MĂ€rz 6, 2022
Von Anarchistische Bibliothek
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Einleitung der Soligruppe fĂŒr Gefangene

Der folgende Text war seit einiger Zeit fĂ€llig, erschien erstmals im Jahr 2009 in der italienischen anarchistischen Publikation Machete Nr. 5., die Grundlage haben wir aus der anarchistischen Seite Finimondo ĂŒbernommen, der Link ist am Ende der Einleitung. Wir wollten diesen seit vielen Jahren schon veröffentlichen, mit vielen Jahren meinen wir vielleicht seit damals, kamen aber leider nie dazu. Kurz und knapp, es handelt sich um eine Kritik an dem Text Der kommende Aufstand, der 2007 in Frankreich veröffentlicht wurde. Im Gegensatz zu den BefĂŒrwortern und den Verleumdern dieses Textes sind wir, waren wir und werden weiterhin der Meinung sein, dass alles, was unter dem Namen eines Unsichtbaren Komitees unterschrieben wurde, nichts mit dem Anarchismus und mit dem AufstĂ€ndischen Anarchismus, woanders auch nur rein als Insurrektionalismus (Insurrezionalismo, Insurreccionalismo, Insurrectionalism) betitelt, zu tun hat. Mag dies natĂŒrlich schon eine verlorene Schlacht sein, zumindest was die Wortbedeutung und Wortassoziation angeht, denn fĂŒr diese Verwirrung haben hierzulande sehr viele Anarchisten und Anarchistinnen beigetragen. Wir werden aber weiterhin darauf hinweisen, dass diese falsche Assoziation nicht richtig ist. Auch haben wir weder damals, noch jetzt, wie auch nicht in der Zukunft verstanden, was an diesem Text so sonderlich gut sein sollte und niemand kann uns vorwerfen, dass wir nicht die Diskussion gesucht haben um daraus schlauer zu werden. Meistens erhielten wir sehr oberflĂ€chliche Antworten – um sie nicht als hirnamputiert zu bezeichnen-, wie: dieser Text sei schön, ein Kassenschlager, sogar die Frankfurter Allgemeine hĂ€tte darĂŒber eine Rezension geschrieben, etc. Alles Antworten die fĂŒr uns selbst keine waren, eine Feststellung ist weiterhin ja keine ErklĂ€rung, auch wenn dies weiterhin als Bares gilt. WĂ€hrend in sĂŒdlichen LĂ€ndern dieser Text, also Der kommende Aufstand, nur eine Randnotiz spielte, meistens eher ignoriert, war dieser im deutschsprachigen Raum wie eine Oase mitten in einer WĂŒste, dies verstanden als eine Fata Morgana. Warum dies so war, wĂ€re fĂŒr eine zukĂŒnftige Debatte interessant, weil nicht was der Text selbst sagt, sondern was dieser im deutschsprachigen Raum hervorbrachte, sowie die GrĂŒnde dafĂŒr, sind immer noch ein Grund tiefgreifender Debatten eines PhĂ€nomens, was noch nicht unbedeutend sein mag, genauso was dies mit einer anarchistischen Bewegung zu tun haben mag. Wir werden sehen.

Alle Zitate aus Dem kommenden Aufstand haben wir aus der deutschsprachigen Übersetzung ĂŒbernommen, mitsamt möglichen Übersetzungsdivergenzen. Alle kursiven Textstellen sind aus dem italienischen ĂŒbernommen worden, außer im Falle von Der kommende Aufstand, wir taten dies um den Titel nur zu unterstreichen und dass es sich immer um diese Schrift handelte.

Die Insurrektion und ihr Double

Bei der Unterscheidung zwischen wahrer und falscher Romantik beobachtete Victor Hugo, dass jeder authentische Gedanke von einem beunruhigenden Double bespitzelt wird, der immer auf der Lauer liegt, immer bereit, mit dem Original zu verschmelzen. Ein Charakter von erstaunlicher PlastizitĂ€t, der mit Ähnlichkeiten spielt, um auf der BĂŒhne etwas Applaus zu bekommen. Dieses Double hat die einzigartige FĂ€higkeit, Schwefel in Weihwasser zu verwandeln und vom widerspenstigsten Publikum akzeptieren zu lassen. Auch die moderne Insurrektion, die gerne auf die Zentralkomitees und Sol dell’Avvenire verzichtet, hat es mit ihrem Schatten zu tun, mit ihrem Parasiten, mit einem Klassiker, der sie nachahmt, der ihre Farben trĂ€gt, sich in ihre Kleider kleidet, ihre KrĂŒmel aufsammelt.

Nach dem Medienrummel, der das Buch in Frankreich zu einem Bestseller machte, ist Der kommende Aufstand nun auch auf Italienisch erhÀltlich.

Das im MĂ€rz 2007 veröffentlichte und vom Unsichtbaren Komitee unterzeichnete Buch Der kommende Aufstand wurde in den transalpinen Nachrichten nach der gerichtlichen Untersuchung bekannt, die am 11. November 2008 zur Verhaftung von neun Subversiven in dem kleinen Dorf Tarnac fĂŒhrte, die beschuldigt wurden, an einer Sabotage gegen das Hochgeschwindigkeitseisenbahnnetz beteiligt gewesen zu sein. Wie so oft in solchen FĂ€llen wollte der Richter sein Theorem auch vom „theoretischen“ Standpunkt aus untermauern, indem er einem der Verhafteten die Urheberschaft des fraglichen Buches zuschrieb. Herausgegeben von einem kleinen linken kommerziellen Verlag, im ganzen Land vertrieben und zum Zeitpunkt seines Erscheinens vom Establishment gut aufgenommen, wurde Der kommende Aufstand auf Beschluss der Staatsanwaltschaft zu einem gefĂ€hrlichen und gefĂŒrchteten „Sabotage-Handbuch“. Daher sein Erfolg, begĂŒnstigt außerdem durch die Intervention zu seinen Gunsten von einigen Klerikern der Intelligenzija (französische und nicht nur), besorgt ĂŒber die ungebĂŒhrliche polizeiliche Einmischung auf dem Gebiet der politischen Philosophie. Man spĂŒrt die VerblĂŒffung derjenigen, die plötzlich entdeckt haben, dass die Partei zwar imaginĂ€r ist, die Polizei aber noch viel weniger, und noch weniger die Genugtuung des Herausgebers dieses Buches, der sich nie hĂ€tte vorstellen können, im Innenministerium eine so effiziente Werbeagentur zu finden. In jedem Fall wurden alle Verhafteten nach einigen Monaten aus dem GefĂ€ngnis entlassen und werden voraussichtlich diesen fĂŒr eine lange Zeit nicht betreten. Wir können daher an dieser Stelle jeden Bezug zu diesem Ereignis schließen, das groteske Konnotationen hatte, da die Verbindung zwischen Der kommende Aufstand und den in Tarnac Verhafteten schließlich das Werk der französischen Justiz war. Es gibt also keinen Grund, sich weiter damit zu beschĂ€ftigen.

