342 ansichten


In diesem Artikel geht es um Wachstumsperspektiven der FAU, die Frage nach der Klarheit politischer Statements nach außen, dem VerhĂ€ltnis zu anderen linken Bewegungen und dem Umgang mit der Gefahr staatlicher Diffamierung.

Teil der Debatte ist dabei der von Beginn an in der Bewegung schlummernde Widerspruch zwischen einer sogenannten „Interessensorganisation“, also einer Organisation die möglichst allen LohnabhĂ€ngigen zur akuten Verbesserung ihrer Klassenlage offen steht und einer „Ideenorganisation“, d.h. einer Organisation die gewisse zwischenmenschliche, politische und wirtschaftliche Ideale klar ausformuliert, sie unter den Mitgliedern mehrheitsfĂ€hig hĂ€lt und fĂŒr sie auch nach außen wirbt.[1]Nachlesen lassen sich diese Konflikte in unserer VorgĂ€ngerorganisation FAUD (1919-1933) u.a. in: Hartmut RĂŒbner – Freiheit und Brot, Die Freie Arbeiter-Union Deutschlands, Libertad Verlag Berlin, Köln 1994, Ulrich Klan und Dieter Nelles – Es lebt noch eine Flamme, Rheinische Anarcho-Syndikalisten/-innen in der Weimarer Republik und im Faschismus, Trotzdem Verlag, 2. Auflage, Reutlingen 1990

Keine Glaubensbekenntnisse fordern

Eine viel beschworene Losung, die auch von vielen FAU-Mitgliedern immer wieder postuliert wird, ist jene, nach der es sich bei der FAU um eine Organisation nach anarchistischen Prinzipien, jedoch nicht um eine Organisation von und fĂŒr Anarchist_innen handele.

Konkret soll das bedeuten, dass die Werte von Selbstverwaltung, Basisdemokratie, Föderalismus, Gleichberechtigung der Mitglieder, Minderheitenschutz, ParteiunabhĂ€ngigkeit und einer klaren Klassenposition zugunsten der LohnabhĂ€ngigen[2]Jenen, die nichts Wesentliches zu verĂ€ußern haben als ihre Arbeitskraft. von Neumitgliedern bezogen auf die Organisation akzeptiert werden mĂŒssen, gleichsam aber kein geschlossenes, anarchistisches Weltbild abverlangt werden darf.

Dieser Grundsatz erscheint logisch, wĂ€re es doch eine Schande und Farce zugleich Kolleg_innen mit konkreten Problemen zunĂ€chst politisch abzuklopfen oder eine breite Gewerkschaftsbewegung, die die FAU hoffentlich einmal werden wird, regelmĂ€ĂŸigen Gesinnungskontrollen zu unterziehen.

In der konkreten Anwendung zeigt sich jedoch die WidersprĂŒchlichkeit und die blinden Flecken dieses Grundsatzes. So taucht diese Losung regelmĂ€ĂŸig in internen Debatten ĂŒber soziale und politische Standards aber auch in BĂŒndnisdiskussionen und nicht zuletzt im VerhĂ€ltnis zu direkter Aktion und dem Umgang mit Repression wieder auf. Einem Teil der FAU geht es also offensichtlich nicht nur darum, kein geschlossenes anarchistisches Weltbild abzufordern sondern auch darum, welche politischen Position fĂŒr eine Organisation wie die FAU unentbehrlich sind, welche nicht, ob und wann diese auch nach außen getragen werden, etc. pp..

Das VerhÀltnis der FAU zu anderen Anarchist_innen und linken Bewegungen

Um die Vehemenz dieser Diskussionen um politische Standards innerhalb der FAU zu verstehen, ist es notwendig kurz auf die Geschichte der FAU und anderer libertÀrer und antiautoritÀrer Akteur_innen einzugehen.

