April 20, 2021
Von InfoRiot
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Gedenken an NS-Verbrechen: Als ZweijÀhriger im Konzentrationslager

Als zweijĂ€hriger Junge wurde der dĂ€nische Jude Ib Katznelson mit seiner Mutter ins KZ RavensbrĂŒck verschleppt. Die Gestapo hatte die Familie verhaftet, als sie versuchte, aus ihrer von den Hitlerfaschisten besetzten Heimat nach Schweden zu fliehen. Von RavensbrĂŒck sollte Katznelson ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert werden. Doch zwei Tschechinnen schmuggelten ihn aus dem Krankenrevier heraus und brachten ihn in die Baracke seiner Mutter. »Ihnen verdanke ich mein Leben«, sagt Katznelson, der inzwischen 80 Jahre alt ist und in Kopenhagen lebt, wo er auch geboren wurde.

Sein Schicksal schilderte der Überlebende in einer Videobotschaft, die am Sonntag bei der Feier zum 76. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers RavensbrĂŒck im Internet ĂŒbertragen wurde. Wegen der Corona-Pandemie konnten nur wenige ausgewĂ€hlte Menschen vor Ort sein. Katznelson sagte: »Auch Rassismus und Intoleranz ist ein Virus, der sich rasch verbreitet.« Die beste Schutzimpfung dagegen sei AufklĂ€rung ĂŒber den Holocaust.

Auch Stella Nikiforova kam zu Wort. Sie erlebte als VierjĂ€hrige, wie die HĂ€ftlinge von der SS auf den Todesmarsch getrieben wurden. Katznelson sprach Englisch, Nikoforova Russisch. Es gab zwar gelegentlich technische Probleme mit dem Ton, aber keine grundsĂ€tzlichen VerstĂ€ndigungsprobleme. Denn die Zuschauer der Gedenkveranstaltung konnten auswĂ€hlen, in welcher Sprache sie die simultane Übersetzung der LiveĂŒbertragung aus der Mahn- und GedenkstĂ€tte hören wollten: auf Deutsch, Englisch, Französisch, Russisch, Polnisch oder Italienisch. GedenkstĂ€ttenleiterin Andrea Genest erklĂ€rte, als im Herbst klar geworden sei, dass die Überlebenden nicht eingeladen werden können, habe man eine Möglichkeit gesucht, »gemeinsam und zur gewohnten Stunde derjenigen zu gedenken, die das Lager nicht ĂŒberlebten«.

Die LiveĂŒbertragung bot immerhin die Chance, dass auch diejenigen das Geschehen mitverfolgen konnten, denen die Anreise zu beschwerlich gewesen wĂ€re. Das Format könnte auch fĂŒr diejenigen geeignet sein, fĂŒr die eine RĂŒckkehr an den Ort ihrer Leiden bis heute eine zu schmerzliche Erfahrung ist und die deshalb niemals in die GedenkstĂ€tte gekommen sind, sagte Brandenburgs Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (GrĂŒne). Die aus dem Westen stammende Politikerin erinnerte, dass Überlebende nach dem Ende der DDR eine VernachlĂ€ssigung der KZ-GedenkstĂ€tten und des Erinnerns an die Opfer fĂŒrchteten. »Das Gegenteil ist eingetreten«, beteuerte Nonnemacher. TatsĂ€chlich ist das Areal der GedenkstĂ€tte RavensbrĂŒck nach der Wende um ein GelĂ€nde erweitert worden, das zuvor sowjetische Kaserne war. Allerdings werden rassistische Ansichten heute wieder unverblĂŒmt geĂ€ußert, was viele Überlebende so nicht fĂŒr möglich gehalten hĂ€tten.

Ihr Unbehagen, als sie gebeten wurde, beim Gedenken zu sprechen, schilderte die 1981 in Ostberlin geborene Publizistin Mirna Funk, die bis vor drei Wochen noch nie in RavensbrĂŒck war und die GedenkstĂ€tte dann erstmals zur Vorbereitung auf ihre Rede besuchte. Sie ist Urenkelin des Schriftstellers Stephan Hermlin. Der Vater Jude, die Mutter nicht, »halb Opfer, halb TĂ€ter«, formulierte Funk. Eine Umfrage habe ergeben, dass 80 Prozent der Deutschen denken, ihre Vorfahren hĂ€tten in der Nazizeit »selbstverstĂ€ndlich« nichts von der Verfolgung der Juden gewusst. FĂŒr Funk ist das unglaubwĂŒrdig.

Auch die KZ-GedenkstÀtte Sachsenhausen feierte am Sonntag online die Befreiung des Lagers vor 76 Jahren.




Quelle: Inforiot.de