April 21, 2021
Von FAU Duesseldorf
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Bis Ende 1919 organisierten sich 5000 Metallarbeiter in der „Freien Vereinigung“ die sich nun „Freie Arbeiter-Union Deutschlands (Anarcho-Syndikalisten)“, kurz FAUD, nannte. Die MĂŒlheimer Lederarbeiter gehörten fast vollstĂ€ndig der FAUD an; Bauarbeiter, Bergarbeiter und auch die Verkehrsarbeiter traten in hoher Zahl der anarchistischen Gewerkschaft bei. Die MĂŒlheimer Polizeiverwaltung meldete am 30. April 1921 der Meldestelle der Regierung DĂŒsseldorf: „Die Freie Arbeiter-Union (Syndikalisten) zĂ€hlt in hiesigem Bezirk etwa 8000 Mitglieder.“ Auch andere anarchistische Gruppierungen erhielten regen Zulauf. Der „Anarchistische Freibund“ hatte hier mehrere hundert Mitglieder, anarchistische Jugend- und Frauengruppen bildeten sich und Kulturorganisationen wie die „Freien SĂ€nger“, die relativ eng mit der FAUD zusammenarbeiteten, gewannen an Einfluß.


Um die AnfĂ€nge der anarchistischen Bewegung in MĂŒlheim-Styrum zu verstehen, ist es notwendig, die Auswirkungen des „Sozialistengesetzes“ auf die Arbeiterbewegung zu umreißen. Das „Gesetz gegen die gemeingefĂ€hrlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ wurde am 19. Oktober 1878 im Reichstag verabschiedet, um eine Handhabe zur Zerschlagung der anwachsenden Organisationen der Arbeiterbewegung zu haben. Was folgte war eine lang anhaltende Repressionswelle. Verhaftungen und Hausdurchsuchungen waren an der Tagesordnung, viele wurden zur Auswanderung gezwungen. 1500 Personen wurden zu rund 1000 Jahren GefĂ€ngnis verurteilt, 1300 Druckschriften verboten und 322 Organisationen aufgelöst.

Das Gesetz sollte ĂŒber zwölf Jahre, bis zum 1. Oktober 1890, Bestand haben. Es hatte Auswirkungen fĂŒr die Entwicklung der Sozialdemokratie: Die FĂŒhrungsorgane der Partei, besonders die Reichstagsfraktion, zeigten in den achtziger Jahren die Tendenz, keine weiteren AnlĂ€sse zu Repressionsmaßnahmen zu geben und gewissermaßen mit dem Sozialistengesetz zu leben. Da ja der Staat mit Hilfe des Reichstags sein Ja und Amen zu dem Ausnahmegesetz gegeben hatte, wurde dieses Gesetz jedoch von vielen Parteimitgliedern als staatliche Kampfansage empfunden und fĂŒhrte in der Folge zu einer grundsĂ€tzlichen Ablehnung des Staates. Dies fĂŒhrte natĂŒrlich zu Spannungen zwischen aktionsorientierten, temperamentvollen Sozialdemokraten und dem LegalitĂ€tskurs der Parteispitze. Infolge des Sozialistengesetzes fiel ausgerechnet der Reichstagsfraktion als dem einzig legal handlungsfĂ€higen Rest der Parteiorganisation die Funktion der ParteifĂŒhrung zu, was diese Spannungen noch verstĂ€rkte. Der SozialrevolutionĂ€ren Stimmung weiter Teile der Parteibasis fehlte jedoch noch eine organisatorische und geistige Grundlage; ihre TrĂ€ger waren durchaus noch innerlich autoritĂ€re Sozialisten, die sich zwar durch das Sozialistengesetz radikalisiert hatten, aber mangels weiterer Perspektiven ĂŒber eine Ablehnung der bisherigen friedlichen Taktik der Sozialdemokratie nicht hinauskamen.

Der ParteifĂŒhrung gelang es, die Opposition zu isolieren und schließlich auch ihren WortfĂŒhrer Johann Most im August 1880 aus der Partei auszuschließen. Johann Most, der schon 1878 aus Deutschland fliehen mußte, gab von London aus die „Freiheit“ heraus, eine Zeitung, die sich bis zu seinem Parteiausschluß in sozialdemokratischen Bahnen bewegte und spĂ€ter zu einem Sprachrohr der deutschen Anarchisten wurde. Er prĂ€gte den sogenannten „Aktions-Anarchismus“ unter dem Schlagwort der „Propaganda der Tat“. Mosts VerstĂ€ndnis vom Anarchismus kommt in seiner BroschĂŒre „Der Kommunistische Anarchismus“ von 1889 zum Ausdruck: „Die Anarchisten sind SOZIALISTEN, indem sie eine Gesellschaftsverbesserung erstreben; sie sind KOMMUNISTEN, indem sie ĂŒberzeugt sind, daß eine solche Umgestaltung nur in der Etablierung allgemeiner GĂŒtergemeinschaft gipfeln kann.“

Nach Most begnĂŒgen die Anarchisten sich nicht damit – sie streben zudem noch einen sozialen Zustand an, „bei welchem keinerlei Beherrschung der einen Menschen durch die anderen mehr stattfindet, so daß also von einem Staat, einer Regierung, von Gesetzen oder anderen Zwangsmitteln keine Rede mehr ist und wirkliche Freiheit fĂŒr alle waltet.“ Diese Ablehnung von Herrschaft liegt aber nicht zwangslĂ€ufig in der Natur des Sozialismus oder Kommunismus. In Abgrenzung zu allen autoritĂ€r-marxistischen Bestrebungen entstanden die Begriffe des „Kommunistischen Anarchismus“ bzw. des „freiheitlichen Sozialismus“. Nach der Aussetzung des Sozialistengesetzes am 1. Oktober 1890 gelang es wiederum den „Legalisten“ innerhalb der Sozialdemokratie, die Opposition kaltzustellen und auf dem Erfurter Kongreß im Oktober 1891 ihre Sprecher aus der Partei zu verstoßen. Von dieser Gruppe wurde sogleich ein „Verein unabhĂ€ngiger Sozialisten“ gebildet, der sich immer offener dem Anarchismus zuwandte.