Bemerkenswert ist jedoch die kurze Vorbemerkung zur italienischen Ausgabe, in der die „Unsichtbaren Übersetzer“ (wenn man von dem Franchising der Politik spricht 
) nicht zögern, die gerichtliche Untersuchung, von der wir sprechen, als praktische Demonstration des Wertes dieses Textes zu verwenden. Nachdem sie dem angeblichen Autor das Wort erteilt haben, demzufolge „das Skandalöse an diesem Buch ist, dass alles, was darin steht, rigoros und katastrophal wahr ist, und es beweist sich immer mehr“ (Zitat aus einem Interview, das der bekannten subversiven Zeitung Le Monde gewĂ€hrt wurde), kommt der Unsichtbare Übersetzer zu dem bizarren Schluss, dass er nur deshalb verhaftet wurde, weil er verdĂ€chtigt wurde, „das Buch, das du in deinen HĂ€nden hĂ€ltst“, geschrieben zu haben. In ihrer Aufregung behaupten sie, es ĂŒbersetzt zu haben, „weil das, was er sagt, wahr ist, und vor allem, weil er es sagt“. Weshalb man „dem traurigen kleinen Theater der Anti-Terror-Gesetze 
 fast dafĂŒr danken sollte, dass dieses Buch in so großem Umfang, kollektiv und oft unter praktischen Gesichtspunkten gelesen wurde. WĂ€ren sie nicht gewesen, hĂ€tte die Freude, die dieses Buch verbreitet, wahrscheinlich nicht so viele Menschen erreicht“. Was ist von solchen Überlegungen zu halten, die in der Hingabe mit anderen Speichelleckereien der Prositu-Reminiszenz konkurrieren? Vielleicht sollte man sich daran erinnern, dass es nicht das erste Mal ist, dass eine subversive Schrift zur UnterstĂŒtzung einer gerichtlichen Untersuchung verwendet wurde, ohne zum Evangelium zu werden. Das wĂ€re so, als wĂŒrde man behaupten, dass die Verhaftung einiger Stalinisten die Wahrheit der marxistisch-leninistischen Publikationen beweist, oder die einiger Anarchisten die Wahrheit der antiautoritĂ€ren BĂŒcher. Und gleichzeitig zu behaupten, die französische Macht sei nicht beunruhigt durch die Revolten, die das Banlieu entflammen, durch die periodischen radikalen sozialen Bewegungen, durch die direkten Aktionen, die sich im ganzen Gebiet/Territorium ausbreiten, oder durch ein mögliches Zusammentreffen all dieser Ereignisse – ach woher – , sondern durch einen Kommentar dazu, der fĂŒr sieben Euro in jeder Buchhandlung erhĂ€ltlich ist
 dies ist ein typischer Trost gewisser Salonbarrikadisten. Dass die Übersetzer, unsichtbar, aber vor allem daran interessiert, die Repression in einen Werbespot zu verwandeln, sagt nichts ĂŒber dieses Buch, aber viel ĂŒber sie. Vergesst dieses Elend, Der kommende Aufstand wird nicht warten.

Aber von welcher Insurrektion sprechen wir, der ursprĂŒnglichen, die von Frankreich ausgeht, oder der, die an anderen Orten landet, der FanfarenstĂ¶ĂŸe vorausgehen? Lassen wir uns nicht von Erscheinungen tĂ€uschen, denn sie sind ganz und gar nicht dasselbe. Die erste ist der Ausdruck eines Milieus, das in einer Welt der Zombies direkt auf den Erfolg abzielt, indem es den Leichnam der Avantgarde wieder auferstehen lĂ€sst, und stĂŒtzt sich auf die Kulturindustrie. Die zweite, die das Pech hat, in einem Land prĂ€sentiert zu werden, in dem die Revolution vorerst keinen Markt hat, ist gezwungen, den Glanz der Ware mit dem Mantel der Verschwörung zu bedecken. HĂ€tten die italienischen Leser, die diesen Text eifrig lasen, berauscht von dem subversiven ParfĂŒm, das die Bullen (Flic) versprĂŒhten, dasselbe getan, wenn sie ihn in einem Regal bei Feltrinelli mit der Empfehlung eines Insiders als einzige Referenz gefunden hĂ€tten? Das wollen wir bezweifeln. Aber wie auch immer, es ist sinnlos, sich mit dem Thema zu beschĂ€ftigen. Beginnen wir also, uns dem Text ĂŒber seinen Inhalt zu nĂ€hern, außerhalb seines spezifischen Kontextes, auf den wir am Ende kurz zurĂŒckkommen werden. Offensichtlich sind es die Uneinigkeiten und nicht die Einigkeiten, die unsere Aufmerksamkeit erregt haben.

Neben einem Prolog besteht das Buch aus sieben Kreisen und vier Kapiteln. Im ersten Teil fĂŒhrt uns das Unsichtbare Komitee, in dantesquer Verkleidung durch die Hölle der heutigen Gesellschaft und illustriert sie mit zahlreichen Beispielen. Im zweiten Teil stellt es uns das Paradies der Insurrektion vor, die durch die Vermehrung der Kommunen erreicht werden soll. Wenn der erste Teil sehr leicht eine eindeutige Zustimmung erhĂ€lt, mit einem Panoramablick auf die Welt, die uns einen Blick auf die kontinuierlichen VerwĂŒstungen bietet, hinkt der zweite Teil und nicht wenig. Beide haben jedoch ein gemeinsames Merkmal: eine gewisse Unbestimmtheit, die durch den trockenen und zwingenden Stil gut kaschiert wird. Aber sind wir sicher, dass dies ein Mangel ist und nicht, im Gegenteil, eine wesentliche Zutat des Erfolgs dieses Buches?

