August 21, 2022
Von Anarchosyndikalismus
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Ein Diskussionsbeitrag

In der Internationalen Arbeiter*innen-Assoziation (IAA) wurde zu einer Diskussionsgruppe über die Frage der anarchosyndikalistischen Herangehensweise an das Problem des Klimawandels eingeladen. Hiermit möchte ich den Stand meiner persönlichen Überlegungen beitragen, die jedoch durch den Austausch, die Debatten und die Erfahrungen von gemeinsamen Kämpfen mit den Genossen*innen der CNT-IAA in Frankreich entstanden sind.

Seit über 30 Jahren haben wir, wie viele Sektionen der IAA, an ökologischen Kämpfen im Zusammenhang mit der bevorstehenden Klimakrise teilgenommen. Unsere Beteiligung an diesen Kämpfen hatte immer einen zweiseitigen Ansatz: Einerseits das Umweltproblem in seinem weltweiten Zusammenhang (Kapitalismus, Staat) anzugehen, aber andererseits auch eine alternative, mehr gleichberechtigte Organisationspraxis durch Vollversammlungen anzustreben…

Wir haben bei vielen Bewegungen (gegen Atomkraft und petrochemische Fabriken usw.) mitgemacht, in verschiedenen „ZAD“ (Verteidigungszonen: Besetzungen von Naturräumen gegen Baustellen, z.B. in Vingrau, Somport, Sivens,…). Zuletzt haben wir den Kampf gegen einen lokalen Staudamm unterstützt, der anscheindend dem Kampf der serbischen Genoss*innen der ASI [Anarcho-Syndikalistische Initiative] gegen dortige Mini-Wasserkraftwerke gleicht.

Um die Frage nach anarchosyndikalistischen Maßnahmen gegen die Klimakrise zu beantworten, scheint es mir zunächst notwendig, ein besseres Verständnis für die Krise zu entwickeln, woher sie kommt, welche Ursachen und Folgen sie hat. Eine der Aktivitäten, an denen wir uns beteiligt haben, war der Beginn einer Debatte zwischen unseren Mitgliedern und Freund*innen über diese Krise und ihre Bedeutung. Dabei haben wir uns über moderne Technologien und die Wissenschaft ausgetauscht. In der Öffentlichkeit herrscht die Meinung vor, dass zur Lösung der Klimakrise die Wissenschaft und moderne Technologie vollständig genutzt werden müssten. Dies könnte aber zu einer Diktatur von Expert*innen und Techniker*innen führen. Im Gegensatz dazu gibt es Leute, die „Industriegegner*innen“ [dt.: Primitivist*innen] genannt werden, die der Meinung sind, dass die gesamte Zivilisation zerstört werden müsse.

Nach aktuellem Stand unserer kollektiven Reflexion stehen wir zwischen diesen beiden Polen und sprechen uns für einen begrenzten und gemäßigten Einsatz von Technologien aus. Die lokalen Versammlungen sollten entscheiden, was ihre Bedürfnisse sind und wie sie produzieren möchten. Das bedeutet, selbst zu bestimmen, welche Technologie annehmbar oder nicht akzeptabel ist. Diese technologische Frage hat auch Auswirkungen auf die Arbeit und deren Organisation (Automatisierung, Künstliche Intelligenz, Uberisierung). Daher sollten wir uns als Anarchosydikalist*inneen darüber austauschen und versuchen, die Meinung der anderen IAA-Sektionen zu erfahren.

Wie wir jedoch konkret gegen die Klimakrise vorgehen können, dazu gibt es meiner Meinung nach zwei Ebenen: Auf globaler Ebene sehen wir keinen anderen Ausweg als die Revolution, also die Zerstörung des Kapitalismus und stattdessen der Aufbau eines selbstorganisierten Netzwerks von Föderationen. Aber es ist definitiv ein langfristiges Ziel….