Die Anarchisten hatten schon wĂ€hrend des Sozialistengesetzes versucht, in Deutschland Fuß zu fassen und unzufriedene Sozialdemokraten zu organisieren, was ihnen zumindest im Ruhrgebiet erst nach dem Sozialistengesetz gelang. Von großer Bedeutung hierbei war ihre Presse, die im Ausland von Exilgruppen herausgegeben und ins Deutsche Reich eingeschmuggelt werden mußte.

Entgegen der Sozialdemokratie, die legal und parlamentarisch geworden war und sich entsprechend ungehindert betĂ€tigen durfte (bereits Ende September 1890 verfĂŒgte sie ĂŒber 60 Zeitungen mit 250.000 Abonnenten), wurden anarchistische Propagandisten weiter verfolgt und ihre Publikationen konnten nach wie vor nur vom Ausland eingeschmuggelt werden. Schon ihre Verbreitung oder Verbindungen zu ihren Herausgeberkreisen fĂŒhrte in der Regel zu einer Verurteilung nach den noch heute gĂŒltigen §§ 128 und 129. So konzentrierte sich die TĂ€tigkeit anarchistischer Gruppen auch noch nach dem Sozialistengesetz auf die Verbreitung ihrer illegalen Presse. Mitte 1891, also ein Jahr nach dem Sozialistengesetz, wird die Polizei im BĂŒrgermeisteramt Styrum zum ersten Mal auf anarchistische AktivitĂ€ten aufmerksam. In der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober wurde ein Flugblatt, betitelt „Der 11. November“ in den Straßen und Hausfluren in einer Bergarbeitersiedlung in Altstaden verteilt. Das Flugblatt, dessen Inhalt auf der RĂŒckseite auch in tschechischer Sprache wiedergegeben wurde, schlug radikale Töne anlĂ€ĂŸlich des Jahrestages der Hinrichtung von fĂŒnf Anarchisten in Chicago an: „Ja, leider mĂŒssen wir uns gestehen, dass wir bisher als RevolutionĂ€re nicht unsere Pflicht gethan haben. Wie Viele sind schon fĂŒr unser Princip gefallen, und wo sind ihre RĂ€cher? Und wie Viele fallen tĂ€glich in ihren industriellen Berufszweigen dem Kapitalismus zum Opfer, wie Viele sterben den Hungertod? Tragen wir nicht Mitschuld an ihrem Untergang durch unsere UntĂ€tigkeit, durch unser mĂŒssiges Zusehen? Warum vergelten wir nicht Gleiches mit Gleichem? Warum hĂ€ngen wir nicht Diejenigen, welche auf unsere gerechten Forderungen damit antworten, dass sie den Tod in unsere Reihen senden, warum hĂ€ngen wir sie nicht verdientermassen an den LaternenpfĂ€hlen auf? 
 Ohne Opfer keinen Kampf, ohne Kampf keinen Sieg.“

Die Verbreiter dieser Flugschrift blieben trotz intensiver Recherchen der Styrumer Polizeiverwaltung und der Staatsanwaltschaft unerkannt. Der Flugzettel war in London bei der Zeitung „Die Autonomie“ hergestellt und ins Ruhrgebiet geschmuggelt worden.

Auf gefahrvollen Wegen wurde das Agitationsmaterial immer noch wie unter dem Sozialistengesetz ins Ruhrgebiet gebracht. Der Duisburger Buchbinder Sepp Oerter ĂŒbernahm fĂŒr die „Autonomie“ ab November 1892 den Schriftenschmuggel ĂŒber die hollĂ€ndische Grenze und nahm so den durch die Verhaftung seines VorgĂ€ngers unterbrochenen Vertrieb wieder auf. In seinen Lebenserinnerungen stellt er anschaulich seine TĂ€tigkeit als Schriftenschmuggler dar: „Duisburg wurde nun mein Hauptquartier. Ich erhielt von London aus die nötigen Versandadressen
. So oft ich konnte, fuhr ich ĂŒber Emmerich oder Cleve oder Salzbergen nach Arnheim, um die Zeitungen ĂŒber die Grenze zu bringen. Jetzt packte ich mir die Schriften nicht mehr auf den Körper, denn ich wollte nicht noch einmal durch meine Mißgestalt auffallen. In einer Anzahl von HeftumschlĂ€gen, Buchdeckeln und dergleichen verpackte ich in Arnheim die Zeitungen und BroschĂŒren. .. .War der eine Koffer mit meiner Bibliothek vollgepackt, dann kamen noch zwischen die WĂ€sche des anderen und in alle Taschen weitere Schriften. Es war immer ein ganz unglaubliches Quantum, welches auf diese Weise ĂŒber die Grenze gebracht wurde
 In den Zollstationen hatte ich keine Ungelegenheiten. Ich zeigte meine Koffer, war den Beamten behilflich, wo ich nur konnte und kam immer gut durch
. In Duisburg angelangt, wurden die Schriften dann verpackt und versandt, oder ich brachte einen Teil zu KĂŒhl und Grasser, welche sie weitervertrieben.“

Nun erschienen in den anarchistischen Zeitungen auch immer hĂ€ufiger Berichte und Meldungen aus dem Ruhrgebiet. Der in London hergestellte „Lumpenproletarier – Organ der UnterdrĂŒckten“ schrieb in seiner ersten Ausgabe im April 1893: „Das oben bezeichnete Kohlenrevier ist ein Platz, dessen Beackerung sich seitens der revolutionĂ€ren Elemente noch verlohnt. Sind sich die Bergarbeiter erst mal ihrer Macht bewußt, dann – ade! mit deiner Herrlichkeit, du deutsches Michelland.“

