August 4, 2022
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Einleitung der Soligruppe fĂŒr Gefangene

In unserer Reihe zu Staat-Nation und Anarchismus haben wir den Text Anarchismus und der nationale Befreiungskampf aus dem Jahr 1976 von Alfredo Bonanno ĂŒbersetzt, der 1976 von Bratach Dubh Edition unter dem Titel Anarchism and the National Liberation Struggle auf englisch veröffentlicht worden ist. Wir haben uns entschieden diesen Text zu veröffentlichen, auch wenn wir ihn nicht fĂŒr einen der gelungensten Texte von Bonanno halten, da er dennoch einen wichtigen Beitrag zur Debatte des VerhĂ€ltnisses und Verhaltens zu nationalen BefreiungskĂ€mpfen darstellt, demzufolge Nationalismus und Nation, und eine gute Grundlage zu Diskussionen bezĂŒglich dieser Frage, zusammen mit den beiden anderen von uns veröffentlichten Texten zu dieser Thematik, bietet. Auch wenn oder gerade weil die Frage, wie sich Anarchisten und Anarchistinnen in Bezug auf sogenannte BefreiungskĂ€mpfe verhalten sollten, immer noch aktuell ist und immer wieder auftauchen wird, siehe beispielsweise Rojava oder Katalonien, sollte der folgende Text durchaus auch in RĂŒcksicht auf die historischen Gegebenheiten seiner Entstehungszeit gelesen werden und zwar in den siebzigern des letzten Jahrhunderts als die nationalen BefreiungskĂ€mpfe in Europa, beispielsweise in den Regionen Nordirland und des Baskenlandes, erbittert und in einer krassen IntensitĂ€t gefĂŒhrt wurden. Dabei zeigt sich in dem Text eine ambivalente Haltung zur Frage der UnterstĂŒtzung nationaler BefreiungskĂ€mpfe, die zwar am Ende bejaht wird zuvor aber mit vielen abers und Bedingungen, was die eigentlichen Ziele anbelangt eingeschrĂ€nkt wird. Einverstanden sind wir auch nicht mit dem im Text positiv dargestellten Aspekt der Zusammenhalt erzeugenden Ethnie. Auch wenn wir die Existenz von so etwas wie Ethnien, die eine Verbindung zwischen Menschen schaffen, die ĂŒber dieselbe regionale Herkunft verfĂŒgen, nicht unbedingt leugnen wollen, haben wir doch ein Problem damit, wenn diese als Basis fĂŒr Zusammenhalt und KĂ€mpfe, die immer BefreiungskĂ€mpfe vom Joch des Kapitalismus sein sollten, dienen sollen, wo doch viel mehr der Klassenantagonismus zwischen Besitzenden und Besitzlosen, Regierenden und Regierten, Bourgeoisie und Proletariat und das daraus folgende Klassenbewusstsein Grundlage der SolidaritĂ€t und des gemeinsamen Kampfes ist. Das es bei den sogenannten nationalen BefreiungskĂ€mpfen fĂŒr Anarchisten und Anarchistinnen letztendlich immer um die Zerstörung des Kapitalismus und des Staates gehen sollte und nicht um die Schaffung neuer kleinerer kapitalistischer Staaten, die sich nationalistisch legitimieren, wird im Text zwar deutlich, aber unserer Ansicht nach leider auch nicht deutlich genug.



Anarchismus und der nationale Befreiungskampf (1976), von Alfredo Maria Bonanno

EinfĂŒhrung zur Bratach Dubh Edition 1976

von Jean Weir

Die Anarchisten neigen dazu, das Problem des nationalen Befreiungskampfes zu scheuen oder es aufgrund ihrer internationalistischen Prinzipien ganz abzulehnen.

Wenn Internationalismus nicht nur bedeutungslose Rhetorik sein soll, muss er die SolidaritĂ€t zwischen dem Proletariat verschiedener LĂ€nder oder Nationen beinhalten. Dies ist ein konkreter Begriff. Wenn es eine Revolution gibt, dann wird sie wie in der Vergangenheit in einem bestimmten geografischen Gebiet stattfinden. Inwieweit sie dort verbleibt, hĂ€ngt direkt mit dem Ausmaß dieses Internationalismus zusammen, sowohl in Bezug auf die SolidaritĂ€t als auch auf die Ausbreitung der Revolution selbst.

Der „Patriotismus“ der Menschen ist auf einer grundlegenden, unverfĂ€lschten Ebene der Kampf fĂŒr die eigene Autonomie, ein natĂŒrlicher Drang, ein „Produkt des Lebens einer sozialen Gruppe, die durch Bande echter SolidaritĂ€t vereint und noch nicht durch Reflexion oder durch die Wirkung ökonomischer und politischer Interessen sowie religiöser Abstraktionen geschwĂ€cht ist“. (Bakunin) So wie der Staat eine antihumane Konstruktion ist, so ist auch der Nationalismus ein Konzept, das den Klassenkampf, den es ĂŒberall im Kapitalismus (ĂŒberall auf der Welt) gibt, ĂŒberwinden und vereiteln soll. Wenn die BemĂŒhungen der Menschen, die in dem sozialen und ökonomischen Ferment dessen leben, was unter dem Namen der nationalen Befreiung geschieht, ihren AnfĂŒhrern ĂŒberlassen werden, riskieren sie, dass es ihnen nicht besser geht als vorher und sie in Mikro-Unternehmensstaaten unter der fĂŒr sie gewĂ€hlten Flagge leben. Der Antiimperialismus kann den lokalen Korporatismus1 verdecken, wenn der Kampf nicht sowohl auf mikro- als auch auf makroskopischer Ebene in Klassenbegriffe gefasst wird. Wie der folgende Artikel zeigt, sind sich viele der marxistischen Gruppen, die sich in nationalen BefreiungskĂ€mpfen engagieren, in diesem Punkt nicht allzu klar.

Der Artikel von Alfredo Bonanno wurde als Antwort auf eine reale Situation geschrieben, nĂ€mlich die in Italien und insbesondere in Sizilien. GegenwĂ€rtig wird in diesem Land, in dem der ökonomische und politische Zerfall weit fortgeschritten ist, das schwĂ€chste Glied (Sizilien) mit Propaganda und Aktionen bedrĂ€ngt, die darauf abzielen, einen Spannungszustand zu erzeugen, um die wackeligen Grundlagen fĂŒr eine separatistische Lösung zu schaffen. Diese Lösung, ein separater sizilianischer Staat, wird von den KrĂ€ften der Rechten, d.h. den Faschisten, vorgeschlagen, die ein enges ArbeitsbĂŒndnis mit der Mafia eingegangen sind, die gemeinsam ĂŒber die CIA willige Diener der amerikanischen Interessen sind. Jede Partei hat ihre eigenen Interessen, die sie durchsetzen und schĂŒtzen will: Die Mafia wĂŒrde Zugang zu politischen Kontakten und Möglichkeiten fĂŒr Finanztransaktionen erhalten, die Amerikaner wĂŒrden ihren Einfluss auf eine Ökonomie behalten, die derzeit nach Lösungen bei der Kommunistischen Partei sucht, und einen strategischen StĂŒtzpunkt im Mittelmeerraum beibehalten, und die Faschisten wĂŒrden, sobald sie an der Macht sind, an GlaubwĂŒrdigkeit gewinnen, was es ihnen ermöglichen wĂŒrde, ihre Macht nach Norden auszuweiten.

NatĂŒrlich wĂŒrde das sizilianische Proletariat den Preis fĂŒr diese Lösung der Probleme des Landes zahlen, so wie es bisher mit Schweiß und Blut fĂŒr die Entwicklung des Nordens bezahlt hat und billige ArbeitskrĂ€fte fĂŒr die deutsche und schweizerische Ökonomie lieferte. Diese Situation kann nicht als irrelevant fĂŒr RevolutionĂ€re abgetan werden, nur weil sie, wenn sie die internationale Öffentlichkeit erreicht, als nationalistischer Kampf maskiert wird. Die grundlegende Wahrheit der sizilianischen RealitĂ€t ist ein superausgebeutetes Proletariat, dessen einzige Lösung im bewaffneten Kampf fĂŒr die Autonomie der Arbeiter durch ein föderales oder kollektivistisches System der Produktion und des Austauschs gesucht werden kann.

