Juni 28, 2022
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Einleitung von uns,

in vielen der Texten die wir zum Krieg in der Ukraine entweder ĂŒbersetzt oder selbst geschrieben haben, wird historisch auf den Ersten Weltkrieg hingewiesen. Auch wenn es sich hierbei um einen imperialistischen Krieg handelt, denn alle Kriege des Kapitalismus haben diesen Charakter inne, es handelt sich zwar nicht um einen Weltkrieg, dieser wird aber weltweit/international gefĂŒhrt. Welche sind also die gewissen Parallelismen, auf die immer wieder hingewiesen wird, auf die viele Gruppen aufmerksam machen, bzw., kritisieren? NĂ€mlich die konterrevolutionĂ€re Rolle, die gewisse anarchistische Gruppen, sowie andere Gruppen, die die Linke des Kapitals reprĂ€sentieren, in diesem Krieg, wenn auch minimal und irrelevant, spielen. Mag diese Rolle zwar minimal und irrelevant sein, da diese aber mit anarchistischen Prinzipien als Argument gerechtfertigt wird, ist der Charakter darin ein anderer. Dem Versuch aus den Ideen des Anarchismus heraus, die Beteiligung am Krieg zu rechtfertigen, vor allem in der Rolle den ukrainischen Staat zu schĂŒtzen, steht daher die Kritik die viele, wir eingeschlossen, formulieren und die, wie gesagt, diesen konterrevolutionĂ€ren Zug angreifen, entgegen. Im Ersten Weltkrieg geschah dasselbe, als das sogenannte infame und verrĂ€terische Manifest der Sechzehn – damit man sehen kann das Reformismus, Reaktion, Konterrevolution, usw., leider dem Anarchismus nicht fremd sind – von einigen wenigen veröffentlicht wurde und diese sich auf die Seite der Alliierten stellten (damals noch das Britische Empire, Frankreich mit all seinen Kolonien vor allem in Afrika, Belgien mit all seinen Kolonien in Afrika, das Russische Zarenreich und spĂ€ter Italien).

Dies löste eine internationale Debatte innerhalb der anarchistischen Bewegung aus von einem Ausmaß, welches wir uns heutzutage gar nicht vorstellen können, die diese VerrĂ€ter des Anarchismus aus der Geschichte wegfegte. Ihre Namen und ihr Ruf war fĂŒr immer mit Schande verbunden, denn wie jeder weiß: keiner will VerrĂ€ter und VerrĂ€terinnen auf der eigenen Seite. Da sich auf dieser Ebene vieles wiederholt, haben wir, inspiriert von einer BroschĂŒre die von Elephant Editions veröffentlicht wurde, drei Texte von Errico Malatesta und das infame und verrĂ€terische Manifest der Sechszehn hier neu veröffentlicht. Die Texte erschienen von 1914 bis 1922.

Wir haben alle Texte, die schon ĂŒbersetzt waren, ĂŒbernommen, auch wenn wir mit der Auswahl der ĂŒbersetzten Wörter nicht einverstanden sind, sei es drum, nur der letzte Text ist von uns ĂŒbersetzt worden, nĂ€mlich Reformisten oder Insurrektionalisten? von Malatesta.

Wir fanden die Texte von Malatesta nach wie vor sehr aktuell und gegenwĂ€rtig, da sich eben gewisse Ereignisse wiederholen, die einen an den Ersten Weltkrieg und zum Teil auch an den Zweiten erinnern. Wir wiederholen es, damit es keine MissverstĂ€ndnisse gibt, nĂ€mlich die eingenommene Rolle einiger (wir bezweifeln, dass sie ĂŒberhaupt welche sind oder je waren) Anarchistinnen und Anarchisten sowie deren BefĂŒrworter. Sind also die Fragen und die SchlĂŒsse, die Malatesta gestellt und gezogen hat, noch aktuell, bedeutet dies, dass eine anarchistische Bewegung entweder aus ihrer Geschichte nicht lernen kann, oder genauso schlimm sie nicht mal kennt. Wie es auch sei, hier ein weiterer Beitrag von unserer Seite aus fĂŒr eine Diskussion-Kritik gegen alle reaktionĂ€ren und konterrevolutionĂ€ren Gruppen und Individuen die sich als anarchistisch geben und es nicht sind.

Gegen die Kriege des Kapitalismus hilft nur Klassenkrieg, sozialer Krieg, Insurrektion/Aufstand und soziale Revolution. Wir haben kein Vaterland, wir sind Parias, wir werden keine eigene noch fremde herrschende Klasse verteidigen, es gilt sie alle anzugreifen und zu zerstören.

Soligruppe fĂŒr Gefangene


Errico Malatesta, Anarchisten haben ihre Prinzipien vergessen (1914)

UrsprĂŒnglich veröffentlicht unter dem Titel »Anarchists have forgotten their Principles« in der Zeitschrift Freedom (London), Nummer 307 (November 1914).

Auf die Gefahr hin, als Einfaltspinsel zu gelten, gestehe ich, es niemals fĂŒr möglich gehalten zu haben, dass Sozialisten – oder selbst Sozialdemokraten – einem Krieg wie dem gegenwĂ€rtig Europa verwĂŒstenden Beifall spenden und freiwillig, sei es auf der Seite Deutschlands oder der Alliierten, an ihm teilnehmen wĂŒrden. Was aber soll man sagen, wenn Anarchisten dasselbe tun – zwar nicht viele, das stimmt, darunter jedoch einige der geschĂ€tztesten und angesehensten Genossen?1

Es wird behauptet, die gegenwĂ€rtige Situation offenbare den Bankrott »unserer Formeln« – d.h. unserer Prinzipien – und man mĂŒsse sie revidieren.