Im großen Bergarbeiterstreik 1889, aber auch in den kleineren AusstĂ€nden 1891 und 1892, waren unmittelbar von den Belegschaften Streikdelegierte gewĂ€hlt worden, welche radikaler als die Knappenvereine aber auch als der nach dem Streik gegrĂŒndete Bergarbeiterverband, auftraten. Diese kampfbetonte Ausrichtung der Zechendelegierten prĂ€gte den Bergarbeiterverband schon in seinen AnfĂ€ngen deutlich und ermöglichte radikalen Sozialdemokraten, aber auch den Anarchisten, grĂ¶ĂŸtmögliche Einflußnahme. Der VerbandsfĂŒhrer Otto Hue schilderte 1900 in seinem Werk „Neutrale oder parteiische Gewerkschaften“ die Situation des Bergarbeiterverbandes um 1892 so: „Um jene Zeit war der Verband, bzw. sein Blatt schon nicht sozialistisch, sondern nĂ€herte sich stark dem Anarchismus. Die Sache wurde nicht mehr von der Person getrennt, sondern fĂŒr alles waren die ‚Grubenprotzen‘ und ‚GeldsĂ€cke‘ verantwortlich. Gar nicht verwunderlich ist, daß nun sogar Diejenigen, welche ehedem als Ultramontane oder Parteilose zum Verband kamen, nicht nur zur Sozialdemokratie abschwenkten, sondern auch am stĂ€rksten den anarchistischen Ideen zuneigten. Bekannt ist ja, daß Josef Jeup-Gelsenkirchen, der Drucker der Verbandszeitung, dem Anarchismus huldigte und ich weiß aus persönlicher Erfahrung, daß er es verstand, eine Anzahl unklarer Köpfe, die erhitzt waren aus Wuth ĂŒber die schmĂ€hliche Verfolgung des Verbandes, fĂŒr seine Phantastereien einzunehmen. Garnicht merkwĂŒrdig ist, daß die tatsĂ€chlich der Sozialdemokratie angehörenden FĂŒhrer das mĂ€ĂŸigende Element bildeten.“

Diese abfĂ€lligen Bemerkungen Hues trafen im Kern die damalige Situation: Die FĂŒhrer der SPD versuchten die Bewegungen zu bremsen, sie in legale parlamentarische Bahnen zu lenken und den Einfluß der Radikalen mit allen Mitteln zu brechen. Trotzdem gewannen anarchistische Ideen unter den Bergarbeitern zunehmend an Einfluß.

Der erste Staatsanwalt beim Königlichen Landgericht in Duisburg verfaßte am4. Mai 1893 eine „Darstellung anarchistischer Umtriebe im Ruhrkohlengebiete“, in der es heißt: „Im FrĂŒhjahr des vorigen Jahres kam jedoch die Polizeibehörde des Styrum benachbarten Orts Oberhausen einer Vereinigung auf die Spur, deren grĂ¶ĂŸtenteils dem Bergmannstande angehörige Mitglieder sich zu der extremsten Richtung der Sozialdemokratie bekannten, und welche die Absicht hatten, in einem so genannten Volksvereine, der in Styrum seinen Sitz haben sollte, einen Mittelpunkt fĂŒr ihre Agitation zu gewinnen. – Haussuchungen, die im Mai v.Js. bei den VerdĂ€chtigen vorgenommen wurden, ergaben, daß dieselben sich im Besitz verschiedener im Verlage der ‚Autonomie‘ erschienener BlĂ€tter befanden.“ Am 28. Mai 1892 meldete die „Autonomie“: „In Oberhausen nahe Essen haben bei mehreren Genossen Haussuchungen stattgefunden, nachdem die Polizei einen nach hier adressierten Brief gestohlen. Zwei Genossen wurden verhaftet, jedoch wieder in Freiheit gesetzt.“

Einer der Verhafteten war der Bergarbeiter Leichsenring, der den am 10. April 1892 aus der MĂŒlheimer Sozialdemokratischen Partei ausgeschlossenen Arbeiter Julius Leonhardt unangemeldet etwa zwei Monate bei sich beherbergt hatte. Leichsenring war Kolporteur sozialdemokratischer Schriften und noch im Januar auf dem sozialdemokratischen Parteitag in Koblenz Delegierter fĂŒr Oberhausen und Styrum gewesen. Die Partei erklĂ€rte in der Niederrheinischen VolkstribĂŒne am 19.Mai 1892, nachdem die bĂŒrgerlichen BlĂ€tter Leichsenring in Verbindung zu den Anarchisten gebracht hatte, daß „nichts von alledem wahr ist“. Schon in der vorhergehenden Ausgabe hatte sie verlauten lassen, „daß hier in Oberhausen anarchistische Schriften unbekannte Dinge sind“.

Zusammen mit Julius Leonhardt hatte Leichsenring, wie aus dem von der Polizei beschlagnahmten Brief hervorging, die Genossen der „Autonomie“ um Zusendung des Blattes und anderer anarchistischer Publikationen „fĂŒr unsere gerechte Sache“ ersucht. Die Schriften sollten an den Oberhausener Fabrikarbeiter Adam Schwab gehen, der in dem in der GrĂŒndung begriffenen Volksverein die Bibliothek betreuen sollte. Welch große Bedeutung die Styrumer Polizei dieser Entdeckung anarchistischer AktivitĂ€ten beimaß, geht noch einmal aus der Darstellung des ersten Staatsanwaltes hervor: „Verkohltes Druckpapier, das sich auf seinem Kochherd vorfand, ist mit HĂŒlfe des Berliner Polizei-PrĂ€sidiums als Rest zweier Nummern der ‚Autonomie‘ festgestellt worden
. Die eifrigen BemĂŒhungen, die Verbreiter der revolutionĂ€ren Schriften zu entdecken, blieben vergeblich.“

Diese waren aller Wahrscheinlichkeit nach in dem Kreis um den Schreinergesellen Leonhard Bach und dem Bergarbeiter Blasius Grasser zu finden. Schon seit April 1892 bezog Grasser anarchistische Zeitungen aus London und gab sie vornehmlich an Styrumer Bergleute weiter.

