Juni 19, 2021
Von Autonomie Magazin
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Interview: Vidar LindstrĂžm & Gruppe klein-Nizza – Radikale Linke WĂŒrzburg

Ewig hat die deutsche Linke darĂŒber diskutiert, wie man auf Corona und das staatliche Krisenmanagement reagieren soll, nachhaltige, praktische Konsequenzen hatte das aber bei den wenigsten Gruppen. Die wichtigen AnsĂ€tze der NachbarschaftssolidaritĂ€t wurden schnell wieder aufgegeben, weil nicht sofort ganz viele um Hilfe gebettelt haben. Jetzt werden sie dringender gebraucht denn je. Ein schönes Beispiel dafĂŒr, dass man nicht immer bis zum perfekt diskutierten Strategiepapier warten sollte, sind die Lockdown Capitalism Demos in der UnterfrĂ€nkischen Provinzhauptstadt WĂŒrzburg. Um mehr darĂŒber zu erfahren und auch Genoss:innen anderswo eine Alternative zu Resignation und Stillstand aufzuzeigen, habe ich die Genoss:innen der Gruppe klein-Nizza – Radikale Linke WĂŒrzburg interviewt, die zu den Mitorganisierenden der Demonstrationen gehört. Es sollte um Corona und praktische linke Politik gehen. Es wurde ein GesprĂ€ch ĂŒber linke GrundsĂ€tze, die es sich wieder anzueignen gilt.


Hallo Genoss:innen. Ihr kommt aus WĂŒrzburg, eine Stadt, die vermutlich spĂ€testens 2012 auf der Landkarte der bundesdeutschen Linken erschien, als dort iranische GeflĂŒchtete mit Hungerstreiks angefangen haben, das rassistische und menschenverachtende Asylsystem in die Öffentlichkeit zu ziehen. ErzĂ€hlt doch mal was ĂŒber eure Gruppe und ĂŒber die VerhĂ€ltnisse in der Stadt.

Anna:

Ja die VerhĂ€ltnisse in WĂŒrzburg
 In einer Erzkonservativen Studierenden- und Beamt:innenstadt ohne viel Industrie hatten es linke Ansichten natĂŒrlich nie besonders leicht. Das soll nicht heißen, dass es hier keine linke Geschichte gibt. Von der RĂ€terepublik ĂŒber den Kampf gegen den Hitler-Faschismus, Widerstand gegen Remilitarisierung und ja, auch ein Autonomes Zentrum gab es hier mal. Was uns aber in WĂŒrzburg fehlt ist eine KontinuitĂ€t.

Arthur:

NatĂŒrlich finden sich seit Jahrzehnten immer wieder junge Menschen zusammen, die sich gegen die VerhĂ€ltnisse auflehnen. Aber viele dieser jungen Menschen werden Ă€lter, haben irgendwann fertig studiert oder sind schlicht genervt von diesem langweiligen Provinznest.

Antonio:

Ein großes Problem, das Leute zwingt von hier zu verschwinden, ist aber auch die Repression. In einer kleinen Stadt mit ĂŒberschaubarer Szene ist es nicht möglich in der „Masse“ zu verschwinden. Wenn du dich hier auflehnst, landest du ziemlich schnell wegen jeder Kleinigkeit vor Gericht. Aber das brauchen wir euch in NĂŒrnberg ja wohl nicht zu erzĂ€hlen. Ich sag nur Anschreien von Bullen.

Anna:

Aber wir können auch feststellen, dass sich die letzten zehn Jahre richtig viel entwickelt hat und da wollen wir als GKN-RLW anknĂŒpfen. Wir wollen mit einem klar formulierten SelbstverstĂ€ndnis die aktiven Menschen in WĂŒrzburg zusammenbringen, ohne alle paar Jahre wieder die gleichen Grundsatzdiskussionen fĂŒhren zu mĂŒssen. Eben auch als Angebot an – fĂŒr unsere VerhĂ€ltnisse – Ältere, die sich aus dem ein oder anderen Grund aus der politischen Arbeit zurĂŒckgezogen hatten.

