Juni 15, 2021
Von Paradox-A
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Lesedauer: 3 Minuten

Die 3. Ausgabe der espero ist erschienen und hier kostenlos herunterladbar:

https://www.edition-espero.de/archiv/espero_NF_003_2021-07.pdf

Ich begrĂŒĂŸe es, dass diese Zeitschrift wiederbelebt wurde und es ist durchaus nicht meine Absicht, Zwietracht unter potenziellen Genoss*innen zu sĂ€hen. Was mit ihr jedoch erscheint und entsteht, löst bei mir starke Irritation aus. Und diese gilt es auch zu benennen:

ZunĂ€chst ist es fast schon eine Leistung, unter 12 Autoren von keiner einzigen Frau zu lesen. Wie auch in der vorherigen Ausgabe. Und nein, dass ist keine Lapalie, sondern drĂŒckt ein strukturelles Problem dieser anarchistischen ZusammenhĂ€nge aus. Hierbei geht es nicht allein oder vorrangig um „ReprĂ€sentation“, die ErfĂŒllung irgendwelcher Quoten oder ein vermeintlich wokes Anpassen an den Zeitgeist. Wenn die MĂ€nners meinen, sie hĂ€tten ja schon frĂŒher in diesen BĂŒnden geklĂŒngelt, dann war es eben auch schon frĂŒher ein Problem. Die Frage ist, ob die Herausgeber den Anspruch verfolgen, irgendeine Relevanz zu erlangen. Oder, ob das Projekt nicht doch wieder nur Hobby bleiben soll – Was legitim ist, aber meiner Ansicht nach wenig mit Anarchismus zu tun hat.

Inhaltlich sieht es Ă€hnlich aus. Keineswegs wĂŒrde ich den Autoren vorwerfen, dass ihr Themen einfach langweilig sind. Immerhin folgt die Vorstellung, alles mĂŒsste „spannend“ oder „aktuell“ sein einem beschleunigten Zeitgeist der seinerseits zu kritisieren ist. Als Gegenpol lob ich mir jene, die nicht nach Aufmerksamkeit ringen und im Stillen zum Beispiel ihren historischen Studien nachgehen. Und dennoch fehlt die RĂŒckbindung an zeitgenössische politische Themen. Dass heute ein Schiff den Namen von Louise Michel erhĂ€lt, schafft diese Verbindung noch nicht. – Wenn sich die Autoren selbst als Anarchisten verstehen, wĂ€re es angemessen, dass sie derartige BezĂŒge aktiv herstellen. Damit soll nicht gesagt werden, dass ihre Themen nicht auch Gehalt haben und fĂŒr sich genommen gut sind. Es geht mir um die VerknĂŒpfungen und Verbindungen zu dem, was Anarchismus ist: Keine schöngeistige, angestaubte Gedankenspielerei, kein schwarz-roter Gartenzwerg, mit dem man sich vorm Chaos dieser Welt beruhigen kann, sondern eine eigenwillige Strömung innerhalb einer kĂ€mpfenden emanzipatorischen sozialen Bewegung.

Drittens ist zu kritisieren, dass Ewgeniy Kasakow Raum in einer anarchistischen Zeitschrift gegeben wird. Nicht vorrangig hinsichtlich seiner inhaltlichen Argumentation, sondern aufgrund seines VerhĂ€ltnisses zur anarchistischen Szene. Dass Kasakow seit Jahren fast aggressiv versucht, in jeder anarchistisch angehauchten Publikation seine BeitrĂ€ge zu publizieren hat seine GrĂŒnde. Er verfolgt das Projekt einer Revidierung anarchistischer Geschichtsschreibung und Bezugspunkte. Er agiert als Infiltrator und praktiziert die „trotzkistische“ Praktik des Einsickerns um langfristig seine Vorstellungen zu verbreiten. Dabei mag auch der eine oder andere historische Fakt neu entdeckt werden und zur Diskussion anregen. Es braucht selbstverstĂ€ndlich auch immer wieder kritische Infragestellungen anarchistischer Dogmen und romantisierter Sehnsuchtsorte. Wer die grundsĂ€tzliche Einstellung Kasakows kennt, sollte von dieser Person jedoch Abstand nehmen – vor allem als Anarchist. Mit etwas Kenntnis betrachtet, neigt Kasakow nĂ€mlich zur manipulativen Verdrehung und zur systematischen Verzerrung von Fakten.

Der einzige Beitrag in der aktuellen espero, der fĂŒr libertĂ€re soziale Bewegungen einen praktischen Wert hat, ist jener von Gabriel Kuhn. Und es handelt sich – wie gewohnt – um einen guten Text. Selbstkritisch hinterfragt Kuhn, was aus dem „anarchistischen 21. Jahrhundert“ geworden sei, dass zu Beginn desselben von Andrej Grubačić und David Graeber in einem Aufsatz von 2004 proklamiert worden ist. Dass viele linke Bewegungen mittlerweile hinsichtlich ihrer Diskussionen, Praktiken und SelbstverstĂ€ndnisse als anarchistisch interpretieren lassen, fĂŒllt fĂŒr Kuhn nicht die Leerstelle aus. Sie besteht darin, dass die vorhandene anarchistische Szene selbst offenkundig kein relevanter sozial-revolutionĂ€rer Faktor ist. Dies – so könnte man argumentieren – kann sie nur dann werden , wenn sie einen nĂŒchternen Blick darauf wirft, wo sie eigentlich steht, was sie tatsĂ€chlich ist. In diesem Licht wird allerdings deutlich, dass Anarchist*innen immer wieder Einfluss auf strategische und ethische Debatten, die Entwicklung widerstĂ€ndiger und selbstbestimmter Praktiken, wie auch auf das PrĂ€gen von Stilen hatten und haben können. Die anderen Autoren der espero können sich vom politischen Bewusstsein von Kuhn eingies abschauen, wenn dieser schreibt:

Selbstidentifizierte Anarchist*innen und anarchistische Organisationensind wichtig. Anarchistische Ideen mĂŒssen bewahrt, gefördert und gestĂ€rktwerden. RevolutionĂ€re Bewegungen und Gesellschaften jenseits von Staatund Kapital werden davon profitieren.Anarchist*innen werden mit grĂ¶ĂŸter Wahrscheinlichkeit in der nahenZukunft keine Revolution anfĂŒhren – und sie werden das wohl niemals tun,wenn wir das Paradox bedenken, das diese Vorstellung impliziert. Aber alsverlĂ€ssliche und engagierte GefĂ€hrten anderer progressiver RevolutionĂ€rekönnen sie eine entscheidende Rolle spielen. Das 21. Jahrhundert lĂ€sst unsnoch 80 Jahre. Viel Zeit, um eine bessere Gesellschaft zu formen. Ob sie nunanarchistisch ist oder nicht.

S. 257




Quelle: Paradox-a.de