, denn ansonsten gelangen wir wieder bei den alten Diskussionen an, die wir fĂŒr so viele Jahre gefĂŒhrt haben, wĂ€hrend dies hier etwas anderes ist. Wir mĂŒssten ĂŒber etwas anderes sprechen, und dieses Andere, vielleicht sage ich auch den grössten Bockmist, mĂŒsste darin bestehen, wie es uns gelingen kann, die Initiative zu ergreifen. Denn die Tatsache, eine Beziehung mit dem griechischen GefĂ€hrten haben zu können, den ich kenne, jetzt kenne ich ihn noch besser, ich habe ihn gehört, jetzt setze ich mich hin, um mit ihm darĂŒber zu diskutieren, wie man auf eine repressive Situation antworten kann, die sich in Griechenland am ereignen ist, das ist etwas, was seine Wichtigkeit hat, aber es ist nicht das Argument, worĂŒber wir heute Abend sprechen mĂŒssen.

Der Gegenstand besteht darin, wie wir, indem wir mit ihm und mit dutzenden griechischen GefĂ€hrten sprechen, gemeinsam eine Aktion entwickeln können, worin die Anarchisten ihrerseits die Initiative ergreifen, ihrerseits einen ungebrĂ€uchlichen, unvorhergesehenen Aspekt der Repression angreifen, und demnach nicht als repressive Tatsache, sondern als Tatsache der Existenz der Repression, des Staates, des Kapitalismus. Der Staat, der dort existiert, der ein absolut umstĂŒrzbarer Teil der Macht ist: als griechischer Staat wird er italienischer Staat, internationaler Staat, Globalisierung des Staates, der Multinationalen, alle dieselbe Sache, es ist ein Prisma, den man auf egal welche Seite wenden kann, man sieht und sieht darin immer dasselbe Problem, immer dieselbe Sache.

Aber um unsererseits die Initiative zu ergreifen, braucht es Vereinbarungen auf einer Ebene von internationaler Zusammenarbeit. Um dies zu tun, mĂŒssen wir verstehen, was hinter den laufenden Umgestaltungen des Produktionsprozesses, des kapitalistischen Prozesses und auch des Kontroll- und Verwaltungsprozesses liegt. Denn, und darĂŒber mögen wir alle einverstanden sein, wĂ€hrend es einfacher ist, den Feind in seinem exponierteren Teil aufzuzeigen (darin, will ich sagen, worin er sich schlecht verhĂ€lt, der brutalere und somit auch rĂŒckstĂ€ndigere Teil, richtig?), so ist es schwieriger, ihn im fortgeschritteneren Teil aufzuzeigen, dort, wo er verborgener ist, wo die Nuancierung subtiler ist. Wir alle können gut verstehen, dass die schlimmsten Konsequenzen, unter dem Gesichtspunkt der Kontrolle und der Repression, nicht dort sind, wo die brutalsten Teile wirken, denn diese werden vom Kapital selbst zurechtgewiesen werden, sondern die verborgeneren Teile sind, diejenigen, die schwieriger zu verstehen sind, diejenigen, die sich in Entwicklung befinden, und es ist dort, wo das Kapital seinen Trumpf ausspielt, um die Zukunft verwalten und administrieren zu können, und es ist dort, wo wir zuschlagen mĂŒssen, indem wir versuchen, zu verstehen, in welche Richtung das Kapital am gehen ist.

Nicht, dass es falsch wĂ€re, anzuprangern und somit zu versuchen, etwas zu unternehmen, um die brutalsten repressiven Tatsachen aufzuzeigen, das ist an sich nicht falsch, aber es ist, wenn ihr mich fragt, nicht das Argument von heute Abend. Ich kann deswegen bestens exakt das sagen, was C. vorhin gesagt hat: die GefĂ€hrten in Spanien machen ihre Arbeit, ich gehe nicht unbedingt nach Spanien, ich unternehme bei mir zuhause eine Intervention in Bezug auf das, was die UnterstĂŒtzung, die internationale Zusammenarbeit usw. betrifft. Aber dies, wenn ihr mich fragt, sind Diskurse, die wir schon immer gefĂŒhrt haben, seit mindestens fĂŒnfundzwanzig Jahren, seit dreissig Jahren haben wir sie mit vielen Nuancierungen gefĂŒhrt, aber die Internationale ist eine andere Sache.

Sie ist ein Kontext, innerhalb von dem die GefĂ€hrten miteinander in Beziehung treten mĂŒssten, um zum ersten Mal die Initiative zu ergreifen und jenen Teil des Feindes anzugreifen, der sich in Evolution befindet, ich meine, den gefĂ€hrlichsten Teil, den schlimmsten Teil, aber den am wenigsten sichtbaren, also weniger feststellbaren, der mehr Einsatz erfordert. Dies ist der Grund, weshalb die Logik der Zusammenarbeit entsteht, denn mir alleine, in meiner beschrĂ€nkten Dimension, kann das nicht gelingen. Denn ich kann nicht verstehen, was das Kapital auf internationaler Ebene am tun ist, wohingegen ich, wenn ich Beziehungen habe, die wirklich, substanziell international sind, mit vielen GefĂ€hrten von der Erfahrung von anderen Kontexten nutzniessen kann.

Man braucht nicht zu sagen, ob es erforderlich ist, sich zu bewegen oder nicht, zu reisen, nicht dies ist das Problem, das Wichtigere ist der Diskurs von internationaler Zusammenarbeit, um zu versuchen, zu verstehen, wohin der Feind am gehen ist. Was er wirklich am tun ist. Denn, um im Bereich des GefĂ€ngnisses zu bleiben, was eine Sache ist, die uns alle persönlich betrifft, wie der GefĂ€hrte richtig angemerkt hat, das GefĂ€ngnis als Repressionsstruktur, die ausserdem durchwegs nicht die, wie wir uns einbilden, terminale Struktur, oder die brutalste von allen ist, es gibt viel brutalere Strukturen, die Gesellschaft zum Beispiel ist ein brutaleres GefĂ€ngnis als das spezifische GefĂ€ngnis… nun gut… aber dies ist eine kompliziertere Sache… Das GefĂ€ngnis als Repressionsstruktur, sagte ich, ist, in seinen evolutiven Aspekten, Ă€usserst schwierig zu verstehen. Zum Beispiel ist es sehr einfach, den GefĂ€ngnisaufseher wahrzunehmen, der ein SchlĂ€ger ist, und der dem Bereitschaftstrupp vom GefĂ€ngnis angehört, welcher mit dem Ganzkörperschutzanzug im Stil von Cassandra Crossing verprĂŒgelt, denn jetzt fĂŒrchten sie sich vor den ansteckenden Krankheiten… nun, dies ist einfach zu verstehen, es ist auch einfach, sich die Illusion zu machen, von den Leuten besser verstanden zu werden, weil, wenn wir ein Flugblatt machen und sagen: „Ah! Schaut, wie böse eigentlich diese GefĂ€ngnisaufseher sind, die diese GefĂ€hrten von uns im Knast foltern“, dann die Leute… Jungs, verarschen wir uns nicht, wir wissen es bestens, die Leute, in der ĂŒberwiegenden Mehrheit der FĂ€lle, sagen: „Sicher haben sie auch etwas getan dafĂŒr, dass sie im GefĂ€ngnis sind.“ Das ist, was die Leute denken. Aber wir, was machen wir, wir machen uns die Illusion, dass, wenn wir auf die Wunde zeigen, auf den Punkt, wo die Wunde eitriger ist und auf sichtbarere Weise die emotionalen Aspekte der Person berĂŒhrt, die Leute sich involvieren, um bezĂŒglich dem GefĂ€ngnis etwas zu unternehmen. Seit dreissig Jahren schon diskutieren wir ĂŒber dieses Thema. Und ich bin einverstanden damit, darĂŒber zu diskutieren, etwas zu unternehmen und diesen Aspekt anzuprangern, aber nicht an dieser Stelle.

An dieser Stelle mĂŒssen wir vom GefĂ€ngnis sprechen, aber als evolutives GefĂ€ngnis. Von der Funktion beispielsweise des Volontariats innerhalb des GefĂ€ngnisses. Dies ist der schlimmste unserer Feinde, der sich innerhalb des GefĂ€ngnisses findet, der am wirken ist, um die GefĂ€ngnisstruktur zu transformieren, und es ist nicht der, der foltert, sondern es ist der, der einhĂŒllt, der dir Vaseline auftrĂ€gt, der es dir gestattet, zu ĂŒberleben, der dich das GefĂ€ngnis als etwas perspektivisch Mögliches betrachten lĂ€sst, wo du effektiv dein Leben verwirklichen kannst, selbst wenn du eingeschlossen bist. Die GefĂ€ngnisstrukturen gehen in diese Richtung. Dies, um nur ein Beispiel zu machen, welches das GefĂ€ngnis betrifft.

