Juni 13, 2022
Von Anarchistische Bibliothek
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Vorbemerkung:

Der Begriff „klandestin“ bedeutet so viel wie „unbeobachtet“, „ im Verborgenen befindlich“ oder „geheim gehalten“. Der Begriff kann sowohl als Adjektiv als auch als Adverb gebraucht werden. „ Heimlich“, „diskret“ oder „geheim“ konnen als Synonyme fur klandestin verwendet werden. Klandestin ist auf das franzosische clandestin, beziehungsweise das lateinische clandestinus (heimlich) zuruckzufuhren.

Die italienische Erstausgabe dieses Buches erschien im September 2003 unter dem Titel In Incognito, Esperienze che sfiano l’identificazione (Cuneo) . Es existieren Übersetzungen auf Flamisch (ed. Typemachine), Englisch (Elephant editions), Franzosisc h (Nux-Vomica/Mutines SĂ©ditions) und eine Teilubersetzung auf Spanisch (Armiarma).

Diese Ausgabe basiert mehrheitlich auf der französischen Übersetzung. ErgĂ€nzend wurden die Texte «Auf der Flucht vor der Zukunft…» und «Ein Jahr vor … und zwei zurĂŒck…» aufgenommen. Die erste Auflage von 400 Stuck wurde im Winter 2018 gedruckt, die zweite Auflage von 500 Stuck wurde im Herbst 2019 gedruckt.

INKOGNITO – Erfahrungen, die sich der Identifizierung entziehen

Einleitung zur Erstausgabe

Dieses Buch spricht von Der KlandestinitĂ€t . Ein Lichtstrahl ins Dunkel, ein Sprung ins Unbekannte des Geheimnisses, in diese Paralleldimension, wo oft selbst das, was gesagt werden könnte, nicht gesagt wird. Aufgrund ĂŒbertriebener Vorsichtsmaßnahmen, aufgrund von Angst oder weil man die KlandestinitĂ€t wie eine Frage behandelt, die uns nicht betrifft. Oder auch in gewissen Milieus und im schlimmsten Falle aus rein politischem KalkĂŒl.

Und dennoch, selbst wenn man diese Welt nur oberflĂ€chlich betrachtet, zeigt sie sich uns nicht wie eine trostlose WĂŒste, sondern vielmehr ist sie bevölkert von lebenden Wesen, von Erfahrungen und Ideen, ganz nah den unseren, in den miserabelsten und faszinierendsten Aspekten unseres Alltags, Seite an Seite mit unseren sehnsĂŒchtigsten Verlangen und unseren leidenschaftlichsten WachtrĂ€umen.

Die hier zusammengestellten Texte erzÀhlen von dieser Welt, bringen einige Stimmen unter vielen anderen hervor. Stimmen deren Ton, deren Emotionen und deren Aussagen gewisse Variationen in sich tragen, die sich aber alle in der Dimension der KlandestinitÀt bewegen oder bewegt haben.

Erfahrungen, die selbstbestimmt, ebenso wie aus GrĂŒnden, die außerhalb des eigenen Willens liegen, gemacht wurden. FĂŒr einige waren es Erfahrungen, die aus einem Parcours revolutionĂ€rer KĂ€mpfe resultierten, fĂŒr so viele andere aber, die auf den Pfaden der Ausbeutung und der GrĂ€uel der Grenzen nicht einmal mehr ihre Ausweispapiere zu verlieren haben, ist es eine soziale Bedingung.

Dass man die Namen der Autoren nicht auf dem Buchcover (und auch sonst nirgendwo in diesem Buch) findet, ist nicht an irgendeine beliebige Entscheidung aus Vorsicht oder Ideologie gebunden, sondern viel eher an eine Frage, die man als eine Frage des Geschmacks bezeichnen könnte. Im Kontext von Geheimnissen haben wir es bevorzugt vielmehr die gelebten Erfahrungen sprechen zu lassen, als die IdentitĂ€ten der Schreibenden. Auch wenn oft, ja zwangslĂ€ufig (da IdentitĂ€t keine Frage persönlicher Daten ist), einige Spuren, die zum Autor oder zu den Autoren eines Textes fĂŒhren können, zwischen den Zeilen durchsickern.

Über die „Architektur“ unseres Buches nachdenkend, sind wir uns bewusst geworden, dass die direkteste und aufrichtigste Art die Einzigartigkeit aller Wege zu begreifen, nicht in einer exklusiven theoretischen oder historischen ErlĂ€uterung der KlandestinitĂ€t, nicht in dem Sinne, den man ihr normalerweise in revolutionĂ€ren Bewegungen gibt, liegt. Wir haben uns vielmehr dafĂŒr entschieden, eine Gelegenheit zu bieten, damit sich die persönlichsten Aspekte des Lebens in der KlandestinitĂ€t so frei wie möglich ausdrĂŒcken können: die erlebten Momente und Ereignisse, die Überlegungen und VorschlĂ€ge, Betrachtungen sowohl praktischer, wie auch theoretischer Natur, denen jeder ins Gesicht schauen musste.

Heraus kam nach und nach und aus den Tiefen von uns selbst (und nicht ohne Schwierigkeiten) eine Zusammenstellung von Elementen und Emotionen, die dem Leser eine Art „Leitfaden“ dazu bieten könnten, mit allen Informationen, selbst „technischen“, was es bedeutet, möglicherweise Bedingungen gegenĂŒberzustehen, wie sie auf den folgenden Seiten beschrieben werden.

Ein „Leitfaden“ also. Aber auch eine Lupe, damit sich unser Blick mit einer immer komplizenhafteren Aufmerksamkeit auf die Ausgebeuteten, die selbst keine Namen mehr haben, auf die Banditen, auf die Verbannten, richten kann. Aber auch auf alle unfassbaren Agitatoren, die durch die Maschen dieses planetenumhĂŒllenden Netzes hindurch, ihre Verlangen von einem freien Leben verfolgen und ihm Gestalt geben.

In die Scheiße treten [Vorwort der französischsprachigen Ausgabe]

„IllegalitĂ€t ist nichts Besonderes. Das kann jedem passieren, wie ein Tritt in Hundescheiße.“

Dieses im Jahre 2003 publizierte Buch spricht von der KlandestinitĂ€t, was vielleicht kein Zufall ist. In der Tat war diese Periode seit Mitte der 90er von zunehmenden repressiven Operationen gegen Anarchisten geprĂ€gt. In verschiedenen StĂ€dten wurde damals gegen Dutzende von ihnen aufgrund der x-ten „subversiven Vereinigung“ ermittelt, manche befanden sich im Knast, andere standen unter Hausarrest und wieder andere hatten sich ganz einfach dazu entschieden, sich abzusetzen. Kurz gesagt, sie waren auf der Flucht. Dennoch war die Situation auch nicht mit jener Ende der 70er Jahre zu vergleichen, nicht weil die GefĂ€hrten passiv geworden wĂ€ren, sondern vielmehr, da in den Zeiten der Befriedung die Subversiven in den Augen des Feindes sichtbarer geworden waren und da der Staat nunmehr in der Lage war, eine weit angelegte prĂ€ventive soziale Repression durchzufĂŒhren. Ein anderer italienischer Text, der im selben Jahr erschien, zeigte die dĂŒstere Situation auf: „Lasst uns mit einer Vorbemerkung beginnen. Die Tatsache, dass heute jeder Beliebige, der nicht bereit ist auf Kommando stillzustehen, ins Visier der Repression gerĂ€t, bedeutet, dass die Trennung zwischen den zu hĂ€tschelnden “Guten” und den zu strafenden “Bösen” ausgedient hat.

All das (…) könnte dazu beitragen, ein altes, dummes und viel zu verbreitetes Klischee wegzufegen, nach dem die Repression einem Beleg der RadikalitĂ€t gleichkommen wĂŒrde: “Ich werde unterdrĂŒckt, also bin ich“. Eine Überzeugung, die einige Individuen, die glauben, dass man umso mehr ist, je mehr man von Repression getroffen wird, in ein Delirium von SelbstgefĂ€lligkeit bringt, das in manchen FĂ€llen in eine aufopfernde Rolle ĂŒbergeht.

In dem Moment, wo sich die Repression in allen Bereichen der Gesellschaft ausbreitet, ist es offensichtlich lĂ€cherlich zu denken, dass sie nur diejenigen treffen wĂŒrde, die die Staatssicherheit bedrohen. Dies bedeutet, dass im Gegensatz zur Überzeugung der mafiösen AnfĂŒhrer verschiedener politischer Sekten, der Zuwachs der Repression durchaus nicht mit einer Zunahme der revolutionĂ€ren Bedrohung der Bewegung oder einer seiner Mitglieder einhergeht. Um ehrlich zu sein, scheint uns die Bewegung in ihrem weitesten Sinne, gerade an einem ihrer Tiefpunkte, damit beschĂ€ftigt einerseits die medialen und institutionellen Ufer zu erobern, anderseits mit einem chronischen Mangel an Perspektiven zu kĂ€mpfen.“

Auf dieselbe Weise scheint es uns, dass die Schlussfolgerung des Textes besonders heute seine Richtigkeit bewahrt hat: „Die OrdnungskrĂ€fte zu bekĂ€mpfen und sich vor ihnen zu verteidigen, bedeutet an und fĂŒr sich nicht, die herrschenden sozialen Beziehungen zu untergraben. Und in einem Moment, in dem diese sozialen VerhĂ€ltnisse besonders instabil sind, mĂŒssen wir eben darauf unsere Aufmerksamkeit, unsere theoretische und praktische Kritik richten und dabei so gut wie möglich vermeiden, von einem bloßen, von der Repression bedingten und provozierten Reflex angetrieben zu werden. Denn ansonsten verlĂ€sst man schließlich das fruchtbare, aber unbekannte Terrain der sozialen Konflikte, um sich in das sterile, jedoch bekannte Terrain der GegenĂŒberstellung zwischen uns und ihnen, zwischen GefĂ€hrten und Bullen, zu verschanzen, in eine Konfrontation reich an Zuschauern, aber arm an Komplizen.“

In Italien hat der Staat nie damit aufgehört RepressionsschlĂ€ge zu organisieren, um eine große Öffentlichkeit zu erzielen und ausgehend von anonymen Angriffen „terroristische Vereinigungen“ zu konstruieren und allgemeiner alles, was sich dem prunkvollen Marsch der demokratischen Ordnung widersetzt, einzusperren und zu belĂ€stigen. Parallel dazu hat die KlandestinitĂ€t nie aufgehört, ein Mittel unter vielen anderen des Widerstands zu sein.

Als wir Inkognito vor ein paar Jahren lasen, hatten wir aus mehreren GrĂŒnden Lust das Buch zu ĂŒbersetzen; hier zum Beispiel zwei davon, die uns heute dazu bewegen, es aus unseren verstaubten Schubladen herauszuziehen. Der erste ist bestimmt die brennende AktualitĂ€t der Frage der KlandestinitĂ€t. TatsĂ€chlich sind tĂ€glich hier und anderswo viele Individuen gezwungen, sich von ihren Beziehungen, von den Orten und den Menschen, die sie lieben, zu entfernen, oder ganz einfach, um ein wenig weiter weg zu versuchen, die Misere zu ĂŒberleben. Da die Bedingung der KlandestinitĂ€t zum Schicksal eines immer wichtigeren Teils der Bevölkerung wird, schien es uns wichtig, eine Diskussion ĂŒber „diese Paralleldimension, wo oft selbst das, was gesagt werden könnte, nicht gesagt wird“ zu öffnen.

Der zweite Grund ist, dass die zehn Erfahrungen, die diese Seiten durchqueren auch den Willen an den Tag legen, aus der engen Sichtweise herauszukommen, wonach die Repression sich prinzipiell auf jene niederschlagen wĂŒrde, die sich willentlich ĂŒber den Staat und seine Gesetze hinwegsetzen… auf jene, die plötzlich eine Berufung zum „Feind der Ordnung“ entdecken. Als ob wir alle die Wahl zwischen Kader oder Rebellen hĂ€tten, wo wir doch grĂ¶ĂŸtenteils von den beherrschenden und ausbeuterischen VerhĂ€ltnissen erdrĂŒckt sind. Um die Wahrheit zu sagen, ist ein Großteil der Bewohner dieser Erde ganz einfach der Vorteile beraubt, welche der Kapitalismus behauptet anzubieten. Von den „Vorteilen“ ausgeschlossen, aber nicht vom System, da fĂŒr sein gutes Funktionieren notwendig: in der Rolle des “Futters fĂŒr den Chef oder als Kanonenfutter“ („chair Ă  patrons ou de chair Ă  canons”; frz. Redewendung), ja sogar als Schreckgespenst. Die Repression, wie die Nötigung zur KlandestinitĂ€t, ist wohlgemerkt ein Mittel, die Arbeitskraft zu verwalten (besonders um Akzeptanz fĂŒr immer niedertrĂ€chtigere Ausbeutungsbedingungen zu schaffen), aber auch ein Mittel, um die soziale Befriedung durch den Krieg aller gegen alle aufzuzwingen. Die Jagd auf die in Lampedusa an Land gegangenen tunesischen und libyschen Migranten nach den Revolten im Maghreb sind nur ein neuerliches Beispiel davon. Ohne die Massenverhaftungen und die administrativen Internierungslager fĂŒr AuslĂ€nder in ErwĂ€gung zu ziehen, die jene erwarten, die es schaffen nach Europa zu gelangen.

In diesem Buch wird die KlandestinitĂ€t nicht wie eine höhere Etappe des revolutionĂ€ren Werdegangs behandelt, im Gegenteil, man betrachtet die Charaktere und Perspektiven eines jeden der Autoren, als eine Möglichkeit, die oft auch zu einer Notwendigkeit wird. Es geht weder um eine Verherrlichung des illegalen Handelns, noch um eine Verherrlichung des Menschen selbst gegenĂŒber seinem Schicksal, da dies darauf hinauslaufen wĂŒrde, den Übergang zur KlandestinitĂ€t mit der taktischen Entscheidung, sich unkontrollierbar zu machen, zu verwechseln. In der Tat folgt dieser Prozess zuerst dem Willen der Macht, die störenden Individuen zu isolieren und zu beseitigen. Man könnte gar sagen, dass die Logik der IllegalitĂ€t als Grundlage der Unkontrollierbarkeit sich direkt ins Terrain des Staates einfĂŒgt, das heißt, in das Terrain der LegalitĂ€t und dessen Gegenteil, da es letztendlich der Staat und seine Gesetze sind, welche die Grenze zwischen dem Erlaubten und Unerlaubten bestimmen. Im Rahmen der revolutionĂ€ren Spannung wĂ€re die Frage unserer Meinung nach eher, es zu schaffen Perspektiven zu entwickeln, die a-legal sein wollen.

Schlussendlich ist doch der Übergang zur KlandestinitĂ€t in erster Linie von einer individuellen Entscheidung abhĂ€ngig, bleibt es dennoch wichtig, diese Dimension in ihrem Ganzen in die kollektiven Reflexionen und Praktiken zu integrieren… und bestimmt nicht in ein verzerrtes Spiel von radikaler Übertrumpfung, noch als Maßeinheit fĂŒr revolutionĂ€res Engagement.

Die Erfahrungen, welche diese ErzĂ€hlungen durchreisen, lassen so tausend Fragen wiederaufkommen: Wie kann man aus der KlandestinitĂ€t (als Methode des Widerstands und des Überlebens auf der ganzen Welt verstanden) ein Mittel machen, das sich nicht gegen uns wendet und uns langsam zerdrĂŒckt? Wenn die Mauern, die uns einsperren können und denen wir entfliehen wollen, jene eines Lagers oder eines GefĂ€ngnisses sind, wie stehen wir jenen, weniger greifbaren, des IdentitĂ€tsverlustes gegenĂŒber? Um uns nicht stundenlang ĂŒber diesen Begriff der IdentitĂ€t zu unterhalten, auch wenn er uns wesentlich scheint, werden wir ihn hier auf dieselbe Weise wie die verschiedenen Autoren definieren: das Zusammenspiel der Ideen, der Orte, der Beziehungen und der Emotionen, die uns ausmachen. Wie kann man all dies fĂŒr eine oft ungewisse Zeitspanne (die jedoch Jahre dauern kann) verlassen, ohne zerstört zu werden?

Oder auch: Wie kann man sich angesichts der Repression organisieren, wenn man die EventualitĂ€t sich abzusetzen berĂŒcksichtigt? Wie kann man außerhalb seines Kampfkontextes kĂ€mpfen, ohne von seiner Situation der KlandestinitĂ€t gelĂ€hmt zu sein? Wie kann man subversive Agitation, Diskretion und geografische oder soziale Isolation vereinbaren? Usw.

Kurzum, wie kann man den Widerspruch der Identifikationsfrage auflösen und dabei man selbst bleiben?

Aus autobiographischen ErzĂ€hlungen zusammengestellt, welche vom Ende der 70er bis nur vor wenigen Jahren reichen, sammelt dieses kleine Buch ziemlich unterschiedliche Situationen, in denen die Autoren ihre IdentitĂ€t auslöschen – oder zumindest so unkenntlich wie möglich machen mussten. Wir mĂŒssen uns auch ĂŒber gewisse – sagen wir „technische“ – Aspekte austauschen, die uns helfen können, auf einige oben genannte Fragen zu antworten. Wenn die KlandestinitĂ€t eine Dimension fĂŒr sich selbst ist, mit einer eigenen Interpretation von dem was uns umgibt, sind diese ErzĂ€hlungen eine Einladung, durch dieses Prisma zu schauen, um sie besser in die Praxis aller revolutionĂ€ren KĂ€mpfe einzubeziehen


DarĂŒber reden

FĂŒr einen Mann ist es fĂŒrchterlich auf seine eigene IdentitĂ€t zu verzichten. Mit einem tollen MĂ€dchen zu leben und sie dabei tĂ€glich anzulĂŒgen, in dem man vor ihr einen Teil seines eigenen Lebens, seiner Persönlichkeit versteckt. Ein manchmal gewaltiges BedĂŒrfnis zu verspĂŒren, sich jemandem anzuvertrauen, eine moralische KomplizitĂ€t zu suchen, aber es aus Vorsicht nicht zu tun, oder aus Angst nicht verstanden zu werden… sich leer zu fĂŒhlen und keine wirkliche Lust zu verspĂŒren.

– Horst Fantazzini

Es ist nicht einfach, ĂŒber gewisse Dinge zu reden. Das Schwierigste, besonders fĂŒr mich, da ich bei weitem kein „Redner“ bin, ist es, damit zu beginnen, ĂŒber gewisse Themen zu reden.

Ich hatte mir schon ĂŒberlegt, etwas ĂŒber die Flucht zu schreiben. Nicht unbedingt von meiner persönlichen Erfahrung ausgehend (Selbstzelebrierungen gefallen mir nicht), sondern eher darĂŒber, wie die KlandestinitĂ€t in unserer „Bewegung“ betrachtet wird.

Das ganze Gerede ĂŒber das Wort selbst beiseitegelassen, und bevor diese Erfahrung (positiv und negativ zugleich) mich nicht betraf, sah ich diese Situation als etwas, das weit von mir entfernt ist. Jedoch wurde ich von einem Tag auf den anderen da reingeworfen. Denn genau so geschieht es. Vielleicht stellt man es sich anders vor, jedoch ist es so: von einem Moment auf den anderen ist man plötzlich komplett alleine (auch wenn man im Moment, in dem man es erfĂ€hrt, nicht alleine ist). Ob man nun entscheidet, als Kampfmethode in der KlandestinitĂ€t zu leben oder aus Pech oder weil man etwas getan hat, man sieht sich plötzlich in eine seltsame Situation geschleudert… zumindest war das mein Eindruck. Als ich vom Haftbefehl gegen mich erfuhr, war ich schlichtweg ratlos; wenn man sich vielleicht die Flucht nicht als eine Situation ausdachte, die man aus Konsequenz unserer Aktionen und unserer Lebensform lebt, sondern eher als Auswirkung einer repressiven Methode gegen jene, die entschieden haben, sich gegen die vom kapitalistischen System angeordneten Regeln zu stellen, wĂŒrden uns die Dinge klarer erscheinen. Jene, die unsere Leben verwalten wollen, wissen genau auf welche Probleme man stĂ¶ĂŸt, wenn man von einem Moment auf den anderen alleine da steht: die Schwierigkeit (oder Angst), mit den Anderen zu kommunizieren, die Furcht oder Paranoia, welche die Andern haben, wenn sie ĂŒber dich sprechen. All das sollte nicht nur als repressive Maßnahme verstanden werden (GefĂ€ngnis, Hausarrest, Unterschriften, usw.), sondern auch als ein prĂ€zises Werkzeug, um die Verbindungen zwischen gewissen Individuen oder Kontexten zu trennen.

