MĂ€rz 19, 2021
Von Anarchistische Bibliothek
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Wer sich mit primitivistischen ErzĂ€hlungen auseinandersetzt, die*der mag oft den Eindruck erlangen, dass es sich hier um eine (vermeintlich) sĂ€kularisierte ErzĂ€hlung vom Paradies handelt, aus dem – der in der westlichen – christlichen – Zivilisation verbreiteten Version der ErzĂ€hlung nach – Adam und Eva einst vertrieben wurden, weil sie gesĂŒndigt hatten. Und tatsĂ€chlich scheint die ErbsĂŒnde, im Primitivismus die Zivilisation, fortan allen Menschen den Zugang zu diesem Paradies zu verwehren. Und so kommt es auch, dass – in der ein oder anderen Form – Christentum ebenso wie Primitivismus die mögliche und doch vom Individuum eher unbeinflussbare Wiederkehr dieses Paradieses in der Zukunft verheißen, freilich nur, wenn es gelingt, ein sĂŒndenfreies Leben gemĂ€ĂŸ den einschlĂ€gigen Regeln zu fĂŒhren.

Was den einen jedoch der industrielle Kollaps ist, das ist den anderen wiederum der technologische Fortschritt. Und wĂ€hrend die einen auf einer linearen und scheinbar alternativlosen Zeitschiene zurĂŒck wollen, wollen andere nichts anderes als nach vorne. Und zuweilen frage ich mich da, in welche Richtung der Nebel, der die Sicht verschleiert, wohl dichter ist und ob der Blick nicht gerade dort, wo die Sicht eigentlich klar zu sein scheint, eher Zeuge einer Fata Morgana geworden ist. WĂ€hrend ich Wolfi Landstreichers „Eine Kritik, kein Programm: FĂŒr eine nicht-primitivistische, antizivilisatorische Kritik“ hinsichtlich des Primitivismus nicht viel hinzuzufĂŒgen habe, so scheint es mir dennoch notwendig, jenen, die dem Primitivismus vor allem deshalb zu zĂŒrnen scheinen, weil er ihre liebgewonnenen zivilisatorischen „Errungenschaften“ in Frage stellt, eine Verteidigungsrede entgegen zu schleudern.

Vor allem scheint im hiesigen Kontext, an dem viele antizivilisatorische Debatten aus anderen Kontexten bislang weitestgehend spurlos vorbei gegangen zu sein scheinen, der fast nur abwertend gebrauchte Begriff „Primitivismus“ hĂ€ufig synonym zu antizivilisatorischen Positionen verwendet zu werden. Mit diesem offensichtlichen und selbsterklĂ€renden Irrtum will ich mich eigentlich an dieser Stelle gar nicht weiter befassen und doch deutet diese Verwechslung bereits darauf hin, mit welcher Form der Kritik wir es hier eigentlich zu tun haben, wenn hier oder dort mal wieder ausgiebig ĂŒber den Primitivismus, der ja einfach „zurĂŒck in die Steinzeit“ wolle, gelĂ€stert wird.

Nun, dass eine der ausfĂŒhrlichsten verschriftlichten deutschsprachigen Kritiken am Primitivismus als Transkript eines FAU-Vortrags in der weitestgehend pro-zivilisatorischen Zeitschrift Gai Dao veröffentlicht wurde (Kritik des Anarcho-Primitivismus in Gai Dao Nr. 28, 2013), mĂŒsste ja nicht notwendigerweise bedeuten, dass diese kompletter Unfug ist. Und doch ist sie es. Der vermeintlichen „Grundannahme“ des Primitivismus, dass „Gesellschaften ohne Technologie prinzipiell egalitĂ€r organisiert wĂ€ren“, wird auf platteste Art und Weise ein „Dem aktuellen Stand der Forschung nach 
“ entgegengehalten, dem zwar die sicher plausible Annahme folgt, dass es sowohl egalitĂ€re als auch hierarchische Gesellschaften gegeben hĂ€tte, fĂŒr die jedoch trotzdem jegliche Quellenangabe fehlt (Eine einen Beleg suggerierende Fußnote verweist schlicht ins Nirvana). Da wĂŒnscht eine*r den Verfasser*innen dann doch insgeheim eine wĂŒtende Debatte mit den ebenfalls forschungs- und expert*innenfixierten Primitivist*innen. Doch der eigentliche Hammer folgt direkt im Anschluss:

„Hinter dieser Annahme steckt das alte Konzept des „edlen Wilden“, welches in der europĂ€ischen AufklĂ€rung entstand und davon ausging, dass der Mensch ursprĂŒnglich in einem primitiven Naturzustand lebte wie Adam und Eva im Paradies, frei von allen negativen Eigenschaften. Dieses Konzept entbehrt nicht nur jeder faktischen Grundlage, sondern ist auch eine hochgradig eurozentristische und rassistische Zuschreibung, die historisch von Weißen an Nicht-Weiße gerichtet wurde. Diese Zuschreibung wurde unter anderem zur Legitimierung des Kolonialismus genutzt, als Weiße es sich zur Aufgabe machten, die als „Wilde“ betrachteten Menschen zu missionieren, auszubeuten und westlichen Vorstellungen zu unterwerfen. Dies wird von Anarcho-Primitivist*innen zwar nicht befĂŒrwortet, die Grundannahme ist jedoch die gleiche.“

WĂ€hrend man Primitivist*innen sicherlich vorwerfen kann, dass sie sogenannte „primitive“ Gesellschaften romantisieren, dass sie die Beziehungen lebender Menschen abstrahieren und zu einem Ideal erheben, dass sie eine paradiesische Vorstellung des unzivilisierten Lebens verbreiten, so ist es doch absurd, sie in Zusammenhang mit der „Legitimierung des Kolonialismus“ zu bringen, wo sie sich doch explizit auf die andere Seite stellen. Aber lassen wir doch die „Primitivist*innen“ – meines Wissens nach nannte sich Fredy Perlman nie selbst so, aber ich lasse mir hier fĂŒr den Moment eingehen, dass er als solcher bezeichnet werden mag – selbst antworten:

Die Vorfahren der Zeks verrichteten weniger Arbeit als ein*e Firmenbesitzer*in. Sie wussten nicht, was Arbeit ist. Sie lebten in einem Zustand, den J.J. Rousseau den “Naturzustand” nannte. Rousseaus Begriff sollte wieder allgemein gebrĂ€uchlich werden. Er erregt die GemĂŒter derjenigen, die in R. Vaneigems Worten Kadaver in ihren MĂŒndern tragen. Er macht die RĂŒstung sichtbar. Sage “Naturzustand” und du kannst die Kadaver hervorscheinen sehen.

Bestehe darauf, dass “Freiheit” und “Naturzustand” Synonyme sind und die Kadaver werden versuchen dich zu beißen. Die GefĂŒgigen, die Domestizierten versuchen das Wort Freiheit fĂŒr sich zu beanspruchen; sie wollen es auf ihren eigenen Zustand anwenden. Sie verwenden das Wort “wild” fĂŒr die Freien. Aber es ist ein weiteres offenes Geheimnis, dass die GefĂŒgigen, die Domestizierten gelegentlich wild werden, aber niemals frei sind, solange sie in ihrem Gehege bleiben.

– Fredy Perlman in „Against His-story, Against Leviathan!“ –

Noch Fragen?

Weiter wird in dem Text kritisiert, der Primitivismus lehne allzu große Gemeinschaften ab, da damit unweigerlich Hierarchien einher gehen wĂŒrden. Als Gegenbeispiel dient den Verfasser*innen ausgerechnet die „CNT-FAI, die ihre egalitĂ€ren Strukturen auch mit einer siebenstelligen Mitgliederzahl noch aufrechterhalten“ hĂ€tte. So egalitĂ€r waren diese Strukturen, dass die CNT-FAI im Jahre 1936 die Regierung stellte. Nun, was soll man dazu noch sagen? Insbesondere wenn „[d]er Autor [
] zudem der Meinung [ist], dass die Organisierung großer Menschenmengen auch ĂŒber weite Entfernungen hinweg durch die Nutzung moderner Kommunikationsmittel wesentlich erleichtert wird.“ Sicher hat er damit recht, aber ist die Organisierung großer Menschenmengen nicht eigentlich eher ein autoritĂ€res Prinzip? Und selbst wenn man das mal nicht unterstellen will, bleibt der Autor eine ErklĂ€rung schuldig, warum er gedenkt, dass die „Nutzung moderner Kommunikationsmittel“ die Beziehungen der Menschen nicht, wie sicher jede*r antizivilisatorische Kritiker*in, auch die primitivistischen, argumentieren wĂŒrde, so sehr prĂ€gt und entfremdet, dass man darin sicher keinen Beitrag mehr zu einer herrschaftsfreien Gesellschaft sehen kann. Oder wenn ich mir hier die Worte von GĂŒnther Anders ĂŒber eine andere Epoche, die von den damals modernen Massenkommunikationsmitteln bestimmt wurde, ausborge:

Der Faschismus wÀre ohne Radio nicht möglich gewesen. Allein durch dieses konnten Goebbels und Co. Millionen gleichzeitig zum Hören und das bedeutet: zum Gehorchen zwingen. Die erfolgreiche Herstellung der Menschenmasse (gar der, die garnicht zusammenkommen braucht), verdanken wir den Medien. Technik ist zur Bedingung der Politik geworden.

– GĂŒnther Anders in „Die Antiquiertheit der Erfahrung und des Alters“ –

Man könnte sich vermutlich Absatz fĂŒr Absatz am Text der Ziviliationsverteidiger*innen in der Gai Dao entlanghangeln und jeder Behauptung ein weitaus ĂŒberzeugenderes Zitat primitivistischer oder anderer Zivilisationskritiker*innen gegenĂŒberstellen. Aber weil es ja nicht so sehr um die konkrete Widerlegung eines einzelnen, armseligen Versuchs der Kritik gehen soll, will ich mich hier auf nur eine weitere, meiner Meinung nach paradigmatische und hochaktuelle Passage beschrĂ€nken:

„Anarchist*innen sind hingegen ĂŒberwiegend der Meinung, dass die meisten Technologien genutzt werden können, um das Leben der Menschen zu verbessern, bspw. durch die Verbesserung von Hygiene, ErnĂ€hrung, medizinischer Versorgung und durch die Reduzierung von Arbeit. Aus diesem Grund ist die Nutzung und Adaption vorhandener Technologien fĂŒr den Aufbau einer herrschaftsfreien Gesellschaft eine uralte anarchistische Forderung.“

Mag sein, dass irgendwelche Spinner*innen, die sich in den Gefilden der Kadaver von FAU und FdA herumtreiben, ĂŒberwiegend dieser Auffassung sind. Was ist das aber auch fĂŒr ein quantitatives Argument? Vorhandene Technologien „fĂŒr den Aufbau einer herrschaftsfreien Gesellschaft“ zu nutzen und das auch noch ohne zuvor die Zivilisation zu zerstören, das mag vielleicht eine „uralte anarchistische Forderung“ mancher sein, sie ist jedoch ungefĂ€hr so naiv, wie der offenbar in der FAU verbreitete Glaube, dass Fabriken nur in die HĂ€nde der Arbeiter*innen ĂŒbergeben werden mĂŒssten und schon wĂŒrden sich alle Probleme der Gesellschaft in Luft auflösen. Technologie ist immer das Produkt der sie umgebenden gesellschaftlich-zivilisatorischen Strukturen und als solche kann sie auch ĂŒberhaupt nur nĂŒtzlich sein, diese Strukturen zu reproduzieren. Was nĂŒtzt mir etwa ein Auto, wenn ich keinerlei Erdöl fördere oder zur VerfĂŒgung habe, oder wenn es gar keine Straßen gibt? Was nĂŒtzt mir ein Kernkraftwerk oder ein Kohlekraftwerk oder auch ein „grĂŒnes“ Wasser-, Wind- oder Solarkraftwerk, wenn ich doch gar nicht weiß, was ich mit all der produzierten Energie anfangen soll? Und wenn ich nun Straßen (wieder)errichte, (wieder) Erdöl fördere und mit all der ĂŒberschĂŒssigen Energie (wieder) irgendwelchen Scheiß produziere, den keine*r braucht, inwiefern unterscheidet sich meine „neue“ Gesellschaft dann noch von der alten? Vielleicht werde ich dann von einem „Arbeiterrat“ statt einem Parlament regiert und verwaltet, – oder schlimmer noch – vielleicht verwalte ich mich sogar selbst, aber in jedem Fall kann ich doch nicht von mir behaupten, dass ich nun „frei“ wĂ€re, oder? WĂŒrde sich meine neue „Freiheit“ nicht darauf beschrĂ€nken, das gleiche wie vorher zu tun und es nur statt „Ausbeutung“ eben „Freiheit“ getauft zu haben?