Wir mĂŒssen angreifen, wir mĂŒssen auch in diese Richtung angreifen, wir mĂŒssen angreifen… auch die Musikgruppen, zum Beispiel. Die Musikgruppen, die ins GefĂ€ngnis spielen gehen, und die dieselben sind, die in unseren besetzten Orten spielen, dieselben Personen. Diese tragen dazu bei, das zu errichten, was ich das “GefĂ€ngnis in Evolution” nenne, ein Konzept, das manchmal nicht verstĂ€ndlich ist. Es sind dieselben Figuren, die dort hineingehen und dieselbe Scheisse singen, und diese Personen sollten wir fĂŒr weniger gefĂ€hrlich halten als den Folterer?

Das GefĂ€ngnis ist nur ein Aspekt des Problems, es gibt nicht nur das GefĂ€ngnis, es gibt beispielsweise die Produktionstatsache, die Transformation der Gesellschaft, die Art und Weise, wie sie dabei sind, die Werte zu entstellen, die bis gestern noch einen Sinn hatten und morgen keinen mehr haben werden. Den technologischen Aspekt, den Gebrauch der fortgeschrittenen Technologien, die Telematik. All diese Aspekte haben scheinbar positive Momente, aber wenn wir sie analysieren, diese positiven Momente, dann entpuppen sie sich nicht immer effektiv als solche. Dies ist eine Aufgabe, die eine Gelegenheit wie jene von heute haben mĂŒsste. In diesem Sinne habe ich stets (zumindest von 1993 an bis heute, seit von dieser verflixten Organisationsform gesprochen wird) den Gegenstand der insurrektionalistischen antiautoritĂ€ren informellen Organisation verstanden.

Also nicht Gerede, nicht Worte, sondern gemeinsame Anstrengungen, indem versucht wird, zu verstehen, wo der ernstere, gefĂ€hrlichere und demnach mehr eine zerstörerische, unmittelbare Intervention erfordernde Teil liegt. Und dies können wir tun, angefangen von heute und auch in der Hoffnung, dass es eine Zukunft gibt fĂŒr weitere Treffen wie dieses, andere als dieses, mit grösseren PrĂ€senzen von GefĂ€hrten auch aus dem Ausland.

28. Dezember 2000

Ich knĂŒpfe noch einmal an den Diskurs an, den G. vorhin fĂŒhrte. In der Tat, als zum ersten Mal begonnen wurde, von einer informellen Struktur auf internationaler Ebene zu sprechen, im Jahr 1992, bestand die Idee darin, sie in eine Situation zu projizieren, die beschrĂ€nkter, aber gleichzeitig mehr von internationalem Charakter war, das heisst, sie darauf zu fokusieren, was die Evolutionsperspektiven der sozialen Konfrontationen im Bereich des östlichen Mittelmeerraums waren. Weshalb diese Entscheidung? Weil zu jener Zeit, und auch heute, die Situation in diesem Landstrich, nach den Ereignissen von Berlin, dabei war, sich schnell zu verĂ€ndern, und man, sagen wir, nicht sehr schwierig innert kurzem Zeitverlauf sehr starke Spannungen voraussehen konnte, von denen einige auch pĂŒnktlich eingetreten sind.

Das BedĂŒrfnis, das unter den GefĂ€hrten zu spĂŒren war, die, also vor praktisch acht Jahren, begannen, ĂŒber dieses Problem nachzudenken, war es, nicht unvorbereitet zu sein gegenĂŒber einer Situation, die dabei war, sich nicht sehr fern von Italien zu entwickeln, und die es, im Gegensatz zu dem, was vor fĂŒnfzig Jahren geschah, ermöglichen konnte, in eine Situation von internationalem Charakter wirklich und konkret zu intervenieren. Denn manche Male, um nicht zu sagen viele Male, ist es geschehen, dass objektiv aufstĂ€ndische Situationen uns de facto prĂ€sent sahen, aber als Fremdkörper. Fasziniert vom Ă€usseren Aspekt der laufenden aufstĂ€ndischen Bewegung, beteiligen wir uns manchmal, weil wir spontan Rebellen sind. Nun, uns auf diese Weise an Situationen zu beteiligen, die uns objektiv als Aussenstehende sehen, weil nicht Teilhabende an den Spannungen, nicht Interne dieser Situation von Entwicklung der aufstĂ€ndischen Spannungen, bedeutet im Grunde, bloss Fremdkörper, und auch sehr suspekte Körper zu sein.

Diesmal jedoch wollte man sich vorher vorbereiten, in dem Sinne, in der Lage zu sein, die Situationen, die objektiv das Potenzial hatten, sich in aufstĂ€ndischem Sinne zu entwickeln, im Vorhinein zu kontaktieren, wenn möglich GefĂ€hrten zu kontaktieren, mit ihnen in wenn auch minimale Beziehungen zu treten, und im gelegenen Moment durch sie vor Ort zu intervenieren, sich physisch vor Ort zu begeben und sich schliesslich zu beteiligen, wie man es frĂŒher einmal tat, wie es beispielsweise Malatesta und seine GefĂ€hrten auch vor 1872, also vor der Banda del Matese taten, als sie nach Bosnien gingen, um sich am bosnischen Aufstand zu beteiligen, der sich zu jener Zeit am entwickeln war.

FĂŒr die insurrektionalistischen Anarchisten war dies tĂ€gliches Brot, und Malatesta war zu jener Zeit wahrlich ein Insurrektionalist.

Also, das war das Projekt, aber dies Ă€ndert nichts daran, dass die darauffolgende Entwicklung der Diskussionen, die verschiedenen Versuche, die, ab dem Jahr 1993-1994, gemacht worden sind, um ein erstes Treffen wie dieses ins Leben zu rufen, Hindernisse von persönlicher Natur, die an gegenseitige MissverstĂ€ndnisse gebunden waren, und Hindernisse von nicht persönlicher, sondern repressiver Natur, die an die Interventionen des Staates, an Verhaftungen und an mehr oder weniger lange Inhaftierungen usw. gebunden waren, uns daran hinderten, dieses Projekt sofort ins Leben zu rufen. Aber die Seele von dieser Initiative, unter den vielen Seelen von dieser Initiative, bleibt diejenige, mit einem bevorzugten Blick auf die Situation in den LĂ€ndern zu schauen, die östlich liegen, denn es ist von dort, woher voraussichtlich eine Anregung von aufstĂ€ndischer Natur kommen dĂŒrfte.

Also Suche nach Kontakten in diese Richtung. Schaut, dies ist, weshalb der Diskurs, der gerade gefĂŒhrt wird, sich als widersprĂŒchlich erweist, in dem Sinne, dass er sich schwer tut, loszukommen, denn es fehlt die effektive Referenz, denn es fehlen die GefĂ€hrten, wie auch immer wir sie definieren wollen, die insurrektionalistischen GefĂ€hrten.

Einer der EinwÀnde, der zu jener Zeit angebracht wurde, und der dann wiederholt erneut angebracht wurde, weil die Antworten offensichtlich nicht zufriedenstellend waren, war folgender: Wie denn, eine internationale Organisation, die sich auf einen Teil des internationalen Gebiets, auf den Mittelmeerraum, und obendrein auf den östlichen Mittelmeerraum fokusiert, wieso denn dieser Widerspruch?