Die Schwierigkeit und die Angst, mit welcher man im Umfeld der von solchen Geschichten betroffenen Individuen dieses Thema angeht, gehen zum totalen Nachteil der Erstbetroffenen, zu klaren Gunsten des UnterdrĂŒckers, egal welches Gesicht er hat. Was wir tun mĂŒssten, wenn ein GefĂ€hrte unter uns sich in dieser Scheiße befindet, ist, meiner Ansicht nach, DARÜBER ZU REDEN. Wenn jemand im GefĂ€ngnis landet, kann er Post, Besuch der AnwĂ€lte und der Nahestehenden empfangen. Mit den Vorsichtsmaßnahmen und –methoden, könnte dies auch fĂŒr jene, die (ob freiwillig oder gezwungenermaßen, um es klarzustellen) in KlandestinitĂ€t leben, der Fall sein. Dennoch stellt man meistens vor allem die Schwierigkeit fest, öffentlich und ohne Probleme darĂŒber zu reden. Als Freunde von mir auf der Flucht waren, hatte auch ich Angst, um mich herum darĂŒber zu reden oder SolidaritĂ€tsanlĂ€ĂŸe zu organisieren. Jetzt, wo ich sie erlebt habe, bemerke ich die Notwendigkeit mit Interessierten eine Diskussion zu eröffnen, denn ich denke, dass es fĂŒr Personen in einer Situation wie der KlandestinitĂ€t wichtig ist, sich weiterhin seinen vorherigen Umfeldern nahe zu fĂŒhlen. Und ich versichere euch, dass dies, besonders am Anfang, nicht immer der Fall ist.

Ich habe kein Zauberrezept, um dieses Problem zu lösen, aber ich glaube, dass angemessene Diskussionen und Vertiefungen (unter solchen, die dies erlebt haben, wie auch unter jenen, die Lust haben, ĂŒber diese repressive Maßnahme zu diskutieren) sehr nĂŒtzlich sein können.

Wie ich zuvor gesagt habe, ist es fĂŒr das System manchmal bequemer, einen Zettel mit dem Briefkopf „HAFTBEFEHL“ auszufĂŒllen – und so jene, die keine Absicht haben, im Knast zu verwesen, in die KlandestinitĂ€t zu zwingen – anstatt ihn direkt zu verhaften und sich dann mit SolidaritĂ€tsanlĂ€ssen, Demos, Treffen, usw. „herumschlagen“ zu mĂŒssen.

All dies können sie sich natĂŒrlich nur in prĂ€zisen Situationen erlauben – oder je nach sozialer Spannung – aber meiner Meinung nach ist diese Hypothese nicht auf Anhieb zu verwerfen.
Meiner Ansicht nach ist dieser Aspekt deshalb wichtig, weil nur in gewissen FĂ€llen, unter Druck der Medien und der öffentlichen Meinung, das System entscheidet, sofort zu agieren, mit dem Risiko, wie man bereits gesehen hat, grobe Fehler zu begehen. Da zudem die Rechtsordnung Tag fĂŒr Tag riesige Schritte Richtung „TOTALE KONTROLLE“ macht und die FernsehkanĂ€le und Zeitungen mit einer ekelerregenden Dienstbarkeit veröffentlichen, was ihnen vorgegeben wird, hat das System beliebig Zeit zu entscheiden ob, wo und wann es solche Dinge organisieren will. NatĂŒrlich all dies auch dank dem immer verbreiteteren Herdenverhalten und der UnterwĂŒrfigkeit in unserer Zeit (obwohl man in letzter Zeit in verschiedenen Kontexten, da und dort, schwache Zeichen des Erwachens bemerkt).

Sich all diese Aspekte vor Augen haltend kann jener, der sich in einer solchen Situation befindet, entscheiden, der KlandestinitĂ€t ein Ende zu setzen und sich beispielsweise zu stellen, weil er sich in einer Situation eher als in der anderen nĂŒtzlich einschĂ€tzt. Ich sehe dieses Verhalten nicht als feige, im Gegensatz zu dem, was gewisse GefĂ€hrten denken.
Wenn man auf der Flucht ist, Ă€ndert sich die Art die Situation in der man lebte zu analysieren, weil man sie „von außen her“ sieht. Vielleicht wird man etwas rationaler.
Aber es ist genau die Tatsache außerhalb zu leben, die uns manchmal dazu bringt, uns ein wenig einsam fĂŒhlen. Dies macht es komplizierter, eine gewisse Paranoia zu ĂŒberwinden, um die Geschichten der KlandestinitĂ€t durchzustehen und zu bewĂ€ltigen.

Die Wichtigkeit, die diese paar Zeilen haben können, ist nicht die, eine BroschĂŒre zu fĂŒllen, sondern die, allen bewusst zu machen, dass jeden Tag zahlreiche Personen und zahlreiche GefĂ€hrten gezwungen sind, sich von ihren Beziehungen, Orten und geliebten Menschen zu entfernen, wĂ€hrend wir gerade unsere EinkĂ€ufe machen, auf einem Konzert sind oder unsere Routine leben.
Sich darĂŒber bewusst zu werden löst das Problem nicht, aber die Sache gut zu analysieren, kann den FlĂŒchtenden und jenen, die sich in einer solchen Situation befinden könnten, nicht nur erlauben, sie besser durchzustehen, sondern weiterhin an der Seite ihrer GefĂ€hrten zu kĂ€mpfen.

Auf der Flucht vor der Zukunft

Ein schwarzes Tuch . Eine große Unbekannte. Etwas, das mir neuerdings Angst macht: die Zukunft. Bis anhin hat sie in meinem Leben eine sehr pragmatische Rolle gespielt. Sie zwang mich dazu, mir Werkzeuge wie Planung, Effizienz und Kalkulation zuzulegen, um meinen revolutionĂ€ren Alltag so zufriedenstellend wie möglich gestalten zu können. Dieser Pragmatismus verhalf mir dazu, mich nur sehr selten von Gedanken an sie aufhalten zu lassen, oder gar Angst oder Unbehagen ihr gegenĂŒber zu verspĂŒren. NatĂŒrlich ĂŒberkamen diese GefĂŒhle auch mich manchmal, wenn ich den Wahnsinn, der diese Welt dominiert, an mich heranließ, oder ein einschneidendes Ereignis mein Leben zerĂŒttete. Doch sagte ich mir stets, dass es nichts bringt, den Kopf in den Sand zu stecken. Denn dies wĂŒrde nichts an dem Fakt Ă€ndern, dass wir uns in einer WĂŒste der Einsamkeit, Entfremdung und des produzierten Elends befinden, und um dies Ă€ndern zu können, es die direkte Aktion eines jeden Einzelnen benötigt, um diese WĂŒste mit Entschlossenheit, Wut und SolidaritĂ€t zu unterminen, um etwas zu erschaffen, dass auf antiautoritĂ€rer Basis beruht und die Koexistenz von Macht zur AusĂŒbung von AutoritĂ€t niemals toleriert.

Angetrieben durch den Willen obenbeschriebenes in die Tat umzusetzen, verblieben Zweifel, Ängste und Unbehagen der Zukunft gegenĂŒber immer auf der Ersatzbank. Alles, was in weiter Ferne lag, hat mich nie wirklich interessiert. Doch seit ich auf der Flucht vor dem Gesetz bin, hat sich mein persönlicher Zugang zur Frage der Zukunft drastisch verĂ€ndert. Da ich von einem Tag auf den anderen aus meinem gewohnten Alltag gerissen wurde und somit alles, außer meinen subversiven Ideen, hinter mir lassen musste, befinde ich mich nun in einer Situation, in der ich mir grundlegende Gedanken ĂŒber meine nahe, wie auch ferne Zukunft machen muss. In beiden FĂ€llen ist es die Ungewissheit, die mir Angst macht, mich aber gleichzeitig selbst besser kennenlernen lĂ€sst.

Endlich verstehe ich auch mit dem Herzen, warum so manche GeflĂŒchtete, mit denen ich gekĂ€mpft habe, nicht viel von der Zukunft halten und dennoch alle Hoffnungen in sie setzen. Denn kaum wird man sich bewusst, dass man seiner Zukunft beraubt worden ist, wird sie zu etwas, das fehlt, obwohl sie noch nie dagewesen ist. Ein Paradoxon, welches schon fast ein mĂŒdes LĂ€cheln hervorruft. Es ist also nicht bloß eine Flucht vor dem Gesetz, sondern auch eine vor jener Zukunft, die durch diesen Umstand so ungewiss und fremd erscheint und die keine Sicherheiten garantiert. Eine Zukunft, die fast ausschließlich ohne Vergangenheit auskommen muss – ohne Geschichte, ohne IdentitĂ€t.

Doch als Anarchist empfinde ich es als Pflicht und Herausforderung, mich diesem Unbekannten zu stellen und das kalte Wasser, in das ich gezwungen bin zu springen, als horizonterweiternde Erfrischung zu verstehen. Denn in meiner Situation ist es von Ă€ußerster Wichtigkeit, einen kĂŒhlen Kopf und ein warmes Herz zu bewahren.

Sich absetzen

Noch nie verspĂŒrte ich dieses starke ZugehörigkeitsgefĂŒhl zu einem Gebiet, seinen Traditionen und seiner Kultur. Nie spĂŒrte ich Wurzeln in mir wachsen, die mich an einen Ort hĂ€tten binden können. Ich glaube, dass mir dies auch in dem Moment half, als ich entschied aus den Augen der BĂŒrokratie und des Gesetzes zu „verschwinden“.

Als mein Haus das erste Mal durchsucht wurde, fragte mich ein Bulle, ob ich das erwartet hĂ€tte. Ich antwortete, dass mich dies, als bei ihnen bekannte Anarchistin, ĂŒberhaupt nicht ĂŒberraschte. SpĂ€ter ĂŒberraschte mich also auch die Feststellung nicht, dass es Zeit war, die „Umgebung zu wechseln“. Lebensentscheidungen bedeuten, Verantwortung zu ĂŒbernehmen und dem Feind gegenĂŒber zu treten, impliziert bestimmt auch die Lust ihm zu entkommen, vor seiner repressiven Macht zu fliehen und dabei auch einen hohen Preis zu bezahlen: sich von den Orten und Menschen, die man liebt, zu entfernen. Letztendlich war das eine EventualitĂ€t mit der ich gerechnet hatte, ein möglicher Moment auf meinem Weg. Als dieser Moment kam, ĂŒberraschte es mich nicht, dass er dringend und real geworden war. Aber klar ist, dass ich ziemlich verloren war. Einerseits, weil die RealitĂ€t sich immer vom ImaginĂ€ren unterscheidet, anderseits, weil ich, in diesem Moment, mit einer niemals vorhergesehenen Situation konfrontiert war. Ich musste mich nicht alleine oder mit einem GefĂ€hrten darauf einlassen, sondern mit meinem Kind. Es war erst vor ein paar Monaten geboren und ich war noch voll im „Mutterschaftsschock“, als ich verstand, dass es besser war, sich das Leben nicht mehr von den „Söldnern“ des Gesetzes vergiften zu lassen. Damals lag kein Haftbefehl gegen mich vor, aber ihre PrĂ€senz – auch mir gegenĂŒber – wurde nach der Verhaftung eines engen GefĂ€hrten, an dem mir viel lag, und durch den Vorwand, die „römische Gruppe“ identifiziert zu haben, immer erdrĂŒckender. Ich hatte nicht die Absicht, Tag fĂŒr Tag Druck auf mich ausĂŒben zu lassen und ich entschloß mich zu verschwinden. Am Tag nach meiner Abreise erfuhr ich, dass mein Haus durchsucht worden war. Dabei wurde großer Druck auf meinen Freund ausgeĂŒbt und danach auf unsere Familien und Freunde ausgeweitet: ich hatte die richtige Entscheidung getroffen.

Der Anfang war sehr schwer, obwohl ich mir diese EventualitĂ€t mehrmals vorgestellt hatte, war ich weder psychisch noch materiell bereit. Ich hatte zum Beispiel keinen Ort, wo ich hingehen konnte und es war nicht einfach, einen zu finden. Alle GefĂ€hrten waren den Bullen bekannt und es war nicht gerade eine ruhige und gĂŒnstige Zeit. Ich glaube, es hatten sich nicht wenige schleichende Ängste breit gemacht. Die materielle und reelle SolidaritĂ€t war schwierig umzusetzen und zu finden. Ich war traurigerweise davon betroffen und heute denke ich, dass das zukĂŒnftig ein Reflexionspunkt unter den GefĂ€hrten sein sollte. Unter Reflexion verstehe ich, das Minimum an gemeinschaftlicher ProjektualitĂ€t umzusetzen, die einem GefĂ€hrten, der fĂŒr eine Zeit verschwinden muss, erlaubt, nicht alleine mit seinen Problemen dazustehen, und von allem ausgeschlossen zu sein, was er zuvor mit den Anderen machte.

Um auf mich selbst in dieser Zeit zurĂŒckzukommen, war es wichtig, dass ich ĂŒberall, wo wir hingingen, diese kleine Sachen mitnehmen konnte, mit denen ich mich ein bisschen „zu Hause“ fĂŒhlen konnte: dieses besondere Buch, diese Kassetten, dieser Gegenstand (vielleicht bin ich ein bisschen fetischistisch), welche die Verbindung zu meinem vorigen Leben aufrecht erhielten. Abgesehen davon gelang es uns, ĂŒberall mehr oder weniger unbemerkt durchzukommen: ich prĂ€sentierte mich als Mutter, die ihr Kind an gesunde und erholsame Orte brachte. Es war Sommer und gewisse Orte wĂ€ren fĂŒr jeden gesund gewesen! Es war der Teil, den ich im Griff hatte, obwohl ich sehr darauf achten musste, was ich ĂŒber uns erzĂ€hlte ohne in WidersprĂŒche zu geraten, dass ich kohĂ€rent in dieser Rolle blieb und wirklich auf die winzigen und unbedeutendsten Details achtete. Man darf nie vergessen, dass die Menschen generell neugierig (ganz zu schweigen von den EigentĂŒmern) gegenĂŒber den neuen Bewohnern ihrer Gemeinschaft sind. Man kann außerdem nicht immer den gestellten Fragen (oft in Überzahl) ausweichen, da dies langfristig seltsam erscheinen kann. Zudem muss darauf geachtet werden, dass Fragen wie „Wo wohnst du?“, „Auf welche UniversitĂ€t gehst du?“, „Wo arbeitest du?“ oder auch manchmal unerwĂŒnschte Einladungen zum Essen in einer „normalen“ Situation Ă€ußerst Ă€rgerlich sein können und man dann darauf mehr oder weniger problemlos auf unsympathische Weise oder desinteressiert antworten kann. Auf der Flucht ist dies nicht so, man muss alles erfinden. Die Anderen zu nahe an sich heranzulassen kann genauso gefĂ€hrlich sein, wie zu großen Abstand zu bewahren. Es ist also ein heikles Spiel, wobei es, wiederholen wir uns, unausweichlich war, dieselbe Version fĂŒr alle beizubehalten ohne mich dabei zu sehr von meinem wirklichen Ich zu entfernen. Damit will ich sagen, dass es langfristig (ich war insgesamt sechs Jahre weg) unmöglich ist, nicht auf der ganzen Linie man selbst zu sein.

Kommen wir zum Beispiel wieder auf die Tatsache zurĂŒck, dass ich die Gesundheit meines Kindes pflege. Aber ich hĂ€tte niemals so tun können, als wĂ€re dies die einzige Bestrebung in meinem Leben: Mutter und nichts Weiteres! Meine Ideen, meine Überlegungen, mein Empfinden konnten nicht ganz unterdrĂŒckt werden. Oft gelangten sie wieder an die OberflĂ€che, auch wenn nur sehr leicht und mit wenig Ausdruck. Es war einer der Aspekte, der mich anfangs am meisten belastete, schwer zu beherrschen, da ich mich noch nicht an meinen neuen Umstand gewöhnt hatte, der bereits tausend und einen Widerspruch in sich trĂ€gt, die nicht einfach zu lösen sind. Manchmal quĂ€lten mich BefĂŒrchtungen und Angst, und ich fragte mich, wie lange ich durchhalten wĂŒrde. Manchmal musste ich die Orte, in denen ich mich befand, auf eine unglaubliche Weise verlassen, weil die Medien brav ihre Arbeit als Informationspolizei machten (ich erinnere mich an „Aus den Augen verloren“, eines der Programme, das in mir am meisten Wut und Angst auslöste) oder, weil sie aufgrund der Beschattungen des Vaters des Kindes (der sein voriges Leben weiter fĂŒhrte, abgesehen von sporadischen Treffen mit mir) sich uns etwas zu sehr genĂ€hert hatten. Oft vertraute ich (und das tue ich heute noch) auf meinen sechsten Sinn, was bestimmt nicht gereicht hĂ€tte, wenn es nicht an eine extreme 360°-Wachsamkeit gebunden gewesen wĂ€re, um den Moment zu spĂŒren, in dem die Umgebung zu wechseln ist. So schnell wie möglich bereitete ich dann meine Sachen vor und begab mich an Orte, die ich nur als provisorische Bleibe benutzte, bis ich eine sicherere und stabilere Situation fand.

Mit der Zeit wurde mir auf jeden Fall bewusst, dass meine anfĂ€ngliche Entscheidung, ein kurzes Fernbleiben, um die Absichten der Behörden ein bisschen besser zu verstehen, sich verlĂ€ngerte und zu einer definitiven Entscheidung wurde. Das Spiel hĂ€tte weiter gehen können: „Schauen wir mal, ob ich sie verarschen kann.“ Die Beziehung zum Vater meines Kindes verschlechterte sich mehr und mehr, bis es zur Trennung kam. Es ist unmöglich eine Bindung – eine Liebesbeziehung – aufrecht zu erhalten, wenn man nicht dieselbe Entscheidung bezĂŒglich der Flucht macht; die beiden Leben werden auf unvermeidliche Weise parallel und verschieden und die gemeinsamen Momente sind – aufgrund des eingegangenen Risikos – mehr und mehr angespannt. Also entschieden wir, uns zu trennen und ich machte den großen Schritt: das Kind und ich gingen an einen komplett anderen Ort, ziemlich weit weg.

An diesem Punkt der Situation musste ich entscheiden, welches der angemessenste Ort sein wĂŒrde. Die Entscheidung musste in erster Linie die Möglichkeit berĂŒcksichtigen, ohne Paranoia in den Straßen gehen zu können, ohne dass man schnell als Fremde identifiziert und von der Polizei kontrolliert werden wĂŒrde. Es musste also eine Stadt sein und zwar eine kosmopolitische Stadt, die so gut wie möglich AnonymitĂ€t garantierte. Ebenfalls wollte ich nicht im engen Kreis der GefĂ€hrten bleiben, um nicht schnell gefunden zu werden; außerdem wusste ich, dass die Anwesenheit eines Kindes die Dinge nicht vereinfachte: frĂŒher oder spĂ€ter, sei es aus gesundheitlichen oder schultechnischen GrĂŒnden oder um ihm ein mehr oder weniger normales Sozialleben zu sichern, musste ich das Risiko eingehen, in das Netz der BĂŒrokratie zu geraten. Ich brauchte also auch einen Ort mit Hilfsstrukturen fĂŒr inoffizielle Bewohner, die bekannten Illegalen, die Sans-papiers. Ein Ort mit einer Reihe von Infrastrukturen, die dieses Minimum an Sozialhilfe, die jedes Individuum braucht, garantiert. Ein Ort, wo man noch in den Straßen gehen kann, ohne das Risiko (außer in besonderen FĂ€llen) plötzlich und umsonst in eine Polizeikontrolle zu geraten; wo man nicht gezwungen ist mit einem Ausweis rauszugehen und wo es nicht zu schwierig ist, einen Weg zu finden, um finanziell klarzukommen. Ich habe also einen Ort ausgesucht und einige Freunde von Freunden gebeten, mich bei ihnen aufzunehmen, bis ich den Ort kannte und etwas fĂŒr mich finden konnte. So habe ich mich fĂŒr mein, oder besser gesagt, fĂŒr unser Abenteuer entschieden. Ich ĂŒberquerte die Grenze ohne den Kleinen, den man mir danach brachte. Die Trennung war furchtbar und furchtbar war auch die Angst, es nicht zu schaffen. Die Grenze ĂŒberquerte ich wirklich mit Schnee bis zu den Waden und dem Rucksack auf den Schultern. Ich erinnere mich, dass mich da oben der Enthusiasmus packte, ich spĂŒrte so eine Kraft und ein Selbstvertrauen wie nur selten zuvor. Schlussendlich hatte ich es geschafft, ich war in einem anderen Land und trank einen Cappuccino, ich hatte diese verdammte Grenze ĂŒberquert
 jetzt hoffte ich nur, dass mein Kind so schnell wie möglich und problemlos zu mir gebracht wurde. Ich verbrachte zwei NĂ€chte bei einem sehr engen GefĂ€hrten um dann, diesmal im Zug, mein Endziel zu erreichen. Ich kam an einem wunderschönen Maimorgen an und, obwohl ich im Norden war, war er warm und einladend. Es schien mir ein gutes Zeichen zu sein und als mich der Kleine etwa eine Woche spĂ€ter erreichte, fĂŒhlte ich mich – aufgrund der Distanz, die mich von Italien trennte – sicherer und auch stĂ€rker. Trotz allem wurde ich mir schnell bewusst, dass die Situation eine gefĂ€hrlich entspannte Wende annehmen konnte, die ich nicht erlauben konnte und durfte.

