September 22, 2021
Von Anarchistische Bibliothek
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Ist es dir schon einmal passiert, dass Personen in deiner NĂ€he dich fragen, ob es in Ordnung sei, wenn sie neben dir etwas essen, wenn sie ihr Oberteil ausziehen, wenn sie rauchen, usw.? Und ganz ehrlich, was hast du dir dann gedacht? Dachtest du: „Oh, das ist aber nett, dass du mich fragst, das finde ich sehr rĂŒcksichtsvoll von dir“, oder dachtest du eher „Du Opfer, kannst du nicht einmal essen/rauchen/entspannen, ohne dass du dafĂŒr das EinverstĂ€ndnis aller brauchst?!“ Auf die Gefahr hin, dass ich den folgenden Text spoilere: Wenn du dich aufrichtig ĂŒber die RĂŒcksichtnahme der fragenden Person gefreut hast, dann wird dir der folgende Text mit hoher Wahrscheinlichkeit gar nicht gefallen. Aber das ist doch kein Grund, die LektĂŒre hier abzubrechen, oder?

Zugegeben: NatĂŒrlich ist das Ganze kein Entweder-Oder. Ich habe kein Problem damit, wenn Menschen aufeinander RĂŒcksicht nehmen, ich kann verstehen, dass in bestimmten Kontexten die Angst davor, etwas falsches zu tun, so bestimmend ist, dass die Frage um Erlaubnis weniger das Verlangen nach Zustimmung ausdrĂŒckt, sondern vielmehr ein Ausdruck der Unsicherheit ist und manchmal erkundige ich mich selbst bei anderen Menschen, ob sie mit bestimmten Handlungen gerade einverstanden sind oder nicht. Und doch habe ich zumindest in bestimmten Kontexten den Eindruck, dass vor lauter ritualisierter und sinnentleerter RĂŒcksichtnahme aufeineinander eine Situation kreiert wird, in der strengere Regeln herrschen und Fehlverhalten schĂ€rfer sanktioniert wird, als in der ĂŒbrigen Gesellschaft. Jaja, ich weiß, dass ich das sage muss daran liegen, dass ich in beinahe jeder Hinsicht privilegiert wĂ€re und mir die Einsicht fehle, dass eine solche Stimmung notwendig ist, um sichere RĂ€ume fĂŒr weniger Privilegierte zu schaffen, blablabla, alles langweilige und altbekannte Versuche vom Thema abzulenken. Und nur keine Sorge, Menschen wie ich meiden diese RĂ€ume meistens und stören nicht den Frieden eurer fantastischen Parallelwelt. Jede*r, wie es ihr*ihm gefĂ€llt. Wenn dieses ganze Polizieren aber von sich behauptet es wĂ€re anarchistisch, wenn das ganze Wettgeeifere, wer der vorsichtigste Elefant im Porzellanladen ist, dazu dient, neue AutoritĂ€ten zu begrĂŒnden und wenn alle, die dieses lĂ€cherliche Spiel nicht mitspielen wollen, zunehmend als eigentlich autoritĂ€r abgestempelt und auf die ein oder andere Art und Weise gezwungen werden sollen, sich den neuen Regeln des Opferdaseins zu unterwerfen, dann scheint es mir an der Zeit, die Illusion einer konfliktfreien Welt, in der es fĂŒr alles einen Konsens gibt und geben mĂŒsse zu zerstören und beim Namen zu nennen: Sie ist nichts weiter als eine neue Form der Herrschaft.