Damals erklĂ€rte man, indem man sagte, dass die Tatsache, die gegenĂŒber den LĂ€ndern des Ex-Sowjetreichs oder jedenfalls denjenigen, die dem östlichen Mittelmeer anliegen, als mögliche aufstĂ€ndische Entwicklung in Aussicht stand, Im Grunde eine Natur und Wichtigkeit von internationalem Charakter hatte. Und zwar aus zwei GrĂŒnden: erstens, weil nichts, was in dieser Zone des Mittelmeerraums geschieht, auch in vergangenen Zeiten, lokalistischen Charakter hatte; zweitens, weil es heute nichts gibt, das lokalistischen Charakter hat, da das Kapital internationalen Charakter hat, und fĂŒr die globalistische Struktur der weltweiten ökonomischen Verwaltung alles, was passiert, an egal welchem Punkt auf der Welt, internationalen Charakter hat. Demzufolge war der Einwand unbegrĂŒndet. Nun, sich, in diesem Moment, dieser Art von Problematik zuzuwenden, mag anachronistisch wirken, da wir alle, zumindest fast alle, nicht nur Italiener, sondern ich glaube in der grossen Mehrzahl alle aus der Gegend in der NĂ€he von Rom sind, somit verliert der Diskurs unter einem Gesichtspunkt der internationalen Anregung an Wichtigkeit, aber, an und fĂŒr sich, bleibt der Diskurs dennoch wichtig, und sei es auch in theoretischer Hinsicht, und knĂŒpft er noch einmal an das an, was gestern gesagt worden ist, oder zumindest an das, was ich gestern versucht habe, zu sagen, ich weiss nicht, ob ich ausreichend imstande gewesen bin, es verstĂ€ndlich zu machen, und dies ist, dass eine Struktur von dieser Art im Grunde zu einer internationalen Zusammenarbeit und zu einer gegenseitigen Kenntnis, zu einem Austausch von internationalen BeitrĂ€gen von anderer Natur anregt.

Ja, viele von diesen Argumenten, wie G. sie vorhin aufgezĂ€hlt hat, indem wiederholt wurde, was in der Einladung geschrieben stand, wie informelle Organisation, AffinitĂ€t, intermediĂ€re KĂ€mpfe usw., Basisstrukturen, Basiskerne usw., sind in den letzten zehn Jahren bis zum Überdruss und auch darĂŒber hinaus wiederholt worden. Aber, meiner persönlichen Meinung nach, scheint es mir nicht angebracht, sie erneut aufzugreifen, eben weil hier hingegen eine andere Art von Diskussion aufkommen mĂŒsste, welches jene ist, die ich gestern Abend versucht habe, anzudeuten, die darin besteht, aufzuzeigen, wie ein Zusammentreffen, eine GegenĂŒberstellung, eine Zusammenarbeit möglich ist, und somit nicht auch eine Gelegenheit wie diese zu verschwenden, indem sie stattdessen einzig in der repressiven Funktion der Verwaltung des Kapitals verbunden wird. Und in der Tat war dies die ursprĂŒngliche Idee von der Art von Struktur, die vorgeschlagen wurde: jene, nicht auf die statische Fotografie dessen zu schauen, wie die Situation der östlichen LĂ€nder und des Mittelmeerraums im Jahr 1992 war, sondern, im Gegenteil, zu sehen, wie sich diese Situationen entwickeln konnten, da es schliesslich nicht so ist, dass man eine Glaskugel braucht, um zu sehen, wie sich, auf kurze Zeit, um Himmels willen, nicht auf lange Zeit, die repressiven Strukturen und die Verwaltungsprozesse des Kapitals entwickeln mögen, und wie sich auch die Antworten entwickeln mögen, welche die Leute auf aufstĂ€ndischer Ebene, auf Massenebene, auf der Ebene von Massenauflehnungen geben können, und wie wir intervenieren könnten.

Haltet euch prĂ€sent, dass man sich in der Periode der Intervention in Bosnien befand, welche sich anschliessend immer mehr verschĂ€rfte, es war vor Kurzem die Intervention im Irak vorbei, man steuerte auf Serbien und Albanien zu, Situationen, die anschliessend pĂŒnktlich eingetreten sind.

Nun, in einem Kontext wie dem heutigen mag diese Problematik etwas abstrakt erscheinen, denn es fehlt der Gegenpart, die Diskussion mit den GefĂ€hrten, die uns etwas sagen könnten, aber dies war es, was man mit einem Treffen von dieser Art tun wollte. TatsĂ€chlich haben wir uns in der Vergangenheit mehrmals vor Situationen wiedergefunden, in denen wir Bewegungen von aufstĂ€ndischer Natur als Zuschauer erlebt haben. Wir erleben im Grunde als Zuschauer eine Situation wie jene, die sich in Palestina entwickelt, wir lesen von ihr in den Zeitungen, wir haben als Zuschauer die Situation von Albanien, von Bosnien, und auch von Serbien erlebt. Aber weshalb? Viele sagen, zu Recht, als Antwort an das eigene Gewissen: aber wenn ich nicht fĂ€hig bin, im eigenen Hause die GlĂ€ser zu putzen, kann ich dann nach Albanien die Teller waschen gehen? Was eine Antwort ist, die durchaus interessant ist, aber zur selben Zeit ist es eine verkĂŒrzte Antwort, denn die Anarchisten machen keine klare Trennung zwischen dem eigenen Hause, Albanien oder Detroit oder Seattle, sie machen diese Trennung nicht.

Und hier wird meiner Meinung nach die Überlegung wieder interessant: die Initiative ergreifen. Die Initiative ergreifen, bedeutet, seinen Kopf von den vorangehenden Bedingungen zu befreien, was GemeinplĂ€tze sind, aber, wenn ich nicht in der Lage bin, einzuschĂ€tzen, was die Situation in den italienischen GefĂ€ngnissen ist, weshalb sollte ich mich dann fĂŒr die tĂŒrkischen GefĂ€ngnisse interessieren? Ja, das ist eine gerechtfertigte Diskussion, aber sie hĂ€lt nicht. Sie hĂ€lt nicht, weil sie auf dem Seil der geringsten Anstrengung und des grössten Resultats spaziert, das uns nicht angehört, wir sind nĂ€mlich keine AnhĂ€nger der NĂŒtzlichkeit, oder etwa schon?

Viele sagen: da gibt es das Problem der Sprache. Ich gehe nach Griechenland und spreche nicht Griechisch, folglich wĂŒrden wir sowieso wie Statuen, wie Stumme dastehen. Nun gut, es wird immer einen Weg geben, um sich verstĂ€ndigen zu können, mit irgendwelchen Gesten, mit irgendwelchem Geschriebenen, mit irgendwelchem Gestammel auf Englisch, es gibt immer einen Weg, es gibt immer einen GefĂ€hrten, der die Sprachen beherrscht. Diese instrumentellen Probleme gibt es also im Grunde genommen nicht, das, was es hingegen gibt, ist der Kopf, das Problem des Kopfes, ist die Idee, die Idee, bereit zu sein, mit dem Geiste Zugang zu einem Projekt von anderer Art zu erlangen.

Hier sind wir ĂŒber dies am sprechen, weil ich nicht das Geringste Interesse daran habe, meinen persönlichen Beitrag an eine Debatte von methodologischer Natur zu geben, welche ich fĂŒr bereits ausgeschöpft halte. Denn ĂŒber Probleme wie die AffinitĂ€t, wie den intermediĂ€ren Kampf von aufstĂ€ndischer Natur, mit all dem Rest, hauptsĂ€chlich ĂŒber die InformalitĂ€t, ist meiner Meinung nach alles und auch noch mehr gesagt worden. Nun, wer nicht in der Lage ist, diese Texte, diese Dokumente aufzufinden, oder nicht bei diesen Diskussionen anwesend war, so sind das seine Angelegenheiten, ob er sie aufsuchen geht, das interessiert mich nicht, das Problem ist, dass es hier erforderlich ist, weiter zu gehen, erforderlich ist, die Initiative zu ergreifen, erforderlich ist, dass uns der nĂ€chste Aufstand nicht weit entfernt sieht, uns nicht weit zurĂŒckliegend sieht. Und der nĂ€chste Aufstand, ich habe keine Glaskugel, doch jeder hier kann auf diese Schlussfolgerungen kommen, wird systematisch und innert KĂŒrze geschehen.

Weshalb wird er geschehen? Weil es in einer gewissen Schicht enorme Spannungen gibt, wenn ihr euch bloss ĂŒberlegt, dass ein Beamter, ein Oberst der russischen Armee, der frĂŒher, zur Zeit des Regimes, als eine Person von einem gewissen sozialen Status angesehen wurde, mit gewissen Möglichkeiten, jetzt einen Hungerlohn hat. Überlegt euch, was fĂŒr eine Spannung da sein mag innerhalb von bewaffneten KrĂ€ften dieses enormen Reichs, wovon wir noch immer fast nichts kennen. Diese Explosion von repressiver Spannung, denn diese Leute werden sicherlich versuchen, ihre Privilegien zu verteidigen, und werden demnach die repressive Tatsache auf eine Masse von Millionen, von dutzenden Millionen von Enteigneten abwĂ€lzen, was einen Druck in Richtung der westlichen Grenzen auslöst, diese Leute werden notwendigerweise Kontraste auslösen, Kontraste, die sich nach dem Konzept von BĂŒrgerkrieg aufreihen werden, und nicht von Klassenkampf, in dem klassischen Sinne, an den wir auf tragische Weise gebunden sind.