…und ich habe alles neu angefangen, wir haben alles neu angefangen. Ich wusste nicht, wie lange das dauern konnte, aber ich tat alles, was ich konnte, um unsere Freiheit so lange wie möglich zu verlĂ€ngern. Jetzt denke ich, dass man in dieser Situation nie lange am selben Ort bleiben sollte, obwohl es scheint, dass alles gut gelaufen ist. In Wirklichkeit erscheinen die Spuren unseres Übergangs nach einer gewissen Zeit an einem anderen Ort (zumindest in Europa), es ist unvermeidbar. Man mĂŒsste mit einer gewissen HĂ€ufigkeit den Ort wechseln, was ich aus eigener Entscheidung nicht tat. Diese Entscheidung hat nichts damit das Handtuch zu werfen oder zu resignieren zu tun. Wie ich bereits sagte, Entscheidungen bedeuten die Verantwortung zu ĂŒbernehmen und ich entschied ein Kind zu haben. Dies implizierte, meiner Meinung nach, die Entscheidung, es nicht in plötzliche LebensverĂ€nderungen zu verwickeln, die ich nicht als meine eigene ansah (und ansehe). Ich erlebte auch Zeiten intensiver Einsamkeit. Liebesbeziehungen machten mir Angst, da ich niemandem vertraute, genauso, wie ich auf meinem Weg keine KampfgefĂ€hrten finden konnte, mit denen ich einen Weg der Revolte voll und ganz teilen konnte. Trotzdem war ich nicht melancholisch, ich schaffte es, die nostalgischen Erinnerungen an Personen und Orte von mir zu weisen. Ich hatte mich davon ĂŒberzeugt, dass mir frĂŒher oder spĂ€ter alles zurĂŒckgegeben werden wĂŒrde, dass es nur eine, auf unbestimmte Zeit befristete Pause war und dass es sich lohnte, diese Pause mit voller IntensitĂ€t zu leben. So weit, dass ich heute noch Orte, Momente und Menschen, die ich auf dieser langen und intensiven Reise antraf, vermisse. So weit, dass wenn ich auch nicht sagen kann, dass es die schönste Zeit meines Lebens war (besonders, weil mein Leben nicht zu Ende ist!), es bestimmt eine der Zeiten war, in der ich mich am meisten auf die Probe stellte und ich viel ĂŒber mich und meine Art, wie ich das Leben angehe, lernte. Ich habe die Tatsache, außerhalb der Regeln, der NormalitĂ€t zu leben, ohne einen Namen, einen Vornamen, eine Adresse oder Ausweisnummer zu sein, bis zu dem Punkt gelebt, dass sie die KreativitĂ€t, die Vorstellungskraft, die WĂŒrde und die Wiederaneignung all dessen, was dir gehört, angeregt hat. Genauso wie dir die Zeit gehört, liegt auch die Art, Schwierigkeiten zu bewĂ€ltigen und sie zu wĂ€hlen, in deinem Verantwortungsbereich; die Entscheidung, in diesem Spiel die Katze oder die Maus zu sein, kommt dir zu, genauso wie der Moment, in dem du sagst: „Jetzt ist Schluss!“.

Und all das ist auch fĂŒr Dich…. wo Du auch bist.

Reisehefte

Von Ieen sprechen. Von Gesten, von Pfaden und Perspektiven von jenen, die frei leben wollen. Frei unter anderen freien Individuen, in Raum und Zeit des unaufhörlichen Kampfes gegen das KrebsgeschwĂŒr der AutoritĂ€t. Unaufhörlich, und genau deshalb in konstanter Verwandlung, permanenter VerĂ€nderung von Gesichtern, Spannungen, Panoramen und Möglichkeiten.

Ein Strudel, und du, genau in der Mitte solch eines Sturms, auf allen Vieren oder zu einem mĂ€chtigen Sprung ansetzend, im Versuch, die SchlĂ€ge abzuwehren und in der Offensive zu bleiben, wĂ€hrend du probierst auf einem Seil das Gleichgewicht zu halten, was zu wagen fĂŒr viele nicht mehr wert wĂ€re. Mittlerweile unrealisierbar, weil es zu viele Menschen gewagt haben… und, außerdem, wo sind die Resultate all der Versuche und Anstrengungen?

Vielleicht kennen sie nur jene, die wirklich versucht haben, sich der Herausforderung der Freiheit zu stellen, auf dem Weg, der sich schlÀngelt, um die Schritte all jener zu vereinen, die die Feinde der aufgedrÀngten Normen und der konstituierten Ordnungen waren, sind und sein werden.

Jene bewahren sich sicherlich wer weiß welche Freude, welchen Sieg im Herzen. Oder vielleicht nur stur den Wunsch, vorwĂ€rts zu kommen, weiterhin – mit sich selber und dem ganzen Rest – Risiken einzugehen. Was sie sich bewahren, ist vielleicht nur der Schwung, sich auf die Probe zu stellen, und so den Mut zu haben, dies anderen vorzuschlagen, weil in diesem hartnĂ€ckigen Kampf Risiken auf sich zu nehmen bedeutet, ihn bereits jetzt zu formen, und folglich ab jetzt die Freiheit zu leben, die unsere Schritte motiviert und belebt, ohne auf die glorreiche Zukunft zu warten.

Es ist hier, in einer Welt von Sklaven, Banken, Gesetzen und Ketten, wo meine Freiheit heute existiert. Auf dieser Reise – auf dem Drahtseil der Erfahrungen.

„Niemand stĂ¶ĂŸt sich so weit in die Höhe, wie jener, der sein eigenes Ziel nicht kennt.“

– Cromwell

Reisen kann im Leben eines Menschen vielerlei verschiedene Bedeutungen annehmen.

Es gibt zum Beispiel monotone Reisen, die sich auf dem Gleis des alltĂ€glichen Überlebens bis ins Unendliche wiederholen können, welches Millionen von Menschen zu den Tempeln der Ausbeutung verfrachtet.

Morgen und Abend, Tag und Nacht, durch die Felder und Vororte, in den Rauch der Industrie und die Misere der Entfremdung gehĂŒllt. Tausende von Stunden, tausende von Kilometern, um nichts zu verĂ€ndern… dieselben angeekelten Visagen, die selben schmierigen Fenster, dieselben bis zum Gehtnichtmehr zu wiederholenden Rituale.

Das ist der Rhythmus der Ausbeutung, das sind die Reiserouten einer Welt, die von den kĂŒnstlichen und tödlichen BedĂŒrfnissen und Bestrebungen beherrscht wird, die das natĂŒrliche Gleichgewicht, welches die menschliche Gattung kolonisieren konnte, hinwegfegen. Ein Gleichgewicht, dass diese Gattung in Jahrhunderten der Geschicklichkeit und der BemĂŒhungen gegenĂŒber den Elementen und den anderen Lebensformen auf dem Planeten kolonisieren konnte, in ebenso vielen Jahrhunderten des Kampfes gegen die Ungleichheiten, mit denen sie ihresgleichen unterwerfen wollte.

Heute ist, fast auf dem ganzen Planeten, das Mittel, um einen Lebenssinn zu finden, der Konsum. Konsumieren, konsumieren und wieder konsumieren. Egal welches Produkt, ob es materiell oder intellektuell ist, unwichtig, welche QualitĂ€t zu erstreben uns unser Geldbeutel erlaubt. FĂŒr den Markt ist das Wichtige, seine wirtschaftliche Maschine in Gang zu halten, die produziert, kommerzialisiert und den Markt mit mehrheitlich unnĂŒtzen und schĂ€dlichen Waren in Versuchung fĂŒhrt, welche aber mögliche zu begehrende Ziele darstellen.

Objekte und Nahrung, Erfahrungen, Kilometer, Land und Kulturen als Konsum, um auf dieselbe Art befriedigt zu werden, in welcher man ohnehin seine Tage zubringt.

Derselbe „Geist“ der auch bei touristischen Reisen vorherrscht, wo die zu ĂŒberwindenden Distanzen und die zu erreichenden Orte, die gut in ein vorverpacktes Paket gepresst sind, und ebenfalls deren Dauer – von bedauerlichen Unvorhersehbarkeiten abgesehen – im Voraus programmiert sind. Momente, in denen sich Leute von der alltĂ€glichen Routine ablenken, in der Hoffnung, wenigstens bis zu den nĂ€chsten Ferien genug Auftrieb zu finden, um zu verhindern, die Koffer ein fĂŒr allemal zu packen.

Die Tourismusindustrie – oder die Transformation des Reisens in eine vermarktbare Ware, die Planung des Territoriums, der Ressourcen und der Produktion zu diesem Zweck – liefert eine Dienstleistung, die nicht als nebensĂ€chlich fĂŒr die Aufrechterhaltung und Reproduktion des kapitalistischen Desasters bezeichnet werden kann. Einerseits schafft und verbreitet sie den Markt ebenso an Orten, die sich aufgrund ihrer natĂŒrlichen Charakteristiken oder besonderen UmstĂ€nde demographischer oder gesellschaftlicher Art nicht fĂŒr andere Modelle oder Industrien eignen. Andererseits bringt sie Strukturen hervor, die garantieren, dass die Reise vor den Risiken des Unberechenbaren und der realen VerĂ€nderung der eigenen Erfahrung geschĂŒtzt ist.

Schlussendlich bleibt sogar den Sesshaftesten, geleitet durch die Emotionen einer Bildschirm-Welt oder von dieser oder jener legalen oder illegalen Substanz, die Möglichkeit einer ruhigen Reise auf dem Sofa in die Tiefen der eigenen Unzufriedenheiten.

Und nimm noch einmal deine KrÀfte zusammen,

denn ein anderer Tag bricht an

und wer weiß welchen Straßen entlang du dich wiederfinden wirst,

wie viele Blicke, wie viele Umarmungen,

wie viele neue flĂŒchtige Abenteuer auf dich warten,

die sich ĂŒberschlagen.

Du bist im Auge des Sturms

und das ist es, was jede Nacht, jeden Tag

zur grĂ¶ĂŸten zu verfolgenden Emotion macht.

– Mitternacht, 19. – 20. Februar

Aber es gibt auch Reisen, die die Gewohnheiten und Überzeugungen einer Person umwĂ€lzen. Nicht nur die eigenen, sondern manchmal auch jene kulturellen, die unvermeidlich unsere Beziehungen, unsere Art das Leben zu sehen – von unserer Geburt bis zum Zeitpunkt an dem man sich auf den Weg macht – konditionieren.

Es ist diese Art von Reisen, von der ich hier sprechen will. Von Reisen die, wie andere mir gesagt haben, ohne RĂŒckkehr sind. Weil auf die eigenen Schritte zurĂŒckzukommen, oder wenigstens den Ausgangspunkt als Ziel zu haben, nur ein weiteres Abenteuer, eine andere Reise sein kann.

Jeden Tag, Schritt fĂŒr Schritt, konfrontiert mit Empfindungen, Orten, Gesichtern und Erfahrungen, die dich zur Entdeckung von dir selber und dem, was dich umgibt, fĂŒhren. Eine Entdeckung, die deine Wesensart verĂ€ndert, die diese Einstellungen und Verhaltensweisen, die dich nie mehr verlassen werden, verfestigt und verstĂ€rkt, und die gleichzeitig Erfahrungen erschafft, welche solche „Gewissheiten“ umwĂ€lzt und ĂŒberholen kann.

Eine Reise auf der nichts im Vorhinein festgelegt ist, aber die nicht damit aufhört, ihre eigenen Wahrheiten anklingen und anwachsen zu lassen, jene, die jeder fĂŒr sich selber kultiviert und die man der Umgebung ĂŒbermitteln kann, indem man sich auf eine kohĂ€rente Art zu ihnen verhĂ€lt und handelt. Wahrheiten, die kontinuierlich zur Diskussion gestellt werden, die unter unseren schonungslosen SchlĂ€gen unserer Kritik schwanken oder sich verstĂ€rken können. Die Intuitionen, Ideen und Überzeugungen stehen sich gegenĂŒber und konfrontieren sich, und können schließlich soweit gehen, dass man sich den Wahrheiten der anderen annĂ€hert, sicherlich unterschiedliche Wahrheiten, welche aber einen gemeinsamen Weg einschlagen können. Jene Kriterien erlauben es, den Sinn unserer Reise zu verkörpern, sie zeigen uns, wo zu suchen ist, welche Richtung wir ansteuern sollen, wer im Moment mit uns ist und wer nichts anderes als unser Feind sein kann.

Ich mache hier Andeutungen auf die Wahrheiten, die zur Konfrontation und zum Wachstum ermutigen, solange sie der universellen Wahrheit, den ethischen und sozialen Dogmen, die a priori aufgedrĂŒckt sind, fremd bleiben; und die von dieser monströsen Wahrheit gefĂŒrchtet und bekĂ€mpft werden.

Du öffnest eine TĂŒr und die Welt steht vor dir.

In ihrer ganzen Nutzlosigkeit, in ihrem ganzen Elend.

Dennoch denkst du immer noch darĂŒber

nach, was in der Lage sein könnte,

diesen immensen Morast hinwegzuschieben.

Wie viele Möglichkeiten können noch auf uns zukommen,

in diesem Rennen gegen die Zeit?

Wie viele SchlĂ€ge hast du noch zur VerfĂŒgung?

Du stellst dir die Frage

und die Antwort zeigt dir, dass die Pfade,

die es zu erproben gilt, noch lÀngst nicht ausgeschöpft sind.

Der nÀchste Schritt,

eine Abzweigung,

ein unvorhergesehener An- oder Abstieg

und der Schleier lichtet sich von dem Weg,

mit seiner ganzen Klarheit und Sicherheit,

die dir erlaubt, vorwÀrts zu gehen.

– Ende Oktober

Man muss allzeit bereit sein, sich neuen Situationen zu stellen. Die RealitĂ€t, mit der man sich konfrontiert, verwandelt sich stĂ€ndig und manchmal haben diese VerĂ€nderungen ein solches Ausmaß, dass sie dich auf Pfade und zu Horizonten fĂŒhren, die du vielleicht, im besten Fall, nur in deinen TrĂ€umen besucht hĂ€ttest.

Das kann jedem passieren… und umso mehr denen, die den Wunsch hegen, die Regeln und Systeme umzuwĂ€lzen und ihre eigene Gegenwart und Zukunft anderen Arten zu Leben zu öffnen, anderen sozialen Beziehungen, anderen Mitteln, sich das, was man braucht, zu besorgen und zu regeln – als Individuum, als auch als Teil eines gemeinschaftlichen Gemenges. In diesem Fall ist die Wahrscheinlichkeit, einen Weg zu begehen, der sich von den verfolg- und identifizierbaren Codes befreit, entscheidend höher. Dies beweisen die Erfahrungen all derer, die sich im Kampf fĂŒr die Freiheit eingebracht haben, mit all den Bedeutungen, die diesem Begriff jedes mal gegeben wurden, in allen Orten und allen Epochen.

Es handelt sich um einen Weg, auf dem man sich wiederfinden kann, weil nichts anderes mehr möglich ist. Aber es kann auch eine Wahl sein, die nach den eigenen BedĂŒrfnissen, Projekten und WĂŒnschen abgeschĂ€tzt wurde, ohne ĂŒberhaupt das Messer am Hals zu haben.

Heute weiß ich, dass diese BrĂŒcken zu sprengen,

eine Anstrengung erfordert,

aber ich kann es tun.

Eine Eroberung von sich selbst,

den eigenen FĂ€higkeiten,

die Schritt fĂŒr Schritt Sicherheit und Vertrauen schmieden,

in das, was man denkt,

in das, was man möglich machen will.

In das, was man mit Eifer und Enthusiasmus schafft.

In dieser Stille, der Besorgnis,

sich fern vom Gewohnten zu fĂŒhlen,

diesen Momenten,

die bereits von Erinnerungen verblasst wurden,

wird die Freiheit geboren,

die ich heute atmen kann.

– 25. April

Es gibt Normen, Konventionen, Papierfetzen, technologische Innovationen, die die Existenz nach den BedĂŒrfnissen des Produktionssystems und der gesellschaftlichen Verwaltung, die von der Macht entwickelt wird, katalogisieren und organisieren.

Es gibt Momente, in denen all das fĂŒr die AktivitĂ€ten jener, die dieses immense GefĂ€ngnis in die Luft sprengen wollen, zu einem zu engen KĂ€fig wird und man dann andere RĂ€ume, andere FĂ€higkeiten und eine andere Dimension, in der man sich zu bewegen lernt, nötig hat. Das ist die Dimension des Geheimnisses, ein Reich der Vorsichtsmaßnahmen, der Kenntnisse, der Projekte und Aktionen, die es ermöglichen, die Initiative zu behalten und deine InterventionskapazitĂ€ten zu bereichern, ohne gezwungenermaßen identifizierbar, kontrollierbar und so Gegenstand von Repression zu sein. Die Dimension des Geheimnisses lĂ€uft parallel zum Bestehenden, wie man es zu sehen gewohnt ist, und dringt ein und entfernt sich je nach unseren BedĂŒrfnissen und Zielen, denen wir uns jedes mal widmen.

13:28 Uhr

Ich bin im Zug. Ich habe die letzten Schatten, die mich verfolgten, hinter mir gelassen, ich habe sie vor ein paar hundert Kilometern zurĂŒckgelassen, nach einem schnellen Durchgang zwischen den Gestellen eines Supermarkts mit zwei AusgĂ€ngen und einigen plötzlich in Richtung Vorort genommenen Bussen. Auch im Vorort gibt es ZĂŒge, die anhalten und ein paar leicht zu vermeidende Kameras.

Ich habe niemanden hinter mir, und die Papiere, die nicht auf meinen Namen lauten, sind in Sicherheit, zuunterst in meiner Brieftasche. Die Haare geschnitten, eine Brille, ein paar Kleider, die nicht so sehr ins Auge stechen, und schon bin ich fĂŒr die anderen nicht mehr ich. Bevor ich diesen Zug nahm, hab ich eine dieser Taschen geholt, die man am Besten niemals bei sich zu Hause hat.

Ich habe, was man braucht und ich weiß, dass mit all den Finessen, die ich gebrauchte, mich nur ein UnglĂŒcksschlag in eine gefĂ€hrliche Kontrolle laufen lassen könnte.

Ich kenne meine Route, obwohl ich wahrscheinlich Straßen ablaufen muss, die ich nie zuvor gesehen habe und LokalitĂ€ten besuchen muss, in denen ich niemals zuvor war. Die Route ist eine Methode: die FahrplĂ€ne und Karten betrachten, die Bahnhöfe und ZugĂ€nge auswĂ€hlen, die bisher unbekannten Orte auskundschaften.

Die Reise von jemandem auf der Flucht ist keine Pause von der alltĂ€glichen Monotonie, du kommst an einem Ort an und deine Aufmerksamkeit versucht eine unmittelbares VerstĂ€ndnis des Raums, in dem du dich bewegen wirst, zu erlangen. Du suchst jene Elemente, die dich an einen bestimmten Ort gefĂŒhrt haben, die UmstĂ€nde, die deine Anforderungen am besten befriedigen. Du versuchst die möglichen Gefahren darin zu erkennen und die Charakteristiken, die dir nĂŒtzlich sein könnten.

Die Route ist ein Fotoalbum, in welches du dir die Überwachungspunkte klebst, die unterirdischen DurchgĂ€nge und die Einbahnstraßen, die freundschaftlichen HĂ€user und die diskreten Bars, die Hotels, in denen man deine Papiere nicht verlangt und die WĂ€lder, in denen man, ohne bemerkt zu werden, campieren kann.

Ich bin hier, jetzt, unbekannt unter tausend Unbekannten und es ist mir sehr klar, was ich mir vorgenommen habe. Ein falscher Schritt, ein Wort zu viel, ein dubioser Blick oder eine dubiose Geste, die zu viel Aufmerksamkeit auf mich zieht – das sind die Fehler, vor denen ich mich bewahren muss, wenn ich mich nicht in Gefahr begeben will. Das Wichtige ist jetzt, dass ich mich bewege, entschieden, aber locker, wie ein Fisch im Wasser.