Antonio:

Ich finde auch, dass sich hier, trotz allen Widrigkeiten, wirklich etwas entwickelt hat. Wenn man sich anschaut, was heute alles an Gruppen und Strukturen in der WĂŒrzburger Linken existiert, ist das schon ein krasser Fortschritt zu den ZustĂ€nden vor z.B. 5 Jahren. Heute gibt es hier z.B. eine stabile Ortsgruppe von Ende GelĂ€nde, mit Schwarzlicht WĂŒrzburg ein linkes Medienkollektiv, das feministische Kollektiv MissMutig, Gegen_Gewalt als Bildungskollektiv und Ansprechstruktur bei (sexualisierter) Gewalt, eine Ortsgruppe der SeebrĂŒcke und mit FFF eine junge Klimabewegung. Und das sind nur die Strukturen, die es so vor 5 Jahren noch nicht gab.

Apropos Repression und KontinuitĂ€t, wie schaut es derzeit bei euch mit politischen Gefangenen aus, die WĂŒrzburger Justiz und der Staatsschutz scheinen recht arbeitsfreudig zu sein, wie man in den letzten Jahren so mitbekommen konnte.

Arthur:

Ja die Repressionsorgane bei uns sind in der letzte Zeit wieder sehr aktiv. Ein Prozesse in Verbindung mit unseren Demos steht bald an. Aktuell sitzen keine Genossen im Knast aber es gab und gibt immer wieder Leute die ihre Freiheit nur auf BewĂ€hrung genießen dĂŒrfen.

Anna:

Der letzte politische Gefangene bei dem wir versucht haben eine lokale Öffentlichkeit her zu stellen war Sami Solmaz. Er war wĂ€hrend des MĂŒnchner Kommunisten Prozzeses (TKP/ML) einige Zeit in WĂŒrzburg eingesperrt. Aber das hatte ja erst mal nichts mit der WĂŒrzburger Justiz zu tun.

Antonio:

Auch in WĂŒrzburg gibt es FĂ€lle von rassistisch motivierten Übergriffen durch die Cops und unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸige PolizeieinsĂ€tze, beispielsweise gegen Jugendliche. Im Kontext von Demonstrationsgeschehen, z.B. gegen ESA-AufmĂ€rsche und den Lockdown Capitalism Demos, kam es zu Polizeigewalt und sexualisierter Polizeigewalt, Anzeigen wegen Widerstand gegen Polizeibeamte und mehreren eingezogenen Handys aufgrund des Vorwurfs der Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes und konstruierten Anzeigen wegen Verletzung der Infektionsschutzverordung.

Teilweise wurden gegen Personen, die nicht anwesend waren, Anzeigen gefertigt und ID-Behandlungen veranlasst. ID-Behandlungen auf dem Weg zu Demonstrationen sind uns auch bekannt. Genoss:innen waren von Wohnungsdurchsuchungen betroffen. Zu diesen VorfĂ€llen finden sich Artikel beim linken Medienkollektiv Schwarzlicht WĂŒrzburg. Man kann den WĂŒrzburger Repressionsorganen vor allem im letzten Jahr eine erhöhte AktivitĂ€t bescheinigen was politische Repression angeht.

Seit Anbeginn der Corona-Pandemie tut sich die Linke schwer eine Position zu finden und besonders diese auch in der Praxis umzusetzen. In WĂŒrzburg hingegen gibt es seit Januar diesen Jahres regelmĂ€ĂŸig Demonstrationen unter dem Motto „Lockdown Capitalism“. Organisiert werden sie wechselnd von verschiedenen linken Gruppen und mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten. Ihr seid teil davon, wie kam es zu dieser Initiative?