Um uns der Sache zu nĂ€hern, bieten sich sofort zwei Situationen an: die erste, Irland, das man gerne als zu kompliziert ausklammert oder bedingungslos als antiimperialistischen Krieg unterstĂŒtzt. Dieser Antiimperialismus muss geklĂ€rt werden. Dass das irische Proletariat niemals sein eigenes Leben fĂŒhren wird, solange britische Soldaten dessen Land besetzen, ist eine Tatsache. Aber ein interner Beherrscher, ob Republikaner oder nicht, mit eigener Armee oder eigenem Staatsapparat, wĂ€re nicht weniger ein Hindernis. Es ist eine Tatsache, dass die Saat der Revolution, die immer mit nationaler UnabhĂ€ngigkeit verbunden war, in Irland vorhanden ist, aber diese Tatsache wird stĂ€ndig von denjenigen verzerrt, die ein Interesse daran haben, rassische und religiöse Unterschiede fĂŒr ihre Zwecke zu nutzen. Nur durch revolutionĂ€re ökonomische und soziale VerĂ€nderungen, durch die autonomen Aktionen der irischen Ausgebeuteten als Ganzes, unterstĂŒtzt von den Ausgebeuteten Großbritanniens und der ĂŒbrigen Welt, werden ethnische Unterschiede neu dimensioniert und ĂŒberstrukturelle Phantasien zerstört werden. Den Medien, die davon leben, den Hass auf irrationale Themen zu schĂŒren, mĂŒssen Gegeninformationen entgegengesetzt werden. Die ökonomischen Grundlagen dieser irrationalen Probleme sollten der Welt offengelegt werden, und ökonomische Lösungen sollten durch direkte Aktionen erarbeitet werden, um Produktion, Verteilung und Verteidigung in die HĂ€nde der Menschen selbst zu legen.

In Schottland hat das Großkapital neue Wurzeln geschlagen, und das nationalistische Argument erweist sich als wirksam, um die Arbeiter dazu zu bringen, sich fĂŒr das falsche Ziel des „Aufbaus der nationalen Ökonomie“ und der „EindĂ€mmung der Inflation“ durch „UnabhĂ€ngigkeit von Whitehall“ zu opfern. Multinationale Interessen können in kleineren, zentralisierten und voneinander abhĂ€ngigen Staaten besser gedeihen als in dem alten Konzept der mĂ€chtigen Nation. Auf gesellschaftlicher Ebene geht es immer auch um persönliche (ökonomische und Status-) Interessen: So bedeutet die Wiederbelebung der Sprache oft die Möglichkeit einer neuen lokalen Elite, die sich in den Medien, im Bildungswesen usw. engagiert.

Gleichzeitig ist es leicht zu verstehen, warum die Ausgebeuteten im bewusst unterentwickelten Schottland auf die Zentren des britischen Kapitalismus schauen und ihr Elend durch eine nationalistische Optik interpretieren. Die revolutionÀre Arbeit, den irrationalen Nationalismus zu entlarven, sollte den grundlegenden Kampf um IdentitÀt und Selbstverwaltung nicht verachten oder ihn in ein passives Warten auf eine abstrakte Weltrevolution umlenken.

Anarchisten mĂŒssen daher daran arbeiten, die Leere der nationalen Selbstbestimmung aufzuzeigen und die korporativen PlĂ€ne von Parteien, Gewerkschaften/Syndikaten und Bossen zu durchkreuzen, indem sie den realen Kampf um Selbstaneignung identifizieren und konkret dazu beitragen. Auf dem Weg zum verallgemeinerten Aufstand/Insurrektion mĂŒssen die Sabotage- und Verteidigungstechniken in den HĂ€nden der direkt Betroffenen liegen, um die AbhĂ€ngigkeit von Ă€ußeren Gruppen und deren Ideologien zu beseitigen, damit sie die Produktion und Verteilung ĂŒbernehmen und ihre eigenen Gebiete auf der Grundlage des freien Föderalismus, des Kollektivismus oder beider verwalten können. Ausgehend von dieser selbstverwalteten Basis in einer Logik, in der die „Übergangsphase“ keinen Platz findet, wird die Perspektive einer grĂ¶ĂŸeren Föderation freier Menschen zu einer vorhersehbaren RealitĂ€t.

All dies erfordert Studien und Arbeit, sowohl auf praktischer als auch auf theoretischer Ebene. Wir hoffen, dass diese BroschĂŒre einen kleinen Beitrag zu diesem Ziel leistet.

Glasgow, Juni 1976


Anarchismus und der nationale Befreiungskampf (1976) von Alfredo Maria Bonanno

Der Anarchismus ist internationalistisch, sein Kampf beschrĂ€nkt sich nicht auf eine Region oder ein Gebiet in der Welt, sondern erstreckt sich ĂŒberall an der Seite des Proletariats, das fĂŒr seine eigene Befreiung kĂ€mpft. Dies erfordert eine ErklĂ€rung von Prinzipien, die nicht abstrakt und vage sind, sondern konkret und klar definiert. Wir sind nicht an einem universellen Humanismus interessiert, der seinen Ursprung und seine Rechtfertigung in der französischen bourgeoisen Revolution von 1789 findet. Die ErklĂ€rung der Rechte des Menschen, ein Banner, das von allen demokratischen Regierungen, die heute an der Macht sind, geschwenkt wird, handelt von einem abstrakten Menschen, der mit dem bourgeoisen Ideal identifiziert wird.

Wir haben oft gegen einen gewissen idealistischen Anarchismus argumentiert, der von einer universellen Revolution, von Glaubensakten, von AufklĂ€rung spricht und im Grunde den Kampf des Proletariats ablehnt und antipopulĂ€r ist. Dieser Anarchismus wird zu einem individuellen und mythologischen Humanismus ohne konkreten sozialen oder ökonomischen Inhalt. Der gesamte Planet wird als biologische Einheit betrachtet, und die Diskussionen enden in einer sterilen Vertagung auf die bestimmende Kraft der Überlegenheit des anarchistischen Ideals ĂŒber alle anderen Ideale.

Wir denken im Gegenteil, dass der Mensch ein historisches Wesen ist, das in eine bestimmte historische Situation hineingeboren wird und darin lebt. Dadurch steht er in bestimmten Beziehungen zu ökonomischen, sozialen, sprachlichen, ethnischen usw. Strukturen, was wichtige Konsequenzen auf dem Gebiet der Wissenschaft, der philosophischen Reflexion und des konkreten Handelns hat. Das Problem der NationalitÀt ergibt sich aus dieser historischen Richtung und kann nicht aus ihr entfernt werden, ohne die Grundlagen des anarchistischen Föderalismus völlig durcheinander zu bringen.

Wie Bakunin schrieb:

„Jedes Volk, wie klein es auch sein mag, besitzt seinen eigenen Charakter, seine eigene besondere Art zu leben, zu sprechen, zu fĂŒhlen, zu denken und zu arbeiten, und dieser Charakter, seine spezifische Existenzweise, ist gerade die Grundlage ihrer NationalitĂ€t. Er ist das Ergebnis des gesamten geschichtlichen Lebens und aller Bedingungen der Umgebung dieses Volkes, eine rein natĂŒrliche und spontane Erscheinung.“

Die Grundlage des anarchistischen Föderalismus ist die Organisation der Produktion und der Verteilung der Waren, im Gegensatz zur politischen Verwaltung der Menschen. Wenn die Revolution erst einmal im Gange ist und Produktion und Verteilung kollektivistisch oder kommunistisch (oder auf verschiedene Weise je nach Bedarf und Möglichkeiten) gehandhabt werden, wĂŒrde die föderale Struktur mit ihren natĂŒrlichen Grenzen die vorangegangene politische Struktur unpassend machen. Ebenso absurd wĂ€re es, sich eine so weitreichende Grenze vorzustellen, die sich ĂŒber den gesamten Planeten erstreckt. Wenn es ĂŒberhaupt eine Revolution geben wird, dann eine unvollstĂ€ndige, und diese muss sich im Raum materialisieren. Die territorialen Grenzen werden dann nicht notwendigerweise mit den politischen Grenzen des vorangegangenen Staates ĂŒbereinstimmen, der durch die Revolution zerstört wurde. In diesem Fall wĂŒrde die ethnische Teilung an die Stelle der deformierenden politischen Teilung treten. Die kohĂ€siven Elemente der ethnischen Dimension sind genau diejenigen, die zur Identifizierung der NationalitĂ€t beitragen und die von Bakunin in der oben zitierten Passage so deutlich zum Ausdruck gebracht wurden.

Die Anarchisten lehnen das Prinzip der Diktatur des Proletariats oder die Verwaltung des Proletariats durch eine revolutionĂ€re Minderheit unter Nutzung des ehemaligen bourgeoisen Staates ab. Sie lehnen implizit die politische Dimension des existierenden bourgeoisen Staates von dem Moment an ab, in dem die Revolution beginnt. Wir können die „Nutzung“ des Staatsapparates in einem revolutionĂ€ren Sinne nicht akzeptieren, daher bleibt die vorlĂ€ufige Grenze, die den frei assoziierten Strukturen gesetzt werden muss, die ethnische. In diesem Sinne sah Kropotkin die Föderation freier Menschen, die sich auf das ungefĂ€hre und unvollstĂ€ndige Beispiel der mittelalterlichen Kommunen stĂŒtzt, als Lösung des sozialen Problems.

