November 22, 2021
Von FAU Bielefeld
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Am 9. November 2021 hat Amazon Polen Magda Malinowska gekĂŒndigt, die
seit sechs Jahren in dessen Logistikzentrum in Sady bei PoznaƄ
gearbeitet hat. Magda ist eine geschĂŒtzte Gewerkschaftsvertreterin und
Mitglied der Inicjatywa Pracownicza (IP)sowie eine gewÀhlte
Arbeitsschutzinspektorin. Sie ist eine langjÀhrige Aktivistin der
Inicjatywa Pracownicza, dreht Dokumentarfilme ĂŒber die
Arbeiter*innenbewegung und ist MitbegrĂŒnderin der Amazon Workers
International.

Amazon fĂŒhrt als formalen Grund fĂŒr die Entlassung das angebliche
„Filmen oder Fotografieren des ÜberfĂŒhrens einer Leiche“ an. Dabei
geht es vermutlich um einen Mann, der am 6. September 2021 in dem
Lagerhaus starb. In einem laufenden Gerichtsverfahren wird untersucht,
ob FahrlÀssigkeit seitens des Unternehmens dazu beigetragen hat. Die
Anschuldigung gegen die Gewerkschafterin ist völlig unbegrĂŒndet. Magda
Malinowska war als anerkannte Arbeitsschutzinspektorin besorgt, dass
nach dem Tod des Kollegen die ordnungsgemĂ€ĂŸen Maßnahmen ergriffen
wurden. Aus diesem Grund bat sie Amazon um Aufnahme in das Team fĂŒr
die Unfallnachsorgemaßnahmen, was jedoch abgelehnt wurde. Sie hatte
kein Interesse daran, eine Leiche zu filmen oder zu fotografieren,
wollte aber die vom Arbeitgeber getroffenen Maßnahmen im Falle von
UnregelmĂ€ĂŸigkeiten ĂŒberwachen.
Auf englisch oder im polnischen Original lesen.

Einige Tage nach der Tragödie wies Magda Malinowska in einem Interview
mit der Zeitung Gazeta Wyborcza
(https://poznan.wyborcza.pl/poznan/7,36001,27702542,w-amazon-najwazniejsze-sa-tabelki-z-wynikami-maja-sie-zgadzac.html?disableRedirects=true)
darauf hin, wie die Arbeitsorganisation bei Amazon zum Verlust der
Gesundheit oder sogar des Lebens von Mitarbeiter*innen fĂŒhren kann,
und warum das Ereignis Anfang September nach Ansicht der Gewerkschaft
als Arbeitsunfall betrachtet werden sollte: „Die GeschĂ€ftsleitung
spricht gerne von einem ‚unangenehmen Zufallsereignis‘, wĂ€hrend es in
Wirklichkeit innerhalb kurzer Zeit zwei TodesfÀlle unter unseren
Mitarbeiter*innen gegeben hat. Dies sind keine zufÀlligen Ereignisse,
sondern eine Folge der Art und Weise, wie die Dinge hier gehandhabt
werden. WÀre die Unternehmenspolitik anders gewesen, wÀre es
vielleicht nicht zu den TodesfĂ€llen gekommen“. Der Journalist, der den
Artikel verfasst hat, wies auf die Kommentare und UnregelmĂ€ĂŸigkeiten
hin, die von Amazon-BeschÀftigten und den Gewerkschaften gemeldet
wurden: ĂŒbermĂ€ĂŸige Arbeitsbelastung, Überlastung und die Angst vor dem
Verlust des Arbeitsplatzes, wenn mensch sich krankschreiben lÀsst.