Arthur:

Es war natĂŒrlich auch in WĂŒrzburg so, dass es viel zu lange gedauert hat, unsere Position entschieden in die Öffentlichkeit zu tragen. Eine riesige Unzufriedenheit und Wut auf die unfĂ€higen Regierungen in Bund und Land war bei eigentlich allen von uns schon lange vorhanden. Dass die Regierung die Folgen der Pandemie auf dem RĂŒcken der Armen und der LohnabhĂ€ngigen austrĂ€gt, war ja schon fast seit Beginn der Pandemie offensichtlich, genau wie die krasse AbwĂ€lzung der Verantwortung auf den privaten Bereich, wĂ€hrend in der Wirtschaft fast alles weiterlaufen durfte wie gewohnt, bzw. sogar Milliarden an Staatshilfen an große Konzerne geflossen sind. Aber all das mĂŒssen wir ja in einem linken Magazin nicht nochmal herunterkauen.

Anna:

Die ganze Unzufriedenheit war ja bereits wĂ€hrend des ersten Lockdowns greifbar. WĂ€hrend die Reichen in ihren riesigen HĂ€usern mit großem Garten abhĂ€ngen, sollten wir nach erledigter Arbeit in unseren kleinen Wohnungen ohne Balkon ausharren. Aber natĂŒrlich sitzen immer alle in demselben Boot.

Antonio:

Obwohl also auch hier schon lange ein Bewusstsein fĂŒr diese Ungerechtigkeiten da war, waren wir lange nicht in der Lage, das auf die Straßen zu bringen. Uns war zwar bewusst, dass es gerade in Zeiten der Krise notwendig wĂ€re, linke und solidarische Auswege zu prĂ€sentieren, aber wie ein Großteil der deutschen Linken, ist es auch bei uns nicht darĂŒber hinausgekommen.

Anna:

GeĂ€ndert hat sich das schließlich im Januar 2021. Vorher gab es schon eine Weile eine Vernetzung von Menschen aus verschiedenen politischen ZusammenhĂ€ngen in WĂŒrzburg, die in der Krise eine linke Antwort auf der Straße bringen wollten. Die erste „Lockdown Capitalism“ Demo fand schließlich zeitgleich zu einer Demonstration in Berlin statt, von der wir auch das Motto ĂŒbernommen hatten. Mit einer breiten Mobilisierung gingen wir mit einer fĂŒr WĂŒrzburger VerhĂ€ltnisse großen Anzahl an Leuten auf die Straße.

WĂŒrzburg ist eine katholisch geprĂ€gte und relativ wohlhabende Stadt, dennoch gibt es Armut, viele Arbeiter:innen und Migrant:innen. Die soziale Frage spielt also auch hier eine Rolle. Wie reagieren die WĂŒrzburger:innen auf die Demonstrationen, kann man sich in der Stadt gut mit den BeschrĂ€nkungen arrangieren?

Arthur:

Auch wenn in einer Stadt wie WĂŒrzburg zurzeit keine krassen sozialen Unruhen zu erwarten sind, nehmen wir natĂŒrlich auch hier eine starke Unzufriedenheit mit den BeschrĂ€nkungen bzw. der Art und Weise der BeschrĂ€nkungen wahr. Niemand, der gezwungen ist, fĂŒnf Mal die Woche mit vollen Öffis zur Arbeit zu fahren, sich dann ab 21Uhr aber nicht mehr vor die eigene HaustĂŒr bewegen darf, wird diese Maßnahmen als gerecht oder schlĂŒssig wahrnehmen. Genau da wollen wir ja auch ansetzen, wir wollen erklĂ€ren, warum diese Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten kein Versagen der Politik sind, sondern schlicht notwendig, um das kapitalistische System so am laufen zu halten. Wir wollen erklĂ€ren, warum wir dank Patentlogik, Verwertungsdruck im Gesundheitsbereich und Zerstörung unserer Umwelt ĂŒberhaupt an diesem beschissenen Punkt stehen, und warum wir das alles hinter uns lassen mĂŒssen, um uns eine bessere Zukunft zu erkĂ€mpfen.