Es gibt nĂ€mlich nicht mehr die klassische Dimension einer Produktionsstruktur, die sich innerhalb von einer Forderung nach Verbesserung im Bereich der Produktion selbst bewegt. Dies ist teilweise, wenn nicht vollstĂ€ndig, verschwunden, wĂ€hrend es eine enorme Forderung, ein enormes Potenzial von Personen gibt, die praktisch allem beraubt sind, auch aus ihren HĂ€usern, aus ihren LĂ€ndereien vertrieben wurden – denkt bloss an eine Situation wie jene der Kurden –, Personen, die an den Grenzen drĂ€ngen und frĂŒher oder spĂ€ter durchbrechen werden, und wenn sie durchbrechen, werden sie hierher kommen und uns VorschlĂ€ge mitbringen, deren Inhalte wir nicht verstehen werden.

Nun, es ist kindisch, dass wir angesichts von diesen Situationen damit fortfahren, uns mit den Problemen aus unserem Hause zu vertrödeln, die sehr wichtig sind, um Himmels willen, aber die autoreferenziell sind. Ich habe Angst, dass vieles von dem, was wir alle tun, und ich als Erster, von autoreferenzieller Natur ist, in dem Sinne, dass ich tue, also bin ich. Ich mache mir ein Flugblatt und verteile es, also bin ich ein Anarchist, der ein Flugblatt gemacht hat und es verteilt hat, also existiere ich als Anarchist. Aber schaut, so ist es nicht. Ich bin nichts. Und es ist nicht, dass ich nichts bin, weil das Flugblatt nichts ist, welches als Tropfen das Fass des Aufstands, der Weltrevolution zum Überlaufen bringen könnte. Aber ich bin nichts, wenn ich glaube, dass dies auf sichere Weise geschehen kann.

Nun, von dieser Dimension, von dieser deterministischen Perspektive mĂŒssen wir loskommen. Das ist eine Anstrengung, die wir alle auf theoretischer Ebene machen mĂŒssen. Eine Anstrengung von individueller Natur, selbstverstĂ€ndlich, aber es ist auch eine Anstrengung, nach der diese Art von Versammlung ausgerichtet ist. Dies ist, weshalb ich diese Versammlung fĂŒr wichtig halte: denn es ist das erste Mal, wo, in der anarchistischen Bewegung, zu einem Kontext gesprochen und daran teilgenommen wird, in dem wir uns etwas absolut anderes vornehmen.

Vielleicht sehe ich das falsch, ich will nicht sagen, dass ich zwangslĂ€ufig recht haben muss, jedoch scheint es mir, dass ab dem ersten Moment, als von dieser Initiative gesprochen wurde, das Projekt darin bestand: lasst uns beobachten, wohin das Kapital am gehen ist, vielleicht nicht in seinen grossen Evolutionen und Transformationen von Globalisierung oder Mondialisierung, zu jener Zeit waren diese Worte unbekannt, und die BekrĂ€ftigung kann man dann ĂŒberprĂŒfen, indem man den Aktienkursindex liest. Vielleicht nicht in diesem Sinne, sondern lasst es uns bloss unter dem Aspekt betrachten, der unserem Hause am nĂ€chsten ist, was jener neuralgische Punkt der LĂ€nder ist, die das Gebiet des Ostens und des Mittelmeerraums besetzen, denn von dort aus werden uns Anregungen von aufstĂ€ndischer Natur zukommen…

Damals, also, dachte man, dass es erforderlich sei, nicht immer Zuschauer zu bleiben, nicht immer fern von einer eventuellen aufstĂ€ndischen Situation zu bleiben. Sicher hat es vorherige FĂ€lle gegeben, in denen jemand von uns bei Ereignissen von dieser Art anwesend war, aber das waren zufĂ€llige Anwesenheiten, wir waren also völlig fremd und somit gefĂ€hrlich suspekt, denn die Leute, die in Aufstand treten, und eine Person sehen, halten diese zuallererst einmal fĂŒr einen Polizisten, nur um sicher zu gehen, denn sie ist ein Aussenstehender, sie wissen nicht, wer das ist, sie sagen: und was macht der hier? Dann, fĂŒr denn Fall, dass es ihr gelingen sollte, zu erklĂ€ren, dass sie kein Polizist ist, betrachten sie sie als eine Person, die da ist, weil sie den Nervenkitzel des gegen die Polizei geworfenen Steins verspĂŒren will, wenigstens. Aber wer erklĂ€rt ihnen, dass es sich stattdessen um einen GefĂ€hrten mit einem viel weitreichenderen Ziel handelt?

Hier hingegen mĂŒssen wir versuchen, diese Art von internationalen Beziehungen zu haben, und ich insistiere auf dem Wort “international”, weshalb diese Versammlung natĂŒrlich propĂ€deutisch ist fĂŒr eine weitere Versammlung, und sei sie auch begrenzter oder breiter als diese, das interessiert mich nicht, worin die Vertreter dieser internationalen antiautoritĂ€ren insurrektionalistischen anarchistischen KrĂ€fte da sein werden, mit denen wir jenseits von VerdĂ€chtigungen, MissverstĂ€ndnissen und anderen Dingen sprechen können, mit denen wir sprechen können, um keine Aussenstehende zu sein, wenn sich jene aufstĂ€ndischen Prozesse entwickeln werden, die leicht voraussehbar sind.

Jemand hat, zu Recht, gesagt, weshalb wir irgendwohin gehen sollten, um, wie dies in Chiapas geschieht, revolutionĂ€ren Tourismus, nennen wir es so, aufstĂ€ndischen Tourismus zu betreiben, wenn wir, jeder in seinem Kontext, einen Prozess von revolutionĂ€rer SolidaritĂ€t gegenĂŒber Kampfsituationen realisieren könnten, die anderswo liegen? Dies ist, in etwa, was gesagt worden ist.

ZunĂ€chst einmal sind wir hier von etwas anderem am sprechen, und lasst uns betrachten, wovon wir am sprechen sind. ZunĂ€chst ist die Frage des Tourismus eine Sache, die uns in Vergangenheit relativ viel nachdenken liess. Denn, wie die RAF sagte, den Vietnam nach Deutschland zu bringen, in die grossen deutschen StĂ€dte, hat sich als fehlschlĂŒssig erwiesen, denn der Vietnam konnte nicht in die grossen deutschen StĂ€dte gebracht werden. Und es war in der Ideologie dieser klandestinen bewaffneten Gruppe, von spezifischer orthodoxer marxistisch-leninistischer Art, diese Tatsache zu realisieren. Im Grunde, was kannst du vom Vietnam in die grossen StĂ€dte von Deutschland bringen? Die Information, was sich zu jener Zeit Gegeninformation nannte. Du machst jene, die dir am zuhören sind, auf bestimmte repressive Prozesse aufmerksam, die anderswo auf der Welt geschehen. Das ist wichtig, aber es ist begrenzt, und jedenfalls ist es nicht das, wofĂŒr sich die Internationale interessieren sollte. Folglich: sich selber auf die Gegeninformation zu beschrĂ€nken, um ein altes Wort zu gebrauchen, ist eine wichtige Arbeit, aber es ist nicht dies, worĂŒber wir an dieser Stelle sprechen sollten.

Mehr tun, was die Hypothese der klandestinen bewaffneten Organisation wĂ€re, sprich, die TrĂŒmmer, den repressiven Prozess, den Tod, der in Vietnam geschieht, auf physische Weise zu realisieren, ihn in Berlin zu realisieren oder ihn in Hanburg zu realisieren, das ist sicherlich etwas, das seine Wichtigkeit, seine Charakteristiken und auch seine Begrenzungen hat. Es ist nicht dies, was wir hier klĂ€ren mĂŒssten. Also wovon mĂŒssten wir sprechen? Vom revolutionĂ€ren Tourismus? Nein, auch nicht davon. Denn die aufstĂ€ndischen Bedingungen, worĂŒber wir gesprochen haben, und die es möglich war, sich vorzustellen, bestanden de facto darin, bereits im Vorhinein reale, konkrete, auf Austausch basierende Beziehungen zu haben, und nicht nur kulturelle und auf Vertiefung basierende, sondern auch physische, auf Kenntnis basierende Beziehungen, sich an bestimmte Orte begeben usw. Denn es ist dies, wovon wir gesprochen haben, sei es nun richtig oder falsch.