Die FAU grĂŒndete sich 1977, blieb aber ĂŒber Jahrzehnte immer wieder von Spaltungen und RĂŒckschlĂ€gen geprĂ€gt und bei einigen wenigen hundert Mitgliedern im Wachstum stecken, noch vor 10 Jahren war sie verschwindend klein. Zwar gelangen punktuell auch spektakulĂ€re Interventionen in der betrieblichen SphĂ€re und immer wieder gute, inhaltliche Interventionen (erinnert sei bspw. an die Hartz-IV-Proteste), im Großen und Ganzen konnten aber kaum nachhaltige Strukturen entwickelt werden.[3]Vgl. Roman Danyluk/Helge Döhring (Hg.) – FAU Die ersten 30 Jahre, 1977-2007, Verlag Edition AV, Lich 2008

In der gĂ€ngigen innerorganisatorischen ErzĂ€hlung stellte die maßgebliche BetĂ€tigung als eine Ideenorganisation – und eben nicht als eine Interessensorganisation – dafĂŒr den Hauptgrund dar. Die FAU betĂ€tigte sich demnach ganz maßgeblich mit VortrĂ€gen und Kulturarbeit zum historischen Anarchosyndikalismus und Bildungsarbeit in vielen Themenbereichen, versĂ€umte aber vielerorts einen strukturierten Aufbau konkreter, funktionaler Werkzeuge alltĂ€glich-praktischer KĂ€mpfe wie bspw. Streikkassen, Organizing-Schulungen, Betriebsgruppenstandards, BeratungsleitfĂ€den. Die FAU diente also v.a. auch als Sammelpool fĂŒr Menschen, die sich eine allgemeine anarchistische Föderation wĂŒnschten. Das blockierte auch vielerorts eine Spezialisierung auf ordinĂ€r syndikalistische Schwerpunkte.

Die reine Ideenorganisation im Sinne allgemeiner, anarchistischer Organisationen hat sich historisch jedoch nicht bewĂ€hrt. Sie konnte nirgends aus eigener Kraft (sondern maximal im Fahrwasser syndikalistischer Organisationen) grĂ¶ĂŸere Teile einer Bevölkerung an sich binden, bzw. syndikalisierte sie sich dort, wo sie wuchs durch die Bildung von Gewerkschaften und Genossenschaften. Die Ursache dafĂŒr ist augenscheinlich ein konzeptionelles Problem: Allgemein-anarchistische Organisationen sind i.d.R. vor allem Propaganda- und Bildungsorganisationen. Sie appellieren an die Überzeugungen und die Einsicht der Menschen, sind also idealistisch. Die Motivation sich ihnen anzuschließen, ist meist das Richtige zu tun, unter Inkaufnahme eigener Nachteile wie Ächtung und Repression. Es lĂ€sst sich beobachten, dass dies in jeder Zeit nur einen bestimmten Teil der Bevölkerung abholen konnte.

Der syndikalistische Ansatz ist nĂŒchterner: Er hofft Mitmenschen auch ganz materialistisch, das heißt durch die potentiellen wirtschaftlichen und sozialen Vorteile der Organisation zu gewinnen und ihnen so einen praktischen Beweis fĂŒr die FunktionstĂŒchtigkeit gemeinschaftlich-solidarischen Handelns zu vermitteln. Historisch hat sich dieser Ansatz als tragfĂ€higer erwiesen, wĂ€hrend allgemein-anarchistische Organisationen immer wieder auf marginale RandphĂ€nomene begrenzt blieben.[4]Siehe dazu auch fĂŒr das deutsche Beispiel der FKAD: Helge Döhring – Anarchisten auf Sinnsuche, Die Föderation kommunistischer Anarchisten Deutschlands (FKAD) 1919-1933 Band 2, Verlag Edition AV Aus dieser historischen Erkenntnis heraus, sind große Teile der FAU verstĂ€ndlicherweise bemĂŒht, ihren klaren, auf die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage ihrer Mitglieder fokussierten Anspruch kenntlich zu machen und gegen ein Abgleiten in reine Theorie-Zirkel zu verteidigen.

