Oktober 26, 2021
Von InfoRiot
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Potsdam – Sie redet. Über eine Stunde lang spricht die Angeklagte Ines R. in Saal 8 des Potsdamer Landgerichts ĂŒber ihr Leben. Die verkorkste Kindheit mit einer Mutter, von der sie sich nicht geliebt gefĂŒhlt habe. Von psychischen Problemen, die schon im Vorschulalter begonnen haben sollen, Ängsten, AlbtrĂ€umen, dem Eindruck, anders zu sein. Dem Problem, keine Freundschaften schließen zu können.
Die Frau, der vierfacher Mord und weitere Straftaten zur Last gelegt werden, berichtet von ambulanten und stationĂ€ren Therapien, von Suizidversuchen, Burnouts, einer schweren Depression. Von der spĂ€teren Belastung mit zwei Kindern, von denen eines behindert ist, eines schwer krank war. Von einer Abtreibung und einer Fehlgeburt. Von dem Druck, den Kredit fĂŒr ihr Haus in Potsdam abbezahlen zu mĂŒssen. Und von ihrer Arbeit als Pflegekraft fĂŒr behinderte Menschen im Babelsberger Oberlinhaus, bei dem sie rund 30 Jahre beschĂ€ftigt war. Von der „Berufung“, der ihr Beruf sei, und von den enormen Arbeitsbelastungen durch zu wenig Personal. Statt drei seien in den Abendstunden oft nur zwei PflegekrĂ€fte anwesend gewesen. „Wenn das auf Dauer so ist, ist es nicht machbar“, sagt R. Kollegen hĂ€tten Überlastungsanzeigen gestellt, aber reagiert worden sei nicht. 

Vier Menschen mit Behinderung wurden getötet 

Klar, sortiert, detailliert spricht Ines R. ĂŒber sich selbst. Aber wozu die 52-JĂ€hrige nichts sagt am ersten Prozesstag im Potsdamer Mordprozess sind die Opfer. Zwei 31 und 42 Jahre alte Frauen und zwei MĂ€nner im Alter von 35 und 56 Jahren, die ihr anvertraut waren. Vier Menschen, die teils seit ihrer Kindheit im evangelischen Oberlinhaus gelebt haben und trotz ihrer massiven BeeintrĂ€chtigungen noch ein langes Leben vor sich gehabt hĂ€tten. Denn die Behinderungen, im Fall der 42-JĂ€hrigen etwa die Folge eines schweren Autounfalls, hĂ€tten nicht zum baldigen, natĂŒrlichen Tod gefĂŒhrt, wie ein Gerichtsmediziner im Prozess ausfĂŒhrt. „Sie waren alle in einem guten Pflegezustand“, sagt er. 

Vier RollstĂŒhle beim Gedenkgottesdienstes in der Nikolaikirche. Foto: Soeren Stache/dpa

Sie gab an, nur Zigaretten holen zu wollen 

Doch Ines R. Ă€ußert sich vorerst nicht zur Tat, die ihr zur Last gelegt wird und fĂŒr die es auch nach dem ersten Prozesstag am Dienstag keine ErklĂ€rung gibt. Die Pflegerin soll vor sechs Monaten, in der Nacht vom 28. April, wĂ€hrend ihres SpĂ€tdienstes im Thusnelda-von-Saldern-Haus, einem Oberlin-Wohnheim fĂŒr Menschen mit schwersten und mehrfachen Behinderungen, vier wehrlose, gelĂ€hmte Bewohner heimtĂŒckisch mit einem Messer getötet und eine weitere, 43 Jahre alte Frau schwer verletzt haben. Eine Gutachterin, mit der R. nach ihrer Festnahme und Einweisung in die geschlossene Psychiatrie in Eberswalde gesprochen hat, ging in einer vorlĂ€ufigen Stellungnahme wegen der psychischen Erkrankung von einer erheblich verminderten SchuldfĂ€higkeit aus. 
Der EinschĂ€tzung folgt auch die Staatsanwaltschaft – stellt aber in der Verlesung der Anklageschrift gleichzeitig heraus, dass die mutmaßliche TĂ€terin sehr planvoll vorgegangen sei. Die 52-JĂ€hrige habe gewartet, bis die beiden anderen PflegekrĂ€fte – am Tatabend waren also drei und nicht wie es laut Ines R. oft der Fall gewesen sein soll nur zwei Mitarbeiter im Dienst – in anderen Teilen der Station beschĂ€ftigt gewesen seien. Dann sei sie in zwei Zimmer geschlichen und habe zunĂ€chst versucht, zwei Bewohner zu erwĂŒrgen. Das sei ihr „zu anstrengend geworden“, so StaatsanwĂ€ltin Maria Stiller. Also sei sie in den Aufenthaltsraum gegangen und habe ihren Beutel mit persönlichen Sachen geholt. Einem Kollegen habe sie gesagt, sie gehe nur kurz Zigaretten holen. Doch stattdessen sei sie zurĂŒck in die Einzelzimmer geschlichen, habe ein mitgebrachtes Messer aus ihrem Beutel geholt und den fĂŒnf Bewohner damit in den Hals geschnitten. WĂ€hrend die eine Frau gerettet werden konnte, kam fĂŒr die anderen Opfer jede Hilfe zu spĂ€t. Sie verbluteten laut Obduktionsbericht in ihren Pflegebetten. Ein grĂŒnes Keramikmesser, wie man es in der KĂŒche benutzt, fand die Polizei bei der Spurensuche, weggeworfen auf dem nahen Mitarbeiter-Parkplatz von Oberlin an der Glasmeisterstraße.