Allgemein gesprochen muss jede Formel revidiert werden, wenn die gegebenen Fakten sie als unzureichend erweisen; doch das ist heute nicht der Fall, wo nicht etwa MĂ€ngel unserer Formeln, sondern die Tatsache, dass sie vergessen und verraten wurden, zu einem Bankrott fĂŒhren.

Lasst uns zu unseren Prinzipien zurĂŒckkehren.

Ich bin kein »Pazifist«. Ich kĂ€mpfe, wie wir alle, fĂŒr den Triumph von Frieden und BrĂŒderlichkeit unter allen Menschen; doch ich weiß, dass der Wunsch, nicht zu kĂ€mpfen, nur dann erfĂŒllt werden kann, wenn keine Seite dies tun möchte, und dass, solange es Menschen gibt, die die Freiheiten anderer verletzen, diese anderen sich verteidigen mĂŒssen, wenn sie nicht ewig geschlagen werden wollen; und ebenso weiß ich, dass Angriff hĂ€ufig die beste, oder einzige, Verteidigung ist. Außerdem denke ich, dass die UnterdrĂŒckten immer in einer Situation legitimer Selbstverteidigung sind und immer das Recht haben, die UnterdrĂŒcker anzugreifen. Ich rĂ€ume deshalb ein, dass es notwendige, heilige Kriege gibt: Kriege der Befreiung, die in der Regel »BĂŒrgerkriege«, d.h. Revolutionen sind.

Doch was hat der gegenwÀrtige Krieg mit der menschlichen Emanzipation gemein, um die es uns geht?

Heute hören wir, wie Sozialisten – nicht anders als irgendein BĂŒrger – von »Frankreich«, »Deutschland« und anderen politischen und nationalen Gebilden, die das Ergebnis historischer KĂ€mpfe sind, so reden, als wĂ€ren es homogene ethnographische Einheiten mit jeweils eigenen Interessen, Bestrebungen und eigener Mission, die im Gegensatz zu denen der rivalisierenden Einheiten stehen. Dies mag relativ gesehen stimmen, solange die UnterdrĂŒckten, namentlich die Arbeiter, kein Selbstbewusstsein haben und die Ungerechtigkeit ihrer UnterdrĂŒcker nicht zu erkennen vermögen. Dann kommt es allein auf die herrschende Klasse an; und aufgrund des BedĂŒrfnisses, ihre eigene Macht zu erhalten und zu vergrĂ¶ĂŸern, ja sogar aufgrund eigener Vorurteile und Auffassungen mag es dieser Klasse gelegen scheinen, rassische Bestrebungen und Rassenhass zu entfachen und ihre Nation, ihre Herde, gegen »fremde« LĂ€nder in Marsch zu setzen, um diese ihren gegenwĂ€rtigen UnterdrĂŒckern zu entwinden und der eigenen politisch-ökonomischen Herrschaft zu unterwerfen.

Doch die Aufgabe derer, die wie wir das Ende jeglicher UnterdrĂŒckung und Ausbeutung des Menschen durch den Menschen anstreben, besteht darin, ein Bewusstsein des Interessenantagonismus zwischen Herrschern und Beherrschten, zwischen Ausbeutern und Arbeitern zu wecken und innerhalb jedes Landes den Klassenkampf sowie die grenzĂŒberschreitende SolidaritĂ€t aller Arbeiter zu entfalten, gegen jegliches Vorurteil und jegliche Begeisterung fĂŒr Rasse oder NationalitĂ€t.

Und wir haben dies schon immer getan. Wir haben immer propagiert, dass die Arbeiter aller LĂ€nder BrĂŒder sind und dass der Feind – der »Fremde« – der Ausbeuter ist, ob er nun in der NĂ€he oder in einem fernen Land geboren ist, ob er dieselbe Sprache oder irgendeine andere spricht. Wir haben unsere Freunde, unsere KampfgefĂ€hrten, ebenso wie unsere Feinde immer nach den von ihnen vertretenen Ideen und ihrer Position im sozialen Kampf, niemals aber mit Blick auf Rasse oder NationalitĂ€t bestimmt. Wir haben den Patriotismus, ein Relikt der Vergangenheit, das den Interessen der UnterdrĂŒcker gute Dienste leistet, immer bekĂ€mpft; und wir waren stolz darauf, nicht nur in Worten, sondern im Tiefsten unserer Seele Internationalisten zu sein.

Und nun, da die grauenvollsten Folgen kapitalistischer und staatlicher Herrschaft selbst den Blinden zeigen, dass wir im Recht waren, verbĂŒnden sich die Sozialisten und viele Anarchisten in den kriegfĂŒhrenden Staaten mit der Regierung und der Bourgeoisie ihres jeweiligen Landes, vergessen sie den Sozialismus, den Klassenkampf, die internationale BrĂŒderlichkeit und alles ĂŒbrige. Welch‘ tiefer Fall!

Es mag sein, dass die gegenwĂ€rtigen Ereignisse gezeigt haben, dass nationale GefĂŒhle lebendiger, GefĂŒhle internationaler Bruderschaft hingegen schwĂ€cher verwurzelt sind, als wir dachten; aber das sollte ein Grund mehr sein, unsere antipatriotische Propaganda zu verstĂ€rken, anstatt sie aufzugeben. Die Ereignisse zeigen auch, dass etwa in Frankreich religiöse GefĂŒhle stĂ€rker und Priester einflussreicher sind, als wir meinten. Ist das ein Grund dafĂŒr, dass wir zum römischen Katholizismus konvertieren?