Ein weiterer Punkt des AbgrenzungsbedĂŒrfnisses betrifft weite Teile der heutigen radikalen Linken im Allgemeinen. Wie schon in vielen BeitrĂ€gen unter dem Stichwort der „Neuen Klassenpolitik“ thematisiert, haben viele Strömungen und Gruppen das Ringen um gesellschaftliche Mehrheiten und revolutionĂ€re Emanzipationsprozesse weitgehend aufgegeben (auf die Ausnahmen komme ich spĂ€ter).[5]Einen tollen Diskussionsbeitrag zu dieser Thematik lieferte jĂŒngst Robert Misik – Die falschen Freunde der einfachen Leute, Suhrkamp Verlag, Berlin 2019 Mehr und mehr geht es eher darum selbst „sauber zu bleiben“, sich in korrektem Verhalten, korrektem Umgang und korrekten Gedanken zu ĂŒben, unabhĂ€ngig vom eigentlichen gesellschaftlichen VerĂ€nderungsgehalt dieser BemĂŒhungen. Das ist sicher nicht nur zufĂ€llig passend zum ich-bezogenen Zeitgeist einer neoliberalen Epoche und kann dabei gleichzeitig an das Erbe christlicher SĂŒnden- und LĂ€uterungslogik andocken.

Diese Verfasstheit der radikalen Linken verwundert um so weniger, wenn wir bedenken, dass die TrĂ€ger_innen dieser Bewegungen in den letzten Jahrzehnten immer stĂ€rker von Menschen mit hohem kulturellen, ökonomischen und/oder sozialen Kapital[6]Kulturelles Kapital meint an dieser Stelle bspw. den Bildungsgrad der Eltern, der allgemeine außerschulische Bildungsgrad und das in der Jugend vermittelte, intellektuelle Selbstvertrauen das in der Regel sozial vererbt wird. Soziales Kapital meint den Grad an Beziehungen ins gesellschaftliche Establishment, also bspw. familiĂ€r erwachsene Kontakte in UniversitĂ€ten, Medien, Politik und Wirtschaft. geprĂ€gt wurden, sich also immer stĂ€rker von den Ă€rmsten Teilen der Bevölkerung entfremdet und damit selbst einerseits Privilegien zu verlieren haben und andererseits weniger Leidensdruck fĂŒr die Schaffung materialistischer Strukturen ausgesetzt sind.

RevolutionĂ€re Prozesse wurden in der bisherigen Geschichte jedoch von stark benachteiligten und eben nicht von relativ behĂŒteten Gesellschaftsteilen angestoßen.[7]Dazu findet sich ein spannender Vergleich der französischen und spanischen Arbeiter_innenklasse fĂŒr die Zeit der französischen Volksfront-Regierung und der spanischen Revolution im Buch von Michael Seidman – Gegen die Arbeit, Über die ArbeiterkĂ€mpfe in Barcelona und Paris 1936 – 38, Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2011 Kurz um, in den aktuellen gesellschaftlichen VerhĂ€ltnissen muss eine revolutionĂ€re Organisation v.a. die Linderung von Alltagsnöten schaffen können. Die PrekĂ€rsten der Gesellschaft haben wenig Zeit und VerstĂ€ndnis fĂŒr ewige Debatten, die scheinbar keine konkreten Ergebnisse zeitigen, sie haben in der Tendenz weniger Selbstbewusstsein sich in theoretischen Fragen zu artikulieren, sie haben ebenso in der Tendenz weniger literarische Übung und steigen schneller bei intellektuellen Texten aus etc. pp.. Jede syndikalistische Organisation tut daher gut daran, sich von Symbolpolitik und einem Ruf als einem Laber- und Theoriehaufen wirksam zu distanzieren.

Ohne Anarchist_innen zu Anarchie?!