Das Thusnelda-von Saldern-Haus in Babelsberg. Foto: Andreas Klaer

Mit elf Jahren wollte sie sterben, sagt die Angeklagte 

Als der Obduktionsbericht vorgetragen wird, Tatortfotos am Richtertisch gesichtet werden, sitzt Ines R. in sich gekehrt an ihrem Platz, schließt die Augen als wĂ€re sie eingenickt. In den Gerichtssaal kommt sie in eine schwarze Jacke gehĂŒllt, die Kapuze tief in die Stirn gezogen, eine Corona-Schutzmaske vor dem Gesicht. Als die Fotografen und Kameraleute den Saal verlassen und Ines R. ihre Vermummung abnimmt, kommt eine Frau mit langen blonden Haaren zum Vorschein, die StrĂ€hnen mit einem Zopfgummi nach hinten gebunden. Jeans, grĂŒn-geblĂŒmte Bluse. Man sieht der gebĂŒrtigen Rathenowerin nicht an, was sie beschĂ€ftigt, seit ihrer Kindheit schon. Zwei Halbschwestern hat sie, sechs und 17 Jahre Ă€lter, beide sind inzwischen gestorben. Mit der jĂŒngeren sei sie gemeinsam aufgewachsen. Die lebhafte Schwester – „ein ganz anderer Typ als ich“ – sei von der Mutter, einer BĂŒrokauffrau, oft geschlagen worden. Sie selbst habe versucht, dem zu entkommen, indem sie gute Noten nach Hause brachte, gehorchte. „Ich wollte alles perfekt machen, damit sie mich nicht auch verprĂŒgelt“, sagt R. „Ich mochte meine Mutter nicht.“ Schon deren Geruch habe sie abgestoßen. Der Vater, Bauingenieur, sei selten daheim gewesen. Als sie neun war, ließen sich die Eltern scheiden. „Mit elf Jahren wollte ich sterben“, sagt sie. „Wenn du es machst, dann mach es richtig“, habe ihre Mutter gesagt. Der Suizidversuch scheiterte, Ines R. kam fĂŒr acht Monate in Berlin in die Kinderpsychiatrie, sei in einem Modellversuch mit Medikamenten behandelt worden. „Das war mein Trauma.“ 

Der Ehemann konnte ihr nicht helfen 

Ines R. soll nach der Tat im Oberlinhaus nach Hause gefahren sein, sich ihrem Mann offenbart haben, der dann die Polizei informiert haben soll. Wie ihr Ehemann, mit dem sie seit sie 18 ist mit kurzer Unterbrechung zusammen ist, mit ihren psychischen Problemen umgegangen sei, wird sie vor Gericht gefragt. Er sei verstĂ€ndnisvoll gewesen und ein guter Vater fĂŒr ihr erstes Kind, das von einem anderen ist, so Ines R. – und trotzdem hilflos. „Wenn ich geweint habe, hat er gesagt, ich kann dir nicht helfen“, schildert Ines R., „ich weiß nicht, wie du dich fĂŒhlst“. 

Ein Sohn der Beschuldigten ist selbst behindert 

Die Arbeit bei Oberlin habe ihr Halt und Anerkennung gegeben. „Ich hatte immer alles unter Kontrolle“, sagt sie. 1990 habe sie nach abgebrochener Ausbildung zur Pflegerin in einer Potsdamer Einrichtung fĂŒr schwerbehinderte Kinder und Jugendliche als Pflegekraft begonnen, die 1993 von Oberlin ĂŒbernommen wurde. SpĂ€ter habe sie die Hausleitung in den Erwachsenenbereich versetzt – wegen ihrer persönlichen Situation. Ihr 1994 geborener Sohn ist nach einer HirnhautentzĂŒndung behindert, wird selbst im Oberlinhaus betreut. Ihn wegzugeben, nur am Wochenende zu sich zu holen, sei sehr schwer gewesen. Doch auch fĂŒr die erwachsenen Heimbewohner habe sie immer alles geben. „Wenn einer einen Tee wollte und kurz darauf wieder, dann habe ich ihm den gebracht“, sagt sie. „Wie ’ne Mama halt.“ 




Quelle: Inforiot.de