Als Verfasser eines Essays ĂŒber politische Philosophie, hat das Unsichtbare Komitee eine starke Verachtung fĂŒr Spekulationen und eine ausgeprĂ€gte Neigung zur Praxis. Was auch gut so ist, zumal sie damit den Beifall, sowohl vitaminabstinenter Gelehrter als auch wissenshungriger Aktivisten gewinnen können. In Abgrenzung zu den zahlreichen marxistischen Sekten mag das Unsichtbare Komitee keine großen Analysen, die alles subsumieren und erklĂ€ren und alles erklĂ€ren und subsumieren. Intelligente Analysen, wenn man so will, in Ordnung, aber die sind nach anderthalb Jahrhunderten schon nervtötend. Sie sind unsicher, diskutabel, manchmal sogar erbĂ€rmlich. Es geht ihr nicht darum, die Welt in ihrer Gesamtheit (TotalitĂ€t) zu kritisieren. Aber wie die verschiedenen marxistischen Sekten ist auch das Unsichtbare Komitee geil darauf, ihre eigene Vision durchzusetzen. Da aber heute ein Diskurs, der ernst genommen werden will, weil er auf „wissenschaftlichen“ Annahmen beruht, urkomisch wĂ€re, ist es besser, sich auf etwas anderes zu konzentrieren, besser, ihn als wahr auszugeben, weil er auf Feststellungen beruht. Genug der Analyse, der Kritik, der Studien, macht Platz fĂŒr die Beweise und ihre Granit-ObjektivitĂ€t, die dir direkt in die Fresse schlĂ€gt. So legt das Unsichtbare Komitee mit affektierter Bescheidenheit von Anfang an fest, dass es sich damit begnĂŒgt, „ein bisschen Ordnung in die verschiedenen Allgemein-plĂ€tze dieser Epoche zu bringen, in das, was an den Tischen der Bars, was hinter verschlossenen SchlafzimmertĂŒren gemurmelt wird.“, das heißt, „Sie haben nur die nötigen Wahrheiten fixiert“. Auch sehen sich die Mitglieder nicht als Autoren dieses Buches: „Sie haben sich zu den Schreibern der Situation gemacht. Es ist das Privileg der radikalen UmstĂ€nde, dass die Richtigkeit in logischer Konsequenz zur Revolution fĂŒhrt. Es reicht aus, das zu benennen, was einem unter die Augen kommt, und dabei nicht der Schlussfolgerung auszuweichen.“ Wir wetten, dass ihr sicher nicht daran gedacht habt: Die GemeinplĂ€tze sind die notwendigen Wahrheiten, die umgeschrieben werden mĂŒssen, um den Sinn fĂŒr PrĂ€zision zu wecken, der logischerweise zur Revolution fĂŒhrt. Offensichtlich, nicht wahr?

Wir werden dann in die sieben Kreise eintauchen, in die die zeitgenössische soziale Hölle unterteilt ist, und wir werden nur wenige Ideen zum Nachdenken finden, aber viele GeisteszustĂ€nde zum Teilen. Wie bereits gesagt, vermeiden es die Autoren dieses Textes, ihren Diskurs auf eine Theorie zu stĂŒtzen. Um nicht Gefahr zu laufen, altbacken zu wirken, ziehen sie es vor, das Erlebte in seiner AlltĂ€glichkeit festzuhalten, wo alles familiĂ€r wird, als Gemeinplatz eben. In diesem klaren und gut artikulierten Fluss der alltĂ€glichen BanalitĂ€t – bestehend aus Anekdoten, Witzeleien, WerbesprĂŒchen, Umfragen usw. – jeder findet etwas, in dem er sich wiedererkennt. Bei der apokalyptischen Betrachtung des bevorstehenden Weltuntergangs und der verschiedenen sozialen Bereiche, in denen er sich abspielt, beschrĂ€nkt sich das Unsichtbare Komitee auf die unmittelbar wahrnehmbaren Auswirkungen, wĂ€hrend es ĂŒber die möglichen Ursachen schweigt. In der Tat informiert es uns, dass „ das allgemeine UnglĂŒck wird unertrĂ€glich, sobald es als das erscheint, was es wirklich ist: ohne Grund und Ursache.“ Ohne Ursachen und GrĂŒnde? Man sollte keine radikale Kritik am Bestehenden erwarten, etwa eine Mischung aus kommunistischer Kapitalismuskritik und anarchistischer Staatskritik: Das ist altmodisch und sollte vermieden werden, wenn man originell erscheinen will. Die politische Ohnmacht, der ökonomische Bankrott und der soziale Verfall dieser Zivilisation werden zwar bezeugt, aber immer nur von innen gesehen. Ohne EnttĂ€uschung fĂŒr das, was ist, aber auch ohne jeden Anstoß fĂŒr das, was sein könnte. Deshalb wurde Der kommende Aufstand in Form einer Editions-Ware geboren und ist so konzipiert und geschrieben, dass er das „große Publikum“ erreicht. Und das „große Publikum“ besteht aus Zuschauern, die gierig nach Emotionen sind, die sie an Ort und Stelle und im Verlauf von Situationen konsumieren können, und ist widerspenstig gegenĂŒber Ideen, die einem ganzen Leben einen Sinn geben können. Wenn man das „große Publikum“ verfĂŒhren will, muss man ihm einfache Bilder anbieten, in denen es sich ohne allzu große Anstrengung spiegeln kann (wie die unvergleichlichen italienischen Übersetzer sĂŒffisant erklĂ€ren, „ohne Versprechen auf VerstĂ€ndnis, das am Ende von wer weiß wie vielen Interpretationen erreicht wird“). Es ist fast banal zu erwĂ€hnen, dass der Geist von Guy Debord den gesamten Text heimsucht, der stellenweise auch an Fight Club erinnert. Ja, der berĂŒhmte Film nach dem Roman von Chuck Palahniuk, der fĂŒr seinen „harten, innovativen, nihilistischen Stil“ bekannt ist. Das Unsichtbare Komitee erinnert uns an Edward Norton, der mit einem Ikea-Katalog in der Hand auf der Toilette sitzt und kurz davor ist, zu explodieren und sich in einen wilden Brad Pritt zu verwandeln. Dieselbe „Schizophrenie“, dieselben Phrasen, die aus nĂ€chster NĂ€he abgefeuert werden.

– Dies ist dein Leben, und es endet von Minute zu Minute.

– Nach dem Kampf wird alles in deinem Leben leißer 
 du kannst es nachher mit allem aufnehmen!

– Es war direkt vor jedermanns Nase, Tyler und ich haben es einfach sichtbar gemacht. Es lag jedem auf der Zunge, Tyler und ich gaben ihm einfach einen Namen.

– Mord, Verbrechen, Armut, das sind Dinge, die mir keine Sorgen bereiten. Was mir Sorgen bereitet, sind Promi-zeitschriften, Fernsehen mit fĂŒnfhundert KanĂ€len, der Name eines Mannes auf meiner UnterwĂ€sche, Rogaine, Viagra, Olestra.

– Erst wenn wir alles verloren haben, sind wir frei zu handeln.

– Wir sind die verfluchten Kinder der Geschichte, entwurzelt und ziellos. Wir haben weder einen großen Krieg noch die große Depression erlebt. Unser großer Krieg ist der geistige Krieg, unsere große Depression ist unser Leben.

– Wir sind mit dem Fernsehen aufgewachsen, das uns davon ĂŒberzeugt hat, dass wir eines Tages MillionĂ€re, Filmlegenden oder Rockstars werden wĂŒrden. Aber es ist nicht passiert. Und das wird uns langsam bewusst, was uns sehr sauer macht.

– Ihr seid nicht euer Job, ihr seid nicht euer Girokonto, ihr seid nicht das Auto, das ihr besitzt, ihr seid nicht der Inhalt eurer Brieftasche, ihr seid nicht eure Designerklamotten, ihr seid die singende, tanzende Scheiße der Welt!

– Warum diese GebĂ€ude, warum diese Kreditkartenfirmen? Wenn die Schuldenquote eliminiert wird, gehen wir alle zurĂŒck auf Null. Es wird ein totales Chaos verursachen.