Aber dieses Argument hat, das muss klar sein, nichts mit Separatismus zu tun. Das wesentliche Argument, das wir hier vorbringen, ist, dass es keinen Unterschied zwischen den Ausbeutern gibt, dass die Tatsache, an einem bestimmten Ort geboren zu sein, keinen Einfluss auf die Teilung der Klassen hat. Der Feind ist derjenige, der ausbeutet, der die Produktion und Verteilung in einer kapitalistischen Dimension organisiert, auch wenn dieser Ausbeuter uns dann Landsmann, Parteigenosse oder einen anderen angenehmen Beinamen nennt. Die Teilung der Klassen beruht nach wie vor auf der Ausbeutung, die das Kapital mit allen ihm zur VerfĂŒgung stehenden ökonomischen, sozialen, kulturellen, religiösen usw. Mitteln durchsetzt, und die ethnische Basis, die wir als die Grenzen der revolutionĂ€ren Föderation identifiziert haben, hat damit nichts zu tun. Eine Einheit mit den internen Ausbeutern ist unmöglich, weil es keine Einheit zwischen der Klasse der Arbeiter und der Klasse der Ausbeuter geben kann.

In diesem Sinne schreibt Rocker:

„Wir sind anational. Wir fordern das Recht der freien Entscheidung jeder Kommune, jeder Region, jedes Menschen; gerade deshalb lehnen wir die absurde Idee eines unitarischen Nationalstaates ab. Wir sind Föderalisten, d.h. AnhĂ€nger einer Föderation freier menschlicher Gruppierungen, die sich nicht voneinander trennen, sondern im Gegenteil durch natĂŒrliche, moralische und ökonomische Beziehungen auf das Engste miteinander verbunden sind. Die Einheit, die wir anstreben, ist eine kulturelle Einheit, eine Einheit, die sich auf den verschiedensten Grundlagen entwickelt, die auf Freiheit beruht und in der Lage ist, jeden deterministischen Mechanismus der gegenseitigen Beziehungen abzuwehren. Aus diesem Grund lehnen wir jeden Partikularismus und jeden Separatismus ab, hinter dem sich bestimmte Einzelinteressen verbergen 
 denn hier haben wir eine Ideologie, in der man die schmutzigen Interessen der kapitalistischen Gruppen erkennen kann.“

Selbst unter Anarchisten, die mit dem Problem der NationalitÀt konfrontiert sind, gibt es bis heute einen lebendigen Rest idealistischen Denkens.

Nicht ohne Grund schrieb der Anarchist Nido 1925,

„Die ZerstĂŒckelung eines Landes wird von vielen RevolutionĂ€ren nicht als erstrebenswertes Ideal angesehen. Wie viele spanische GefĂ€hrten wĂŒrden das historische Verschwinden Spaniens und seine Neuorganisation auf regionaler Basis, bestehend aus ethnischen Gruppen wie Kastilien, Basken, Galiciern, Katalanen usw., gutheißen? WĂŒrden sich die RevolutionĂ€re in Deutschland mit einer ZerstĂŒckelung abfinden, die einer freiheitlichen Organisationsform Ă€hnelt, die sich auf die historischen Gruppen von Bayern, Baden, Westfalen, Hannover usw. stĂŒtzt? Andererseits wĂŒrden diese GefĂ€hrten durchaus eine ZerstĂŒckelung des heutigen britischen Empire und eine freie und unabhĂ€ngige Neuordnung seiner Kolonien in Großbritannien (Schottland, Irland, Wales) und in Übersee wĂŒnschen, was den englischen RevolutionĂ€ren nicht gefallen wĂŒrde! So sind die Menschen, und so sahen wir im Laufe des letzten Krieges (des 1. Weltkrieges) die Koexistenz des Begriffs der NationalitĂ€t im historischen Sinne neben den revolutionĂ€ren Forderungen der Anarchisten“. (Offensichtlich in Anlehnung an Kropotkin und das Manifest der Sechzehn).

Nido bezieht sich auf einen Geisteszustand, der sich nicht sehr verÀndert hat. Auch heute noch unterscheiden sich die Reaktionen auf das Problem der NationalitÀt nicht sehr von denen, die Nido beschreibt, entweder aufgrund des Fortbestehens der aufklÀrerischen und freimaurerischen Ideale in einem bestimmten Teil der anarchistischen Bewegung oder aufgrund einer geistigen TrÀgheit, die viele GefÀhrten von den brennendsten Problemen ablenkt und sie in weniger unruhige GewÀsser drÀngt.

An sich wĂŒrde uns das Problem nicht viel angehen, wenn es nicht einen sehr prĂ€zisen historischen Ausgang hĂ€tte und der Mangel an Klarheit Ă€ußerst negative Auswirkungen auf viele der realen KĂ€mpfe im Verlauf der Entwicklung hĂ€tte. Im Grunde genommen bleibt das Problem der NationalitĂ€t auf einer theoretischen Ebene, wĂ€hrend das des Kampfes fĂŒr die nationale Befreiung in der heutigen Welt immer mehr an praktischer Bedeutung gewinnt.

Anarchisten und der nationale Befreiungskampf

Der Prozess der Dekolonialisierung hat sich seit dem letzten Krieg in vielen imperialistischen Strukturen intensiviert und wirft dringend das Problem einer sozialistischen und internationalistischen Interpretation des nationalen Befreiungskampfes auf. Das Drama des palÀstinensischen Volkes, die KÀmpfe in Irland, den baskischen LÀndern, Afrika und Lateinamerika stellen das Problem mit einer bisher unbekannten Heftigkeit immer wieder neu auf.

Unterschiedliche ökonomische Formen innerhalb ein und desselben Landes bedingen eine Situation der Kolonisierung, die den Prozess der Zentralisierung garantiert. Mit anderen Worten, das Fortbestehen der kapitalistischen Produktion setzt Ungleichheiten im Entwicklungstempo voraus, um weiter bestehen zu können. Mandel schreibt dazu: „Die Ungleichheit im Entwicklungstempo zwischen verschiedenen Sektoren und verschiedenen Unternehmen ist die Ursache fĂŒr die kapitalistische Expansion. Dies erklĂ€rt, wie die Ausweitung der Reproduktion fortgesetzt werden kann, bis sie den Ausschluss aller nicht-kapitalistischen Mittel erreicht. Der Mehrwert wird also durch eine zunehmende Konzentration des Kapitals realisiert“. Mandel geht auch auf die ungleiche Entwicklung zwischen den verschiedenen Bereichen eines politischen Staates ein. Das Grundprinzip des Kapitalismus besteht darin, dass er zwar ein partielles, aber niemals ein totales Gleichgewicht gewĂ€hrleisten kann, d. h. er ist nicht in der Lage, ein großes Gebiet systematisch und harmonisch zu industrialisieren. Mit anderen Worten: Die regionale Kolonisierung ist keine Folge der Zentralisierung, sondern im Gegenteil eine der Voraussetzungen fĂŒr die kapitalistische Entwicklung. NatĂŒrlich geht die ökonomische Zentralisierung mit der politischen Zentralisierung einher, und alle Anspielungen auf den demokratischen Zentralismus sind lediglich demagogische Formeln, die zu bestimmten historischen Momenten verwendet werden. Selbst bei oberflĂ€chlicher Betrachtung der Fakten der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion von der Einigung Italiens bis zum Ende der 60er Jahre kann man deutlich erkennen, welche Aufgaben der Staat dem SĂŒden zugewiesen hat: die Bereitstellung von Kapital (insbesondere die Einnahmen der Emigranten, Steuern usw.), die Bereitstellung billiger ArbeitskrĂ€fte (Auswanderung in den Norden) und die Lieferung landwirtschaftlicher Produkte im Austausch gegen industrielle Produkte auf der Grundlage des kolonialen AustauschverhĂ€ltnisses.

Dagegen könnte man einwenden, dass der Staat auf diese Weise zwei bourgeoise Gruppen diskriminiert: die Industriellen des Nordens und die Landbesitzer des SĂŒdens, aber um dies zu verstehen, muss man sich die unterschiedlichen Ausbeutungsmöglichkeiten zwischen einem hoch entwickelten und einem unterentwickelten Gebiet vor Augen halten. Im SĂŒden war ein 12- bis 14-Stunden-Tag normal, wĂ€hrend der Acht-Stunden-Tag im Norden bereits durchgesetzt war. Auf diese Weise konnten die Grundbesitzer des SĂŒdens dank der verschiedenen Vorteile eines noch mittelalterlichen Gesellschaftskonzepts weiterhin Mehrwert abschöpfen, ohne viel zu reinvestieren. So wurde die Entwicklung des Nordens durch die Ausbeutung und Versklavung des SĂŒdens gewĂ€hrleistet. Die politische Herrschaft des Nordens diktierte diese Richtung, die dann den Verlauf der kapitalistischen Produktion im Allgemeinen nahm. Die Eingliederung in das italienische kapitalistische System fĂŒhrte zu einem Zerfall der sizilianischen Ökonomie, die in vielerlei Hinsicht einen vorkapitalistischen Charakter hat. Das Gesetz des Marktes zwang die rĂŒckstĂ€ndigsten Regionen, sich in das kapitalistische Basissystem zu integrieren: das ist das PhĂ€nomen der Kolonisierung, das sich sowohl in fremden Regionen oder Nationen als auch in den inneren Regionen einzelner kapitalistischer Staaten vollzieht.