Doch so ganz ohne den Anarchismus zu propagieren wird es vermutlich schwer zur Anarchie bzw. zum freiheitlichen Kommunismus zu gelangen. Aus der internationalen Arbeit wurde mir neulich von einem Genossen ein eindrucksvolles Beispiel dafĂŒr gegeben, wohin diese Logik unter UmstĂ€nden fĂŒhrt: Der Genosse war damit betraut potentielle Beziehungen zu einer syndikalistischen Organisation in Osteuropa auszuloten. Bei seiner Recherche ĂŒber die Organisation stellte sich heraus, dass mehrere Mitglieder eines Ortsverbandes der Organisation gleichzeitig aktive und bekennende Mitglieder stalinistischer, frauenfeindlicher, homophober und verschwörungstheoretischer Organisationen sind. Darauf angesprochen antwortete der internationale SekretĂ€r der Gewerkschaft:

„Wir sind eine Organisation nach anarchistischen Prinzipien, keine Organisation von Anarchist_innen.“

Die Parole, zumindest absolut interpretiert, macht uns also letztlich unfĂ€hig rote Linien zu ziehen und potentiell auch unfĂ€hig die weniger privilegierten Mitglieder in unseren Reihen (Frauen, PoC, Homosexuelle, trans Personen, 
) effektiv zu schĂŒtzen. NatĂŒrlich fĂŒhrt das auch dazu, dass entsprechende Betroffenengruppen gar nicht erst Mitglied werden.

Die Kernfragen sind also, wie finden wir das richtige Maß aus politischer Klarheit und ProgressivitĂ€t einerseits und Niedrigschwelligkeit und Offenheit andererseits? Wo sind die Orte und Ebenen der politischen Bildung und Diskussion? Sind Bildung und Diskussion im gesamtgesellschaftlichen Diskurs ĂŒberhaupt Kernaufgaben oder ergibt sich diese am Rande bspw. betrieblicher Organisierung und KĂ€mpfe eher nebenbei?

Die Thesen/Alternativen im Überblick:

a) Vertrauen darauf, dass anarchistische Strukturen langfristig automatisch anarchistische Zielsetzungen schaffen

b) wir bleiben offen, aber eigentlich steuert eine anarchistische Avantgarde informell die inhaltliche Ausrichtung der Organisation, da sie sich in der Versammlungsdemokratie aus verschiedenen Faktoren (Zeit, intellektueller Background bzw. intellektuelle Schulung, geschickter Fraktionsbildung) mehr Durchsetzungskraft verschaffen kann

c) stĂ€rkere Hinwendung zur formalisierten Hierarchie, Ausweitung inhaltlicher Entscheidungsbefugnisse fĂŒr einzelne Mandate, weg von den Basisversammlungen, Etablierung eines Kadersystems mit politischer Schulung. Letztlich also die transparentere Variante von b)

d) langsameres Wachstum mit dem Versuch intensiver Diskussion und gemeinsamer Weiterbildung mit möglichst vielen Neumitgliedern, dabei ernst nehmen von neu hinzutretenden Perspektiven

e) das Aufgeben einer revolutionĂ€ren Stoßrichtung zu Gunsten einer schnell wachsenden, alternativen Gewerkschaftsbewegung

BezĂŒglich These a), die sicherlich die angenehmste Variante wĂ€re, mĂŒssen wir leider skeptisch sein. Zwar darf davon ausgegangen werden, dass Selbstbestimmungsrechte und eine wirtschaftliche Gleichheit innerhalb der Organisation von ihren Mitgliedern ggf. auch verteidigt werden und sich die VerselbststĂ€ndigung einer FĂŒhrungsriege schwierig gestaltet. Damit dies so ist, muss der Vorteil der Selbstbestimmungsrechte jedoch erst einmal praktisch erlebt werden.

In der aktuellen Verfasstheit syndikalistischer Organisationen ergeben sich BerĂŒhrungspunkte fĂŒr inaktive Mitglieder wohl nur in bestimmten Situationen aller paar Jahre, wie in konkreten Problemen am Arbeitsplatz. HĂ€tten syndikalistische Strukturen bereits die GrĂ¶ĂŸe und Breite erreicht, dass sie uns im Alltag in jedweden Bereichen berĂŒhren und weiter helfen wĂŒrden, das Selbstbestimmungsrecht wĂŒrde sicherlich von breiteten Mitgliederanteilen aktiv in Anspruch genommen und geschĂ€tzt werden. So hilft die FAU den meisten nur da und dort und dazwischen geht es um einen relativ großen und bĂŒrokratischen Überbau, von dem die meisten ganz froh sind, sich nicht damit befassen zu mĂŒssen. Eine Hierarchisierung und ein Verlust der Einspruchsmöglichkeiten der gesamten Gewerkschaftsbasis wĂŒrde von dieser aktuell und wohl auch in nĂ€chster Zukunft wohl kaum bemerkt oder problematisiert werden, v.a. ist sie noch zu abstrakt, als das sich daraus quasi von selbst gesamtgesellschaftliche Utopien ableiten wĂŒrden.