Auf Leonhard Bach wurde die Styrumer Polizei Mitte September 1892 aufmerksam, da er sich offen zum Anarchismus bekannte. Er galt als „Mann der Tat“, als Vertreter des Mostschen Aktions-Anarchismus. Ein von ihm nach London abgesandter und als unzustellbar zurĂŒckgekommener Brief fiel der Polizei in die HĂ€nde. Ein Auszug des Briefes gibt die Romantik und Abenteuerlust, aber auch den ungebĂ€ndigten Hass wieder, der bei vielen anarchistischen Akteuren dieser Zeit tonangebend war: Er spricht darin von beabsichtigten DynamitdiebstĂ€hlen, Attentaten, Deckadressen, dem Zusammenhalten der Genossen, dem Anfertigen falschen Geldes und dem Schwur jeden VerrĂ€ter zu töten. Der Brief endete: „Tod und Verderben habe ich der Bande geschworen und werde auch nach vollbrachten Thaten freudigen Muths auf dem Schaffott oder beim Straßenkampf sterben. Es lebe die sociale Revolution. Hoch die Anarchie und dreimal Hoch unser baldigst gestohlenes Dynamit. MitrevolutionĂ€rem Gruß L. Bach“.

Bachs Arbeit beschrĂ€nkte sich in der Tat nicht nur auf die Agitation, die Verbreitung der „Autonomie“ und des „Anarchist“ – er bereitete sich auch auf eine bewaffnete Auseinandersetzung gegen den Staat und seine Organe vor. Den Styrumer Bergarbeiter Joseph Schmitz forderte er im Sommer 1892 auf, ihm von der Zeche Dynamit zu beschaffen. Bach verfĂŒgte auch ĂŒber Kontakte zu einer Gruppe belgischer militanter Anarchisten um Peter Schiebach, mit denen er in LĂŒttich in der Nacht vom 28. auf den 29. April 1894 einen Anschlag auf die Kirche St. Jacques verĂŒbte. Nach einer bei ihm abgehaltenen Hausdurchsuchung im September 1892 floh er nach London, von wo aus er seine Styrumer Genossen mit anarchistischen Schriften versorgte und ihnen fĂŒr ihre Arbeit kleine GeldbetrĂ€ge zukommen ließ.

Der Treffpunkt der Sozialisten in Styrum war zu dieser Zeit die geschlossene Gesellschaft „Germania“, das sogenannte Schnapskasino. Hier trafen sich zum Meinungs- und Informationsaustausch Sozialisten aller Richtungen: Sozialdemokraten, UnabhĂ€ngige und Anarchisten. Doch die Mehrheit der Mitglieder dieser Gesellschaft verhielt sich den Anarchisten gegenĂŒber ablehnend. Nach der Flucht von Leonhard Bach setzten nun die GemĂ€ĂŸigten durch, daß seine Gesinnungsfreunde aus der Gesellschaft ausgestoßen wurden. Von nun an trafen diese sich in der Wohnung des Bergmanns Friederich Vesper – im selben Haus, einige Stockwerke ĂŒber dem Gesellschaftslokal. Friederich Vesper gehörte zu den GrĂŒndungsmitgliedern der Zahlstelle des Bergarbeiterverbandes in Styrum. Der Verband zĂ€hlte im Dezember 1892 ĂŒber 23 Mitglieder. Er war auch Vertrauensmann des Verbandes, so daß anzunehmen ist, daß die Anarchisten unter den Bergarbeitern ĂŒber Sympathien verfĂŒgten. In guten Beziehungen standen die Styrumer Anarchisten zu gleichgesinnten Genossen in Oberhausen, Alstaden, Frintop und Borbeck, spĂ€ter auch durch die BemĂŒhungen Blasius Grassers zu einer sehr aktiven Gruppe von tschechischen Bergleuten in Gelsenkirchen. Durch den von Sepp Oerter wieder aufgenommenen Schriftenschmuggel Anfang November 1892 verstĂ€rkte sich die Zusammenarbeit dieser Gruppen und ihre agitatorischen AktivitĂ€ten. Rudolf Rocker erinnerte sich in seinen Memoiren: „Wir waren natĂŒrlich sehr zufrieden, als uns die verbotenen BlĂ€tter und BroschĂŒren wieder regelmĂ€ĂŸig zugingen und wir unsere unterirdische TĂ€tigkeit im grĂ¶ĂŸeren Umfange aufnehmen konnten. Das ging so einige Wochen, bis die ganze Herrlichkeit ein Ende mit Schrecken nahm.“

Im Dezember 1892 konnte die Polizei durch ein gezieltes Vorgehen der Bewegung in Styrum großen Schaden zufĂŒgen. Sepp Oerter berichtete: „Als wir – mein Bruder und ich – am Sonntag, den 11. Dezember 1892 zu KĂŒhl nach Styrum kamen, fanden wir dessen Frau, ein sonst sehr wackeres Weib, weinend vor. Sie erzĂ€hlte uns, daß im Laufe der Woche Haussuchungen stattgefunden hĂ€tten; ihr Mann hĂ€tte Winke bekommen, sich so bald wie möglich fortzubegeben.“

Zusammen mit den Bergarbeitern Friederich Vesper und Jacob KĂŒsters flĂŒchtete Julius KĂŒhl, der vor allem die Verbreitung der anarchistischen Presse in Styrum organisierte, am 8. Dezember nach London und von dort aus in die Vereinigten Staaten. Dort fanden sich bereitwillige Helfer. Von den Herausgebern der in New York erscheinenden Zeitung „Anarchist“ wurden, laut Ausgabe vom 21.1.1893, „fĂŒr drei gĂ€nzlich mittellos hier angekommene KohlengrĂ€ber zur Weiterreise nach ArbeitsplĂ€tzen ihres GeschĂ€ftes“ Subscriptionslisten ausgegeben.

