Oktober 14, 2021
Von InfoRiot
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Gedenktafel zum 115. Geburtstag

Als Hannah Arendt in Potsdam-Babelsberg wohnte

14.10.21 | 07:05 Uhr

Ende der 1920er-Jahre lebte Hannah Arendt in Potsdam-Babelsberg. Zu ihrem 115. Geburtstag wird jetzt eine Gedenktafel an ihrem frĂŒheren Wohnhaus eingeweiht. Ohne die heutigen Bewohner wĂ€re die Geschichte womöglich unentdeckt geblieben. Von Christoph Hölscher

Als Martina und GĂŒnther Kruse 1990 ihr Haus in der Babelsberger Merkurstraße kauften, ahnten sie noch nichts von der berĂŒhmten Vorbewohnerin. Erst vor zehn Jahren erfuhren sie durch Zufall von der Geschichte: Zwei Radfahrer klingelten an der HaustĂŒr und baten darum, einen Blick in das Haus werfen zu dĂŒrfen. In den 1920er-Jahren habe hier eine spĂ€tere BerĂŒhmtheit gewohnt.

Die historisch interessierten Radler waren in einem Briefwechsel der Philosophen Martin Heidegger und Karl Jaspers auf die vermeintliche Wohnadresse von Hannah Arendt gestoßen. Recherchen bestĂ€tigten die Vermutung: Arendt lebte hier Ende der 1920er-Jahre zur Untermiete – zusammen mit ihrem ersten Ehemann GĂŒnther Stern. Ihn hatte sie 1929 im Nowaweser Rathaus, dem jetzigen Kulturhaus-Babelsberg, geheiratet. Ihre gemeinsame Wohnung in der Merkurstraße bestand damals aus einem Zimmer, einer kleinen KĂŒche und einer Kammer.

Denkerin des 20. Jahrhunderts

Hannah Arendt kam 1906 in Hannover als Tochter jĂŒdischer Eltern zur Welt. Sie studierte unter anderem in Marburg und Heidelberg, bevor sie nach Potsdam und dann nach Berlin zog. Hier engagierte sie sich politisch gegen die erstarkenden Nationalsozialisten. 1933 wurde sie verhaftet und verbrachte einige Tage in Gestapo-Haft. Danach flĂŒchtete sie aus Deutschland – erst nach Frankreich, spĂ€ter in die USA.

In ihren Schriften beschĂ€ftigte sie sich unter anderem mit dem Antisemitismus, dem nationalsozialistischen Völkermord an den JĂŒdinnen und Juden und dem Wesen totalitĂ€rer Herrschaft. WeltberĂŒhmt wurde sie 1961 durch die publizistische Begleitung des Prozesses gegen Adolf Eichmann, einem maßgeblichen Mitorganisator des Holocausts. In ihrem wohl bekanntesten Buch “Eichmann in Jerusalem” prĂ€gte sie den umstrittenen Begriff von der “BanalitĂ€t des Bösen”. Hannah Arendt starb 1975 in New York.

Kampf ums Gedenken

FĂŒr den pensionierten Pfarrer GĂŒnther Kruse war die Entdeckung, dass Hannah Arendt in seinem jetzigen Zuhause gelebt hatte, ein wichtiger Einschnitt. Sein Haus betrat er nun nach eigenem Bekunden mit “Ehrfurcht”. Die BeschĂ€ftigung mit Leben und Werk der großen politischen Denkerin ließ ihn fortan nicht mehr los. Vor allem Hannah Arendts aufrechte Haltung und ihr scharfer Blick auf diktatorische Systeme beeindrucken Kruse, der als Pfarrer in der DDR immer wieder mit der Obrigkeit in Konflikt geraten war.

Schon frĂŒh setzten sich GĂŒnther Kruse und seine Frau Martina deshalb dafĂŒr ein, mit einer Gedenktafel oder -stele an die berĂŒhmte Ex-Bewohnerin ihres Hauses zu erinnern. 2016 fasste die Potsdamer Stadtverordnetenversammlung auf Antrag der Linken dann auch einen entsprechenden Beschluss.

Tafel zum 115. Geburtstag

Doch die Umsetzung sollte noch Jahre auf sich warten lassen. Im Rathaus wurde unter anderem darĂŒber gestritten, wer die ca. 900 Euro teure Tafel bezahlen mĂŒsse, wie groß sie sein dĂŒrfe und wieviel Text darauf Platz finden könne. Eine Ämterposse, die dazu fĂŒhrte, dass die bereits geplante Einweihung vor zwei Jahren noch einmal verschoben werden musste.

Doch jetzt hĂ€ngt die Tafel endlich – fĂŒnf Jahre nach dem Beschluss der Stadtverordneten. Zum 115. Geburtstag von Hannah Arendt am 14. Oktober wird sie enthĂŒllt. FĂŒr Martina und GĂŒnther Kruse ist das ein wichtiger und ĂŒberfĂ€lliger Schritt, damit eine prĂ€gende Denkerin des 20. Jahrhunderts und ihre Zeit in Potsdam endlich die angemessene WĂŒrdigung erfahren.

Brandenburg aktuell, 14.10.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Christoph Hölscher




Quelle: Inforiot.de