Siehe da, meine Kontaktperson wartet auf mich, pĂŒnktlich, unter der Uhr des Platzes. Sie beginnt zu gehen, indem sie circa 15 Meter vor mir und auf der anderen Straßenseite geht. Ich folge ihm und fĂŒhle wie andere Augen mich fixieren. Freunde, Komplizen. Gut, eine Reise wie jene, die uns erwartet, ist charmanter, zumindest was mich betrifft, wenn man sie in Gesellschaft macht.

Klandestin zu reisen ist sicherlich nicht sorglos. Es gibt Stellen voller Fallen, man muss immer die EventualitĂ€t einer erzwungenen RĂŒckkehr in die Welt, aus der man raus konnte, im Bewusstsein behalten, mit den Konsequenzen, die das mit sich bringt.

Man lernt mit der Wahrscheinlichkeit des eigenen Todes zu leben, vielleicht mehr als unter allen anderen UmstÀnden. Eine Wahrscheinlichkeit, die in einem Konflikt mit der Macht und ihren Wachhunden, ohne halbe Sachen, bestimmt nicht allzu fern ist. Das ist ein Gedanke, der im Kopf kreist, keine Paranoia, sondern vielmehr die Gewissheit eines Epilogs des eigenen Abenteuers, unter vielen anderen möglichen Epilogen.

Sich den UmstĂ€nden dieser Art zu stellen, ist nicht einfach, besonders weil dies eine Entfernung von allem, was uns umgibt, impliziert, in einer mehr oder weniger drastischen Weise, abhĂ€ngig davon, was unter den spezifischen UmstĂ€nden unserer Reise zweckmĂ€ĂŸig erscheint. Und, ohne die gewohnten GefĂ€hrten, ohne die Freunde und die Geliebten, kann man sich sehr einsam fĂŒhlen. Es ist als wĂ€re ein Teil von dir aus deinen Eingeweiden gerissen worden. Man geht, man hat dieselben Beine, dieselben Arme, dasselbe Gehirn, aber etwas fehlt. Eine Leere, der sich zu entziehen nicht einfach ist.

Dieser komische Typ des Reisenden kann jedenfalls seinen Kummer, der ihn begleitet, mit den Begegnungen, die ihm sein Pfad anbietet, durch neue Beziehungen und Erfahrungen, denen er ohne Zweifel unter anderen UmstĂ€nden nicht begegnet wĂ€re, ausgleichen. Ich rede nicht nur von all denjenigen, die – in diesem gigantischen GefĂ€ngnis unter offenem Himmel – unter denselben UmstĂ€nden leben und denen zu begegnen sehr gut möglich ist.

Wir können von einer neuen oder wiedergefundenen SensibilitĂ€t sprechen, um die menschliche RealitĂ€t in ihren konkretesten BedĂŒrfnissen, in ihrem deprimierendsten Elend, in ihren Freuden und ihren ehrlichsten GroßzĂŒgigkeiten anzugehen.

Eine Möglichkeit, die nicht ausschließlich von einer einheitlichen Verwandlung in der Art des VerstĂ€ndnisses der Beziehungen und VerhĂ€ltnisse, die man benötigt, daherkommt oder die man fĂŒr jedwelchen zufĂ€lligen Umstand kultivieren kann, sondern auch von der Art, wie die andern mit dir kommunizieren, und von den Kriterien mit denen sie die Inhalte und Dynamiken derartiger Beziehungen interpretieren.

Da der Klandestine die IdentitĂ€t, mit der er sich in normalen Zeiten abgibt und welche darauf basiert, was er im Laufe seiner Existenz gemacht hat oder darauf, was man von ihm sagt oder denkt, nicht gebrauchen kann, entdeckt er so den Kern der eigenen Entscheidungen und der eigenen Bestrebungen wieder. Er bemerkt, wie sehr die GrĂŒnde des hartnĂ€ckigen Verlangens nach Subversion, die ihn antreiben, im Grunde klar und sinnvoll sind. Und daraus entspringt eine reale und unmittelbare Gegenseitigkeit, eine Art zu kommunizieren, von der er niemals Gelegenheit hatte, sie kennenzulernen. Eine Gegenseitigkeit, die dazu Anstoß gibt, neue Verhaltensweisen und eine andere Sprache zu entdecken, um seinem GesprĂ€chspartner die Essenz der eigenen Charakteristiken und Überzeugungen auszudrĂŒcken.

EL MENFI

Wir kamen an jenem Abend in der Stadt an, wo der lokale Fußballclub um seine unwahrscheinliche Rettung vor dem Abstieg spielte.

In den Bars waren die Leute Ă€ußerst pessimistisch und konsumierten das gewöhnliche Ritual von Beleidigungen, Ausrufen und GetrĂ€nken vor dem großen Bildschirm, dessen Bildauflösung nicht mal erlaubte dem Ball zu folgen.

El Menfi war bereits angekommen, er wartete auf uns, und seine Anwesenheit drang durch das Lachen, das unseren Abend begleitete.

El Menfi ist ein GefĂŒhl, das Gestalt annimmt, das zu Fleisch und Knochen wird. Eine Art sich zu bewegen, unter Leute zu gehen, zu lĂ€cheln und einen Blick zu erwidern, der das Gesicht fokussiert und Nerven und Muskeln verwandelt.

Seine Anwesenheit zu spĂŒren heißt, ihn niemals zu vergessen. El Menfi setzte sich neben uns in den unbeschwerten Festen, denen wir uns im Großstadtdschungel des Gebiets, in dem wir beherbergt wurden, hingaben. Und er brachte uns dazu, einmal mehr, durch die Stimme der Erinnerung, den Ausnahmecharakter von gewissen Momenten, die wir gemeinsam durchlebten, zu kosten.

In sich trĂ€gt El Menfi die einzigartige Dimension eines Individuums, das sich rennend von seinem Zuhause entfernt, mit einer Überzeugung im Herzen, denn auch wenn er alles aufs Spiel gesetzt hat und vielleicht sogar viel verloren hat – dann nur aufgrund einer umwĂ€lzenden VerĂ€nderung, die seine eigene UmstĂ€nde ĂŒbersteigt.

Das ist der Sinn des ZurĂŒckkommens auf etwas, das man begonnen hat, die RĂŒckkehr auf einen Boden, der sich in der Erinnerung zu etwas Idealem deformiert, was uns dazu anstoßen kann, ihn anderswo auch zu suchen, in Situationen und Leuten, die man nie zuvor angetroffen hat.

Deshalb entpuppt sich El Menfi dem Unbekannten durch einen TĂŒrspalt hindurch, im Garten voller Farben, im markanten Geruch von VolkskĂŒchen, von MĂ€nnern, Frauen und Kindern, die eine Zukunft zwischen den Maschen einer Existenz suchen, welche alle Freiheiten und Hoffnungen zermalmt.

Deshalb lĂ€uft El Menfi in den WĂ€ldern und zwischen Felsen, um ins Herz der UnterdrĂŒckung zu gelangen und dort seinen Dolch in die Tiefen zu stoßen. Wir wissen es, man kann es in unseren Augen lesen, und unsere Gedanken stoßen uns dorthin, wo die halben Worte und die Neugierde unserer Abendgesellschaft nicht hingelangen, wo die Freiheit aller sich mit der von El Menfi verflechtet.

Diese Nacht haben wir unsere SchlafsĂ€cke auf die Ecke der Matratze geschmissen, mit den ersten Morgenstrahlen verließen wir zum x-ten Mal eine Oase der vergĂ€nglichen und geselligen Ruhe, um uns in den Knoten unserer tausend Wege und Ideen zu zerstreuen. Sicher, dass wir uns auf die ein oder andere Art niemals trennen werden.

Aber letztendlich bemĂŒhst du dich vergeblich, dich zu bewegen, zu diskutieren, zu schreien und deine Projekte zu machen: du bist alleine. Alleine im Angesicht deiner Verantwortungen, angesichts deiner FĂ€higkeit, die du, um mit anderen zu kommunizieren, glaubtest oder wusstest umzusetzen, vorzuschlagen und einzusetzen. Alleine, angesichts der Beharrlichkeit und HartnĂ€ckigkeit an denen du dich festhĂ€ltst, um nicht im Sumpf der dich umgibt unterzugehen, im Elend der menschlichen Beziehungen und Perspektiven, in den kleinen und großen EnttĂ€uschungen und Komplizenschaften des Alltags.

Alleine, aber mit einem inneren GepĂ€ck das dich dazu drĂ€ngt, neue Beziehungen zu knĂŒpfen, neue Projekte, neue KĂ€mpfe.

Die KlandestinitĂ€t wird so zu einer Haltung unter all jenen, die dein Sein, dein Denken und deine Gedanken vervollstĂ€ndigen können. Es ist eine Reise, die dir einen Filter liefert, um das, was dich umgibt, gemĂ€ĂŸ Kriterien zu interpretieren, welche die Art selbst verĂ€ndern, die du hast, das Leben, die Zeiten und RĂ€ume deiner Reisen und die Art, dich irgendwo niederzulassen zu sehen. Ich versuche zu ĂŒberlegen… zu sehen, was gemacht wurde und was nicht. Und ich finde mich dabei wieder, ĂŒber strategische Entscheidungen nachzudenken, die unwahrscheinlich sind. Unwahrscheinlich, nicht weil sie dem sozialen Kontext, in den ich interveniere, unangemessen sind, oder dass ich einen irreversiblen Fehler in meinem VerstĂ€ndnis oder meiner Interpretation der Notwendigkeiten, die eine Kampfbewegung gegen die AutoritĂ€t in diesem Moment hatte, gemacht hĂ€tte.

Unwahrscheinlich aber, weil sie nicht in Betracht ziehen, was ich wirklich bin, die Wege, die ich gegangen bin, der Graben, der, wenn man seinen tiefsten Grund betrachtet, die Distanz zwischen mir und dem grĂ¶ĂŸten Teil der Leute, denen ich begegne, vergrĂ¶ĂŸert. Ein Graben, der nicht unĂŒberwindbar sein kann, der sich notwendigerweise selbst ĂŒberbrĂŒckt, der sich zuerst in die eine, dann in die andere Richtung ĂŒberquert, um zurĂŒckzukommen, ein Graben, in dem sich sehr gut Pfade der Gegenseitigkeit und des Teilens gemeinsamer Erfahrungen begegnen können… aber es bleibt trotzdem ein Graben, und wenn ich auf seiner Klippe renne, bringt er mich auf das zurĂŒck, was ich bin, darauf, wovon, sei es per Zufall, sei es auf ĂŒberlegte Weise, ich die Möglichkeit hatte, auf meiner klandestinen Reise kennenzulernen, zu entwickeln und anzuwenden. Alleine, mit der Gewissheit definitiv eingravierter Distanzen in meinen vergangenen Erfahrungen, in meinen FĂ€higkeiten, in meiner Art das Leben und also die KĂ€mpfe anzugehen, fĂŒhle ich, dass ich einen entschlossenen Blick auf die Pfade zukĂŒnftiger neuer Reisen werfen kann.

Flucht im sozialen GefÀngnis

Das repressive System entwickelt sich und, wie jeder Sektor des großen Marktes, welcher die heutige Gesellschaft ausmacht, experimentiert es mit neuen Methoden, um Individuen zu kontrollieren und sie seinen eigenen BedĂŒrfnissen zu unterwerfen.

Dem GefĂ€ngnis, wo man tatsĂ€chlich Menschen einsperrt, werden die neuen Kontrollmaßnahmen der letzten Jahre hinzugefĂŒgt um die Überbevölkerung in den KnĂ€sten zu regeln, was den Verwaltern unserer Schicksale erlaubt, Unmengen an Geld zu sparen. Zum Beispiel stellen die ĂŒberwachten Hausarreste eine gute Investition dar: der Gefangene verwaltet seine eigene Einsperrung und zusĂ€tzlich erhĂ€lt er den Eindruck von demokratischer Repression. Und was ist mit den elektronischen Fussfesseln, wie sie die Versuchstiere im Labor tragen? Diese Fesseln werden von spezialisierten Unternehmen produziert, wobei neue ArbeitsplĂ€tze geschaffen werden.

Die GefĂ€ngnisse der gegenwĂ€rtigen Gesellschaft sind ĂŒberall verstreut und betreffen alle Aspekte der Existenz. Sind die Fabriken und BĂŒros, wo im Tausch gegen die eigene Zeit weiter gelitten und produziert wird, die Schul- und UniversitĂ€tsstrukturen, wo keine Menschen, sondern Ausbeuter oder Ausgebeutete geformt werden, keine GefĂ€ngnisse? Oder, wenn wir an die KrankenhĂ€user denken, wo man, nach einem stressigen und sinnentleerten Leben an Krebs stirbt, oder die „Lebensgemeinschaften“, wo mit Methoden zur Reintegration in den Produktionszyklus experimentiert wird? Und was sind also diese bedrĂŒckenden BetonwĂŒrfel, die WohnhĂ€user genannt werden, in denen wir herumfluchen, die Viertel in denen man spazieren geht, die SupermĂ€rkte, wo man die Scheiße kauft, die man produziert, die Straßen, auf denen man wie MĂŒcken zerquetscht wird?

Sind jene, die fĂŒr einen Hungerlohn arbeiten mĂŒssen, keine Sklaven? Sind die Idioten aus „Big Brother“ nicht ihre eigenen GefĂ€ngniswĂ€rter und mit ihnen alle, die ihre nervende Monotonie krankhaft auf dem Fernsehsessel mitverfolgen? Gefangene in einer Welt, wo die einzige Freiheit vom Kontostand dargestellt wird. Wo es der Herrschaft, durch ein immer effizienteres Kontrollnetz und mit tĂ€glich ausgefeilteren Mitteln gelingt, in jede PrivatsphĂ€re einzudringen, und alle Orte, an denen die Menschen gezwungen werden zu

leben, in ein GefÀngnis zu verwandeln.

Heute (Anm.: 2003) sitzen alleine in Italien mehr als 50.000 Menschen im GefĂ€ngnis. Jenes mit Gittern und GefĂ€ngniswĂ€rtern, wo die Folter Alltag ist, wo PrĂŒgel Gewohnheit ist, wie es die Gefangenen wissen, die dem 41 bis-Regime in Italien oder dem FIES-Regime in Spanien (Anm.: beides Isolations- und Hochsicherheitsregime in GefĂ€ngnissen) unterliegen. Die meisten Gefangenen haben Delikte gegen das Eigentum oder Drogendelikte begangen. Ein guter Teil sind Migranten aus LĂ€ndern, in denen die westlichen Kolonien nur Elend hinterlassen haben. „Die Gesetze werden von den Reichen gemacht, um all jene zu unterdrĂŒcken, deren LebensumstĂ€nde es nicht erlauben, sie zu beachten.“1 (B. Brecht) Eine von Profit und Krieg gesteuerte Gesellschaft, die jene einsperrt, die sich nicht anpassen, wird niemals meinen Respekt verdienen. Als ich erfuhr, dass sie mich in den Knast stecken wollen, habe ich nicht gezögert: gegenĂŒber der Gewissheit eingesperrt zu werden, bevorzugte ich die Flucht. Eine instinktive Entscheidung. Eine Entscheidung, die zwar eine Loslösung von der Umgebung, in der man lebt, impliziert, jedoch ebenfalls die Befriedigung, sich nicht in den HĂ€nden des Untersuchungsrichters zu befinden. Das Leben des Fliehenden ist jenes des Inkognito-HĂ€ftlings im großen GefĂ€ngnis namens Gesellschaft. Ich könnte nicht sagen, ob die Flucht besser als das offizielle GefĂ€ngnis, oder schlimmer als das soziale GefĂ€ngnis ist: ich war noch nie im Knast, jedoch kenne ich dafĂŒr die Entfremdung und Armseligkeit des Leben des Ausgebeuteten gut. Verschiedene Aspekte ein und desselben Problems: man ist nicht frei. Ich werde nicht frei sein, solange es Ausbeutung, KnĂ€ste und Formen von Eigentum und AutoritĂ€t gibt, was die Hauptursachen der sozialen Ungerechtigkeit sind.

Weit entfernt davon die KlandestinitĂ€t als Erfolgsrezept fĂŒr den Aufstand zu idealisieren, möchte ich ebenfalls seine positiven Aspekte nicht verschweigen. Wenn die Alternative die GefĂ€ngniszelle ist, lohnt es sich vielleicht, dieses Abenteuer zu wagen. Nur schon, um sich bewusst zu werden, welche Möglichkeiten das Leben eines Fliehenden immer zu bieten hat, welche Wichtigkeit eine solche Erfahrung in einer revolutionĂ€ren Perspektive hat und haben könnte, und auch viel einfacher gesehen, als eine Frage des Prinzips. Vielleicht, weil der Charakter und die Spannungen jedes Einzelnen eine fundamentale Rolle in der Entscheidung spielen. Anstatt Gefangener der Angst und von sich selbst zu werden, ist es besser bei sich zu Hause zu warten, bis die Ereignisse auf dich einstĂŒrzen. FĂŒr mich ist es eine Reise an die RĂ€nder der Gesellschaft, wo ich, nicht immer mit Erfolg, versuchte, mich so wenig wie möglich zu verstecken, meinen Individualismus bzw. meine IdentitĂ€t aufrechtzuerhalten, wĂ€hrend ich meine Geschichte und meine Vergangenheit verstecke. Die Tatsache nicht zu wissen, wo ich meinen Schlafsack in der nĂ€chsten Nacht ausbreiten werde, machte mir keine Angst. Ich hatte schon immer einen Nomadengeist und das Reisen war auch ein bisschen meine Schule. Die Reise, die ich gerade unternehme, ist viel interessanter und echter. Es ist die Reise, die mich lehrte Gleichgewichte zu finden, obwohl ich in Bewegung war. Sie hat mich, trotz großen Schwierigkeiten, gelehrt, ein kĂ€mpfendes Individuum zu bleiben und nicht ein Schatten, der die Mauern entlang streift. Die Entscheidung zu flĂŒchten, impliziert das totale Aufgeben des öffentlichen Lebens, der freundschaftlichen und familiĂ€ren Beziehungen, eine permanente Spannung und Achtsamkeit gegenĂŒber dem, was du sagst und tust. Eine Entscheidung, die mit Vorsicht abgewogen werden sollte, eine Entscheidung, die alle WidersprĂŒche in sich trĂ€gt. Wird sie jedoch bewusst und ohne paranoid zu werden gelebt, hĂ€lt sie die Sinne wach und verfeinert die AnpassungsfĂ€higkeit an alle UmstĂ€nde. Man beginnt, das Gebiet auf andere Weise zu betrachten. Nimmt man eine Landkarte zur Hand, entdeckt man eine neue Welt, die Geografie wird zu einer Wissenschaft, die uns das Gebiet als etwas Globales betrachten lĂ€sst, ĂŒber die Grenzen hinaus zu denken, ĂŒber die obligatorischen Pfade hinaus zu sehen und die ursprĂŒnglichen wieder zu entdecken. Eine Entscheidung, die die Art mit anderen und den Alltag zu leben, oft in etwas Unangenehmes verwandelt. Trifft man zum Beispiel eine Person, die man kennt, reitet man sie in die Scheiße und fragt man sie danach um einen Gefallen, hat man den Eindruck, sie mit den RĂŒcken an die Wand zu stellen. Hingegen werden die Beziehungen, die bleiben, die tief sind und wo die KomplizitĂ€t spontan ist, konkret und leidenschaftlich.

Neue Freundschaften zu entwickeln, ohne sein Spiel auffliegen zu lassen, ist nicht einfach, da es das Verhalten und die Notwendigkeit zu kommunizieren sind, die entscheiden. Es ist nicht einfach in der KlandestinitĂ€t zu leben: die Art zu sprechen, das eigenartige Verhalten und die unvermeidbaren LĂŒgen lassen dich langfristig so mysteriös erscheinen, was nicht immer auf positive Art interpretiert wird. Jeder hat einen besten Freund, dem er blind vertraut und es ist genau so, wie alle alles erfahren. Reserviert zu sein ist eine immer seltenere Tugend.

Meiner Ansicht nach ist die sicherste Methode die, in permanenter Bewegung zu bleiben und dem Feind keine Chance zu geben, dich zu lokalisieren. Anrufe ins Elternhaus oder bei Freunden sind absolut zu vermeiden, sowie Briefe und Besuche bei bekannten Adressen. TatsĂ€chlich konzentrieren sich die Kontrollen der Ermittler hauptsĂ€chlich auf diese Personen, sich dessen bewusst, dass es menschlich ist, die Stimme eines geliebten Menschen hören zu wollen, ihm zu sagen, dass alles gut geht. Auch das Wissen darĂŒber, dass es mindestens zwei Bullen in allen LangstreckenzĂŒgen gibt, oder dass große Bahnhöfe ĂŒber einen Polizeiposten verfĂŒgen, kann uns Ă€rgerliche Begegnungen ersparen. Genauso ist es nĂŒtzlich zu wissen, dass ein verwahrlostes oder zu auffĂ€lliges Aussehen Aufmerksamkeit erregen kann. Die komplette Militarisierung des Gebietes zwingt uns, DurchgĂ€nge zu finden, wo man sich bewegen kann, Schwachpunkte im Netz zu entdecken, um unbemerkt durchzugehen, zu verstehen, welches die besten Stunden des Tages sind, die Orte, um zu ĂŒbernachten. Es ist unangenehm sich verfolgt zu fĂŒhlen, den Atem der Repression im Nacken, aber es ist noch unangenehmer, zu beobachten, dass die Verfolgung auch die nahestehenden Personen trifft.