Mir ist bewusst, dass es UmstĂ€nde geben kann, unter denen das allgemeine Wohl die Hilfe aller erfordert – etwa eine Epidemie2, ein Erdbeben oder eine Invasion von Barbaren, die alles töten und zerstören, was in ihre HĂ€nde gerĂ€t. In einem solchen Fall muss der Klassenkampf, mĂŒssen die Unterschiede in der sozialen Stellung vergessen werden, um gemeinsam gegen die gemeinsam erfahrene Bedrohung vorzugehen – allerdings unter der Bedingung, dass beide Seiten diese Unterschiede vergessen. Wenn sich wĂ€hrend eines Erdbebens Menschen in einem GefĂ€ngnis befinden und bei dessen Einsturz ums Leben zu kommen drohen, dann haben wir die Pflicht, alle, selbst die WĂ€rter, zu retten – unter der Bedingung, dass die WĂ€rter ihrerseits zunĂ€chst die ZellentĂŒren aufschließen. Treffen sie dagegen alle Vorkehrungen, um die Inhaftierung der Gefangenen wĂ€hrend und nach der Katastrophe sicherzustellen, dann haben die Gefangenen gegenĂŒber sich selbst und ihren inhaftierten GefĂ€hrten die Pflicht, die WĂ€rter ihrem Schicksal zu ĂŒberlassen und die Gelegenheit zu nutzen, sich selbst zu retten.

Kommt es zu einer Invasion des heiligen Bodens des Vaterlands durch auslĂ€ndische Soldaten und sollte die privilegierte Klasse ihre Privilegien aufgeben und so handeln, dass das »Vaterland« tatsĂ€chlich das gemeinsame Eigentum aller Einwohner wird, dann wĂ€re es richtig, dass alle gemeinsam gegen die Invasoren kĂ€mpfen. Wollen die Könige aber Könige bleiben, die Grundbesitzer ihr Land und ihre HĂ€user retten und die HĂ€ndler ihre GĂŒter schĂŒtzen – und sogar noch teurer verkaufen -, dann sollten die Arbeiter, die Sozialisten und Anarchisten sie sich selbst ĂŒberlassen und nach einer Gelegenheit Ausschau halten, sich der UnterdrĂŒcker im eigenen Land ebenso zu entledigen wie der aus dem Ausland anrĂŒckenden.

Es ist unter allen UmstĂ€nden die Pflicht der Sozialisten, und besonders der Anarchisten, alles zu tun, was den Staat und die kapitalistische Klasse schwĂ€chen kann, und allein das Interesse des Sozialismus zur Richtschnur des Handelns zu machen; oder, sofern sie der materiellen Machtmittel entbehren, um wirkungsvoll fĂŒr ihre Sache einzutreten, wenigstens der Sache des Feindes jede freiwillige UnterstĂŒtzung zu verweigern und sich aus dem Geschehen herauszuhalten, um zumindest ihre Prinzipien zu retten – was gleichbedeutend damit ist, die Zukunft zu retten.

Alles bisher Gesagte ist Theorie, und als Theorie akzeptieren es vielleicht auch die meisten derer, die in der Praxis das genaue Gegenteil tun. Wie also kann man es auf die gegenwĂ€rtige Situation beziehen? Was sollten wir tun, worauf sollten wir – im Interesse unserer Sache – hoffen?

Ein Sieg der Alliierten, so heißt es auf dieser Seite des Rheins, wĂ€re das Ende des Militarismus, der Triumph der Zivilisation, der internationalen Gerechtigkeit etc. Dasselbe wird auf der anderen Seite der Front ĂŒber einen deutschen Sieg gesagt.

Persönlich habe ich, wenn ich den »tollwĂŒtigen Hund« von Berlin und den »alten Henker« von Wien nĂŒchtern beurteile, nicht mehr Vertrauen in den blutrĂŒnstigen Zar oder in die englischen Diplomaten, die Indien unterdrĂŒcken, die Persien verrieten, die die Burenrepubliken zerschlagen haben; oder in die französische Bourgeoisie, die die Eingeborenen Marokkos massakriert hat; oder in die belgische, die die Grausamkeiten im Kongo zugelassen und erheblich davon profitiert hat – und ich erinnere hier nur an einige beliebig ausgewĂ€hlte ihrer Untaten, und rede gar nicht von dem, was alle Regierungen und alle kapitalistischen Klassen gegen die Arbeiter und Rebellen im eigenen Land tun. Meines Erachtens wĂŒrde ein Sieg Deutschlands gewiss den Triumph von Militarismus und Reaktion bedeuten; doch ein Sieg der Alliierten wĂŒrde eine russisch-englische (d.h. knuto-kapitalistische) Herrschaft in Europa und Asien, wĂŒrde die allgemeine Wehrpflicht und die Entwicklung eines militaristischen Geistes in England sowie eine klerikale, möglicherweise monarchistische Reaktion in Frankreich bedeuten.

Außerdem ist es meines Erachtens sehr wahrscheinlich, dass keine der Seiten einen definitiven Sieg erringen wird. Nach einem langen Krieg und gewaltigem Verlust an Menschenleben und Vermögen, wenn beide Seiten erschöpft sind, wird man irgendeinen Friedensvertrag zusammenflicken, der alle Fragen offen lĂ€sst und dergestalt einem neuen, noch mörderischeren Krieg den Boden bereitet.3

Die einzige Hoffnung heißt Revolution; und da ich in Anbetracht der gegenwĂ€rtigen Lage denke, dass die Revolution aller Wahrscheinlichkeit nach zuerst in einem besiegten Deutschland ausbrechen wĂŒrde, hoffe ich aus diesem Grund – und nur aus diesem Grund – auf die Niederlage Deutschlands.

