August 30, 2021
Von Paradox-A
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Thomas Bauer: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust von Mehrdeutigkeit

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blÀttle.ch

Wenn man sich wie ich vorrangig auf die politische Theorie und Ideengeschichte des Anarchismus spezialisiert hat, stellt sich die Frage, warum das hier vorgestellte Werk einer Besprechung lohnt. Rezensiert, honoriert und diskutiert wurde es bereits ausgiebig. Und auch wenn Thomas Bauer eine eindeutige Kritik am Kapitalismus formuliert, mit der er insbesondere die Dimensionen von Kultur, Lebenswelt und Weltbeziehung in den Blick nimmt, ist seine Schrift nicht im Gebiet herkömmlicher, wie auch immer gearteter, linker Theorien zu verorten.

Dies ist auch der Fall, weil Bauer Islamwissenschaftler ist, wobei er fĂŒr eine differenzierte Sichtweise des historischen und auch zeitgenössischen Islams als religiöser und kultureller Gemeinschaft eintritt. Damit kritisiert er den religiösen Fundamentalismus, wie er freilich seit vielen Jahren verstĂ€rkt auch im Christentum zu beobachten ist, entschieden.

Beachtenswert ist, dass Bauer mit Die Vereindeutigung der Welt der Form des intellektuellen Essays zu neuem Leben verhilft. So lesen sich die von ihm formulierten zehn Kapitel kurzweilig und beinhalten doch einen ĂŒberzeugenden Tiefgang, den so manches akademisches Werk vermissen lĂ€sst. Wie der Titel schon sagt, entfaltet der Autor die These, dass unsere Welt und Gesellschaft keineswegs vielfĂ€ltiger und pluraler, sondern ganz im Gegenteil leerer und homogener wird. Die erkennbare Tendenz zu Vereindeutigung der Welt besteht dabei in so unterschiedlichen Bereichen, wie der Religion und der massenkulturellen Popkultur, ebenso wie in Hinblick auf das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten im AnthropozĂ€n und die Einförmigkeit politischer Kommunikation, etwa von Parteien.

Aus der kapitalistischen Vergesellschaftung ergibt sich die Sogwirkung zu dieser Reduktion unserer Welt. Die angebliche PluralitĂ€t und VielfĂ€ltigkeit stellt sich dahingehend als ein Schein dar, der konsumierbar und verdinglicht wird. Man kennt dies aus sozialen Milieus, in denen es besonders wichtig ist, sich selbst als besonders und individuell zu inszenieren: Im Streben danach, besonders individuell zu sein, entsteht paradoxerweise eine Gleichförmigkeit von Stilen, GefĂŒhlen und Gedanken ohnegleichen. Das wirklich Andere wird dabei oftmals höchstens toleriert, gelegentlich romantisiert, kulturell angeeignet, manchmal positiv-rassistisch ĂŒberhöht. Letztendlich haftet ihm aber weiterhin ein Unbehagen an, wird auf das Andersartige mit Abwehrreflexen reagiert, weil seine Befremdlichkeit und Unberechenbarkeit nicht akzeptiert wird.

Die meisten Menschen der Gegenwartsgesellschaft haben ein verstĂ€ndliches BedĂŒrfnis, sich die Welt zu erklĂ€ren, sie zu vereinfachen, irritierende Momente zu ignorieren oder sie einzuordnen. Es ist nicht leicht, sich der Vielfalt der Welt auszusetzen oder gar sie wohlwollend zu begrĂŒĂŸen und zu suchen. Damit aber verschenken wir uns und anderen letztendlich LebensqualitĂ€t. „Denn genau dies ist unsere Welt: uneindeutig. Menschen sind stĂ€ndig EindrĂŒcken ausgesetzt, die unterschiedliche Interpretationen zulassen, unklar erscheinen, keinen eindeutigen Sinn ergeben, sich zu widersprechen scheinen, widersprĂŒchliche GefĂŒhle auslösen, widersprĂŒchliche Handlungen nahezulegen scheinen. Kurz: Die Welt ist voll von AmbiguitĂ€t“ (S. 12), schreibt Bauer. Mit ihr fĂŒhrt er einen zumindest in der deutschen Sprachen selten verwendeten Begriff ein. AmbiguitĂ€t bezeichnet „alle PhĂ€nomene der Mehrdeutigkeit, der Unentscheidbarkeit und Vagheit, mit denen Menschen fortwĂ€hrend konfrontiert werden“ (S. 13).

Im Folgenden unterscheidet Bauer zwischen AmbiguitĂ€tstoleranz und AmbiguitĂ€tsintoleranz, die bei Menschen individuell sehr unterschiedlich ausgeprĂ€gt sind, darĂŒber hinaus jedoch ganz entschieden von den kulturell-historischen UmstĂ€nden einer Gesellschaft abhĂ€ngen. Letztere, die Intoleranz gegenĂŒber Vieldeutigkeit und Vagheit weise die GrundzĂŒge von Wahrheitsobsession, Geschichtsverneinung und Reinheitsstreben auf, wie sie im religiösen Fundamentalismus ebenso zu finden sind, wie in totalitĂ€ren politischen Ideologien. Dagegen bedeutet AmbiguitĂ€t „Mehrdeutigkeit, Vieldeutigkeit, bedeutet also das Potenzial, viele verschiedene Bedeutungen und Assoziationen zu vermitteln“ (S. 50).