Ebenso sensibilisiert ein Erleben eigener Rechte leider noch lange nicht fĂŒr die Rechte anderer. Vielleicht ist es auf diese Weise möglich, eine basisdemokratische Gewerkschaftsbewegung wachsen zu lassen und auch basisdemokratisch zu bleiben. Ob sich ohne inhaltliche Auseinandersetzung dabei jedoch ein kritisches Bewusstsein und eine Reflexion eigener Privilegien, bspw. im globalen Kontext oder im Kontext der GeschlechterverhĂ€ltnisse ergibt, ist mehr als fraglich.

Die Variante b) findet sich u.a. im klassischen Plattformismus, einer Art bolschewistischer Variante des Anarchismus:

„Mit anderen Worten, in die revolutionĂ€re Gewerkschaftsbewegung mĂŒssen wir als organisierte Kraft hineingehen, eine Kraft, die fĂŒr die Arbeit der allgemeinen anarchistischen Organisation in den Syndikaten verantwortlich ist und die von der Organisation geleitet wird.“[8]Organisationsplattform der Allgemeinen Anarchistischen Union von 1926, zitiert nach Kollektive Einmischung, Ausgabe 2: https://www.dieplattform.org/wp-content/uploads/2019/05/KE2-5-1.pdf

Varianten b) und c) verwerfen letztlich den Gedanken von einem Proletariat, welches fĂŒr sich selbst Entscheiden lernt. In Variante c) wird an das alte FunktionĂ€r_innentum angeknĂŒpft aber immerhin besteht noch die Möglichkeit zur Transparenz und Abwahl. Variante b) ist ungleich schlimmer, da sich diese ideologische Leitung durch plattformistische Organisationen oder informelle Zirkel potentiell im Geheimen vollzieht, eine unsichtbare Fraktionierung darstellt, demokratische Prozesse aufgeweicht und Misstrauen geschĂŒrt werden.

Problematisch an beiden Varianten ist, dass Kader, seien sie formal bestellt oder Aktivist_innen, die mit viel Einsatz im Hintergrund wirken, ihre ganz eigene LebensrealitĂ€t entfalten und sich nur ganz bestimmte Menschen fĂŒr diese Arbeit finden. Es entsteht wieder eine Kluft aus der Masse, die gelenkt wird und jenen, die fĂŒr die Masse die „richtigen“ Strukturen und Positionen zu finden suchen. Zu Grunde liegt die oft unausgesprochene Grundannahme, dass von der Mehrheit der Leute nichts Wesentliches zu lernen und zu erwarten sei. Schnell fĂŒhren solche Strukturen auch dazu, dass passionierte BerufsrevolutionĂ€r_innen die LebensrealitĂ€t anderer revolutionĂ€rer Genoss_innen mit anderen Schwerpunkten, bspw. ihrer Berufung als PflegekrĂ€fte, Eltern, Landwirt_innen, Handwerker_innen etc. pp. nicht mehr in die revolutionĂ€re Gleichung einbeziehen und ihre Leidenschaft und zeitintensive BeschĂ€ftigung mit der Organisation und Politik als neue Norm ansetzen, so dass der Mensch sich wieder der Utopie anpassen soll und nicht umgekehrt.

Die Varianten d) und e) sind sehr nĂŒchtern. Akzeptiert die erste, dass es eben so schnell nicht geht mit dem Aufbau einer revolutionĂ€ren Bewegung, ist die letztere bereit Abstriche im revolutionĂ€ren Programm hinzunehmen um immerhin trotzdem ein demokratischeres Gewerkschaftsmodell als das bisher bekannte in Deutschland groß zu machen.