Ich mag natĂŒrlich im Irrtum sein ĂŒber die richtige Position. Doch fĂŒr alle Sozialisten (Anarchisten und andere) elementar und grundlegend zu sein scheint mir die Notwendigkeit, sich von jeglichem Kompromiss mit den Regierungen und den herrschenden Klassen fernzuhalten, um in der Lage zu sein, jede sich möglicherweise bietende Gelegenheit zum eigenen Vorteil nutzen, und in jedem Fall, um unsere Vorbereitungen und Propaganda fĂŒr die Revolution neu aufzunehmen und fortzusetzen.


Errico Malatesta, Anarchisten als RegierungsbefĂŒrworter (1916)

Veröffentlicht unter dem Titel »Pro-Government Anarchists« in der Zeitschrift Freedom (London), Nummer 324 (April 1916).

UnlĂ€ngst ist ein Manifest4 erschienen, unterzeichnet von Kropotkin, Malato und einem Dutzend weiterer alter Genossen, in dem sie, genau wie die Regierungen der Entente, die einen Kampf bis zum Äußersten, bis zur Niederwerfung Deutschland fordern, gegen die Idee eines »verfrĂŒhten Friedens« Stellung bezogen. Die kapitalistische Presse veröffentlicht, mit sichtlicher Befriedigung, AuszĂŒge aus diesem Manifest, das sie als Werk »fĂŒhrender Vertreter der internationalen anarchistischen Bewegung« ausgibt. Die Anarchisten, die fast durchweg ihren Überzeugungen treu geblieben sind, haben die Pflicht, gegen diesen Versuch zu protestieren, den Anarchismus fĂŒr die Fortsetzung eines blutigen Gemetzels zu vereinnahmen, das nie zu der Hoffnung Anlass gab, die Sache von Freiheit und Gerechtigkeit zu fördern und das sich inzwischen als absolute Sackgasse erweist, selbst aus Sicht der Herrschenden, egal, auf welcher Seite des SchĂŒtzengrabens sie stehen.

Die Aufrichtigkeit und die guten Absichten derer, die das Manifest unterzeichnet haben, stehen außer Frage. Doch so schmerzlich es sein mag, sich mit alten Freunden zu Überwerfen, die der Sache, die in der Vergangenheit einmal unsere gemeinsame war, so viele gute Dienste erwiesen haben, so es ist es dennoch – aus GrĂŒnden der Ehrlichkeit und im Interesse unserer emanzipatorischen Bewegung – unerlĂ€sslich, sich von Genossen zu trennen, die anarchistische Ideen fĂŒr vereinbar halten mit der Tatsache, dass man die Regierungen und die Kapitalistenklasse mancher LĂ€nder in ihrem Kampf gegen die Kapitalisten und Regierenden anderer LĂ€nder unterstĂŒtzt.

Im Laufe des gegenwĂ€rtigen Krieges haben wir gesehen, wie sich Republikaner in den Dienst von Königen stellten, Sozialisten gemeinsame Sache mit der herrschenden Klasse machten, Arbeitervertreter den Interessen von Kapitalisten dienten; doch diese Leute sind allesamt, in unterschiedlichem Ausmaß, Konservative, die an die Mission des Staates glauben, und ihr Zögern ist verstĂ€ndlich, wenn man bedenkt, dass der einzige Ausweg in der Beseitigung jeder staatlichen GĂ€ngelung, in der Entfesselung der sozialen Revolution besteht. Doch auf Seiten der Anarchisten ist ein solches Zögern unverstĂ€ndlich. Wir behaupten, dass der Staat unfĂ€hig ist, irgendetwas Gutes zu bewirken. Sowohl auf internationaler Ebene als auch in individuellen Beziehungen kann er Aggression nur bekĂ€mpfen, indem er selbst zum Aggressor wird; er kann das Verbrechen nur verhindern, indem er noch grĂ¶ĂŸere Verbrechen organisiert und begeht. Selbst angenommen – was weit von der Wahrheit entfernt ist -, dass Deutschland die Alleinschuld fĂŒr den gegenwĂ€rtigen Krieg trĂ€gt, so ist erwiesen, dass man Deutschland, wenn man Regierungsmethoden befolgt, nur widerstehen kann, indem man alle Freiheiten beseitigt und allen KrĂ€ften der Reaktion ihre Macht zurĂŒckerstattet.

Abgesehen von einer revolutionĂ€ren Massenbewegung gibt es keinen anderen Weg, der Bedrohung durch eine disziplinierte Armee zu widerstehen, als eine noch stĂ€rkere und noch diszipliniertere Armee aufzustellen, sodass die entschiedensten Antimilitaristen, sofern sie keine Anarchisten sind und vor der Zerstörung des Staates zurĂŒckschrecken, keine andere Wahl haben, als zu glĂŒhenden Militaristen zu werden. TatsĂ€chlich haben sie, in der fragwĂŒrdigen Hoffnung, den preußischen Militarismus zu zerschlagen, jeden Freiheitsgeist und alle freiheitlichen Traditionen aufgegeben, haben England und Frankreich verpreußt, haben sich dem Zarismus unterworfen, haben das Prestige des wankenden italienischen Throns wiederhergestellt.