Aber auch wenn solche prozivilisatorischen Vorbehalte gegenĂŒber dem Primitivismus zu ĂŒberwiegen scheinen, ist es doch uninteresssant, sich mit ihnen weiter auseinanderzusetzen. Spannender ist es, die Argumente der linken Kritiker*innen des Primitivsimus zu betrachten, die sich selbst tatsĂ€chlich als antizivilisatorisch verstehen. Nur tut man sich hier schwer, eine ausformulierte Kritik am Primitivismus zu finden. So findet man beispielsweise in der Einleitung der DELETE von capulcu die Überschrift „Technologiekritik ist Herrschafts- und Zivilisationskritik – Kein Primitivismus!“, sucht dann aber im darauf folgenden Absatz erfolglos nach einer tieferen Auseinandersetzung mit dem Primitivismus. Mehr noch, man vermisst eigentlich auch jegliche antizivilisatorischen Positionen im darauf folgenden Absatz. Einmal wird das Thema dann doch noch einmal aufgegriffen – oder sagen wir besser: gestreift –, nĂ€mlich im Artikel „Strategien im Widerstand“ unter der UnterĂŒberschrift „Alternativen“:

Wir brauchen Alternativen. Wir mĂŒssen akzeptieren und verstehen, warum so viele Menschen spezifische Technologien nutzen (wollen). Nur so können wir analoge UND digitale (ja, wir wollen nicht zurĂŒck in die Steinzeit) Alternativen aufbauen, die eine WirkmĂ€chtigkeit gegen Lenkung, EntmĂŒndigung und EntfĂ€higung entfalten. FĂŒr uns sind alternative Infrastruktur, Tools und digitale Selbstverteidigung Teile unseres Widerstands. Aber Alternativen sind nicht rein technischer Natur. Wie verĂ€ndert der Digitalismus unsere Beziehungen und Kommunikation, unsere Verbindlichkeit und VerlĂ€sslichkeit? Wie können wir dem auch ganz analog begegnen?

Was soll diese stĂ€ndige Abhandlung in Randbemerkungen, Fußnoten und NebensĂ€tzen des Primitivismus? Traut man sich eine differenzierte Abgrenzung nicht zu? Will man diese nicht leisten oder hĂ€lt man es nicht fĂŒr nötig? Es ist ja nicht so, dass eine solche bereits irgendwo existieren wĂŒrde und man sich folglich immer wieder auf diese bezöge. Und wie kommt es, dass „digitale Alternativen“ (zu was eigentlich) hier der „Steinzeit“ gegenĂŒbergestellt werden? Vertritt man auch bei capulcu die Theorie, dass die Geschichte ein linearer Zeitstrahl wĂ€re, auf dem man sich entweder voran oder zurĂŒck bewegen könne? Zumindest fragt man sich das umso mehr, wenn man den Untertitel der DIVERGE liest: „Abweichendes vom rĂŒckschrittlichen ‚Fortschritt’“. Ist man dem Fortschrittsgedanken doch so sehr verbunden, dass man darauf angewiesen ist, den Fortschritt, mit dem man selbst uneinverstanden ist, in AnfĂŒhrungszeichen zu setzen und ihn als „rĂŒckschrittlich“ zu bezeichnen? Aber zurĂŒck zu der GegenĂŒberstellung von „digitalen Alternativen“ und der „Steinzeit“. „Alternative Infrastruktur“ und „Tools“, inwiefern sind sie Teil eines Widerstands gegen – sagen wir – Zivilisation? Ich denke das bleibt vor allem deshalb so vage, weil es auch capulcus schwer fĂ€llt, diese Begriffe mit Inhalt zu fĂŒllen. Ist etwa TAILS als ein „alternatives Tool“ eine Alternative, von der ich wollen kann, dass sie einen von mir gewollten Zerstörungsprozess ĂŒberdauert? Ich denke nicht, ebensowenig wie ich, auch wenn ich diese fĂŒr meinen Widerstand benötige, Schusswaffen fĂŒr eine geeignete „Alternative“ zum Bestehenden halte. Aber ich denke daher kommt auch die falsche Opposition aus Digitalem und Steinzeit. Daher, dass man sich letztlich doch nicht so ganz von der Vorstellung verabschieden will, dass man fĂŒr eine Zukunft streiten könnte, in der ich nicht mal eben kurz etwas auf Wikipedia nachschlagen kann, ja in der vielleicht sĂ€mtliche Bibliotheken auseinandergerissen oder niedergebrannt wurden. Ich will hier gar nicht die unterschiedlichen – mehr oder weniger ausdifferenzierten, konkretisierten und naiven – Zukunftsvisionen des Primitivismus und der, die vielleicht einige capulcus haben könnten, gegeneinander aufwiegen, sondern lediglich die Vermutung Ă€ußern, dass diese Haltung gegen den Primitivismus eben nicht aus einer Ablehnung seines utopischen Gehalts an sich, sondern eher aus einer inhaltlich anderen Utopievorstellung resultieren mag.