. Und so weiter bis zum Untergang der Metropole.

In diesem Ă€sthetisch-nihilistischen Klima stellt Der kommende Aufstand das Ende des zivilen Zusammenlebens mit der Distanz nach, die sentimentale Liedchen von der Kriegstreiberei des militantesten Rap trennt. Das Ende der Familie zeigt sich in der AtmosphĂ€re von Langeweile und Verlegenheit, die ĂŒber den rituellen gemeinsamen Mahlzeiten liegt. Das Ende der Ökonomie lĂ€sst sich an den Witzen ablesen, die unter den Managern kursieren. Das Ende der StĂ€dte hat die Form einer Werbetafel. Am Ende des siebten Kreises ist das Fazit klar: Wie das Duo Norton/Pitt verdient das Unsichtbare Komitee den ganzen Applaus.

Die Tatsache, dass es nicht so schwierig ist, ĂŒberzeugend zu sein, wenn man nur das tĂ€gliche Grauen beschreibt, dem wir alle zum Opfer fallen, spielt keine Rolle. Und wen kĂŒmmert es, wenn diese lange Reihe objektiver Beobachtungen hier und da ein paar subjektive Ticks offenbart? Komm schon, sei nicht so pedantisch. Knurrt nicht vor der wiederholten Apologie des kollektiven Wir, begleitet von der drĂ€ngenden Verachtung des individuellen Ichs. Das Individuum, das bereits als Inspiration fĂŒr den Reebok abgetan wurde, wird dann als Synonym fĂŒr „IdentitĂ€t“, „Problem“, „Zwangsjacke“ herausgeschmuggelt. Angehende Hirten sonnen sich gerne im Gestank der Herde. Alles, was sie brauchen, um glĂŒcklich zu sein, ist die Beschwörung einer Straßengang oder eines politischen Kollektivs mit ihren AnhĂ€ngern, die kĂ€mpfen und marschieren, um die mafiöser Kontrolle ĂŒber das „Territorium“ zu erpressen. Die Einzigartigkeit ist abzulehnen, weil sie keinen Handlungsspielraum schafft. Der Nullpunkt des Bewusstseins ist die Stille, in der die Slogans am lautesten ertönen, das weiße Papier, auf dem die Aufrufe zum Mitmachen gedruckt sind.

Man sollte auch nicht die Stirn runzeln angesichts der byzantinischen Unterscheidung zwischen der Politik und dem Politiker, angesichts des verzweifelten Versuchs, zu retten, was zu retten ist, nachdem man erkannt hat, dass man Schiffbruch erlitten hat. Das Feuer, das jede Forderung verbrennt, hat ebenso wie die Wut, die jede zivilisierte Konfrontation scheut, sicherlich eine politische Bedeutung. Aber fĂŒr wen? Nicht fĂŒr die anonymen AufstĂ€ndischen, die Tabula Rasa machen und einfach ihren WĂŒnschen freien Lauf lassen wollen. Jedes politische Anliegen gehört nur dem „staatlichen biomechanischen Apparat“. Und schnaubt nicht ĂŒber die Wiederholung dialektischer Spielchen, ĂŒber unvermeidlich ineinandergreifende Spiele, die die Abfolge der Ereignisse zu einem gut geölten Mechanismus machen (wenn fĂŒr Marx und Engels „die Bourgeoisie die Waffen hergestellt hat, die ihren Tod verursachen“, so produziert fĂŒr das Unsichtbare Komitee „die Metropole (
) die Mittel ihrer eigenen Zerstörung.“). Wenn dich das alles an etwas Altes und DĂŒsteres erinnert, dann nur, weil du von alten und dĂŒsteren ideologischen Vorurteilen durchdrungen bist.

Das Unsichtbare Komitee ist sich der Tatsache bewusst, dass „entledigen uns nicht von dem, was uns fesselt, ohne gleichzeitig das zu verlieren, worauf sich unsere KrĂ€fte ausĂŒben könnten “, und hĂ€lt daher eine sorgfĂ€ltige Distanz zu jeder irreduziblen Andersartigkeit. Es ist besser, die „Sezession“ nicht zu ĂŒbertreiben, besser, sie bleibt „politisch“. Diese Gesellschaft sei unbewohnbar geworden, heißt es immer wieder, aber erst nachdem man festgestellt hat, dass sie ihre Versprechen nicht einhĂ€lt. Man fragt sich: Was sonst? Wer weiß, wenn wir nicht, „unserer Sprache enteignet durch die Schule (wurden)“, oder „unserer Lieder durch die Hitparade “, oder „unserer Stadt durch die Polizei“
 vielleicht wĂ€ren wir immer noch glĂŒcklich, in unserer eigenen Welt zu leben. WĂ€hrend wir darauf warten, etwas wiederzuerlangen, was wir nie hatten, können wir leben und kĂ€mpfen, indem wir unsere Eltern ausnutzen („Aus dem, was es an Unbedingtem in verwandtschaftlichen Verbindungen gibt, beabsichtigen wir das GerĂŒst fĂŒr eine politische SolidaritĂ€t zu errichten, die fĂŒr den staatlichen Zugriff so undurchdringbar ist wie ein Zigeunerlager. Sogar in den endlosen Subventionen, die viele Eltern ihrem proletarisierten Nachwuchs zu zahlen gezwungen sind, gibt es nichts, was nicht zu einer Art MĂ€zenentum fĂŒr die soziale Subversion werden könnte.“), oder vielleicht durch die Teilnahme an der Wahlmesse („Diejenigen, die noch wĂ€hlen, scheinen dies nur noch mit der Absicht zu tun, die Urnen durch pure Proteststimmen hochgehen zu lassen. Man fĂ€ngt an zu erraten, dass gegen die Wahlen selbst weiter gewĂ€hlt wird.“). Diese radikalen Philosophen, was fĂŒr Spaßvögel! So sehr, dass sie die konformistischsten ihrer Leser misshandeln, indem sie sie mit der Beschwörung der Feuer des Winters 2005 erschrecken, sie mit der Apologetik der Vorstadt-Lumpen bedrohen, sie mit der Behauptung der praktischen Nutzlosigkeit des Staates ĂŒberraschen und sie sogar beschuldigen, das Leben der Armen zu beneiden.

Wohin soll das alles fĂŒhren? FĂŒr das Unsichtbaren Komitee hat diese Zivilisation nichts mehr zu bieten. Nur, dass es ein Sonnenuntergang ist, der keinen Sonnenaufgang ankĂŒndigt. Wie bei allen Formen des Nihilismus – und bekanntlich reizt nichts radikale Philosophen mehr als der Nihilismus – geht die utopische Spannung verloren. Außerhalb dieser Welt gibt es nur diese Welt. Es gibt keine Lösung, keine Zukunft. Alles, was bleibt, ist eine schnell zerfallende Gegenwart, in der man zumindest ĂŒberleben kann. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn „autonom werden“ fĂŒr die Schriftgelehrten einfach bedeutet, „lernen, auf der Straße zu kĂ€mpfen, sich leere HĂ€user zu nehmen, nicht zu arbeiten, sich wie verrĂŒckt zu lieben und in den SupermĂ€rkten zu klauen.“: eben auf das Schlimmste zu verzichten.