Anna:

Auch die direkten Reaktionen auf die Demonstrationen waren, vor Allem fĂŒr WĂŒrzburger VerhĂ€ltnisse, wirklich positiv, auch weit ĂŒber unsere eigene Szene hinaus. Es gab einen ausfĂŒhrlichen Zeitungsartikel, in dem unsere Inhalte wirklich gut wiedergegeben wurden, wir bekamen mitunter unerwartet starken Zuspruch auf der Straße und die Beteiligung an den Demonstrationen ging vor Allem bei den ersten Demonstrationen weit ĂŒber unsere eigentlichen Kreise hinaus. Dazu beigetragen hat sicher, dass uns auch die öffentliche Abgrenzung zu Querdenken gut gelungen ist. Es war allen klar, dass wir zwar entschieden gegen den politischen Umgang mit der Pandemie protestieren, diese dabei aber definitiv nicht leugnen oder verharmlosen wollen.

Rennt Querdenken bei euch auch offene TĂŒren ein, wie z.B. in Niederbayern oder Stuttgart? Wie schaut der Umgang der WĂŒrzburger Linken damit aus?

Anna:

Solche Bewegungen zeigen uns schonungslos unsere Schwachstellen. Wenn wir es nicht schaffen der verstĂ€ndliche Verunsicherung der Menschen mit einleuchtenden ErklĂ€rungsversuchen zu begegnen, tun es andere mit ihren ErklĂ€rungen. Der beste Schutz gegen solche Bewegungen ist eine klassenkĂ€mpferische Linke, die in der Lage ist die Wut der Menschen zu bĂŒndeln. Einfach nur zu sagen, die Querdenken-Leute sind aus dem und dem Grund scheiße, reicht nicht aus. Wir mĂŒssen selber Angebote an unzufriedene machen und ihnen unsere Kritik an den VerhĂ€ltnissen verstĂ€ndlich darlegen. Und das wurde versucht.

Arthur:

Man muss dazu auch anmerken, dass die Querdenken-Bewegung in der WĂŒrzburger Bevölkerung eher schlecht ankommt. Bei ihren Demonstrationen durch die Wohnviertel wurden sie regelmĂ€ĂŸig von Anwohner:innen mit Musik gestört, angepöbelt, beleidigt und auch Katzenscheiße ist mal geflogen. Interessant ist, dass sich hierbei der “bĂŒrgerliche” Gegenprotest selbst, ĂŒber z.B. Instagram organisiert hat, oder einfach spontan mal seine Wut rausgelassen hat. Seitdem die Querdenker:innen sich bei ihren Demos mehr auf die Innenstadt beschrĂ€nken, werden sie leider hauptsĂ€chlich von Gegenprotest aus dem linken Spektrum begleitet, aber auch hier zeigen sich Passant:innen von der Coronaleugnerei eher unbegeistert.

Querdenken bedient recht offen rechte Narrative, antisemitische Darstellungen oder Holocaust-Relativierung sind keine Seltenheit. Als linksradikale Gruppe habt ihr euch auch dem Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus verschrieben. Ihr habt bereits einiges dazu gesagt, wie könnte ein sinnvoller Umgang der Linken mit Bewegungen wie Querdenken eurer Meinung nach ausschauen?

Antonio:

Eine linke Bewegung muss sich bewusst machen, dass verharmlosen und ignorieren, genauso wie reines LĂ€cherlichmachen nicht zielfĂŒhrend und im schlimmsten Fall gefĂ€hrlich sind. Witzige Aktionen gegen Querdenken sind wichtig und richtig. Genauso wichtig ist es aber, sich anzuschauen, wer da so mitlĂ€uft. In WĂŒrzburg z.B. war schon Thorsten Kokula vom “III.Weg” dabei, genauso wie Klaus Nicola Mathes, ein aktiver Neonazi aus Großlangheim. Diese sehen in dem Rassismus und Antisemitismus dieser Bewegung natĂŒrlich eine Basis. Ein weiteres Beispiel dafĂŒr wĂ€re die Flyer- und Unterschriftenaktion des “III.Wegs” am Rande einer ESA-Demo. Das heißt, auch bei Querdenken braucht es Recherche, es braucht Widerspruch und Gegenprotest, es braucht AufklĂ€rung in der Gesellschaft. 2017 beispielsweise wurden Aktivist:innen in WĂŒrzburg noch ausgelacht, als sie mit AluhĂŒten gegen ein Xavier Naidoo & Söhne Mannheims Konzert in der Posthalle protestierten. Heute weiß jede:r, dass Naidoo ein Verschwörungstheoretiker ist. Hier zeigt sich ganz klar ein Problem, nĂ€mlich die fehlende Relevanz linker Kritik in der Gesellschaft. Bietet eine linke Bewegung in einer Ausnahmesituation, wie der Covid-19 Pandemie, Antworten, Konzepte und Strategien in Kombination mit verstĂ€ndlicher Systemkritik, z.B. durch das Aufzeigen von WidersprĂŒchen im kapitalistischen System, die fĂŒr die Leute greifbar sind und entfernt sie sich dabei nicht von realen Belangen von LohnabhĂ€ngigen und Arbeitslosen, kann sie so auch gegen Bewegungen wie Querdenken agitieren und ihre gesellschaftliche Relevanz behaupten.

Also klassische Antifa-Arbeit gemischt mit wahrnehmbaren klassenpolitischen Positionen. Eigentlich ein Standard linker Politik, doch irgendwie scheint der vor Jahrzehnten verloren gegangen zu sein, viele sind dabei ihn sich wieder anzueignen. Ihr scheint diesen Versuch auch zu unternehmen, worauf sollte man besonders achten?

Anna:

GrundsĂ€tzlich ist ja gerade das, was unser VerstĂ€ndnis von Antifaschismus gegenĂŒber einem bĂŒrgerlichen Antifaschismus abgrenzt, das Bewusstsein fĂŒr die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen ZustĂ€nde aus denen dieser Faschismus heranwĂ€chst. Das Kapitalismus und Faschismus Hand in Hand gehen muss ja in antifaschistischen Gruppen in der Regel nicht diskutiert werden. Trotzdem wird Antifa-Arbeit oft “nur” zum Selbst- und Fremdschutz gefĂŒhrt, oftmals fĂŒhlt es sich so an als wĂŒrden antifaschistische Gruppen als Feuerwehr immer da auftauchen und Faschisten bekĂ€mpfen wo die bĂŒrgerliche Gesellschaft diese mal wieder hat groß werden lassen. Es ist zweifellos absolut richtig und notwendig, antifaschistischen Selbst- und Fremdschutz zu leisten, trotzdem dĂŒrfen wir nicht dabei stehen bleiben, sondern mĂŒssen ein Bewusstsein dafĂŒr schaffen, dass Antifaschismus und der Kampf gegen Kapitalismus notwendigerweise zusammengehören. So wie wir z.B. praktisch versucht haben, den Protest gegen den lokalen Querdenken-Ableger mit sozialrevolutionĂ€ren Demonstrationen mit eigenen Inhalten zu verknĂŒpfen.

Antonio:

Wir wollen erreichen, dass Antifa nicht nur ein Lifestyle ist, also das Tragen von den einschlĂ€gigen Klamottenlabels, das Besuchen von linken Konzerten usw. Antifaschismus muss als Lebenseinstellung, als SelbstverstĂ€ndnis gelebt werden, nicht nur da wo es eine bequeme FreizeitbeschĂ€ftigung ist. Antifaschismus ist wie angesprochen kein Feuerwehreinsatz organisierter Gruppen, sondern das Bewusstsein ĂŒber die Faschisierung der Gesellschaft und die konkreten alltĂ€glichen KĂ€mpfe ĂŒberall da, wo sie dem:der Einzelnen bewusst werden. Zudem gilt es emanzipatorische AnsĂ€tze und Organisierung in der Gesellschaft zu unterstĂŒtzen, zu fördern. Das heißt soziale KĂ€mpfe, wie z.B. von Mieter:innen, Arbeiter:innen und Arbeitslosen, aber auch Menschen mit Behinderung mitzukĂ€mpfen.