Ob die Debatte aber nicht am Ende vorrangig aus heißer Luft besteht, da die Hindernisse fĂŒr ein Wachstum der Organisation nicht so sehr entlang ihrer anarchistischen Positionen und Äußerungen oder ihres staatsfeindlichen Rufes sondern wo ganz anders liegen, ist lange nicht gesagt. Es fehlt dazu schlicht ĂŒberzeugendes Datenmaterial und es wĂ€re nicht das erste Mal, dass sich organisationsinterne Debatten an einer Projektion austoben.

Welches Wachstum tut uns gut?

Sichten wir die Debatten der letzten Jahre, stellen wir nun fest, dass es im Wesentlichen zwei Vorstellungen vom Wachstum der FAU in den nÀchsten Jahren gibt.

Die eine besagt, dass wir mit unserer aktuellen GrĂ¶ĂŸe quasi unfĂ€hig zu tatsĂ€chlichen Aktionen in vielen relevanten Gebieten sind. Die meisten Syndikate wĂ€ren ĂŒberfordert mit dem Eintritt von 200 Arbeiter_innen aus einem einzelnen Werk auf einmal – eine QualitĂ€t die unsere polnische Schwesterngewerkschaft IP bereits erreicht hat. Auch in der Frage nach Massenprotesten und  Massenstreiks, sei es gegen die UnterstĂŒtzung Deutschlands fĂŒr die tĂŒrkische Diktatur oder seien es Kampagnen wie der Fem*Streik oder die Klimastreiks, reicht unsere Basis noch nicht aus, um die Bewegungen mit qualitativen SprĂŒngen zu unterstĂŒtzen, wie es bspw. durch die CNT und andere syndikalistische Gewerkschaften in Spanien der Fall ist. Der Wunsch bei diesen KĂ€mpfen nicht an der Seitenlinie zu stehen, ist sehr verstĂ€ndlich. Um so mehr, weil wir immer wieder erleben mĂŒssen, wie Aktivist_innen der streik-enthusiastischen Strömungen in Deutschland weiterhin naiv auf eine Beteiligung der DGB-Gewerkschaften in diesen KĂ€mpfen hoffen, da ihnen die syndikalistischen Gewerkschaften zu marginal erscheinen. Und auch in den alltĂ€glichen betrieblichen KĂ€mpfen stellt uns unsere eigene MarginalitĂ€t natĂŒrlich immer wieder vor Probleme. So sind wir oft auf v.a. auf rein juristisches Vorgehen zurĂŒck geworfen oder können in Großbetrieben angesichts Tarifeinheitsgesetz und Union Busting durch Zentralgewerkschaften nur abwarten und uns langsam sammeln.

Auf der anderen Seite gibt es Bedenken, Abstriche an den falschen Stellen zu machen. So ist ein Wachstum was auf einem geringeren Minderheitenschutz, auf einem Kuschen vor gesellschaftlichen Vorurteilen gegenĂŒber GeflĂŒchteten und Migrant_innen, gegen trans Personen etc. basiert, nicht hinnehmbar. Auch eine Verleugnung der revolutionĂ€ren Agenda unserer Gewerkschaft kann kaum zielfĂŒhrend sein. Als eine Gewerkschaftsföderation, die sich der Emanzipation verschrieben hat, mĂŒssen wir mit Gegenwind von den Profiteur_innen der herrschenden Ungerechtigkeiten – eben auch innerhalb der Arbeiter_innenklasse Deutschlands – rechnen. Es kann uns wenig nĂŒtzen, wenn sich die Mitglieder unserer Gewerkschaft nicht darĂŒber klar sind, auf was sie sich einlassen und dass eine anarcho-syndikalistische Gewerkschaft – wo sie erfolgreich wird – zwangslĂ€ufig im Fokus von Kapital, militanten Rechten, der Mafia und des Staates steht.