Aber dann, was ist mit der Insurrektion? Was soll’s, jetzt hast du’s kapiert. Nach der Beschreibung eines sozialen Unwohlseins ohne Ursache und Grund kommen wir nun zum zweiten Teil, in dem eine Insurrektion ohne Inhalt angekĂŒndigt wird. Auch hier gibt es von Anfang an eine AnnĂ€herung, die gut genug ist, um alle Gaumen zu befriedigen. Eine Insurrektion, beginnt das Unsichtbare Komitee, „wir können uns nicht mal mehr vorstellen, wo er beginnt“. Von einem Aufstand – es wurde mit Irritation darauf hingewiesen. Naaah, zu prĂ€zise. Es ist besser, die Angelegenheit in der Schwebe zu lassen, um möglichst viele Neugierige anzulocken und die Punkte zu vermeiden, an denen sich die GemĂŒter normalerweise scheiden. Denkst du, dass die Beziehungen zwischen Subversiven auf AffinitĂ€t (d.h. auf einem etablierten Austausch von allgemeinen Perspektiven und Ideen) oder eher auf Zuneigung (d.h. auf einem momentanen Austausch von bestimmten Situationen und GefĂŒhlen) basieren sollten? Keine Angst, das Unsichtbare Komitee braucht nur einen akrobatischen Sprung, um das Hindernis nonchalant zu ĂŒberwinden und sich ĂŒber eine sensationelle Überschneidung zu schwingen („Man hat uns an eine neutrale Idee der Freundschaft gewöhnt, wie reine Zuneigung ohne Konsequenzen. Aber jegliche AffinitĂ€t ist AffinitĂ€t in einer gemeinsamen Wahrheit.“). Der Trick ist einfach. Anstatt von individuellen WĂŒnschen auszugehen, die notwendigerweise vielfĂ€ltig und unterschiedlich sind, genĂŒgt es, von sozialen ZusammenhĂ€ngen auszugehen, die leicht als gemeinsam wahrgenommen werden. Das Unsichtbare Komitee mag keine Ideen, die wir besitzen, es bevorzugt Wahrheiten, die uns besitzen: „Eine Wahrheit ist nicht eine Sicht auf die Welt, sondern das, was uns auf unreduzierbare Art mit ihr verbunden hĂ€lt. Eine Wahrheit ist nichts, was man besitzt, sondern etwas, das einen trĂ€gt.“ Die Wahrheit ist Ă€ußerlich und objektiv, eindeutig und unbestreitbar. Das bevorstehende Ende der Welt um uns herum, zum Beispiel (wobei eine mögliche kĂŒnstliche VerlĂ€ngerung dieses Leidens ignoriert wird). Es genĂŒgt, das GefĂŒhl dieser Wahrheit zu teilen, um sich selbst in PlattitĂŒden wie „entsprechend muss man sich organisieren“ wiederzufinden. Brecht nicht den Bann. Nehmt diese Wahrheit als gegeben hin, dass die Sackgasse der sozialen Ordnung eine Autobahn zur Insurrektion ist, und wagt nicht zu fragen: Wie organisieren? Um was zu tun? Mit wem? Und warum?

Gehörst du zu denjenigen, die glauben, dass die Zerstörung der alten Welt unvermeidlich und die Vorstufe zu einer echten sozialen Umgestaltung ist? Oder bist du vielleicht davon ĂŒberzeugt, dass es durch die unmittelbare Entstehung neuer Lebensformen gelingen wird, die alten autoritĂ€ren Modelle zu entmachten, so dass eine direkte Konfrontation mit der Macht ĂŒberflĂŒssig wird? Kein Problem, denn das Unsichtbare Komitee ist wieder einmal in der Lage, mit dem Finger in der Wunde, Spannungen zu versöhnen, die schon immer gegensĂ€tzlich waren. Es hofft auf „eine Vielfalt von Kommunen, welche die Institutionen des Staates ersetzen wĂŒrden: die Familie, die Schule, die Gewerkschaft, den Sportverein, etc..“, und stellt die Theorie auf, „die AnonymitĂ€t, in die wir abgeschoben wurden, zu unserem Vorteil zu wenden und daraus, mittels der Verschwörung, der nĂ€chtlichen oder vermummten Aktion, eine unangreifbare Position des Angriffs zu machen“. Die fehlende Peinlichkeit der Schriftgelehrten, die die Evidenz begrĂŒnden, ist peinlich. Es stimmt, dass die Geschichte der revolutionĂ€ren Bewegung ein unermessliches Arsenal ist, theoretisch und praktisch, das es zu plĂŒndern gilt. Aber die Leichtigkeit, mit der sie jahrhundertealte Knoten auflösen, ist erstaunlich, weil sie die Frucht einer so groben Manipulation ist. Beobachten wir, wie sie den Begriff „Kommune“ in einen ideologischen UniversalschlĂŒssel verwandeln, der ihnen alle TĂŒren öffnen kann. Um UnterstĂŒtzung aus dem ganzen bunten Feld der Unzufriedenen zu gewinnen, sowohl unter den Feinden dieser Welt (fĂŒr die die Kommune ein Synonym fĂŒr das aufstĂ€ndische Paris von 1871 ist) als auch unter den Alternativen zu dieser Welt (fĂŒr die die Kommune die glĂŒckliche Oase in der WĂŒste des Kapitalismus ist), machen sie sich selbst zu SĂ€ngern einer „Kommune“, die sie ĂŒberall sehen: „Jeder wilde Streik ist eine Kommune, jedes kollektiv besetzte Haus, das auf einer klaren Basis steht, ist eine Kommune, die Aktionskomitees von 68 waren Kommunen, so wie es die Cimarrones geflohener Sklaven in den Vereinigten Staaten waren, oder Radio Alice in Bologna im Jahre 1977“. Und was noch? „Die Kommune ist die elementare Einheit der RealitĂ€t der Partisanen. Eine aufstĂ€ndische Erhebung ist vielleicht nichts anderes als eine Vervielfachung der Kommunen, ihrer Verbindungen und ihres Zusammenspiels. Im Lauf der Ereignisse verschmelzen die Kommunen zu grĂ¶ĂŸeren Einheiten oder splittern sich auf. Zwischen einer Bande von BrĂŒdern und Schwestern, verbunden »auf Leben und Tod«, und der Zusammenkunft einer Vielzahl von Gruppen, Komitees und Banden um die Versorgung und Selbstverteidigung eines Stadtteils, oder sogar einer aufstĂ€ndischen Region, gibt es nur einen Unterschied im Umfang, sie sind ununterscheidbar Kommunen.“ NatĂŒrlich sind alle KĂŒhe gleich grau.