Die nĂ€chste Stufe der kapitalistischen Entwicklung ist der Sprung ĂŒber die nationale Grenze, die durch die Polarisierung der umliegenden Ökonomien auf den Höhepunkten der Tauschmonopolisierung geschwĂ€cht wurde. Die Kolonisierung weicht dem Imperialismus.

Die GefÀhrten der Front Libertaire haben zu dieser Frage Folgendes geschrieben:

„Die nationalen Befreiungsbewegungen mĂŒssen dieser RealitĂ€t Rechnung tragen und dĂŒrfen sich nicht mit einer vorimperialistischen Analyse begnĂŒgen, die zu einem regionalen Dritte-Weltismus fĂŒhren wĂŒrde. Das wĂŒrde bedeuten, dass ihr revolutionĂ€rer Kampf in der Dialektik von Kolonisator und Kolonisiertem verbleibt, wĂ€hrend die zu erreichenden Ziele nur politische UnabhĂ€ngigkeit, nationale SouverĂ€nitĂ€t, regionale Autonomie usw. wĂ€ren. Dies wĂ€re eine oberflĂ€chliche Analyse, die der globalen RealitĂ€t nicht Rechnung trĂ€gt. Der Feind, der von den Iren, den Bretonen, den Provenzalen usw. besiegt werden muss, ist nicht England und Frankreich, sondern die gesamte Bourgeoisie, ob englisch, bretonisch, provenzalisch oder amerikanisch. Auf diese Weise können die Bande verstanden werden, die die regionale Bourgeoisie mit der nationalen und der weltweiten Bourgeoisie vereinen.“

Auf diese Weise geht die nationale Befreiung ĂŒber eine einfache interne Dekolonisierung hinaus und greift die reale Situation der imperialistischen kapitalistischen Entwicklung an, indem sie das Ziel der Zerstörung des politischen Staates in eine revolutionĂ€re Dimension stellt.

Auch ethnische Grenzen werden leicht erkennbar. Die ethnische Grenze im revolutionĂ€ren Prozess der freien Föderationen der Produktions- und VertriebsverbĂ€nde hat ihre Entsprechung in der vorrevolutionĂ€ren Phase in einer Klassendimension. Die ethnische Basis besteht heute aus der Gesamtheit der ausgebeuteten Menschen, die in einem bestimmten Gebiet einer bestimmten Nation leben, wobei es keine gemeinsame ethnische Basis zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten gibt. Es ist logisch, dass diese Klassenbasis mit der Zerstörung des politischen Staates zerstört wird, wo die ethnische Grenze nicht mehr mit der Gesamtheit der Ausgebeuteten, die in einem bestimmten Territorium leben, ĂŒbereinstimmt, sondern mit der Gesamtheit der MĂ€nner und Frauen, die in diesem Territorium leben und sich entschieden haben, ihr Leben frei zu leben.

Zu diesem Problem fahren die GefÀhrten der Fronte Libertaire fort:

„Die ethnische Kultur ist nicht die derjenigen, die in demselben Gebiet geboren sind oder dort leben und dieselbe Sprache sprechen. Es ist die Kultur derjenigen, die in einer bestimmten Gruppe die gleiche Ausbeutung erleiden. Ethnische Kultur ist Klassenkultur, und deshalb ist sie revolutionĂ€re Kultur. Auch wenn das Klassenbewusstsein der Arbeiter einer Arbeiterklasse entspricht, die sich in einer Situation nationaler AbhĂ€ngigkeit befindet, so ist es doch das Klassenbewusstsein, das den Kampf zu seinem Ende fĂŒhren wird: die Zerstörung des Kapitalismus in seinem derzeitigen Zustand. Der entscheidende Kampf, der gefĂŒhrt werden muss, muss ein weltweiter Klassenkampf der Ausgebeuteten gegen die Ausbeuter sein, ausgehend von einem Kampf ohne Grenzen, mit einer prĂ€zisen Taktik gegen die nĂ€chstgelegene Bourgeoisie, besonders wenn sie sich als ‚nationalistisch‘ bezeichnet. Dieser Klassenkampf ist im Übrigen der einzige Weg, um die ‚ethnische Spezifikation‘ zu retten und zu fördern, auf der es möglich wĂ€re, einen staatenlosen Sozialismus aufzubauen.“

Das anarchistische Programm in Bezug auf den nationalen Befreiungskampf ist daher klar: Er darf nicht darauf abzielen, eine „Zwischenstufe“ zur sozialen Revolution durch die Bildung neuer Nationalstaaten zu bilden. Anarchisten lehnen es ab, sich an nationalen Befreiungsfronten zu beteiligen; sie beteiligen sich an Klassenfronten, die an nationalen BefreiungskĂ€mpfen beteiligt sein können oder auch nicht. Der Kampf muss sich ausweiten, um in den befreiten Gebieten ökonomische, politische und soziale Strukturen zu schaffen, die auf föderalistischen und libertĂ€ren Organisationen basieren.

RevolutionĂ€re Marxisten, die aus GrĂŒnden, die wir hier nicht analysieren können, ein Monopol auf die verschiedenen Situationen haben, in denen nationale BefreiungskĂ€mpfe im Gange sind, können nicht immer mit solcher Klarheit auf die Perspektive einer radikalen Anfechtung der staatlichen Zentralisierung antworten. Ihr Mythos vom Absterben des bourgeoisen Staates und ihre Anmaßung, ihn zu nutzen, schaffen ein unĂŒberwindbares Problem.

Marxisten und der nationale Befreiungskampf

Auch wenn wir die Klassenanalyse einiger marxistischer Gruppen teilen können, wie z.B. die von einem Teil der E.T.A. ausgearbeitete, die wir in Nr. 3 von Anarchismo veröffentlicht haben, können wir die grundlegende Hypothese der Bildung eines Arbeiterstaates auf der Grundlage der Diktatur des Proletariats nicht akzeptieren, mehr oder weniger nach dem Vorbild des vorangegangenen politischen Staates, je nach der OrganisationsfĂ€higkeit der einzelnen nationalen Befreiungsorganisationen. Die E.T.A.-GefĂ€hrten kĂ€mpfen zum Beispiel fĂŒr ein freies Baskenland, sind aber nicht sehr an einem freien Katalonien oder einem freien Andalusien interessiert. Hier kommen wir auf die Zweifel zurĂŒck, die Nido so gut zum Ausdruck gebracht hat und die wir oben zitiert haben. Hinter vielen marxistischen Analysen verbirgt sich ein irrationaler Nationalismus, der nie ganz klar ist. Wenn wir zu den marxistischen Klassikern und ihrer Polemik mit Bakunin zurĂŒckkehren, können wir eine Art Dialog zwischen den beiden rekonstruieren, indem wir einen Blick auf eine Ă€hnliche Arbeit des bulgarischen GefĂ€hrten Balkanski werfen.

Unmittelbar nach dem Slawenkongress 1848, auf dem er erfolglos die Idee einer slawischen Föderation zur Wiedervereinigung eines freien Russlands und aller slawischen Völker entwickelt hatte, die als erste Keimzelle fĂŒr eine kĂŒnftige europĂ€ische Föderation und spĂ€ter fĂŒr eine grĂ¶ĂŸere universelle Föderation der Völker dienen sollte, nahm Bakunin am Prager Aufstand teil. Nach den Prager Ereignissen flĂŒchtete der von der Polizei verfolgte Bakunin nach Berlin und knĂŒpfte enge Kontakte zu einigen tschechischen Studenten mit dem Ziel, einen Aufstand in Böhmen zu versuchen. Zu dieser Zeit (Anfang 1849) veröffentlichte er den „Appell an die Slawen“, der ihm zu Unrecht den Vorwurf des Panslawismus einbrachte. Marx und Engels antworteten in ihrer Zeitung Neue Rheinische Zeitung mit einer bissigen Kritik. Sehen wir uns nun diesen hypothetischen Dialog an, wie er von Balanski vorgeschlagen wird.

Bakunin: Die slawischen Völker, die unter Österreich, Ungarn und der TĂŒrkei versklavt sind, mĂŒssen ihre Freiheit zurĂŒckgewinnen und sich mit dem vom Zarismus befreiten Russland in einer slawischen Föderation vereinigen.

Marx-Engels: Alle diese kleinen, ohnmĂ€chtigen und verkĂŒmmerten Nationen verdanken im Grunde genommen ihre Anerkennung denen, die sie gemĂ€ĂŸ der geschichtlichen Notwendigkeit an ein großes Reich anschließen und sie dadurch an einer geschichtlichen Entwicklung teilnehmen lassen, die ihnen, wĂ€ren sie sich selbst ĂŒberlassen, ganz fremd geblieben wĂ€re. Es liegt auf der Hand, dass ein solches Ergebnis nicht erreicht werden kann, ohne einige sensible Bereiche zu betreten. Ohne Gewalt kann in der Geschichte nichts erreicht werden.