Denn die GefĂ€hrten, die diese Art von Entscheidungen, diese Art von Interessen, diese Art von Pulsierungen haben, begĂ€ben sich im gelegenen Moment vor Ort und wĂŒrden vor Ort ihr Vietnam realisieren. WĂŒrden vor Ort jene RealitĂ€t angreifen, wĂ€hrend sie eine betrĂ€chtliche Lebenserfahrung machen, die gewiss weder besser noch schlechter ist, aber die gewiss anders ist als jene, die der Deutsche in Deutschland, der Italiener in Italien, der Römer in Rom, der Bewohner von Forlimpopoli in Forlimpopoli machen kann. Ich stelle mir das so vor und es ist dies, worauf ich mich beziehe.

Auch dies wird eine begrenzte Erfahrung sein, um Himmels willen, aber es gibt keine totalen Erfahrungen. Ich glaube nicht, dass es Erfahrungen gibt, die, im Grunde genommen, gegenĂŒber anderen vorzuziehen sind. Es gibt schlicht GefĂ€hrten, die danach streben, die Freude daran haben, die danach verlangen, wie soll ich sagen, als Lebenshandlung, als etwas, das in ihnen drin ist, gewisse Erfahrungen zu erleben, und die folglich dazu gelangen, diese Erfahrungen gegenĂŒber anderen vorzuziehen. Aber es sind nicht die Erfahrungen an und fĂŒr sich, die den Unterschied ausmachen, sondern es ist die Tatsache, dort zu sein und sich auf signifikante Weise zu beteiligen, also sich von innen heraus, durch eine Reihe von Beziehungen und Kenntnissen, am Aufstand zu beteiligen, dort den Feind anzugreifen.

Jedenfalls mag es GefĂ€hrten geben, die diese Art von Pulsierung, diese Art von Interesse haben, und die es nicht verwirklichen, weil es die angemessene Struktur nicht gibt, die es im Vorhinein gestatten kann, und nicht im Nachhinein, wenn die Pasta bereits gekocht ist, sondern vorher, wenn man sie erst noch in den Topf geben muss, wenn es noch den Raum gibt, um kennenlernen, vertiefen, sich vorbereiten zu können. Nun, diese GefĂ€hrten, wenn sie bereit sind, und ich weiss, dass es sie gibt, denn sie haben oft mit mir gesprochen, so ist dies ihr Ort, ist es dies, wovon wir gesprochen haben. Nicht nur davon, um Himmels willen, denn in Erwartung dessen kann ein grosser Diskurs ĂŒber andere Dinge gefĂŒhrt werden. Doch es besteht kein Zweifel daran, dass die Internationale da ist, um einen Diskurs von dieser Art vorzuschlagen.

Dies ist der Grund, weshalb wir den Begriff “Insurrektionalistische Internationale” gebraucht haben. Die Insurrektion ist ein PhĂ€nomen, das von den Leuten charakterisiert wird, die sich bewegen, wir können Hand anlegen, aber es sind die Leute, denen es gelingen muss, die Situation freizurĂ€umen.

