MĂ€rz 7, 2021
Von Anarchistische Bibliothek
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Einleitung der Soligruppe fĂŒr Gefangene, an erster Stelle wollen wir diesen Text unserem GefĂ€hrten „dicke Lippe“ widmen, einem wahnsinnigen Anarchisten, von denen es leider zu wenige gibt und auch weil ohne ihn diese Übersetzung mit vielen VerstĂ€ndnisfehlern gewesen wĂ€re. An zweiter Stelle wollen wir noch einer weiteren Person diesen Text widmen, nĂ€mlich dem „BĂ€ren“, weil dieser uns mit der Thematik der Avantgarde, Kader und III.Internationale auf die Nerven geht und dieser Text ihm hoffentlich hilft, etwas Klarheit in seinen Fragen zu finden. Drittens wollten wir kurz sagen, warum wir diesen Text ins Deutsche ĂŒbersetzt haben. NĂ€mlich weil es immer gut ist, weitere anarchistische und revolutionĂ€re Texte in Umlauf zu bringen, um Debatten und Praxis anzuregen. Der Hauptgrund aber ist die zeitgenössische Wiedergeburt des leninistischen Kadavers, wir beziehen uns auf die nervigen Themen, die oben kursiv stehen, der sich jetzt aber auch als anarchistisch tarnt.

„Der autoritĂ€re GefĂ€hrte ist ein GefĂ€hrte, der sich bewusst fĂŒr die Freiheit entscheiden will. Er hat keine Angst, im Gegenteil, all sein Handeln zielt darauf ab, mit der Vergangenheit, mit der Tradition zu brechen. Die Akzeptanz der autoritĂ€ren Struktur ist das kleinere von zwei Übeln fĂŒr den Militanten, der sich naiv davon ĂŒberzeugt, dass ohne Opfer nichts Dauerhaftes erreicht werden kann. Aus diesem Grund ist er bereit, das Ă€ußerste Opfer zu bringen, das Opfer seiner eigenen Freiheit. Darin liegt die Tragödie. Ein Mensch, der fĂŒr die Freiheit kĂ€mpft, endet damit, dass er diese in der Illusion opfert, er kĂ€mpfe weiter fĂŒr sie.“

Hier in Berlin blĂŒhen in den sogenannten anarchistischen Kreisen, die sich sehr der kurdischen und auch der plattformistischen Sache verbunden fĂŒhlen, die Debatten um Fragen wie Avantgarde und Kader.

Nun, wir befĂŒrworten aus tausend und einem Grund diese Konzepte nicht, sind uns deren Ursprung sehr bewusst, sowie der naiven Erwartungen, ja sogar WĂŒnschen, derer, die sich aus einer angeblichen anarchistischen Position diesen Konzepten hingeben, sehr bewusst. Im Gegensatz vieler Meinungen zur Debatte unter Anarchist*innen, finden wir es sehr wichtig und notwendig mit allen Anarchist*innen zu diskutieren. Der Scheideweg liegt nicht an der Tatsache, dass wir alle evtl. gewisse Frage anders betrachten, sondern eher die UnfĂ€higkeit eben miteinander zu diskutieren.

Dies mag jetzt einigen sehr naiv von unserer Seite aus erscheinen, aber wir fanden noch nie irgendeine Diskussion und den Versuch mit anderen Praxis zu entwickeln als ein Problem, sondern eher dass dies zu wenig praktiziert wird. Und damit meinen wir egal welchen Menschen, der alle GrĂŒnde hat die Herrschaft des Kapitalismus und dessen Verwaltung, den Staat, sowie alle Formen der Herrschaft wie Patriarchat, Rassismus usw. niederzustrecken.

Dieser Text reiht sich in die verschiedenen Textreihen ein, die wir zu verschiedenen Themen veröffentlichen, wie die Kritik an Militanz-Organisation, Militante, Postmoderne, Organisation als solche (nicht zu verwechseln mit der Organisation an sich und sich fĂŒr sich zu organisieren), Postmoderne und Leninismus. Einige Texte zu diesen Themen haben wir schon veröffentlicht, der Rest wird in kommender Zeit erscheinen.

Soligruppe fĂŒr Gefangene

Warum eine Avantgarde?

Die folgenden Ideen zielen darauf ab, auf das Problem der Beziehungen zwischen der Bewegung der Ausgebeuteten und der revolutionÀren anarchistischen Bewegung einzugehen.

Die Schlussfolgerung ist sehr einfach und stellt den Ausgangspunkt einer Überlegung dar, die wir allen GefĂ€hrten vorschlagen: Man arbeitet nicht innerhalb der UmzĂ€unung der spezifischen anarchistischen Bewegung fĂŒr die Revolution, sondern außerhalb in der RealitĂ€t der KĂ€mpfe, die uns in diesem Moment nicht anwesend sehen. In diesem Sinne hat die anarchistische Bewegung noch einen langen Weg vor sich. Angesichts der Dringlichkeit der Situation ist es fĂŒr alle aufrichtigen revolutionĂ€ren anarchistischen GefĂ€hrten unerlĂ€sslich geworden, ĂŒber die Wege und Bedingungen nachzudenken, sich zu organisieren, um im libertĂ€ren Sinne zur Ausweitung der gegenwĂ€rtigen Situation von Krisen und Unbehagen beizutragen.

Die Zeit des Zögerns und Wartens ist vorbei. Wer immer fĂŒr den revolutionĂ€ren Kampf zur VerfĂŒgung steht, möge seine GefĂ€hrten suchen und sich nicht dem Warten auf ein Zeichen oder eine Klarstellung seitens der konkreten Bewegung hingeben.

Warum eine Avantgarde?

Mit dem Problem der Avantgarde haben sich alle bewussten RevolutionĂ€re der Vergangenheit und Gegenwart beschĂ€ftigt. Sie fĂŒrchten ihre Gefahren und versuchen herauszufinden, was sie verursacht und wie sie beseitigt oder ihre Auswirkungen abgeschwĂ€cht werden können.

FĂŒr Anarchisten ist das Problem weitaus gravierender. Sie akzeptieren nicht die politischen Absichten, die andere RevolutionĂ€re in ihrer Eile, die Macht zu ĂŒbernehmen, letztendlich rechtfertigen.

Gleichwohl produzieren Anarchisten am Ende auch Avantgarden, aber sie hĂŒten sich davor, sie so zu nennen, ein Wort, das sie verabscheuen. Aber wir haben keine Tarnung, mit der wir die RealitĂ€t verschleiern könnten, und wenn dazu Strukturen gehören, die denen der AutoritĂ€ten gleich oder Ă€hnlich sind, dann ist es sinnlos, diese Tatsache einfach mit anderen Worten verschleiern zu wollen.

Ist dann eine Avantgarde notwendig?

Darauf gibt es keine einfache Antwort. Anarchisten neigten bisher dazu, den Kopf in den Sand zu stecken, in der Hoffnung, das Problem durch den Gebrauch von Metaphern zu lösen.

Wir sind der Meinung, dass wir einen Schritt nach vorne machen mĂŒssen und riskieren, diejenigen zu verĂ€rgern, die hartnĂ€ckig an ihren Positionen festhalten wie derselbe alte Krake auf demselben alten Felsen.

Viele haben das Problem abgekĂŒrzt, indem sie einfach erklĂ€rten, dass eine Avantgarde notwendig sei. Indem sie die zugrundeliegende Ideologie – die immer im Anarchismus prĂ€sent ist – in eine autoritĂ€re Richtung drĂ€ngen, ziehen sie die Ärmel hoch und machen sich an die Arbeit. Mit Hilfe einiger extrem destillierter und verfeinerter Theorien fangen sie an, geheimnisvolle Konstruktionen aufzubauen, die Maximen der Kontrolle und Auswahl sind.

Eine solche Position unterscheidet sich nicht wesentlich von denen, die kategorisch leugnen, dass es so etwas wie eine Avantgarde im Anarchismus gibt, und sich weigern, die RealitÀt so zu sehen, wie sie ist.

Diese Tendenz – gewöhnlich in humanistische Rhetorik verpackt, die an nebulösen Idealismus grenzt – ist der eingeschworene Feind des ersteren, dem sie vorwirft, der unheimlichste, als Anarchismus getarnte Leninismus zu sein. Auf der anderen Seite ersetzt der scharfsinnigere Teil der Bewegung, der sich der Schwierigkeiten bewusst ist, die mit dem Versuch verbunden sind, einen Teil der FĂŒhrung zu rechtfertigen, den Begriff „Avantgarde“ durch „aktive Minderheit“ und Ă€hnliche Euphemismen.

Das Problem ist jedoch nicht nur eine Frage der Worte. Es geht uns nicht darum, einen Begriff durch einen anderen zu ersetzen und zu erklĂ€ren warum, sondern wir versuchen, den Problemen auf den Grund zu gehen, zu denen ein solches Konzept fĂŒhrt.

Und die Frage Ă€ndert sich nicht, wenn wir das „Ding“ als Avantgarde oder als aktive Minderheit bezeichnen.

Was ist dieses Ding dann? Was ist eine revolutionÀre Avantgarde?

Die Antwort sieht einfach aus: Es ist ein organisches Ganzes, das sich aus den Individuen zusammensetzt, aus denen es besteht. Diese Organisation neigt dazu, sich von der revolutionÀren Bewegung, die sie hervorgebracht hat, abzuschneiden und sich ihr aufzudrÀngen.

Betrachten wir das in Etappen.

Es gibt viele Möglichkeiten, die Notwendigkeit einer spezifischen Organisation zu rechtfertigen, die sich bestimmter Probleme annimmt, die Massenorganisationen nicht lösen können. Offensichtlich mĂŒssen diejenigen, die diese Organisation bilden, drei Eigenschaften haben: a) Wissen; b) Einsatz; c) Zeit. Macht etabliert sich eher auf der Grundlage von gebieterischem herrischem Wesen als von AutoritĂ€t im engeren Sinne des Wortes. Wir sprechen von revolutionĂ€ren Organisationen im Allgemeinen, aber wir sollten diejenigen nicht aus den Augen verlieren, an deren Untersuchung wir besonders interessiert sind, nĂ€mlich anarchistische Organisationen. Gerade in letzteren ĂŒberwiegen Elemente des gebieterischen herrischen Wesens gegenĂŒber der AutoritĂ€t, wobei das zugrunde liegende Problem intakt bleibt: das des Wachstums und der Konsolidierung einer Organisation (also einer Gruppe von Personen), die die Kontrolle ĂŒber den Rest der Bewegung ausĂŒbt.

Die Revolution ist in erster Linie ein organisatorisches Ereignis, so dass es kein Wunder ist, dass ein Prozess der organisatorischen Überlappung stattfindet, wenn sich Basisorganisationen vervielfĂ€ltigen. Dies könnte (zumindest in der Anfangsphase) durchaus begrenzt werden, indem auf die Fragen hingewiesen wird, mit denen sich eine solche Organisation befassen und sie durch eine Abberufung ihrer Delegierten kontrollieren sollte. Wir werden sehen, warum solche Mittel (BeschrĂ€nkung der Aufgaben und Abberufung der Delegierten) sehr zerbrechliche Bollwerke darstellen und wie diese oft einfach zur Gewissenslösung, d.h. als Alibi, und nicht als Instrumente zur Begrenzung der Macht als solcher benutzt werden.

Wenn die Konterrevolution loslĂ€sst, neigt diese Gruppe dazu, sich in sich selbst zu verschließen. UnterdrĂŒckung und KlandestinitĂ€t fĂŒhren dazu, dass sie sich in eine militarisierte Gruppe verwandelt, die (plötzlich oder allmĂ€hlich) ihre Beziehung zu den alten Basisorganisationen verliert, die als erste der UnterdrĂŒckung erliegen. Zu anderen Zeiten spaltet sich die vorherrschende organisatorische Gruppe in eine Reihe separater oder koordinierter Gruppen auf, die – noch immer zahlenmĂ€ĂŸig begrenzt – den Kampf weiterfĂŒhren und oft diejenigen aus der Basisorganisation hinzuziehen, die es vorziehen, in die KlandestinitĂ€t zu gehen. Wir haben es hier mit einer extremen Situation zu tun, die den Wert der zu anderen Zeiten geleisteten Arbeit mindert, wenn die Konterrevolution die revolutionĂ€re Bewegung relativ ruhig lĂ€sst. Aber die Probleme, die sich aus dieser Radikalisierung ergeben, sind keine anderen als die, die bereits in einer selteneren, offensichtlicheren Form bestanden.

Die Bedingungen, die zur Bildung der Avantgarde fĂŒhren, sind daher mit der Entwicklung der revolutionĂ€ren TĂ€tigkeit selbst verbunden. Es entsteht eine Organisation, die aus MĂ€nnern und Frauen – den besten verfĂŒgbaren – gebildet wird, und mit ihr die Gefahr, dass sie anfĂ€ngt, gemĂ€ĂŸ der Logik aller Organisationen selbstĂ€ndig zu argumentieren, wobei ihr eigenes Überleben zu ihrer PrioritĂ€t wird.

Eine solche Schlussfolgerung scheint die Unvermeidbarkeit einer Avantgarde zu implizieren, doch im Gegenteil, ich glaube, dass es möglich ist, ĂŒber eine Minderheitenlogik hinauszugehen. Damit dies jedoch deutlich wird, mĂŒssen einige Punkte berĂŒcksichtigt werden.

Die organisatorische Frage

Ohne Organisation ist nichts möglich. Das menschliche Leben wĂŒrde aufhören und alles wĂŒrde ins Chaos fallen. Organisation ist fĂŒr den Menschen so unentbehrlich, dass jede Verbesserung dieser, auch wenn sie von Tyrannen durchgefĂŒhrt wird, als etwas Positives zu betrachten ist. Der Gedanke des Fortschritts selbst wĂ€re nie entstanden, wenn Organisation fĂŒr den Menschen nicht unerlĂ€sslich gewesen wĂ€re. In diesem Sinne ist Geschichte, wenn sie die Entwicklung von etwas ist, dann ist sie die Entwicklung von etwas Organisiertem.

Die Machtstruktur ist eine ziemlich raffinierte Organisation, die danach strebt, Ziele zum Wohle einer Minderheit zu erreichen. Die Mehrheit ist damit beschĂ€ftigt, diese Ziele zu erreichen. Aber wir können nicht leugnen, dass die Interessen der Minderheit auch gewisse positive Aspekte fĂŒr die Mehrheit haben. Letztere wĂŒrde sonst rebellieren oder sterben, und die Ziele der Minderheit wĂŒrden nicht erreicht werden.

Die Machtstruktur ist voll von Zweckdienlichkeiten, um das Maximum zu erreichen und gleichzeitig das Minimum zu geben. Sie arbeitet diese Mittel aus und setzt sie in die Tat um, wobei sie diese von Zeit zu Zeit im VerhÀltnis zum Kampf der Mehrheit, d.h. der Ausgebeuteten, modifiziert.

Letztere haben als Ergebnis verschiedener – allesamt dramatischer – Kampferfahrungen eigene Organisationen entwickelt, um den Kampf effektiver zu gestalten. Diese sind nach und nach in die Logik der Ausbeutung eingetreten und zu einem integralen Bestandteil von ihr geworden, zeitgleich mit der Entdeckung der Macht ĂŒber die Unhaltbarkeit des Absolutismus und der Idiotie des faschistischen Irrationalismus.

So entstand die demokratische Macht, eine Organisation, die weiterhin die Mehrheit zum Nutzen der Minderheit ausbeutet, dies aber indem sie sich die eigenen Verteidigungsorganisationen der Mehrheit zu Hilfe nimmt.

Was dies außerdem ermöglicht hat, ist die Tatsache, dass die Verteidigungsorganisationen der Mehrheit fast immer erst nach ihrer Legalisierung in Kraft getreten sind.

Organisatorische TĂ€tigkeit sollte jedoch nicht unbedingt als etwas gesehen werden, das von außen durch Spezialisten aufgebaut wird, die Entscheidungen nach ihren eigenen Zielen treffen. Diese Interpretation enthĂ€lt zwei grundlegende Fehler: das, was man den biologischen Fehler nennen könnte, und den funktionalistischen. Nach dieser Denkweise muss sich eine Organisation mehr oder weniger wie ein Organismus strukturieren (Kopf und Glieder haben, also eine Hierarchie) und die wesentlichen Anforderungen an Effizienz und FunktionalitĂ€t erfĂŒllen. Wenn die ausgebeutete Mehrheit sich nicht verteidigen kann, weil sie in einzelne Einheiten zerstreut ist (wie die Zellen des organischen Gewebes), mĂŒssen wir diese Zellen zusammenfĂŒgen und einen Körper mit einer wertvollen Struktur (d.h. Gewerkschaften und Vereinigungen im Allgemeinen) aufbauen, die den angestrebten Zielen entspricht, um sich den Bossen im Prozess der Ausbeutung entgegenzustellen und die Mehrheit zu verteidigen.

Die Rechtfertigung dafĂŒr ist das Konzept, dass, weil die Struktur der Bosse monolithisch ist, dies auch fĂŒr die Verteidigungsstruktur gelten sollte.

Die biologisch-funktionalistische Analogie dominierte auch im Bereich der politischen Verteidigung, da die Parteistrukturen mit dem Niedergang der absolutistischen Staaten an Bedeutung gewannen.

Die Rechtfertigung, die MonolithizitÀt des Staates.