Es ist unglaublich, sich daran erinnern zu mĂŒssen, dass die Debatte ĂŒber das VerhĂ€ltnis zwischen revolutionĂ€rem Bruch und dem Experimentieren mit alternativen Lebensformen zu dem von den herrschenden sozialen VerhĂ€ltnissen auferlegten einzigen Modell mindestens bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zurĂŒckreicht. In Italien manifestierte sie sich vor allem in den Diskussionen um die Kolonie Cecilia, wĂ€hrend sie in Frankreich in den existenziellen Entscheidungen zweier BrĂŒder, Emile und FortunĂ© Henry, zum Ausdruck kam (entschuldigung, aber jeder hat seine eigene Geschichte zu erzĂ€hlen. Anders als das Unsichtbare Komitee denken wir an Anarchisten). Der erste der BrĂŒder, der die Worte von Alexander Herzen „Wir bauen nicht auf, wir zerstören; wir verkĂŒnden keine neuen EnthĂŒllungen, wir zerstören alte LĂŒgen“ beherzigte, ging nach einigen BombenanschlĂ€gen an den Galgen; der zweite grĂŒndete die Kolonie Aiglemont. Die AusdrĂŒcke der Frage sind seitdem fast unverĂ€ndert geblieben: Kann eine neue Lebensform nur wĂ€hrend insurrektionlistischer BrĂŒche entstehen oder auch außerhalb davon? Sind es die Barrikaden, die das Unmögliche möglich machen, indem sie jahrhundertealte Gewohnheiten, Vorurteile und Verbote außer Kraft setzen, oder kann dieses Unmögliche tĂ€glich am Rande der herrschenden Entfremdung ausgekostet und genĂ€hrt werden?

Das Unsichtbare Komitee ist wie die Tugend: Es ist immer in der Mitte. Wie die heutigen Verfechter der „nicht-staatlichen Öffentlichkeit“ (von den arrogantesten anarchistischen Militanten bis hin zu den gerissensten „disobbedienti“ Negrianern) behauptet es, dass „indem sie der staatlichen Kartographie ihre eigene Geographie aufzwingt, sie verschwimmen lĂ€sst, sie löscht, produziert die lokale Selbstorganisierung ihre eigene Sezession“. Doch wĂ€hrend die ersten in der fortschreitenden Verbreitung von Erfahrungen der Selbstorganisation eine Alternative zur insurrektionalen Hypothese sehen, schlĂ€gt das Unsichtbare Komitee eine strategische Integration von Wegen vor, die bis jetzt als getrennt betrachtet wurden. Nicht mehr die Sabotage oder der GemĂŒsegarten, sondern Sabotage und der GemĂŒsegarten. TagsĂŒber pflanzen sie Kartoffeln, nachts fĂ€llen sie Strommasten. Die TagesaktivitĂ€t wird mit der Erfordernis gerechtfertigt, nicht von den Leistungen abhĂ€ngig zu sein, die heute vom Markt und vom Staat erbracht werden, und somit eine gewisse materielle Autonomie zu gewĂ€hrleisten („Wie können wir uns ernĂ€hren, wenn alles lahmgelegt ist? Die GeschĂ€fte zu plĂŒndern, wie dies in Argentinien gemacht wurde, hat seine Grenzen“), die nĂ€chtliche durch die Erfordernis, den Fluss der Macht zu unterbrechen („Die erste Geste, damit etwas mitten in der Metropole hervorbrechen kann, damit sich andere Möglichkeiten eröffnen, besteht darin ihr Perpetuum Mobile zu stoppen.“). Mitgerissen vom Enthusiasmus fĂŒr diese brillante Kombination, die noch nie zuvor in den Köpfen eines RevolutionĂ€rs aufgetaucht war, fragen sich die Schreiber, nachdem sie vorgeschrieben haben, dass „Die sich ausbreitende Bewegung der Bildung von Kommunen muss diejenige der Metropole unterirdisch ĂŒberholen.“: „Warum können sich die Kommunen nicht ins Unendliche vermehren? In jeder Fabrik, in jeder Straße, in jedem Dorf, in jeder Schule. Endlich die Herrschaft der Basiskomitees!“. Die Antwort auf diese Frage ist am 11. November 2008 in Tarnac leicht zu erkennen: Die kommende Polizei. Ohne jegliche OriginalitĂ€t greift das Unsichtbare Komitee die alte, in den 1970er Jahren aktive Illusion einer „bewaffneten Kommune“ wieder auf, d.h. einer Kommune, die sich nicht in der Verteidigung ihres eigenen befreiten Raums verschanzt, sondern zum Angriff auf die anderen RĂ€ume ĂŒbergeht, die in den HĂ€nden der Macht bleiben. Dies ist jedoch aus mindestens zwei GrĂŒnden nicht machbar.

Der erste ist, dass eine Kommune außerhalb eines insurrektionalistischen Kontextes in einem der ZwischenrĂ€ume lebt, die die Herrschaft leer lĂ€sst. Ihr Überleben hĂ€ngt von ihrer Harmlosigkeit ab. Solange es darum geht, Zucchini in BiogĂ€rten anzubauen, Mahlzeiten in VokĂŒs zuzubereiten, Kranke in selbstverwalteten Kliniken zu behandeln, ist alles gut. Manchmal braucht man jemanden, der die UnzulĂ€nglichkeiten der sozialen Dienste ausgleicht. Schließlich ist ein Parkplatz fĂŒr Randgruppen/Marginalisierte abseits der glitzernden Schaufenster des Stadtzentrums praktisch. Aber sobald man sich auf die Suche nach dem Feind macht, Ă€ndert sich alles. FrĂŒher oder spĂ€ter klopft die Polizei an die TĂŒr und die Kommune endet oder wird zumindest kleiner. So viel zum Thema „Synchronisierung“ der Metropole! Alle Kommunen, die das Bestehende angegriffen haben, waren nur von kurzer Dauer.

Der andere Grund, warum der Versuch, „bewaffnete Kommunen“ außerhalb einer Insurrektion zu verallgemeinern, vergeblich ist, sind die materiellen Schwierigkeiten, mit denen sich solche Erfahrungen konfrontiert sehen, die in der Regel eine Unzahl von Problemen vor sich herschieben, begleitet von einem chronischen Mangel an Ressourcen. Da nur einige wenige Privilegierte in der Lage sind, jedes Problem so schnell zu lösen wie das Ausstellen eines Schecks (oder dessen Unterzeichnung durch die Mamas und Papas der Subversion), sind die Teilnehmer der Kommune fast immer gezwungen, ihre gesamte Zeit und Energie fĂŒr das interne „Funktionieren“ der Kommune aufzuwenden. Kurz gesagt, um in der Metapher zu bleiben, neigt einerseits die TagesaktivitĂ€t mit ihren Anforderungen dazu, alle KrĂ€fte zu Lasten der NachtaktivitĂ€t zu absorbieren; andererseits neigt die NachtaktivitĂ€t mit ihren Folgen dazu, die TagesaktivitĂ€t zu gefĂ€hrden. Am Ende prallen diese beiden Spannungen aufeinander. Als FortunĂ© Henry eine intensive PropagandatĂ€tigkeit begann, die dazu fĂŒhrte, dass er nicht mehr in Aiglemont war, sah er sein soziales Experiment in kĂŒrzester Zeit scheitern (und niemand bedauerte es). Die französischen illegalistischen Anarchisten des frĂŒhen 20. Jahrhunderts hatten in der Kolonie Romanville gelebt, aber erst nach dem Scheitern dieses Gemeinschaftsversuchs und ihrer RĂŒckkehr nach Paris wurden sie zu den „Autobanditen“.