Auch wenn die KlandestinitĂ€t auf wĂŒrdevolle Weise gelebt wird, bleibt sie nur eine Seite der Medaille. Die andere zu vergessen – ich denke an die GefĂ€hrten hinter Gitter, zwischen DemĂŒtigungen und Grausamkeiten – dazu wird man mich nie bringen.

Die KlandestinitĂ€t ist eine Herausforderung, eine Gelegenheit, seine Ideen auf die Probe zu stellen, eine Entscheidung, die dich dazu bringt, ein Leben mit dichten Emotionen zu leben. Ein waghalsiges Leben, teilweise traurig; wie alle Entscheidungen. Die Flucht ist eine Wette, eine Wette auf die Gegenwart, weil die Zukunft eine schwarze Wolke ist, elende Tage auf deiner Agenda. Am Anfang sind die TrĂ€ume dicht von Bullen und Flucht besiedelt, und dann, mit der Zeit, beginnt man von abenteuerlichen Besuchen bei Freunden und flĂŒchtigem Erscheinen an der Bar zu trĂ€umen. Allgemeiner gesehen muss ich sagen, dass meine TrĂ€ume schrecklich real geworden sind. Oft frage ich mich, ob es vernĂŒnftig ist, weiterhin auf der Flucht zu sein, ob es noch einen Sinn hat. Aber ich weiß, dass kein gesunder Menschenverstand mich jemals dazu bringen wĂŒrde, die Schwelle eines GefĂ€ngnisses mit eigenem Willen zu betreten. Ich werde weiterhin flĂŒchten, wie es in meiner Natur liegt, genau wie ich die weiterhin verfluchen werde, die mich verfolgen.

Eine Entscheidung, welche die Art zu leben verĂ€ndert, so wie die Lebensanschauung, den Wert der Dinge und der GefĂŒhle. Man wird ein wenig zu einem BĂ€ren, der auf die ganze Welt sauer ist. Die einzigen Momente, in denen man sich frei ausdrĂŒcken kann, sind die Begegnungen mit den Freunden, die immer zu kurz sind, um die VerĂ€nderungen und die letzten Neuigkeiten zu diskutieren. Man muss sich mit einer, durch den Blickwinkel anderer gelebten RealitĂ€t zufrieden geben.

Die Überlegungen, die mich in letzter Zeit durchströmten, brachten mich auf den Gedanken, dass ich viel mehr Möglichkeiten hĂ€tte, wenn ein solidarisches Netzwerk existieren wĂŒrde, eine gemeinsame Diskussion ĂŒber die Frage der KlandestinitĂ€t. Meiner Ansicht nach ist es ein dringliches Ziel, hinsichtlich sogenannter revolutionĂ€rer Erfahrung, jenen, die gezwungen sind sich zu verstecken, RĂ€ume zur Diskussion und konkrete Überlebensmöglichkeiten zu bieten. Ich denke, man könnte den FlĂŒchtenden das Leben erleichtern, wenn Referenzpunkte vorhanden wĂ€ren, die fĂŒr das Aufrechterhalten von Kontakten und fĂŒr die MindestbedĂŒrfnisse notwendig sind: Informationen, die rechtliche Situation, eine SolidaritĂ€tskasse. Es ist nicht meine Absicht eine fixe, formelle Struktur mit Verantwortlichkeiten vorzuschlagen. Ich denke nur an eine Koordination fĂŒr jene, die von der Repression betroffen sind, zwischen Individuen und Gruppen, die ihre SolidaritĂ€t zum Ausdruck bringen wollen oder dies bereits tun. Ich denke, dass die Existenz einer solchen Koordination, einen Durchbruch in den Mauern schaffen könnte, welche die Gesellschaft gerade um sie baut. Eine Koordination, die Familien und Freunde der Gesuchten berĂŒcksichtigt, die ebenfalls von der Repression betroffen sind – und falls sie an der Diskussion interessiert sein sollten – Diskussionen vorzuschlagen, die ihnen zum besseren VerstĂ€ndnis der repressiven Mechanismen verhilft, indem ihnen zur selben Zeit die Gelegenheit geboten wird, sich mit jenen konfrontieren zu können, welche Ă€hnliche Situationen durchleben, und vielleicht ihre „eigene Form“ zu finden, um die SolidaritĂ€t zu organisieren. Die KlandestinitĂ€t hĂ€ngt, abgesehen von der polizeilichen Verfolgung, von der Art ab, mit welcher die Betroffenen sie angehen. Wenn man sich zu sehr „versteckt“, alle Kontakte abbricht, wenn man nicht nur physisch verschwindet, sondern auch von den ProjektualitĂ€ten des vorherigen Umfeldes, trĂ€gt man auf entscheidende Weise zur Isolation bei. Im Grunde spielt man ein wenig das Spiel jener, die uns auslöschen wollen. Deshalb ist es wichtig, dass der FlĂŒchtende weiterhin existiert, indem er weiterhin ein wĂŒrdevolles Leben lebt, die Möglichkeit in den gemeinsamen Diskussionen zu intervenieren, weiter zu agieren. So wie er es immer getan hat.

Nachtzug

Es wird aus vielerlei GrĂŒnden davon abgeraten den Nachtzug zu nehmen. Aber wenn du es, wie ich, eilig hast, dann ist es der einzige Zug, der dir verspricht, das ganze Land in einer einzigen Nacht zu durchreisen. Er ist fast immer gefĂŒllt mit Klandestinen, die versuchten die Grenzen zu ĂŒberqueren, mit Menschen voller Hoffnung und Hoffnungslosigkeit. Wie ich.

Ich habe diesen Zug nehmen wollen, weil ich sonst eine Nacht in der KĂ€lte verbringen oder Geld fĂŒr ein Hotel hĂ€tte ausgeben mĂŒssen. Es ist ein bisschen spĂ€ter als ein Uhr nachmittags als wir in (…) ankommen. Es sind wenig Leute da, wir sind drei oder vier Passagiere im Wagon. Wie ĂŒblich steigen zwei oder drei Banden Jugendlicher ein und zirkulieren mit eindeutig zwielichtigen Absichten zwischen den Sitzen. Ich kenne die Strecke gut und klemme meine Tasche zwischen die Beine. Die Papiere und die Kohle trage ich immer bei mir. Auf der Straße zu leben hat mich misstrauisch gemacht. Außer mir gibt es im Nicht-Raucher-Abteil eine alte Frau mit zwischen den Sitzen geklemmten Paketen und Koffern. Sie hat das seltsame Spiel auch mitbekommen. Nach ungefĂ€hr einer Stunde Fahrt spĂŒre ich, dass sich jemand auf den Sitz hinter mir gesetzt hat. Ich war halb eingeschlafen. Ich richte mich auf und sehe, dass ein anderer Kerl mir gegenĂŒber sitzt. Ich schaue sie an, ohne etwas zu sagen. Die Lichter sind ausgegangen und ich errate die Kampfansage in ihren Blicken. Sie mĂŒssen 14 oder 15 Jahre alt sein, aber sie sehen schon erwachsen aus mit ihren kurzen Haaren, den Jogginghosen ihrer großen BrĂŒder, den Jacken und den Arbeitsschuhen. Ich sehe sie aufstehen und in den nĂ€chsten Wagen gehen. Eine halbe Stunde spĂ€ter bin ich gerade wieder dabei einzuschlafen. Ich nutze das Passieren des Kontrolleurs um auf der Toilette einen Joint rauchen zu gehen, den ich in fĂŒnf ZĂŒgen abbrennen lasse und der mich ziemlich high macht. Es ist gutes Gras und ich muss mich an das BelĂŒftungsgitter pressen, um den ĂŒbermĂ€ĂŸigen Rauch hinauszublasen.
„Feiglinge!“ Die Dame im Wagon beschimpft gerade dieselben Jungen, die es dieses Mal bei ihr versucht haben. „Ich lebe auch auf der Straße, verdammt!“ Sie schaut mich verzweifelt an. Ich sehe an ihrem Blick, dass sie auch mir nicht vertraut. Das erste GlĂŒhen der MorgendĂ€mmerung erhellt die Berge in der Ferne. Es liegt ziemlich viel Schnee auf den Bergen, aber es wird ein schöner Tag. Es ist noch frĂŒh am Morgen als ich in (…) ankomme. Eine mit GepĂ€ck beladene Schulklasse wartet auf dem Bahnsteig darauf in die Ferien zu fahren. Der Zug fĂ€hrt weiter. Noch einige Stunden und dann werde ich aussteigen und etwas essen können.

Ich höre, wie sich die TĂŒren hinter mir schließen. Ich drehe mich um und sehe sie. Es sind drei: KĂ€ppis, Uniformen und Abzeichen auf der Weste. WĂ€hrend der erste die alte Dame nach ihren Papieren fragt, steuern die andern beiden auf mich zu. Es gibt drei Passagiere im Wagon. Und drei Bullen. „Guten Tag, Personalausweis.“, befehlen sie mit einer bestimmten Höflichkeit. Sie haben ihren Arbeitstag vor kurzem begonnen, ich rieche den Geruch von Kaffee und gerade eben gerauchten Kippen in ihrem Atem, wĂ€hrend sie meinen Namen an die Zentrale weiterleiten. Mein Magen schnĂŒrt sich zu, kalter Schweiß rinnt meinen Oberkörper und meine Arme hinunter. Sie beobachten mich ĂŒber mehrere Minuten, fragen mich nach meiner IdentitĂ€t, wĂ€hrend sie auf die Antwort der Zentrale warten. Wir sind auf einer Strecke voller Tunnel und es gibt Probleme mit der Kommunikation. Ich sage mir, dass ich ruhig bleiben muss und betrachte dabei die Landschaft. Ich versuche mir die Farben einzuprĂ€gen, ich konzentriere mich auf die HĂ€user aus Stein und ihre typischen DĂ€cher. Ich denke mir, dass dies die letzten Momente sein werden, wo ich die Landschaft genießen kann.

Wer weiß, ob meine Freundin mir geschrieben hat, wer weiß, wann sie erfahren wird, dass ich erwischt wurde. Der jĂŒngere der drei ist unverheiratet, wohingegen die anderen bestimmt verheiratet sind, das sieht man an ihren gebĂŒgelten Hemden. Sie haben ihre Frau gekĂŒsst, dann sind sie zur Arbeit gegangen – die Arbeit der JĂ€ger. Und ich, ich bin die Beute. Wenn die Gazelle spĂŒrt, wie sich die ZĂ€hne des Löwen in ihren Hals schlagen, gibt sie jeglichen Widerstand auf. Ich fĂŒhle mich schlagartig von einer seltsamen MĂŒdigkeit ĂŒberwĂ€ltigt. Ich habe Lust zu lachen, ich sage mir: “Im Grunde genommen wusste ich, dass dieser Moment frĂŒher oder spĂ€ter kommen wĂŒrde. Ich hatte GlĂŒck bis zum jetzigen Moment, dies ist die Stunde der Wahrheit.“ Wo werden sie mich hinbringen? Es ist das erste Mal seit ich mich aufgemacht habe, dass ich in eine solch pedantische IdentitĂ€tskontrolle gerate.

Es gibt offensichtlich Verbindungsprobleme. Der JĂŒngere gibt mir die Papiere zurĂŒck und entschuldigt sich fĂŒr die Störung. Ich beobachte ihn und gebe ihm zu verstehen, dass er weiß, wo er mich findet und dass ich nichts zu verbergen habe. Kaum sind sie verschwunden, stehe ich auf um mich zu entspannen und gehe im Gang eine Zigarette rauchen. Ich frage mich, ob ich sitzen bleiben soll oder ob ich im nĂ€chsten Bahnhof versuchen soll auszusteigen. Aber die Fahrt ist lang und ich habe keine Ausweichmöglichkeit. Wenn die Antwort der Zentrale positiv ist, werden sie zurĂŒckkommen, um mich zu suchen. Ich erwĂ€ge alle Mittel, ĂŒber die ich verfĂŒge, um rauszukommen: die Notbremse ziehen und aus dem Zug springen, mich in der Toilette einschließen und alles kompromittierende, das ich bei mir habe, vernichten.

Die alte Dame hatte vorsichtig meine unvollendete Kontrolle und meine darauf folgende NervositĂ€t beobachtet. Als wir in (…) ankommen, stellt die Dame ihr GepĂ€ck vor die TĂŒren und macht sich bereit auszusteigen. Ich biete mich an zu helfen, aber sie lehnt entschieden ab. Ich bemerke mit Erleichterung, dass die Bullen auch ausgestiegen sind. In einigen Stunden werde ich an der Grenze sein. In diesem Moment bevorzuge ich nicht daran zu denken, wie ich sie ĂŒberqueren werde.

Es ist Morgen und ich habe den ganzen Tag vor mir. Im Bahnhof sind keine Bullen, aber ich ziehe es vor, eine Runde zu drehen. WĂ€hrend ich ein Sandwich esse, betrachte ich das Meer, das vor mir liegt, und seine Wellen. Das Klima hier ist mild. Ich genieße den letzten Joint, der mir geblieben ist. Sein Geschmack ist sĂŒĂŸ, wie die Freiheit.

Nomadenleben, ein wertvolles Gut

Ich habe oft gehört, dass der Knast fĂŒr einen RevolutionĂ€r wie ein Unfall auf einer Rennstrecke verstanden werden muss, weil derjenige, der wirklich von der Notwendigkeit ĂŒberzeugt ist, diese Welt radikal zu verĂ€ndern und konsequent handelt, frĂŒher oder spĂ€ter damit konfrontiert sein wird. Es ist natĂŒrlich logisch, dass der Feind, angesichts einer Bedrohung gegen seine Ordnung, auch wenn es sich nur um eine Möglichkeit handelt, reagiert, indem er seine Waffen schĂ€rft. Überwachung, Beschattung, EinschĂŒchterung und all die anderen alltĂ€glichen Maßnahmen derer sich die Repression bedient, werden fĂŒhlbarer, wĂ€hrend die KĂ€fige, die das Bestehende erhalten, sich um uns zusammenziehen. Und wenn sie es nicht fĂŒr ausreichend erachten, die Situation unter Kontrolle zu halten, um das „Böse“ einzudĂ€mmen, dann machen sie sich daran, die „Gefahr“ physisch aus dem sozialen Kontext zu entfernen.

Ich denke, dass es immer nĂŒtzlich ist, diese Perspektive zu haben, ohne der Paranoia zu verfallen, und dass sie wichtig ist fĂŒr jene, die sich auf den tausendundeinen Wegen fĂŒr die eigene Befreiung und die der anderen einsetzen. Ich werde hier diesbezĂŒglich eine Reihe von Reflexionen anbringen.

Ich sage das, weil ich ĂŒberzeugt bin, dass es keine schlimmere Lage gibt, als sich absolut entwaffnet wiederzufinden, im Angesicht möglicher Konsequenzen, die unsere Aktionen haben können. Als ob wir in einem Traum gefangen wĂ€ren, der abrupt an den Mauern der RealitĂ€t zerschellt und uns ohne Möglichkeit zu reagieren zurĂŒcklĂ€sst. Es ist nicht so, dass eine prĂ€ventive Vorbereitung bezĂŒglich allem, was passieren könnte, möglich wĂ€re. TĂ€uscht euch nicht. Aber man muss zumindest versuchen sich vorzubereiten. Man muss Hypothesen entwickeln, um sich vorzustellen, wie man in einer gegebenen Situation reagieren könnte, um fortzufahren unsere Verlangen und unsere Praxis mit zusĂ€tzlichen Möglichkeiten zu nĂ€hren und zu rĂŒsten.

Damit will ich im Großen und Ganzen sagen, dass ich bereits ĂŒber ein Leben in KlandestinitĂ€t nachgedacht habe, bevor diese RealitĂ€t an meine TĂŒr klopfte. NatĂŒrlich hatte ich keine genaue Idee davon, aber ich habe sie als eine Möglichkeit in Betracht gezogen, wie einen offenen Raum zwischen der ĂŒberwachten Freiheit (jene die man lebt, wenn man nicht im Knast ist) und dem Eingesperrtsein. Die KlandestinitĂ€t war in meinen Gedanken prĂ€sent und folglich habe ich mich minimal vorbereitet, um zu wissen, an welche Orte ich gehen und wie ich dort hinkommen könnte.

Ich habe nie die Ansicht vieler GefĂ€hrten geteilt, welche diese EventualitĂ€t quasi als das schlimmste Pech betrachten, das eintreffen könnte. Im Gegenteil, instinktiv habe ich sie immer wie einen GlĂŒckstreffer angesehen, eine zu ergreifende Gelegenheit. Vielleicht auch weil ich mir nie vorgestellt habe, dass diese Wahl bedeutet an einem Ort versteckt zu leben, sich verfolgt und von jeglicher HandlungsfĂ€higkeit oder einem wĂŒrdevollen Leben abgeschnitten zu fĂŒhlen. Ich war auch nie der Meinung, dass die Entscheidung zu entkommen eine Art und Weise war, sich feige seiner Verantwortungen zu entziehen, da es in diesem Fall die Justiz ist, die zur Rechenschaft zieht und ich niemals mit ihr VertrĂ€ge unterzeichnet habe, aufgrund derer ich mich dazu verantwortlich fĂŒhlen wĂŒrde. Vielmehr denke ich nach wie vor, dass die Freiheit ein wertvolles Gut ist und, dass es sich lohnt einige Anstrengungen auf sich zu nehmen, um sie zu bewahren.

WĂ€hrend ich die KlandestinitĂ€t als eine im Vorhinein beschlossene Entscheidung, unabhĂ€ngig der Einzelheiten der entsprechenden Situation, ablehnte, zeigte sich die Gelegenheit zum Experimentieren in dem Moment, in welchem ich mich entweder einer GefĂ€ngnistĂŒr oder einem Sprung ins Unbekannte gegenĂŒber sah.

Ich wusste erst bei meiner Abreise, dass diese neue Dimension mir zumindest gestatten wĂŒrde, mich frei zu bewegen und den Himmel nicht durch GitterstĂ€be hindurch betrachten zu mĂŒssen. Diese Vorstellung, gefestigt durch die praktischen Vorbereitungen, denen ich mich bereits angefangen hatte zu widmen, reichte aus, um mich dafĂŒr zu entscheiden abzuhauen.

Wenn ich die KlandestinitĂ€t mittels einiger Worte definieren mĂŒsste, dann wĂŒrde ich sagen, dass es so ist, als wĂŒrde man verreisen, mit einem unvorhersehbaren Ziel, fĂŒr eine unbegrenzte Dauer und mit einer einfachen Fahrkarte. Eine Reise jedoch, die sich sehr von der Art, wie wir das Reisen kennen, unterscheidet: kein Intermezzo zwischen einem Vorher und einem Nachher, sondern ein Leben auf Reise. Wenn ich bedenke, dass ich immer eine besondere Leidenschaft fĂŒr eine nomadische Lebensweise hegte, da ich in meiner Vorstellung das Leben niemals von der Bewegung trennen kann, dann macht mir diese Art von Leben keine Angst. Im Verlauf dieser Flucht habe ich jedoch oft ĂŒber die gegensĂ€tzlichen Verhaltensweisen und die unterschiedlichen Charaktere der Menschen nachgedacht, darĂŒber ob sie Sesshafte oder Wanderer sind, da du unterwegs einerseits Reisenden wie mir begegnest und andererseits mit denjenigen in Kontakt kommst, die auf einem gegebenen Territorium leben. Wenn ich an Freunde gedacht habe, denen ich unterwegs begegnet bin, habe ich mir oft gesagt: „Wenn er sein Zuhause verlassen mĂŒsste, dann könnte er nicht weiterleben.“ Derjenige, der es nicht liebt zu reisen, wird unausweichlich zum Gewohnheitsmenschen, seine Tage verlaufen in demselben Rahmen, in denselben Beziehungen, von welchen einige stark und tief werden können, wie sie nur diejenigen werden können, die sich mit der Zeit festigen um bestĂ€ndig zu werden. Sein Leben spielt sich an einem bestimmten Ort ab und es ist an diesem Ort, wo es Gestalt und Tiefe annimmt; indem er sich davon entfernt, verliert alles seine Bedeutung. Derjenige, der von Natur aus Nomade ist, empfindet hingegen keine Verbindung zu einem Gebiet, wo er hingehört. Es ist jemand, der sich schnell anpassen, und aus Erfahrung sehr schnell verstehen kann, ob der Ort, an dem er sich momentan befindet, ihm entspricht oder nicht, was ein Trumpf ist, wenn man in die KlandestinitĂ€t gestoßen wird.