Das alles ist recht erbĂ€rmlich. Die große Ironie der Geschichte liegt in der Tatsache, dass die Macht selbst ĂŒber die Bedingungen der großen Verteidigungsorganisationen zu entscheiden hatte. Diese Bedingungen wurden auf einer organischen und funktionalen Grundlage produziert, oft als unfreiwillige Folge bestimmter VerĂ€nderungen innerhalb der Machtstruktur selbst. Es ist klar, dass ein Verteidigungsorganismus ein Produkt einer bestimmten historischen Epoche ist und sich fast immer in einer genauen Beziehung zu der Machtstruktur konsolidiert, die ihn bedingt und möglich macht.

Eine unglaubliche Anzahl von GefĂ€hrten behauptet, revolutionĂ€r zu sein, besteht jedoch auf der GĂŒltigkeit der Nutzung der Verteidigungsstrukturen der Ausgebeuteten. Sie sehen letztere als Instrumente des Kampfes, ohne sich der engen AbhĂ€ngigkeitsbeziehung bewusst zu sein, die zwischen ihnen und den Machtstrukturen besteht.

Aber die Geschichte hat zur KlĂ€rung dieser Frage beigetragen. Jedes Mal, wenn die Ausgebeuteten von der Verteidigung zum Angriff ĂŒbergegangen sind und ein revolutionĂ€rer Mechanismus in Kraft getreten ist, haben sich andere Arten von Organisationsstrukturen herausgebildet.

Das Problem der großen Verteidigungsorganisationen der Ausgebeuteten ist nicht die Tatsache, dass es sie gibt – etwas NatĂŒrliches und Unausweichliches -, sondern gerade die defensive Dimension, die sie angenommen haben. Deshalb „kopieren“ sie die Organisationen des Gegners und verwenden die gleiche Logik.

Auf der anderen Seite reproduzieren Angriffsorganisationen nicht den biologischen Funktionalismus der defensiven Organisationen. Diese Organisationsformen haben nicht die Absicht, zu einer großen monolithischen Struktur zu werden, so dass der Prozess des Aufbrechens weitergehen kann. Sie wollen nicht das Modell des Gegners reproduzieren, indem sie dieselbe Logik anwenden. Es stimmt zwar, dass auch Verteidigungsorganisationen zum Angriff mobilisiert werden können, aber dies entpuppt sich als ein militĂ€rischer Zusammenstoß, der revolutionĂ€r aussehen mag, der aber kein anderes Ergebnis haben kann als das Fortbestehen der alten Macht oder die Geburt einer neuen, möglicherweise tyrannischeren Macht als die erste.

Angriffsorganisationen hingegen entstehen auf der Grundlage einer sozialen Logik, die die BedĂŒrfnisse der Menschen, den Grad der Ausbeutung und das Ausmaß der Radikalisierung, das der Zusammenstoß erreicht hat, berĂŒcksichtigt.

Diese Organisationen leiden nicht unter funktionalistischen Illusionen. Sie können nicht verbessert werden, sie hoffen nicht auf „Wachstum“. Sie versetzen sich auch nicht in die Logik eines „Dialogs“ mit der Macht. Sie sind fĂŒr die Zerstörung aller Macht von dem Augenblick an, in dem sie auftauchen, so dass sie in ihrer eigenen Logik bereits „vollstĂ€ndig“ in sich selbst aufgehen. Sie können sich natĂŒrlich vom Standpunkt der Taktik, der Vorbereitung ihrer einzelnen Komponenten oder der Aspekte des militĂ€rischen Konflikts her vervollkommnen. Aber was den organisatorischen Aspekt anbelangt, so gibt es nichts zu verbessern und umgekehrt. Sie liegen jenseits der Logik der Macht. Sie sind „Gesetzlose“.

Da sie kein quantitatives Wachstum anstreben, brauchen sie weder einen „Kopf“ noch „Glieder“. Sie orientieren sich an der RealitĂ€t der Ausbeutung, die sich in dem Moment, in dem sie die Macht angreifen, in ihrer organisatorischen VollstĂ€ndigkeit zeigt. Sie haben nicht eine Funktion unter anderen, sondern die „endgĂŒltige Funktion“ der Machtzerstörung.

Es ist nicht wichtig, hier zu beschreiben, welche Formen diese Angriffsorganisationen in der Geschichte der Ausgebeuteten (RÀte, Sowjets, Komitees usw.) angenommen haben oder in naher Zukunft annehmen könnten. Wir sind auch nicht daran interessiert, ein wichtiges und unmittelbar offensichtliches Merkmal dieser Organisationen zu erörtern, nÀmlich die Autonomie.

Im Gegenteil, wir halten es fĂŒr notwendig, ĂŒber zwei Dinge nachzudenken: a) dass diese Organisationen nie das Individuum aus den Augen verlieren (das auch eine Organisation ist); b) ĂŒber den zerstörerischen Moment, in dem sie zu einem Modell fĂŒr den Aufbau der zukĂŒnftigen Gesellschaft werden.

Jetzt sind wir auf ein neues Problem gestoßen. Das einzelne Individuum ist eine Organisation, oder besser gesagt, es ist die grundlegende Organisation. Hier verschwindet die Verwirrung bezĂŒglich eines scheinbaren Widerspruchs zwischen Individualismus und anarchistischem Kommunismus. WĂ€hrend ersterer manchmal seltsam absurde Haltungen einnimmt (die Verteidigung des kleinen Eigentums, der Wille zur Macht, die GeringschĂ€tzung des kommunistischen Lebens usw.), handelt es sich dabei zumeist nur um isolierte Haltungen, die wenig Kontakt mit der RealitĂ€t der KĂ€mpfe der Ausgebeuteten hatten. Ein typischer Fall ist der der Humanisten, die sich selbst im Anarchismus wiedererkennen, aber, behindert durch ihre idealistische Interpretation der WechselfĂ€lle des Menschen, am Ende die wesentliche Grundlage des VerhĂ€ltnisses zwischen Ausbeuter und Ausgebeuteten verlieren. Sie bringen die Attribute des alten Gottes auf die Erde und verwandeln sie in einen neuen Mythos, ganz Ă€hnlich wie der alte, der nur den MachtplĂ€nen diente.

Diese Art von Individualismus ist eindeutig eine Verzerrung der rationaleren Doktrinen des Egoismus. Er leugnet das Konzept der Organisation und neigt dazu, den Menschen so zu sehen, dass er sich stĂ€ndig innerhalb einer animalischen Dimension des Kampfes um das Leben verwirklicht. Er sieht die kommunistische Dimension als Verneinung der menschlichen Entwicklung, als Opfer des Individuums fĂŒr die gute Gesellschaft. Er kĂ€mpft fĂŒr die Befreiung des Individuums außerhalb einer kommunitaristischen Perspektive und vermeidet die grundlegende PrĂ€misse, dass die Sklaverei eines einzelnen Individuums in der Welt auch meine eigene ist.

Im Gegenteil, wenn der Individualismus richtig gesehen wird, geht er von dem Konzept aus, dass das Individuum, obwohl es vom Standpunkt der sozialen Dynamik aus einfach und grundlegend ist, bereits eine komplexe Organisation ist. Diese Organisation kann prĂ€zise Beziehungen zu anderen Organisations-Individuen herstellen und ist in der Lage, sie zu verĂ€ndern oder zu regulieren. Sie kann sich sogar im absoluten Opfer, in der bewussten Negation ihres eigenen Todes verwirklichen, wenn dies notwendig erscheint, um die Beziehung zwischen Ausbeuter und Ausgebeutetem, die das Individuum der Organisation unvollstĂ€ndig und unglĂŒcklich macht, umzukehren.

Der höchste Egoismus, d.h. die Autonomie, ist die organisatorische Vervollkommnung des Individuums, eine prĂ€zise Beziehung, die andere Organisationen – Individuen – nicht beeintrĂ€chtigt.

Eine angemessene Darstellung dieses Problems ist fĂŒr den Anarchismus Ă€ußerst wichtig. Sie fĂŒhrt zu einer klareren Sicht des Kampfes gegen Ausbeutung, auch wenn dies in verwirrenden Situationen oder in nicht ganz orthodoxen Organisationsformen geschieht. Zur Verteidigung ist zu sagen, dass anarchistische Strukturen oft jede Form des Kampfes verurteilen, die unabhĂ€ngig von ihnen selbst produziert wird, indem sie sie als individualistisch im negativen Sinne des Wortes betrachten und sie als „objektiv provokant“ brandmarken.

FĂŒr den Individualismus ist der wesentliche Punkt, dass der Einzelne eine autonome Organisation ist, die gewöhnlich gegen das reagiert, was von der Macht festgelegt wurde, oft indem sie ihre eigenen Regeln ausarbeitet, sich klĂ€rt und die Initiative ergreift. In diesem Moment setzt ein prĂ€zises moralisches Ereignis ein: Das Individuum, das nicht lĂ€nger ein unbewusstes Instrument in den HĂ€nden der Macht ist, erwirbt eine autonome Perspektive, die im Wesentlichen organisatorischen Charakter hat.

Der andere Aspekt des organisatorischen Moments, den wir als „Angriff“ definiert haben, ist seine Vorbereitung als zerstörerisches Instrument, um auf die RealitĂ€t der Ausbeutung einzuwirken, und als Modell, auf dem man aufbauen kann, sobald diese Beziehung abgeschafft ist.

Die objektiven Bedingungen drĂ€ngen die große Masse der Ausgebeuteten, nach diesen organisatorischen Modellen zu suchen, die durch die Macht des Gegners behindert werden. Wenn die schwere Machtstruktur irgendwann beginnt, Anzeichen von SchwĂ€che zu zeigen, mĂŒssen BedĂŒrfnisse und Probleme anders angegangen werden. Normalerweise baut die Masse beim Aufbau von Angriffsformen auch Formen auf, um die Probleme des Überlebens zu lösen. Letztere sind sehr bedeutsam, weil sie auf kommunistischen Beziehungen beruhen.

Die Illusion der QuantitÀt

Das Hauptelement der organisatorischen Strukturierung der Verteidigung ist das quantitative Wachstum. Dies wurde durch die Logik der Macht bedingt.

Je grĂ¶ĂŸer die Zahlen, desto mehr wird eine Organisation als bedeutend, stark, bekannt und wichtig angesehen. In diesem Sinne muss, wenn die Machtstruktur die stĂ€rkere Organisation ist, wenn sie ihren Höhepunkt erreicht hat und alle Erscheinungsformen des damit verbundenen Lebens umfasst, jede Organisation, die sich ihr entgegenstellen und die Rechte der großen Mehrheit der Ausgebeuteten vertreten will, danach streben, so stark wie möglich zu sein.

Auf den ersten Blick scheinen solche Aussagen ganz und gar nicht ungewöhnlich zu sein. Und das sind sie auch, wenn man sich in die Logik der Macht hineinversetzt. Wenn wir uns gegen eine böse Macht verteidigen wollen, mĂŒssen wir ihr eine gute Kraft entgegensetzen, d.h. eine Kraft, die, wenn schon nicht gleich stark, so doch zumindest stark genug ist, um sie zu erschrecken. Aber auf diese Weise begibt man sich in die Logik der Macht, ohne sich bewusst zu sein, dass jede signifikante zahlenmĂ€ĂŸige Zunahme einfach das KlassenverhĂ€ltnis verschiebt, ohne es tatsĂ€chlich in Frage zu stellen. Es schafft keine Klassen ab.

Indem die Macht revolutionĂ€re und reformistische Organisationen auf die quantitative Illusion lenkt, hat sie einen großes Erfolg erzielt. Sie hat letztere auf organisatorischer Ebene ausgeglichen und die Unterschiede auf denjenigen reduziert, der am lautesten schreit. Und wir wissen sehr wohl, dass derjenige, der am lautesten schreit, oft am ehesten bereit ist, plötzlich mit dem Schreien aufzuhören oder fĂŒr die andere Seite zu schreien.

RevolutionĂ€re Organisationen können nicht quantitativ wachsen. Wenn sie es doch tun, dann wird der Unterschied zwischen RevolutionĂ€ren und Reformisten in der Logik der Macht nicht mehr als eine Frage der Semantik, etwas, das die Macht nicht fĂŒrchtet.

NatĂŒrlich erwischt die QuantitĂ€t die Reformisten nicht unvorbereitet. Verrat ist in ihrem Diskurs implizit enthalten, ebenso wie ihre EinfĂŒgung in Beziehungen, die von der Macht gesteuert werden. Jetzt, da sie von den Ausbeutungsstrukturen dominiert werden, spielen sie die Rolle aus, die ihnen in der modernen liberal-sozialen Ordnung zugewiesen wurde.

Auf der anderen Seite fallen auch gutglÀubige RevolutionÀre der quantitativen Illusion zum Opfer. Das ist der Punkt, der uns am meisten interessiert und auf den wir hier eingehen wollen.

Ein revolutionĂ€rer GefĂ€hrte muss bis zum Beweis des Gegenteils als gutglĂ€ubig angesehen werden. Fragen der AufklĂ€rung und Kritik dĂŒrfen niemals auf persönlicher Ebene gestellt werden, sondern mĂŒssen sich auf die Entscheidungen des GefĂ€hrten und die Konsequenzen, die sie fĂŒr die gesamte Organisation haben, konzentrieren. In diesem Sinne muss der gute Glaube des GefĂ€hrten durch eine entschlossene Aktion auf die Probe gestellt werden, die den Dingen auf den Grund geht und nicht beim Schein stehen bleibt, mit anderen Worten durch eine durchdringende Aktion, die sich nicht auf das Feld der abstrakten revolutionĂ€ren Ideologie beschrĂ€nkt.

Die quantitative Illusion ist fĂŒr autoritĂ€re GefĂ€hrten sehr wichtig, aber immer innerhalb gewisser Grenzen. Sie erkennen, dass sie auf dem falschen Fuß anfangen und dass es nicht möglich ist, ĂŒber etwas hinauszugehen, das lediglich Teil realer Kampfsituationen werden möchte. Leider ziehen sie es oft vor, darauf zu warten (d.h. erleichtert zu werden), dass dies durch einen Moment zustande kommt, indem sich die Ereignisse ĂŒberstĂŒrzen. Sie gehen dazu ĂŒber, starke Organisationen aufzubauen, die nur dem Anschein nach revolutionĂ€r sind, da sie in Wirklichkeit Verteidigungsorganisationen sind, also Verlierer, bevor sie beginnen. Das zahlenmĂ€ĂŸige Wachstum der letzteren fĂŒhrt die GefĂ€hrten dazu, diese Illusion zu fördern. Es gibt ihnen das GefĂŒhl von StĂ€rke und Sicherheit. Sie wachsen also bestĂ€ndig in diese Richtung, was genau das ist, was die Macht will: die Akzeptanz eines harmlosen Ausdrucks der Revolution als etwas, das quantitativ und nichts anderes ist, so dass sie leicht in die Logik des Machtsystems zurĂŒckgezogen werden kann.

Die Illusion der QuantitĂ€t ist absolut entscheidend fĂŒr anarchistische Organisationen, die nicht nutzlos, steril und kontraproduktiv werden dĂŒrfen, ihr Wachstum ist einfach quantitativ. Es wĂ€re auch nicht plausibel, wenn sie einfach darauf warten wĂŒrden, dass sich die Ereignisse beschleunigen. Anarchisten wĂ€ren nicht in der Lage, innerhalb von etwas zu handeln, das als Verteidigungsorganisation strukturiert ist, da sie nicht bereit wĂ€ren, es in eine Pyramidenstruktur zu verwandeln. An einem radikalen Punkt des Kampfes, wenn sich die Ereignisse ĂŒberstĂŒrzen, wĂ€ren sie gezwungen, ihre Organisation auf den PrĂŒfstand zu stellen, diese zu zerstĂŒckeln und sie wieder in die elementare Form zu bringen, die sie von Anfang an hĂ€tte haben sollen. Ein Großteil der Geschichte des Anarchismus lĂ€sst sich an dieser Optik ablesen: das Scheitern der russischen Revolution, die Umwandlung der spanischen in eine autoritĂ€re, usw.

Viele Anarchisten spielen jetzt die Rolle der Penelope und weben mit dem, was sie kennen, was sie genau in dem Moment aufbringen können, in dem die Ziele, fĂŒr die sie kĂ€mpfen, erreicht werden können. Abgesehen von einigen RandbemĂŒhungen unterscheiden sich die gegenwĂ€rtigen Organisationsformen der anarchistischen Bewegung nicht von jeder anderen Organisation, die weit von der RealitĂ€t des Kampfes entfernt ist. Diese Organisationen mĂŒssen die quantitative Logik akzeptieren, wenn sie nicht anachronistisch (oder elitĂ€r) erscheinen wollen, auch wenn sie wissen, dass eine solche Logik unweigerlich dazu fĂŒhrt, dass sie die Grundprinzipien des Anarchismus verleugnen oder das, was sie gerade aufgebaut haben, völlig zunichte machen.

Wenn man an der Illusion der QuantitĂ€t festhĂ€lt, muss man zwangslĂ€ufig die Rolle der Avantgarde akzeptieren. Dagegen haben AutoritĂ€re nichts einzuwenden. Anarchisten hingegen haben sehr viel dagegen. Leider verwandelt sich dieses „gegen“ die Avantgarde oft in eine sterile Debatte, wobei sich das Argument oft auf den Unterschied zwischen autoritĂ€ren und libertĂ€ren Strukturen bezieht. Dieser Punkt verdient es, weiter ausgefĂŒhrt zu werden.