Im Mikro-Organizing wird die AufklĂ€rung ĂŒber mögliche Gefahren und RĂŒckschlĂ€ge von Kolleg_innen als „impfen“ bezeichnet und im viel beachteten Handbuch „Geheimnisse einer erfolgreichen Organizerin“[9]Alexandra Bradbury, Mark Brenner, Jane Slaughter – Geheimnisse einer erfolgreichen Organizerin, Schmetterlingsverlag, Stuttgart 2018 vor falschen AbkĂŒrzungen gewarnt, die sich immer als fatal erweisen. Selbiges lĂ€sst sich auch ĂŒber das Organizing fĂŒr die Gesamtorganisation sagen. Was nĂŒtzt uns der Aufbau einer breiten Mitgliederbasis, wenn diese bei der ersten staatlichen Diffamierungskampagne das Weite sucht? Oder was, wenn wir zwar die Mitgliederzahlen fĂŒr wirksame betriebliche Aktionen am 8. MĂ€rz entwickeln, zu dem Preis, dass diese Aktionen aber gar nicht mehr mehrheitsfĂ€hig sind, weil wir mit diesen neuen Mitgliedern in keinen offenen, inhaltlichen Dialog getreten sind?

Wir sind nicht die einzigen Syndikalist_innen auf dem Platze

Besonders Ă€rgerlich an der ganzen Debatte ist das Kleinreden der eigentlich noch vorhandenen linksradikalen Potentiale. Es gibt nicht nur die oben beschriebene radikale Linke, die sich in Subkultur, Abgrenzung, reiner Lehre und katechistischen Verhaltenskodexen ergießt, viele Strukturen und Strömungen gehen einen anderen Weg, stĂŒrtzen sich ins GetĂŒmmel außerhalb von Szenekiezen, GroßstĂ€dten und angeblich homogenen Blasen und bauen langfristige Strukturen auf. Genannt seien hier nur exemplarisch die kurdische Bewegung, Ende GelĂ€nde, die Mietwahnsinn-Stoppen-Bewegung, die MietshĂ€usersyndikat-Bewegung, die linksradikale Opposition innerhalb der DGB-Gewerkschaften. Überall dort und anderswo sind tausende LohnabhĂ€ngige aktiv, die mit unseren GrundsĂ€tzen und Analysen Vieles teilen und die wir zum grĂ¶ĂŸten Teil noch nicht fĂŒr unsere Gewerkschaftsbewegung gewinnen konnten. Wenn wir darĂŒber nachdenken, schlagkrĂ€ftiger zu werden und mehr Massenbasis zu entwickeln, könnten wir erst einmal ĂŒberlegen, wie wir diesen Teil unserer Klasse stĂ€rker fĂŒr gewerkschaftliche Aktionseinheit begeistern können. Die Debatte innerhalb der radikalen Linken aber eben auch innerhalb der FAU macht oftmals eine Unterscheidung zwischen Linksradikalen/Anarchist_innen einerseits und den LohnabhĂ€ngigen andererseits auf – damit marginalisieren wir uns völlig ohne Not selbst – auch anarchistische und antiautoritĂ€re Arbeiter_innen sind Arbeiter_innen!

FĂŒr eine bewusste Gewerkschaftsbewegung und eine mittelfristige Diskursverschiebung!

Als FAU mĂŒssen wir nicht in Panik verfallen. Auch wenn die Langsamkeit unseres Fortschritts nervt, unser Wachstum ist seit Jahren stabil und steigend, was dieser Tage fĂŒr Gewerkschaften in Deutschland keine SelbstverstĂ€ndlichkeit ist.[10]So hat sich die Mitgliederzahl seit 2013 bspw. verdreifacht.

Auch wenn wir uns erst mal „nur“ an den klar antikapitalistischen und antiautoritĂ€ren Teil der LohnabhĂ€ngigen in Deutschland halten, der keinerlei BerĂŒhrungsĂ€ngste mit Feminismus etc. pp. hat – also v.a. die breiten Nachbarschafts- und Mietshausbewegungen, die Kurd_innen etc. pp., kann unsere Gewerkschaft noch um tausende Mitglieder wachsen.