Anna:

Gerade hier ist es auch wichtig in die Vergangenheit zu blicken, auf zurĂŒckliegende KĂ€mpfe, die Antifaschismus und Klassenkampf verbunden haben. Dabei können wir vieles mitnehmen, sowohl an positiven Konzepten als auch an denen, die wir heute als gescheitert betrachten mĂŒssen.

Was die Pandemie angeht sind wir Linken viel im Zwiespalt. Einerseits sind wir fĂŒr einen wissenschaftlich basierten Umgang mit der Pandemie, ohne fĂŒrchten zu mĂŒssen morgen den Job zu verlieren, weil der Betrieb mal Zwangspause macht. Andererseits sind wir im Jahr zwei der Pandemie, viele Rufe nach echten EinschrĂ€nkungen, auch in der Wirtschaft, wie z.B. bei #ZeroCovid, scheinen fĂŒr viele Menschen entweder komplett unrealistisch oder einfach zu spĂ€t und es lĂ€uft halt jetzt irgendwie. Denkt ihr wir können aus der Situation noch eine StĂ€rkung der Menschen von unten schaffen, oder bleibt jetzt einfach Resignation gegenĂŒber der StĂ€rke der Herrschenden zurĂŒck?

Antonio:

Auch wenn es hart klingt, die links(radikale) Szene hat in den weitesten Teilen verpasst, angemessen auf die Krisensituation zu reagieren. NatĂŒrlich befanden wir uns mit Beginn der Pandemie in einer Situation der Unsicherheit und auch Angst. Aber diese Unsicherheiten und Angst wurden nicht ĂŒberwunden, sie haben sich teilweise in Resignation und Konformismus umgewandelt. Zumindest eine anhaltende LĂ€hmung war zu beobachten. Das Argument, es sei jetzt eh zu spĂ€t, ist in gewisser Weise ein Aufgeben. Die Situation ist klar eine andere als vor einem Jahr, aber darauf muss man auch seine Kritik anpassen. Es ist sehr positiv und wichtig, dass linke Strukturen gegen die Ausgangssperren auf die Straße gehen, aber wieso ist das jetzt der Punkt an dem alle aktiv werden. Gab es nicht bereits andere Ansatzpunkte und gibt es sie nicht auch jetzt?

Haben die vorherigen Maßnahmen uns nicht genug selbst betroffen? Eigentlich schwer vorzustellen. Auch die Wut, mit der am 1.Mai auf die Straßen gegangen wurde, ist positiv hervorzuheben. Vor allem auch in Bayern wurde in richtig vielen StĂ€dten mit ordentlich Wut im Bauch auf die Straße gegangen, in vielen anderen StĂ€dten zeigte sich eine lange nicht gesehene Konsequenz im Demonstrationsverhalten. Aber wieso erst am 1.Mai?

Ich wĂŒrde dir zustimmen und das Ă€hnlich sehen, ich wĂŒrde auch sagen, dass sich eine große TrĂ€gheit eingeschlichen hat, die auch daher kommt, dass die ganzen alten Konzepte stĂ€ndig scheitern und keiner mehr Lust hat das mitzumachen. Tendenziell kann man da schon zum Verzweifeln neigen, als dialektischer Materialist bin ich aber auch ĂŒberzeugt davon, dass am Ende nicht der Zustand der radikalen Linken den Erfolg bemisst, sondern der Bewusstseinsstand und die Handlungsmacht der Arbeiterklasse. Das kann man zwar nicht messen, aber es kann sich sichtbar machen, in z.B. einem höheren Organisierungsgrad der Klasse und aller potentiell widerstĂ€ndigen Bevölkerungsteile, ums kurz zu machen, wie schaut eure mittelfristige Perspektive als Gruppe aus, wie denkt ihr sollten wir uns aufstellen?

