September 10, 2021
Von FAU Flensburg
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Amazon ist in aller Munde. Medien und PolitikerInnen kriegen GĂ€nsehaut angesichts des Reichtums und der Macht eines Jeff Bezos. Aber auch die Linke erschaudert vor der »totalen Kontrolle« der schlecht bezahlten und »menschenunwĂŒrdig ausgebeuteten« ArbeiterInnen in den Amazon-Lagern. Wieder einmal verklebt der Mythos der alles beherrschenden kapitalistischen Technologie die Hirne und verfĂ€lscht die politische Intervention! Die ArbeiterInnen nur als krass ĂŒberwacht, atomisiert und ohnmĂ€chtig darzustellen, ist der typisch paternalistische Zugang vieler Linker und der meisten Gewerkschaften (»die Arbeiter sind ohne uns schwach«). In den folgenden BeitrĂ€gen schauen wir uns den Arbeitsprozess in einem Amazon- und im Lager eines Drogeriemarkts genauer an. Die ArbeiterInnen dort sind keineswegs hirnlose MaschinenanhĂ€ngsel.

Ab den 70er Jahren haben die Unternehmer gegen zu stark gewordene ArbeiterInnen die Großbetriebe verkleinert durch die Auslagerung von Unternehmensteilen und den Aufbau eines Zulieferersystems. Die dafĂŒr notwendigen »Just in time«-Transporte fĂŒhrten zu extremer Zunahme des Verkehrs. Und in der Warenlogistik entstanden viele neue Jobs. Trotz LKW-Fahrer-Streiks sind die Löhne in diesem Bereich seither gesunken. Handelskonzerne wie Walmart und Amazon, deren Kernkompetenz die VerfĂŒgungsgewalt ĂŒber die Logistik ist, expandierten und verdrĂ€ngen alte Verteilstrukturen. In dieser Logistikblase sind seit etwa zehn Jahren neue Arbeiterkonzentrationen entstanden. WĂ€hrend die Unternehmer im Westen kaum noch Fabriken mit mehr als 3000 ArbeiterInnen bauen, zieht zum Beispiel Amazon USA innerhalb weniger Monate ein Lager mit doppelt so vielen BeschĂ€ftigten hoch (Bessemer/Alabama).

In den USA gibt es mehr als 100 große Logistikzentren mit durchschnittlich 5000 ArbeiterInnen, in Europa ĂŒber 60 mit durchschnittlich 2000 ArbeiterInnen. Daneben gibt es eigene Entwicklungszentren usw.

Der Pandemiegewinner

GegrĂŒndet wurde Amazon 1994 zunĂ€chst als Buchversand; in Deutschland startete es 1998.Den »dot.com-Crash« 2000/01 und die Krise 2008 ĂŒberstand Bezos relativ unbeschadet. Im Januar 2001 kĂŒndigte er 1300 Leuten, aber seitdem gab es keinen Stellenabbau mehr. Heute ist Amazon nach Umsatz und BeschĂ€ftigten einer der grĂ¶ĂŸten Konzerne der Welt; GrĂŒnder Jeff Bezos könnte der erste BillionĂ€r werden. Im Pandemiejahr 2020 legte der Umsatz um 38 Prozent zu, der Gewinn verdoppelte sich. 427 000 neue Leute wurden eingestellt. Amazon beschĂ€ftigt nun 1,3 Millionen Menschen, dazu kommen 500 000 FahrerInnen, die bei Subunternehmern angestellt sind, mit denen Amazon »zusammenarbeitet« (Delivery Service Providers). 2010 beschĂ€ftigte Amazon erst 33 700 Menschen und wies einen jĂ€hrlichen Profit von 1,1 Milliarden Dollar aus. 2020 betrug der Profit 21,3 Milliarden Dollar – 19 Mal mehr Gewinn, aber 39 Mal mehr BeschĂ€ftigte!

Amazon hat auf vielen Ebenen immense Macht und Unternehmen anderer Branchen aufgekauft, 2017 etwa die Biosupermarktkette Whole Foods, gerade eben das Filmstudio MGM 
 und mit der Washington Post besitzt Bezos eine der einflussreichsten Tageszeitungen. Amazon Web Services (AWS) stellt die IT von wichtigen Unternehmen und sogar Regierungen, zum Beispiel vom US-Geheimdienst CIA. AWS ist der mit Abstand grĂ¶ĂŸte Cloud-Anbieter der Welt und trĂ€gt seit Jahren ĂŒberproportional zum Gesamtprofit bei. Amazon sieht hier die Zukunft und will auch weiter RegierungsauftrĂ€ge vom Pentagon kriegen. Andy Jassy, der Chef von AWS, wird Jeff Bezos im dritten Quartal 2021 an der Konzernspitze ablösen.

Der arbeitsintensive Kern des Unternehmens ist der Transport von Waren zum Konsumenten, in der BRD ist das die Amazon Logistik GmbH mit Sitz in Bad Hersfeld. In diesem Bereich hat Amazon in den letzten 20 Jahren ĂŒber Kreditausweitung und Steuerflucht expandiert. Die Regierungen der westlichen Metropolen haben ihre Steuergesetze so geĂ€ndert, dass Amazon Profite nach Luxemburg verschieben und damit Steuern sparen konnte. 75 Prozent aller Amazon-GeschĂ€fte außerhalb der USA laufen ĂŒber Tochterunternehmen in Luxemburg. Manche wurden nur gegrĂŒndet, um Verlust einzufahren und ihn dorthin zu transferieren. Diese Verluste können in den USA in Steuergutschriften umgewandelt werden. Unterm Strich zahlte Amazon noch nie Steuern in den USA und griff Gutschriften ĂŒber 13,4 Milliarden Dollar ab. Auch den grĂ¶ĂŸten Teil der Gewinne transferierte Amazon nach Luxemburg – dort liegen 17,2 Milliarden Dollar, die nie in die Bilanz gingen. Mit diesen steuerfreien Gewinnen finanzierte Amazon seine Expansion – das fĂŒhrte zum steilen Umsatzwachstum in den Nullerjahren, sogar wĂ€hrend der Krise 2008.3 FĂŒr 2020 wies der Konzern im Online-Handel zum ersten Mal steuerpflichtige ErtrĂ€ge aus – mitten in der Debatte um den Beschluss einer globalen Mindeststeuer.

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Quelle: Fau-fl.org