Julius KĂŒhl konnte bereits am 23. Januar 1893 seiner Frau aus Vanderbilt in Pennsylvanien schreiben. Die Genossen in New York hatten fĂŒr ihn und seine beiden Begleiter 130 Mark gesammelt. Auch fĂŒr ihre zurĂŒckgebliebenen Frauen wurde von London aus gesammelt. Blasius Grasser und sein Freund Gerhard Lanius gaben ihnen das Geld und unterstĂŒtzten sie, soweit es ihnen möglich war.

Doch die Flucht der drei Genossen hinterließ in Styrum eine tiefe LĂŒcke. Durch den Verlust Friederich Vespers löste sich nun die Zahlstelle des Bergarbeiterverbandes in Styrum auf. Einige Mitglieder sollen den Zahlstellen in Alstaden und Oberhausen beigetreten sein. Das BĂŒrgermeisteramt Styrum konnte am 6. August 1893 dem Königlichen Landrat zu MĂŒlheim melden: „Versammlungen pp. haben seitdem in Styrum von Bergarbeitern in dieser Richtung nicht stattgefunden und ĂŒber anderweite Ernennung eines Vertrauensmannes ist polizeilich nichts bekannt geworden.“

Am 15. Dezember mußte der Fabrikarbeiter Johann Harzheim aus Styrum flĂŒchten. Auch er ging nach London und schloß sich dem dortigen Klub um die „Autonomie“ an, mit dem er bereits vor seiner Flucht in Verbindung gestanden hatte. Nur drei Tages spĂ€ter wurden die BrĂŒder Sepp und Fritz Oerter, die sich vorĂŒbergehend nach SĂŒddeutschland absetzen wollten, in Mainz auf einer Arbeitslosenversammlung wegen aufrĂŒhrerischer Reden verhaftet. Nun war die anarchistische Bewegung im Raum MĂŒlheim fast zerschlagen. Trotzdem gingen die unentdeckt gebliebenen Genossen schon kurze Zeit spĂ€ter wiederum in die Offensive.

Seit dem 29. Dezember 1892 befanden sich die Bergarbeiter im Saarrevier im Ausstand, um eine neue Berggesetznovelle zu verhindern. Sofort fanden auch im Ruhrgebiet Massenversammlungen statt, auf denen beschlossen wurde, die Kameraden im Saarrevier durch einen SolidaritĂ€tsstreik zu unterstĂŒtzen. Am 9. Januar 1893 wurde auf den ersten Zechen im Ruhrgebiet die Arbeit eingestellt. Doch der erwartete „Generalstreik“ blieb aus. Auf seinem Höhepunkt am 13. Januar waren nur 21.390 Bergleute von insgesamt etwa 145.000 in den Streik getreten.

Mit roher Gewalt gingen der Staat und die Bergwerksbesitzer gegen die Streikenden vor. Das MilitĂ€r wurde eingesetzt, hunderte Streikender in die GefĂ€ngnisse gefĂŒhrt, die Bergarbeiterzeitung wurde unterdrĂŒckt, fast sĂ€mtliche Vorstandsmitglieder und bekannte Gewerkschaftsdelegierte verhaftet, tausende gemaßregelt und etwa 800 Bergleute entlassen. Am 20. Januar war der Streik in sich zusammengebrochen. Als Anlaß fĂŒr dieses Vorgehen diente eine Serie von DynamitanschlĂ€gen, die von der bĂŒrgerlichen Presse sensationsgierig gegen die Streikenden ausgebaut wurde. Die Gelsenkirchener Emscher-Zeitung berichtete am 14. Januar 1893: „Aber die von den Agitatoren gerufenen Geister ließen sich auch zu teuflischen Thaten hinreißen: zwei Dynamit-Attentate vor hiesigen GasthĂ€usern wurden verĂŒbt und sollten die Einwohnerschaft in Furcht und Schrecken setzen. Da war die strengste Überwachung der Stadt geboten, die in wenigen Tagen mit einer großen Anzahl von Gendarmen besetzt wurde
 Tag und Nacht war Gendarmerie und Polizei auf dem Posten und der Umsicht und dem entschiedenen Eingreifen der Sicherheitsbeamten ist es zu danken, daß die Ruhe im ĂŒbrigen aufrechterhalten blieb.“

Von Dorsten, Gelsenkirchen, Schalke und Bochum meldete die Presse teils gelungene, teils vereitelte DynamitanschlĂ€ge vor GerichtsgebĂ€uden, Hotels, an Bahngleisen und auf Zechen. Einige Meldungen mußten richtig gestellt werden: „VollstĂ€ndig erfunden ist das GerĂŒcht – das ĂŒbereifrige Reporter schon in die Welt hinausgedrahtet haben -, daß gestern auf den Direktor der Zeche Hibernia, Herrn Raderhoff, geschossen worden sei.“ (Emscher-Zeitung, 11.1.1893) „Zu den Dynamitattentaten berichtet man auswĂ€rtigen BlĂ€ttern, es seien 100 Zentner dieses gefĂ€hrlichen Sprengstoffes entwendet worden. Das ist nun eine handgreifliche Übertreibung
“ (Emscher-Zeitung, 13.1.1893)

Die Bergarbeiterzeitung vermutete in ihrer Ausgabe am 4. Februar 1893, daß diese AnschlĂ€ge „bestellte Arbeit“ gewesen wĂ€ren, die von „verkommenen Subjekten, die fĂŒr Geld zu allem fĂ€hig sind“, ausgefĂŒhrt wurden. Ein Bergarbeiter, der tĂ€glich mit dem Sprengmaterial umgehe, hĂ€tte nicht „solche StĂŒmperarbeit verrichtet“. Vorteile aus diesen AnschlĂ€gen hĂ€tten nur die „Profitschinder“ gezogen, um „Maßnahmen zur UnterdrĂŒckung der ĂŒbermĂŒthigen Arbeiter zu erzwingen“.