AutoritÀre Gruppe und libertÀre Gruppe

An dieser Stelle wollen wir auf das Konzept der Gruppe eingehen. Bisher haben wir ĂŒber Organisation gesprochen und verschiedene Organisationen verglichen, die objektiv unterschiedlich sind, die aber alle die Logik der Verteidigung, also der Macht, entlehnen. Diese Organisationen unterscheiden sich in vielen Aspekten, aber sie haben einen grundlegenden Aspekt gemeinsam, nĂ€mlich ihre FĂ€higkeit, von der Macht Gebrauch zu machen. Organisationen fĂŒr ökonomische Verteidigung, politische Verteidigung, reformistische Organisationen und revolutionĂ€re Organisationen sind alle gleich – die Worte sind gleichbedeutend – wenn sie in Formen arbeiten, die außerhalb des Kampfes liegen.

Innerhalb dieser Einheitlichkeit gibt es jedoch einen Unterschied zwischen einer Struktur nach Gruppen und einer Struktur nach Sektionen oder anderen Synonymen, die normalerweise Gewerkschaften und Parteien kennzeichnen. Wenn wir genau hinsehen, können wir einen Schein der RealitĂ€t finden, der zwar immer noch außerhalb der RealitĂ€t des Kampfes liegt, aber den Anspruch erhebt, einen Unterschied zu machen. Die Struktur, die sich aus Gruppen zusammensetzt, betrachtet sich selbst als libertĂ€r und wirft den anderen vor, autoritĂ€r zu sein.

Im Grunde ist es leicht, diesen Vorwurf zu erheben, da er von den Verantwortlichen der autoritĂ€ren Parteien und Organisationen selbst begrĂŒĂŸt wird. In der Tat werden Zentralkomitees, Hierarchien und Ă€hnliche Vorkehrungen nicht verschwiegen, sondern durch eine Reihe von Diskursen ĂŒber die Notwendigkeit des AnfĂŒhrers, die ReprĂ€sentation, eine Übergangszeit und andere Phantasien gerechtfertigt, die hier nicht erwĂ€hnt werden mĂŒssen, weil sie so alt wie die Welt sind.

Andererseits wird eine gruppenorientierte Struktur als die Grundlage jeder libertĂ€ren Organisation angesehen. Das ist richtig, aber wir mĂŒssen wissen, von welcher Art von Gruppen wir sprechen. Nichts hindert autoritĂ€re Organisationen daran, sich auf Gruppen zu stĂŒtzen, oder daran, dass es tatsĂ€chlich autoritĂ€re Gruppen gibt. TatsĂ€chlich sollte die libertĂ€re Struktur nicht als eine typische Gruppenstruktur betrachtet werden, sondern als eine, die von innen heraus charakterisiert ist und sich von den anderen Arten unterscheidet.

Die autoritĂ€re Gruppe hat einen AnfĂŒhrer und eine hierarchische Mikrostruktur. Der AnfĂŒhrer trifft die wichtigsten Entscheidungen, ohne die Gruppenmitglieder zu konsultieren, und trifft sie einzeln und so, dass die anderen nie wissen, wie die nĂ€chste Entscheidung aussehen wird. Diese Situation der Ungewissheit macht es möglich, dass die AutoritĂ€t des AnfĂŒhrers dauerhaft wird, und von Zeit zu Zeit wird er aufgefordert, Aufgaben fĂŒr alle anderen festzulegen. Nichts hindert avantgardistische Organisationen daran, sich auf diese Weise zu strukturieren. DarĂŒber hinaus ist dies in Situationen der KlandestinitĂ€t oft ein ganz normaler Zustand.

Die libertĂ€re Gruppe hat keinen AnfĂŒhrer und verfĂŒgt ĂŒber keine interne hierarchische Struktur. Über die Verteilung der Aufgaben wird kollektiv entschieden. Die Verhaltensweise wird von allen Mitgliedern der Gruppe bestimmt, und die Mitglieder können sich dafĂŒr entscheiden, eine Aufgabe statt einer anderen zu erfĂŒllen, immer im gemeinsamen EinverstĂ€ndnis. Der Zustand der Ungewissheit, der angesichts eines neuen Ereignisses besteht, lĂ€hmt oder traumatisiert niemanden und erfordert auch nicht das Eingreifen eines „Spezialisten“, da jeder Einzelne sich der Situation bereits bewusst ist und bereit ist, sich ihr gemeinsam mit allen anderen zu stellen.

Wenn wir davon ausgehen, dass nur autoritĂ€re Gruppen eine Avantgarde bilden können, mĂŒssen wir uns die Bedingungen ansehen, die eine libertĂ€re Gruppe daran hindern wĂŒrden, eine solche zu bilden.

Nur weil die libertĂ€re Gruppe keinen AnfĂŒhrer hat, heißt das nicht, dass sie nicht in der Lage ist, eine Avantgarde hervorzubringen. Diese einfache Tatsache an sich ist nicht alarmierend, sie wird ernst, wenn die Gruppe in einer Situation außerhalb des Kampfes operiert. Wir wollen sehen, warum.

Wir wollen vor allem sehen, wie sich innerhalb solcher Gruppen AnfĂŒhrer herausbilden. Wir haben gesagt, dass Entscheidungen so offen wie möglich ausgearbeitet werden. Jeder nimmt daran teil. Aber nicht jeder hat das gleiche Niveau der Vorbereitung. Es zeigt sich also, dass sich die Diskussionen in Richtung eines oder mehrerer bestimmter Punkte bewegen, die den Vorstellungen derjenigen entsprechen, die besser vorbereitet sind. Mit anderen Worten, die Mitglieder der Gruppe beginnen sich zu spalten, und zwar nicht aufgrund ihrer eigenen Vorstellungen, die oft recht vage oder oberflĂ€chlich sein können, sondern auf der Grundlage einiger Auslegungslinien, die von den besser vorbereiteten Elementen geliefert werden. Dann kommt es zu einem Übergang von der Polarisierung zur Konzentration, in der Regel weil die Thesen der AnfĂŒhrer (inzwischen erkennbar) eine gewisse Übereinstimmung erreichen, d.h. die Divergenzen werden abgestumpft, um Einstimmigkeit zu erreichen. In extremen FĂ€llen, in denen eine Konzentration der Meinungen nicht möglich ist, kommt es zu einem Bruch und in der Folge zu einer Trennung.

Das Problem der Bildung einer Mehrheit und einer Minderheit oder deren libertĂ€re Entsprechung ist hier nicht relevant. Was uns beunruhigt, ist, dass die Polarisierung der Meinungen auf der Grundlage von Interpretationslinien erfolgt, die von einigen Elementen (einer Minderheit innerhalb der Gruppe) geliefert werden, die von den AnfĂŒhrern gebildet werden. Es sollte hinzugefĂŒgt werden, dass diese Elemente in der Regel diejenigen sind, die die Gruppe am eifrigsten frequentieren, sich an der gesamten Arbeit beteiligen und sich voll engagieren. Das fĂ€llt oft mit einem gewissen Grad an Freiheit von anderen Arten der Arbeit zusammen, die notwendig sind, um zu leben. Ohne auf den Extremfall der revolutionĂ€ren ProfessionalitĂ€t zu verweisen, könnten wir sagen, dass die AnfĂŒhrer von libertĂ€ren Gruppen gewöhnlich GefĂ€hrten sind, denen eine gewisse Zeit zur VerfĂŒgung steht, die sie dem Leben der Gruppe widmen. Die Gruppe nimmt unweigerlich ihre Physiognomie, ihre kulturellen und sozialen Merkmale an, die sie unfreiwillig, aber konsequent selbst auswĂ€hlen.

Das andere große Problem besteht darin, dass es neben der Existenz von FĂŒhrungspersönlichkeiten oft möglich ist, die Existenz von „Problematiken“ zu erkennen, die von denselben in die Gruppe eingefĂŒhrt und dann dem Prozess der demokratischen Kontrolle zur Diskussion vorgelegt werden usw. Auf diese Weise werden die Wahl der Kampfmethoden, die theoretischen Grundlagen und die verschiedenen politischen Positionen außerhalb der Gruppe behandelt, dann wird alles in einem typisch paternalistischen Prozess mit allen GefĂ€hrten besprochen. Die Gruppe wird so fĂŒr die Individuen, aus denen sie besteht, zu einer objektiven, abstrakten Einheit, da ihre Beziehungen nur in die RealitĂ€t einiger von ihnen eindringen. Ein formaler Unterschied im FĂŒhrungsstil innerhalb der Gruppe erweist sich als noch stĂ€rker konditioniert als der autoritĂ€re. Mit anderen Worten, wir haben es mit einer im Wesentlichen autoritĂ€ren Struktur zu tun, die weitaus effizienter ist als die autoritĂ€re Gruppe selbst. Letztere hat immer das Problem, wie die individuelle Unsicherheit zu ĂŒberwinden ist, falls sie in Abwesenheit des AnfĂŒhrers handeln muss. Die libertĂ€re Gruppe hingegen erreicht eine neidische HomogenitĂ€t der Entscheidung, indem sie so handelt, wie wir es gerade gesehen haben, obwohl es auf der subjektiven Ebene wenig zu beneiden gibt.

Die schlimmste Frage, mit der sie sich auseinandersetzen mĂŒssen, ist, wie man Probleme steuern kann, anstatt die Gruppe direkt damit zu konfrontieren. Nun, eine solche Situation ist unmöglich, wenn die Gruppe direkt innerhalb des Kampfes handelt, wenn, wie wir weiter unten sehen werden, eine ganze Reihe anderer Probleme auftauchen. Wenn die Gruppe also in einer externen Organisation agiert, die, wie wir gesagt haben, an die illusorische Perspektive der QuantitĂ€t gebunden ist, wird es unerlĂ€sslich, dass jemand innerhalb der Gruppe die grundlegenden Aufgaben wahrnimmt. Im Gegenteil, wenn die Gruppe im Rahmen von KĂ€mpfen agiert, ist die Funktion des AnfĂŒhrers ganz einfach die der Orientierung aufgrund seiner breiteren Vorbereitung und ZeitverfĂŒgbarkeit, nicht die der Auswahl der zu diskutierenden Probleme.

Diese Unterscheidung ist von grĂ¶ĂŸter Bedeutung. Sie markiert die Wasserscheide zwischen der fiktiven Bewegung und der realen Bewegung.

Die Beziehung zwischen den Gruppen: die vertikale und die horizontale Struktur

Eine Gruppe, insofern sie eine elementare Struktur einer umfassenderen organisatorischen RealitĂ€t darstellt, wĂ€re unbedeutend, wenn sie von anderen Gruppen isoliert bliebe. Sie wĂŒrde alle MĂ€ngel einer externen Organisation enthalten, ohne dass es ihr gelingen wĂŒrde, sich auf ein breiteres Meinungsspektrum auszuwirken.

Wenn sich die Gruppe auf der Grundlage der AffinitĂ€t, die sich aus den Ideen und Meinungen einiger FĂŒhrungspersönlichkeiten ergibt, sowie ihrer geographischen Lage, die ebenfalls einen Einfluss ausĂŒbt, konsolidiert, bedeutet das nicht, dass sie nicht eine breitere organisatorische Basis entwickeln kann. Sie kann Beziehungen zu anderen Gruppen – die nicht allzu weit von ihren eigenen Positionen entfernt sind – auf der Grundlage einiger der von den AnfĂŒhrern vorgebrachten Thesen herstellen.

Diese Beziehungen können vertikal im Falle autoritĂ€rer Gruppen oder horizontal im Falle libertĂ€rer Gruppen zustande kommen. Es ist die horizontale Struktur, die wir hier betrachten wollen, da sie fĂŒr anarchistische Gruppen charakteristisch ist.

Verschiedene Gruppen verbĂŒnden sich oder bleiben auf die eine oder andere Weise in Kontakt und unterstĂŒtzen sich gegenseitig in der minimalen gemeinsamen Absicht, die sich aus einigen wenigen, im Voraus ausgearbeiteten Grundprinzipien und theoretischen Punkten ableiten lĂ€sst. Selbst eine lose Übereinstimmung ĂŒber diese Ideen und Prinzipien reicht aus, um den Fortbestand der horizontalen Struktur zu gewĂ€hrleisten. Keine Gruppe ĂŒberwiegt ĂŒber eine andere, keine Gruppe erhebt den Anspruch, die Funktion des AnfĂŒhrers auszuĂŒben, und keine Gruppe trifft eine Entscheidung bezĂŒglich der anderen, ohne mit dem Rest des Verbandes oder der informellen Vereinigung in Kontakt zu treten, die dann ihre WĂŒnsche Ă€ußern. Sie können auch gemeinsame Instrumente wie Papiere oder Komitees einsetzen. Diese werden von verschiedenen Gruppen oder von einer einzigen Gruppe nach einer Diskussion unter den Delegierten unter Anwendung verschiedener Verfahren (Ratifizierung der Gruppe, Abberufung der Delegierten usw.) bearbeitet oder zusammengestellt, um zu versuchen, die Struktur so weit wie möglich zu gewĂ€hrleisten und sie horizontal zu halten.

Die Dinge sind in Wirklichkeit nicht ganz so. Unvermeidliche Prozesse begĂŒnstigen die Bildung einer Gruppe von AnfĂŒhrern, die die Föderation oder den Zusammenschluss von Gruppen ĂŒbernehmen und sie zur grundlegenden Interpretation der zugrundeliegenden These drĂ€ngen, die ihrer Meinung nach die einzige ist, die fĂŒr alle GefĂ€hrten gĂŒltig ist. Dies wird nicht direkt erreicht. Wie wir gesehen haben, bringt jede Gruppe ihre AnfĂŒhrer hervor, normalerweise einen oder zwei, maximal drei. Sehr oft ist ihre Vorbereitung und VerfĂŒgbarkeit grĂ¶ĂŸer als die der anderen. Auf diese Weise entsteht ein echter AnfĂŒhrer. Wir wissen, wie das Einholen von Meinungen, der Prozess der Entscheidungsfindung innerhalb der Gruppen funktioniert. Das PhĂ€nomen der Polarisierung wird ĂŒberwunden, oft, um zu versuchen, der Gruppe Einheitlichkeit und Zusammenhalt zu verleihen, aber wenn man diese PhĂ€nomene auf eine breitere (geographische) Ebene bringt, treten sie immer wieder auf.

Es kann lehrreich sein, Berichte von Debatten oder Berichte von Delegierten einzelner Gruppen zu lesen, um zu sehen, worĂŒber wir sprechen. Die Polarisierung der Ideen ist ganz offensichtlich. In der Regel sind bei grĂ¶ĂŸeren Treffen nur die FĂŒhrungspersönlichkeiten anwesend, von denen jeder mehr „innerhalb“ der Probleme seiner eigenen Gruppe steht. In den meisten FĂ€llen sind sie es, die die Ideen ausgearbeitet haben, die die Gruppe schließlich sich selbst zugeschrieben hat. Daher gibt es große Meinungsverschiedenheiten ĂŒber das jeweilige Problem, wobei die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass man nie zu prĂ€zisen Schlussfolgerungen kommt.

Gewöhnlich wird ein breites Programm aufgestellt, sei es alt oder neu, mit VorschlĂ€gen, die allgemein genug sind, dass alle damit einverstanden sind. Es wird darauf geachtet, das Programm auf allgemeine Prinzipien zu beschrĂ€nken, da sonst die internen WidersprĂŒche, die die verschiedenen Interpretationen darstellen, unvereinbar wĂ€ren.

Selbst wenn die Struktur horizontal bleibt, wenn der widerrufliche Delegierte versucht, jede Form von ProfessionalitĂ€t zu vermeiden, wenn die Debatte innerhalb der Struktur immer lebendig ist – je weiter sie sich von den verschiedenen Punkten des Kampfes entfernt, desto virulenter wird sie -, bedeutet das nicht, dass spontane Formationen, die nach dem Vorbild einer Avantgarde agieren, nicht auftauchen.

Jetzt haben wir also eine Reihe von Gruppen, die sich in einer Struktur organisieren, die außerhalb des Kampfes liegt. Allein aufgrund dieser Tatsache sehen sie sich selbst als bewusste Avantgarde von etwas, das als Unbewusstes betrachtet wird und deshalb der AnnĂ€herung und KlĂ€rung bedarf. Propaganda und Proselytismus sind fĂŒr diese aufgeklĂ€rte Art von Avantgarde wichtig. Innerhalb letzterer bildet sich durch einen unvermeidlichen Selektionsprozess eine noch eingeschrĂ€nktere Avantgarde, eine Gruppe von FĂŒhrungspersönlichkeiten, die ausgehend von bestimmten Entscheidungen ĂŒber Grundideen und die Interpretation einzelner Probleme handeln, die nicht immer von einer breiteren Basis kommen, sondern oft an bestimmten Orten, d.h. bei Treffen der eingeschrĂ€nkten Avantgarde, ausgearbeitet werden.

Man wird sich so der extremen Spitze eines organisierten Ganzen bewusst, das die Aufgabe ĂŒbernimmt, ein Instrument zu steuern, um auf die eine oder andere Weise auf die Masse einzuwirken.

Was die organisierte Struktur als Ganzes betrifft, so kommt ihre Reduzierung auf eine Avantgarde zustande, weil sie vom wirklichen Kampf losgelöst ist und weil sie von den AnfĂŒhrern, die sie als solche einsetzen wollen, als Instrument betrachtet wird.

Auf den ersten Blick hat es den Anschein, dass es sich dabei eher um autoritĂ€re als um libertĂ€re Strukturen handelt, weil sie, wie gesagt, den Zielen und Absichten der letzteren zuwiderlaufen. Jeder einzelne Militante, der in eine libertĂ€re Gruppe eintritt, trifft eine Wahl, nicht nur auf der Grundlage eines abstrakten Programms, sondern auch, weil er oder sie anders leben will, mit einer Art der Zusammenarbeit, die frei ist von dieser absurden Situation autoritĂ€rer Gruppen, in der nur der oder die AnfĂŒhrer wissen, was zu tun ist, und alle anderen darauf warten, Befehle entgegenzunehmen. Wenn es tatsĂ€chlich dazu kommt, ĂŒbernimmt die RealitĂ€t die Verantwortung dafĂŒr, die Meinungen auf die eine oder andere Weise zu Ă€ndern.

