Juli 27, 2022
Von Paradox-A
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Lesedauer: 6 Minuten

Gerade erschien auf indymedia ein Text mit dem Titel „Feindbild Individualismus“. Ich freue mich, wenn Menschen Positionen formulieren und mit diesen bestimmte Fragen durchdenken. Es ist schwierig, wenn dies völlig entkoppelt von der LebensrealitĂ€t geschieht und nur eine philosophische Gedankenspielerei bleibt. Doch ich gehe davon aus, dass die Autor*in des Textes durchaus von ihren eigenen Erfahrungen ausgeht – und sie* verfolgt ja offensichtlich auch ein Anliegen damit.

Das Ganze Thema zum Spannungsfeld von Individualismus und Kollektivismus möchte ich an dieser Stelle nicht noch mal aufmachen. HIER habe ich einen theoretischen Text dazu geschrieben, in welchem verschiedene anarchistische Positionen einbezogen und gegeneinander abgewogen werden. Ich habe mich entschieden, auf den Text „Feindbild Individualismus“ zu verweisen, auch wenn ich die in ihm vertretenen Positionen nicht teile. Denn ich finde es wichtig, verschiedene Standpunkte abzubilden, um eine Diskussion darĂŒber zu ermöglichen. Und die vertretene Perspektive ist zweifellos eine anarchistische, auch wenn ich eine andere habe und sie auch kritisieren wĂŒrde.

Wenn ich danach gehe, sind meine eigenen Positionen durchaus keine individual-anarchistischen. Ich vertrete aber auch keinen Anarcho-Kommunismus wie die Plattform oder eine syndikalistische Position hinsichtlich der Frage des Spannungsfeldes von Einzelnen und Gemeinschaften. Nun ja, sicherlich muss ich mir auch kein Label geben, denn wie im Text geschrieben wird, handelt es sich bei pauschalen Zuschreibungen oder auch Selbstbezeichungen um ein Verkennen der KomplexitĂ€t von IndividualitĂ€t und oftmals das AufdrĂŒcken und Annehmen von abstrakten Kategorien, in denen wir nicht aufgehen können – und nicht sollten.

Leider sind die Argumente, die ich vorbringen kann alle schon in frĂŒheren BeitrĂ€gen formuliert worden. Deswegen will ich an dieser Stelle nur einige Anmerkungen zum Text machen und verwende dafĂŒr Stichpunkte:

– Unterschieden wird „Individualisierung“ (im negativen Sinne von „Vereinzelung“) und „IndividualitĂ€t“ (in einem positiven Sinne von „Selbstbestimmung“). Ich kann die Unterscheidung nicht so richtig nachvollziehen. Meiner Ansicht nach ist ersteres einfach der gesellschaftliche, soziale und bisweilen auch selbstbestimmte Vorgang, welcher letzteres hervorbringt. Die Frage mĂŒsste also lauten, in welchen Rahmenbedingungen Individualisierung stattfindet und welche Formen von IndividualitĂ€t mit ihr hervorgebracht werden

– Weiterhin ist der von vielen empfundene Gegensatz von IndividualitĂ€t und KollektivitĂ€t zwar ein Schein-Widerspruch, aber dennoch einer, der wirkmĂ€chtig ist. Das hĂ€ngt damit zusammen, dass ZwangskollektivitĂ€t und vereinzelte IndividualitĂ€t zwei Kehrseiten derselben Medaille sind. Dem (wirkmĂ€chtigen, weil durch Herrschaftsinstitutionen hergestellten) Konzept des liberalen Individualismus entspricht z.B. das konstruierte Zwangskollektiv des Nationalstaates.

– GlĂŒcklicherweise gibt es immer auch andere Formen von Einzelnen und Gemeinschaften, auch innerhalb der bzw. parallel zur liberal-demokratischen, staatlich-kapitalistischen Gesellschaftsform. FĂŒr diese können wir eintreten und fĂŒr ihre Ausweitung kĂ€mpfen. Dies geschieht aber unter uns aufgedrĂŒckten Rahmenbedingungen, die wir verstehen mĂŒssen, um sie ĂŒberwinden zu können

– Individuell besondere Menschen können wir nur durch andere Menschen sein und werden – in Abgrenzung und Bezugnahme aufeinander. Selbstbestimmung und Selbstentfaltung unserer individuellen Leben fĂŒr alle Menschen möglich zu machen, ist das Ziel aller Anarchist*innen. Dies hat bestimmte Voraussetzungen, sowohl fĂŒr unmittelbare VerĂ€nderungen, als auch fĂŒr eine grundlegende und langfristige VerĂ€nderung der Rahmenbedingungen, in denen sich Menschen (auf bestimmte Weisen) individualisieren können oder auch nicht.

