MĂ€rz 9, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Übersetzung des Berichts auf squat.net

Zu Ehren des 8. MĂ€rz, haben wir, die Anarcha-Feministische Gruppe Amsterdam, eine Hausbesetzungsaktion organisiert. Aufgrund von Sicherheitsbedenken wurde sie im Stillen organisiert und der Aufruf auf privaten KanĂ€len geteilt. Trotzdem kamen mehr als 60 GefĂ€hrt:innen, um unsere Aktion zu unterstĂŒtzen! Drei Transparente („Woman life freedom“, „Sex work is work“, „destroy patriarchy, fight capitalism, smash the state“) hingen aus den Fenstern des besetzten GebĂ€udes. Die Polizei war anwesend, aber es wurde niemand verhaftet.

Unser politisches Statement:

Uns wird gesagt, dass es nicht genug HĂ€user fĂŒr alle gibt, dass es nicht genug Platz fĂŒr die GeflĂŒchteten und Migrant:innen gibt, die hierher kommen und vor imperialistischen Kriegen und vom (Neo)Kolonialismus zerstörten Ökonomien fliehen. Es ist inakzeptabel, dass die Medien der Migration die Schuld dafĂŒr geben, dass wir alle zu kĂ€mpfen scheinen, ein Zuhause zu finden. Dies ist ein Beispiel dafĂŒr, Migrant:innen und GeflĂŒchtete zum SĂŒndenbock zu machen.
Es gibt kein Problem des Platzmangels, es gibt keine „Wohnungskrise“, das einzige Problem ist die ungleiche Verteilung des Reichtums. Das Problem ist der Kapitalismus.

Wir werden durch steigende Mietpreise und Gentrifizierung aus unserer Stadt verdrĂ€ngt. Sozialwohnungen werden privat verkauft und der Mangel an bezahlbarem Wohnraum bedeutet, dass Menschen aus der Arbeiterklasse gezwungen sind, die Stadt zu verlassen. Sogar Menschen mit essentiellen Berufen wie LehrkrĂ€fte, Gesundheits- und Sozialarbeiter:innen sind gezwungen, umzuziehen. Die Menschen kĂ€mpfen, um die Miete zu bezahlen, wĂ€hrend Spekulant:innen freie Hand haben, um zu tun, was sie wollen. Einige private Investor:innen haben Hunderte von HĂ€usern, zum Beispiel hat Prinz Bernhard mehr als 600 HĂ€user, und der Besitzer dieses GebĂ€udes, Anthonie Mans, besitzt ĂŒber 100 weitere Immobilien in den Niederlanden. Die Wartelisten fĂŒr Sozialwohnungen sind lĂ€cherlich und es kann zwischen 8 und 14 Jahren dauern, bis die Menschen einen Platz bekommen. Aber fĂŒr jeden Obdachlosen gibt es schĂ€tzungsweise 750m2 leere GebĂ€ude in Amsterdam.

Miete ist Diebstahl. Die Instandhaltung eines Zimmers kostet nicht hunderte von Euro pro Monat. Dieses Geld geht direkt in die Taschen der Vermieter:innen oder Spekulant:innen. Das Wohnungsproblem betrifft ĂŒberproportional Frauen und queere Menschen. Queere Teenager:innen werden zum Beispiel hĂ€ufiger obdachlos. Menschen, die hĂ€usliche Gewalt erleben, sind manchmal gezwungen, in unsicheren Situationen zu bleiben, weil sie es sich finanziell nicht leisten können, diese zu verlassen. Vermieter:innen diskriminieren oft potentielle Mieter:innen aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihres Einkommens, ihres Geschlechts, ihrer SexualitĂ€t und ihrer FĂ€higkeiten. Sie sind dafĂŒr bekannt, dass sie oft einschĂŒchternd und unverschĂ€mt sind und sich berechtigt fĂŒhlen, uns zu sagen, wie wir unser Privatleben leben sollen.