29. Dezember 2000

GefĂ€hrten und GefĂ€hrtinnen, fangen wir noch einmal an? Was ist eure Meinung? Wir mĂŒssen folgern, dass andere fortgegangen sind oder damit beschĂ€ftigt sind, sich mit anderen Argumenten auseinanderzusetzen. Und wir, was tun wir, warten wir? Andernfalls, wenn wir anfangen wollen, wĂŒrde ich gerne zwei Probleme aufwerfen, womit ich in dem Referat, das ich prĂ€sentiert habe und das verteilt worden ist, Gelegenheit hatte, mich vertiefter auseinanderzusetzen. Das erste betrifft die Tatsache, dass die GefĂ€hrten normalerweise, wenn sie sich mit einem spezifischen Problem beschĂ€ftigen, fast vollstĂ€ndig in dieses Problem, das heisst in jenen Teil, der sie gerade beschĂ€ftigt, interessiert, eintauchen, und oft laufen sie alle Gefahr, die Verbindungen, die BezĂŒge, die VerknĂŒpfungen zu verlieren, die offensichtlich unerlĂ€sslich sind, um verstĂ€ndlich zu machen, wie dieses Problem nicht von einem allgemeinen Kontext losgetrennt ist, welcher das Problem ausdehnt und es zur selben Zeit vielleicht schwieriger, aber sicherlich bedeutungsvoller macht. Und wenn ich mich nicht irre, so scheint es mir, dass ich das Beispiel der Biotechnologien machte, oder vielleicht könnte man auch das Beispiel des GefĂ€ngnisproblems machen; was ein Problem ist, das sich in dem Moment prĂ€sentiert, wo wir uns gegenĂŒber einer repressiven Belastung, auf die wir antworten mĂŒssen, damit auseinandersetzen, ein besonderes Problem, da es besondere Charakteristiken hat. Zum Beispiel ist es, um beim Problem der Biotechnologien zu bleiben, erforderlich, dass jeder GefĂ€hrte, und das ist von verschiedenen GefĂ€hrten in der letzten Zeit sehr gut gemacht worden, sich mit einer Dokumentierung ausrĂŒstet ĂŒber die laufenden repressiven Prozesse, von Verwaltung und Administrierung unseres Lebens vonseiten des Kapitals oder der Macht im Allgemeinen, und nach einer Antwortmöglichkeit in dieser Richtung sucht. Jedoch, wenn man diese dokumentative Masse untersucht, die von Tag zu Tag weiter anwĂ€chst, eine Dokumentierung, die sowohl von unseren Instrumenten der Bewegung wie auch von Instrumenten der breiteren Meinung geliefert wird, die sich in Umlauf befinden, denen wir oft durchaus interessante, wenn auch oft unkritische Angaben entnehmen können, diese Masse von Meinungen fĂŒhrt uns dazu, selber, auf merkwĂŒrdige Weise, manchmal, zu Spezialisten zu werden. Wir haben eine Dokumentierung, sagen wir, ĂŒber die Biotechnologien, wir haben keine Dokumentierung ĂŒber ein anderes Problem; oder auch, wenn wir uns fĂŒr das GefĂ€ngnis interessieren, so wissen wir recht viel ĂŒber das GefĂ€ngnis im Allgemeinen und ĂŒber die verschiedenen repressiven Bedingungen in den verschiedenen LĂ€ndern oder vielleicht auch in Italien, aber ĂŒber andere Probleme wissen wir nicht Bescheid. Und dann frage ich mich: diese Situation lĂ€uft Gefahr, unter einem revolutionĂ€ren und anarchistischen Gesichtspunkt spĂ€rlich signifikant zu werden, da sie dazu beitrĂ€gt, einen Teil des repressiven Prozesses bekannt zu machen, wĂ€hrend sie ihn von dem lostrennt, absondert, was die GlobalitĂ€t des repressiven Prozesses selbst ist. Zum Beispiel, was die Frage der Biotechnologien betrifft: oft kommt der Prozess nicht ans Licht, welcher der biotechnologischen Entwicklung zugrunde liegt, was ein Prozess von Klassentrennung ist. Das heisst, die Interessen, die, durch die Anwendung dieser spezifischen Technologien, die Ausbeutung sicherzustellen und ermöglichen, sind Klasseninteressen. Folglich stimmt es nicht, dass die Biotechnologien unterschiedslos fĂŒr alle schĂ€dlich sind, denn dies ist die Wiederholung in der Zeit des alten MissverstĂ€ndnisses der Atomkraft. Die Atomkraft ist fĂŒr alle schĂ€dlich, es stirbt Agnelli und es sterbe auch ich. Das stimmt nicht, Agnelli stirbt nicht. Die Atomkraft sowie die Biotechnologie ist fĂŒr Agnelli nicht schĂ€dlich. Mich interessiert es wenig, ob sie das auch fĂŒr Agnelli ist, aber wieso ist sie nicht schĂ€dlich? Weil der Klassenunterschied, der zugrunde liegt, die Klassentrennung es gestattet, zu realisieren, was die repressiven Projekte, die Ausbeutungsprojekte, die Projekte zur AnhĂ€ufung des Geldes, des Kapitals vonseiten von Agnelli sind, um in diesem Fall das italienische Kapital zu personifizieren, welches eigens dieses Ziel hat: im Prozess der Biotechnologien seine Entwicklungen zu realisieren. Und unser Ziel, worin besteht es? Schlichtweg darin, diesen laufenden Prozess anzuprangern, was oft viel besser als wir auch andere politische AusdrĂŒcke tun, aber es wĂŒrde auch darin bestehen, eine Intervention von zerstörerischer Natur zu realisieren, eine Intervention, die versuchen wĂŒrde, aufzuhalten, und nicht nur Gegeninformation zu liefern. Dort zu schaden, zuzuschlagen, anzugreifen, wo die Verantwortungen, in Menschen und Dingen, fĂŒr diese Art von Realisierung der Ausbeutung liegen. Nun, um dies zu tun, mĂŒssen wir von einem Diskurs von Klassenanalyse, also von einem gesamtheitlichen Diskurs ausgehen. Nun… je tiefer wir uns in die VerfĂŒgbarkeit von Daten, von Informationen hineinbegeben, desto weniger sind wir in der Lage, einen Diskurs von gesamtheitlicher Natur, das heisst, einen effektiven Klassendiskurs zu fĂŒhren. Zum Beispiel, wenn ihr ĂŒber das Problem des GefĂ€ngnisses nachdenkt, so macht unsere Dimension in der Art, wie wir uns bezĂŒglich dem GefĂ€ngnis verhalten, die AnhĂ€ufung von Informationen, die wir in Umlauf bringen, die wir oftmals mĂŒhsehlig auch zu besitzen versuchen, um zu versuchen, zu verstehen, in einigen FĂ€llen die Konzeption des Problems des GefĂ€ngnisses ausschliesslich spezialistisch. Zum Beispiel lautete ein Diskurs, der hier in Rom gefĂŒhrt worden ist, darĂŒber, was die GefĂ€ngnisse von Rom betrifft, dass von innerhalb der Situation der HĂ€ftlinge des GefĂ€ngnisses von Rebibbia Weisungen fĂŒr die Zerstörung des GefĂ€ngnisses kamen. FĂŒr die grundsĂ€tzliche Zerstörung, aber auch fĂŒr partielle Forderungen, unterstĂŒtzt durch einen Kampf, der sich in den letzten Jahren hingezogen hat, mit wechselndem Geschick, und der eine Manifestierung von Streiks gesehen hat, von einfachen Streiks, von komplizierteren Streiks, Hungerstreiks und so weiter… Doch die grundlegende Analyse von dieser Situation bestand nicht darin, einen effektiven Ausdruck davon zu liefern, was das GefĂ€ngnis bedeutet, innerhalb von einer Gesellschaft wie derjenigen, in der wir leben. Die Funktion des GefĂ€ngnisses, was es heisst, 58â€Č000 Körper in Italien, die heute im GefĂ€ngnis eingesperrt sind. 58â€Č000 Herr Niemandâ€Čs, die im GefĂ€ngnis sitzen, nicht zwanzig, dreissig, fĂŒnfzig Individuen unter besonderen oder besonders bedeutsamen Bedingungen. Nun, diese Art von Analyse, oftmals, je tiefer wir uns in das Problem des GefĂ€ngnisses oder das Problem der Biotechnologien oder in andere Probleme hineinbegeben, desto mehr verlieren wir die gesamtheitliche Dimension, die globale Dimension der Probleme selbst. Das GefĂ€ngnis zum Beispiel, offensichtlicherweise ein repressives Instrument, wie es selbstverstĂ€ndlich hier auch in verschiedenen Interventionen genĂŒgend gut klargestellt worden ist, ist ein Element, das uns vorgehalten wird, um uns Angst zu machen, um uns in unseren revolutionĂ€ren AktivitĂ€ten zu bremsen, auch dies, aber es ist nicht nur das. Nun, eben der zweite Teil der Analyse fĂ€llt oft weg. Der Versuch, die Diskussion auf eine komplexere Ebene zu bringen, was bedeutet das: heisst das etwa, sich in Gerede zu verlieren? Denn oftmals sagt man: wir brauchen hier Klarheit. Ein GefĂ€hrte hat mit Recht gesagt: „Ich wĂŒrde mich zufrieden fĂŒhlen, wenn ich, wenn ich hier hinausgehe, zu mir selber sagen könnte: jetzt habe ich klarere Ideen.“ Man hört diesen Wunsch hĂ€ufig vorbringen. Nun, was bedeutet das denn? Was ist eine klarere Sache, lasst uns etwas ĂŒber diesen Punkt nachdenken: was ist denn die Klarheit, die klaren Sachen, welches sind sie? Diejenigen, die uns als deutlich voneinander getrennt, separiert erscheinen. Eine klare Sache ist vor allem eine Sache, die mit genau bestimmten Grenzen ausgestattet ist, um klar zu sein. Denn, falls nicht, ist sie nicht klar, ist sie unscharf, richtig? Eine Fotografie, die nicht gut scharf gestellt wurde, kommt schlecht heraus, weshalb? Weil sie unscharf ist, weil die Grenzen nicht klar sind. Aber die Grenzen, was sind sie? Sie sind Bindungen, sie sind Konventionen, Übereinstimmungen, das heisst GefĂ€ngnisse, GefĂ€ngnismauern.

Die klaren Dinge sind die Grundlage, worauf die Macht aufgebaut ist. Die Macht besteht aus klaren Dingen. Denkt an die Klarheit des Katechismus. Die Kirche ist auf klaren Dingen aufgebaut. Sie frisst kein kompliziertes GeschwĂ€tz, die Kirche. Wenn wir alle dazu einladen, ĂŒber Dinge nachzudenken, die schwierig sind, kompliziert sind, Dinge sind, die beginnen, unscharf zu werden, so ist das nicht, weil wir Liebhaber der UnschĂ€rfe oder Liebhaber der Nuancierungen sind, sondern, weil wir die Trennungen hassen, denn die Trennungen sind Vorboten von GefĂ€ngnismauern. Denn die Klarheit, die wir in der Tasche mit uns tragen, zufrieden und beruhigt, ist nichts als eine LĂŒge.

Denkt daran, wie beruhigt diejenigen sind, die sich stattdessen der Ideologie der Gewissheit angeschlossen haben, die sich den Parteien anvertraut haben, welche die Wahrheit in der Tasche hatten, den Eroberern der Macht im Namen des Proletariats. Wie sicher sie waren und bei wie vielen Lagern sie geendet sind. Dies sind die Gewissheiten.

Wenn wir uns daran machen, ĂŒber Probleme zu reflektieren, die Schwierigkeiten aufweisen, so sind es Nuancierungen, womit wir es zu tun haben. Nun, alle Analysen, alle Reflexionen, die sich nach einem Versuch ausrichten, Verbindungen, VerknĂŒpfungen, Korrespondenzen, Bedeutungen, Ursachen und Wirkungen, die voneinander weit entfernt sind, die nicht unmittelbar ersichtlich sind, zusammenzufĂŒgen, sind sehr schwierig. Alle Versuche, die danach trachten, den Schleier der Verkleidungen, der TĂ€uschungen, der Ideologien aufzureissen, sind notgedrungen verworren.

Niemand kann denken, von hier mit der Klarheit in der Tasche hinauszugehen, denn das wÀre wie, auf Àusserst verfehlte Weise, meiner Meinung nach, zu denken, von hier mit der Wahrheit in der Tasche hinauszugehen.