FĂŒr autoritĂ€re Gruppen wird es immer schwieriger, an der klassischen zentralisierten Struktur festzuhalten. Die AnfĂŒhrer rĂ€umen ihren Untergebenen eine gewisse Handlungsfreiheit ein, auch wenn Verdinglichungsprozesse, d.h. die Umwandlung des Organisationsapparates in eine „Sache“, immer im Gange sind und das Verhalten der einzelnen Militanten erheblich beeinflussen.

In libertĂ€ren Gruppen wird, wie wir gesehen haben, die idyllische Situation der maximalen Meinungsfreiheit durch die mangelnde Vorbereitung und die knappe VerfĂŒgbarkeit der meisten Mitglieder erschwert. Aus diesem Grund landet eine gewisse Entscheidungsgewalt in den HĂ€nden einiger weniger AnfĂŒhrer.

Diese Situation ist rein Ă€ußerlich die gleiche wie die erstgenannte. In Wirklichkeit haben wir es mit zwei sehr unterschiedlichen Formen der Degeneration zu tun, die zu unterschiedlichen Konsequenzen fĂŒhren. Im ersten Fall, d.h. in der autoritĂ€ren Struktur, ist der Verdinglichungsprozess derart, dass die einzelnen Militanten so sehr in die Organisation integriert werden, dass es fĂŒr sie unvorstellbar wird, dass letztere einen Fehler machen könnte. Daher stellen sie die Befehle von oben nicht in Frage. Die Struktur muss richtig sein, gerade wegen einiger ihrer internen, ziemlich irrationalen Merkmale. Ihre Reflexion als organisierte Struktur kann nicht falsch sein, da sie dasselbe Leben fĂŒhren wie die Organisation. Sie personifizieren sie in gewisser Weise, indem sie ihr einen menschlichen Anschein geben. Der Personenkult mit all seinen Folgen ist eine logische Schlussfolgerung aus dieser Richtung.

Im zweiten Fall, d.h. in der horizontalen, libertĂ€ren Struktur, tragen Diskussionsmethoden, ein Mindestmaß an Anstand und verschiedene andere Elemente dazu bei, eine Verdinglichung der Organisation zu verhindern. Selbst viele Elemente der Basis, die zu bestimmten Argumenten nichts zu sagen haben, akzeptieren nicht das typisch autoritĂ€re Prinzip, dass die Organisation immer Recht hat. In diesem Fall sollte die AutoritĂ€t der FĂŒhrer richtiger als AutoritĂ€t bezeichnet werden, obwohl die Verwendung eines anderen Wortes nichts an den Folgen des PhĂ€nomens Ă€ndert.

Es sollte hinzugefĂŒgt werden, dass es recht hĂ€ufig einen so genannten Korpsgeist gibt. Die Militanten einer libertĂ€ren Organisation sollten frei von solchen AbsurditĂ€ten sein. Doch die RealitĂ€t zeigt uns, wie oft man von ihnen gefangen genommen wird. Der Militante an der Basis der organisierten Struktur sieht diese in einer bestimmten Weise, die gewöhnlich mit der Sichtweise des AnfĂŒhrers ĂŒbereinstimmt, der sie beeinflusst. Indem er diese Situation einfach akzeptiert, kann er seine Organisation nicht auf der gleichen Ebene wie andere sehen. Er sieht darin etwas Besseres, etwas, das besser zu den Prinzipien passt, von denen er vage das GefĂŒhl hat, dass sie seiner „Wahrheit“ nahe stehen, die fĂŒr den Nichteingeweihten kurz und bĂŒndig kodifiziert sind. Der AnfĂŒhrer ist der Identifikation mit der Organisation noch nĂ€her. Er hat das GefĂŒhl, dass etwas EndgĂŒltiges in ihr steckt, er hat das GefĂŒhl, dass sie ihm in viel grĂ¶ĂŸerem Maße „gehört“, als es der einfache Militante tut. WĂ€hrend fĂŒr letztere die Vermittlung des AnfĂŒhrers notwendig war, ist fĂŒr ihn die Beziehung direkt. Er spĂŒrt das Pulsieren direkt. All dies fĂŒhrt dazu, dass er seiner eigenen Organisation gegenĂŒber Ă€ußerst nachsichtig und anderen gegenĂŒber Ă€ußerst kritisch ist.

Eine irrationale Bewertung der Organisation, der man angehört, kann zu merkwĂŒrdigen Situationen fĂŒhren. Es werden große Anstrengungen unternommen, um eine Struktur zu erweitern, zu vervollkommnen und zu festigen, ohne zu analysieren, ob sie den BedĂŒrfnissen des Kampfes entspricht, in den sie einbezogen werden soll. Es werden alle möglichen Ausreden erfunden, um den Vorrang der internen Arbeit gegenĂŒber der Arbeit außerhalb der Organisation zu verschleiern. Man sagt, es sei nicht der richtige Zeitpunkt, dies oder jenes zu tun, obwohl es immer der Zeitpunkt fĂŒr die Arbeit des internen Wachstums ist, da es immer der Zeitpunkt ist, abzuwarten und sich darauf vorzubereiten, sich gegen die Angriffe der Ausbeuter zu verteidigen. Das Äußere wird nicht mehr als ein Kampffeld, eine spezifische Situation, die analysiert werden kann, oder als die notwendige Bedingung fĂŒr die Verhinderung eines anormalen Wachstums oder einer sterilen Anpassung an die vergangenen Modelle angesehen, sondern nur noch fĂŒr die Suche nach neuen Militanten. Der Proselytismus ist der wichtigste Teil der AktivitĂ€ten der Organisation. In einigen wenigen extremen FĂ€llen wird der Kampf, welcher Kampf auch immer, nicht auf der Grundlage der positiven Folgen gefĂŒhrt, die er in den ausgebeuteten Massen bestimmen könnte, sondern auf der Grundlage der Propaganda, die er fĂŒr die Organisation schaffen könnte. Dadurch wird eine Sackgasse in der Beziehung des Kampfes zwischen Ausbeuter und Ausgebeuteten erreicht. Wenn die Beziehung z.B. das Problem der Abtreibung betrifft, so wird letzteres nicht im Hinblick darauf betrachtet, wie das Problem die Masse der Ausgebeuteten betrifft, sondern nur im Hinblick auf ein quantitatives Ergebnis, und welche negativen Folgen es fĂŒr die Organisation hĂ€tte, in die entgegengesetzte Richtung zu gehen.

AutoritĂ€rer Chef und libertĂ€re AnfĂŒhrer

Der erste stellt sich selbst als konstanten Bezugspunkt auf. Seine AutoritĂ€t bezieht er aus der Position, die er innerhalb der autoritĂ€ren Struktur innehat, eine Position, die er sich – in der Regel – durch totale Hingabe an die Organisation selbst sowie durch seine betrĂ€chtliche Kompetenz und Vorbereitung erworben hat. Er wird als Dolmetscher des Willens der Organisation betrachtet, weshalb er indirekt, da diese als TrĂ€ger der Wahrheit gilt, als Dolmetscher und TrĂ€ger der Wahrheit angesehen wird. Die irrationale Beziehung, die der Zugehörigkeit eines Militanten zu einer autoritĂ€ren Struktur zugrunde liegt, konsolidiert sich in seiner Beziehung zum direkten Kopf. Der indirekte AnfĂŒhrer, der sich selbst an die Spitze der Pyramide stellt, wird dann mit jenen charismatischen Formen ausgestattet, die einen sehr starken irrationalen Inhalt haben. Da es keine Möglichkeit gibt, die GĂŒltigkeit seines Werkes zu kontrollieren, außer durch das Handeln der zwischengeschalteten AnfĂŒhrer, wird das oberste Kopf mehr zu einem Symbol als alles andere, zu einem Symbolspender des Charismas, d.h. der Wahrheit.

An dieser Stelle muss auf den großen Unterschied hingewiesen werden, der zwischen dieser Situation und der konterrevolutionĂ€ren autoritĂ€ren Struktur besteht. Dies ist eine heikle Frage. Objektiv gesehen ist eine autoritĂ€re Struktur immer konterrevolutionĂ€r, weil sie immer versucht, der endgĂŒltigen Befreiung Hindernisse in den Weg zu legen. Aber sie sollte von den Strukturen unterschieden werden, die von den Bossen absichtlich geschaffen wurden, um ihre Ziele zu erreichen. In diesem Sinne, nehmen wir an, eine faschistische Organisationsstruktur fĂŒhrt zu bestimmten hierarchischen Beziehungen, die eine Flucht vor der Freiheit sind, jede einzelne Komponente erfasst das Charisma des Hauptes, weil er Angst vor der Freiheit hat, die er anderswo finden könnte, weil er diese besondere petit bourgeois Lebensvision hat, die ihn dazu bringt, Zuflucht und Trost in den festen Strukturen des Autoritarismus zu suchen. FĂŒr den Faschisten ist die Akzeptanz der autoritĂ€ren Struktur kein ZugestĂ€ndnis, sondern ein StabilitĂ€tspunkt: Sein innerer Konflikt, der typischerweise existentiell ist, wird in der totalen und endgĂŒltigen Delegation, in der Flucht, gelöst. Die andere Möglichkeit, die er vage sieht, die Möglichkeit, frei zu leben, erschreckt ihn, denn das Schema der Tradition, der Familie, der Ehre, der Heimat und anderer solcher AbfĂ€lle erstickt ihn und lĂ€sst ihn die Freiheit als Chaos ohne Regeln sehen, in dem sich am Ende die alten Gespenster, vor denen er immer geflohen ist, die Gleichheit an erster Stelle, vervielfachen wĂŒrden.

Der autoritĂ€re GefĂ€hrte ist ein GefĂ€hrte, der sich bewusst fĂŒr die Freiheit entscheiden will. Er hat keine Angst, im Gegenteil, all sein Handeln zielt darauf ab, mit der Vergangenheit, mit der Tradition zu brechen. Die Akzeptanz der autoritĂ€ren Struktur ist das kleinere von zwei Übeln fĂŒr den Militanten, der sich naiv davon ĂŒberzeugt, dass ohne Opfer nichts Dauerhaftes erreicht werden kann. Aus diesem Grund ist er bereit, das Ă€ußerste Opfer zu bringen, das Opfer seiner eigenen Freiheit. Darin liegt die Tragödie. Ein Mensch, der fĂŒr die Freiheit kĂ€mpft, endet damit, dass er diese in der Illusion opfert, er kĂ€mpfe weiter fĂŒr sie. Selbst die Akzeptanz von Charisma ist immer eine vermittelte Tatsache, die einen Prozess des „Snobismus“, der Selbstherrlichkeit, der kleinen moralischen Erpressung mit sich selbst beinhaltet. Gewöhnlich beginnt er damit, den AnfĂŒhrer als „GefĂ€hrten“ zu sehen und ihn als einen zu akzeptieren, der besser vorbereitet und bewusster ist. Er wĂŒrde niemals einen direkten charismatischen Prozess zugeben. Dann, als er allmĂ€hlich in die autoritĂ€re Struktur absorbiert wird, wird ihm klar, dass jede Möglichkeit einer Kontrolle von der Basis aus minimal ist. Dann kommt der Vorwurf des oberflĂ€chlichen Snobismus. Schließlich nimmt er Befehle entgegen und opfert sich der Struktur selbst, die er als unauflösliches Ganzes mit Freiheit und Wahrheit identifiziert.

Betrachten wir nun die Situation des libertĂ€ren AnfĂŒhrers. Er sollte nicht zu einem Bezugspunkt werden. Wenn er es ist, dann ist das gegen seinen Willen geschehen, als direkte Folge seiner grĂ¶ĂŸeren Freizeit und aufgrund seines grĂ¶ĂŸeren Engagements und seiner besseren Vorbereitung. Was ihn betrifft, so könnte man eher von gebieterisches herrisches Wesen als von AutoritĂ€t sprechen. Man kann ihm nicht vorwerfen, dass er den Willen der Organisation interpretiert, da diese sich aus dem Willen aller Mitglieder zusammensetzt. Da schließlich die Organisation selbst nicht als Verwahrer der Wahrheit betrachtet wird, interpretiert oder verbreitet der AnfĂŒhrer, an den sich einige Militante wenden, in keiner Weise die Wahrheit.

TatsĂ€chlich kommt es innerhalb dieses Schemas zu erheblichen VerĂ€nderungen. Der AnfĂŒhrer wird schließlich zu einem Bezugspunkt, sonst wĂ€re die Meinungsvielfalt innerhalb der Struktur enorm und wĂŒrde es fast unmöglich machen, eine Entscheidung zu treffen. Auch diese Organisation wird von den Militanten schließlich auf deformierte, irrationale Weise als „ihre Organisation“ angesehen, und zwar allein deshalb, weil sie sie als die Organisation gewĂ€hlt haben, die zwar nicht TrĂ€gerin der Wahrheit ist, der sie aber mit ziemlicher Sicherheit nĂ€her kommt als jede andere. Folglich kann der AnfĂŒhrer, auch wenn er nicht der Dolmetscher oder WahrheitstrĂ€ger ist, in gewisser Weise als etwas Ähnliches angesehen werden, als ein GefĂ€hrte, an den man glauben kann, so sehr, dass man seine Schlussfolgerungen akzeptiert, auch wenn man sie nicht ganz begreift. All dies geschieht in der Hoffnung, dass es auch uns in Zukunft gelingen wird, klar zu sehen, um den GefĂ€hrten, der vorerst als Bezugspunkt dient, in eine angemessene kritische Dimension zu bringen. Hinter diesem Warten auf bessere Momente, in denen wir alle Zeit haben werden, in denen unsere Vorbereitung genauer und detaillierter ist, verbergen sich auch Verzicht und Entgegenkommen. Hinter ihr verbirgt sich die Akzeptanz einer Situation, die nur sehr schwer zu Ă€ndern ist und auf die wir als solche nicht wirklich eingehen wollen.

Dann ist da noch die Frage der Beziehung zwischen den AnfĂŒhrern. Ein weiteres heikles Problem. Wenn der Zusammenprall zwischen autoritĂ€ren AnfĂŒhrern aufgrund der RĂ€nge, die innerhalb der vertikalen Struktur aufgebaut werden, als selbstverstĂ€ndlich angesehen wird, sollte man von libertĂ€ren AnfĂŒhrern nicht dasselbe sagen können. Sie haben auch Meinungsverschiedenheiten, befinden sich im Gegensatz zu denen, die von ihrem eigenen Standpunkt abweichen, mĂŒssen organisatorische Hindernisse ĂŒberwinden, die durch die verschiedenen Tendenzen verursacht werden, aber die Mittel, auf die sie zurĂŒckgreifen können, sollten anders sein.

Im Gegenteil, man sieht oft, dass die eingesetzten Mittel gar nicht so unterschiedlich sind. Der libertĂ€re AnfĂŒhrer kann sich die Vorherrschaft ĂŒber die von ihm vertretene Tendenz nicht entgehen lassen, ohne zu riskieren, dass die Tendenz selbst verneint und das VerhĂ€ltnis zu dem Teil der Basis, den er vertritt, verzerrt wird. Es könnte ein Hinweis auf eine Beziehung des Austauschs oder der gegenseitigen Beeinflussung zwischen Basis und AnfĂŒhrer innerhalb der umfassenderen organisierten Struktur bestehen. Das Ă€ndert nichts an der Tatsache, dass das genaue Interesse des AnfĂŒhrers, selbst ein libertĂ€res, diese Beziehung zu besiegeln und sie vor dem Einfluss anderer Tendenzen zu schĂŒtzen vermag, die die Klarheit seiner eigenen Position bedrohen könnten.

Daher der Zusammenstoß mit anderen AnfĂŒhrern. Eine Vorstellung von der IntensitĂ€t der Auseinandersetzung vermittelt der Ansturm auf AuftrĂ€ge und Aufgaben, die innerhalb der Organisation zu erledigen sind. Daran Ă€ndert sich nichts, weil diese AuftrĂ€ge unbezahlt sind und eine betrĂ€chtliche Arbeitsbelastung und ErmĂŒdung mit sich bringen: Sie werden durch Einfluss und SoliditĂ€t belohnt. Man könnte sagen, je weiter die TĂ€tigkeit eines AnfĂŒhrers innerhalb der Organisation entwickelt wird, desto klarer und weniger angreifbar wird sein Bezugspunkt.

Man sollte jedoch nicht verallgemeinern. In der libertĂ€ren Organisationsstruktur ermöglicht die Bildung von Militanten, dass ein stĂ€ndiger Gedankenaustausch im Umlauf ist, der dazu fĂŒhrt, dass sich ausgrenzende Tendenzen sich herauskristallisieren. Der GefĂ€hrte oder die GefĂ€hrten, die sich mit dieser kristallisierten Tendenz identifizieren, schaffen dann, selbst wenn sie mit bestimmten Instrumenten wie Papieren, Reviews, Komitees und anderen Dingen in Kontakt bleiben, am Ende immer noch ein Vakuum um sich herum.

Die libertĂ€re Organisation, selbst diejenige, die am weitesten vom Kampf entfernt ist, kann nicht daran scheitern sich den Problem der Ziele und Methoden zu stellen. Und die Diskussion ĂŒber Methoden fĂŒhrt dazu, dass innerhalb der Organisation Beziehungen geschaffen werden, die eine Debatte ermöglichen, die, obwohl sie manchmal steril ist, in anderen Organisationen oft zu unerwarteten Ergebnissen fĂŒhrt.