Können Anarchisten auch nur einen Moment lang einen solchen Zustand billigen, ohne jegliches Recht verwirkt zu haben, sich Anarchisten zu nennen? Was mich betrifft, so ist mir selbst die gewaltsam aufgezwungene Fremdherrschaft, gegen die sich Widerstand regt, noch lieber als die UnterdrĂŒckung im Inneren, die demĂŒtig, fast dankbar ertragen wird, in der Hoffnung, dass uns auf diesem Wege ein grĂ¶ĂŸeres Übel erspart bleibt. Es ist sinnlos, wie die Verfasser und Unterzeichner des fraglichen Manifestes, zu behaupten, dass ihre Haltung durch außergewöhnliche UmstĂ€nde bedingt sei und dass, wenn der Krieg erst einmal vorbei ist, jeder in sein Lager zurĂŒckkehren und fĂŒr sein eigenes Ideal kĂ€mpfen wird. Denn wenn es jetzt notwendig ist, eintrĂ€chtig mit der Regierung und dem Kapitalismus zusammenzuarbeiten, um sich vor der »teutonischen Gefahr« zu schĂŒtzen, wird es auch nach dem Krieg notwendig sein. Egal, wie vernichtend die Niederlage der deutschen Armee ausfĂ€llt – sofern sie ĂŒberhaupt geschlagen wird -, es wird niemals möglich sein, die deutschen Patrioten davon abzuhalten, auf Rache zu sinnen und sie vorzubereiten. Und die Patrioten anderer Regionen werden sich, aus ihrer Sicht vollkommen zu Recht, bereit halten wollen, um sich nicht ĂŒberrumpeln zu lassen. Das bedeutet, dass der preußische Militarismus eine stehende und dauerhafte Einrichtung in allen LĂ€ndern wird. Was werden dann die angeblichen Anarchisten sagen, die jetzt den Sieg einer der kriegfĂŒhrenden Allianzen herbeiwĂŒnschen? Werden sie, wenn sie sich Antimilitaristen nennen, fĂŒr AbrĂŒstung, Wehrdienstverweigerung, Sabotage der Landesverteidigung eintreten, nur um sich beim geringsten Anzeichen eines neuen Krieges in Werbeoffiziere der Regierungen zu verwandeln, die sie zuvor hatten entwaffnen und lahmlegen wollen?

Es heißt, dergleichen wĂŒrde sich erĂŒbrigen, wenn das deutsche Volk sich seiner Tyrannen entledigen wĂŒrde und durch die Beseitigung des Militarismus in seinem Land keine Bedrohung ihr Europa mehr wĂ€re. Doch wĂŒrden die Deutschen nicht in der berechtigten Überzeugung, dass eine englische und französische Herrschaft (vom zaristischen Russland ganz zu schweigen) fĂŒr die Deutschen nicht angenehmer wĂ€re als eine deutsche Herrschaft ĂŒber Franzosen und EnglĂ€nder, gegebenenfalls lieber abwarten wollen, dass die Russen und die anderen ihren eigenen Militarismus abschaffen und bis dahin ihre Armee weiter aufrĂŒsten? Und was dann? Wie lange soll man die Revolution aufschieben? Und die Anarchie? MĂŒssen wir ewig warten, dass die anderen anfangen?

Die Maxime ihres Handelns ist den Anarchisten durch die unerbittliche Logik ihrer Ziele eindeutig vorgegeben.

Der Krieg hĂ€tte durch die Revolution verhindert werden mĂŒssen oder zumindest durch die Angst der Regierungen vor einer drohenden Revolution. Die StĂ€rke und das Geschick, die dazu notwendig gewesen wĂ€ren, haben gefehlt. Der Frieden muss durch die Revolution erzwungen werden, oder zumindest durch den Versuch, sie herbeizufĂŒhren. Dazu fehlt es derzeit wiederum an StĂ€rke und Geschick. Nun gut! Es gibt nur einen Ausweg: es in der Zukunft besser zu machen. Mehr denn je mĂŒssen wir jeden Kompromiss ablehnen, die Kluft zwischen Kapitalisten und Lohnsklaven, Regierenden und Regierten vertiefen, die Enteignung des Privateigentums und die Zerstörung des Staates propagieren, als einzige Mittel, um ein brĂŒderliches Zusammenleben der Völker sowie Freiheit und Gerechtigkeit fĂŒr alle zu garantieren. Und wir mĂŒssen uns darauf vorbereiten, all das auch zu bewerkstelligen. Bis dahin halte ich es fĂŒr ein Verbrechen, auch nur das Geringste zu unternehmen, was diesen Krieg verlĂ€ngern könnte, der Menschen mordet, Wohlstand vernichtet und das Wiederaufleben des Kampfes um Befreiung verhindert. Ich denke, dass wer einen »Krieg bis zum Äußersten« propagiert, in Wahrheit das Spiel der Regierenden in Deutschland betreibt, die ihre Untertanen tĂ€uschen und ihren Kampfesmut anstacheln, indem sie ihnen einreden, ihre Gegner wollten das deutschen Volk unterwerfen und knechten.

Jetzt, wie seit jeher, muss unsere Devise lauten: >Nieder mit den Kapitalisten und den Regierungen, allen Kapitalisten und allen Regierungen!< Und die Völker sollen leben, alle Völker! 



Manifest der Sechzehn (1916)

Christian Comelissen, Henri Fuss, Jean Grave, Jacques Guérin, Peter Kropotkin, Charles Malato

Von verschiedenen Seiten werden Stimmen laut, die einen sofortigen Frieden fordern. „Genug des Blutvergießens, genug der Zerstörung“, heißt es, „es ist Zeit, damit aufzuhören, auf welche Weise auch immer“. Mehr als irgendjemand sonst, und das seit langem, sind wir, in unseren Zeitungen, gegen jeden Angriffskrieg zwischen Staaten eingetreten, und gegen jeden Militarismus, egal, ob er den Helm des Kaisers oder den der Republik trĂ€gt. Und wir wĂ€ren im höchsten Maße beglĂŒckt, wenn die Arbeiter Europas auf einem internationalen Kongress die Bedingungen fĂŒr einen Frieden diskutieren wĂŒrden – wenn so etwas möglich wĂ€re. Zumal sich das deutsche Volk im August 1914 hat tĂ€uschen lassen, und auch wenn es wirklich geglaubt hat, fĂŒr die Verteidigung seines Territoriums mobilisiert zu werden, so hatte es mittlerweile Zeit genug, um zu bemerken, dass man es betrogen und stattdessen in einen Eroberungskrieg geworfen hat.