Bakunin: Wir mĂŒssen vor allem die Befreiung der Tschechen, der Slowaken und der MĂ€hrer und ihre Vereinigung zu einer einzigen Einheit berĂŒcksichtigen.

Marx-Engels: Die Tschechen, zu denen wir auch die MĂ€hrer und die Slowaken zĂ€hlen mĂŒssen, haben nie eine Geschichte gehabt. Nach Karl dem Großen wurde Böhmen mit Deutschland verschmolzen. Eine Zeit lang emanzipierte sich das tschechische Volk und bildete das GroßmĂ€hrische Reich. In der Folge wurden Böhmen und MĂ€hren endgĂŒltig an Deutschland angeschlossen, wĂ€hrend die slowakischen Gebiete bei Ungarn verblieben. Und diese historisch gesehen inexistente „Nation“ fordert nun ihre UnabhĂ€ngigkeit? Es ist unzulĂ€ssig, den Tschechen die UnabhĂ€ngigkeit zu gewĂ€hren, denn dann wĂŒrde Ostdeutschland wie ein von Ratten zerfressenes Laibchen erscheinen.

Bakunin: Die Polen, die von drei Staaten versklavt sind, mĂŒssen gleichberechtigt mit ihren jetzigen Beherrschern, den Deutschen, den Österreichern, den Ungarn und den Russen, einer Gemeinschaft angehören.

Marx-Engels: Die Eroberung der slawischen Gebiete zwischen Elbe und der Warthe durch die Deutschen war eine geographische und strategische Notwendigkeit, die sich aus der Spaltung des karolingischen Reiches ergab. Der Grund ist klar. Das Ergebnis kann nicht in Frage gestellt werden. Diese Eroberung lag im Interesse der Zivilisation, daran kann es keinen Zweifel geben.

Bakunin: Die SĂŒdslawen, die von einer fremden Minderheit versklavt wurden, mĂŒssen befreit werden.

Marx-Engels: Es ist fĂŒr die Deutschen und die Ungarn lebensnotwendig, sich aus der Adria herauszuschneiden. Geographische und kommerzielle ErwĂ€gungen mĂŒssen vor allem anderen kommen. Vielleicht ist es schade, dass das herrliche Kalifornien kĂŒrzlich den unfĂ€higen Mexikanern entrissen wurde, die nicht wissen, was sie damit anfangen sollen? Die „UnabhĂ€ngigkeit“ einiger Spanier in Kalifornien und Texas könnte möglicherweise darunter leiden. Die „Gerechtigkeit“ und andere moralische GrundsĂ€tze werden bei all dem vielleicht verleugnet. Aber was kann man angesichts so vieler anderer Ereignisse dieser Art in der Weltgeschichte tun?

Bakunin: Solange eine einzige verfolgte Nation existiert, wird der endgĂŒltige und vollstĂ€ndige Triumph der Demokratie nirgendwo möglich sein. Die UnterdrĂŒckung eines Volkes oder eines einzelnen Menschen ist die UnterdrĂŒckung aller, und es ist nicht möglich, die Freiheit eines Einzelnen zu verletzen, ohne die Freiheit aller zu verletzen.

Marx-Engels: Im panslawischen Manifest haben wir nichts anderes gefunden als diese mehr oder weniger moralischen Kategorien: Gerechtigkeit, HumanitĂ€t, Freiheit, Gleichheit, BrĂŒderlichkeit, UnabhĂ€ngigkeit, die gut klingen, aber auf dem politischen und historischen Gebiet nichts bewirken können. Wir wiederholen: Kein einziges slawisches Volk – abgesehen von den Polen, den Russen und vielleicht den tĂŒrkischen Slawen – hat eine Zukunft, und zwar aus dem einfachen Grund, dass allen anderen Slawen die elementarsten historischen, geographischen, politischen und industriellen Grundlagen fehlen. Es fehlt ihnen an SelbststĂ€ndigkeit und Lebenskraft. Die Eroberer der verschiedenen slawischen Völker haben den Vorteil der Energie und Lebenskraft.

Bakunin: Die Befreiung und Föderation der Slawen ist nur das Vorspiel zur Vereinigung der europÀischen Republiken.

Marx-Engels: Es ist unmöglich, alle Völker unter einer republikanischen Fahne mit Liebe und allgemeiner BrĂŒderlichkeit zu vereinen. Erst im blutigen Kampf eines revolutionĂ€ren Krieges wird die Einigung geschmiedet werden.

Bakunin: Gewiss, in der sozialen Revolution werden der Westen und vor allem die lateinischen Völker den Russen zuvorkommen; aber es werden dennoch die slawischen Massen sein, die den ersten revolutionÀren Schritt machen und die Ergebnisse garantieren werden.

Marx-Engels: Wir antworten, dass der Hass der Russen und die erste revolutionĂ€re Leidenschaft der Deutschen, und jetzt der Hass der Tschechen und Kroaten sich zu ĂŒberschneiden beginnen. Die Revolution kann nur durch einen entschiedenen Terror gegen die slawischen Völker gerettet werden, die fĂŒr die Aussicht auf ihre elende „nationale UnabhĂ€ngigkeit“ die Demokratie und die Revolution verraten haben. Eines Tages werden wir an den Slawen blutige Rache fĂŒr diesen schĂ€ndlichen und skandalösen Verrat nehmen.

An diesen radikalen Gegenpositionen kann es keinen Zweifel geben. Marx und Engels bleiben einer deterministischen Geschichtsauffassung verhaftet, die zwar materialistisch sein soll, aber nicht frei von bestimmten Hegelschen PrĂ€missen ist, was die Möglichkeit einer analytischen Methode einschrĂ€nkt. DarĂŒber hinaus lassen sie, insbesondere Marx, strategische EinschĂ€tzungen los, die eine Betonung des liberal-patriotischen Denkens erkennen lassen, das, wenn es 1849 gerechtfertigt war, 1855 noch viel weniger gerechtfertigt war. Dennoch schreibt er zu dieser Zeit, wĂ€hrend des Krimkrieges:

„Die große Halbinsel sĂŒdlich der Save und der Donau, dieses wunderbare Land, hat das UnglĂŒck, von einer Ansammlung sehr verschiedener Rassen und NationalitĂ€ten bewohnt zu werden, von denen man nicht sagen kann, welche am besten fĂŒr Fortschritt und Zivilisation geeignet sind. Slawen, Griechen, RumĂ€nen, Albaner, insgesamt fast 12 Millionen, werden von einer Million TĂŒrken dominiert. Bis zum heutigen Tag könnte man sich fragen, ob von all diesen Rassen nicht die TĂŒrken am besten geeignet sind, die Vorherrschaft zu erlangen, die offensichtlich von einer einzigen Nation ĂŒber diese gemischte Bevölkerung ausgeĂŒbt werden kann.“

Und wiederum 1879, im Zuge des russisch-tĂŒrkischen Krieges, den die Kommunisten heute als „Befreiungskrieg der bulgarischen Patrioten“ bezeichnen, schrieb Marx,

„Wir unterstĂŒtzen definitiv die TĂŒrken, und zwar aus zwei GrĂŒnden. Der erste ist, dass wir die tĂŒrkischen Bauern, d.h. die tĂŒrkischen Volksmassen, studiert haben und ĂŒberzeugt sind, dass sie zu den reprĂ€sentativsten, fleißigsten und moralisch gesĂŒndesten der europĂ€ischen Bauern gehören. Zweitens wird die Niederlage der Russen die soziale Revolution, die sich in ganz Europa zu einer Periode radikaler Umgestaltung entwickelt, erheblich beschleunigen.“

Wenn die marxistischen Bewegungen fĂŒr die nationale Befreiung von einer Minderheit beherrscht werden, die sich schließlich in eine Partei verwandelt (was derzeit allgemein der Fall ist), werden strategische Unterscheidungen getroffen und die wesentlichen Probleme, die auch die Strategie beeinflussen, in den Hintergrund gedrĂ€ngt.

Die Marxisten gehen zum Beispiel nicht auf den Unterschied zwischen dem Imperialismus der großen Staaten und dem Nationalismus der kleinen Staaten ein, sondern verwenden oft den Begriff Nationalismus in beiden FĂ€llen. Dies fĂŒhrt zu großer Verwirrung. Der Nationalismus der kleinen Staaten wird oft als „etwas, das einen positiven Kern enthĂ€lt, eine innere Revolte mit sozialem Charakter“, gesehen, aber die detaillierte Klassenunterscheidung wird gewöhnlich auf das strikt Notwendige beschrĂ€nkt, entsprechend den strategischen Perspektiven. Oft wird – unbewusst in Anlehnung an den großen Maestro Trotzki – behauptet, dass, wenn der Aufstand des Volkes und der unterdrĂŒckten Minderheiten unabĂ€nderlich ist, die Avantgarde der Arbeiterklasse niemals versuchen dĂŒrfe, diesen Schub zu beschleunigen, sondern sich darauf beschrĂ€nken mĂŒsse, den Impulsen zu folgen und dabei außerhalb zu bleiben.