Seit das Hausbesetzungsverbot in Kraft getreten ist, hat sich die Obdachlosigkeit verdoppelt. Doch viel zu oft gab es eine unangenehm enge Beziehung zwischen Hausbesetzungen und Gentrifizierung, und nirgendwo klingt das so wahr wie in Amsterdam. Hausbesetzungen sind historisch gesehen eine Bewegung gegen die Gentrifizierung, die Erpressung von Mieten und eine Ablehnung der Institution des Privateigentums – aber in den letzten Jahren haben einige Hausbesetzenden die Gentrifizierung aktiv vorangetrieben, anstatt sie zu bekĂ€mpfen. Sie arbeiten mit dem Staat zusammen, um die wenigen „FreirĂ€ume“ und legalisierten Hausbesetzungen, die noch ĂŒbrig sind, zu erhalten (oft ohne Erfolg). Wir lehnen diese Position und Strategie ab. Wir wollen Wohnraum fĂŒr alle, nicht nur fĂŒr eine ausgewĂ€hlte Gruppe von „KĂŒnstler:innen und Freidenker:innen“. Wir mĂŒssen mit unseren UnterdrĂŒckenden aus einer Position der Macht heraus sprechen, nicht sie anflehen, uns ein paar KrĂŒmel zuzuwerfen. Die Stadt gehört allen, die in ihr leben, und es ist Zeit, dass wir sie uns zurĂŒckholen.

Sexarbeiter:innen wird gesagt, dass sie nicht arbeiten dĂŒrfen, wĂ€hrend andere Kontaktberufe es dĂŒrfen – das trĂ€gt nur zur weiteren Stigmatisierung von Sexarbeit bei. Die Regierung schließt Bordellfenster in Amsterdam, weil sie angeblich Sexarbeiter:innen vor dem Menschenhandel retten und die KriminalitĂ€t eindĂ€mmen will. Es gibt keine empirischen Beweise dafĂŒr, dass das Schließen von Fenstern dabei helfen wĂŒrde. Jemandem den Arbeitsplatz wegzunehmen, wird ihre Situation wahrscheinlich nur noch prekĂ€rer und gefĂ€hrlicher machen. Sexarbeiter:innen aus dem Stadtzentrum in ein weniger reiches Viertel zu verlegen, um „Störung“ aus dem reichen Viertel zu entfernen, fĂ€llt in ein strukturelles Muster der Stigmatisierung von Sexarbeit und der Stigmatisierung der Arbeiterklasse. Wenn sich der Staat wirklich um Sexarbeiter:innen kĂŒmmern wĂŒrde, anstatt uns zu schikanieren, wĂŒrden sie uns wĂ€hrend dieser Pandemie materiell unterstĂŒtzen oder uns erlauben zu arbeiten. Sexarbeit ist Arbeit. FĂŒr die Rechte der Arbeiter:innen zu kĂ€mpfen, bedeutet auch fĂŒr die Rechte der Sexarbeiter:innen zu kĂ€mpfen.

Die Geschichte des 8. MĂ€rz ist sehr radikal und inspirierend. Er war sogar der Startpunkt der russischen Revolution! Aber was ist mit dem 8. MĂ€rz und dem Feminismus im Allgemeinen passiert? Der Kapitalismus. Da die moderne Wirtschaft gelernt hat, den Protest zu kommerzialisieren und daraus Profit zu schlagen, war der Feminismus keine Ausnahme. Wenn Menschen das Wort Feminismus hören, denken sie daher nicht immer an radikalen, intersektionalen und antikapitalistischen Feminismus. Sie denken an eine Art von Feminismus, der sagt, dass es „mehr weibliche Politikerinnen“, „mehr Girl Bosses“ geben sollte. Das nennt sich „liberaler Feminismus“, aber es ist eher wie eine akribisch ausgearbeitete Werbekampagne. Der liberale „Feminismus“ kĂŒmmert sich nicht wirklich um gesellschaftlich unterdrĂŒckte Gruppen, selbst wenn es Frauen sind. Er weigert sich, die Wurzel der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zu sehen, er versucht, fair zu sein, bleibt aber auf halbem Weg stehen. Der liberale Feminismus verkennt die Beziehung zwischen Kapitalismus und Patriarchat. Aber wenn wir das Patriarchat bekĂ€mpfen, sollten wir den Kapitalismus bekĂ€mpfen und umgekehrt. WĂ€hrend Frauen zur Arbeit gehen mĂŒssen, mĂŒssen sie, wenn sie nach Hause kommen, noch Hausarbeiten erledigen und emotionale UnterstĂŒtzung leisten, das ist auch Arbeit, aber Arbeit, die unterbewertet und unbezahlt ist.