Konsens. Das ist ein Wort mit vielen verschiedenen Bedeutungen. Allgemein meint es wohl das EinverstĂ€ndnis aller Beteiligten mit irgendetwas. Konsensuale SexualitĂ€t beispielsweise beschreibt eine Idealvorstellung von SexualitĂ€t, bei der immer sichergestellt wird, dass alle Beteiligten mit allen Handlungen einverstanden sind. Und auch wenn ich oft eher den Eindruck habe, dass Konsens in diesem Kontext ein Lippenbekenntnis ist, das vermeidet, sich damit auseinandersetzen zu mĂŒssen, dass es keine reine, konfliktfreie und rein positive SexualitĂ€t gibt, habe ich im Grunde nichts gegen Konsensuale SexualitĂ€t einzuwenden. Schließlich beschreibt Konsens hier das EinverstĂ€ndnis aller Beteiligten eines notwendigerweise willentlichen Akts der Interaktion. Aber das Prinzip Konsens wird hĂ€ufig auch auf Situationen ĂŒbertragen, in denen eine Interaktion zwischen Personen nicht notwendigerweise willentlich stattfindet. Wenn ich beispielsweise etwas essen oder rauchen oder mein Oberteil ausziehen oder – toppaktuell – keine Maske tragen möchte, sich in meiner Umgebung aber andere Personen befinden, die entsprechend sehen, hören und riechen, was ich tue und denen etwas davon missfallen könnte, so stellt dies einen Konflikt widerstreitender BedĂŒrfnisse dar, bei denen es jedoch keinerlei Notwendigkeit gibt, diese in Einklang zu bringen. Es mag teilweise friedliche Lösungen fĂŒr diese Konflikte geben, es mag etablierte Normen geben, die Lösungen fĂŒr diese Konflikte vorschreiben bzw. vorsehen und es mag nett von mir sein, wenn ich meine Bereitschaft zeige, eine friedliche Lösung fĂŒr diese Konflikte zu finden. Aber selbst wenn ich mich nicht an eine dieser Normen halte, wenn ich keine friedliche Lösung akzeptiere und keine Bereitschaft zeige eine solche zu finden, so ĂŒbe ich durch mein Verhalten keinerlei Herrschaft ĂŒber andere Menschen aus. Wer aber umgekehrt der Meinung ist, es wĂ€re meine Pflicht, auch in solchen Situationen einen Konsens zu finden und andernfalls das essen/rauchen/mich entkleiden zu unterlassen, die*der beweist doch umgekehrt, dass er*sie irgendein BedĂŒrfnis dazu hat, andere Menschen zu zwingen nach seinen*ihren Vorstellungen zu handeln. Und wĂ€hrend schon diese Konsensvorstellung letztlich nichts anderes als eine Regel beschreibt, bei der es in der Verantwortung des*der Regelbrecher*in liegt, sich um Legitimation fĂŒr diesen Regelbruch zu bemĂŒhen, gibt es auch Situationen in denen der Begriff Konsens ganz unverblĂŒmt an die Stelle des Begriffs Verhaltenskodex tritt.

Aktionskonsens, anarchistischer/antifaschistischer/linker Grundkonsens, Gruppenkonsens, usw., all das sind Begriffe, die immer dann, wenn von ihnen Gebrauch gemacht wird, eigentlich keinen Konsens, sondern vielmehr einen Non-sense beschreiben. Ermahnungen wie „Bitte haltet euch an den Aktionskonsens“ und Feststellungen wie „Er*sie hat sich nicht an den Aktionskonsens gehalten“, erfreuen sich trotz ihres paradoxen Sinngehalts in gewissen Kreisen einer ĂŒberraschenden Beliebtheit und mĂŒssen zuweilen gar als Legitimation fĂŒr unterschiedlich geartete Sanktionierungen herhalten. Zugleich enttarnen manche Entscheidungsprozesse von Gruppen/Organisationen, bei denen Entscheidungen entweder „im Konsens“ getroffen werden sollen und wenn das „nicht möglich“ sei, mit z.B. einfacher „Mehrheit“, was der Begriff „Konsens“ wenigstens in diesem Zusammenhang eigentlich meint.