Der Gesuchte kann sich nĂ€mlich nicht erlauben, identifiziert zu werden und er weiß, dass er dort, wo er „auftaucht“, ohne Hinderung agil bleiben muss, um in jedem Augenblick die Entscheidung treffen zu können wieder aufzubrechen. Eine Entscheidung, die im Bruchteil einer Sekunde gemacht werden muss, genauso wie die Begebenheiten in Sekundenschnelle umschlagen können.

Aber, wenn wir dabei sind von den Bedingungen der Gesetzlosigkeit zu sprechen, von jemandem, der nicht zurĂŒckgehen kann, dann lasst uns noch einmal auf den Gedanken der „Abreise“ zurĂŒckkommen, ohne zu vergessen, dass sie aus einem Zwang hervorgeht. Das, was man hinter sich lĂ€sst, ist ein Leben bestehend aus vertrauten Empfindungen, Beziehungen, Landschaften, GeschmĂ€ckern, KlĂ€ngen und GerĂŒchen, Objekten an denen man hĂ€ngt, kurz, aus allem, was dazu beitrĂ€gt unsere eigene IndividualitĂ€t zu erschaffen, was keine Kleinigkeit ist. Das Bedauern darĂŒber, was man verloren hat, kann sich in andauernden Schmerz verwandeln, so tief und quĂ€lend, dass es unmöglich wird die Gegenwart mit Heiterkeit hinzunehmen. Auch ich habe diesen Schmerz natĂŒrlich erlebt, aber ich habe ihn mit der Zeit immer mehr eingeordnet und eingegrenzt und ich habe ihn ĂŒberwunden durch die Freude frei zu sein und bereit, das zu leben, was mich erwartet, Tag fĂŒr Tag.

Im Grunde ist das, was du empfindest, dass du dich an nichts mehr aus der Vergangenheit klammern kannst und keine Sicherheit hast, was die Zukunft betrifft. Je nach Wesensart kann dich diese Feststellung in eine tiefe Frustration stĂŒrzen oder dich den Taumel spĂŒren lassen, komplett frei zu sein von allen Bindungen, in der Lage jemand oder niemand sein zu können… je nachdem was du dir aussuchst. Ich habe mich, paradoxerweise, oft gefragt, ob das nicht die absolute Freiheit ist.

Um zusammenzufassen: du musst bereit sein, leicht zu reisen, dich also deiner eigenen Vergangenheit zu entledigen. Wieder von Null beginnen, mit nichts als deinem Enthusiasmus als GepĂ€ck und dem Versprechen an dich selbst, niemals zurĂŒck zu schauen.

Der Klandestine kommt so an einen bestimmten Punkt. Die erste Sache, um die er sich kĂŒmmern muss, ist, sich eine neue IdentitĂ€t zu geben, das beschrĂ€nkt sich nicht darauf einen neuen Namen zu erfinden, mit welchem man sich vorstellt. Um ein soziales Leben zu haben, ohne bei all jenen Verdacht zu erregen, denen man auf seinem Weg begegnet, muss man sich eine umfassende Existenz erschaffen, konkret, plausibel und rechtmĂ€ĂŸig. So kann man eine Vergangenheit schildern, einen gĂŒltigen und detaillierten Grund haben, der seine Anwesenheit an diesem Ort erklĂ€rt, die Zeiten und die Rhythmen respektieren, die man eigentlich haben sollte, und einen Anschein pflegen, der ĂŒberzeugt und alles glaubwĂŒrdig macht. Es handelt sich um eine regelrechte Arbeit, die ein gutes GedĂ€chtnis, Zeit und Energie verlangt und ich prĂ€zisiere sogleich, dass es nicht einfach ist, sich in diese Rolle hineinzufĂŒgen. Es ist nicht einfach, sich daran zu gewöhnen zu antworten, wenn jemand dich bei einem neuen Vornamen nennt und von sich zu reden, ĂŒber sein eigenes Leben und von seinen Interessen. Noch weniger wenn man, wie ich, die Angewohnheit hat, das nur mit GefĂ€hrten zu tun, fĂŒr die, vielleicht fĂ€lschlicherweise, viele verschiedene Dinge eine SelbstverstĂ€ndlichkeit sind. Wenn man es zur Leidenschaft hat das Existierende zu untergraben, indem man offen gegen die AutoritĂ€t und die Ungerechtigkeit kĂ€mpft, dann ist es traurig, sich lediglich als ein Sammler von TrĂ€umen auszugeben….

Einmal die Zweifel und den Argwohn hinsichtlich den Absichten deines GesprĂ€chspartners ĂŒberwunden, erzĂ€hlst du schließlich deine Geschichte, indem du das Wahre und das Falsche vermischst, indem du die wirklichen Erinnerungen mit jenen neugestaltest, die du dir ausdenkst, indem du im Hinterkopf behĂ€lst, dass du dich an alles erinnern können musst und dass dies stimmig mit deiner neuen Persönlichkeit bleiben muss. Deine Situation zwingt dich dazu, ohne Unterbruch jedes Wort und jeden Kommentar abzuwĂ€gen, spontane Reaktionen, angesichts von bestimmten Ereignissen oder Informationen, zu verbergen, kurz, du musst stets eine extreme NĂŒchternheit beibehalten und das Gleichgewicht zwischen zwei Persönlichkeiten wahren: zwischen derjenigen, die du bist und derjenigen, die du vorgibst zu sein.

Manchmal, um ehrlich zu sein sogar ziemlich oft, ist es mir passiert, dass ich mich auf Diskussionen eingelassen habe, die mich völlig aufzehrten, aufgrund der Konzentration, die ich aufbringen musste. Denn in jeder Diskussion, in die du dich einbringst, lĂ€sst du einen Teil von dir durchscheinen, wie zum Beispiel die Art und Weise, wie du mit den andern in Beziehung trittst. Seine Rolle zu spielen, ohne sich demaskieren zu lassen und gleichzeitig die Beziehung zu gestalten, kann ermĂŒdend und sehr schwierig werden, besonders wenn man interessante Menschen kreuzt mit denen sich die Beziehung mit der Zeit vertieft. Es ist klar, dass man oft ein stechendes Unbehagen empfindet, wenn man sich bewusst wird, dass man seinen GesprĂ€chspartner betrĂŒgt und dass er uns niemals kennenlernen wird, so wie wir wirklich sind. Außerdem, sagen wir es deutlich, ist da immer eine gewisse Besorgnis um die Menschen in deinem Umfeld: du weißt, dass sogar eine einfache Einladung eines Freundes zum Abendessen, ihn in ernste Gefahr bringen kann…

GegenĂŒber den OrdnungskrĂ€ften ist das Problem der IdentitĂ€t viel einfacher zu lösen. Bei den Bullen geht es prinzipiell um die Ă€ußere Darstellung: man muss mit der Masse verschmelzen, nicht mehr und nicht weniger. Es vermeiden, sich zu ungewöhnlichen Zeiten zu bewegen, nicht an „suspekten“ Orten verkehren, zumindest nicht regelmĂ€ĂŸig.

Ein Aufwand an Aufmerksamkeit, wie ich es zuvor erwĂ€hnt habe, eine Wachsamkeit, die konstant sein muss, denn man muss gerade auf die Aufmerksamkeit setzen, um der erschöpfenden Paranoia zu entkommen, den paralysierenden Zweifeln oder einem generalisierten Stress. Man kann nichts außer dieser Wachsamkeit trauen, um sich erlauben zu können, das GefĂŒhl zu haben, dass alles gut geht, dass die Situation unter Kontrolle ist. Eine tagtĂ€gliche Aufmerksamkeit gegenĂŒber seiner eigenen Sicherheit, das bedeutet sich zu vergewissern, frei zu bleiben.

In der KlandestinitĂ€t kann dir sogar eine banale Szene verdĂ€chtig erscheinen und je mehr du die Leute auf eine misstrauische Art oder mit zu viel HartnĂ€ckigkeit beobachtest, desto mehr lenkst du ihren Blick auf dich. Plötzlich denkst du, dass alle dich anschauen oder dass ein Typ dabei ist dir zu folgen; dann ĂŒberlĂ€sst du dich der Panik, welche immer schwierig zu bezwingen ist. Den Geist und die Nerven zu beruhigen, die Sinne schĂ€rfen und die Aufmerksamkeit zu verdoppeln sind die einzigen Hilfsmittel, um diese irrefĂŒhrenden GefĂŒhle zu ĂŒberwinden, die man lernen muss gut zu kennen. Auf jeden Fall, abgesehen von diesen Momenten, ist es immer passend, die Augen zu öffnen fĂŒr das, was um uns herum passiert. Zu lernen, sehr schnell das Gesicht oder die speziellen Zeichen von jenen zu erfassen, die uns umgeben, ein photographisches GedĂ€chtnis zu entwickeln, das uns erlaubt, sie in einem Augenblick wiederzuerkennen und folglich, sich den neuen Kopf, der in einen vertrauten Kontext eindringt, einzuprĂ€gen. Derjenige der inkognito lebt, nimmt die RealitĂ€t anders wahr, sieht Details und fokussiert sich auf Zeichen, die jenen entgehen, die nicht auf derselben WellenlĂ€nge sind. Einmal, als ich auf einem großen Platz einer großen Stadt ankam, habe ich sofort zwei Zivilpolizisten ausgemacht, die sehr diskret, fast versteckt unter Arkaden, einen Passanten nach seinen Papieren fragten. Der Platz wimmelte von Menschen und ich habe bemerkt, dass niemand von der Szene Notiz nahm, nicht einmal jene, die direkt an ihnen vorbeigingen. Ich war die einzige Person, fĂŒr die es sich tatsĂ€chlich um eine Kontrolle handelte und die gesehen hatte, dass diese beiden dort zwei Bullen waren.

Da es erschöpfend ist dauernd ein bestimmtes Niveau an Vorsicht beizubehalten, ist es wichtig ĂŒber einen Ort zu verfĂŒgen an dem man sich entspannen kann. Der wertvollste Ort ist ohne Zweifel jener, an dem man seine NĂ€chte verbringt. Du musst dich versichern, dass dich dort niemand suchen kommen kann, indem du alle Vorsichtsmaßnahmen anwendest, die nötig sind und dich davon ĂŒberzeugst, dass du wirklich alleine bist, wenn die TĂŒr einmal geschlossen ist. Dort bist du mit dir selbst konfrontiert, befreit von der IdentitĂ€t, die du angenommen hast, mit deiner LektĂŒre, deinen Ansichten zu den laufenden Ereignissen, deinen VorschlĂ€gen.

Aus Erfahrung gilt es zu vermeiden, die Leute, mit denen du in Kontakt kommst, darin einzuweihen, wo sich der genaue Standort deines Domizils befindet. Schon morgen kann es sein, dass dein Portrait in der Zeitung auftaucht und es ist sowieso immer das gleiche Problem: je mehr Leute wissen, wo du wohnst, desto weniger wirst du dich ruhig fĂŒhlen. Wenn dir jemals der Gedanke kommt, dass jemand zweifelhaftes dir folgen könnte, und dass deshalb dieser Ort nicht sicher ist, dann wirst du nie wieder Frieden finden, bis du nicht einen anderen gefunden hast. Um dem vorzubeugen ist es besser, die Orte, an denen man seine EinkĂ€ufe macht, oder die Bars und anderen Orte, die man regelmĂ€ĂŸig besucht, nicht zu nah zu wĂ€hlen (es wĂ€re unvermeidbar, dass irgendeine Bekanntschaft frĂŒher oder spĂ€ter beobachten könnte, wie du nach Hause gehst); weiter entfernte „Viertel“ zu frequentieren, erlaubt es dir, im Falle, dass dich jemand wiedererkennt, zumindest die Zeit zu haben, um nach Hause zu gehen und deine Sachen zu holen. Die Koffer zu packen ist sicher die AktivitĂ€t, die ich als FlĂŒchtiger am meisten praktiziert habe, weil das, was man ununterbrochen sucht, die Gewissheit ist, dass man als einziger sein Geheimnis kennt. Es ist dieser Erfahrungsschatz, der einem die Ruhe gibt, die nötig ist, um sich irgendeiner anderen AktivitĂ€t widmen zu können.

Wenn du frĂŒher den Eindruck hattest, niemals genĂŒgend Zeit zu haben, um all das zu tun, was dich interessiert, so ist sie in der KlandestinitĂ€t das Einzige, ĂŒber das du in HĂŒlle und FĂŒlle verfĂŒgst.

Um Frustrationen zu vermeiden ist es jedoch wichtig zu lernen, die Zeit und die Orte deiner Interventionen auf eine andere Art zu betrachten. Zuerst fĂŒhlte ich mich oft machtlos, weil ich fĂŒr mich ein bestimmtes Milieu bevorzugte, eine punktuelle Weise zu Handeln, nach der Dringlichkeit der Geschehnisse auf die es sich bezog. Auf der Flucht erreichen dich die Neuigkeiten, die dein Kampfgebiet und deine GefĂ€hrten betreffen, manchmal Monate spĂ€ter, sodass du erkennst, dass es nunmehr zu spĂ€t ist, um in eine bestimmte Situation zu intervenieren. Außerdem brauchst du mehrere Tage um eine Reise zu planen, um die Informationen, die Strecken, die FahrplĂ€ne der verschiedenen Transportmittel zusammenzutragen… du kannst nichts dem Zufall ĂŒberlassen. Das bedeutet nicht, dass du den Ort, wo du herkommst, vergessen sollst, aber du wirst anfangen ihn anders zu sehen, dich fĂŒr langfristige Projekte zu interessieren und auf Themen zu achten, die dich schon immer interessiert haben, nur dass du vorher keine Zeit gefunden hast, dich ihnen zu widmen, auch wenn sie dir wichtig schienen. Andersherum kann es hingegen möglich sein, kurzerhand in Umgebungen zu intervenieren, die du vielleicht vorher nicht kanntest. Ich habe zum Beispiel bemerkt, wie sehr die Grenzen zwischen den Staaten in meinem Geist verankert waren und wie wenig Aufmerksamkeit ich auf das richtete, was sich „jenseits der Grenzen“ abspielte, so beschĂ€ftigt wie ich damit war zwischen zwei militanten Terminen hin- und herzurennen.

Indem du deine EinschĂ€tzung der Zeit Ă€nderst, Ă€nderst du gleichzeitig deine EinschĂ€tzung der Aktion. Wenn du, um das auszufĂŒhren, was du willst, einige Stunden aufwendest um es vorzubereiten und dabei jedes Detail zu kontrollieren, so ist es, in dem Moment, wo du dies tust, als ob die Gesamtzeit, die du verbraucht hast, in einem Ganzen wiederkehrt und jede Minute mit einem anderen Gewicht aufgeladen ist. Die GefĂŒhle, die du empfindest, sind verstĂ€rkt durch die ganze eigene Spannung in Bezug auf das, was du tust. Eine scharfsinnige PrĂ€senz, die dich von jenen trennt, die dich unbekĂŒmmert umgeben.

Nach zwei Stunden Zugfahrt und zwei Stunden Laufen bin ich am Gebirgsbach angekommen. Es ist ein heißer Tag, ich fĂŒhle, dass mein T-Shirt durchnĂ€sst ist unter dem Rucksack.

WĂ€hrend der ganzen langen Reise und auch hier in diesem kleinen Tal, ist mir niemand gefolgt oder hat meinen Weg gekreuzt, das heißt, dass niemand weiß, wer ich bin, wo ich hingehe, noch was ich tue.

Ich gehe flussaufwĂ€rts auf der Suche nach einem Ort, wo ich mich setzen und meine Schultern und meinen Geist vom Gewicht des Tages entlasten kann. Die Gelegenheit bietet sich unverhofft: ein großes kristallklares Wasserloch umgeben von großen Steinen und, nebenbei, Schatten unter einem WĂ€ldchen. VoilĂ , der gesuchte Ort.

Ich nehme meinen Rucksack ab. Meine Lungen fĂŒllen sich sofort mit Luft; nach ein paar tiefen AtemzĂŒgen fĂŒhle ich mich wieder fit. Ein kurzer Blick in die Umgebung versichert mir, dass ich wirklich allein bin. Ohne zu zögern begebe ich mich ins Wasser, in Richtung der Mitte des Beckens. Ich tauche ganz unter und ĂŒberlasse mich dieser Umarmung, die Augen gen Himmel gerichtet. Ein starkes GefĂŒhl von Freiheit ĂŒberwĂ€ltigt mich: ich fĂŒhle mich befreit von jeglichem Zwang und gleichzeitig als Teil von allem.

Meine Gedanken wenden sich sofort jenen zu, die im Knast eingeschlossen sind und keine solchen Momente genießen können.

Gewiss, es ist auch hart fĂŒr mich, aber nichts wĂŒrde mich dazu bringen einen RĂŒckzieher zu machen; diese Augenblicke und die GefĂŒhle, die sie in mir hervorrufen, genĂŒgen um jegliche MĂŒdigkeit auszulöschen. Sie sind Sauerstoffnahrung, um vorwĂ€rtszukommen. Mit geschlossenen Augen, angesichts der Sonne, versuche ich den Moment unsterblich zu machen: irgendwo in der Welt, jetzt, bin ich frei.

Ein Jahr vor … und zwei zurĂŒck

In der Zeit, in der ich weg war, habe ich mir oft genug gewĂŒnscht, mir die Gedanken ĂŒber unsere Verfolgung nicht alleine machen zu mĂŒssen. Nun bin ich, sind fast alle wieder da oder auf freiem Fuß – und? Nichts.

FĂŒr jeden, und mittlerweile auch fĂŒr mich, scheint die eigene Auseinandersetzung am produktivsten – wir hatten alle davor nicht allzu viel miteinander zu tun, also warum jetzt? Mag sein, dass das die RealitĂ€t ist, aber im Grunde ist es eine unpolitische und verantwortungslose Haltung. Zumindest nach außen entsteht dadurch die Stimmung, als wĂ€re alles vorbei und alle hĂ€tten wieder ihre Ruhe. Es werden wieder drei Leute aus der Szene gesucht, und ich kann mir leider nicht nur abstrakt ausmalen, womit sie sich konfrontiert sehen. Zum Beispiel, ihnen könnte es etwas bringen, wenn ein wenig mehr von uns kommen wĂŒrde. Auf einer Demo vor kurzem gab es einen Redebeitrag fĂŒr die drei, an dessen Ende ihnen Hoffnung gewĂŒnscht wurde. Ich wĂŒnsche ihnen alles, nur nicht, dass sie die gesamte Zeit ihres Wegseins von der Hoffnung leben. Dieser Text macht hoffentlich deutlich, dass Hoffnung zu haben sicher nichts verwerfliches ist, schon gar nicht in der ersten Zeit, aber auf Dauer wird sie zum Klotz am Bein. Deshalb: Kraft und Liebe.

Dass Menschen aus unserem nĂ€chsten Umfeld weg mĂŒssen, ist mittlerweile keine unvorstellbare Situation mehr fĂŒr uns, der Gedanke daran sollte uns weder in HöhenflĂŒge versetzen, noch sollten wir beim bloßen Gedanken daran zusammenbrechen.

Dieser Text ist ein Versuch, das wenige an Exilerfahrung und der Zeit danach zu vermitteln.

Über vieles, was von Nutzen, interessant, amĂŒsant ist und ein wenig von dem Abenteuer hat, das viele mit Flucht verbinden werden, will ich weder hier noch sonst an einem Ort sprechen. Die GrĂŒnde dafĂŒr liegen auf der Hand. Also wird nicht allzu viel ĂŒbrig bleiben und im Vordergrund wird die persönliche Situation stehen.