TatsĂ€chlich sollten die deutschen Arbeiter, zumindest in ihren mehr oder weniger fortschrittlichen Gruppierungen, inzwischen verstanden haben, dass die PlĂ€ne zur Invasion Frankreichs, Belgiens und Russlands von langer Hand vorbereitet waren und dass, wenn dieser Krieg nicht 1875, 1880, 1911 oder 1913 ausgebrochen ist, es daran lag, dass die internationalen Beziehungen zu dieser Zeit noch keine so gĂŒnstigen Voraussetzungen boten und die militĂ€rischen Vorbereitungen noch nicht weit genug vorangeschritten waren, um Deutschland die Aussicht auf einen Sieg zu eröffnen (VervollstĂ€ndigung der strategischen Linien, Ausbau des Nordostseekanals, Perfektionierung der großen BelagerungsgeschĂŒtze). Und jetzt, nach zwanzig entsetzlich verlustreichen Monaten Krieg sollte ihnen bewusst sein, dass die deutsche Armee ihre Eroberungen nicht wird behaupten können. Zumal der Grundsatz zu berĂŒcksichtigen ist (den Frankreich schon 1859, nach der Niederlage Österreichs, anerkannt hat), dass es der Bevölkerung jedes Territoriums selbst obliegt, darĂŒber zu entscheiden, ob sie annektiert werden möchte oder nicht.

Wenn die deutschen Arbeiter beginnen, die Situation so zu verstehen, wie wir es tun, und wie bereits jetzt eine kleine Minderheit ihrer Sozialdemokraten sie versteht5 – und wenn es ihnen gelingt, sich bei ihren Regierenden Gehör zu verschaffen –, dann könnte es eine Ebene der VerstĂ€ndigung geben, um mit Friedensverhandlungen zu beginnen. Doch dazu mĂŒssten sie erklĂ€ren, dass sie Annexionen absolut ablehnen; dass sie auf das Vorhaben verzichten, von den eroberten Nationen „Kontributionen“ zu erheben; dass sie die Pflicht des deutschen Staates anerkennen, die materiellen SchĂ€den, die von den Invasoren bei ihren Nachbarn angerichtet wurden, im Rahmen des Möglichen zu beheben, und dass sie nicht die Absicht hegen, sie durch sogenannte HandelsvertrĂ€ge ökonomisch zu unterwerfen. Leider sind bisher keine Anzeichen eines solchen Erwachens seitens des deutschen Volkes zu erkennen.

Es war von der Zimmerwalder Konferenz6 die Rede, doch auf dieser Konferenz fehlte das Wesentliche: eine Vertretung der deutschen Arbeiter7. Man hat auch viel Aufhebens von einigen Unruhen gemacht, die in Deutschland wegen der hohen Lebensmittelpreise ausgebrochen sind. Dabei wird vergessen, dass es in allen großen Kriegen zu solchen Unruhen kam, ohne dass sie Einfluss auf deren Dauer hatten. Außerdem weisen alle derzeit von der deutschen Regierung getroffenen Maßnahmen darauf hin, dass sie neue Offensiven fĂŒr das FrĂŒhjahr plant. Da sie aber auch weiß, dass die Alliierten ihr im FrĂŒhjahr mit neuen, besser ausgerĂŒsteten Armeen und einer viel stĂ€rkeren Artillerie als zuvor gegenĂŒberstehen werden, arbeitet sie auch daran, Zwietracht in den Bevölkerungen der alliierten LĂ€nder zu sĂ€en. Und sie setzt dafĂŒr ein Mittel ein, das so alt ist wie der Krieg selbst: das Verbreiten von GerĂŒchten ĂŒber einen bevorstehenden Frieden, dem sich auf Seiten des Gegners nur die MilitĂ€rs und die Waffenlieferanten widersetzen wĂŒrden. Eben darum bemĂŒhte sich BĂŒlow mit seinen SekretĂ€ren wĂ€hrend seines letzten Aufenthalts in der Schweiz.

Doch was sind seine Bedingungen fĂŒr einen Friedensschluss?

Die Neue ZĂŒricher Zeitung glaubt zu wissen, und die regierungsamtliche Norddeutsche Zeitung widerspricht ihr nicht, dass ein Großteil Belgiens gerĂ€umt wĂŒrde, allerdings nur unter der Bedingung, dass das Land Garantien abgibt, dass es sich nicht nochmals, wie im August 1914, dem Durchmarsch deutscher Truppen widersetzt. Was wĂ€ren das fĂŒr Garantien? Die belgischen Kohlegruben? Der Kongo? Davon verlautet nichts. Doch bereits jetzt wird eine hohe jĂ€hrliche Kontribution erhoben. Die eroberten Territorien in Frankreich wĂŒrden zurĂŒckgegeben, ebenso der französischsprachige Teil Lothringens. Doch im Gegenzug mĂŒsste Frankreich dem deutschen Staat alle russischen Anleihen ĂŒberlassen, deren Wert sich auf achtzehn Milliarden belĂ€uft. Mit anderen Worten, eine Kontribution von achtzehn Milliarden, die von den französischen Land- und Industriearbeitern aufzubringen wĂ€ren, weil sie die Steuerzahler sind. Achtzehn Milliarden fĂŒr den RĂŒckkauf von zehn Departements, die dank ihrer HĂ€nde Arbeit so reich und prosperierend waren und die sie ruiniert und verwĂŒstet zurĂŒckerhalten