Wenn du nĂ€mlich ein „Troll“ bist, die*der sich unseren Vorstellungen auch nach aller zumutbarer Überzeugungsarbeit nicht fĂŒgen will, dann torpedierst du unser schönes Konsensprinzip und hinderst uns daran, unsere Vorstellungen zu verwirklichen, deshalb ĂŒberstimmen wir dich dann einfach. So oder so Ă€hnlich scheint die Angelegenheit von solchen Leuten gesehen zu werden. Und gerade dann, wenn man Gefahr lĂ€uft, dass man selbst beispielsweise im Zweifel ĂŒberstimmt werden könnte, weil möglicherweise viele Leute zu einer „Aktion“ oder einem Camp oder sonstwohin kommen könnten, die das fragliche anders sehen, so bedient man sich eines anderen Kniffs. Man legt den „Aktionskonsens“ oder die Camp-/Veranstaltungs-Verhaltensregeln einfach im Vorhinein, d.h. im kleinen Kreis der Organisator*innen/Möchtegern-AnfĂŒhrer*innen fest und weist diese einfach als Konsens aus. Ein Konsens also, zu dem die meisten Personen nie befragt wurden, geschweige denn ihre Zustimmung gegeben haben.

Aber ich will hier gar nicht allzu sehr herumargumentieren, dass das ja eigentlich kein Konsens sei, weil ich es im Grunde egal finde. Es verhĂ€lt sich ein bisschen, wie Stirner es vielleicht formulieren wĂŒrde:

„DĂ€chte man sich auch selbst den Fall, daß jeder Einzelne im Volke den gleichen Willen ausgesprochen hĂ€tte und hierdurch ein vollkommener „Gesamtwille“ zu Stande gekommen wĂ€re: Die Sache bliebe dennoch dieselbe. WĂ€re ich nicht an meinen gestrigen Willen heute und ferner gebunden? Mein Wille in diesem Falle wĂ€re erstarrt. Die leidige StabilitĂ€t! Mein Geschöpf, nĂ€mlich ein bestimmter Willensausdruck, wĂ€re mein Gebieter geworden. Ich aber in meinem Willen, Ich, der Schöpfer, wĂ€re in meinem Flusse und meiner Auflösung gehemmt. Weil ich gestern ein Narr war, mĂŒĂŸte Ich’s zeitlebens bleiben. So bin Ich im Staatsleben besten Falls – ich könnte ebensogut sagen: schlimmsten Falls – ein Knecht Meiner selbst. Weil ich gestern ein Wollender war, bin Ich heute ein Willenloser, gestern freiwillig, heute unfreiwillig.“

Oder kĂŒrzer und vielleicht einfacher ausgedrĂŒckt: Wenn irgendetwas ohnehin den Willen aller (Beteiligter) widerspiegelt, wozu es dann aufschreiben, festhalten oder aussprechen. Wenn ein Konsens wirklich Konsens ist, ist es dann nicht absolute Zeitveschwendung ĂŒberhaupt davon zu reden? FĂŒr viele offensichtlich nicht. Aber sind sie nicht eigentlich Wollende, die danach trachten, ihren Willen aufzuschreiben, nur um morgen Willenlose zu werden? Oder wollen sie vielleicht andere zu Willenlosen machen?

Aber wozu sich selbst und andere zu Willenlosen machen? Wozu dieser Konsens, nach dem so viele zu trachten scheinen? Warum seine Zeit damit verbringen, irgendwelche Regeln aufzustellen, die – vorausgesetzt einer*einem ginge es wirklich um eine konsensuale Einigkeit – selten den Prozess ihres Entstehens ĂŒberdauern werden? UnabhĂ€ngig davon, wie all die in die Welt hinaus postulierten Konsense zustande kamen, kann vielleicht ein Blick auf deren weitere Verwendung hier Aufschluss geben. Wo immer es einen postulierten Konsens gibt, scheint es auch eine oder mehrere Personen zu geben, denen an der Verbreitung dieses Konsenses (durch Plakate, etc.) gelegen ist und auch Personen (meist dieselben), die auf die allseitige „Einhaltung“ dieses Konsenses achten und im Falle von RegelverstĂ¶ĂŸen zumindest fĂŒr Ermahnung, gelegentlich auch fĂŒr Sanktionierung sorgen. „Du hast wiederholt gegen unseren Konsens verstoßen, du bist hier nicht lĂ€nger willkommen.“ Wer kennt diesen Satz nicht? Aber wĂ€re nicht etwas wie „Verpiss dich, ich habe keine Lust mehr auf dich“ oder „Ich glaube deine Ideen passen mit den meinen nicht zusammen, ich finde du solltest gehen“ nicht um ein Vielfaches ehrlicher? Aber wo bliebe da die Legitimation des eigenen Handelns? WĂ€re es dann nicht genauso legitim bzw. illegitim, wenn die andere Person antworten wĂŒrde „Verpiss dich doch selber“? Ja, wĂ€re es. Aber wo ist das Problem? FĂ€llt es wirklich so schwer sich einzugestehen, dass das eigene Handeln und die eigenen Vorstellungen keinen universellen Wahrheitsgehalt beanspruchen können? FĂ€llt es wirklich so schwer, nicht das „richtige“ zu tun, sondern vielmehr das, was den eigenen Vorstellungen entspricht? Braucht das eigene Handeln wirklich die Legitimation des „objektiv Richtigen/Sinnvollen“ bzw. der Mehrheitsauffassung der Gruppe? Und wie passt das dann noch mit dem im Zusammenhang mit Konsens so oft zitierten „Minderheitenschutz“ zusammen, wenn sich am Ende doch der „Konsens“ seiner (vermeintlich) mehrheitlichen BefĂŒrworter*innen gegen die (vermeintliche) Minderheit seiner Opponent*innen richtet?