Meiden sollten wir, wie oben beschrieben, die MarktplĂ€tze linker Rechthaberei, die Rethorikwettbewerbe und die links-bĂŒrgerlichen Charity-Veranstaltungen. Zusammenarbeit macht dort Sinn, wo versucht wird, linke Mehrheiten zu organisieren, wo mensch einsieht, dass sich Gesellschaft mit einfachen schwarz-weiß Schemata nicht greifen lĂ€sst und wo Menschen bemĂŒht sind, effektive und nachhaltige soziale Strukturen aufzubauen und sie mehr und mehr Menschen zugĂ€nglich zu machen.

Vergessen dĂŒrfen wir dabei auch nicht, was wir schon in den letzten Jahren erlebten: Eine stĂ€rker werdende syndikalistische Bewegung, mit der die FAU dank unter_bau, IWW, GG/BO und anderen Initiativen in Deutschland ja zum GlĂŒck nicht allein ist, strahlt auch auf die anderen sozialen Bewegungen aus. Sie hat Einfluss auf deren Analysen, Schwerpunkte und Zusammensetzungen. Im Vorfeld unserer Organisationen findet daher auch immer eine Diskursverschiebung und eine VerĂ€nderung der proletarischen Kultur statt, Ă€hnlich wie das v.a. im KleinbĂŒrgertum durch die AfD zu Gunsten der Reaktion geschieht.

MĂŒĂŸig sind aktuell geistige Verrenkungen darĂŒber, wie wir um jeden Preis „proletarische Massen“ ohne bisherige AnknĂŒpfungspunkte an soziale Bewegungen gewinnen können. Viele wachsende Syndikate sind gerade noch vollends damit beschĂ€ftigt, organisatorische Lösungen fĂŒr den aktuellen Zulauf zu finden. Wo es aktiven Syndikaten an Mitgliedern mangelt, reicht bis jetzt schon der offensivere Hinweis auf Beratungs- und Hilfsangebote, um schnell weitere FĂ€lle und Mitstreiter_innen aufzutun.

Fahren wir also lieber erst mal auf Sicht, machen wir uns Gedanken, wie wir Aktive in anderen sozialen Bewegungen auch fĂŒr eine Mitgliedschaft in der FAU begeistern können, nehmen wir uns die Zeit neue Mitglieder wann immer möglich aktiv einzubinden und mit ihnen Vorstellungen, Überzeugungen und Analysen auszutauschen. Wir werden trotzdem weiter wachsen, auch an Arbeits- und MietkĂ€mpfen wird vermutlich kein Mangel entstehen. Mit unserem Wachstum, das zeigen uns u.a. die Erfahrungen aus Spanien und teilweise auch in Deutschland, werden sich die Zentralgewerkschaften mehr und mehr veranlasst sehen ebenfalls entschlossenere Töne anzustimmen, um nicht den Anschluss zu verlieren. So können wir, wenn auch zunĂ€chst weiter als Minderheit in der deutschen Gewerkschaftslandschaft, die Freund_innen der Sozialpartner_innenschaft ein wenig – und bald schon vielleicht ein wenig mehr – vor uns her treiben.

Mit dieser Strategie haben wir dann auch keine Not, unseren Wunsch nach einer kommunalistisch selbstverwalteten Gesellschaft ohne Kapital und Ausbeutung zu verschweigen, uns von den Mitteln der direkten Aktion zu distanzieren oder unsere Bekenntnisse zum Feminismus fĂŒr alle Geschlechter oder nach offenen Grenzen zu verschleiern.

Aktuell steht uns mit den wirtschaftlichen Folgen von Corona eine neuerliche, gravierende globale Krise ins Haus. Nicht unwahrscheinlich ist da, dass gerade jene am meisten Aufmerksamkeit gewinnen, die die MissstÀnde, die Entrechtungen und die DysfunktionalitÀt des Systems am klarsten benennen.




Quelle: Direkteaktion.org