Befasst habe ich mich bisweilen schon mit dem Gedanken, die Sachen packen zu mĂŒssen (Sachen packen ist gut, viel Zeit dafĂŒr blieb mir nicht: mit einer Hose, einem Hemd, ein paar Socken, ́nem Batzen Geld, mit dem ich nicht so recht was anzufangen wusste und mit mir machte ich mich auf den Weg), als es dann wirklich soweit war, stimmten meine Vorstellung von mir, wie ich in einem solchen Fall reagieren wĂŒrde, mit so ziemlich nichts mehr ĂŒberein. Nichts von „locker hinnehmen, problemlos damit umgehen können, denn fĂŒr eine korrekte Sache, hinter der ich stehe, muss ich eben auch so etwas in Kauf nehmen“. Vom einen Tag auf den anderen konnte ich nicht mehr teilnehmen an einem Leben, das mir gefiel und in dem ich einen Sinn sah. In den ersten Wochen war ich mir nicht bewusst, was da mit mir geschieht, geschweige denn, dass eben auch ich gesucht werde. Es hat eine Weile gedauert, bis auch ich die Situation ernst wahrgenommen habe. Ich fĂŒhlte mich enorm nutzlos und es wĂ€re mir um einiges lieber gewesen, bei der Soliarbeit zu helfen, anstatt mir helfen lassen zu mĂŒssen. In nur kurzer Zeit hatte ich das GefĂŒhl, meine SelbststĂ€ndigkeit vollkommen verloren zu haben; ich hatte mir nicht ausgesucht zu gehen, und ich strĂ€ubte mich dagegen, dass da an anderer Stelle faktisch eine Entscheidung ĂŒber mein Leben gefĂ€llt wurde.

Aber egal, wie man die Sache drehte und wendete, ich war erst einmal geparkt. Ich wusste in der ersten Zeit nichts mit mir anzufangen, mein Tagesablauf bestand aus dreizehn Stunden Schlaf, nach einem aufregenden Tag, erfĂŒllt von Duschen, FrĂŒhstĂŒck, SpaziergĂ€ngen, Essen, Kaffee trinken, Rauchen, Fernsehen. Lebensmitteleinkauf wurde zu meinem Erlebnis des Tages. Von meiner Situation wussten nur wenige, ich hatte also nicht immer, wenn ICH es wollte, jemanden zum Reden, einen großen Teil der Auseinandersetzungen fĂŒhrte ich zwangslĂ€ufig mit mir.

Sich nichts anmerken zu lassen. In dieser Stimmung habe ich einige Seiten von mir kennengelernt, von denen ich nicht gerade sagen wĂŒrde, dass sie es wert sind entdeckt zu werden. Ich hatte Lethargiephasen, konnte stundenlang auf einen Fleck starren, ohne mich zu bewegen. Ich war eifersĂŒchtig auf alle, die ihr zu Hause sein konntet, eure Arbeit machen wie immer, mit Freunden reden, und nicht alleine wart mit eurer Trauer und wenigstens etwas tun konntet, um die Hilflosigkeit nicht allzu stark zu spĂŒren. Meine Interventionsmöglichkeiten waren stark eingeschrĂ€nkt und im Nachhinein merke ich, dass ich die wenigen, die ich hatte, noch nicht einmal genutzt habe, aus den verschiedensten GrĂŒnden: zum einen weil ich mit der Sache anfangs nicht bewusst genug umgegangen bin, d.h. ich wusste mich in die Situation nicht einzuordnen, zum anderen – spĂ€ter erst – erschien es mir eher zwecklos, mich zu Wort zu melden, denn in vielen Punkten war ich zu sehr außen vor, als dass ich es fĂŒr hilfreich und sinnvoll gehalten hĂ€tte, mich zu Ă€ußern. Ich glaube, daraus gelernt zu haben und weiß, dass ich – nochmals in einer solchen Situation – bewusster mit mir und den Sachen umgehen werde. Selbst auf stinknormale Leue, die die Straßen entlang promenierten und eigentlich Bullshit redeten, war ich eifersĂŒchtig, und verwundert, dass man ĂŒberhaupt ĂŒber die alltĂ€glichsten, unwichtigen und doch wichtigen Kleinigkeiten klönen konnte – ich konnte es nicht mehr, meine Gedanken drehten sich grĂ¶ĂŸtenteils um mich, um die Leute im Knast und die auf der Flucht.

Dieser Neid auf ein solch langweiliges Leben verĂ€nderte sich im Laufe der Zeit in Abscheu gegenĂŒber Leuten, die meiner Ansicht nach ihr Leben im Nichtstun vertrödelten – der Grund fĂŒr diese Empfindungen, die an sich ungerecht sind, liegen glaube ich daran, dass ich das alles Entscheidende nicht tun konnte: Entscheidungen ĂŒber mein Leben selber treffen zu können. In dieser Logik passt demnach auch die Überlegung, mich zu stellen, die ich in dieser Zeit hatte. Den Zeitpunkt hĂ€tte immerhin ich bestimmt. Geistig lebte ich in der Stadt und vermisste die unmöglichsten Dinge, ich hatte eine Wut im Bauch, mit der ich nicht wusste, wohin.

Die ersten Wochen hatte ich eigentlich nur den Wunsch, schnell zurĂŒckzukommen und so zu tun, als wĂ€re nix passiert, einfach dort weiterzumachen, wo ich aufgehört hatte – die Schallgrenze dessen, was ich an Verurteilung akzeptieren wĂŒrde, war zu dieser Zeit eher hoch, ich hĂ€tte mich wohl mit allem abgefunden außer einem lebenslĂ€nglich. Ein Leben, wie es sich zu dieser Zeit fĂŒr mich gestaltete, schien mir zwecklos. Ich lechzte nach jeder Nachricht, aber es bewegte sich eine lange Zeit absolut nichts.

Dieses GefĂŒhl in der Schwebe war das UnertrĂ€glichste an der ganzen Situation – mit Fakten konnte ich mich auseinandersetzen, aber nicht mit Ungewissheiten. Die Vorstellung, lebenslang in den Knast zu mĂŒssen, war mir unvorstellbar und in der Auseinandersetzung mit der Situation macht man sich die unglaublichsten MilchmĂ€dchenrechnungen, zĂ€hlt Jahre, zieht ab, ĂŒberlegt sich, was man eventuell noch akzeptieren wĂŒrde, was nicht mehr. Die Vorund Nachteile des Bleibens oder Sich-Stellens habe ich zu der Zeit zigmal abgewogen, ein Punkt, der mich das Sich-Stellen ĂŒberhaupt in ErwĂ€gung hat ziehen lassen war, dass nach der konkreten Anzahl von Jahren die Sache zumindest ausgestanden gewesen wĂ€re, im Exil gibt es diese Gewissheit nicht.

Wie ich es geschafft habe, diesen toten Zustand zu ĂŒberwinden und mich mit meiner Situation abzufinden, kann ich nicht genau nachvollziehen; neben der gĂŒnstigen Lösung einiger UmstĂ€nde (z.B. Leute kennenzulernen, Arbeit zu haben) denke ich, dass jede/r frĂŒher oder spĂ€ter an einen Punkt kommt, an dem man sich mit einer Lage abgibt oder eine andere Lösung sucht. Einen Arbeitsplatz zu haben, war in den ersten Wochen mehr Therapie als alles andere. Zum ersten Mal war es möglich, auch mal ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum an etwas anderes zu denken, als an meine Situation. So langsam habe ich wieder gelernt, fĂŒr mich die Verantwortung zu ĂŒbernehmen und nach Dingen zu suchen, die mir Spaß machen und etwas bringen, anstatt stĂ€ndig nach GrĂŒnden zu suchen, warum es fĂŒr mich absolut unmöglich ist, etwas aufbauen zu können. Um ein anderes Leben anfangen zu können, war es fĂŒr mich notwendig, ein StĂŒck meines alten Lebens abzuschĂŒtteln. Eine lange Zeit ĂŒber hatte ich hintergrĂŒndig ein schlechtes Gewissen, wenn ich mich dabei ertappte, mal fröhlich zu sein, ĂŒber Dinge zu lachen, die meine FreundInnen und Familie nicht mit mir teilen konnten oder mich dabei ertappte, einen ganzen Tag nicht an die Stadt gedacht zu haben; oft hatte ich das GefĂŒhl, nur zu nehmen und den Menschen, die mir viel bedeuten, nichts zurĂŒckzugeben.

So langsam wurde mir klar, dass ich mich nicht etwa ablöse, um nicht mehr daran zu denken, sondern vielmehr, um alles andere in Erinnerung haben zu können, nicht geplagt zu sein von Neid und Heimweh, sondern zu schĂ€tzen, was ich mit den Leuten hier geteilt habe, mein Leben jetzt aber mit anderen Menschen und einer anderen RealitĂ€t zu teilen. Um der Unbestimmtheit der Dauer meiner Lage etwas entgegenzusetzen, begann ich, mir selber ZeitplĂ€ne zu machen. Ich denke, das war einer der entscheidenden Punkte, die mich das haben aushalten lassen und es mir im Endeffekt ermöglicht haben, eine Alternative zu meinem „alten Leben“ aufbauen zu können.

Bis zum Prozessende – damals noch fĂŒr April, Mai vorgesehen – nahm ich mir vor, die Gedanken an die Stadt nicht mehr zu meinem Hauptthema zu machen und mich stattdessen auf das zu konzentrieren, was mich umgab. So wie es oft sinnvoll ist, sich Zwischenziele zu setzen, verhĂ€lt es sich auch in diesem Fall, das gesamte Ausmaß eines Projektes im Kopf zu haben, lĂ€hmt viel mehr, als es einen vorwĂ€rts bringt. Zu einem Teil war es so, dass ich dieses Thema versucht habe zu verdrĂ€ngen; an viele unangenehme Situationen erinnere ich mich auch tatsĂ€chlich nicht mehr, ansonsten zerbricht man daran. Diese Zeit war auch sicher keine konstant gute Phase, obgleich sie die beste war, die ich hatte; es gibt immer Tage, an denen man schlechte Laune hat und so auch in dem Fall, plötzlich schießt einem eine Szene durch den Kopf und der Tag ist im großen und ganzen dahin. Mich in so einem Fall unter Kontrolle zu haben, war schwer.

Außerdem blieben nach wie vor die Überlegungen, was wohl im April sein wird – es war mir zwar mittlerweile möglich, mir mein Leben auch anders vorzustellen, doch hĂ€tte ich doch sicher einen Einbruch bekommen, wenn herausgekommen wĂ€re, dass ich tatsĂ€chlich nicht zurĂŒckkommen könnte und die anderen lebenslĂ€nglich im Knast gesessen hĂ€tten. Mittlerweile hatte ich mich auch davon verabschiedet, MilchmĂ€dchenrechnungen aufzustellen, d.h. auszurechnen, wie viele Jahre mit soundsoviel Vierteln BewĂ€hrung etc. gerade noch zu vertreten seien. Dass ich mir Monate davor solche Gedanken gemacht habe, liegt wohl daran, dass man zumindest subjektiv das GefĂŒhl hat, es etwas greifbarer zu machen, indem man mit den Zahlen hantiert. Ich hatte lediglich noch den Wunsch, entweder mehr oder weniger unversehrt wegzukommen, also maximal mit einer derart hohen Knaststrafe rechnen zu mĂŒssen, dass ich gar nicht erst die Gelegenheit gehabt hĂ€tte, abzuwĂ€gen, ob es Sinn macht mich zu stellen.

Bei einer Knaststrafe von z.B. vier Jahren wÀre es mir sicherlich nicht leicht gefallen, eine Entscheidung zu treffen. HÀtte ich mich in dem Fall gestellt, hÀtte ich es in jedem miesen Moment im Knast garantiert bereut, andersherum hÀtte ich mir wahrscheinlich in schlechten Zeiten, die Tage, die ich schon abgesessen hÀtte, wenn
 einzeln vorgerechnet.

Die plötzliche Nachricht, dass ich zurĂŒckkommen kann, traf mich darin auch dementsprechend unverhofft. Einer der ersten Gedanken nach der Freude war, dass ich doch nicht schon wieder alles stehen- und liegenlassen kann… Ich wollte die Sachen, die ich begonnen hatte, zu Ende bringen. Ich durchlief schon wieder eine Phase in der Schwebe, so wie es sich am Anfang meiner Exilzeit darstellte, nun versuchte ich diesmal einigermaßen in Ruhe die Zelte abzubauen, aber unweigerlich baute ich sie in Gedanken in der Stadt wieder auf. NatĂŒrlich war mir klar, dass ich wiederkommen wĂŒrde – selbst wenn ich mich dazu entschieden hĂ€tte, wegbleiben zu wollen, wĂ€re ich zumindest gekommen, um letzten Endes SELBST die Entscheidung zu treffen, wieder zu gehen; schließlich bin ich nicht freiwillig gegangen, und alleine wenn es nur eine eher ́formale ́Entscheidung gewesen wĂ€re, begannen Muffensausen, was mich da nach einem Jahr erwarten wĂŒrde. Noch ein halbes Jahr davor hatte ich mir nichts lieber gewĂŒnscht, als dass dieser Fall eintrĂ€te, aber in der Zwischenzeit hat sich eine Menge getan, und es war mir auf einmal nicht mehr so klar, wohin ich denn nun gehöre.

Und das ist es mir nach fĂŒnf Monaten zurĂŒck in der Stadt nach wie vor nicht. Es besteht ĂŒberhaupt kein Zweifel daran, dass es mir viel wert ist, wieder bei meinen GenossInnen, meiner Familie und FreundInnen zu sein, aber ich habe nicht mehr die unerschĂŒtterliche Überzeugung, am richtigen Ort zu sein. Hier hat sich viel getan, und bei mir eben auch. Das letzte Jahr ĂŒber habe ich sehr zurĂŒckgezogen, umgeben von einem kleinen Kreis mir mittlerweile unendlich wichtiger Menschen gelebt. Ich hatte mich an diesen Lebensstil gewöhnt und hatte nicht oft das GefĂŒhl, das mir etwas fehlt.

Die plötzliche Menge an Menschen, die ich kenne, grĂŒĂŸe und vermisst habe, hat mich die erste Zeit umgeworfen. Es fiel mir schwer, auf so viele Menschen einzugehen und es hat mich ziemlich ermĂŒdet. Dazu kommen eine Menge Kleinigkeiten, die ein Leben mit ́Vorsicht ́ von dem alltĂ€glichen hier unterscheiden, mit denen ich zu kĂ€mpfen hatte und habe: UngefĂ€hr ein Jahr lang waren Telefone eher nicht existierende EinrichtungsgegenstĂ€nde – die Male, die ich einen Hörer abgenommen habe, lassen sich an einer Hand abzĂ€hlen. Dementsprechend ungewohnt bis unangenehm ist mir bis heute in einigen Situationen dieser Apparat, ebenso die Umgangsweise anderer damit. (Mehr oder weniger zufĂ€llig habe ich eine Konfrontationstherapie gemacht, indem ich auf der Arbeit Anrufe entgegennehme.) Zu sagen, wo ich wohne, wie ich heiße, in der Öffentlichkeit eine linke Zeitschrift zu lesen, auf Demos zu gehen – es gibt viele Beispiele von Dingen, die normal sind, an die ich mich erst wieder gewöhnen muss, die vielen sicherlich komisch erscheinen – eine Art Paranoia bleibt eben hĂ€ngen. Nun ja, solch unwichtige Dinge, wie das man in den Bus steigen kann, ohne den Fahrschein zu zeigen, wurden mir gesagt, als ich mir schon den einen oder anderen Fahrschein gekauft hatte… es sind eben Kleinigkeiten, an die man nicht ohne weiteres denkt.

Der Mann am Fenster

Ich habe lange in einer kleinen Provinzstadt gelebt. Ein normales Leben, wie man so schön sagt. Ein paar Jahre Schule, Arbeit und ziemlich viel freie Zeit fĂŒr mich, meine Interessen, meine Leidenschaften und meine VergnĂŒgungen. Ich habe die Welt durch das Fenster beobachtet und ich hatte den Eindruck, als wĂŒrde ein Film, mit seinen manchmal traurigen, manchmal fröhlichen oder hoffnungsvollen Bildern, vor meinen Augen ablaufen, ohne mich allzu sehr zu berĂŒhren. Als ob all das, was um mich herum geschah, nichts anderes wĂ€re, als das unvermeidliche Szenario innerhalb dessen sich das Leben eines Menschen zwangslĂ€ufig abspielt.

Von meinem Fenster aus habe ich die Leben von anderen gesehen, als wĂŒrden sie lediglich den Rahmen von meinem bilden. Sagen wir, ich war schon zu sehr damit beschĂ€ftigt mein eigenes Leben zu leben, um mich auch noch fĂŒr das von anderen interessieren zu können.

Trotzdem habe ich auch festgestellt, dass einige Dinge nicht gingen. Ich war nicht gleichgĂŒltig gegenĂŒber dem, was unter meinem Fenster jemandem passierte, der protestierte oder wenn irgendein Ereignis in meiner Stadt die Monotonie meiner Tage durcheinander brachte. Im Gegenteil, diese Neugierde, diese Anziehung, die ich verspĂŒrt habe, wenn ich gesehen habe, wie andere das Alltagsszenario verĂ€ndern wollten, haben mich dazu gedrĂ€ngt, diese „anderen“ zu suchen, ihnen zuzuhören, mich mit ihnen zu konfrontieren. Irgendwann erkannte ich, dass ich wirklich etwas machen musste, wenn ich verhindern wollte, dass der Horror, den ich durch das Fenster sah, nicht auch hoffnungslos mein ganzes Leben tangiert. So habe ich angefangen mich einzubringen, zusammen mit jenen, die ich getroffen habe, damit sich das Szenario, das an uns vorbeizog, in ein Abenteuer verwandelt, welches das Zusammenleben lohnenswert macht, ohne Gesetz, ohne Privilegien oder Privilegierte.

Mit diesen Leuten, die sicher eine kleine Minderheit im Vergleich zu den Leuten der Stadt waren, habe ich angefangen allen Arten von Themen und Problemen gegenĂŒber zu treten, indem ich versuchte in unseren Diskussionen und in unseren VorschlĂ€gen konkrete Lösungen zu finden, die im Alltag, der uns einschloss, zu explodieren vermögen. Wir beschafften und verbreiteten Informationen, oft ĂŒber die packensten und hinterlistigsten Aspekte, die den kollektiven Horror bildeten, den man uns aufzwingt. Wir haben auf der Straße demonstriert und gegen diejenigen gekĂ€mpft, die uns daran hindern wollten. Wir haben versucht eine Menge von MachtmissbrĂ€uchen und schĂ€dlichen Baustellen zu behindern, oder zumindest haben wir klargemacht, dass nicht alle still akzeptieren, was sie uns aufzwingen wollen.

Wir verfĂŒgten vielleicht nicht ĂŒber viele Mittel, aber wir sind mit dem beharrlichen kollektiven Verlangen bewaffnet, uns nicht anzupassen. Wir waren davon ĂŒberzeugt, dass sogar in unserer Stadt die Dinge, das Planungszenario der AutoritĂ€ten, nicht mehr demselben Kurs folgen werden wie vorher.

Der Enthusiasmus der Ideen und der Praxis, das Teilen des Lebens und der Perspektiven haben sich wĂ€hrend einer genĂŒgend langen Zeit fortgesetzt, welche mir nicht zuletzt erlaubte, meinen Horizont ĂŒber die engen Grenzen meiner kleinen Stadt hinaus zu erweitern, andere Leute und Situationen kennenzulernen, die dem, was ich erlebte, nahe waren. Es wurde mir klar, dass die grĂ¶ĂŸeren Situationen, nichts anderes sind als die Summe all der Situationen, die wir tagtĂ€glich erleben, und dass, umgekehrt, die kleinen Revolten ihre Kraft und ihre Stimulation aus den grĂ¶ĂŸeren ziehen, und ihrerseits die letzteren nĂ€hren, indem sie ihnen diese konkrete haarfeine und sehr reale Grundlage geben.

Dennoch, nach und nach hat uns dies voneinander entfernt, wie ein Mosaik, das StĂŒck fĂŒr StĂŒck auseinander fĂ€llt… und fĂŒr einige, verĂ€ngstigt durch die Perspektive keine befriedigende Situation in dieser Welt zu finden, die, trotz ihrer HartnĂ€ckigkeit, sich irgendwie zu verĂ€ndern gedenkt, war es vielleicht auch eine Entfernung von sich selbst.

Das Umfeld war dabei uns zu zerquetschen: einerseits durch eine offene Opposition gegenĂŒber unseren Ideen, auf der anderen Seite durch einen erbarmungslosen Gebrauch von Konzepten, welche unserer Praktiken und Ideen verwendeten, um das Elend der Welt zu perfektionieren, um es zu erneuern und es fĂŒr die kommenden Generationen zu reproduzieren. Man hat uns die Gelegenheit angeboten, eine anerkannte Rolle im Prozess der Entwicklung des Bestehenden zu ĂŒbernehmen und viele haben den vermittelnden Kurs akzeptiert. Es waren bestimmt nicht die Ersten, die auf die „andere Seite“ wechseln, und es werden nicht die Letzten sein. Auf alle FĂ€lle weiß man, dass die Macht und sogar die KrĂŒmel, welche sie sich erlauben kann zu verteilen, jedes Jahr jene ködert, die im Grunde ihres Wesens wĂŒnschten Karriere zu machen oder die TrĂ€ume, mit denen sie ihre schönen Diskurse schmĂŒckten, ganz einfach nie als realisierbar betrachtet haben.