Anna:

Wir wollen versuchen möglichst viele Menschen anhand ihrer realen BedĂŒrfnisse organisieren. Die KĂ€mpfe, mit denen unsere Klasse konfrontiert ist, die aber viel zu oft individuell ausgetragen werden. Den Leuten klar machen, dass wir es sind, die dieses System am laufen halten und deshalb auch die Kraft besitzen, ihre Ordnung lahm zu legen. Das wird weder einfach noch wird es schnell gehen. Es wird aber nicht nötig sein das Rad neu zu erfinden. Erfolgreiche Beispiele wie eine Verankerung in unsere Klasse und eine Organisierung dieser gelingen kann gibt es viele. Auf die sollte sich unser Fokus richten. Klar ist aber auch, dass wir einige festgefahrenen linke Reflexe und Handlungenmuster dafĂŒr ĂŒberdenken mĂŒssen.

Antonio:

Das ist richtig, jedoch geht es nur Hand in Hand und dazu muss die radikale Linke einiges an VersĂ€umnissen aufholen. Die LohnabhĂ€ngigen und das Surplusproletariat haben die Macht zur gesellschaftlichen VerĂ€nderung inne. Mit diesen gilt es zusammenzuarbeiten und die Emanzipation aus den aktuellen ZustĂ€nden zu erreichen. Der Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus jedoch wurde von der Arbeiter:innenschaft getragen, ein “nie wieder” heißt also auch, sich dessen bewusst zu sein und dieses Potential als reale Gefahr anzuerkennen. Eine Arbeiter:innenbewegung ist nicht per se eine linke Bewegung.

Arhur:

Ich glaube auch nicht, dass es dazu notwendig ist, das Rad neu zu erfinden. Wir spĂŒren ja selbst jeden Tag, was die realen BedĂŒrfnisse unserer Klasse sind. Letztendlich muss es uns darum gehen, diese Erfahrungen, aber auch den Widerstand dagegen zu kollektivieren. Praktische SolidaritĂ€t leben, sich gemeinsam wehren, die eigene Handlungsmacht zu entdecken und zu erweitern. Klar sind wir im Moment in Deutschland weit davon entfernt das System umzuwerfen, trotzdem sind die gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse dynamisch und die Krisen und Konflikte spitzen sich auch hierzulande immer weiter zu. Und genau deshalb ist es auch in diesen aussichtslosen Zeiten wichtig und notwendig am Aufbau von solidarischen Strukturen und Gegenmacht zu arbeiten.

Ok, als letztes noch eine Frage, stellvertretend fĂŒr alle die nicht schon nachgeschaut haben. Was hat es mit eurem Namen auf sich?

Anna:

Der Namen soll unseren lokalen Bezug klar stellen das hat jetzt nichts mit Lokalpatriotismus zu tun sondern ist schlicht unser BetĂ€tigungsfeld. Das Klein-Nizza ist Teil einer GrĂŒnanlagen im ansonsten fast vollstĂ€ndig durchkommerzialisierten Innenstadtbereich und damit ein anschaulicher Bezugspunkt unserer Vorstellung eines besseren Zusammenlebens. Ein Ort der bei den meisten WĂŒrzburger:Innen positive GefĂŒhle wecken dĂŒrfte. Prinzipiell wĂ€re natĂŒrlich auch mit dem Namen “radikale Linke WĂŒrzburg” bereits alles gesagt, allerdings wollten wir dem MissverstĂ€ndnis vorbeugen, als Vernetzungsplattform der radikalen Linken in WĂŒrzburg wahrgenommen zu werden, statt als eigenstĂ€ndige Gruppe.

Arthur:

Auf der anderen Seit wollen wir unsere Ziele aber auch nicht verschleiern. Wir organisieren uns um ein GrundsÀtzlich anderes Zusammenleben zu ermöglichen. Radikale Linke bringt das dann eben gut auf dem Punkt.

Ich bedanke mich herzlichst fĂŒr das Interview und hoffe, dass man sich auch in Berlin, Hamburg und Co eure Worte zu Herzen nimmt.

Foto: Schwarzlicht WĂŒrzburg

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Quelle: Autonomie-magazin.org