Es muss hinzugefĂŒgt werden, dass die GefĂ€hrten in der libertĂ€ren Organisation aus freien StĂŒcken dabei sind. Im Allgemeinen bedeutet die Zugehörigkeit zu einer libertĂ€ren Organisation, auch wenn sie recht unklare Perspektiven hat, Risiken, Opfer, das Bewusstsein fĂŒr diese Risiken und Opfer und eine ziemlich klare Bewertung der GrĂŒnde, die eine solche Entscheidung bestimmt haben. Auf jeder Ebene sind anarchistische Militante unbestreitbar Militante, die Entscheidungen treffen und jeden Zweifel an Positionen oder Tendenzen, die (zumindest ihrer Meinung nach) nicht ganz haltbar sind, in Frage stellen können. Diese Tatsache, die oft Anlass zu Auseinandersetzungen, endlosen Diskussionen, Spaltungen und Konflikten zwischen den Tendenzen gibt und als Schwachpunkt des Anarchismus angesehen wurde, ist in Wirklichkeit einer der Punkte, die seine StĂ€rke und VitalitĂ€t ausmachen. Eine stumpfe Einheitlichkeit wĂŒrde jede lebhafte Tendenz zugunsten des grauen Willens der Gewinnerseite zunichte machen.

Ein Versuch, die Charakterstruktur des libertÀren Militanten zu untersuchen

Die anarchistische Methodologie gibt uns vage ein Modell fĂŒr eine bestimmte Art von Militanten. Meistens wird dieser Hinweis nicht aus der RealitĂ€t der Intervention im Kampf gewonnen, sondern aus einer Idealisierung des Kampfes.

DarĂŒber hinaus ist es möglich, die Entwicklung dieses Modells im Laufe der Geschichte der libertĂ€ren Bewegung und die tiefgreifenden VerĂ€nderungen, die seit 1968 stattgefunden haben, nachzuvollziehen.

Die Definition hat prĂ€zise Merkmale: eine kohĂ€rente Wahl der Mittel, um die Ziele der Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit zu erreichen; das Eingreifen in die Schnelligkeit der sozialen KĂ€mpfe; die Weigerung, dem ökonomischen Faktor bei der Entwicklung des Konfliktes zwischen Ausgebeuteten und Ausbeuter Vorrang einzurĂ€umen; die Erhebung einer befreienden Kultur, um sich der bourgeoisen UnterdrĂŒckungskultur entgegenzustellen; Optimismus; Glaube an den Menschen und seine angeborenen Gaben; eine a priori Ablehnung von Doktrinen; Anwendung der empirischen Methode „versuche es und versuche es noch einmal“; spezifische Aufforderungen zum sozialen Konflikt im Handeln mit Mitteln jeder Art (aufstĂ€ndisch-gewalttĂ€tig oder pazifistisch-erzieherisch).

Dieser Rahmen ist nicht vollstĂ€ndig, aber er gibt die groben Konturen einer Perspektive vor, die in der Praxis nicht verwirklicht werden kann. Aus den sozialen WidersprĂŒchen und dem sozialen Kampf hervorgegangen, sind anarchistische Militante nicht nur Produkte ihrer Zeit, sie wĂ€ren unbedeutende Automaten, wenn sie ihr Handeln auf abstrakte Prinzipien stĂŒtzen wĂŒrden, ohne sie mit den Erfordernissen ihrer Intervention in der RealitĂ€t in Beziehung zu setzen.

Es darf nicht vergessen werden, dass einer der wichtigsten Punkte des Anarchismus gerade in seiner Sorge um Ethik liegt, und diese wĂŒrde verschwinden, wenn man versuchen wĂŒrde, die widersprĂŒchliche VitalitĂ€t des Individuums zugunsten eines von der Geschichte und ihren Ereignissen losgelösten Idealismus auszulöschen. Wenn die StĂ€rke des Anarchismus in seiner Methodologie liegt, ist in diesem Rahmen eine große Handlungsfreiheit möglich. WĂŒrde man die Hauptregeln des Anarchismus in Zehn Geboten diktieren und jeden hinauswerfen, der nicht die Absicht bekundet, sie bis ins kleinste Detail genauestens zu befolgen, und wĂŒrde man interne Normen und ausgeklĂŒgelte Verhaltensregeln betonen, die darauf abzielen, Ideen zu verwirren oder Konflikte zu schaffen, hĂ€tte man am Ende eine Minderheit von RevolutionĂ€ren mit sehr begrenzten Wahlmöglichkeiten. Dieses Charaktermodell ist gekennzeichnet durch eine netto Unterordnung des eigenen GlĂŒcks, der eigenen Interessen und des BedĂŒrfnisses nach einem Privatleben unter die Ziele der Organisation und der Revolution. Durch die Verfestigung des Bezugsmodells werden die Menschen starr, die Persönlichkeit fĂ€llt an zweiter Stelle. Die abstrakten Ideale von Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit werden als wichtig genug erachtet, um die Selbstvergessenheit zu rechtfertigen, die Annullierung jeglichen Anreizes gegenĂŒber dem Andersartigen (was am Ende als bourgeois gilt und verurteilt wird).

Wenn sie sich einmal dem starren Grundmodell angepasst haben, wĂ€ren diese GefĂ€hrten zweifellos bereit, jedes erdenkliche Opfer fĂŒr das Ideal zu bringen, sogar ihr eigenes Leben, aber sie wĂŒrden den kalten Schleier der Trennung zwischen sich selbst, dem Ideal (jetzt „ihr Ideal“) und anderen GefĂ€hrten fallenlassen, d.h. sie wĂŒrden dazu kommen, den ĂŒbereinstimmenden und kollektiven Prozess, den die Ausarbeitung des revolutionĂ€ren Modells impliziert, zu leugnen. Ihr Ziel wĂŒrde darin bestehen, das Modell, das sie im Bereich der Analyse herauskristallisieren konnten, in der SphĂ€re der RealitĂ€t anzuwenden, ohne mögliche individuelle oder gruppenbezogene Unterschiede zu berĂŒcksichtigen. PhĂ€nomene wie die Entstehung eines so genannten „objektiven Bewusstseins“ wĂŒrden an die OberflĂ€che kommen und zu Misstrauen, Intoleranz und ExklusivitĂ€t fĂŒhren.

Wir betrachten diese Extremsituation hier nur, um auf die Gefahren einer Kristallisation eines anarchistischen Interventionsmodells hinzuweisen. In Wirklichkeit muss ein solches Modell unserer Meinung nach das Ergebnis einer stĂ€ndigen Ausarbeitung, ÜberprĂŒfung und Modifizierung durch alle GefĂ€hrten sein, immer innerhalb der grundlegenden methodologischen Perspektive, d.h. der richtigen Wahl der Mittel zur Erreichung der Ziele von Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit.

Die spezifische historische VerĂ€nderung hat verschiedene Arten von Militanten hervorgebracht. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass sich der Charakter der französischen GefĂ€hrten, die bis 1890 im Kampf gegen die Reaktion engagiert waren, stark von dem der anarchosyndikalistischen GefĂ€hrten unterschied, die spĂ€ter versuchten, den Kampf um die Forderung nach besseren Bedingungen anzusprechen, in der Überzeugung, dass dies immer noch in einer revolutionĂ€ren Perspektive stattfand. Genauso wie es keinen Zweifel daran geben kann, dass zwischen den spanischen GefĂ€hrten der FAI und den italienischen GefĂ€hrten Ă€hnlicher Organisationen tiefgreifende Unterschiede bestanden. Das Gleiche gilt fĂŒr die deutschen GefĂ€hrten, die in Amerika zur Arbeit gingen und diejenigen, die zu Hause blieben, fĂŒr die englischen GefĂ€hrten in London und die schottischen GefĂ€hrten usw. Das „Modell“, das Ravachol vorschlug, ist nicht dasselbe wie das, das Henry vorschlug, noch ist es dasselbe wie das, das Bonnot vorschlagen sollte. Obwohl es im Grunde genommen im Bereich der IllegalitĂ€t bleibt, treten tiefgreifend andere Merkmale zutage, die zu unterschiedlichen Analysen und Tendenzen fĂŒhren.

Es ist auch möglich, Unterschiede auf der Ebene der Sprache zu sehen. Die Sprache der anarchistischen Schriften von 1880 bis 1895 in Frankreich unterscheidet sich von der zwischen 1895 und 1914. Der Stil von Galleani unterscheidet sich von dem Malatestas, ist aber dem von Cipriani und Ciancabilla sehr Àhnlich.

Die Vielfalt und BlĂŒte der Modelle seit 1968 ist noch grĂ¶ĂŸer.

Die Entwicklung der Kulturanalyse, die Ausweitung der revolutionĂ€ren LektĂŒre, das französische PhĂ€nomen des Mai ‘68, die schnellere Verbreitung von Ideen, der Zusammenbruch der traditionellen UniversitĂ€tsstrukturen, die Krise der heiligsten Werte der bourgeoisen Welt (Wissenschaft, ProjektionsfĂ€higkeit, Heilsamkeit, IntegritĂ€t) haben einen raschen Wandel bewirkt. Wer sich nicht an die neue Ära anpasst, ist am Ende veraltet und ineffizient. Das Fortbestehen des alten Schemas, selbst durch sehr berechtigte GefĂ€hrten, ist ein Zeichen dafĂŒr, dass es schwierig ist, das Modell biegsam zu machen, aber man geht auf jeden Fall weiter und entwickelt neue Interventionslinien. Inmitten von GegensĂ€tzen und kolossalen Fehlern, inmitten von Intuition und Versuchen interner Repression kommt es zu einer tiefgreifenden kulturellen VerĂ€nderung der anarchistischen Weltbewegung. So entsteht eine neue Art von Militanten, die sich noch in der Ausbildung befindet, die die Rhetorik wie die Pest meidet und sich nur auf wenige Punkte konzentriert, dies aber deutlich tut.

Die neuen anarchistischen Militanten fĂŒgen sich in die libertĂ€re Tradition ein, aber gleichzeitig versuchen sie mit aller Kraft, den kulturellen Beitrag der revolutionĂ€ren Linken sowie die kulturellen Modelle der Bourgeoisie zu beachten. Dadurch haben sich viele WidersprĂŒche aufgetan, aus denen tiefe theoretische Spaltungen entstanden sind, die jedoch sehr positiv sind und den Kreis einer kulturellen Abschottung durchbrechen, der mit ĂŒberholten analytischen Modellen geendet hatte. Im Grunde genommen mĂŒsste man, wenn man eine kurze Bestandsaufnahme des theoretischen GepĂ€cks des Anarchismus der fĂŒnfziger Jahre, vor allem in Italien, machen wĂŒrde, zugeben, dass einige der alten Modelle (revolutionĂ€rer Syndikalismus, malatestianische Kritik, gorianischer Humanismus, spĂ€t-bakuninistischer Kollektivismus, kropotkinischer Determinismus) zu einer akritischen Rhetorik geworden sind. Auch Modelle, die direkter vom Handeln beeinflusst sind, wie die ethische und strategische Bewertung des bewaffneten Kampfes, sind von dieser kulturellen Atrophie beeinflusst worden. Die Aktionen von Sabate und Facerias wurden akritisch isoliert, oft gelobt, oft verurteilt, ohne dass die darin enthaltene Botschaft in Form eines konkreten Vorschlags an die GefĂ€hrten jenseits einer Mythisierung bewaffneter Aktionen um ihrer selbst willen entstehen konnte.

Betrachten wir einige Beispiele, die durch diese kulturelle VerkĂŒmmerung versteinert wurden, so mĂŒssten wir auf den Sorel des Mythos des Generalstreiks (hinter dem revolutionĂ€ren Syndikalismus), der Malatesta der letzten Jahre (beeinflusst durch den Humanismus von Gori), den Kropotkin der Ethik und der modernen Wissenschaft und Anarchie (sowie ein wenig der gegenseitigen Hilfe) hinweisen. Das wĂŒrde ein direktes Eingreifen in die RealitĂ€t bedeuten, die versucht, die syndikalistischen Modelle wiederzubeleben, die jetzt entschieden in eine reformistische und autoritĂ€re Richtung, eine Logik des Wartens und naturalistische und deterministische ethische Diskurse ausgerichtet sind.

Der plötzliche Bruch der revolutionÀren Kultur (auch die autoritÀre Belastung) mit bestimmten Schemata der Vergangenheit (z.B. die plötzliche Ablehnung des crocanischen Historismus und die unmittelbar-akritische Akzeptanz des Marxismus) hat betrÀchtliche Reflexe hervorgerufen, auch innerhalb der anarchistischen Bewegung, die sich mit Themen und Problemen auseinandersetzte, die zuvor unter der Asche einer schlecht verdauten Rhetorik verborgen waren.

Es ist die ethische Frage, die uns hier interessiert. Nicht die der SchulbĂŒcher, sondern die des VerhĂ€ltnisses zum Leben, die Frage, mit der alle Militanten konfrontiert sind, die in einer Gesellschaft von Ausbeutern und ParvenĂŒs, ausgebeutet und nachgiebig, traumatisch die Erfahrung machen, Anarchist zu sein. Und wenn Anarchisten gleichzeitig das bourgeoise Modell und das autoritĂ€r-kollektivistische Modell der Marxisten und Stalinisten ablehnen, stehen sie am Ende vor dem Problem einer sozialisierten Persönlichkeit in einer personalisierten Gesellschaft, einer Entwicklung der totalen Selbstverwaltung der Person in einer Gesellschaft, die den Menschen nicht erdrĂŒckt, sondern ihn erhebt und ihm die Möglichkeit bietet, ein kohĂ€rentes Leben zu fĂŒhren.

Das Projekt eines Militanten also, der die Schwierigkeiten nicht vor sich selbst verbirgt, der nicht auf einen riesigen Apparat von Phrasen und GemeinplĂ€tzen zurĂŒckgreift, der sich in der Tat fast scheut, Parolen und eine einheitliche Sprache zu verwenden, der sich zwingt, sich fĂŒr die Befriedigung der globalen BedĂŒrfnisse der Gesellschaft wie auch der Einzelpersonen und Gruppen einzusetzen. Es ist das Problem der Partizipation, der Öffnung und der Beziehung zu anderen, der Ablehnung des Parteiapparates, der Ablehnung der bourgeoisen Ideologie des bourgeoisen Bewusstseins.

Die Debatte hat sich vom Zusammenprall zwischen Individuum und Organisation, den Rechten des Individuums und denen der spezifischen Organisation (der revolutionĂ€ren syndikalistischen oder einfach revolutionĂ€ren Art) entfernt. Sie betrifft nun die Autonomie der Persönlichkeit des Militanten in einer Dimension der kollektiven Verantwortung, innerhalb des Prozesses des Wachstums des sozialrevolutionĂ€ren Bewusstseins, der nicht sich selbst ĂŒberlassen werden kann.

Als sich die vorherrschende Ideologie dem ökonomischen Fortschritt (zwischen den fĂŒnfziger und sechziger Jahren) anpasste, entstand ein Antikonformismus, der versuchte, einige der traditionellen Modelle des politischen Kampfes zu ĂŒberdenken. Dann, mit den VerĂ€nderungen in der Machtstruktur selbst, dem wirtschaftlichen RĂŒckfluss und dem Eintritt der reformistischen KrĂ€fte der Linken in die herrschende Klasse, wird der Antikonformismus verantwortungsbewusster: Die LebensqualitĂ€t steht der quantitativen Reduzierung des Klassenkonflikts entgegen. Der Anreiz des Individuums, der ethische Anreiz, kommt zu dem materiellen hinzu mit seiner partiellen Analyse einer Gegenmacht, die durch eine bestimmte Machtkultur (Politikwissenschaft und ihre Negation) konditioniert worden war: die Politik beginnt einen neuen Öffnungsprozess zu leben.

Diese tiefgreifende Erneuerung ist auch Teil einer globalen Krise der Werte der spĂ€tkapitalistischen Gesellschaft. Es lĂ€sst sich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob der Niedergang der Konsumstrukturen Ursache oder Wirkung dieser Krise ist, die eine große Zahl von Menschen dazu veranlasst hat, ihr Urteil aufzuheben und eine Art „Klammer“ zu öffnen, ein Leben, das das Angebot des Kapitals ablehnt. In dieser Welt, die gleichzeitig nicht mehr von dieser Welt ist, ist diese „Klammer“ nicht mehr auf eine Elite beschrĂ€nkt, sondern ein MassenphĂ€nomen, das zu groß ist, um ignoriert zu werden.

Auch der Anarchist ist heute durch all dies konditioniert. Es ist gut und schön zu sagen, dass Anarchisten nicht „perfekt“ sind, sie sind keine „seltsamen“ Wesen von einem anderen Planeten, die im Besitz der Wahrheit sind und in der Lage sind, die richtigen Antworten und Methoden zu finden, um in jeder Situation einzugreifen. Ebenso wenig sind sie die Monster der Gewalt und des Terrors, als die sie von einer bestimmten Presse im Dienste der Bosse dargestellt werden. Nichtsdestotrotz sind sie nicht die „EnthĂŒller“ der Wahrheit. Und genau aus diesem Grund können wir, soweit wir wissen, zum ersten Mal versuchen, den Charakter der anarchistischen Militanten der letzten Jahre zu umreißen, zumindest innerhalb der Grenzen der Erfahrungen in europĂ€ischen LĂ€ndern, in denen die Bewegung heute eine gewisse Bedeutung hat: Italien, Frankreich, Spanien (spanische Emigration), Deutschland, England. Wenn wir den Anarchismus als eine klar definierte, kristallisierte Doktrin betrachten wĂŒrden, mĂŒssten wir zu dem Schluss kommen, dass Anarchisten als solche geboren werden und dass jeder, der fĂŒr Anarchie „fĂŒhlt“, entweder in irgendeiner anarchistischen Föderation eingeschrieben ist und „Es lebe Bakunin“ ruft oder ĂŒberhaupt keine BĂŒcher liest und auf die NegativitĂ€t der Kultur schwört.