Wir haben also keine Wahrheit, sondern nur Überlegungshypothesen. Und je weiter wir uns von der SpezifitĂ€t entfernen, desto mehr beschrĂ€nken wir uns nicht nur darauf, zu sagen, dass das GefĂ€ngnis der Ort ist, wo die Leute gefoltert und zum Tode tauglich gemacht werden. Das GefĂ€ngnis beginnt auf diese Weise, signifikativ zu werden, und es beginnt, eine Sache zu werden, die Ausdruck, die Ergebnis und StĂŒtze der Gesellschaft ist, in der wir leben, in dem Moment, wo es beginnt, komplizierter zu werden, eine unscharfe Sache zu werden. Wenn wir das GefĂ€ngnis eingehend untersuchen, fragen wir uns: was bedeutet dieses GefĂ€ngnis, was will es heissen, was liegt innerhalb von diesen Mauern? Wie atmet dieses GefĂ€ngnisuniversum, wodurch, wieso hĂ€lt es tausende, zehntausende Personen, die meisten davon sehr jung, in völliger UntĂ€tigkeit? Das schlimmste Verbrechen, das begangen werden kann: ein junger Körper, gezwungen, in wenigen Quadratmetern eingeschlossen zu bleiben, ohne irgendetwas zu tun. Denkt an eine solche MonströsitĂ€t. Je mehr wir ins Innere von diesen MonströsitĂ€ten eindringen, desto mehr werden wir uns bewusst, dass uns das GefĂ€ngnis aus den HĂ€nden entgleitet, uns das klassische Konzept von GefĂ€ngnis entflieht und wir stattdessen zu einem breiteren Konzept von GefĂ€ngnis Zugang finden. Denn das, was im GefĂ€ngnis geschieht, geschieht in der Gesellschaft. Wir leben ein Leben, das zu einem GefĂ€ngnis gemacht wurde. Vor kurzem sagte jemand, draussen: „Ich bin nicht mehr in Freiheit, ich werde ins GefĂ€ngnis gesteckt.“ Ich musste lachen, denn ich fĂŒhle mich nicht in Freiheit, wenn ich ausserhalb des GefĂ€ngnisses bin, wĂ€hrend ich mich manchmal auch frei fĂŒhle, wenn ich im GefĂ€ngnis bin. Denn das sind Fragen, die eher kompliziert festzulegen sind. Es ist nicht nur der SchlĂŒssel des GefĂ€ngniswĂ€rters, der machen kann, dass ich mich im GefĂ€ngnis fĂŒhle; aber draussen, manchmal, wenn ich gewisse Dinge sehe, auf die ich nicht fĂ€hig bin, zu intervenieren, MonströsitĂ€ten, die ich stĂ€ndig, alltĂ€glich erlebe, fĂŒhle ich mich schlimmer, als wenn ich im GefĂ€ngnis bin.

Dann ist es, wann ihr eingeladen werdet, ĂŒber diese recht unklaren, nebelhaften Aspekte nachzudenken, Aspekte, die es eingehend zu untersuchen gilt, die es an Stelle der GemeinplĂ€tze zu vertiefen gilt, welche von den klaren Definitionen geliefert werden. Nun, dann beginnt die Sache eben, kompliziert zu werden. Und doch ist es eine Anstrengung, die wir machen mĂŒssen, das heisst, wir mĂŒssen uns darin schulen, in der Kompliziertheit zu leben, denn unser Leben basiert auf der KomplexitĂ€t, nicht auf der Einfachheit.

Nur wer die Macht besitzt, hat es nötig, klare und einfache Angaben zu ĂŒbermitteln, denn wer Befehle ausfĂŒhren muss, muss klare und einfache Anweisungen haben, um keine Verwirrung zu stiften. Wir aber brauchen weder Befehle zu ĂŒbermitteln, noch zu versuchen, Befehle auszufĂŒhren, sondern wir mĂŒssen versuchen, mit unserem Kopf zu ĂŒberlegen. In dem Moment, wo wir ĂŒberlegen, ist keine von unseren Überlegungen klar und deutlich, sondern beginnt alles, verworren zu werden. Folglich ist es nicht so, dass ich dabei bin, eine Hymne auf die Verworrenheit oder auf die Schwierigkeit zu singen, ich bin dabei, zu sagen, dass, wenn wir ĂŒber die SpezifitĂ€t der einzelnen Momente hinausgehen wollen, worin wir, oftmals, dazu veranlasst sind, die RealitĂ€t zu selektionieren, aufzugliedern, wir versuchen mĂŒssen, diese Anstrengung zu machen, um zu verstehen, dass die Verbindung in Richtung der GlobalitĂ€t, in Richtung der TotalitĂ€t, eine komplizierte Sache ist.

Der andere Aspekt war jener der intermediĂ€ren KĂ€mpfe, derjenigen, die so definiert worden sind. Wir sind insurrektionalistische Anarchisten und folglich sind wir RevolutionĂ€re, doch es ist nicht so, dass wir beabsichtigen, uns nur in dem Moment zu bewegen, wo die Revolution da sein wird und wir in der Lage sein werden, alles zu zerstören. Offensichtlicherweise bewegen wir uns tagtĂ€glich in Situationen, die alles andere als revolutionĂ€r sind. Dies wurde, zu jener Zeit, mit einer Terminologie, die, wie es scheint, von recht vielen angenommen worden ist, als eine Situation definiert, worin sich intermediĂ€re KĂ€mpfe ereignen. Wir intervenieren in diese Situationen von intermediĂ€ren KĂ€mpfen, aber wir sind Überbringer einer Methode, die unsere ist, welches eben diejenige von aufstĂ€ndischer Natur ist, die ihre Charakteristiken hat, die wir bestens kennen und ĂŒber die es hier nicht nötig ist, den Diskurs zu vertiefen, denn darĂŒber ist wahrlich bis zum Überdruss geredet worden. Doch diese intermediĂ€ren KĂ€mpfe können, ihrerseits, bedeutsam sein, wenn sie sich im Bereich von dem ausdrĂŒcken, was die revolutionĂ€ren Methoden sind, und sie können es auch nicht sein, wenn sie darin enden, zu entstehen, sich zu entwickeln und zu sterben.

Wenn wir versuchen, an all die Dinge zu denken, die ĂŒber die eventuelle Funktion einer informellen Organisation von internationaler Art, wie diejenige, worĂŒber wir heute Abend am diskutieren sind, gesagt worden sind, ohne unser Ziel aus den Augen zu verlieren, so ist mehrere Male gesagt worden, dass sie möglichst ein Instrument sein sollte, um uns stĂ€rker zu machen. Das heisst, um uns leichter miteinander in Kontakt zu setzen, unter GefĂ€hrten aus verschiedenen geographischen Situationen, die auch abgelegen, auch weit entfernten sein mögen. Aus verschiedenen LĂ€ndern, aus verschiedenen Situationen. WĂ€hrend man sich, nach wechselhaftem Geschick, allmĂ€hlich diesem Termin annĂ€herte, hat es, im Zeitraum von acht Jahren, viele Kontakte mit GefĂ€hrten aus anderen Orten gegeben. Das waren jedoch alles Kontakte, die nicht auf einen operativen Charakter ausgerichtet waren.

Vielseitige GrĂŒnde haben schliesslich die Anwesenheit von GefĂ€hrten verhindert, die sich vielleicht als an diesem Termin interessiert, ja einige sogar als Ă€usserst interessiert erklĂ€rt haben. Diejenigen, die hier, heute Abend, anwesend sind, hĂ€tten in konkreteren Begriffen das Ihre ĂŒber diesen Punkt sagen können. Dies ist nicht geschehen. Aber wir können uns nicht die Haare ausreissen. Wir können jedoch darĂŒber nachdenken, dass die GrĂŒnde, die diese Abwesenheit verursacht haben, eine Sache sind, und eine andere ist es, dass diese Art von informeller Organisationsstruktur, wenn sie eine Bedeutung hat, denn sie könnte auch keine haben und wir könnten wĂ€hrend acht Jahren eine grosse Illusion genĂ€hrt haben, sie noch immer jene ist: GefĂ€hrten aus veschiedenen geographischen Situationen miteinander in Kontakt zu bringen, sodass Vereinbarungen leichter realisiert werden können, denn ich sage nicht, dass sie anders nicht realisierbar wĂ€ren (jeder macht, wie er will), Vereinbarungen, um gemeinsam, in Zusammenarbeit, KĂ€mpfe zu entwickeln. Sodass die KĂ€mpfe selbst eine grössere Bedeutsamkeit haben, schneller bekannt werden, bedeutsamer realisiert werden. Dies waren die, wie soll ich sagen, minimalen Ziele, die mir ziemlich konkret scheinen, dies waren die Instrumente.

Die Internationale mĂŒsste ein Kampfinstrument sein, ein Instrument, das funktionieren mĂŒsste. In Anbetracht der Tatsache, dass heute Abend die konkrete Materie fehlt, kann man auch nicht ĂŒberprĂŒfen, ob diese Struktur funktionieren kann oder nicht. Das ist es, in konkreten Begriffen, das heisst, das, was wir uns vorgenommen haben, kann nicht auf die Bank der praktischen PrĂŒfungen gelegt werden. Nun, zu sagen, ich kenne Personen in Griechenland… NatĂŒrlich kenne ich GefĂ€hrten in Griechenland! Aber die Tatsache, dass die griechischen GefĂ€hrten, all diejenigen, die ich kenne, nicht hier sind, sondern nur ein GefĂ€hrte anwesend ist, macht heute Abend meine vorangehende Bekanntschaft mit den GefĂ€hrten, die sich in Griechenland und genauso an vielen anderen Orten befinden, operativ und auch signifikativ, nutzlos.