Und wenn man wissen will, was man in Deutschland ĂŒber die Friedensbedingungen denkt, so ist eines sicher: die bĂŒrgerliche Presse bereitet die Nation auf den Gedanken vor, Belgien und die französischen Norddepartements schlicht und einfach zu annektieren. Und es gibt in Deutschland keine Kraft, die dagegen Widerstand leisten wĂŒrde. Die Arbeiter, die ihre Stimme gegen diese Eroberungen hĂ€tten erheben mĂŒssen, tun es nicht. Die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter lassen sich von der Welle imperialistischer Begeisterung mitreißen und die sozialdemokratische Partei, die trotz ihres Massenanhangs zu schwach ist, um in allem, was den Frieden betrifft, Einfluss auf die Entscheidungen der Regierung zu nehmen, ist in dieser Frage in zwei verfeindete Lager gespalten, wobei die Parteimehrheit auf Seiten der Regierung steht. Das deutsche Reich sieht angesichts der Tatsache, dass seine Armeen seit achtzehn Monaten 90 Kilometer vor Paris stehen und dass es in seinem Traum von neuen Eroberungen vom deutschen Volk unterstĂŒtzt wird, keinerlei Veranlassung, warum es aus seinen bisherigen Eroberungen keinen Nutzen ziehen sollte. Es glaubt sich in der Lage, Friedensbedingungen diktieren zu können, die ihm ermöglichen wĂŒrden, mit den neuen Milliarden an Kontributionen weiter aufzurĂŒsten, um Frankreich bei passender Gelegenheit erneut anzugreifen, ihm seine Kolonien und weitere Provinzen zu entreißen, ohne seinen Widerstand noch fĂŒrchten zu mĂŒssen.

Gerade jetzt von Frieden zu sprechen, hieße genau, das Spiel der deutschen Regierungspartei zu betreiben, das von BĂŒlow und seiner Agenten.

Wir hingegen weigern uns strikt, die Illusionen mancher unserer Genossen zu teilen, was die friedlichen Absichten derer angeht, die die Geschicke Deutschlands lenken. Wir ziehen es vor, der Gefahr ins Auge zu blicken und zu unternehmen, was notwendig ist, um sie abzuwenden. Diese Gefahr zu ignorieren hieße, sie zu vergrĂ¶ĂŸern.

Unserer tiefsten Überzeugung nach ist die deutsche Aggression eine – in die Tat umgesetzte – Bedrohung nicht nur unserer Emanzipationshoffnungen, sondern der menschlichen Entwicklung schlechthin. Deshalb haben wir Anarchisten, wir Antimilitaristen, wir Kriegsgegner, wir leidenschaftlichen BefĂŒrworter des Friedens und des brĂŒderlichen Miteinanders der Völker, uns auf die Seite des Wiederstandes gestellt, in dem Glauben, unser Schicksal nicht von dem der ĂŒbrigen Bevölkerung trennen zu dĂŒrfen. Wir halten es fĂŒr ĂŒberflĂŒssig zu betonen, dass wir es lieber gesehen hĂ€tten, dass diese Bevölkerung ihre Selbstverteidigung in die eigenen HĂ€nde nimmt. Da dies unmöglich war, blieb nur, sich in das UnabĂ€nderliche zu fĂŒgen. Und mit denen, die kĂ€mpfen, sind wir der Meinung, dass solange die deutsche Bevölkerung nicht zu vernĂŒnftigeren Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit zurĂŒckkehrt und endlich aufhört, sich als Werkzeug pangermanischer HerrschaftsplĂ€ne missbrauchen zu lassen, von Frieden keine Rede sein kann. Trotz des Krieges, trotz des Gemetzels haben wir natĂŒrlich nicht vergessen, dass wir Internationalisten sind, dass wir die Einheit der Völker wollen, das Verschwinden der Grenzen. Und gerade, weil wir die Versöhnung der Völker, einschließlich des deutschen Volkes, wollen, sind wir der Auffassung, dass man einem Aggressor widerstehen muss, der die Auslöschung all unserer emanzipatorischen Hoffnungen verkörpert.

Von Frieden zu sprechen, so lange die Partei, die Europa seit fĂŒnfundvierzig Jahren8 in ein befestigtes Heerlager verwandelt, in der Lage ist, ihre Bedingungen zu diktieren, wĂ€re der schlimmste Fehler, den man begehen könnte. Widerstand zu leisten und ihre PlĂ€ne zum Scheitern zu bringen, heißt, dem vernĂŒnftig gebliebenen Teil der deutschen Bevölkerung den Weg zu bereiten und ihm die Möglichkeit zu verschaffen, sich dieser Partei zu entledigen. Mögen unsere deutschen Genossen einsehen, dass dies die einzige, fĂŒr beiden Seiten vorteilhafte Lösung ist, dann sind wir bereit, mit ihnen zusammenzuarbeiten – 28. Februar 1916.

Christian Cornelissen9, Henri Fuss10, Jean Grave11, Jacques GuĂ©rin12, Peter Kropotkin, A. Laisant13, F. Le LĂšve (Lorient)14, Charles Malato15, Jules Moineau (LĂŒttich)16, Ant. Orfila (Husseindey, Algerien), M. Pierrot17, Paul Reclus18, Richard (Algerien)19, Ichikawa (Japan)20, W. Tscherkesoff21


Reformisten oder Insurrektionalisten? Errico Malatesta (1922)22

Offensichtlich glauben Herr Zirardini und seine applaudierenden GefĂ€hrten, dass man die populĂ€re Stimmung bewegen und manövrieren kann wie ein elektrisches GerĂ€t, das mit einem Schalter gesteuert wird: Stopp, vorwĂ€rts, rĂŒckwĂ€rts usw.