Im Gegenteil, wenn wir Anarchismus als die theoretische und praktische Erfahrung sehen, die mit einer prĂ€zisen Methodologie in sozialen KĂ€mpfen zu bestimmten Zeiten entsteht, sehen wir anarchistische Militante als MĂ€nner und Frauen ihrer Zeit, die von vorherrschenden Ideen – und den spezifischen Methoden des Anarchismus – beeinflusst sind und sich an KĂ€mpfen gegen die herrschende Klasse beteiligen. Je widerspruchsreicher die Epoche ist, desto deutlicher wird die Krise der Machtstruktur und desto mehr werden die Instrumente, die einst ausschließlich den revolutionĂ€ren KrĂ€ften gehörten, von der Macht zur UnterdrĂŒckung eingesetzt. Je verwirrender die RealitĂ€t wird, desto mehr werden anarchistische Methoden zu einer relevanten Perspektive. Das ist weder absolut noch selbstverstĂ€ndlich, wir mĂŒssen die Dinge ĂŒberprĂŒfen, damit der Kampf gegen die Macht richtig organisiert werden kann und nicht aus der revolutionĂ€ren Schlacke der Vergangenheit wieder aufersteht.

Anarchisten sind also auch Menschen, die die WidersprĂŒche ihrer Zeit leben. Ihr Charakter kann sich den Folgen nicht entziehen. Ihre Persönlichkeit wird am Ende Gastgeber eines entscheidenden Konflikts zwischen dem asketischen Aspekt des RevolutionĂ€rs sein; Verleugnung, Zustimmung und dem ethischen Aspekt des Individuums, der sich der Autonomie und der Organisation der Gesellschaft im egalitĂ€ren Sinne öffnet, da er die Grenzen und die Notwendigkeit einer progressiven AnnĂ€herung sieht. Es ist viel einfacher, in die RealitĂ€t einzugreifen und sie zu verĂ€ndern, so begrenzt die Aktion auch sein mag, als in die RealitĂ€t einzugreifen, sie zu verĂ€ndern und dabei sich selbst zu verĂ€ndern.

Wenn dem ersten Aspekt des Konflikts mehr Raum gegeben wird, haben wir eine Art von Intervention in die RealitĂ€t, die zur Bildung einer Avantgarde fĂŒhrt. In der zweiten Hypothese wĂŒrden wir ein Wachstum der anarchistischen Bewegung direkt, in der RealitĂ€t des Kampfes sehen, mit der möglichen Bildung von spezifischen Organisationen, die Ausdruck dieser RealitĂ€t in KĂ€mpfen sind, in denen es fĂŒr sie schwierig wĂ€re, zu einer Avantgarde zu werden.

Dies scheint uns das wichtigste Problem zu sein, dem wir uns stellen mĂŒssen. Es handelt sich um ein komplexes Problem, da der Übergang von der Dimension des Individuums zur kollektiven Dimension nicht nur durch die Organisationsformen, sondern auch durch die Ziele gekennzeichnet ist, die die Organisation sich selbst, den Menschen, aus denen sie sich zusammensetzt, usw. gibt. Wenn die Tendenz, die wir als „asketisch“ definiert haben, aufgrund einer Rationalisierung des Konflikts zur Bildung einer Avantgarde fĂŒhren kann, kann die Tendenz, die wir mit gleicher Vorsicht als „ethisch“ definiert haben, aufgrund einer Abstraktion des Konflikts infolge der quantitativen Illusion den gleichen Fehler begehen.

Der Konflikt zwischen der TotalitÀt und dem einzelnen Teil

Wir sollten gleich sagen, dass wir mit der Unterscheidung zwischen der „asketischen“ und der „ethischen“ Tendenz nicht implizieren, dass der moralische Aspekt bei der ersteren nicht vorhanden ist. Dies ist ein grundlegender Aspekt der anarchistischen Methodologie (wie wir gesagt haben): Die Wahl der Mittel, die wir einsetzen, wirkt sich unwiderruflich auf die Ziele aus, die wir erreichen.

Es muss hinzugefĂŒgt werden, dass das Problem der Gewalt nicht durch eine Diskriminierung der beiden Tendenzen gelöst werden kann. Ein Vergleich wie „asketisch“ = Gewalt, „ethisch“ = Gewaltlosigkeit macht keinen Sinn. Immer auf der Grundlage des anarchistischen Prinzips, das sich weigert, dass „der Zweck die Mittel heiligt“, kann Gewalt legitimerweise zur Befreiung eingesetzt werden, ohne als zweideutiger moralischer Relativismus angesehen zu werden.

Es versteht sich von selbst, dass man im Zusammenprall mit der Macht, in der Revolution, oft gezwungen ist, sich zwischen dem grĂ¶ĂŸeren oder kleineren Übel zu entscheiden. Soll und Haben gibt es, auch in der Ethik. Aber die kontingenten Faktoren, die manche Fehler erklĂ€ren, dĂŒrfen niemals zu einer moralischen Rechtfertigung anarchistischen Handelns erhoben werden.

Die Wirklichkeit, mit all ihren Nuancen, Komplikationen und WidersprĂŒchen, spiegelt sich in der widersprĂŒchlichen Persönlichkeit des Menschen und folglich auch im Anarchisten wider. Wir sehen also, dass die anarchistische Methodologie durch Analysen genĂ€hrt und modifiziert wird, die verschiedene Instrumente einsetzen, von der Intuition Einzelner, die sich zu einer einzigen Handlung entschließen, bis hin zu einer Organisation, die auf die sie umgebende RealitĂ€t einwirkt.

Aber der Anarchist, der seine Methodik mit Sorgfalt anwendet und die widersprĂŒchlichen Aspekte erkennt, bewirkt VerĂ€nderungen in der RealitĂ€t, die sowohl Ursache als auch Wirkung der daraus resultierenden WidersprĂŒche sind.

Dennoch ist es nicht leicht zu erkennen, wo im Konflikt die RealitĂ€t endet und der Schein beginnt. Es ist nicht leicht, die Menschen von ihren Ideologien zu trennen, und dies kann zu dem Versuch fĂŒhren, bestimmte Interventionsebenen zu isolieren, indem man sie von den ideologischen Prozessen trennt, die sie bedecken. Wir hören oft LobgesĂ€nge auf das „Tun“, die, in der besten Hypothese, naiver Romantizismus sind. Das „Tun“ kann nicht autonom sein, d.h. es kann sich nicht allein rechtfertigen.

Die Mittel zum Selbstzweck zu machen, entsprĂ€che dem asketischen Exzess des RevolutionĂ€rs, und wenn es sich dabei (im Rahmen des destruktiven Prozesses) auch um ein durchaus rationales PhĂ€nomen handelt, da es den Konflikt zwischen totalem und partiellem zu netzförmig zerschneidet. Sie leugnet letzteres und bejaht ersteres, tarnt aber beide Pole des Konflikts und macht so die Unterscheidung problematisch. Es handelt sich um den Extremfall einer bewaffneten Minderheit, die durch bestimmte Prozesse des Konflikts radikalisiert wurde, die einerseits auf ihre Strategie, aber auch und vielleicht vor allem auf die Entscheidungen der Macht zurĂŒckzufĂŒhren sind. Reale Motivationen, spezifische Tendenzen zwischen Individuen und gesellschaftlichen Gruppen werden zugunsten einer akritischen Überhöhung des Konflikts, des Wertes der bewaffneten „Tat“, des Angriffs und der Eindeutigkeit des Willens außer Acht gelassen. Der Militante wird durch objektive Konsequenzen deformiert, und wĂ€hrend dies geschieht, denkt er, dass er die Situation in der Hand hat. Er wird zum Profi, schließt die Außenwelt in den erstickenden Rahmen des Frontalzusammenstoßes ein und erhebt aus dieser Perspektive den Anspruch, den Rest der RealitĂ€t zu beurteilen. Wieder einmal spiegelt die ideologische Entfremdung (die immer vorhanden ist) eine grundlegende Entfremdung wider. Dann, konkret, erfordern die Erfordernisse des Zusammenstoßes selbst diese operativen Reduzierungen. Sie taucht wieder in die Logik der Arbeitsteilung ein, der sie sich nicht entziehen kann, da es nicht möglich ist, vor einer solchen Dimension zu fliehen, wenn ein entschieden revolutionĂ€rer und globalisierender Akt des Bruchs ausbleibt. Das Ă€ndert nichts an der Tatsache, dass die Radikalisierung existiert und logisch begrĂŒndet ist, wir wollten gerade „notwendig“ sagen, ebenso wenig wie es etwas daran Ă€ndert, dass sie unterstĂŒtzt werden sollte, wenn es auf der anderen Seite der Barrikade Polizisten und all ihre verschiedenen Komplizen gibt. Aber das kann uns nicht das Recht verwehren, nachzudenken und zu kritisieren. Und die restriktive Dimension, die Dimension, die in der Restriktion TotalitĂ€t will, d.h. die (theoretisch) TotalitĂ€t anstreben kann, gerade weil sie die Welt und all ihre Taten auf eine Taschendimension reduziert hat, ist zu kritisieren. Die Avantgarde, die daraus hervorgeht, ist so ehrgeizig wie eh und je. Je grĂ¶ĂŸer die Risiken bei der Beschaffung von Mitteln sind, desto leichter können sie zum Selbstzweck werden. Auf diese Weise bewegt sich die Avantgarde in die Richtung, sich von ihren eigenen Zielen unabhĂ€ngig zu machen, ja sie sogar zu ersetzen.

Ein Hindernis fĂŒr eine Revolution ist die Tatsache, dass die Avantgarde, wenn sie der RealitĂ€t begegnet, sich nicht als Mittel betrachtet, sondern ihre eigenen Ziele vorzieht. Diese stehen in keiner Weise im Einklang mit den allgemeinen Zielen der Revolution, d.h. der endgĂŒltigen Befreiung des Menschen.

Wir mĂŒssen unterscheiden zwischen dem Modell der Avantgarde, das wir hier betrachten, und dem klassischen Modell, das der Marxismus vorschlĂ€gt. FĂŒr die Marxisten fungiert die Avantgarde als Vermittler zwischen den unmittelbaren und den historischen Interessen der Arbeiterklasse. Das Paradoxe ist, dass diese Avantgarde die Interessen der Klasse interpretieren muss, deren Entwicklungsbedingungen sie schaffen muss. FĂŒr die asketische Art der revolutionĂ€ren Avantgarde gibt es nicht das Problem der „Vermittlung“, sondern nur das der „Aktion“. Erst wenn sich der Zusammenstoß durch die Reaktion der Macht entwickelt hat, kann man von einer wirklichen Koagulation der avantgardistischen Formen sprechen, mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen (Umwandlung in einen militĂ€rischen FlĂŒgel, die Deformation zur ProfessionalitĂ€t, usw.).

Doch unserer Meinung nach ist dies nicht der heikelste Punkt des Konflikts zwischen TotalitÀt und dem einzelnen Teil. Viel radikaler ist das zugrunde liegende Problem, der Konflikt innerhalb des Militanten als Individuum.

Das Aufeinanderprallen von TotalitĂ€t und einzelnem Teil ist fĂŒr den Militanten, der sich im Kampf engagiert, stets prĂ€sent, und das prĂ€gt auf lange Sicht seinen Charakter zutiefst. Er deformiert seine Lebensauffassung bis zu dem Punkt, an dem er sich – bisweilen angesichts großer Wahnvorstellungen – weigert, die RealitĂ€t zu akzeptieren. Wir sehen das Ausmaß des Problems in dem qualvollen Schrei Cafieros oder in den schmerzhaften Schriften Coeurderoys.

Die Revolution ist ein globalisierendes Konzept des menschlichen Einsatzes. Sie ist TotalitĂ€t. Sie erlaubt kein gemeinsames Eigentum, kein Gemeinschaftsleben und keine Kompromisse. Der anarchistische Kampf ist die höchste Anerkennung des Prinzips der realisierbaren TotalitĂ€t bei gleichzeitiger Wahrung des Wertes des Individuums, ein Zusatz von großer KomplexitĂ€t, da er sich weigert, revolutionĂ€re Mittel als Selbstzweck zu betrachten. In diesem Fall wird die TotalitĂ€t kristallklar, schillernd. Alles geht auf sie zu, das eigene Ich, die Familie, die Zuneigung, die Gewohnheiten, die Hoffnungen.

Aber all das (so großartig es fĂŒr den Einzelnen auch klingen mag, es ist immer noch sehr klein) brennt bald in dem immensen Ofen der revolutionĂ€ren TotalitĂ€t aus. Und so will man schnell handeln, um einen Prozess zu beschleunigen, der seine eigene Zeit braucht und in seinem eigenen Tempo ablĂ€uft. Wir beginnen zu spĂŒren, wie es auf uns lastet, als ob wir es auf unseren Schultern tragen mĂŒssten.

Dann sind wir gezwungen, vor dem unerbittlichen Tribunal der Einseitigkeit zu stehen. Wachstum messen, Entfernungen abschĂ€tzen, Beziehungen betrachten, Perspektiven aufzeigen. Wir beginnen, dem Tempo der Ereignisse mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Wir beginnen, uns zu retten, uns auf den langen Weg vorzubereiten, der vor uns liegt. Wir möchten, dass wir unsere Revolution ewig leben, aber wir sind uns bewusst, dass wir die TotalitĂ€t nicht innerhalb der Grenzen unserer WĂŒnsche einsperren können, und am Ende geben wir der Sorgfalt und der Strategie nach. Wir stellen fest, dass wir nicht allein sind, dass vor uns und unserem Befreiungsprojekt die Massen (die nicht unbedingt bereit sind, sich selbst zu befreien) und die Macht stehen. In voller Evidenz und revolutionĂ€rem Mysterium steht vor uns eine widersprĂŒchliche, aber bestĂ€ndige Beziehung zwischen TotalitĂ€t und einzelnem Teil, Traum und RealitĂ€t, Ideal und strategischem Projekt.

Einige, die die TotalitĂ€t in eine engere Dimension einschließen, asketisieren ihre Intervention. Sie hĂŒllen sich in einen Mikrokosmos ein, den sie als solchen erkennen, den sie ins Unendliche fĂŒhren wollen, indem sie ihn perfektionieren und behaupten, dass er in der Lage sei, alle Bedingungen der revolutionĂ€ren TotalitĂ€t in einem reduzierten Maßstab zu reproduzieren. Durch diese Verkleinerung versuchen sie, ein „Modell“ vorzuschlagen, ein Beispiel, einen Bezugspunkt zu geben, so dass viele andere „kleine“ TotalitĂ€ten entstehen, die alle zusammen in der Lage sind, eine so große TotalitĂ€t zu bilden, dass sie sich der endgĂŒltigen annĂ€hert. Auf die eine oder andere Weise fĂŒhrt diese Entscheidung dazu, dass sich die Avantgarde in sich selbst schließt. Über ihre Kriminalisierungspraktiken wird die Macht den Rest erledigen.

Andere, die das Konzept der Voreingenommenheit voll und ganz akzeptieren, stehen langen ZeitrĂ€umen, d.h. der quantitativen Messung, positiv gegenĂŒber. FĂŒr diese GefĂ€hrten wird das grundlegende Tun zum grundlegenden Denken. Die Beziehung zur Masse wird erzieherisch und rĂŒckt in das Besondere, das Spezifische. Die Verbindung mit der TotalitĂ€t, die auf der Grundlage einer mehr oder weniger globalisierenden Analyse hergestellt wurde, wird rein theoretisch. Auf diese Weise wird die quantitative Degeneration der ethischen Tendenz geboren, so wie es im vorhergehenden Fall eine qualitative Degeneration der asketischen Tendenz gab. Obwohl diese Positionen unterschiedlich sind (die erste offen, die zweite geschlossen), sind beide kritikwĂŒrdig.

Die RevolutionÀre Entfremdung

„RevolutionĂ€re Entfremdung“ ist das Bewusstsein fĂŒr den Kontrast zwischen TotalitĂ€t und einzelnem Teil. Es ist der Ekel vor dem Letzteren vereint mit der Möglichkeit des Ersteren, was zu einer Form der Entfremdung fĂŒhrt, die angesichts der VerĂ€nderung des Systems als extremes Unbehagen empfunden wird.

In gewisser Weise sind wir mit einem PhĂ€nomen konfrontiert, das dem so genannten „unglĂŒcklichen Bewusstsein“ Ă€hnelt, das aus einer unangemessenen Reaktion auf die eigene Klassensituation resultiert. Nur, wĂ€hrend das unglĂŒckliche Bewusstsein vor allem ein GefĂŒhl des Unbehagens vor einer Klassenverschiebung ist, der man sich am Ende entfremdet fĂŒhlt, ist die revolutionĂ€re Entfremdung die letzte Bruchstelle in diesem Prozess. Es ist das Bewusstsein, die TotalitĂ€t nicht verwirklichen zu können, in dem BemĂŒhen um die TotalitĂ€t etwas zu verlieren, was unserer Meinung nach der einzig mögliche Weg zur Revolution ist.