– der Gegensatz von Einzelnen und Gemeinschaften erscheint uns als Widerspruch, weil unsere Vorstellung von IndividualitĂ€t ganz maßgeblich vom liberalen, „abstrakten“ Individuum geprĂ€gt ist (worauf wiederum auch die bĂŒrgerlichen Vertragstheorien grĂŒnden, mit welchen moderne Herrschaftsformen als abstrakte Zwangskollektive legitimiert werden). Dies wird aber permanent irritiert von der sozialen RealitĂ€t, in welcher Menschen ohnehin schon immer verwoben und verbunden miteinander sind.

– Soziale Freiheit wird gerade dort möglich, wo Menschen sich gemeinsam selbst organisieren, Entscheidungen fĂ€llen und Konsense erzielen (was nicht bedeutet, dass alle einer Ansicht sein mĂŒssen oder dieser mit Zwang durchgesetzt wird – das wĂ€re dann in meiner Vorstellung kein echter Konsens). Derartige Vereinbarungen auch in einem grĂ¶ĂŸeren Maßstab mit Herrschaft gleichzusetzen ist meiner Ansicht nach völlig realitĂ€tsfern.

– Ich teile den im Text verwendeten Begriff von „Autonomie“ als individuelle Selbstbestimmung nicht. Meines Erachtens nach zeigt sich das durch und durch liberale und bĂŒrgerliche VerstĂ€ndnis, auf welches sich hierbei bezogen wird. Und das meine ich nicht wertend, sondern beschreibend. Autonomie in einem anarchistischen Sinne ist meiner Ansicht nach vor allem ein Organisationsprinzip, welches aber aufgrund der Weite des Begriffs den Vorteil hat, die individuelle Selbstbestimmung von Menschen darin mitzudenken und einzubeziehen. Die Autonomie, welche in anarchistischen Organisationen prozesshaft verwirklicht werden kann, steht somit im besten Fall mit der Ausweitung der individuellen Selbstbestimmung von Einzelnen, welche sie bilden und mit ihr etwas bestimmtes verwirklichen wollen.

– Ebenfalls dem bĂŒrgerlich-liberalen VerstĂ€ndnis entspricht die Vorstellung, dass AbhĂ€ngigkeiten negativ und deswegen zu vermeiden wĂ€ren. Es kommt natĂŒrlich darauf an, was wir unter „AbhĂ€ngigkeit“ verstehen. Ich meine damit, dass wir alle aufeinander angewiesen und als soziale Tiere miteinander verbunden sind. Dabei haben Menschen komplexe Formen entwickelt, in großer Anzahl miteinander zu leben. Dadurch haben sie neue ZwĂ€nge geschaffen – aber auch neue Freiheiten gewonnen. Beispielsweise ist die Vorstellung von IndividualitĂ€t wie sie im Text verwendet wird ein Produkt der (europĂ€ischen) Neuzeit. SelbstverstĂ€ndlich haben sich auch vorher und woanders Menschen immer wieder als Einzelne verstanden und sich auch selbst bestimmt. Aber auf eine andere Weise wie diejenige, welche mit den Vorstellungen verbunden ist, dass man sich bspw. so und so selbst verwirklichen mĂŒsste als Individuum und dies auch gegen andere stehen mĂŒsste, das Einordnung in eine Gemeinschaft immer problematisch wĂ€re usw.

– Ja, es gibt ein Problem mit den Massen und abstrakten Kollektiven, in denen immer ZwĂ€nge ausgeĂŒbt werden können. Wir wollen sie ĂŒberwinden. Sie sind die Kehrseite des liberalen-bĂŒrgerlichen Individualismus. Eben dieses VerstĂ€ndnis ist ja ebenso ein Ideal und bleibt es, solange wir nicht begreifen, dass alles, was wir denken, empfinden und wollen immer schon gesellschaftlich (als vermittelt und abstrakt, aber dennoch wirkmĂ€chtig) und sozial (also unmittelbar und mit unserer eigenen Geschichte verknĂŒpft) geformt und geprĂ€gt ist.

– Der Ansatzpunkt von unseren eigenen BedĂŒrfnissen und WĂŒnschen auszugehen ist super. Wir sollten aber verstehen, dass sie auch immer durch Herrschaft geprĂ€gt sind. Es gibt uns als Einzelne nicht abseits von der Gesellschaft, die uns hervorbringt. Deswegen sind wir nicht in einem deterministischen Sinne nur ihre Produkte, sondern selbstverstĂ€ndlich in der Lage, auch anders zu handeln, anders zu sein, uns selbst zu bestimmen, Verantwortung zu ĂŒbernehmen und entgegen herrschaftlicher Institutionen, freiheitliche Institution aufzubauen usw.

– Hinsichtlich der Form unserer Verbundenheit sind Freundschaften ein erstrebenswertes Ziel, dass es ernstzunehmen und in der Arbeit daran zu verwirklichen gilt. Aber es ist auch völlig in Ordnung, mit Menschen nur bekannt zu sein, durch TĂ€tigkeiten oder genossenschaftlich mit ihnen verbunden zu sein. Ich muss nicht mit Menschen befreundet sein, um mit ihnen Ziele zu verwirklichen, die fĂŒr uns jeweils wichtig sind und zu deren Realisierung wir unsere FĂ€higkeiten ergĂ€nnzen.