Dies schrieb Trotzki im Januar 1931:

„Die separatistischen Tendenzen in der spanischen Revolution werfen das demokratische Problem des Selbstbestimmungsrechts einer NationalitĂ€t auf. Diese Tendenzen haben sich, oberflĂ€chlich betrachtet, wĂ€hrend der Diktatur verschlimmert. Doch wĂ€hrend der Separatismus der katalanischen Bourgeoisie nichts anderes ist als ein Mittel, um die Madrider Regierung gegen das katalanische und spanische Volk auszuspielen, ist der Separatismus der Arbeiter und Bauern nur der Deckmantel fĂŒr eine tiefere Revolte sozialer Natur. Zwischen diesen beiden Formen des Separatismus muss klar unterschieden werden. Doch gerade um die in ihrem NationalgefĂŒhl unterdrĂŒckten Arbeiter und Bauern von der Bourgeoisie zu unterscheiden, muss die Avantgarde des Proletariats die Frage des Rechts der Nation auf Autonomie aufgreifen, was die mutigste und aufrichtigste Position ist. Die Arbeiter werden vorbehaltlos das Recht der Katalanen und Basken verteidigen, als unabhĂ€ngige Staaten zu leben, falls sich die Mehrheit fĂŒr eine vollstĂ€ndige Abspaltung entscheidet, was keineswegs bedeutet, dass die Elite der Arbeiter die Katalanen und Basken auf den Weg des Separatismus drĂ€ngen muss. Im Gegenteil, die ökonomische Einheit des Landes mit einer großen Autonomie der NationalitĂ€ten wĂŒrde den Arbeitern und Bauern große Vorteile in wirtschaftlicher und allgemeiner kultureller Hinsicht bieten.“

Es ist klar, dass die Gegenposition die radikalste ist, die möglich ist. Marxisten und Trotzkisten folgen Argumentationssystemen, die fĂŒr uns nichts mit der freien Entscheidung der ausgebeuteten Minderheiten, die Bedingungen ihrer eigenen Freiheit zu bestimmen, zu tun haben. Es geht nicht darum, die grundlegenden theoretischen Differenzen aufzugreifen, aber es genĂŒgt, Trotzkis Passage noch einmal zu lesen, um zu erkennen, welche theoretischen Zweideutigkeiten sie enthĂ€lt und wie viel Raum einer politischen Strategie eingerĂ€umt wird, die die Errichtung einer Diktatur durch eine „erleuchtete“ Minderheit begĂŒnstigt, und wie wenig fĂŒr die „wirkliche“ Freiheit der Ausgebeuteten getan wĂŒrde. Hervorzuheben ist die zweideutige Verwendung des Begriffs Separatismus und das Beharren auf irrationalen Argumenten wie dem des „NationalgefĂŒhls“.

Schlussfolgerung

In dieser Arbeit wurden viele Probleme angesprochen, wobei wir uns bewusst sind, dass dies aufgrund ihrer großen KomplexitĂ€t nur zum Teil geschehen ist. Wir sind von einer faktischen Situation ausgegangen: Sizilien und ein ZerstĂŒckelungsprozess, der in naher Zukunft unabsehbare SchĂ€den verursachen kann. Wir haben gesagt, dass dieser Prozess unserer Meinung nach eine Vereinigung von Faschisten und Mafia darstellt und dass die Interessen, die diese Leute schĂŒtzen wollen, im Wesentlichen die der Amerikaner sind. Die Verbreitung bestimmter veralteter separatistischer Formeln hat uns gezwungen, so klar wie möglich Stellung zu beziehen und zu versuchen, die wesentlichen Punkte des anarchistischen Internationalismus angesichts des Problems des nationalen Befreiungskampfes herauszustellen. Wir haben auch einen kurzen Überblick ĂŒber einige der Interpretationsfehler gegeben, die in der orthodoxen marxistischen Sicht des Problems verborgen sind, sowie ĂŒber einige strategische Unklarheiten, die in der Praxis die nicht geringen Schwierigkeiten der marxistisch inspirierten nationalen Befreiungsbewegungen bestimmen. Wir werden nun versuchen, unsere Untersuchung mit einigen Hinweisen von theoretischem Interesse abzuschließen.

Wir mĂŒssen das Problem des VerhĂ€ltnisses zwischen Struktur und Überbau grĂŒndlich neu untersuchen. Viele GefĂ€hrten verharren im marxistischen Modell und merken nicht, wie sehr dieses in unsere „gĂ€ngige“ Sichtweise eingedrungen ist. Die Macht, die die Marxisten heute an unseren UniversitĂ€ten haben, erlaubt es ihnen, den intellektuellen Minderheiten ein bestimmtes analytisches Modell vorzuschlagen und es mit der ĂŒblichen SelbstgefĂ€lligkeit als RealitĂ€t zu verkaufen. Insbesondere die Konzeption der „Produktionsmittel“ muss einer sorgfĂ€ltigen Analyse unterzogen werden, die die Grenzen und Folgen der deterministischen Verwendung des ökonomischen Faktors aufzeigt. Heute hat sich die ökonomische RealitĂ€t verĂ€ndert und lĂ€sst sich nicht mehr in die marxistische Typologie einfĂŒgen; dennoch tun sie ihr Möglichstes, um die Dinge zu verkomplizieren, indem sie versuchen, Ereignisse zu erklĂ€ren, die ansonsten leicht erklĂ€rbar wĂ€ren. Durch die Interpolation offenerer Denkmodelle sollten wir in der Lage sein, relevante Faktoren wie eben die nationalen und kulturellen oder ethnischen Besonderheiten zu identifizieren. Diese treten in einen umfassenderen Prozess der Ausbeutung ein und bestimmen quantitative VerĂ€nderungen, die die Ausbeutung selbst möglich machen und letztlich das Entstehen anderer VerĂ€nderungen, diesmal qualitativer Art, bewirken. Die Völker und Klassen, die politischen und kulturellen Formationen, die ideologischen Bewegungen und der konkrete Kampf, sie alle erfahren interpretative VerĂ€nderungen in Bezug auf das Grundmodell. Wenn man einen mechanistischen Determinismus akzeptiert, sind die Folgen die unvermeidliche Diktatur des Proletariats, der Übergang zu einer nicht leicht zu verstehenden und historisch nicht dokumentierbaren progressiven Beseitigung des Staates: Wenn hingegen das Interpretationsmodell offen und indeterministisch ist, wenn der individuelle Wille in einen Prozess der gegenseitigen Beeinflussung mit dem Klassenbewusstsein einbezogen wird, wenn die verschiedenen soziokulturellen Einheiten nicht nur ökonomisch, sondern auch umfassender (sozial) analysiert werden, wĂ€ren die Folgen ganz anders: Vorgefasste statistische Ideen wĂŒrden der Möglichkeit einer horizontalen libertĂ€ren Konstruktion, eines föderalistischen Projekts der Produktion und Verteilung weichen.

Gewiss erfordert all dies nicht nur die Negation eines mechanistischen Materialismus, der unserer Meinung nach aus dem Marxismus hervorgegangen ist, sondern auch eines gewissen Idealismus, der unserer Meinung nach immer noch einen Teil des Anarchismus infiziert. Ebenso ist der als absoluter Wert gedachte Universalismus ahistorisch und idealisiert, denn ein solches aufklĂ€rerisches Postulat ist nichts anderes als das umgekehrte Ideal des reformierten Christentums. Es ist nicht möglich, hinter der westlichen Hegemonie klar zu erkennen, wie viel von ihr durch die Ideologie einer falschen Freiheit, eines zweideutigen Humanitarismus mit kosmopolitischer Grundlage, entwickelt wurde. Der Mythos von der Vorherrschaft des weißen Mannes wird in verschiedenen Formen als Mythos der Zivilisation und der Wissenschaft dargestellt, und damit als Grundlage der politischen Hegemonie einiger weniger Staaten ĂŒber andere. Die freimaurerische und aufklĂ€rerische Ideologie könnte den Jakobinismus, der sich in der leninistischen Version des Marxismus verbirgt, verstĂ€rken, hat aber nichts mit dem Anarchismus zu tun, auch wenn sich viele GefĂ€hrten weiterhin mit abstrakten Schemen und veralteten Theorien amĂŒsieren.

Die Anarchisten sollten den nationalen BefreiungskĂ€mpfen ihre ganze UnterstĂŒtzung zukommen lassen, konkret in Form von Beteiligung, theoretisch in Form von Analysen und Studien. Dies sollte von der autonomen Organisation der Arbeiter ausgehen, mit einer klaren Vision von Klassengegenpositionen, d.h. die lokale Bourgeoisie in ihre korrekte Klassendimension zu stellen, und den föderalistischen Aufbau der zukĂŒnftigen Gesellschaft vorzubereiten, die aus der sozialen Revolution hervorgehen sollte. Auf dieser Grundlage, die keinen Raum fĂŒr Determinismen und Idealismen verschiedener Art lĂ€sst, kann jede faschistische Instrumentalisierung der Bestrebungen der unterdrĂŒckten Völker leicht bekĂ€mpft werden. Es ist jedoch notwendig, dass wir uns in erster Linie untereinander klar werden, nach vorne schauen und die richtigen Analysen fĂŒr eine anarchistische revolutionĂ€re Strategie erstellen.

