August 17, 2021
Von InfoRiot
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Potsdam – Die Bilder aus seinem Heimatland, die Sorge um seine Familie in Kabul lassen ihn nicht mehr schlafen. „Ich habe vier Schwestern“, sagt ein junger Afghane, der seit mehreren Jahren in Potsdam lebt und aus Angst vor Repressionen der Taliban gegen seine Familie anonym bleiben will. Gerade fĂŒr die MĂ€dchen und Frauen in Afghanistan sei die MachtĂŒbernahme durch die islamistische Terrorgruppe bedrohlich. Die FĂ€lle, in denen junge Frauen von den Taliban verschleppt wurden – sie seien nicht vergessen.

“Ich vertraue auf nichts”

„Wir haben lange fĂŒr die Rechte von Frauen gekĂ€mpft“, sagt er den PNN weiter – dafĂŒr, dass MĂ€dchen eine Schule besuchen dĂŒrfen, Frauen arbeiten können. Schon jetzt gebe es Anzeichen, dass das wieder vorbei sein könnte. „Schulen haben geschlossen, Banken haben ihre Mitarbeiterinnen nach Hause geschickt“, sagt der junge Mann, der mit seiner Familie in der afghanischen Hauptstadt so gut es geht in Kontakt steht – und hofft, sie nach Deutschland holen zu können. Ohne im Moment zu wissen, wie. Zwar gebe es Stimmen, die darauf vertrauten, dass die Taliban nicht alle Menschenrechte mit FĂŒĂŸen treten werden, wenn sie von der internationalen Gemeinschaft nicht geĂ€chtet werden wollen. „Ich vertraue auf nichts“, sagt er.

Weinende afghanische Familien in der Beratungsstelle

„Die machen, was sie wollen“, sagt auch Fereshta Hussain. „Als Frau wĂŒrde ich mich in Kabul nicht mehr aus dem Haus trauen.“ Die 39-JĂ€hrige ist Vorsitzende des Potsdamer Migrantenbeirats und setzt sich dort besonders fĂŒr die Bildung von Frauen ein. Im Jahr 2000 kam sie mit ihren Eltern und ihren beiden Geschwistern aus Afghanistan nach Potsdam. 

Die Deutsch-Afghanin arbeitet hauptberuflich als Koordinatorin fĂŒr Willkommenskultur im SOS-Familienzentrum in Berlin-Hellersdorf. In der Beratungsstelle seien ihr am Montag mehrere weinende, afghanische Familien gegenĂŒbergesessen, die große Angst um ihre Angehörigen in der alten Heimat haben. Auch am Sonntag bei GesprĂ€chen im Babelsberger BegegnungscafĂ© des evangelischen Kirchenkreises sei das so gewesen: bedrĂŒckte Menschen, die um die Sicherheit von Freunden und Verwandten bangten. 

Wenn es ĂŒberhaupt einen Weg aus dieser Hölle gebe, dann könnten sich die meisten kein Flugticket leisten, so Hussain. Sie hofft, womöglich ĂŒber Spenden weiterhelfen, von Potsdam aus etwas Hoffnung geben zu können, falls sich hier mehrere Engagierte zusammenschließen.

KapazitĂ€ten fĂŒr FlĂŒchtlinge bei PartnerstĂ€dten angefragt

Die Stadt Potsdam will zusĂ€tzliche FlĂŒchtlinge aufnehmen – und das hier gegrĂŒndete Netzwerk „StĂ€dte sichere HĂ€fen“ einbeziehen. OberbĂŒrgermeister Mike Schubert (SPD) sagte den PNN am Montag, man habe sich an die PartnerstĂ€dte gewandt – um abzufragen, welche KapazitĂ€ten fĂŒr zusĂ€tzliche Aufnahmen von FlĂŒchtlingen zu schaffen seien. 

Es gehe vor allem um OrtskrĂ€fte – also afghanische Helfer, die die Bundeswehr bei ihrem beendeten Einsatz in dem Land unterstĂŒtzten und die nun mit dem Schlimmsten rechnen mĂŒssen. Auf Facebook verknĂŒpfte Schubert das mit einer persönlichen Erfahrung: 2002 war er als Bundeswehrsoldat im Kosovo. Dort habe er den Sprachmittler Bajram kennen- und schĂ€tzen gelernt, eine Ortskraft. 

„Der Kosovo war und ist nicht Afghanistan“, so Schubert. „Wenn ich aber sehe, wie seit Wochen gezögert und diskutiert wird und wie wir mit denen umgehen, die fĂŒr uns vor Ort gearbeitet haben, dann ist EnttĂ€uschung noch das mildeste Wort, das mir dafĂŒr einfĂ€llt.“ Bereits am Sonntag hatte Schubert im sozialen Netzwerk Twitter einen Aufruf geteilt, in dem eine LuftbrĂŒcke nach Afghanistan gefordert wurden.

Die Potsdamer Linke ruft fĂŒr heute 19 Uhr zu einer Kundgebung vor dem Landtag unter dem Motto „HumanitĂ€re LuftbrĂŒcke jetzt – Afghanistans Bevölkerung nicht im Stich lassen“, auf. Anmelder ist der Bundestagsabgeordnete und Direktkandidat fĂŒr die Bundestagswahl, Norbert MĂŒller. „Die Lage spitzt sich stĂŒndlich zu und StĂ€dte wie Potsdam sind bereit, die Menschen aufzunehmen“, so MĂŒller.




Quelle: Inforiot.de