– Damit finde ich auch die beschriebenen Formen informeller Organisation einen sinnvollen Ansatz, um sich anarchistisch zu organisieren. Mir ist bloß ĂŒberhaupt nicht klar, warum dies umgekehrt gegen formellere Organisationen sprechen sollte. Im besten Fall gibt es auch in formellen Organisationen Freundeskreise, die sich aber darĂŒber bewusst werden sollten, dass sie dies sind und in diesem Sinne handeln. Sonst entstehen informelle Hierarchien, die sehr problematisch sein können.

– Das Argument, informelle Organisationen seien weniger von staatlicher Repression angreifbar als formelle, halte ich jedenfalls fĂŒr unsinnig. Man könnte eben auch genau anders herum argumentieren und sagen, dass viele verbundene Menschen, die auch in der Öffentlichkeit wirken deutlich besser gegen Repression gewappnet sind, als wenn sie in informellen Gruppen damit mehr oder weniger isoliert werden.

– Im Text wird auch ReprĂ€sentation kritisiert als ein Aspekt, den formelle Organisationen beinhalten. „In der heutigen Spiegelwelt des Spektakels ist ReprĂ€sentation ĂŒberall“. Dem wĂŒrde ich absolut zustimmen. Gleichzeitig ist es aber auch so, dass sie Sehnsucht danach, „intensiv zu (er)leben“, intensive Beziehungen zu fĂŒhren, sich in unmittelbare Situationen zu KĂ€mpfe zu begeben, ebenfalls ein Produkt der bĂŒrgerlich-liberalen Gesellschaftsform ist. Beides sind zwei Seiten derselben Medaille, die nur verĂ€ndert werden kann, wenn wir fĂŒr eine andere Gesellschaftsform eintreten.

– Problematisch im individualistischen Ansatz ist, dass sich vorgeblich gegen „Ideologien“ gerichtet wird, womit verkannt wird, dass die eigenen Vorstellungen ebenfalls ideologisch geprĂ€gt sind. Es gibt kein Außerhalb von Ideologie in einer herrschaftsförmigen Gesellschaft. Wenn wir von ihnen wegstreben und zum echten Selbst-Bewusstsein gelangen wollen, hat dies zur Voraussetzung, zu begreifen, was Ideologie ist und sich einzugestehen, dass unsere Vorstellungen immer auch ideologisch geprĂ€gt sind (z.B. wenn wir davon ausgehen, dass unsere BedĂŒrfnisse und WĂŒnsche einfach „echt“ wĂ€ren und sich damit per se gegen jene der Herrschaft richten wĂŒrden).

– Ein verkĂŒrztes VerstĂ€ndnis von Herrschaft offenbart sich im Text dadurch, dass diese nicht als gesellschaftliches VerhĂ€ltnis begriffen wird. Nicht begriffen wird, dass Menschen sich strukturell in unterschiedlichen sozialen Positionen in der bestehenden Herrschaftsordnung befinden, weswegen es auch eine dauerhafte Institutionalisierung ihrer Anliegen und Interessen braucht, um langfristig fĂŒr ihre ErmĂ€chtigung und damit auch die Aufhebung ihrer (z.B. geschlechtlichen, ethnischen oder Klassenposition) zu kĂ€mpfen.

– Dann wird noch eine Unterstellung getĂ€tigt, nĂ€mlich jene, dass alle Anarchist*innen, die fĂŒr formelle Organisationen eintreten eine „ideologische, strategische und taktische Einheit“ anstreben wĂŒrden. Dies trifft der Selbstbeschreibung nach auf den Plattformismus zu, der aber nur eine relativ kleine Strömung innerhalb aller kollektivistischer ausgerichteten anarchistischen Strömungen ist. Wie gesagt bedeutet dieser Vorstellung nach gemeinschaftlich orientiertes Handeln nicht Autonomie aufzugeben, sondern sie erst in der Bezugnahme auf andere zu ermöglichen.

– Mit dem abschließenden Argument, dass die vertretene Position nicht notwendigerweise sozialdarwinistisch wĂ€re und letztendlich zu einem Recht des StĂ€rkeren fĂŒhren wĂŒrde, kann ich gut leben. Ich glaube bei dieser Behauptung handelt es sich wiederum um ein Strohpuppen-Argument von manchen kollektivistischen Anarchist*innen, bei dem die LebensrealitĂ€t nicht begriffen wird, aus welchen Menschen, die den Individualanarchismus vertreten, ihre Erfahrungen und Perspektiven beziehen.

Nun gut. Meine Gedanken waren hier etwas allgemein und durcheinander, weil ich beim Schreiben nebenbei experimentelle Musik gehört habe, die nur durch selbst individuelle Ausdrucksweisen möglich wurde. Meine Punkte wurden denke ich klar und ein andermal formuliere ich sie vielleicht auch systematischer.




Quelle: Paradox-a.de