In Frankreich gab es bereits zahlreiche Kundgebungen und Demos, um vor der Klimakrise zu warnen und die Regierung zu bitten, auf Grundlage wissenschaftlicher Berichte zu handeln. Diese Demonstrationen wurden oft organisiert von Gruppen wie „Extinction Rebellion“, um eine der medienwirksamsten zu nennen. Wir sind jedoch ziemlich misstrauisch gegenüber dieser Gruppe, ihren Methoden und ihren Formulierungen. Sie stören sich nicht grundsätzlich am Kapitalismus, sondern kritisieren eher den Neoliberalismus. Und sie bitten die Regierung zu handeln, während wir die Regierung abschaffen wollen. Nach unserem Verständnis handelt es sich bei deren Forderung nach einer wissenschaftlichen Lösung meist um einen Ruf nach „grünem Kapitalismus“.

Beispielsweise arbeitet eines unserer Mitglieder für ein Unternehmen, dessen Tochtergesellschaft „veganes Fleisch“ (aus Zellkulturen) entwickelt. Dieses Unternehmen unterstützt heimlich die vegetarische Bewegung, da diese dem Unternehmen dabei hilft, einen Markt für sein zukünftiges Produkt zu schaffen und zu erweitern. Auch die gesamte aktuelle Wissenschaftsdebatte über „Präzisionslandwirtschaft zur Bewältigung der Klimakrise“ wird in der Tat offiziell von allen großen Unternehmen und multinationalen Lebensmittelunternehmen unterstützt…

Zudem bedeutet die Forderung, alle Entscheidungen den wissenschaftlichen und technischen Expert*innen zu überlassen, sie der Bevölkerung abzunehmen und in die Hände von Expert*innen und Großunternehmen zu legen…

Das bedeutet nicht, dass wir nicht auf die Wissenschaft oder auf Wissenschaftler*innen hören sollten. Aber Wissenschaft ist nicht neutral, denn sie steht immer im Dienst einer bestimmten Politik. Daher steht die Politik – oder wenn man so will, die Ideologie – immer an erster Stelle. Die Wissenschaft kann jedoch den lokalen Vollversammlungen, welche die Entscheidungen treffen sollten, ihre Möglichkeiten zur Bewertung bereitstellen, aber nicht der Regierung oder dem Staat.

Im Moment haben wir uns dagegen entschieden, an diesen Klimademos teilzunehmen, da wir mit anderen Themen beschäftigt sind, wie der Bewegung der Gelben Westen. Interessant ist jedoch, dass diese selbst die Verbindung zur Klimakrise hergestellt hat: Die Gelbwesten-Bewegung wurde durch die Frage der Kraftstoffsteuer ausgelöst. Denn Menschen, die Schwierigkeiten haben, bis zum Ende des Monats mit ihrem niedrigen Gehalt zu überleben, wollten, dass der Kraftstoffpreis sinkt.

Die Regierung, die konservativen Politiker*innen, aber auch die Umweltschützer*innen (Grüne Partei / EELV) schimpften auf die Gelben Westen und warfen ihnen vor egoistisch zu sein, weil sie nicht an die Umwelt denken würden. Und dass sie nur das Recht einfordern würden, mit ihren Autos die Natur noch weiter zu verschmutzen, usw. Die Reaktion der Gelben Westen war sehr interessant, denn diese Frage wurde in vielen lokalen Versammlungen (den besetzten Verkehrskreiseln) diskutiert.

Aus diesen Debatten ist dann eine gemeinsam formulierte Antwort entstanden, ohne dass diese durch Koordination erwzungen wurde. Diese Antwort wurde diskutiert und schließlich von den meisten Versammlungen angenommen und damit zum gemeinsamen Ausdruck der Bewegung: Wenn die Gelben Westen mit ihrem Auto fahren, um zur Arbeit, zur Schule oder zum Supermarkt zu gelangen, dann tun sie dies nicht durch freie Entscheidung, sondern weil die Organisation der Gesellschaft sie dazu zwingt. Sie würden es vorziehen, in reichen bürgerlichen Gegenden zu leben, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren oder zu Hause zu bleiben, um mit ihrem Computer zu arbeiten, und sie würden auch gerne Bio-Produkte kaufen und essen…

Aber sie haben aufgrund der Arbeitsteilung und des Klassensystems keine Wahl. Außerdem stellten die Gelben Westen fest, dass beide Probleme (wie man bis zum Ende des Monats überlebt, wie man bis zum Ende der Welt überlebt) miteinander verbunden sind. Die sozialen Probleme und die ökologischen Probleme bedingen einander und daher müssen wir unsere Gesellschaft als Ganzes verändern.