Besonders spannend ist ein Abschnitt, in welchem Bauer eine Kritik an der „AuthentizitĂ€t“ formuliert, die zweifellos einen Trend unserer Zeit darstellt. Das Besondere wird dabei inszeniert und gespielt und stellt damit gerade das Bestreben Eindeutigkeit in einer komplexen Welt herzustellen dar, die oberflĂ€chlich und kĂŒnstlich bleibt. Dass wir „authentischen“ BedĂŒrfnissen unbedingt folgen und sie erfĂŒllen mĂŒssten, etwa, weil mit ihnen gesellschaftliche Konventionen aufgebrochen werden wĂŒrden, ist ein Trugschluss, dem auch zahlreiche Menschen in emanzipatorischen Szenen verfallen.

Der Druck „authentisch“ leben zu wollen fĂŒhrt nicht selten sogar zu RĂŒcksichtslosigkeit, Gewaltexzessen und hermetisch abgeschlossenen Weltbildern (vgl. S. 60-72). Die Dystopie bildet dabei das Bild des Maschinenmenschen, der sich in jeglicher Hinsicht optimiert, anpasst und jegliche WiderstĂ€ndigkeit aufgibt. Dies schließt ein, dass alle eine „Meinung“ haben, wĂ€hrend zugleich das Vertrauen in Wissenschaften und kollektive ErfahrungsschĂ€tze schwindet (vgl. 87-97).

Interessant fĂŒr den Anarchismus ist, dass dieser mit dem Konzept dezentraler autonomer Kommunen eine Gesellschaftsform zu realisieren beabsichtigt, welche AmbiguitĂ€t wie sie Bauer beschreibt, zulĂ€sst, ja hervorruft. Verschiedenheit und VielfĂ€ltigkeit sind Werte, die wir schĂ€tzen sollten, weil sie LebensqualitĂ€t bedeuten und die in einem umfassenden Sinn mit sozialer Freiheit korrespondieren. Unterschiedlichkeit ist dahingehend keineswegs die Ursache der Konflikte zwischen verschiedene Menschen und Gruppen. Diese sind vielmehr der Weise geschuldet, wie wir sie wahrnehmen und mit ihr umgehen.

Schließlich ist auch der libertĂ€re Sozialismus als gesellschaftliche Vision keine Reißbrett-Utopie, sondern ein vages, widersprĂŒchliches, irritierendes und offengehaltenes Streben nach einer solidarischen, freiheitlichen und egalitĂ€ren Gesellschaftsform. Der Anarchismus ist in sich eine eminent pluralistische Strömung statt ein kohĂ€rentes politisches TheoriegebĂ€ude oder eine klar umrissene emanzipatorische soziale Bewegung. Von seinen Kritiker*innen erfĂ€hrt er dafĂŒr UnverstĂ€ndnis und auch Aktive in ihm selbst geraten damit gelegentlich an den Rand der Verzweiflung.

Folgen wir Bauers Argumentation ist der Grund dafĂŒr in der AmbiguitĂ€tsfeindschaft der modernen Lebens- und Denkweise zu suchen. TatsĂ€chlich gab und gibt es Kontexte, in denen Mehrdeutigkeit und Vagheit akzeptiert, ausgehalten und sogar als Bereicherung empfunden werden, in denen Wahrheiten parallel zueinander existieren und eine Demut vor der GĂŒltigkeit der eigenen Überzeugungen gegeben ist. Dies bedeutet nicht einem gleichmachenden Relativismus oder einer postmodernen Beliebigkeit zu verfallen, sondern sich ganz im Gegenteil auf die Mannigfaltigkeit einzulassen, die sich aus dem menschlichen Leben selbst ergibt.

Mit dem Anarchismus werden ebenso wenig wie in Bauers AusfĂŒhrung vormoderne Lebensbedingungen verklĂ€rt oder idealisiert. Es geht mit ihnen nicht um die reaktionĂ€re Ablehnung moderner Errungenschaften, sondern um die Gestaltung einer vielfĂ€ltigen, alternativen Moderne. Um diese realisieren zu können, gilt es allerdings mit der faschistischen Vorstellung, voneinander getrennter, homogener Kulturen ebenso aufzurĂ€umen, wie mit jener der liberalen Pseudo-Vielfalt, die durch die kapitalistische Verwertungslogik alle anderen Werte nivelliert.

Andere sein lassen zu können, selbst anders und widersprĂŒchlich sein zu können, ohne zu bewerten, in KĂ€stchen einzuordnen und pauschal zu Positionierungen aufzufordern, ist in diesem Zusammenhang nicht allein oder vorrangig als ein ethisches Gebot besserer VerstĂ€ndigung zu sehen. Es geht hierbei eben nicht um eine Aufforderung zu mehr „Toleranz“, sondern um die Akzeptanz des Vagen, UnverfĂŒgbaren, Uneindeutigen, die uns menschlich sein lĂ€sst.

Dies ist kein individuelles Programm, um die VielfĂ€ltigkeit der Welt gelten zu lassen und sie in ihrer WidersprĂŒchlichkeit als schön und freundlich empfinden zu kommen. Keine AchtsamkeitsĂŒbung, um Entfremdung soweit zu ignorieren oder produktiv zu wenden, um in einer gleichmachenden, reduzierenden, instrumentellen gesellschaftlichen Logik weiter mitspielen zu können. Stattdessen gilt es eine Gesellschaftsform zu erkĂ€mpfen, in denen ambige Lebens-, Denk- und Verhaltensweise möglich und selbstverstĂ€ndlich werden können.




Quelle: Paradox-a.de