Gleich nach dem Ausbruch des Streiks hatte Michael MĂŒller fĂŒr die anarchistische Gruppe in Borbeck die Redaktion der „Autonomie“ gebeten, einen Aufruf an die Bergarbeiter zu erstellen, um aktiv den weiteren Verlauf des Streiks zu beeinflussen. Erst in der zweiten HĂ€lfte des Januar wurde er in London verfaßt und gedruckt. Dieser Aufruf stellte, so die Rheinisch-WestfĂ€lische Arbeiter-Zeitung vom 23. Februar 1893, die „Durchschnittsliteratur der Anarchisten bedeutend in den Schatten“: „Auch jetzt wieder seid Ihr bereit, durch einen Generalstreik Euch bessere Lebensbedingungen zu erkĂ€mpfen, doch wenn es nur ein Streik bleibt, ist Euch nicht geholfen
. Ihr könnt Euch nur helfen, wenn ihr den Ertrag Eurer arbeit selbst einsteckt, und nicht schmarotzende Faulenzer damit fĂŒttert!! Ihr könnt aber nur den Ertrag Eurer Arbeit sichern, wenn Ihr Besitz von den Zechen ergreift und sie selbst verwaltet!! Freilich wird das nicht ohne Kampf abgehen
. Viele von Euch werden einwenden, dass das MilitĂ€r aber den Kapitalisten zu Bebote stande; dafĂŒr habt Ihr eben Dynamit! 
 Werft nur eine einzige gut geladene Dynamit-Bombe in eine Colonne aufmarschierender Soldaten, und sie werden fallen wie die reifen Birnen
. Die Anarchie ist die Zukunft eines friedlichen, freien Menschengeschlechtes, die Anarchie kennt kein Blutvergiessen, aber erst mĂŒssen Diejenigen hinweggerĂ€umt werden, die uns daran hindern, friedlich und glĂŒcklich zu sein, und das sind alle Kapitalisten, FĂŒrsten, Pfaffen und solche, welche die heutigen ZustĂ€nde beibehalten wollen. GlĂŒck auf!! Zum fröhlichen Kampf!!!“

Obwohl der Streik schon nach Fertigstellung des Flugblatts zusammengebrochen war, beschlossen die Anarchisten, den Aufruf trotzdem ĂŒber Holland in das Ruhrgebiet einzufĂŒhren. Ausschlaggebend fĂŒr diesen Entschluß war sicherlich ein im Februar unternommener Versuch, die Belegschaften zu einem neuen Kampf fĂŒr die Einstellung der Gemaßregelten zu bewegen. Anstelle von Sepp Oerter wurde nun Blasius Grasser von dem Sprecher der „Autonomie“, Joseph SchĂŒtz, aufgefordert, die Schriften aus Arnheim abzuholen. Am 29. Januar brachte Grasser eine große Menge FlugblĂ€tter und verschiedene Zeitungen ĂŒber die Grenze. Auf Veranlassung der Bocholter Genossen wurde ihm von Joseph SchĂŒtz der Kaufmann Heinrich SchĂŒrmann fĂŒr die Verbreitung der Aufrufe empfohlen. Als Grasser am 2. Februar ĂŒber 100 FlugblĂ€tter ĂŒbergab, wußte er noch nicht, daß SchĂŒrmann im Auftrag der Polizei handelte. Kurze Zeit spĂ€ter wurde Grasser verhaftet, als er von seiner Arbeitsstelle kam, der Zeche Oberhausen. Trotzdem konnten noch einige FlugblĂ€tter in Styrum und Duisburg verteilt werden. Durch die Verhaftung Grassers flog auch ein Teil der Gelsenkirchener Gruppe auf, dessen Adressen in seinem Hutfutter gefunden wurden.

Nun wurde der Schreiner Anton Schoenberger von den Londoner Anarchisten beauftragt, Schriften nach Deutschland einzufĂŒhren und fĂŒr deren Verbreitung zu sorgen. Schoenberger brachte daraufhin dem ihn in London empfohlenen Bergarbeiter Gerhard Lanius in Oberhausen nocheinmal etwa 150 Exemplare des Aufrufs. Als er am nĂ€chsten Tag den Polizeispitzel SchĂŒrmann aufsuchte, wurde er und wenig spĂ€ter auch Lanius festgenommen.

Damit war die Bewegung endgĂŒltig zerschlagen, das Resultat war niederschmetternd: Acht Genossen mußten ins Ausland fliehen: Aus Styrum der Schreiner Leonhard Bach, der Fabrikarbeiter und frĂŒhere Bergmann Johann Harzheim, die Bergleute Julius KĂŒhl, Friederich Vesper und Johann KĂŒsters; aus Bocholt die Bergleute Utter und Abelt und aus Oberhausen der Bergmann Egger.

Anton Schoenberger wurde zu achteinhalb Jahren Zuchthaus, Blasius Grasser zu fĂŒnfeinhalb Jahren Zuchthaus, Gerhard Lanius zu einem Jahr GefĂ€ngnis, Sepp Oerter zu acht Jahren Zuchthaus, sein Bruder Fritz zu einem Jahr GefĂ€ngnis und der aus Borbeck stammende Bergarbeiter Michael MĂŒller zu eineinhalb Jahren GefĂ€ngnis verurteilt. Johann Harzheim wurde nach seiner RĂŒckkehr im November 1895 nach Styrum zu einem Jahr GefĂ€ngnis verurteilt – er war wĂ€hrend seines Aufenthaltes in London durch Spitzel des Berliner Königlichen PolizeiprĂ€sidiums ĂŒberwacht worden. Leonhard Bach wurde 1895 von einem LĂŒtticher Gericht zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt und am 12. Februar 1901 in die Irrenanstalt Grafenberg ĂŒberfĂŒhrt. Auch gegen die Arnheimer Kontaktadresse wurde strafrechtlich vorgegangen. Am 15. MĂ€rz 1893 fand man dort neben einer großen Menge anarchistischer Schriften in deutscher Sprache noch etwa 7000 Exemplare des Aufrufs an die Bergarbeiter.