In diesem Zusammenhang ist interessant, dass der Aufstand von 2019 in Ecuador aus ähnlichen Gründen stattgefunden hat und ebenfalls solche Schlussfolgerungen gezogen hat. Nach Angaben der equadorianischen anarchistischen Genoss*innen, mit denen wir uns ausgetauscht haben, hatte ebenfalls die Frage der Kraftstoffpreise die Proteste entzündet. Umweltschützer*innen (in den Städten) beschuldigten auch dort die Aufständischen, dass sie bloß ihr Recht einfordern würden, Mutter Natur weiter zu zerstören…

Und die lokalen Versammlungen – sowohl städtische, wie auch indigene – haben geantwortet, dass sie im Gegenteil bloß die Möglichkeit haben wollen, in einer erhaltenen Umwelt in Würde zu leben. Und dass die Organisation der Wirtschaft sowohl ihr Leben, wie auch ihre natürliche Umwelt zerstöre.

Während der Gelbwesten-Bewegung (ähnlich wie in Ecuador) entstand ein Solidaritätsnetzwerk, um sich gegenseitig mit Nahrung zu versorgen, Waren und Dienstleistungen zu teilen. Sehr oft haben die Menschen die Klimafrage berücksichtigt (beispielsweise Fahrgemeinschaften, um die Verschmutzung zu verringern). Natürlich fand dies nur in kleinem Maßstab und zeitlich begrent statt, aber es zeigt, dass die Menschen das Problem vollkommen verstehen können und danach handeln. Sie brauchen keine Expert*innen, um ihnen zu sagen, was zu tun ist oder was nicht. Wir sind überzeugt, dass dieses Beispiel zeigt, dass die anarchosyndikalistische Methode der Vollversammlungen für die Entstehung von kollektivem Bewusstsein und Handeln durchaus gültig ist.

Ein weiteres Problem, das wir bei Gruppen wie „Extinction Rebellion“ sehen, aber auch bei einigen angeblichen Aufständischen (wie der Gruppe „Tiqqun / „Der kommende Aufstand“), die bei diesen Klimademos oder in den ZAD sehr präsent sind, ist die Verwirrung, welche sie mit dem Begriff „direkte Aktion“ verursachen. Sie verwechseln die tatsächliche direkte Aktion (ein Handeln ohne Vertreter*innen, nur durch die Beteiligten) mit einer „spektakulären Aktion“ (entweder gewalttätig oder medial). Tatsächlich streben beide Gruppen an, die Führung der Klimabewegung zu übernehmen und sich als Medienvertreter*innen darzustellen. Das sind bloß zwei Seiten der gleichen Medallie und in Vergangenheit sind wir bei einigen Kämpfen mit ihnen aneinander geraten.

SCHLUSSFOLGERUNG:

Ich bin überzeugt, dass wir Anarchosyndikalist*innen in den Sektionen der IAA eine Rolle spielen könnten, indem sie ein Netzwerk für den Austausch von Informationen, Analysen und theoretischen Meinungen bieten, aber auch durch lokale Kämpfe, an denen wir teilnehmen. Die Mitgliedsorganisationen sollten nach Möglichkeit ermutigt werden, ihre Dokumente weiterhin zu übersetzen und direkt mit den anderen Sektionen zu teilen (nicht nur bei diesem Thema). Dieser Austausch könnte zur Klimafrage, sowie zu anderen Debatten, vielleicht Anregungen und Koordinierungen zwischen den Sektionen entstehen lassen.

Ein Genosse der CNT-IAA (Frankreich)

Quelle: Anarchosyndicalisme, No. 176 (CNT-AIT Toulouse, Mars-Avril 2022),
https://cntaittoulouse.lautre.net/spip.php?article1217

Übersetzung [und Anmerkungen]: ASN Köln (https://asnkoeln.wordpress.com)




Quelle: Anarchosyndikalismus.blackblogs.org