Oktober 14, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Aragorn!

Die meisten Tendenzen innerhalb anarchistischer Kreise haben eine enge Vorstellung davon, was genau Anarchist*innen ausmacht, was ein anarchistisches Projekt ist und wie die Transformation zu einer anarchistischen Welt aussehen soll. Ob grĂŒn oder rot, kommunistisch oder individualistisch, aktivistisch oder kritisch, Anarchist*innen verbringen genauso viel Zeit damit, ihre eigenen spekulativen Positionen zu diesen komplizierten Themen zu verteidigen, wie sie lernen, was andere zu bieten haben – vor allem andere Anarchist*innen.

Als Ergebnis stellen viele fest, dass sie es vorziehen wĂŒrden, ihre politischen und sozialen Projekte außerhalb von anarchistischen Kreisen zu machen. Entweder denken sie, dass ihr spezielles Projekt fĂŒr Anarchist*innen uninteressant ist, aber sie glauben, dass es trotzdem wichtig ist (wie bei den meisten progressiven Aktivist*innen) oder sie genießen die Gesellschaft von Anarchist*innen und die Art von Spannung, die die Arbeit mit Anarchist*innen mit sich bringt, nicht besonders. Beide GrĂŒnde sind fast ausschließlich auf das tiefe Misstrauen zurĂŒckzufĂŒhren, das Anarchist*innen gegenĂŒber den Programmen anderer Anarchist*innen hegen.

Es gab einmal einen anarchistischen Aufruf fĂŒr einen „Anarchismus ohne Adjektive“, der sich auf eine Doktrin bezog, die die Koexistenz verschiedener Schulen des anarchistischen Denkens tolerierte. Anstatt den Anarchismus als kollektivistisch, kommunistisch oder individualistisch zu qualifizieren, weigerte sich der Anarchismus ohne Adjektive, ökonomische Lösungen fĂŒr eine postrevolutionĂ€re Zeit vorzudenken. Stattdessen argumentierte der Anarchismus ohne Adjektive, dass die Abschaffung der AutoritĂ€t und nicht das GezĂ€nk um die Zukunft von primĂ€rer Bedeutung ist.

Heute gibt es genauso viele (wenn nicht mehr) Meinungsverschiedenheiten darĂŒber, wie die Abschaffung der AutoritĂ€t aussehen soll, wie es vor hundertzwanzig Jahren Meinungsverschiedenheiten ĂŒber die Frage des ökonomischen Programms fĂŒr die Zeit nach der Revolution gab. Anarchistische Aktivist*innen („Organisator*innen“) glauben, dass eine Macht von unten die AutoritĂ€t abschaffen wird. KlassenkĂ€mpferische Anarchist*innen glauben, dass die Arbeiter*innenklasse die AutoritĂ€t der kapitalistischen Gesellschaft beenden wird. Zusammenbruchstheoretiker*innen glauben, dass die ökonomischen und ökologischen Bedingungen unweigerlich zu einer sozialen Transformation und einem Ende der AutoritĂ€t fĂŒhren werden.

Andererseits glauben viele Anarchist*innen nicht, dass die Abschaffung der AutoritĂ€t fĂŒr Anarchist*innen ĂŒberhaupt von primĂ€rer Bedeutung ist. Ihre Argumente sind, dass AutoritĂ€t nicht einfach verstanden werden kann (sie ist sowohl Kapitalismus als auch der Staat und keines von beiden). Dass Anarchist*innen nicht die (politische, soziale, personelle oder materielle) Macht haben, diese Abschaffung herbeizufĂŒhren, und dass AutoritĂ€t sich in etwas viel Diffuseres verwandelt hat als die König*innen und Monopolist*innen des 19. Jahrhunderts. Wenn AutoritĂ€t heute am besten als ein Spektakel verstanden werden kann, dann ist sie sowohl diffus als auch konzentriert. Diese FlexibilitĂ€t seitens der Spektakelgesellschaft hat dazu gefĂŒhrt, dass das BemĂŒhen um die Abschaffung der AutoritĂ€t (und die Praxis vieler Anarchist*innen) um ihrer selbst willen als utopisch und (spektakulĂ€r) lĂ€cherlich wahrgenommen wird.

Anarchist*innen aller Couleur sind sich einig, dass die revolutionĂ€ren Programme der Vergangenheit weit hinter der totalen Befreiung der UnterdrĂŒckten zurĂŒckgeblieben sind. Linke glauben, dass die Programme wahrscheinlich richtig gewesen wĂ€ren, aber dass der Zeitpunkt und die Bedingungen falsch waren. Viele andere Anarchist*innen glauben, dass die Zeit der Programme vorbei ist. Diese Perspektiven sind in der Geschichte des Anarchismus vertreten und sind die Quelle endloser Auseinandersetzungen bei der GrĂŒndung von und bei Treffen von anarchistischen Gruppen.

Die Geschichte sollte genutzt werden, um den Kontext dieser unterschiedlichen Perspektiven darzustellen, wird aber stattdessen als Beweis fĂŒr das eine oder andere gesehen. Anstatt zu versuchen, einander zu verstehen, zu kommunizieren, scheinen wir die Gelegenheit unseres Mangels an Erfolg zu nutzen, um unsere Positionen zu fixieren und fĂŒr abnehmende ErtrĂ€ge zu argumentieren.

Wenn Anarchie keinen Fahrplan hat, dann sind wir (als Anarchist*innen) frei, zusammen zu arbeiten. Unsere Projekte sind vielleicht nicht von der gleichen GrĂ¶ĂŸenordnung wie der Generalstreik oder sogar das Anhalten des GeschĂ€ftsbetriebs in einer großen Metropole, aber sie wĂ€ren anarchistische Projekte. Eine Anarchie ohne Fahrplan oder Adjektive könnte eine sein, in der der Kontext der Entscheidungen, die wir gemeinsam treffen, von uns selbst geschaffen wird, anstatt uns aufgezwungen zu werden. Es könnte eine Anarchie des Jetzt sein und nicht die Hoffnung auf ein anderes Morgen. Sie wĂŒrde die Last des Vertrauensaufbaus auf diejenigen legen, die tatsĂ€chlich ein gemeinsames politisches Ziel haben (die Abschaffung des Staates und des Kapitalismus), anstatt auf diejenigen, die ĂŒberhaupt kein Ziel haben oder deren Ziel im Gegensatz zu einem anarchistischen steht.

Eine Anarchie ohne Fahrplan oder Adjektive ignoriert die Differenz nicht, sondern stellt sie in den Kontext, in den sie gehört. Wenn wir mit einem Moment extremer Spannung konfrontiert werden, wenn alles, was wir wissen, dabei zu sein scheint, sich zu verÀndern, dann können wir verschiedene Weggabelungen wÀhlen. Bis dahin sollten Anarchist*innen mit der gleichen NaivitÀt aufeinander zugehen, mit der wir auf die Welt zugehen. Wenn wir glauben, dass die Welt sich verÀndern kann und sich in eine radikale Richtung von der, die in den letzten paar tausend Jahren gegangen ist, verÀndern könnte, dann sollten wir ein gewisses Vertrauen in andere haben, die dasselbe wollen.

anarchist*queer*vegan*

~ Burn this world to build a new. ~

Übersetze und schreibe zu Black Anarchism & Empowerment, Feminismus, Zivilisations und Technologiekritik, indigene Kulturen

Elany



Quelle: Schwarzerpfeil.de