AnhÀnge

Anhang: Bakunin ĂŒber die nationale Frage2

Der Staat ist nicht das Vaterland, er ist die Abstraktion, die metaphysische, mystische, politische, juristische Fiktion des Vaterlandes. Das gemeine Volk aller LĂ€nder liebt sein Vaterland zutiefst, aber das ist eine natĂŒrliche, echte Liebe. Der Patriotismus des Volkes ist nicht nur eine Idee, er ist eine Tatsache; aber der politische Patriotismus, die Liebe zum Staat, ist nicht der getreue Ausdruck dieser Tatsache: er ist ein Ausdruck, der durch eine falsche Abstraktion verzerrt wird, immer zum Nutzen einer ausbeuterischen Minderheit.

Vaterland und NationalitĂ€t sind, wie die IndividualitĂ€t, jeweils eine natĂŒrliche und soziale Tatsache, physiologisch und historisch zugleich; keines von beiden ist ein Prinzip. Als menschliches Prinzip kann nur das bezeichnet werden, was universell und allen Menschen gemeinsam ist; und die NationalitĂ€t trennt die Menschen, sie ist also kein Prinzip. Was ein Prinzip ist, ist die Achtung, die jeder vor den natĂŒrlichen Tatsachen, seien sie real oder sozial, haben sollte. Die NationalitĂ€t ist, wie die IndividualitĂ€t, eine dieser Tatsachen. Deshalb sollten wir sie respektieren. Sie zu verletzen bedeutet, ein Verbrechen zu begehen, und, um mit Mazzini zu sprechen, wird sie jedes Mal, wenn sie bedroht und verletzt wird, zu einem heiligen Prinzip. Und deshalb fĂŒhle ich mich immer aufrichtig als Patriot aller unterdrĂŒckten VaterlĂ€nder.

Die Essenz der NationalitĂ€t. Ein Vaterland stellt das unbestreitbare und heilige Recht eines jeden Menschen, einer jeden menschlichen Gruppe, eines jeden Vereins, einer jeden Kommune, einer jeden Region und einer jeden Nation dar, auf ihre eigene Weise zu leben, zu fĂŒhlen, zu denken, zu wollen und zu handeln, und diese Art zu leben und zu fĂŒhlen ist immer das unbestreitbare Ergebnis einer langen historischen Entwicklung.

NationalitĂ€t und universelle SolidaritĂ€t. Es gibt nichts Absurderes und zugleich SchĂ€dlicheres, Tödlicheres fĂŒr das Volk, als das fiktive Prinzip der NationalitĂ€t als das Ideal aller Bestrebungen des Volkes aufrechtzuerhalten. Die NationalitĂ€t ist kein universelles menschliches Prinzip: sie ist eine historische, lokale Tatsache, die wie alle realen und harmlosen Tatsachen das Recht hat, allgemeine Anerkennung zu finden. Jedes Volk und die kleinste Volkseinheit hat seinen eigenen Charakter, seine eigene spezifische Existenzweise, seine eigene Art zu sprechen, zu fĂŒhlen, zu denken und zu handeln; und es ist diese Eigenart, die das Wesen der NationalitĂ€t ausmacht, die das Ergebnis des gesamten historischen Lebens und der Summe der Lebensbedingungen dieses Volkes ist.

Jedes Volk, wie jeder Mensch, ist unwillkĂŒrlich das, was es ist, und hat daher ein Recht, es selbst zu sein. Darin bestehen die sogenannten nationalen Rechte. Wenn aber ein bestimmtes Volk oder eine bestimmte Person in einer bestimmten Form faktisch existiert, folgt daraus nicht, dass es oder sie ein Recht hat, die NationalitĂ€t im einen und die IndividualitĂ€t im anderen Fall als spezifische Prinzipien aufrechtzuerhalten, und dass sie sich ewig darĂŒber aufzuregen haben. Im Gegenteil, je weniger sie an sich selbst denken und je mehr sie von universellen menschlichen Werten durchdrungen sind, desto lebendiger werden sie, desto mehr wird die NationalitĂ€t im einen Fall und die IndividualitĂ€t im anderen Fall mit Bedeutung aufgeladen.

Die historische Verantwortung einer jeden Nation. Die WĂŒrde einer jeder Nation, wie die jedes Individuums, sollte vor allem darin bestehen, dass jede die volle Verantwortung fĂŒr ihre Handlungen ĂŒbernimmt, ohne zu versuchen, sie auf andere abzuwĂ€lzen. Sind sie nicht sehr töricht, all diese Klagen eines großen Jungen, der sich mit TrĂ€nen in den Augen darĂŒber beklagt, dass ihn jemand verdorben und auf den falschen Weg gebracht hat? Und was bei einem Jungen unschicklich ist, ist bei einer Nation gewiss fehl am Platze, deren SelbstwertgefĂŒhl jeden Versuch ausschließen sollte, die Schuld fĂŒr die eigenen Fehler auf andere abzuwĂ€lzen.

Patriotismus und universelle Gerechtigkeit. Jeder von uns sollte sich ĂŒber den engstirnigen, kleinkarierten Patriotismus erheben, fĂŒr den das eigene Land der Mittelpunkt der Welt ist und der sich in dem Maße fĂŒr groß hĂ€lt, in dem er sich von seinen Nachbarn fĂŒrchten lĂ€sst. Wir sollten die menschliche, universelle Gerechtigkeit ĂŒber alle nationalen Interessen stellen. Und wir sollten ein fĂŒr allemal das falsche Prinzip der NationalitĂ€t aufgeben, das in letzter Zeit von den Despoten Frankreichs, Russlands und Preußens erfunden wurde, um das souverĂ€ne Prinzip der Freiheit zu zerschlagen. Die NationalitĂ€t ist kein Prinzip, sie ist eine legitime Tatsache, ebenso wie die IndividualitĂ€t. Jede NationalitĂ€t, ob groß oder klein, hat das unbestreitbare Recht, sie selbst zu sein, nach ihrer eigenen Natur zu leben. Dieses Recht ist einfach die logische Folge des allgemeinen Prinzips der Freiheit.

Anhang: Rudolf Rocker ĂŒber Nationalismus und Kultur3

(
) Die alte Behauptung, welche die Entstehung des nationalen Staates auf das erwachende Nationalbewußtsein der Völker zurĂŒckfĂŒhrt, ist nur ein MĂ€rchen, das den TrĂ€gern der nationalen Staatsidee gute Dienste leistete, aber darum nicht minder falsch ist. Die Nation ist nicht die Ursache, sondern das Ergebnis des Staates. Es ist der Staat, der die Nation schafft, nicht die Nation den Staat. Von diesem Gesichtspunkt aus gesehen, besteht zwischen Volk und Nation derselbe Unterschied wie zwischen Gesellschaft und Staat.

Jede gesellschaftliche Bindung ist ein natĂŒrliches Gebilde, das sich auf Grund gemeinsamer BedĂŒrfnisse und gegenseitiger Vereinbarung organisch von unten nach oben gestaltet, um die allgemeinen Belange zu schĂŒtzen und wahrzunehmen. Sogar wenn gesellschaftliche Einrichtungen allmĂ€hlich erstarren oder rudimentĂ€r werden, lĂ€ĂŸt sich der Zweck ihres Ursprunges in den meisten FĂ€llen deutlich erkennen. – Jede staatliche Organisation aber ist ein kĂŒnstlicher Mechanismus, der den Menschen von irgendwelchen Machthabern von oben herab aufgezwungen wird und der nie einen anderen Zweck verfolgt, als die Sonderinteressen privilegierter Minderheiten in der Gesellschaft zu verteidigen und sicherzustellen.