Anstatt das Problem zu bekĂ€mpfen, welches der Kapitalismus ist, lĂ€sst der liberale Feminismus die Menschen um Wege kĂ€mpfen, mit ihm zu koexistieren. Eine solche Ideologie malt die intersektionale feministische Bewegung als „verrĂŒckte MĂ€nnerhasser:innen“. Mit Hilfe des Kapitals kaufen sie deine Aufmerksamkeit von den Bildschirmen deiner Laptops/Fernseher/Telefone mit „feel good girl power“-Filmen, -Songs etc. Sie verkaufen dir schöne Kleidung mit „feel good girl power“-Slogans. Sie geben dir einen Rabatt beim Kauf von Kosmetika zu Ehren des 8. MĂ€rz, dem „Tag der starken Frauen“. Auf diese Weise löschen sie die Geschichte und die Bedeutung eines so unglaublich wichtigen Tages fĂŒr alle Frauen aus.
Der 8. MÀrz ist der Tag, an dem wir uns an den Kampf der Frauen erinnern, die vor uns kamen! Es ist der Tag, um SolidaritÀt mit den Frauen zu zeigen, die heute kÀmpfen! Es ist der Tag, an dem wir unseren Kampf gegen den Kapitalismus feiern und dieses verdammte Patriarchat zerschlagen! Solange die 1% die Welt regieren, selbst wenn die HÀlfte von ihnen Frauen sind, wird das Leben der 99% nicht besser sein!

Als Fem-Leute wird uns oft gesagt, dass wir nicht zu viel Raum einnehmen sollen. Wir sind gesellschaftlich konditioniert, unseren Mund und unsere Beine geschlossen zu halten. Wir sollen nicht zu groß trĂ€umen oder zu laut atmen. Aber wir werden erdrosselt und es wird von uns erwartet, dass wir lĂ€cheln. Es gibt keinen Raum, der unter diesem patriarchalen kapitalistischen System sicher ist. SolidaritĂ€t ist die einzige Lösung. Stehe denen bei, die gegen ihre eigene UnterdrĂŒckung kĂ€mpfen, ihr Kampf ist dein Kampf, ihr Kampf ist unser Kampf. Wir sind nicht frei, bis alle frei sind. Wir werden nicht zulassen, dass wir der Kollateralschaden dieser Krise sind. Wir werden nicht zulassen, dass wir aus dieser Stadt vertrieben werden! Es ist an der Zeit, den Raum zurĂŒckzuerobern!

Als Feminist:innen wissen wir, dass Kampf Arbeit bedeutet und dass er Liebe beinhaltet. Wir stehen in SolidaritĂ€t mit den kurdischen Frauen, die vom tĂŒrkischen Staat inhaftiert wurden, die in den Bergen Kurdistans kĂ€mpfen und die in allen vier Teilen Kurdistans neue Lebensformen in der Gesellschaft aufbauen.
Wir stehen in SolidaritĂ€t mit Angel, der geflĂŒchteten Frau, die in die Niederlande kam, um Sicherheit zu finden, aber durch das niederlĂ€ndische Einwanderungssystem ermordet wurde. Sie war eine politische KĂ€mpferin! Sie war eine trans Frau! Wir stehen in SolidaritĂ€t mit ihr und allen Migrant:innen!

Es gibt keinen Raum, der unter diesem patriarchalen kapitalistischen System sicher ist, also mĂŒssen wir uns wehren.
Genug ist genug! Wir mĂŒssen den Raum zurĂŒckerobern!

Anarcha-Feministische Gruppe Amsterdam

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Quelle: Schwarzerpfeil.de