Konsens in diesem Sinne scheint also eine KollektivitĂ€t zu meinen, die sich gegen diejenigen Individuen richtet, die aufgrund bestimmter Einstellungen/Eigenschaften außerhalb dieser KollektivitĂ€t verortet werden. Statt die sich ergebenden Konflikte offen auszutragen, wird mit dem Verweis auf einen Konsens der Konflikt verschĂŒttet und stattdessen ein anderer, gĂ€nzlich uninteressanter und letztlich herrschaftsvoller Konflikt ausgetragen, nĂ€mlich der der Gruppe gegen ein die Einheit störendes Element. Der eigentliche Anlass tritt dabei meist in den Hintergrund und gar nicht so selten kommt es vor, dass die Verteidiger*innen des Konsens vom ursprĂŒnglichen Konflikt gar nichts wissen oder bloß GerĂŒchte gehört haben, also fĂŒr eine Sache streiten, ohne sich ĂŒberhaupt ein eigenes Bild verschafft zu haben. Aber so ist das schließlich in der utopischen Welt des Konsens: Dissens hat darin keinen Platz.

Bei all der Hingabe so vieler Menschen, sich irgendwelche hirngespinstigen Utopien einer „besseren Welt“ oder einer „befreiten Gesellschaft“ auszumalen, in der fĂŒr jede*n Menschen bereits ein Platz vorgesehen ist, und diese dann noch als „anarchistisch“ zu verkaufen, frage ich mich zuweilen dennoch, woher es eigentlich kommt, dabei auch noch einen „Konsens“ realisieren zu wollen. Wer bist du, du Utopist*in, dass du glaubst, andere wĂŒrden deine Wahnvorstellung einer schönen neuen Welt doch tatsĂ€chlich als ihre eigene Utopie ĂŒbernehmen? Und selbst wenn du meist bei anderen Utopist*innen abgeschaut haben dĂŒrftest, so wird dir doch hoffentlich klar sein, dass zumindest die Menschen, fĂŒr die du (in der Regel) die repressiven Organe deiner neuen Gesellschaft vorgesehen hast, wohl kaum deinen „Konsens“ teilen dĂŒrften. Oder gibt es in deiner Vorstellung einer Gesellschaft das Verbrechen gar nicht mehr?