Am8.September 1894 konnte der Styrumer BĂŒrgermeister dem Landrat nach MĂŒlheim vollen Erfolg melden: „Auf Grund der fortgesetzten polizeilichen Beobachtungen und Nachforschungen glaube ich versichern zu können, daß der Anarchismus auch im geheimen hier keine Vertreter mehr besitzt, die zu Versammlungen zusammentrĂ€ten, FlugblĂ€tter herausgĂ€ben oder verbreiteten oder den anarchistischen Tendenzen sonst irgend welchen Vorschub leisteten.“

Die ersten Anarchisten in Styrum, Oberhausen und MĂŒlheim – waren es alles nur Phantasten, ausgeklinkte KleinbĂŒrger, realitĂ€tsfremde Spintisierer oder einfach nur verrĂŒckte Kriminelle, wie uns die bĂŒrgerlichen und sozialdemokratischen Medien weismachen wollen? Waren es ĂŒberhaupt „wirkliche“ Anarchisten? Über Sepp Oerter, der im „VorwĂ€rts“ am 1. November 1893 anlĂ€ĂŸlich seines Prozeßes als „HalbverrĂŒckter“, als ein „geistig behinderter Mensch“ charakterisiert wurde, schreibt Rudolf Rocker in seinen Memoiren: „Er verbĂŒĂŸte seine Strafe bis zum letzten Tage und beteiligte sich nach seiner Entlassung einige Jahre in unserer Bewegung als Redakteur des Freien Arbeiter in Berlin. SpĂ€ter machte er allerhand Wandlungen durch
. Nach dem Kriege wurde er MinisterprĂ€sident von Braunschweig; er starb einige Jahre vor dem Machtantritt Hitlers. Sein Bruder Fritz entwickelte sich zu einem der begabtesten Schriftsteller der anarchistischen Bewegung Deutschlands, der er bis zu seinem Lebensende treu geblieben ist.“

Friederich Vesper war die Seele des Styrumer Bergarbeiterverbandes – nach seiner Flucht brach der Verband zusammen und konnte erst Anfang 1894 neu belebt werden. 1898 zĂ€hlte er 50 Mitglieder. Auch Michael MĂŒller war in Borbeck Vertrauensmann des Bergarbeiterverbandes. Ein aufschlußreiches Zeugnis stellten ihm nach seiner Verhaftung „Mehrere Bergleute“ in der Bergarbeiterzeitung am 1. April 1893 aus: „Die GebrĂŒder MĂŒller konnten bis dato nie einer ehrlosen Handlung beschuldigt werden, vielmehr sind dieselben stets fĂŒr die Interessen der Arbeiter eingetreten, umsomehr ist es unsere Aufgabe, an dem Worte festzuhalten: ‚Einer fĂŒr Alle und Alle fĂŒr einen!‘ Es werden sich Kameraden auf den verschiedenen Zechen finden, welche einen Beitrag in Empfang nehmen und der Mutter der Inhaftierten ĂŒbermitteln werden.“

Bis auf Leonhard Bach, den schließlich die Ereignisse dieser Zeit in den Wahnsinn trieben, wurden diese ersten Anarchisten im Ruhrgebiet von vielen Arbeitern akzeptiert und hatten EinflĂŒsse auf die lokalen SPD-und Gewerkschaftsorganisationen. Doch fĂŒr fast alle spĂ€teren anarchistischen Bewegungen bleibt diese FrĂŒhphase des deutschen Anarchismus ein dunkles Kapitel, ein scheinbar unauslöschbarer Makel. Denn entgegen den ab der Jahrhundertwende eher pazifistisch gesinnten anarchistischen Bewegungen waren die frĂŒhen Anarchisten Vertreter der „Propaganda der Tat“. Rudolf Rocker urteilte spĂ€ter in seiner 1921 erschienenen Schrift „Anarchismus und Organisation“ ĂŒber diese Zeit: „Neunundneunzig Prozent der damaligen Anarchisten in Deutschland hatten von der ursprĂŒnglichen anarchistischen Bewegung und ihren Bestrebungen ĂŒberhaupt keine Ahnung. Durch die Vermittlung der im Auslande erschienenen anarchistischen BlĂ€tter und BroschĂŒrenliteratur waren sie oberflĂ€chlich bekannt geworden mit einer bestimmten Phase der Bewegung, aber die VerhĂ€ltnisse, die zu dieser neuen Form der Bewegung gefĂŒhrt hatten, waren ihnen vollstĂ€ndig unbekannt. Die damaligen Anarchisten wĂ€ren „junge Enthusiasten“, die den Anarchismus mehr mit dem GefĂŒhl als mit dem Verstande erfaßt hĂ€tten. “ 
 Auch darf nicht verschwiegen werden, daß auf uns junge Kerle die grobkörnigen Worte Mosts damals einen grĂ¶ĂŸeren Eindruck gemacht haben als die sachlichen Abhandlungen Kropotkins. Psychologisch ist das leicht zu verstehen. In einem Lande, in dem jedes freie und offene Wort verpönt war, mußten selbstverstĂ€ndlich die radikalsten AusdrĂŒcke die grĂ¶ĂŸte Wirkung auslösen, mochte auch sonst nicht viel Tiefes dahinterstecken.“

Der anarchistische Historiker Max Nettlau urteilte in seinem 1931 erschienenen Werk zur „Geschichte der Anarchie“ ĂŒber diese Zeit: „Grade diese ersten AnfĂ€nge wurden durch die systematischen Verfolgungen niedergetreten und dies forderte die Rache heraus und so erschöpfte man sich in Racheakten und kam nicht dazu fĂŒr die Ideen selbst eine geistige Grundlage zu legen. Es war eine Tragödie, eine Sysiphusarbeit, ein Bannkreis, den man nicht verlassen konnte, das Erbe der autoritĂ€ren Vergangenheit, der man nicht entwachsen war, auch wenn man den Namen Anarchisten noch so gern und stolz akzeptierte
. Die ungeheure Opferwilligkeit so vieler hatte durch ihre Einseitigkeit die denkbar kleinsten Resultat gebracht.“