Wir befinden uns vor einer tiefgehenden Krise der „menschlichen“ Bedeutung des revolutionĂ€ren Wesens, vor einem Sich-Selbst-Als-„Ding”-Empfindens. Dieser Prozess der Verdinglichung vollzieht sich im Zusammenprall zwischen dem Fortbestehen der Einteiligkeit und der stĂ€ndigen Wiederkehr des BedĂŒrfnisses nach TotalitĂ€t.

Dies ist nicht die „Krise“ des Bourgeois, der an der SĂ€ttigung eines Lebensstils zerbricht, der fĂŒr ihn bewusst mit fabrizierten BedĂŒrfnissen und Stimuli aufgebaut wurde, die in den Laboratorien der Macht untersucht wurden. Es ist nicht die Krise des konsumistischen Wohlbefindens, der Langeweile und des ferngesteuerten Handelns, einer stĂ€ndigen Wiederholung des programmierten Wandels.

Es ist nicht die Aussetzung der Beteiligung oder des Urteils, die Zuflucht in eine aristokratische Dimension der Reflexion oder die Macht des Intellekts, der das Universum der eigenen Gedanken reguliert und sich selbst tÀuscht, dass man die Welt reguliert. Es geht nicht darum, sich von den Dingen der Wirklichkeit zu trennen, um sich auf die Suche nach der perfekten utopischen Gesellschaft zu begeben, durch Zahlen, Verse oder die bevorzugte Ikaria.

Es ist keine „gesteuerte“ UmwĂ€lzung in einer RealitĂ€t, die mit Hilfe irgendeines Vehikels (Drogen oder was auch immer) in der Schwebe gehalten wird, die der Wirkung des Massenprodukts entsprechen kann oder tatsĂ€chlich die Wirkung eines Massenprodukts sein kann, das einer Mode oder einer Werteskala folgt, die das System selbst nicht mehr aufrechterhalten kann.

Es ist keine Entfremdung im marxistischen Sinne des Wortes, der Verlust von etwas, das uns gehört, in erster Linie das soziale Produkt, denn nur durch das Produkt unserer Arbeit erkennen wir uns als Menschen. Es ist nicht die Entfremdung des Arbeiters, die in einer bestimmten Weise vor der erzwungenen Perspektive reagiert, die ihm das Produktionssystem bietet.

Die Entfremdung, von der wir hier sprechen, ist ein Mangel an etwas, (ein Prozess der allgemeinen Entfremdung), aber auch ein Mangel an sich selbst, dem Selbst, das sich mit der revolutionĂ€ren TotalitĂ€t identifiziert. Es ist genau diese Perspektive (TotalitĂ€t), die einen Ausweg aus der allgemeinen Form der Entfremdung bietet, ohne darĂŒber hinaus die Gefahr, dass die Entfremdung durch die Frustration des BedĂŒrfnisses nach revolutionĂ€rer TotalitĂ€t wieder auftaucht, vollstĂ€ndig zu vermeiden.

Wenn der entfremdete Arbeiter seine Entfremdung erkennt, wird er sich ihrer bewusst und ĂŒberwindet sie. Auf diese Weise tritt er in die revolutionĂ€re Perspektive ein. Diese kann wie eine Tonne Ziegelsteine auf ihn fallen, wenn er nicht in der Lage ist, das zu erfĂŒllen, was die Abwesenheit der primitiven Entfremdung ihm aufzwingt: die vollstĂ€ndige Befreiung und die Verwirklichung der revolutionĂ€ren TotalitĂ€t. Auf diese Weise riskiert die eigentliche Befreiungsperspektive, sich in eine weitere Form der Entfremdung zu verwandeln, nĂ€mlich in die des Mangels an TotalitĂ€t.

FĂŒr anarchistische RevolutionĂ€re ist diese Situation weitaus gravierender. Da sie weder das Charisma des AnfĂŒhrers noch der Organisation haben, haben sie nichts, woran sie sich festhalten können. Die Bewertung ihrer eigenen Arbeit ist wenig hilfreich; mit einer einfachen Überlegung können sie sie in der Perspektive der revolutionĂ€ren TotalitĂ€t auf den zweiten Platz stellen. Wenn sie versuchen, etwas an ihrer Situation falsch zu sehen und sich so davon zu ĂŒberzeugen, dass ein kleiner eingeschlossener Teil der Wirklichkeit der Mikrokosmos ist, der die TotalitĂ€t hervorbringt, verwandeln sie sich in einen avantgardistischen Mechanismus und verdinglichen die Entfremdung bis zu dem Punkt, dass sie sie nicht mehr sehen können, so wie es in der Phase der primitiven Entfremdung vor dem Erwachen des Bewusstseins geschah. Auf diese Weise verdinglichen sie ihre eigene Entfremdung, indem sie die Lösung der Parteilichkeit akzeptieren (Analysen und lange Interventionszeiten).

Tatsache ist, dass die revolutionÀre Entfremdung nicht einfach eine Beziehung ist, der etwas fehlt (TotalitÀt), sondern auch das Bewusstsein dieses Mangels. Mit anderen Worten, es ist nicht nur die Erkenntnis, dass etwas fehlt, es ist auch die Erkenntnis, auf das Letztere nicht verzichten zu können.

Kommen alle im revolutionÀren Kampf engagierten Anarchisten zu dieser Schlussfolgerung? Darauf gibt es keine einfache Antwort.

Sicher ist, dass, wenn Anarchismus die Verweigerung von AutoritĂ€t ist, er auch eine kritische Reflexion ĂŒber die Grundbedingungen des Lebens und aller sich daraus ergebenden WidersprĂŒche ist. In gewisser Weise ist es ein Charakteristikum von Anarchisten, dass sie auf diese WidersprĂŒche eingehen, da es fĂŒr autoritĂ€re RevolutionĂ€re seltsam wĂ€re, sich dieser Entfremdung durch das enge Geflecht der Parteistruktur, in der sie sich bewegen, bewusst zu werden. Aber wenn diese Entfremdung eine Folge der kritischen Auseinandersetzung mit der RealitĂ€t ist, sollte sie nicht als etwas Negatives betrachtet werden, sondern als ein notwendiger Schritt, eine schwierige Phase, die es zu ĂŒberwinden gilt. Zusammenfassend lĂ€sst sich sagen, dass sie nicht das Vorzimmer des revolutionĂ€ren Engagements ist, sondern das Ergebnis davon, die Konsequenz davon. Es ist nicht einmal die endgĂŒltige Lösung, die letzte Mauer, von der man sich zurĂŒckziehen und Selbstmord begehen kann, sondern der Übergang zu einer weiteren Phase der Vertiefung des eigenen Wissens und der Erlangung von Reife.

Bevor man weitergeht, ist es notwendig, die Bedingungen dieser besonderen Art der Entfremdung zu untersuchen.

Der Prozess beginnt mit dem absoluten Wert, der dem Individuum gegeben wird. Jeder Vorschlag, letzteres der revolutionĂ€ren Strategie oder gar der revolutionĂ€ren TotalitĂ€t zu opfern, wird abgelehnt. Der Einsatz kann total sein, kann bis zur vollstĂ€ndigen Hingabe und zum Tod gehen, kann aber niemals die Annullierung des Individuums erreichen. Anarchisten, die fĂŒr die Revolution sterben, lehnen den Wert des Individuums nicht ab, im Gegenteil, sie betrachten dieses im höchsten Maße als das Opfer, das zu einer Gesellschaft fĂŒhrt, in der Opfer unmöglich sind, einer befreiten Gesellschaft. Bei all ihrer Öffnung gegenĂŒber dem Kampf, bei all dem kollektiven Handeln, das sie spĂŒren und zu ihrem eigenen machen, verlieren sie nie die individuelle Dimension.

Die Entfremdung kommt zu ihnen, wenn sie erkennen, dass sie nur durch die Akzeptanz einer schlimmeren Form der Entfremdung (der primitiven Art oder der der zentralisierten Macht) in der Lage sein werden, der Gefahr zu entgehen, das Projekt der Befreiung des Individuums verschwinden zu sehen. TatsĂ€chlich gelingt es dem Individuum unter den Bedingungen der primitiven Entfremdung zumindest teilweise, sich selbst zu verwirklichen, wenn auch in deformierter (entfremdeter) Weise. Aber Anarchisten wollen die vollstĂ€ndige Verwirklichung des Individuums und wollen dies in der gesellschaftlichen Perspektive der totalen Befreiung. Sie befinden sich in einer schweren Krise, die sich aus dem Gegensatz zwischen Individuum und TotalitĂ€t ergibt. Das Eintreten in eine Teildimension wĂŒrde viele Aspekte dieser Krise heilen, aber eine andere entfremdete Form reproduzieren, nĂ€mlich die Avantgarde.

Entfremdung wird erst dann zu einem entscheidenden Faktor, wenn man sich der Entfremdung bewusst ist. Und dies ist eine Folge des Willens des Einzelnen, sich in einer Situation der Pattsituation zu bewegen, in der es keinen Ausweg gibt, der zu einer Überlegung ĂŒber die andere Möglichkeit fĂŒhrt, die bewusste Verweigerung der TotalitĂ€t als unmittelbares Ziel. Je grĂ¶ĂŸer dieses Bewusstsein ist, desto mehr wird sich das Individuum fĂŒr andere Möglichkeiten öffnen.

Aber das einfache Bewusstsein, zu erkennen, dass man sich in einer „Krise“ befindet, könnte das Individuum dazu bringen, alles zu opfern, um letztere in kĂŒrzester Zeit zu ĂŒberwinden. Die Intoleranz gegenĂŒber einer Situation der Unsicherheit kann jemanden, der es gewohnt ist, sein Handeln zu radikalisieren, zu extremen Lösungen drĂ€ngen. Wenn die TotalitĂ€t zu einer „Krise“ fĂŒhrt, wenn es dieses Ziel ist, das das revolutionĂ€re Projekt verdirbt, indem es die destruktive Ordnung umstĂ¶ĂŸt, die man sich als deterministisch fortschrittlich vorgestellt hat, mĂŒssen wir diesen Gegenpol abschneiden. Dazu wird es notwendig, ihn zu unterbewerten, ihm vorzuwerfen, er sei utopisch, ein Hirngespinst, unbegrĂŒndet, deformierend, petit bourgeois. Der letzte Vorwurf ist genau dieser letzte. Alles, was uns Ă€rgert, wird zu einem Produkt der bourgeoisen Ideologie und ihrer betriebswirtschaftlichen BuchfĂŒhrung. Ein Produkt der Waren und ihrer Verdinglichung.

Aber wenn man so handelt, merkt man, dass man viel verliert. Eine Zeit lang ist man davon ĂŒberzeugt, dass man das Problem gelöst hat, dann taucht es wieder auf. Die Perspektive der revolutionĂ€ren TotalitĂ€t ist das, was die QualitĂ€t der Revolution enthielt, ihr befreiendes Wesen. Die QualitĂ€t ist das einzige, was uns in jedem Augenblick, in dem wir progressiv handeln, das GefĂŒhl der TotalitĂ€t der Befreiung vermitteln kann. Nur QualitĂ€t kann uns dazu bringen, den letzten Moment zu leben, den wir niemals sehen werden, den wir aber dennoch prĂ€sent fĂŒhlen mĂŒssen, wie einen Reflex, der uns erlaubt zu wissen, wo wir sind. Und diese QualitĂ€t ist oft phantastisch, utopisch. Sie lĂ€sst sich nur sehr schwer mit Quantifizierung in Verbindung bringen. Indem wir fĂŒr die revolutionĂ€re TotalitĂ€t kĂ€mpfen, begreifen wir die QualitĂ€t der Revolution und lassen sie in unseren Aktionen wieder aufleben, in den kleinen Dingen, die allmĂ€hlich ein fortschrittliches GefĂŒhl der Befreiung entwickeln. Aber all das bringt uns auch Entfremdung, Unbehagen, Leid.

Wenn wir leiden, erinnern wir uns mit einem GefĂŒhl des Verlusts an die Dinge der Vergangenheit. Man könnte dies als Nostalgie nach primitiver Entfremdung sehen. Die Welt der Verdinglichung kann ein netter kleiner Hafen im Sturm sein, und mit diesem RĂŒckwĂ€rtsgehen schließt sich der Kreis des Leidens: mit Schrecken stellen wir fest, dass Entfremdung darin besteht, nicht etwas sein zu wollen, was man sein könnte, aber an sich bedeutungslos ist; und nicht etwas sein zu können, was man sein möchte, was an sich alles bedeutet.

Man braucht nicht zu denken dass diese Hinweise, zu einer detaillierte Revision von Individualismus, Personalismus oder voluntaristischem Rationalismus auffordern. Sicherlich ist das, was wir ĂŒber die Abenteuer der Person (die Verwandlung der Maske) wissen, zu wenig um ĂŒber diese etwas auszusagen; und dieses wenige ist Frucht des bourgeoisen Irrationalismus (Existenzialismus, PhĂ€nomenologie, etc.). Es wĂ€re viel mehr Vertiefung nötig, und es ist nicht möglich, hier darauf einzugehen. Es ist wichtig zu verstehen, dass wir uns mit dem VerhĂ€ltnis zwischen Individuum/KollektivitĂ€t befassen. Schmerzhafte WidersprĂŒche entstehen bei anarchistischen Militanten nicht deshalb, weil sie Individuen sind, sondern weil sie Individuen sind, die ihren eigenen Wert und den der Masse als zwei Werte anerkennen, die im Gegensatz zueinander stehen, die aber nicht durch den einen fĂŒr den anderen ersetzt werden können.

Wenn die revolutionĂ€re Spannung daraus entsteht, dass die Revolution ein allumfassendes Projekt ist, ein Projekt, das die LebensqualitĂ€t aufhebt und den Anspruch erhebt, diese vollstĂ€ndig zu verwandeln, entstehen besondere WidersprĂŒche aus der Notwendigkeit fĂŒr den einzelnen Anarchisten, eine korrekte Beziehung zur Masse herzustellen, um zu vermeiden, dass er einen einzelnen Aspekt seiner Entscheidung allein durchfĂŒhrt um sich auf diese Weise nicht durch die eigene Entscheidung betrogen zu fĂŒhlen.

Die revolutionĂ€re Entscheidung umfasst das Lebens des Einzelnen in seiner Gesamtheit, indem sie sich im Element der LebensqualitĂ€t dieses Lebens widerspiegelt. Daher die Möglichkeit der Verwirklichung der Gesamtheit der Revolution (und damit auch die Gesamtheit des Lebens). Aber: die revolutionĂ€re Entscheidung ist nicht etwas Abstraktes wofĂŒr man sie als eine „Möglichkeit“ oder eine „Notwendigkeit“ bezeichnen könnte aus der Perspektive desjenigen, der sie lebt. Sie ist real, sie fĂŒhrt zu tiefgreifenden VerĂ€nderungen im Individuum und ist in diesem Sinne „notwendig“. Aber um eine solche zu sein, muss sie ĂŒber die „Möglichkeit“ hinausgehen, d.h. sie muss verwirklicht werden. Wenn letzteres nicht durch einen konstanten Einsatz verwirklicht wird, wird es nie zu einer Notwendigkeit werden. Hierin liegt das Drama: Es ist der Kampf, der zur Aufhebung der AnnĂ€herungen fĂŒhrt, die einen diesen notwendigen Aspekt der revolutionĂ€ren Entscheidung entwickeln lassen, was alle entfremdenden Konsequenzen bestimmt.

Aber Möglichkeit und Notwendigkeit gehen nicht Hand in Hand. Möglichkeit zieht persönlichen Einsatz mit sich und kann sogar bis zur Notwendigkeit gehen, aber nur als eine AnnÀherung an etwas, als die Identifizierung eines Ziels. Die Notwendigkeit als solche, als bewusster Ort der tiefgreifenden Verwandlung der LebensqualitÀt, kommt von der Masse, von dem, was die Masse produziert. Genauer gesagt, die Notwendigkeit kommt aus der Selbstorganisation der Masse.

Man kann sich in die Verschwörungen der revolutionĂ€ren Möglichkeit in die Unendlichkeit einwickeln. Man kann von aufstĂ€ndischen ZusammenstĂ¶ĂŸen trĂ€umen oder ĂŒber langfristige Bildungsprojekte bis zur Erschöpfung phantasieren, sogar bis zur UnertrĂ€glichkeit und VerĂ€rgerung. Ohne dabei die Dimension zu erreichen, in der die Möglichkeit in der Notwendigkeit geklĂ€rt wird, d.h. die Anerkennung der Notwendigkeit dieser KlĂ€rung, die Anerkennung des einzig gĂŒltigen Weges, nĂ€mlich dem der Selbstorganisation der Masse.

Wenn wir einen Blick auf diese Perspektive werfen, wird die Unzahl der Möglichkeiten, die Möglichkeit einer wahrscheinlichen Lösung einer sich nĂ€hernden TotalitĂ€t fĂŒr uns unertrĂ€glich. Es braucht Zeit, um diese Möglichkeit zu erkennen, und genau daran mangelt es uns. Jetzt wollen wir laufen. Wir wollen, dass die TotalitĂ€t, von der wir einen Blick erhascht haben, Wirklichkeit wird. Wir wollen, dass das, was wir uns erwarten, Wirklichkeit wird. Diese Situation hat kein Ventil im gegenwĂ€rtigen Aspekt des Leidens. Es ist ein intimer Riss, ein Widerspruch, der – wenn man darĂŒber nachdenkt – der Reflex des Klassenfaktors ist, mit noch grĂ¶ĂŸerem Bewusstsein, noch mehr Leid. Und weil der Prozess des Bewusstseins an das Leiden wegen des Klassenrisses gebunden ist, an die Entstehung einer echten Krankheit, kann dieser nicht beseitigt werden.