Schaut man sich an, welche Institutionen bzw. „Strukturen“ heute (bei Camps und Veranstaltungen) und in Zukunft dafĂŒr sorgen sollen, dass der Konsens auch ein Konsens bleibt, so findet man die altbekannten autoritĂ€ren Institutionen wieder: Awareness-Teams, Transformative Justice Gruppen oder „Antifaschistische Schutztruppen“, wie es wenig verschleiert in gewissen sozialrevolutionĂ€ren Programmen heißt. AuffĂ€llig finde ich dabei, dass all diese VorschlĂ€ge einer gemeinsamen oder wenigstens Ă€hnlichen, provokanterweise könnte man sagen konsensualen, Analyse zu entspringen scheinen: Einer in ihrer AusprĂ€gung meist liberalen Privilegientheorie, die die Einteilung von Menschen aufgrund von IdentitĂ€ten in Privilegierte und Unterprivilegierte/Diskriminierte zumindest vielfach befĂŒrwortet und die Menschen so als von ihrer IdentitĂ€t determiniert behandelt. Freilich ist der Konsens einer solchen Analyse dann in der Regel, dass Diskriminierungen nicht geduldet werden, ebenso wie das nur allzu schwammige nicht „die eigenen Privilegien checken“, das gar keine konkrete Diskriminierung einer anderen Person erfordert, sondern schlicht darin bestehen kann, vorzuschlagen sich selbst gegen Diskriminierungen, Übergriffe, usw. zur Wehr zu setzen, anstatt dafĂŒr Institutionen wie beispielsweise Awareness-Teams, Transformative Justice-Gruppen oder „Antifaschistische Schutztruppen“ zu grĂŒnden oder diese in Anspruch zu nehmen.

AuffĂ€llig ist dabei, dass die Institutionen, die also hĂ€ufig einen autoritĂ€ren und kollektiven Regelwerk-Konsens verteidigen, den Begriff Konsens zugleich auch auf der individuellen Ebene, also von Individuum zu Individuum verwenden. Wer kennt sie nicht, die platten und nichtssagenden Awarenessplakate „Nein heißt Nein“ , wie sie in so vielen RĂ€umen (kriminal-)“prĂ€ventiv“ aushĂ€ngen. Hier geht es um konsensuale SexualitĂ€t und fĂŒr all diejenigen, von denen die Urheber*innen des Plakats wohl glauben, dass sie zu blöd wĂ€ren, zu verstehen, was das heißt, finden sich darauf ErklĂ€rungen wie „Eine schlafende Person kann niemals zustimmen!“, ganz so als wĂŒrde das irgendwer glauben. Aber ich denke es gibt einen Grund, warum so gut wie alle Materialien zum Thema konsensuale SexualitĂ€t entweder banal und oberflĂ€chlich sind oder – bzw. meist zusĂ€tzlich – auf die fieseste Art pĂ€dagogisch. Wer etwa glaubt, die BefĂŒrchtung mancher Personen, fĂŒr den propagierten „konsensualen“ Sex dieser Art mĂŒsse man eigentlich jedes Mal vorher ein Formular ausfĂŒllen und unterzeichnen, sei ĂŒbertrieben und Ausdruck einer Abneigung gegen konsensualen Sex, der*die sollte sich mal die „Ja, Nein, Vielleicht-Liste“ ansehen, die von zahlreichen Awareness-BefĂŒrworter*innen verbreitet wird. Immerhin fehlt das Unterschrifts-Feld am Ende, aber ansonsten erinnert das Ganze durchaus an ein behördliches Formular. Das mag manch eine*r vielleicht fĂŒr ein erotisches Vorspiel halten, soetwas auszufĂŒllen – was allerdings wenigstens nicht der erklĂ€rte Zweck der Liste ist –, ich bin mir jedoch sicher, fĂŒr die meisten ist es das nicht. Und das alleine ist Grund genug, so eine Liste niemals auszufĂŒllen. Außerdem zeigt diese Liste die Armut der Vorstellung von SexualitĂ€t ihrer BefĂŒrworter*innen auf und wirft dabei die Frage auf, inwiefern die engstirnigen Vorstellungen von SexualitĂ€t solcher Leute sich nicht einfach in die gesellschaftliche PrĂŒderie einreihen.