Johann Most schrieb ĂŒber die von ihm so verherrlichte „Propaganda der Tat“ bereits im September 1892 in der Freiheit: „Wer die Gesamtbilanz betreffs des Nutzens und Schadens dieser Art der Agitation ziehen könnte, dem wĂŒrde ein moralisches und faktisches Defizit in das Antlitz starren, daß ihm Hören und Sehen vergehen machte.“

Obwohl im gesamten Ruhrgebiet in dieser Zeit nicht ein Attentat von Anarchisten verĂŒbt worden war, wurde nun der Anarchismus diffamiert – jeder Anarchist war eine Bombenleger, nichts weiter. Am Ende blieben der Bewegung nur ein Haufen MĂ€rtyrer und viel zerschlagenes Porzellan. Bis zum Ende des 1. Weltkrieges sollte der anarchistischen Bewegung eher ein Schattendasein in der Arbeiterbewegung beschieden sein. Anfang 1914 gehörten in MĂŒlheim der anarchistisch beeinflußten syndikalistischen „Freien Vereinigung“ 60 Personen an, vor allem Bergarbeiter und Bauarbeiter. Doch nach der sogenannten Novemberrevolution 1918 sollten die anarchistischen Organisationen einen unerwarteten Aufschwung nehmen. Theodor Schuster besuchte im Auftrag der Freien Vereinigung der Metallarbeiter MĂŒlheim und schilderte seine EindrĂŒcke in der ersten Ausgabe des „Syndikalist“ am 14.12.1918: „Was ich in diesen acht Tagen sah, das wird mir unvergesslich sein. Nichts mehr von resignierten Gesichtern, leuchtenden Auges wurde von den Versammelten berichtet, wie die UmwĂ€lzung vor sich gegangen. Überall hatten sich syndikalistische Organisationen gebildet. Der Same, der vor Jahren ausgestreut und anscheinend auf unfruchtbaren Boden gefallen waren, war aufgegangen. In MĂŒlheim an der Ruhr leisten unsere Gesinnungsgenossen im Arbeiter- und Soldatenrat praktische Arbeit. Bei der Ausschußwahl auf der Friederich-Wilhelm HĂŒtte wĂ€hlten die Arbeiter in der Mehrzahl fĂŒr unsere Genossen
.“

Bis Ende 1919 organisierten sich 5000 Metallarbeiter in der „Freien Vereinigung“ die sich nun „Freie Arbeiter-Union Deutschlands (Anarcho-Syndikalisten)“, kurz FAUD, nannte. Die MĂŒlheimer Lederarbeiter gehörten fast vollstĂ€ndig der FAUD an; Bauarbeiter, Bergarbeiter und auch die Verkehrsarbeiter traten in hoher Zahl der anarchistischen Gewerkschaft bei. Die MĂŒlheimer Polizeiverwaltung meldete am 30. April 1921 der Meldestelle der Regierung DĂŒsseldorf: „Die Freie Arbeiter-Union (Syndikalisten) zĂ€hlt in hiesigem Bezirk etwa 8000 Mitglieder.“ Auch andere anarchistische Gruppierungen erhielten regen Zulauf. Der „Anarchistische Freibund“ hatte hier mehrere hundert Mitglieder, anarchistische Jugend- und Frauengruppen bildeten sich und Kulturorganisationen wie die „Freien SĂ€nger“, die relativ eng mit der FAUD zusammenarbeiteten, gewannen an Einfluß.

Die anarchistische Bewegung war nun fast ĂŒber nacht aus ihrem Debattierzirkel-Dasein zu einer Massenbewegung angewachsen. Doch nicht jeder, der in dieser Zeit radikal auftrat und ein Mitgliedsbuch der FAUD bei sich fĂŒhrte, war auch ein Anarchist. Die Bewegung war ja nicht kontinuierlich gewachsen. Als die mit der FAUD verbundenen Hoffnungen auf eine baldige revolutionĂ€re UmwĂ€lzung enttĂ€uscht wurden, verließ ein Großteil der Mitglieder die FAUD und zog sich resigniert aus dem politischen Leben zurĂŒck. In einem Schreiben der Polizeiverwaltung an den RegierungsprĂ€sidenten in DĂŒsseldorf am 2. September 1924 heißt es: „Die Freie Arbeiter-Union Deutschlands (Anarcho-Syndikalisten), welche in den Jahren 1920 bis 1922 eine der stĂ€rksten und grĂ¶ĂŸten gewerkschaftlichen Organisationen im hiesigen Bezirk war 
, ist in den letzten beiden Jahren stark zurĂŒckgegangen und zĂ€hlt nur noch einige 100 Mitglieder.“ Die Mitgliederversammlungen wurden nur noch Ă€ußerst schwach besucht. Eine öffentliche Veranstaltung im August 1924 unter dem Thema „Nie wieder Krieg“ brachte es nur auf 100 bis 120 Teilnehmer. 1931 gehörten der FAUD in MĂŒlheim nur noch 32 Bauarbeiter und 102 Metallarbeiter an.

Die Anarchisten hatten sich wĂ€hrend der Dauer des gesamten Kaiserreichs nicht von ihrer Niederlage nach dem Sozialistengesetz erholen können. Das kurze ‚Gastspiel‘ der Anarcho-Syndikalisten Anfang der Weimarer Republik konnte die ĂŒber 30 Jahre gefestigte Vorherrschaft der autoritĂ€r-marxistischen Parteien nicht brechen.

Aus: Schwarzer Faden Nr. 34 (1/1990)

Publizierte Quellen: Sepp Oerter, Acht Jahre Zuchthaus. Lebenserinnerungen von Sepp Oerter, Berlin, 1908 Rudolf Rocker, Aus den Memoiren eines deutschen Anarchisten, Frankfurt a.M., 1974

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Quelle: Duesseldorf.fau.org