Die Entlassung ist umso skandalöser, als sie gegen die schriftlichen
EinwÀnde der Gewerkschaft ausgesprochen wurde, die damit nicht
einverstanden war. Unserer Meinung nach hat Amazon in grober Weise
gegen die Bestimmungen des Gewerkschaftsgesetzes (Artikel 32, Absatz
1) und des Gesetzes ĂŒber die soziale Arbeitsaufsicht (Artikel 13,
Absatz 1) verstoßen. Wir sehen uns gezwungen, das Vorgehen von Amazon
als Beweis fĂŒr grobe Inkompetenz der Personalabteilung oder als
bewussten Versuch zu interpretieren, GewerkschaftsaktivitÀten
(einschließlich der Arbeitsschutzinspektion) zu behindern. Wir werden
den Fall vor Gericht bringen, wo wir die sofortige Wiedereinstellung
von Magda Malinowska sowie eine finanzielle EntschÀdigung wegen
ungerechtfertigter und unrechtmĂ€ĂŸiger Entlassung fordern.

Wir glauben, dass die Disziplinarmaßnahmen gegen Magda Malinowska eine
Eskalation der gewerkschaftsfeindlichen Praktiken von Amazon in den
letzten Monaten darstellen. Amazon hat sich geweigert,
Gewerkschafter*innen die DurchfĂŒhrung von Gesundheits- und
Sicherheitsaudits zu gestatten, es hat sie daran gehindert, ihre
Gewerkschaftsstunden zu nutzen, und hat die Bestimmungen der
Arbeitsvorschriften des Unternehmens einseitig geÀndert und dabei die
Ansichten der beiden im Unternehmen tÀtigen Organisationen Inicjatywa
Pracownicza und Solidarnoƛć missachtet, die beide den jĂŒngsten
Änderungen, die die Arbeiter*innen betreffen, nicht zugestimmt haben.
Nach polnischem Arbeitsrecht ist es den Arbeitgeber*innen nicht
gestattet, diese Vorschriften ohne die Zustimmung der Gewerkschaften
zu Ă€ndern. DarĂŒber hinaus werden aktive Gewerkschafter*innen
regelmĂ€ĂŸig aufgefordert, schriftliche ErklĂ€rungen fĂŒr angebliche
VerstĂ¶ĂŸe gegen die Richtlinien von Amazon vorzulegen. Es scheint, dass
das Unternehmen den Gewerkschaftsaktivist*innen „VerstĂ¶ĂŸe“ ankreidet,
um diese gegen sie zu verwenden.

Beabsichtigt Amazon, die UnterdrĂŒckung von Gewerkschafter*innen weiter
zu verschÀrfen, um Arbeiter*innenorganisationen zu beseitigen? Seit
2014 haben die Gewerkschaften den BeschÀftigten geholfen, eine Reihe
von Klagen gegen das Unternehmen zu gewinnen, die
Arbeitsschutzpraktiken des Unternehmens zu verbessern und vor allem
viele arbeiter*innenfeindliche Maßnahmen zu blockieren, die Amazon
einzufĂŒhren versucht hat. Letzten Sommer forderten die
Arbeitsschutzinspektor*innen Amazon auf, seine Energieverbrauchsstudie
neu zu erstellen. Der Grund dafĂŒr waren die Ergebnisse von Tests, die
zuvor von der nationalen Arbeitsaufsichtsbehörde durchgefĂŒhrt worden
waren und die zeigten, dass einige Abteilungen des Unternehmens
dreimal mehr Energie verbrauchten als die gesetzlichen Höchstwerte.
Amazon focht die Ergebnisse vor Gericht an und lehnte die Forderung
nach einer erneuten PrĂŒfung ab. Die Gewerkschaften fordern, dass das
Leben und die Gesundheit der Arbeiter*innen nicht im Namen der
Gewinnsteigerung aufs Spiel gesetzt werden. Hat Amazon deshalb
beschlossen, seine gewerkschaftsfeindliche Politik aggressiv zu
verschÀrfen?

Wir fordern die Wiedereinstellung von Magda Malinowska! Wir fordern
ein Ende der gewerkschaftsfeindlichen Kampagne von Amazon! In
Anlehnung an den Slogan der internationalen Koalition „Make Amazon
Pay“ erklĂ€rt die Inicjatywa Pracownicza: Amazon – du wirst dafĂŒr
bezahlen!

Inicjatywa Pracownicza bei Amazon Fulfillment Polen
15. November 2021




Quelle: Bielefeld.fau.org