Aber macht diese Abwesenheit von heute Abend und folglich die Tatsache, das wir uns schwer tun, uns darĂŒber bewusst zu werden, von was wir am sprechen sind, auch die Initiative selbst nutzlos? Das ist eine Frage, worauf ich keine Antwort geben kann. Ich denke, dass sie auch nĂŒtzlich sein kann, jemand könnte jedoch sagen: „Nein, wir sind nur Zeit am verlieren, denn das ist bloss GeschwĂ€tz, da der konkrete Aspekt fehlt.“ Aber darauf weiss ich nicht, was antworten, denn, ich wiederhole, all die Bekanntschaften, die jeder von uns hat, sowohl allgemein in der ganzen Welt, mit GefĂ€hrten usw., wie auch spezifisch, das heisst Bekanntschaften mit GefĂ€hrten, die im Besonderen bekannt sind fĂŒr diese Art von Problem, nĂ€mlich die informelle Organisation, wovon wir heute Abend am sprechen sind, ich kann nicht sagen, dass sie fĂŒr mich, in diesem Moment, eine Bedeutung von konkreter operativer Natur haben. Denn, da sie nicht hier anwesend sind, kann ich diese Bekanntschaft, das, was sie fĂŒr mich und fĂŒr sie bedeutet, das, was sie in der Vergangenheit fĂŒr mich und fĂŒr sie bedeutet hat, nicht ĂŒberprĂŒfen. Und hier an diesem Ort, wenn sie anwesend gewesen wĂ€ren, hĂ€tte, separat und mit den geeigneten Diskussionsmitteln, vielleicht etwas gemeinsam projektiert werden können.

Bedeutet das, dass auch die Versammlung von diesen drei Tagen alles verlorene Zeit gewesen ist, bloss eine Übung und ein Gegurgel von Intellektuellen gewesen ist? Das weiss ich nicht, da kann ich ein Fragezeichen hinsetzen. Persönlich mag ich meine Ansichten haben. Ich denke, dass wir aus dieser Art von Versammlungen einen Teil NĂŒtzlichkeit ziehen können, wenn wir begreifen, dass hier von einer Sache gesprochen wird, worin es Charakteristiken von Neuheit gibt. Eine Sache, die etwas anderes ist. Wir haben den Aspekt angesprochen, zu versuchen, die Internationale als ein Instrument zu sehen, das es erlauben kann, die Initiative zu ergreifen, schwerwiegend, also zerstörerisch in die Umstrukturierungsprozesse des Kapitals, als laufende Bewegung, zu intervenieren. Aber dies kann auch bloss ein sehr schönes Gerede sein, es kann eine Sache sein, die absolut ohne Sinn ist, wenn sie in der RealitĂ€t keine Entsprechung findet.

Es liegt an den kĂŒnftigen Tagen und Monaten, dies festzustellen.

Quellennachweis

Die hier angegebenen Quellen sind fĂŒr die Publikation in dem Buch Internazionale Antiautoritaria Insurrezionalista ĂŒberarbeitet und aktualisiert worden, welches als Grundlage fĂŒr die vorliegenden Übersetzungen diente.

Insurrektionalistische AntiautoritÀre Internationale.
(Ein Diskussionsvorschlag)

“Internazionale Antiautoritaria Insurrezionalista. Proposta per un dibattito”. Zum ersten Mal publiziert in “Anarkiviu”, Nr. 29, 1993, S. I-VIII. Englische Übersetzung in derselben Nummer von “Anarkiviu”, S. IX-XII. Der Text wurde auch publiziert in Il progetto insurrezionale, bei Edizioni Il Culmine-Gas, Cuneo 1995, S. 28-48. Die englische Übersetzung als BroschĂŒre mit dem Titel: For an anti-autoritarian insurrectionist International, bei Elephant Editions, London 1993, 24 Seiten. Die griechische Übersetzung, auch als BroschĂŒre, wurde publiziert unter dem Titel: ΑΜτÎčÎ”ÎŸÎżÏ…ÏƒÎčαστÎčÎșη Î•ÎŸÎ”ÎłÎ”ÏÏ„ÎčÎșη ΔÎčΔΞΜης. Î ÏÎżÏ„Î±ÏƒÎ· ÎłÎčα ÎŒÎčÎŹ ÏƒÏ…Î¶ÎźÏ„Î·ÏƒÎ·, bei ΕÎșÎŽÎżÏƒÎ”Ï‚ Î”Ï€Î±ÎœÎ±ÎżÏ„Î±Ï„ÎčÎș Î±Ï…Ï„ÎżÎżÏÎłÎŹÎœÏ‰ÏƒÎ·, 1993, Athen, 16 Seiten. Erste erste deutsche Übersetzung durch Marco Camenisch in Projekt Aufstand, bei Edizioni Il Culmine-Gas, MĂ€rz 1995, S. 25-42. [FĂŒr die Publikation in diesem Buch vollstĂ€ndig neu ĂŒbersetzt].

Einige persönliche Überlegungen

“Alcune personali considerazioni”, als Fotokopie vervielfĂ€ltigt und verteilt am Treffen von Turin vom 25. und 26. Mai 1996.

An die GefÀhrten der LÀnder des Ostens

“Ai compagni anarchici dei Paesi dell’Est”. Ein zweiseitiges Flugblatt, das anlĂ€sslich des Treffens von Trient vom 14.-17. April 1990 verteilt wurde. Publiziert auch in “Provocazione”, Nr. 24, Juni 1990, S. 4. Von diesem Text existiert eine englische Übersetzung als zweiseitiges Flugblatt, das ebenfalls am obengenannten Treffen verteilt wurde.

Individuum, AffinitÀtsgruppe, Aufstand

“Individuo, gruppo di affinitĂ , insurrezione”. RedebeitrĂ€ge am Treffen von Rovereto vom 24., 25. und 26. Dezember 1994 ĂŒber dasselbe Thema. Transkription der Tonbandaufnahme. Zuerst publiziet in Alfredo M. Bonanno, AffinitĂ  e organizzazione informale, bei Edizioni Anarchismo, 1996, Catania. Übersetzt ins Deutsche von der “Koordinationsstelle internationale anarchistische Schriften”, August 1998, MĂŒnchen (begrenzte Auflage), dann publiziert in Alfredo M. Bonanno, Vom Zentrum zur Peripherie, bei Mantz, Grebel & Reublin, 2006, ZĂŒrich. Eine neuĂŒbersetzte Teilversion erschien in Alfredo M. Bonanno, Anarchismus und Aufstand, bei Edition Irreversibel in Zusammenarbeit mit den Konterband Editionen, 2014. [FĂŒr die Publikation in diesem Buch wurde die jĂŒngst erschienene Teilversion ĂŒberarbeitet und der restliche Teil vollstĂ€ndig neu ĂŒbersetzt].

AffinitÀtsgruppen, informelle Organisation, Aufstand

“Gruppi di affinitĂ , organizzazione informale, insurrezione”. RedebeitrĂ€ge am Treffen vom Val Pellice vom 12.-14. Mai 1995 ĂŒber dasselbe Thema. Transkription der Tonbandaufnahme. Zuerst publiziet in Alfredo M. Bonanno, AffinitĂ  e organizzazione informale, Edizioni Anarchismo, 1996, Catania. Übersetzt ins Deutsche von der “Koordinationsstelle internationale anarchistische Schriften”, August 1998, MĂŒnchen (begrenzte Auflage), dann publiziert in Alfredo M. Bonanno, Vom Zentrum zur Peripherie, bei Mantz, Grebel & Reublin, 2006, ZĂŒrich. [FĂŒr die Publikation in diesem Buch vollstĂ€ndig neu ĂŒbersetzt].

RedebeitrÀge am Treffen von Velletri

“Interventi al Convegno di Velletri” vom 27.-29. Dezember 2000. Transkription der Tonbandaufnahme. Erste deutsche Übersetzung in Grenzenlos, anarchistische Zeitschrift, Nr. 3, ZĂŒrich, Oktober 2014. [FĂŒr die Publikation in diesem Buch ĂŒberarbeitet].




Quelle: Anarchistischebibliothek.org