Was capulcu hier schriftlich festhĂ€lt, bzw. was ich ihnen unterstelle zu meinen, das beobachte ich besonders verbal ziemlich hĂ€ufig, ganz besonders in den linken Gefilden des Anarchismus. Und ein ums andere Mal habe ich das GefĂŒhl, dass ein „wir wollen nicht zurĂŒck in die Steinzeit“ dafĂŒr herhalten muss, spezifische Kritiken des Primitivismus eben nur scheinbar zu widerlegen. Denn nur weil ich nicht „zurĂŒck in die Steinzeit“ will, bedeutet das ja mitnichten, dass eine Kritik an Landwirtschaft, Arbeitsteilung, Sprache und Kultur, usw., wie sie von Primitivist*innen in der Regel herausgestellt wird, falsch ist.

Und auch wenn ich selbst sehr skeptisch gegenĂŒber ErzĂ€hlungen bin, die statt darzulegen, weshalb diese oder jene Entwicklung die Entstehung von Herrschaft begĂŒnstig(t)en, einfach nur einen Abgleich mit einem „primitiven“ Ideal leisten, so gibt es doch auch all die anderen ErzĂ€hlungen von – selbstbezeichnenden und von außen so bezeichneten – Primitivist*innen, die – meiner Meinung nach – recht plausibel darlegen, warum Landwirtschaft, Arbeitsteilung, Sprache und symbolisches Denken, etc. die Entstehung von Herrschaft begĂŒnstigt haben (könnten). All das – und hĂ€ufig zusĂ€tzlich noch all die anderen antizivilisatorischen Kritiken – einfach in einem Nebensatz Ă  la „wir wollen nicht zurĂŒck in die Steinzeit“ beiseitezuwischen, halte ich fĂŒr eine unwĂŒrdige Auseinandersetzung.

Und genau gegenĂŒber diesem – meiner Beobachtung nach weit verbreiteten – Reflex verteidige ich die analytischen Positionen des Primitivismus, genauso wie gegen diejenigen prozivilisatorischen Spinner*innen, die nicht einmal begriffen haben, wovon sie reden!

[1] Bei alldem will ich mich gar nicht darauf einlassen, selbst Stellung dazu beziehen, ob es nun einmal ein „Goldenes Zeitalter“ gegeben haben mag, fĂŒr das unzĂ€hlige kulturhistorische Indizien zu existieren scheinen. Kann ja sein, dass das Leben der nichtzivilisierten Menschen einmal paradiesisch war, kann auch sein, dass sie das auch einfach immer schon gerne gehabt hĂ€tten und sie das deshalb in ihre Vergangenheit projiziert haben, ich kann das heute nicht mehr sagen und ich will meine Zeit auch nicht damit verschwenden, das herauszufinden. Es geht mir vielmehr darum, dass zumindest eine unmittelbare Wiederkehr eines solchen paradiesischen Zustands durch die Zerstörung der Zivilisation nicht plausibel, nicht realistisch ist und tatsĂ€chlich ja auch von Primitivist*innen gar nicht behauptet. Aber wenn ich einer Theorie – der primitivistischen – zufolge auf das Paradies nur als Wiederkehr in hunderten von Jahren zu hoffen vermag, dann gibt mir das keinen Wert, keine Perspektive, keinen Ausgangspunkt. FĂŒr eine weitere AusfĂŒhrung dazu verweise ich auf Wolfi Landstreicher „Eine Kritik, kein Programm: fĂŒr eine nicht-primitivistische Zivilisationskritik“.




Quelle: Anarchistischebibliothek.org