Betrachten wir einen Moment lang die andere Form der Entfremdung, die bekanntere. Es handelt sich um eine objektive Tatsache, d.h. um das Ergebnis der Entfremdung von etwas (dem sozialen Produkt der eigenen Arbeit). Mit dem Erwachen des Bewusstseins (gesteigertes Bewusstsein) gewinnt man auch ein Bewusstsein der Entfremdung. Der Mechanismus zur Korrektur der Situation des Leidens, das sogenannte Klassenbewusstsein, hĂ€tte keinen Sinn oder wĂ€re eine rein objektive Tatsache, wenn er nicht auch die Möglichkeiten einschließen wĂŒrde, die sich daraus ergeben. Auf dieser Ebene wirken religiöse RĂŒckstĂ€nde, die dieses Klassenbewusstsein auf die Suche nach vermittelten Lösungen drĂ€ngen, wie z.B. auf die Suche nach FĂŒhrung. Das kann offensichtlich nicht als eine Korrektur der Situation des Leidens gesehen werden, sondern lediglich als dessen „Umschichtung“.

Andere Schwierigkeiten treten auf anderen Bewusstseinsebenen auf. Das Verweigern des AnfĂŒhrers entspricht in gewisser Weise der Verweigerung des Vaters. Die Selbstorganisation der KĂ€mpfe erfordert a priori die Verweigerung, die Verantwortung fĂŒr KĂ€mpfe auf jemanden oder etwas abzuwĂ€lzen. Es ist immer der Grad des Bewusstseins, der wĂ€chst.

Die Entwicklung dieses Bewusstseins im Individuum fĂŒhrt zu dem, was wir unter den oben untersuchten Bedingungen als revolutionĂ€re Entfremdung bezeichnet haben. Die Entwicklung der Selbstorganisation der KĂ€mpfe bestimmt ein vorĂŒbergehendes GefĂŒhl des Unbehagens, des Leidens, der Mutlosigkeit in der Masse, das mit dem der revolutionĂ€ren Entfremdung auf einer anderen Ebene verglichen werden kann.

Aber wĂ€hrend es aus der Sicht des Individuums nur eine Abfolge von Möglichkeiten und ein beunruhigendes BedĂŒrfnis nach revolutionĂ€rer TotalitĂ€t gibt, gibt es aus der Sicht der sich selbst organisierenden Masse eine fortschreitende Identifikation mit einem BedĂŒrfnis, das ihr selbst deutlich wird. In diesem Fall ist Leiden und Unbehagen die Entdeckung von etwas, das existiert, egal wie klein, nicht von etwas, das werden wird, denn alles, was in die Zukunft projiziert wird (ausgehend von der Notwendigkeit der Gegenwart), ist lediglich quantitatives Wachstum.

Das Leiden des Individuums kommt also aus einem Mangel an QualitĂ€t (revolutionĂ€re TotalitĂ€t), einem Mangel, der eine unendliche Reihe von Möglichkeiten bietet, die sich auf die Notwendigkeit der Selbstorganisation der Masse projizieren. Auf der anderen Seite erfĂ€hrt die Masse ein AufwĂŒhlen, ein Unbehagen, ein wirkliches Leiden, weil sie beginnt, die Tatsache der Selbstorganisation zu entdecken.

Diese doppelte Situation des Unbehagens charakterisiert das „menschliche“ Feld des revolutionĂ€ren Kampfes und liefert uns den SchlĂŒssel zur Lösung des Problems der Avantgarde. Bevor man sich dieser letzten Frage stellt, ist es notwendig, die strukturelle Beziehung zu klĂ€ren, die zwischen Individuum, Minderheit und Masse besteht, und die Spannung zu untersuchen, die sich daraus ergibt.

RevolutionÀre Spannung

Individuelle AktivitĂ€t kann nicht als etwas Autonomes gesehen werden, von dem ausgehend die RealitĂ€t durch die Organisation des Kampfes denkbar wird. So etwas wie eine HomogenitĂ€t der Absicht gibt es nicht. Wenn man die Haltungen und AktivitĂ€ten des einzelnen Individuums beobachtet, kann man die RealitĂ€t nicht einfach durch eine begleitende Handlung rekonstruieren. Deren WidersprĂŒchlichkeit ist weitaus komplexer als die des Individuums und wird darĂŒber hinaus von unterschiedlichen Strukturen getragen. WĂ€hrend das Individuum durch das Bewusstsein seiner selbst die revolutionĂ€re Möglichkeit und die Notwendigkeit der revolutionĂ€ren TotalitĂ€t (also die Entfremdung und ihre Aufhebung in revolutionĂ€rer Spannung) erreichen kann, erreicht das zweite Individuum durch Selbstorganisation direkt die revolutionĂ€re Notwendigkeit, so dass das Wachstum eines ersten noch so kleinen Kerns/Zelle bereits die revolutionĂ€re TotalitĂ€t zur Disposition steht.

Wir haben es mit Tendenzen zu tun, die in zwei verschiedene Richtungen gehen und sich vielleicht nie treffen werden, zumindest im Sinne der Beseitigung von Differenzen und der Schaffung einer befreiten RealitĂ€t jenseits der RealitĂ€t der KĂ€mpfe. TatsĂ€chlich ist die andere Begegnung, die des AnfĂŒhrers und der Partei mit der Minderheit an der Spitze als GedĂ€chtnis und revolutionĂ€res Reservoir der Masse, keine wirkliche Begegnung, sondern die Verleugnung des eigentlichen Konzepts der Begegnung vom revolutionĂ€ren Standpunkt aus.

In der Tat ist die revolutionĂ€re TotalitĂ€t, die neue Gesellschaft, deterministisch gesehen nicht sicher. Vielleicht wird es den Obskurantisten immer gelingen, sich durchzusetzen und das revolutionĂ€re Projekt zurĂŒckzudrĂ€ngen, den Fortschritt zu zerstören und die Barbarei wiederherzustellen. Dieser Hinweis auf PrekaritĂ€t und InstabilitĂ€t findet sich auch in den revolutionĂ€ren Spannungen wieder, was ein stĂ€ndiges BemĂŒhen um Bewertung, ÜberprĂŒfung und PrĂ€zision erforderlich macht.

Das Vorhandensein und die Entwicklung selbstorganisierter Kampfformen reichen nicht aus, um die endgĂŒltige Lösung der Theorie in der Praxis, ihre Vereinheitlichung in der befreiten Gesellschaft zu garantieren. Es handelt sich lediglich um eine Tendenz, die in diesem Konzept das tiefe GefĂŒhl des Leidens einbezieht, das sich aus dem Entstehen neuer Kampfformen ergibt. All dies erzeugt einen Zustand der Spannung, der Unruhe in der Bewegung der Ausgebeuteten. Neue KrĂ€fte entstehen, neue BedĂŒrfnisse entstehen, Ideale und Idole der Vergangenheit werden zerstört.

Die Spannung in der Bewegung der Ausgebeuteten entsteht aus dem Bewusstsein der Diskrepanz zwischen dem, was man theoretisch ist, und dem, was man in der Praxis verwirklicht. Dieser Widerspruch berĂŒhrt die Bewegung zutiefst und setzt oft einen Teil von ihr gegen den anderen Teil frei, wodurch sie das Spiel der KrĂ€fte der Macht spielt. Aber diese Spannung ist lebenswichtig, sie ist die wesentliche StĂ€rke der Koordination fĂŒr die Zukunft. Aus ihrem Inneren heraus explodieren die destruktiven und kreativen FĂ€higkeiten der Revolution.

Auch die anarchistische Minderheit trĂ€gt einen tiefen Riss in sich. Die Starrheit des geschlossenen Modells, das als Reproduktion der revolutionĂ€ren TotalitĂ€t angesehen wird, lĂ€uft Gefahr, ihm die QualitĂ€t der Revolution, d.h. die neue LebensqualitĂ€t, zu nehmen. Nur wenn sie diesen Verzicht akzeptiert und der quantitativen Illusion zum Opfer fĂ€llt, wird es ihr gelingen, die intime Spannung, die sie plagt, zum Schweigen zu bringen. Damit zerstört sie aber auch den Sinn ihres eigenen revolutionĂ€r-anarchistischen Projekts, indem sie jeden wirklichen Kontakt zu den Massen abbricht. Nicht nur das, ihre Militanten leben als Individuen, die sich der revolutionĂ€ren Möglichkeit bewusst sind, da sie (wissentlich) aus der revolutionĂ€ren TotalitĂ€t herausgeschnitten sind, persönlich eine andere Spannung, die umso mehr empfunden wird, als sie das Leben eines jeden berĂŒhrt. Diese andere Spannung kann nicht mit quantitativen Spielen, globalisierenden Analysen oder Erinnerungen des Proletariats befriedigt werden. Sie muss sich in einer anderen, noch umfassenderen Spannung identifizieren, nĂ€mlich der der Masse selbst. Entweder akzeptiert die Minderheit, die Spannung der einzelnen Individuen, aus denen sie sich zusammensetzt, zu leben, wĂ€hrend sie gleichzeitig die Spannung der Masse lebt, oder sie ist dazu verurteilt, eine Avantgarde zu bleiben und als solche fĂŒr alle sich daraus ergebenden Konsequenzen verantwortlich zu werden.

Das Bewusstsein der revolutionĂ€ren Spannung ist das erste Anzeichen dafĂŒr, ĂŒber die Entfremdung hinauszugehen.

FĂŒr die Bewegung der Ausgebeuteten drĂŒckt sich dieses Bewusstsein in einer organischeren Suche nach der Selbstorganisation der KĂ€mpfe aus. Was einst im individuellen Verhalten der atomisierten Verteidigung gegen UnterdrĂŒckung und Ausbeutung verloren ging, eine individuelle Reaktion, um das durch den integrativen Prozess des Kapitalismus ausgelöschte Leben neu zu bewerten, wird nun zu einem quantifizierenden Projekt. Die Bewegung der Ausgebeuteten beginnt, sich eine autonome Struktur zu geben, sie beginnt, neue innere Beziehungen und Verbindungen zu suchen. In dieser Forschung und Verwirklichung wird Spannung zur Konstruktion. Die Theorie nimmt immer mehr Gestalt an und beginnt der Praxis immer mehr zu Ă€hneln.

FĂŒr die anarchistische Minderheit ist das Bewusstsein der revolutionĂ€ren Spannung ein Zeichen der Reife. Sie befreit sich allmĂ€hlich von der quantitativen Illusion, sich als TrĂ€ger der „Wahrheit“, als „Àußere“ Kraft, als „Erinnerung“ zu fĂŒhlen. Dies ist nur unter der Bedingung möglich, dass die innere Spannung abgebaut wird, dass die einzelnen Militanten die revolutionĂ€re Beziehungsmöglichkeit als Ganzes sehen, gegen die Entfremdung gekĂ€mpft haben und in einer persönlichen Spannung darĂŒber hinausgehen können. Letztere taucht nun auf der Ebene einer Minderheit wieder auf, um ihren Platz in der weiteren Spannung der Bewegung der Ausgebeuteten zu finden, der einzigen Dimension, in der es möglich ist, einen konstruktiven Weg zu einem quantitativen Wachstum zu finden.

Die Lösung des Problems der Avantgarde

Abschließend können wir die Avantgarde als einen Platzhalter, ein Nachgeben gegenĂŒber dem revolutionĂ€ren anarchistischen Projekt definieren. Jetzt können wir sehen, dass die Definition „ein organisches Ganzes, das aus Individuen besteht“, die wir am Anfang gemacht haben, nicht mehr ausreicht. Die tatsĂ€chliche Zusammensetzung der Avantgarde verliert angesichts ihrer Bedeutung innerhalb des komplexen Rahmens der revolutionĂ€ren Beziehungen an Bedeutung. Die Avantgarde ist also eine Flucht vor den Empfindungen des Leidens und der Panik, die durch die revolutionĂ€re Entfremdung hervorgerufen werden; sie ist die Verweigerung der Spannung gegenĂŒber der Bewegung der Ausgebeuteten, eine Spannung, die diese in ihrer widersprĂŒchlichen Beziehung zwischen Selbstorganisation und Delegation des Kampfes entwickelt. Die Avantgarde tritt an die Stelle der quantitativen Aufgabe der Bewegung der Ausgebeuteten, die auf einem reduzierten Niveau (entweder mit erbaulichen Zielen oder mit dem Ziel der Herrschaft) die RealitĂ€t der KĂ€mpfe insgesamt reproduzieren will. Es ist der Wunsch, das Unquantifizierbare zu quantifizieren. Es ist eine gewaltsame Deformation der revolutionĂ€ren Möglichkeit in eine fiktive Notwendigkeit (TotalitĂ€t). Die Avantgarde ist die Akzeptanz einer globalisierenden Analyse, die den Anspruch erhebt, in einem ausschließlich theoretischen Bereich „alles zu berĂŒcksichtigen“, indem sie fiktiv das tut, was die Bewegung der Ausgebeuteten in der RealitĂ€t bewirkt, indem sie gleichzeitig Theorie und Praxis wird.

Im Gegenteil, das volle Bewusstsein der revolutionĂ€ren Entfremdung ermöglicht den Zugang zu individueller revolutionĂ€rer Spannung, die sich in einer Verschiebung in die Unendlichkeit des Gesamtprojekts der Revolution verlieren wĂŒrde, wenn sie nicht ihre richtige Entwicklung in der Spannung der Minderheit finden wĂŒrde. Wenn diese angesichts von Hindernissen aufgibt, verwandelt sie sich in Avantgarde und handelt entsprechend. Die Spannung der Minderheit erlischt in der quantitativen Illusion und in dem analytischen Projekt, das den Anspruch erhebt, global zu sein. Die Spannung des Individuums weicht in das Leiden der Entfremdung zurĂŒck und findet Trost in tausend kleinen Facetten des quantitativen Projekts, das von der Masse abgeschnitten ist. In der Tat, je drĂ€ngender das durch die revolutionĂ€re Entfremdung verursachte Leiden ist; je grĂ¶ĂŸer die Loslösung, der Verlust der TotalitĂ€t und die QualitĂ€t der Revolution, desto engstirniger wird der Einsatz in der quantitativen Alltagspraxis bei der Befriedigung eines schlechten Gewissens sein. Wenn die Spannung der Minderheit in die breitere Spannung der Bewegung der Ausgebeuteten eingefĂŒgt wird, entsteht ein BerĂŒhrungspunkt zwischen Selbstorganisation und Delegation der KĂ€mpfe. Man entwickelt eine Angeregheit zur Selbstorganisation, indem man die eigene revolutionĂ€re Spannung zu der der Bewegung der Ausgebeuteten hinzufĂŒgt und das anarchistische revolutionĂ€re Projekt in voller Übereinstimmung mit der Theorie der Arbeiterbewegung entwickelt.

Je detaillierter und klarer diese Theorie wird, je mehr sie sich ihrer selbst bewusst wird, je mehr sie in der Selbstorganisation des Kampfes voranschreitet, je mehr sie sich selbst eine autonome Struktur gibt, interne Beziehungen verbindet und Verbindungen herstellt, desto mehr wird sie auf die falsche Perspektive des Delegierten (Parteien und Gewerkschaften) verzichten. Die traditionelle Funktion der anarchistischen Minderheit wird abnehmen, und wenn sie ihren Wert verliert, wird ihre revolutionÀre Spannung zunehmen. TatsÀchlich ist es das Ziel der anarchistischen Bewegung, zum Aufbau einer Gesellschaft beizutragen, in der es keine Ausbeutung mehr geben wird. Und wenn es keine Ausbeutung mehr geben wird, werden der politische Kampf, die Bewegungen und folglich auch die anarchistische Bewegung nicht mehr notwendig sein.

Die endgĂŒltige Verneinung der anarchistischen Minderheit als solche wird nicht die Entscheidung einer Gruppe oder etwas sein, das außerhalb der Minderheit geschieht. Sie wird die Verwirklichung der revolutionĂ€ren Spannung in der revolutionĂ€ren TotalitĂ€t, der befreiten Gesellschaft, sein. In dieser letzten Phase wird die Bewegung der Ausgebeuteten ihre eigene Theorie verwirklichen (die sich nicht mehr von ihrer Praxis unterscheiden wird), und durch diese Verwirklichung wird die Sache der anarchistischen Minderheit zu einem Ende kommen.

[1] A.d.Ü., in der englischen Ausgabe ist die Rede von exploited, also Ausgebeutete, aber wir haben spĂ€ter gesehen, weil es auch erst zu einem spĂ€teren Zeitpunkt möglich war, dass in dem Originaltext auf italienisch die Rede von lavoratore ist, was Arbeiter bedeutet. Wir haben uns fĂŒr erstes vorerst entschieden, aber um Transparenz zu schaffen, teilen wir dies hiermit mit.

[2] A.d.Ü., unter Proselytismus wird die rasche Anwerbung (ohne wirkliche Überzeugung) zur eigenen Ideologie oder Religion verstanden; wird meist im negativen Sinne verwendet.

[3] A.d.Ü., zu verstehen als die FĂŒhrung, synthetisiert in einer Person.

[4] A.d.Ü., kleinbĂŒrgerlich

[5] A.d.Ü., FAI: FederaciĂłn Anarquista IbĂ©rica, Iberische Anarchistische Föderation

[6] A.d.Ü., Schwund, Auszehrung

[7] A.dÜ., bezieht sich auf Benedetto Croce

[8] A.d.Ü., kann auch als Genauigkeit und Exaktheit verstanden werden.

[9] A.d.Ü., Gerinnung, Ausflockung




Quelle: Anarchistischebibliothek.org