Um es klar zu sagen. Damit soll die Wichtigkeit und der Wert solcher Experimente nicht negiert werden. Es bedeutet nur, sie nicht mit einer Bedeutung und Tragweite zu ĂŒberladen, die sie nicht haben können. Malatesta formulierte 1913: „Wir haben nichts dagegen einzuwenden, dass einige GefĂ€hrten versuchen, ihr Leben so zu gestalten, wie sie es wollen, und das Beste aus den UmstĂ€nden zu machen, in denen sie sich befinden. Aber wir protestieren, wenn Lebensweisen, die nur Anpassungen an das gegenwĂ€rtige System sind und sein können, als anarchistisch dargestellt werden und, schlimmer noch, als Mittel zur Umgestaltung der Gesellschaft, ohne auf die Revolution zurĂŒckzugreifen.“ Ein In-vitro-Experiment, das begrenzt und umgrenzt ist, kann sicherlich gute Hinweise liefern und unter bestimmten UmstĂ€nden mehr als nĂŒtzlich sein, aber es stellt an sich keine Befreiung dar.

Das Konzept der Kommune auf alle rebellischen Manifestationen auszudehnen und ihre Summe mit einer Insurrektion gleichzusetzen, wie es das Unsichtbare Komitee tut, ist ein instrumenteller Trick, um das Problem zu umgehen und seinen Werbeslogan ĂŒberall durchzusetzen. Wenn die Summe der subversiven Praktiken die Insurrektion ist, dann ist diese ĂŒberhaupt nicht im Kommen: Sie ist schon da, sie war schon immer da. Hast du sie noch nicht bemerkt? Statt einer Feststellung, die Freude verbreitet, scheint sie uns ein Trost zu sein, der SelbstgefĂ€lligkeit verbreitet. Im rhetorischen Jargon könnte man es vielleicht als Metonymie bezeichnen, wobei ich mich fĂŒr die TrivialitĂ€t entschuldige. Laienhaft ausgedrĂŒckt, ein Austausch von Begriffen wie der, der darin besteht, den Namen der Ursache fĂŒr den der Wirkung, das BehĂ€ltnis fĂŒr den Inhalt, das Material fĂŒr das Objekt zu verwenden
. Diese Verwirrung ist fĂŒr das Unsichtbare Komitee nĂŒtzlich, denn sie erlaubt es ihm, sowohl denjenigen zu schmeicheln, die auf die Befriedigung alltĂ€glicher BedĂŒrfnisse abzielen, als auch denjenigen, die utopische WĂŒnsche verwirklichen wollen ( „Schlussendlich hĂ€tte man die Wut nie von der Politik lösen sollen.“), sowohl diejenigen zu umschmeicheln, die sich dem „die Biologie des Plankton (
) zu verstehen“ verschrieben haben, als auch diejenigen, die Probleme haben wie „Wie können eine TGV-Linie oder ein Stromnetz unbrauchbar gemacht werden? Wie können die Schwachstellen der Computer-Netzwerke gefunden, wie die Radiofrequenzen gestört und die Flimmerkiste wieder zum Rauschen gebracht werden?“ Indem das Unsichtbare Komitee mit seinem praktischen Wesen prahlt – ein nobles Ziel, dem sich niemand zu widersetzen wagt – ĂŒberspielt es alle Fragen, die zu Unstimmigkeiten fĂŒhren könnten, und reibt sich die HĂ€nde ĂŒber die „politische Fruchtbarkeit“, die es erreicht hat. Es wettert lautstark gegen diese Zivilisation und sagt kein Wort darĂŒber, wofĂŒr es kĂ€mpft. Das praktische Ergebnis dieser Haltung? „Wir haben die Feindschaft gegenĂŒber der Zivilisation, um weltweit SolidaritĂ€ten und Fronten aufzuspĂŒren.“ WĂ€re die Feindseligkeit gegenĂŒber dieser Zivilisation nĂ€mlich von der Leidenschaft fĂŒr eine Existenz frei von jeglicher Form von Herrschaft begleitet, wĂ€ren all diese gemeinsamen Fronten nicht möglich: Wer wĂŒrde schon ein BĂŒndnis mit einem Konkurrenten der Macht eingehen?

Wenn nicht mal das Warum, das Was, geschweige denn das Wie ausgedrĂŒckt wird! Auch hier wird das Vermeiden in ein stilistisches Gewand gekleidet: „Geht es darum, ĂŒber Aktionen zu entscheiden, so könnte das Prinzip lauten: Jeder holt eigene Erkundungen ein, die Übereinstimmung der Nachrichten wird geprĂŒft, und die Entscheidung wird von alleine kommen, ergreift uns mehr, als wir sie ergreifen.“ Es ergibt also keinen Sinn, Zeit mit langwierigen Debatten ĂŒber die zu wĂ€hlende Methode und das zu verfolgende Ziel zu vergeuden, die leider zu Meinungsverschiedenheiten fĂŒhren: Lasst uns alle umherwandern und die Entscheidung wird sich von selbst ergeben. Schön, strahlend und gĂŒltig fĂŒr alle. Wenn du dann etwas Klarheit brauchst, sieh dir ihre historischen Referenzen an und lass deiner Fantasie freien Lauf. Auch wenn es heißt: „Das Feuer von November 2005 bietet dafĂŒr das Vorbild“, scheint die Aktion, die den Schreibern vorschwebt, eher die einer von Blanqui angefĂŒhrten Black Panther Party zu sein. Wenn du denkst, dass sie einem avantgardistischen, autoritĂ€ren Mischmasch Ă€hnelt, dann bist du hoffnungslos alt und ĂŒberholt/ausrangiert. Da du dich nicht mit flĂŒchtigen QualitĂ€ten wie der „Dichte“ der Beziehungen oder dem „Geist“ der Gemeinschaft zufrieden geben kannst, wirst du die literarische Beschreibung dessen, was bei einer Insurrektion passieren könnte, mit der das Buch endet, vielleicht sogar als ekelerregend empfinden! Wir haben bereits auf die mangelnde PrĂ€zision hingewiesen, mit der dieser Text verfasst ist, was keineswegs sein Hauptmanko, seine schwache Seite ist, wie einige in ihrer Rezension behauptet haben. Im Gegenteil, es scheint seine StĂ€rke zu sein. Der kommende Aufstand ist auf der Höhe der Zeit und absolut zeitgemĂ€ĂŸ. Er besitzt die begehrtesten Eigenschaften des Augenblicks, er ist flexibel und elastisch, er passt sich allen UmstĂ€nden (im subversiven Milieu) an. Er prĂ€sentiert sich gut, hat Stil und spricht jeden an, weil er es jedem ein bisschen recht macht, ohne dass es jemandem bis zum Ende missfĂ€llt. Unter diesem Gesichtspunkt ist es ein ausgesprochen politisches Buch.