Ein Volk ist das natĂŒrliche Ergebnis gesellschaftlicher Bindungen, ein Sichzusammenfinden von Menschen, welche durch eine gewisse Gleichartigkeit der Ă€ußeren LebensverhĂ€ltnisse, durch die Gemeinschaft der Sprache und durch besondere Veranlagungen auf Grund klimatischer und geographischer Lebensbedingungen zustande kommen. Auf diese Art entstehen gewisse gemeinsame ZĂŒge, die in jedem Gliede des Volksverbandes lebendig sind und einen wichtigen Bestandteil seiner gesellschaftlichen Existenz bilden. Diese innere Verwandtschaft kann ebensowenig kĂŒnstlich gezĂŒchtet als willkĂŒrlich zerstört werden, es sei denn, daß man alle Glieder einer Volksgruppe gewaltsam von der Erde vertilge. – Eine Nation aber ist stets das kĂŒnstliche Ergebnis machtpolitischer Bestrebungen, wie ja auch der Nationalismus nie etwas anderes gewesen ist als die politische Religion des modernen Staates. Die Zugehörigkeit einer Nation wird nie, wie beim Volke, durch tiefere natĂŒrliche Ursachen bestimmt; sie unterliegt stets den ErwĂ€gungen der Politik und den GrĂŒnden der StaatsrĂ€son, hinter der sich immer die Sonderinteressen privilegierter Minderheiten im Staate verstecken. Ein HĂ€ufchen Diplomaten, die lediglich die GeschĂ€ftstrĂ€ger bevorrechteter Kasten und Klassen im Staatsverbande sind, entscheidet oft ganz willkĂŒrlich ĂŒber die nationale Zugehörigkeit bestimmter Menschengruppen, die sich ihrem Machtgebot unterwerfen mĂŒssen, weil sie sich nicht anders helfen können, und ohne daß man sie auch nur um ihre Zustimmung gefragt hĂ€tte.

Völker und Völkergruppen haben bestanden, lange bevor der Staat in die Erscheinung trat; sie bestehen auch heute noch und entfalten sich ohne das Zutun des Staates und werden nur dann in ihrer natĂŒrlichen Entwicklung beeintrĂ€chtigt, wenn sich irgendeine Ă€ußere Macht in ihr Leben gewaltsam einmischt und dieses in bestimmte Formen zwingt, die ihnen bis dahin wesensfremd geblieben sind. Die Nation aber ist ohne den Staat undenkbar; sie ist mit ihm zusammengeschmiedet auf Gedeih und Verderb und verdankt ihr Dasein lediglich seiner Existenz. Deshalb wird uns das Wesen der Nation stets unerschlossen bleiben, wenn wir versuchen, sie vom Staate zu trennen und ihr ein Eigenleben zuzusprechen, das sie nie besessen hat.

Ein Volk ist stets eine ziemlich engumgrenzte Gemeinschaft; eine Nation aber umfaßt in der Regel eine ganze Anzahl verschiedener Völker und Völkerschaften, die durch mehr oder weniger gewaltsame Mittel in den Rahmen einer gemeinsamen Staatsform gepreßt wurden. In der Tat gibt es in ganz Europa keinen Staat, der nicht aus einer ganzen Reihe der verschiedensten Völkerschaften besteht, die ursprĂŒnglich durch Abstammung und Sprache voneinander getrennt waren und lediglich aus dynastischen, wirtschaftlichen oder machtpolitischen Interessen gewaltsam zu einer Nation zusammengeschweißt wurden.

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)

Jeder Nationalismus ist seinem Wesen nach reaktionĂ€r, da er bestrebt ist, den einzelnen Teilen der großen Menschenfamilie einen bestimmten Charakter nach einem vorgefaßten Glauben aufzuzwingen. Auch in diesem Punkte zeigt sich die innere Verwandtschaft der nationalen Ideologie mit dem Glaubensinhalt jeder Offenbarungsreligion. Der Nationalismus schafft kĂŒnstliche Trennungen und Absplitterungen innerhalb einer organischen Einheit, die in der Gattung Mensch ihren Ausdruck findet; in derselben Zeit erstrebt er eine fiktive Einheit, die nur einer Wunschvorstellung entspringt, und seine TrĂ€ger möchten am liebsten alle Glieder einer bestimmten Menschengruppierung auf einen Ton abstimmen, damit das, was sie von anderen Gruppen unterscheidet, um so schĂ€rfer hervortrete. In dieser Hinsicht unterscheidet sich der sogenannte Kulturnationalismus durchaus nicht vom politischen Nationalismus, dessen machtpolitischen Bestrebungen er in der Regel als Feigenblatt dienen muß. Beide sind geistig nicht voneinander zu trennen und stellen nur zwei verschiedene Formen derselben Bestrebungen dar.

Der Kulturnationalismus tritt am reinsten dort zutage, wo Völker einer Fremdherrschaft unterworfen sind und aus diesem Grunde keine eigenen machtpolitischen PlĂ€ne verfolgen können. In diesem Falle beschĂ€ftigt sich der «nationale Gedanke» mit Vorliebe mit der kulturschöpferischen TĂ€tigkeit des Volkes und versucht, das nationale Bewußtsein durch die Erinnerung an geschwundenen Glanz und vergangene GrĂ¶ĂŸe wachzuhalten. Solche Vergleiche zwischen einer Vergangenheit, die bereits Sage geworden ist, und einer versklavten Gegenwart machen dem Volke das erlittene Unrecht doppelt fĂŒhlbar, denn nichts wirkt stĂ€rker auf den Geist der Menschen als die Überlieferung. Gelingt es aber solchen unterdrĂŒckten Völkergruppen frĂŒher oder spĂ€ter, das fremde Joch abzuschĂŒtteln und selber als nationale Macht aufzutreten, so tritt die kulturelle Seite ihrer Bestrebungen nur allzu schnell in den Hintergrund, um der nĂŒchternen Wirklichkeit machtpolitischer ErwĂ€gungen das Feld zu rĂ€umen. Die jĂŒngste Entwicklung der nach dem ersten Weltkriege entstandenen nationalen Staatswesen in Europa legt sprechendes Zeugnis dafĂŒr ab.

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)

Bei dem Kulturnationalismus fließen in der Regel zwei besondere Empfindungen ineinander ĂŒber, die im Grunde nichts miteinander gemein haben. Denn HeimatgefĂŒhl ist nicht Patriotismus, ist nicht Liebe zum Staat, nicht Liebe, die in der abstrakten Vorstellung von der Nation ihre Wurzel findet. Es bedarf keiner breitspurigen ErklĂ€rungen, um zu zeigen, daß das StĂŒck Erde, auf dem der Mensch die Jahre seiner Jugend verlebt hat, mit seinem inneren Empfinden tief verwachsen ist. Denn es sind die EindrĂŒcke der Kindheit und der frĂŒhen Jugend, die am unvergĂ€nglichsten sind und am lĂ€ngsten in der Seele des Menschen nachwirken. Die Heimat ist sozusagen das Ă€ußere Kleid des Menschen, an dem ihm jede Falte innig vertraut ist. Diesem HeimatgefĂŒhl entspringt auch in spĂ€teren Jahren jenes stumme Sehnen nach einer Vergangenheit, die lĂ€ngst unter TrĂŒmmern begraben liegt, das die Romantiker den Blick so tief nach innen senken ließ.

Mit dem sogenannten «nationalen Empfinden» hat das HeimatgefĂŒhl keine Verwandtschaft, obwohl man beide oft genug in einen Topf wirft und nach FalschmĂŒnzerart als die gleichen Werte ausgibt. Es ist gerade das «Nationalbewußtsein», welches die zarten Knospen des wahren HeimatgefĂŒhls verzehrt, da es stets bestrebt ist, alle EindrĂŒcke, welche der Mensch durch die unerschöpfliche Mannigfaltigkeit der heimatlichen Erde empfĂ€ngt, gleichzuschalten und in eine bestimmte Form zu pressen. Es ist dies das unvermeidliche Ergebnis jener mechanischen Einheitsbestrebungen, die in der Wirklichkeit nur die Bestrebungen des nationalen Staates sind.

Der Versuch, die natĂŒrliche Zuneigung des Menschen zur Heimat durch die pflichtgemĂ€ĂŸe Liebe zur Nation ersetzen zu wollen – ein Gebilde, das seine Entstehung allen möglichen ZufĂ€lligkeiten verdankt und wo mit brutaler Faust Elemente zusammengeschmiedet wurden, die kein inneres BedĂŒrfnis zusammenfĂŒhrte –, ist eine der groteskesten Erscheinungen unserer Zeit, denn das sogenannte Nationalbewußtsein ist nichts anderes als ein aus machtpolitischen ErwĂ€gungen propagierter Glaube, welcher den religiösen Fanatismus vergangener Jahrhunderte abgelöst hat und sich heute zum grĂ¶ĂŸten Hindernis jeder kulturellen Entwicklung ausgewachsen hat. Mit Heimatliebe hat diese blinde Verehrung eines abstrakten Vaterlandsbegriffes nichts zu tun. Heimatliebe kennt keinen «Willen zur Macht», ist frei von jener hohlen und gefĂ€hrlichen Überheblichkeit dem Nachbarn gegenĂŒber, die zu den eisernen Belangen jedes wie immer gearteten Nationalismus gehört. Heimatliebe treibt weder praktische Politik noch verfolgt sie irgendwelche staatserhaltende Ziele. Sie ist lediglich der Ausdruck eines inneren Empfindens, das ebenso ungezwungen wie die Freude des Menschen an der Natur hervortritt, von der die Heimat ein Teil ist. So betrachtet, verhĂ€lt sich das HeimatgefĂŒhl zu der staatlich verordneten Liebe zur Nation wie ein echtes Erzeugnis zu einem in der Retorte hergestellten Ersatzprodukt.





Quelle: Panopticon.blackblogs.org