Eines Tages wollen sie, dass die Arbeiter ruhig sind und nur daran denken, sie in die Parlamente und GemeinderĂ€te zu schicken, und sie predigen gegen die Gewalt, gegen die insurrektionalistische Illusion und fĂŒr eine langsame, schrittweise, sichere Entwicklung, fĂŒr die legale Eroberung der öffentlichen Macht.

Dann kommen die SchlĂ€ge, die BrĂ€nde, die faschistischen Morde, um auch den Blinden zu zeigen, dass die LegalitĂ€t nichts bringt, denn auch wenn sie in manchen FĂ€llen fĂŒr die UnterdrĂŒckten gĂŒnstig ist, scheuen die UnterdrĂŒcker nicht davor zurĂŒck, sie zu verletzen und durch die grausamste Gewalt zu ersetzen; aber unsere guten Sozialisten geben sich MĂŒhe, dass die Arbeiter die Provokationen nicht auf sich nehmen und sich des „Heldentums der Geduld“ rĂŒhmen.

Schließlich werden die SchlĂ€ge zu stark und treffen auch die Schultern der AnfĂŒhrer, die gesamte Organisation, insbesondere die genossenschaftliche Organisation der Sozialisten, steht vor der Zerstörung, die Situation wird selbst fĂŒr die AnfĂŒhrer unertrĂ€glich, und so rufen sie zur Insurrektion auf!

Begreifen diese Herren, begreift Zirardini nicht, dass es lĂ€cherlich ist, zu hoffen, dass sie diejenigen, die sie fĂŒnfzig Jahre lang zu Schafen gemacht haben, plötzlich in Löwen verwandeln können? Und denken sie nicht, mit welchem spöttischen LĂ€cheln und Misstrauen sie einen Aufruf zur Insurrektion begrĂŒĂŸen werden, der von jenen Arbeitern ausgeht, die sie nicht entmachtet haben?

Und außerdem, wer könnte sie ernst nehmen, wenn es derselbe Zirardini ist, der mit einer möglichen Insurrektion droht, der die Zusammenarbeit der Sozialisten mit den antifaschistischen bourgeoisen Parteien vorschlĂ€gt, d.h. der eine weitere Illusion, eine weitere TĂ€uschung vorbringt, die darauf abzielt, die Arbeiter in der Hoffnung ruhig zu halten, dass die Rettung von der Regierung kommen wird, ohne dass sie sich selbst anstrengen mĂŒssen?

Wir zweifeln nicht an der GutglĂ€ubigkeit von irgendjemandem, aber es scheint uns eine einzigartige Verirrung, ein unglaubliches MissverstĂ€ndnis der Psychologie von Individuen und Massen zu sein, zu denken, dass man gleichzeitig an legale Mittel glauben und auf sie hoffen kann und gleichzeitig bereit ist, zu illegalen Mitteln zu greifen; sich fĂŒr Wahlen zu begeistern und sich fĂŒr eine Insurrektion vorzubereiten. Das mag in den Reden von Enrico Ferri ĂŒber die „zwei Beine“, auf denen der Sozialismus geht, möglich erscheinen, aber es wird durch alle historischen Erfahrungen widerlegt, ebenso wie durch das Gewissen eines jeden, der ein wenig innehĂ€lt, um sich selbst (A.d.Ü., kennen) zu lernen.

Wir erinnern uns zum Beispiel daran, einmal einem Vortrag des unaussprechlichen Misiano zugehört zu haben, in dem der damalige Abgeordnete, nachdem er von der unmittelbar bevorstehenden Revolution gesprochen und die Notwendigkeit einer technischen Vorbereitung betont hatte, auf die in sechs Monaten stattfindenden Kommunalwahlen zu sprechen kam und empfahl, die Listen schon jetzt aufzustellen und die Vorbereitung des Wahlkampfes mit AktivitÀt zu betreiben.

Könnt ihr euch vorstellen, dass jemand jeden Moment mit der Revolution rechnet und hart daran arbeitet, um darauf vorbereitet zu sein, und gleichzeitig fĂŒr die Kommunalwahlen arbeitet, die sechs Monate spĂ€ter stattfinden sollen? Oder umgekehrt: Jemand, der hofft, ohne Risiko und ohne großen Aufwand mit einer einfachen Abstimmung wirksam zum gesellschaftlichen Wandel beitragen zu können, und dann sein Brot, seine Freiheit, sein Leben in einer insurrektionellen Aktion riskieren will?

Eine Wahl muss getroffen werden; und natĂŒrlich wĂ€hlt die Mehrheit den Weg, der einfacher erscheint und der in allen FĂ€llen keine Gefahr darstellt; aber dann stellen sie fest, dass sie auf Sand gebaut haben, und wenn die Reaktion kommt, haben sie keine moralischen und materiellen KapazitĂ€ten, um zu widerstehen 
 und sie lassen sich schlagen und hungern.

Und wir haben ja gesehen, was passiert ist. Die Revolution wurde nicht gemacht, weil sie sie nicht machen wollten; stattdessen gab es Wahlen [
].

Die Insurrektion wird kommen, sie muss kommen; aber sie wird sicher nicht von den Parlamentariern ausgehen
 sie wird sich gegen sie richten.

Die Arbeiter mĂŒssen sich darauf vorbereiten, und dazu mĂŒssen sie sich von einer trĂŒgerischen Hoffnung auf die heutige oder kĂŒnftige Regierung, auf die Abgeordneten und diejenigen, die es werden wollen, verabschieden.

UmanitĂ  Nova, n. 140, 18. Juni 1922





Quelle: Panopticon.blackblogs.org