Aber das „Nein heißt Nein“-Plakat und die „Ja, Nein, Vielleicht-Liste“ sind nur Beispiele dafĂŒr, wie wenig es selbst den BefĂŒrworter*innen einer ausdrĂŒcklich konsensualen SexualitĂ€t gelingt, diesen Begriff mit Inhalt zu fĂŒllen. Ist das vielleicht ein Hinweis darauf, dass das Ganze nur ein Lippenbekenntnis fĂŒr etwas ist, von dem man einfach hofft, dass es schon funktionieren wird? Ich meine woher kommt der Optimismus, dass man einfach immer nur fragen mĂŒsse, ob man jemanden hier berĂŒhren, da ablecken oder dort kĂŒssen dĂŒrfe und schon hĂ€tte man eine konsensuale SexualitĂ€t geschaffen, bei der eigentlich nichts mehr schief gehen könne und wenn doch, ja dann 


Zu gerne wĂŒrde ich einmal sehen, wie eine der Personen, die immer meinen „ich weiß nicht was daran so schwer sein soll, einfach immer vor jedem Schritt zu fragen“, diesen dĂ€mlichen Tipp in die Praxis umsetzt. Und das ist kein Argument dafĂŒr, einfach draufloszuficken, weils ja eh keine konsensuale SexualitĂ€t gibt. Nur woher kommt dieser Optimismus, SexualitĂ€t mit all den gesellschaftlichen Stigmata und Erwartungshaltungen, all den Idealen und Normen, all der Entfremdung und all der Überhöhung sei etwas, das ganz einfach konsensual ablaufen wĂŒrde, wenn man eine dreischrittige Anleitung befolgt. Diese Vorstellung ist höchstens VerdrĂ€ngung derjenigen, die sich ja, indem sie RĂ€ume betreiben/gestalten, in denen vorrangig orgiastische Balzveranstaltungen stattfinden und in denen „PC“ mehr als irgendwo sonst „fĂŒr Pussy Crushing“ zu stehen scheint, selbst in die Reihen derer begeben, die SexualitĂ€t zu dem machen, was sie in dieser Gesellschaft zu sein scheint.

Um diese Utopie aufrechtzuerhalten ist es notwendig von Zeit zu Zeit zu vertuschen, dass es eben nicht immer einen Konsens gab, gibt und geben wird – und zwar weder auf individueller Ebene zwischen zwei Individuen, noch auf einer kollektiven Ebene. Und das geschieht dann eben durch den Ausschluss derjenigen, die diese Utopie stören. Derjenigen, die bezichtigt werden ĂŒbergriffig gewesen zu sein – was ja nicht ausschließt, dass sie es tatsĂ€chlich gewesen sein mögen –, ebenso wie derjenigen, die den „Konsens“ dieser Gemeinschaft an Utopist*innen gelegentlich in Frage stellen. Wozu da ĂŒberhaupt einen Unterschied machen?

Anstatt vom Ideal eines Konsenses auszugehen ist es vielleicht sinnvoller, zunĂ€chst einmal die RealitĂ€t des Konflikts anzuerkennen und statt der Hoffnung alle Konflikte zu einem Konsens zu fĂŒhren, ja fĂŒhren zu mĂŒssen, sich damit anzufreunden Konflikte auszutragen. Und wer weiß, vielleicht stellt sich dann ja tatsĂ€chlich in vielen Konflikten der vielbeschworene Konsens ein. Ein individueller Konsens jedoch, der eine Lösung fĂŒr diese Konflikte darstellt, nicht ein normativer Konsens, der diese verschĂŒttet.

[1] Es mag wenige Ausnahmen geben, in denen das fĂŒr die beschriebenen Verhaltensweisen nicht gelten muss, beispielsweise, wenn ich in einer Situation, in der eine andere Person keine Möglichkeit hat, Abstand zu mir zu halten und obwohl sie mich darauf hingewiesen hat, etwas esse, was bei dieser Person in der fraglichen Distanz erhebliche allergische Reaktionen auslöst, kann man sich durchaus darĂŒber streiten, ob ich dann Herrschaft ausĂŒbe oder nicht. Aber solche seltensten Ausnahmen will ich hier getrost außen vor lassen.

[2] http://defma.blogsport.de/images/dt_v2_2_p.pdf

[3] http://queertopia.blogsport.de/images/JaNeinVielleichtListe.pdf




Quelle: Anarchistischebibliothek.org