Abschließend noch ein paar Worte zu dem Kontext, aus dem dieses Buch stammt. Frankreich ist bekanntlich das Vaterland der Revolution und der Liebe. Aber auch der kulturellen Avantgarde. Das Futuristische Manifest, das als Ahnherr der Avantgarde gilt, wurde dort veröffentlicht; die Situationistische Internationale, die als deren letzter Ausdruck gilt, war dort aktiv. Das Unsichtbare Komitee ist der Nekromant dieser fauligen Tradition, die revolutionĂ€re Spannungen und die Einnahme von LebensmittelverkĂ€ufen miteinander verbinden möchte (indem es die Ersteren in den Dienst der Letzteren stellt). Wie seine VorgĂ€nger macht es lediglich Themen publik, die schon immer von Einzelpersonen und Gruppen fernab und im Schutz der kulturellen und politischen BĂŒhne behandelt wurden. Nachdem es aus den unterschiedlichsten Quellen des revolutionĂ€ren Erbes geschöpft und die einzelnen Elemente gut miteinander vermischt hat, runzelt es die Stirn, als es diese schillernde subversive Mischung einem Publikum von Konsumenten von radikalem Nervenkitzel prĂ€sentiert und sich seiner OriginalitĂ€t rĂŒhmt. Das Unsichtbare Komitee ist zwar ĂŒber die WidersprĂŒche aufgeklĂ€rt, in die sich seine VĂ€ter/Paten verstrickt haben, folgt ihnen aber sowohl in der Tat als auch im Wort. Das Ergebnis ist ein Text, der von einem kommerziellen Verlag veröffentlicht wird, der aber gleichzeitig vor „kulturellen Milieus“ warnt, deren Aufgabe es ist, „alle aufkeimenden IntensitĂ€ten aufzuspĂŒren und den Sinn dessen, was Ihr tut, zu unterschlagen“. Einerseits wird es von der FNAC zum Buch des Monats gewĂ€hlt, andererseits warnt es, dass „die Literatur ist in Frankreich der Raum, den man selbstherrlich zur Unterhaltung der Kastrierten zugelassen hat. Sie ist die formelle Freiheit, die denen gewĂ€hrt wurde, die sich nicht an die Nichtigkeit ihrer realen Freiheit gewöhnen“. Aber wie bereits erwĂ€hnt, braucht eine revolutionĂ€re Bewegung, die von dem Wunsch beseelt ist, einen Bruch mit der bestehenden Ordnung zu erreichen, keine BestĂ€tigung der sozialen Ordnung, die sie kritisiert. Überlassen wir den Opportunisten aller Couleur die Heuchelei, das, was in Wirklichkeit Kollaboration ist, als rĂŒcksichtsloses Eindringen in Feindesland zu bezeichnen. Es ist eine seltsame Idee der Abspaltung und der Autonomie von den Institutionen, die empfiehlt, einen Fuß in sie zu setzen und ohne zu zögern an ihr teilzunehmen.

Wir sind uns darĂŒber im Klaren, dass die Fans dieses Buches Grund zur Freude haben: Nachdem die US-Ausgabe, die von Semiotext(e), einem auf poststrukturalistische französische Theorie spezialisierten Verlag, gedruckt wurde, von M.I.T. Press vertrieben wird (zum Preis von nur 12,95 $), verspricht der Erfolg dieses Buches planetarisch zu werden. Und worauf ist dieser Erfolg zurĂŒckzufĂŒhren? Trotz der Assonanzen, die darin zu finden sind, ist Der kommende Aufstand, in die Schaufenstern aller Buchhandlungen kommend, nur die Karikatur und Kommodifizierung jener Insurrektion, die sie alle zerschlagen könnte.

[1] A.d.Ü., im Falle von Sol dell’Avvenire, handelt es sich um einen italienischen Dokumentarfilm aus dem Jahr 2008, ĂŒber ehemalige Mitglieder der Roten Brigade und deren Geschichte, Erinnerungen, etc.

[2] A.d.Ü., L’Insurrection qui vient

[3] Anmerkung aus der englischen Übersetzung, „in dem Material was ich auf Englisch gelesen habe, ist der französische Innenminister soweit gegangen es als ein „Handbuch des Terrorismus“ zu bezeichnen.

[4] A.d.Ü., hier handelt es sich um eine sozialdemokratische Tageszeitung aus Frankreich.

[5] A.d.Ü., Prositu oder Pro-situ ist ein Begriff der eine NĂ€he zu den Situationistischen Internationale verkĂŒndet, kann sowohl negativ, wie positiv, verwendet werden.

[6] A.d.Ü., jeder kennt die AusdrĂŒcke Salonkommunisten oder Salonanarchistin, also jene die anstatt die Revolution machen, nur darĂŒber reden und sich selbst gerne zuhören, in diesem Falle fĂŒhren die Autoren einen Neologismus ein und prĂ€sentieren eine Ă€hnliche parasitĂ€re Figur, nĂ€mlich den „barricaderi da salotto“, also den Salonbarrikadisten.

[7] Das grĂ¶ĂŸte Verlagshaus Italiens, das wiederum große, ĂŒber das ganze Land verteilte Buchhandlungen besitzt.

[8] A.d.Ü., alle Zitate aus dem Film selbst.

[9] A.d.Ü., wir denken dass die Autoren und Autorinnen dieses Textes dies meinten: „Mit der Entwicklung der großen Industrie wird also unter den FĂŒĂŸen der Bourgeoisie die Grundlage selbst hinweggezogen, worauf sie produziert und die Produkte sich aneignet. Sie produziert vor allem ihren eigenen TotengrĂ€ber. Ihr Untergang und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich.“ Karl Marx und Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei

[10] A.d.Ü., hier handelt es sich um einen Wortspiel, fiera elettorale bedeutet eine Wahlmesse, aber auch eine Wahlbestie, da fiera sowohl Messe, als auch Bestie bedeutet.

[11] A.d.Ü., gemeint sind die AnhĂ€nger und AnhĂ€ngerinnen von Toni Negri.

[12] A.d.Ü., im Originaltext wird der Begriff inoffensività verwendet, was als nicht-offensiv auch verstanden werden sollte.

[13] A.d.Ü., FNAC ist eine große Kette von Buchhandlungen.

[14] A.d.Ü., zur Ware werden.




Quelle: Anarchistischebibliothek.org