Was die anderen betrifft, sind wir wenige geblieben, die radikal waren. Dann, mit der Zeit, waren wir ein bisschen weniger hart und in keinster Weise makellos. Im Gegenteil, befleckt… von Ohnmacht, Groll, fehlenden Horizonten, die unsere Blicke hĂ€tten faszinieren können, schmutzig von billigem Alkohol, vom kleinem und großem menschlichen Elend. FĂŒr gewisse waren es der Geist und der Körper, die aufgaben, unterstĂŒtzt durch irgendwelche psycho-aktiven Cocktails, bevor sie in einen Abgrund aus Zweifel und Resignation fielen, welcher sie nicht lĂ€nger den Rausch der Freiheit atmen ließ, von dem sie einst berĂŒhrt wurden. Die Abschreckungstechniken der etablierten Ordnung gaben sich fĂŒr die wenigen, die blieben, nicht mehr die MĂŒhe die FormalitĂ€ten und den Schwindel des kulturell-demokratischen Theaters beizubehalten. Nach und nach, als der jugendliche Übermut und der Kitzel nach Rache StĂŒck fĂŒr StĂŒck vereinnahmt und unter UmstĂ€nden in den Kirchen der weniger beunruhigenden Meinungen wiederverwertet wurde, sind diejenigen, die auf dem Weg der Revolte geblieben sind, nur noch durch die Linse der öffentlichen Ordnung betrachtet worden – als Bedrohung der ruhigen Eintönigkeit der Stadt. So hatten die beauftragten Behörden schließlich die Freikarte uns zu unterdrĂŒcken und zu jagen.

Was ist von all den Hoffnungen geblieben, den großen und kleinen Projekten, von denen wir dachten, dass sie unsere Tage bezaubernd machen wĂŒrden? Ich hĂ€tte zurĂŒckgehen können, um aus dem Fenster zu schauen und unvorhersehbare AufstĂ€nde zu erwarten, welche die Situation gewendet hĂ€tten. Aber es musste doch ein Teil der Bewegung bestehen bleiben, vielleicht einfach außerhalb meiner Stadt, und es war einen Versuch wert meine Spannungen und meine Erfahrungen hinein zu tragen, um eine Bresche in das Grau zu schlagen, das mich Tag fĂŒr Tag umschloss.

So habe ich mich von den Geschehnissen, an die ich so sehr gebunden war, ferngehalten, um anderswo den Enthusiasmus und das Engagement zu suchen, die traurigerweise um mich herum verloren gingen. AllmĂ€hlich wurde mir bewusst, dass mein BedĂŒrfnis das Bestehende umzustĂŒrzen, von jenen, die ich getroffen habe, nicht mit der gleichen IntensitĂ€t „gefĂŒhlt“ wurde. Viele geben sich mit einer kleinen Welt zufrieden, mit einem Bekanntenkreis und Begegnungen, die eben jene natĂŒrliche Gemeinschaft ersetzen, welche durch eine zerstörte und entfremdete Geselligkeit erschwert wird. Und um all diese Begegnungen zusammen zu halten, wĂŒrde es einen Katalog an Ideen, an Verhaltensweisen und militanten Lebensweisen brauchen, ohne welche die Projekte und Initiativen niemals wirklich zur konkreten Verwirklichung einer alltĂ€glichen Subversion fĂŒhren können.

Ich kehre also ans Fenster zurĂŒck und suche den Himmel nach neuen Verlockungen ab, nach irgendwelchen kleinen Signalen auf die ich mich stĂŒrze, um wieder von vorne zu beginnen, auch wenn die Farbe, die ich oft am meisten in den Straßen zu sehen kriege, die der Uniformen sind, welche zum x-ten Mal kommen, um nach mir zu verlangen.

Mittlerweile habe ich auf meine Weise mit einer Reihe von AktivitĂ€ten weitergemacht, die mich davon ĂŒberzeugen konnten, dass meine GefĂŒhle und meine Hoffnungen noch nicht von der Eintönigkeit betĂ€ubt waren, in welche meine Stadt unweigerlich zurĂŒckgefallen war. In Wirklichkeit war all das nichts weiter als ein Bezeugen von Widerstand, ein Zeichen, dass man etwas machen kann, auch wenn die andern diese Zeichen meistens nicht verstehen. Denn trotz all der Botschaften, die ich in alle vier Winde geschleudert habe, hat das Echo nie eine andere Stimme als die meine zu mir zurĂŒckgetragen.

Eine absurde Situation… Wege zu suchen, die ich mit andern teilen könnte, zum Preis davon, dass ich meine Spannungen und Möglichkeiten an die der andern anpassen muss, wo dann doch keine Antwort auf solcherlei VorschlĂ€ge kommt. Schlussendlich bleibt dir nur die Frustration, weil du diese VorschlĂ€ge auf eine Dimension reduzieren wolltest, die nicht die deine ist.

Was war ich dabei zu werden? Ein Priester auf der Suche nach einer frommen Seele vielleicht. Oder besser, ein Phantom, ein Schatten, der an den Mauern entlang schleicht, ohne dass die andern das BedĂŒrfnis oder die Lust empfinden sich zu nĂ€hern. Und wenn ich wirklich etwas Schlechtes denken wollte, dann wĂŒrde ich sagen: ein AussĂ€tziger, einer der den bösen Blick hat, so sehr ist er zum Feind der bestehenden Ordnung geworden. Jedenfalls ist es offensichtlich, dass sich die Aufmerksamkeit der Agenten der Repression, wenn ihnen keine anderen Ziele verbleiben, auf diejenigen konzentriert, die sich nicht anpassen. Ich traf eine Entscheidung: von nun an wĂŒrde ich die vermeintliche ZwangslĂ€ufigkeit der Überwachung nicht mehr akzeptieren und ich wĂŒrde mich nicht mehr damit abfinden meine SehnsĂŒchte und meine Lust zu Handeln aufgrund dessen zu berechnen, ob sie mit jenen ĂŒbereinstimmen, die uns die Bedingungen, welche uns aufgezwungen werden, erlauben. Mit all den Kontrollen und ZwĂ€ngen, die sich bereits in unser alltĂ€gliches Dasein einmischen, erscheint es mir als das Unangebrachteste, mich in einen Überwacher meiner selbst zu verwandeln.

Ich habe also beschlossen, nicht mehr auffindbar zu sein, ich habe entschieden, dass die RĂ€ume, die Zeiten, die Erfahrungen, die ich erleben wĂŒrde, es nicht verdienten Futter fĂŒr die Augen, die Ohren und die ZĂ€hne meiner Feinde zu sein. Ich habe diese Entscheidung reifen lassen, als ob sie ein – nicht zwangslĂ€ufig endgĂŒltiges – Abenteuer wĂ€re, das mich zu neuen, einzigartigen und unumstĂ¶ĂŸlichen Bedingungen fĂŒhren wĂŒrde, an welche meine AktivitĂ€ten und meine Verlangen anknĂŒpfen… In Wirklichkeit befand ich mich vielmehr auf einem parallelen Kurs, auf der Suche nach einer Bewegungsfreiheit und einer IntegritĂ€t, die mir gefehlt hatte: andere Orte, andere Mittel, andere Bedingungen, um die gleichen Überzeugungen weiterzuverfolgen, die mein Leben seit langer Zeit kennzeichneten.

Manchmal kehre ich noch ans Fenster zurĂŒck, schon im Voraus wissend, dass, jenseits von dem, was ich unter mir sehe, mein Blick sich weiteren Horizonten öffnet.

Erfahrungen eines Vogelfreien

Sie tragen eine schwarze Fahne / halbmast auf die Hoffnung

Und die Melancholie / um in ihren Leben weiterzugehen

Messer / um das Brot der Freundschaft zu schneiden

Und rostige Waffen / um nicht zu vergessen

– Leo FerrĂ©, Les anarchiste

Ich hatte die Gelegenheit – innerhalb relativ kurzer ZeitrĂ€ume – mit bestimmten Formen der Verbannung zu experimentieren: Flucht, GefĂ€ngnis, Exil. Auch wenn diese Situationen allesamt von der Repression aufgezwungen worden sind, sind sie doch sehr unterschiedliche Lebenserfahrungen. Ich spreche hier von ihnen als ein Freiheitsversuch.

Ich werde mehr auf einige Reflexionen, die diese UmstĂ€nde hervorriefen, eingehen, als auf die praktischen Aspekte; ich werde mich also eher auf eine „innere“ Dimension beziehen, um daraus einige allgemeine Betrachtungen hervorzubringen. Diese Art vorzugehen entspricht mir am Besten.

Von all den verschiedenen Begebenheiten, die ich erlebte, tendiere ich, aufgrund meines Charakters, tatsĂ€chlich am meisten dazu, mich an Ideen zu erinnern, die sich mir durch diese Begebenheiten eröffneten und an das, was ich die emotionalen Schattierungen nenne. Ich werde die Form der ErzĂ€hlung, der ausgereifteren Argumentation und flĂŒchtigen Notizen verwenden. Manchmal werde ich Worte von anderen zitieren, jedoch nur, weil diese Worte, zu bestimmten Gelegenheiten von denen ich erzĂ€hlen werde, eine entscheidende Bedeutung hatten. Nur ein entferntes Echo in der Erfahrung des Lesers kann diese Notizen von einer einfachen literarischen Übung unterscheiden.

Die extremste Erfahrung, die ich gemacht habe, war nicht verbunden mit dem Verlust der Freiheit oder mit Angst. Der Dichter Ungaretti schrieb in einem Kriegsgedicht, dass er sich eines Tages wie eine „fĂŒgsame Faser des Universums“ fĂŒhlte. Mir geschah etwas Ă€hnliches. Der Dichter hat diesen Ausdruck allerdings verwendet, um eine Art Verbundenheit mit dem Universum zu beschreiben, wĂ€hrend es sich fĂŒr mich mehr um eine verwirrende ErschĂŒtterung handelte. Ich erinnere mich, dass diese Worte mir plötzlich besonders geeignet erschienen (gewisse Verbindungen des Geistes mit dem pochenden Herzen scheinen die Gedanken in ein fremdes Universum namens Intuition hinauszutreiben). Aus Stolz bevorzugte ich „fĂŒgsam“ in „empfindlich“ abzuĂ€ndern und versuchte mich selber davon zu ĂŒberzeugen, dass dies das wirkliche vom Dichter verwendete Wort war. Aber ich fĂŒhlte mich nicht nur „empfindlich“, ich fĂŒhlte mich tatsĂ€chlich „fĂŒgsam“. Wieso?

Ich hatte mich in einem Wald verirrt. Als ich versuchte meinen Weg wiederzufinden, stĂŒrzte ich in eine Schlucht. GlĂŒcklicherweise hatte der Rucksack, den ich an hatte, mich davor bewahrt mir den RĂŒcken zu brechen. Aufgrund der Schmerzen bin ich trotzdem fĂŒr eine Nacht und einen Tag in einem trockenen Bachbett stecken geblieben. Sehr schnell war ich ohne Wasser und Nahrung. Nachdem ich mehrere Tage lang versucht hatte hinaufzuklettern, um einen Weg zu finden und mich zu orientieren, und nach einem Tag im Regen, habe ich am vierten Tag, neben Hunger und Erschöpfung, angefangen ein seltsames inneres SchwindelgefĂŒhl zu verspĂŒren. FĂŒr einen kurzen Augenblick haben die verschiedenen Facetten meines Charakters angefangen zu diskutieren und durcheinander zu geraten, als ob es sich um verschiedene Personen handelte. Diese ZwiegesprĂ€che waren so heftig, dass, jedes mal wenn ich zu mir kam, nachdem ich mich mit den Beinen an einen Stamm klammernd, um nicht zu fallen, eingedöst war, ich mich nicht mehr erinnerte, ob ich tatsĂ€chlich jemanden getroffen oder nur getrĂ€umt hatte. Unter diesen verschiedenen Stimmen kehrten zwei besonders oft wieder: diejenige des Pessimisten und diejenige des Optimisten. Die erste kĂ€mpfte verbittert gegen die unbeholfene Unschuld der zweiten, mit Argumenten die ich nie mehr vergessen werde.

Die Auseinandersetzung betraf vor allem die Beziehung zwischen der Natur und dem Menschen. Der Optimist deutete die Gestalt des Waldes (bestimmte Äste, bestimmte DurchgĂ€nge zwischen den GebĂŒschen) als wĂŒrde es sich um Zeichen handeln, Hinweise eines möglichen Weges, und sein Herz freute sich. Der Pessimist machte sich ĂŒber ihn lustig und beruhigte den Anthropomorphismus, im Bewusstsein dass ein Wald keine Zeichen an niemanden gibt – er ist ganz einfach. Aber der Optimist ließ sich davon nicht abbringen und entwarf kleine ĂŒbernatĂŒrliche Gestalten als WeggefĂ€hrten. Es geschah beim Abrutschen eines Fußes, als ich mich auf einem Felsen befand, der ĂŒber einen Abgrund von mehreren Hundert Metern hinausragte, dass ich mich als „eine fĂŒgsame Faser des Universums“ fĂŒhlte. Ich verstand mit einem Mal, dass die Freiheit oft nur eine Frage der Balance ist. So viele Begehren, Projekte, Diskurse ĂŒber die Kraft des Individuums, das eigene Leben zu verĂ€ndern: ein paar Zentimeter weiter mit meinem Fuß und alles wĂ€re vorbei.

Um es pathetisch zu sagen, bedauerte ich es, nie an die Welt meiner Mitmenschen ĂŒber ihre zerbrechlichen Grenzen geschrieben zu haben, Grenzen auf denen ich mich zögernd fortbewegte. Ich war zu dem durchdringenden Bewusstsein gelangt, dass das Wort ein Heilmittel ist (im doppelten Sinne, so wie es die Griechen verstanden haben, Arznei und Gift zugleich), das uns auf Abstand zu diesem radikalen Anders-Sein, welches die Natur ist, hĂ€lt. Im Gegensatz zu einem bestimmten Bild, das von primitivistischen Magazinen dargestellt wird, ist die wilde Natur ein Furcht einflĂ¶ĂŸender Ort, weil sie „stumm“ ist – es ist der Ort des totalen Einklangs und gleichzeitig der vollkommensten Einsamkeit. Die extreme Einsamkeit ist ebenso ein Heilmittel, da sie, wenn man es genau betrachtet, auch ein VerhĂ€ltnis ist an dem die anderen durch ihre Abwesenheit teilhaben. Als ich ausgestreckt auf den Steinen des trockenen Bachbetts lag, fing ich an zu ĂŒberlegen, was die GefĂ€hrten, die ich kenne, unter diesen UmstĂ€nden hĂ€tten sagen können, und ich musste herzlich lachen. Meine GefĂ€hrten…

Das Wort als Heilmittel. Einen der stĂ€rksten ZusammenhĂ€nge mit der Theorie erfuhr ich, als ich, weil ich keine andere Wahl hatte, ein Feuer mit einem Buch ĂŒber Hegel anzĂŒndete. Es ist schwierig mein Zögern beim Herausreißen der Seiten oder meine Gedanken am Feuer zu beschreiben oder das neue Licht, unter welchem mir die Hegelsche Dialektik, fĂŒr eine so ungewöhnliche Verwendung verfremdet, erschien. Ich habe schließlich verstanden, dass es kein Zufall war, als Heraklit der Dunkle in den Flammen den zarten Ausdruck des Entstehens der Wirklichkeit sah. Die Logik ist zwar unerschĂŒtterlich, aber einem Menschen, der leben will, widersteht sie nicht, hat Kafka irgendwo gesagt. Ich habe mir geschworen, mich immer wieder daran zu erinnern, was ich auf diesem Felsen erlebt habe, jedes mal wenn ich mit einer sicheren Stimme ĂŒber KĂ€mpfe und radikale Entscheidungen sprechen werde. Das Leben, mit all seinen notwendigen Illusionen, hat mich oft von dem Bewusstsein meiner „FĂŒgsamkeit“ gegenĂŒber der Welt ferngehalten. Wenn ein derartiges Bewusstsein tatsĂ€chlich immer aufgekommen wĂ€re, hĂ€tte ich nicht handeln können. Was zerstören und was erschaffen, wenn man nicht weiß, ob man beim nĂ€chsten Schritt noch da sein wird?Dasselbe, als ich im GefĂ€ngnis oder im Exil war. Ich hatte mir geschworen, nach meiner RĂŒckkehr eine Menge Dinge zu tun. NatĂŒrlich war das nicht so. Das Leben absorbiert dich und lĂ€sst dich die schlimmen Dinge vergessen. Trotzdem war ich mir darĂŒber klar, dass dieses GefĂŒhl der Belanglosigkeit aller Dinge meinen Geist durchdrungen hatte, wie ein Ton, der im Geheimen jede meiner festgelegten Überzeugungen begleitet. Wenn ich auf diesen kleinen Felsenteufel etwas hĂ€ufiger hören wĂŒrde, wĂŒrde ich viel weniger reden.

Auf den vegetationsfreien Felsen, dort, wo die Adler ihre Nester bauen, habe ich ausgekostet, wie viele KrĂ€fte die Möglichkeit eines Suizids anregen können. Der Gedanke, dass du dieser Welt jederzeit Lebewohl sagen kannst, macht das Leben wundervoll. „Los, wage es, es kann dich ohnehin niemand zum Leben zwingen!“ mit der unaufhörlichen Stimme eines jener DĂ€monen können wir allen Feinden entgegentreten, weil an der scharfen Spitze dieses Bewusstseins jede Erpressung zusammenbricht.

Am Rande eines verfĂŒhrerischen Abgrundes, in der absoluten Tiefe, in der sich die Fantasie verliert und wo nichts anderes zĂ€hlt, als das, was wichtig ist, dort habe ich die uneingeschrĂ€nkte Liebe kennengelernt.

Letztendlich, aus GrĂŒnden welche die Vernunft ignoriert, hatte der Optimist gewonnen. Ich habe die unbezwingbarste Euphorie verspĂŒrt, als mir eines Nachts im Regen eine Art kosmische Stimme (mein persönlicher Mephisto) einen Pakt vorschlug: „Wenn du deinen Ideen entsagst, rette ich dich aus diesem Wald.“

Die Euphorie, sagte ich, habe ich empfunden, als ich das Angebot ablehnte. Rhetorisch bis ins Delirium, könnte man denken. Wie dem auch sei, sogar unsere Halluzinationen offenbaren, wer wir sind.

Es mag seltsam scheinen, aber fĂŒr mich ist die KlandestinitĂ€t zum grĂ¶ĂŸten Teil in dieser Erfahrung enthalten. Der Rest ist eine Reihe von Details. Man erinnert sich wirklich nur an das, was einen tief getroffen hat.

Als ich den verschiedenen „Ichs“ im Wald beim Zanken zuhörte, habe ich den Sinn von Nietzsches Behauptung verstanden, nach welcher das, was man „ich“ nennt, nichts als eine grammatikalische Illusion sei, sowie unser Leben nichts anderes als ein Raum, von unzĂ€hligen KrĂ€ften im Widerstreit durchdrungen. In der Folge habe ich oft ĂŒber das Konzept der IdentitĂ€t nachgedacht.

Was uns wirklich Angst macht, ist die fehlende Kontrolle ĂŒber das, was uns umgibt. Es gibt keinen Zweifel darĂŒber, dass die paar vergangenen Tage im Wald mich mehr geprĂ€gt haben als die vergangenen Monate im GefĂ€ngnis. Im GefĂ€ngnis – jedenfalls unter den Bedingungen, die ich erlebt habe – ist alles unter Kontrolle oder scheint es zu sein. Gewiss, dir wird die Freiheit entzogen, du verspĂŒrst Hass fĂŒr deine Kerkermeister, und trotzdem – du auf der einen Seite und sie auf der anderen – wiederholt sich alles in der gleichen Art und Weise. Das erlaubt dir einige Projekte zu haben, wie gering sie auch sein mögen. Schließlich gibt es Regeln. Die Unterschiede sind riesig zwischen dem Gefangenen, der die Regeln verinnerlicht, bis er zu einem Teil der totalen Institution wird und dem Revoltierenden, der sich nicht daran gewöhnen will. Trotzdem hĂ€lt sich auch der resoluteste unter den Rebellen an bestimmte Anordnungen. In gewissen Situationen hingegen brechen unsere Regeln zusammen, weil nichts sicher ist, nicht einmal unser Freiheitsentzug. Das Fehlen jeglicher Garantie, so glaube ich, bringt uns dem Wahnsinn nahe. Dementsprechend habe ich die reale Tragweite einer radikalen Kritik an der Psychiatrie besser nachvollziehen können.

Ich bin oft aus dem Schlaf aufgeschreckt, in der Angst, kein Wasser zu haben (und, welch eine Freude war es, in solchen Momenten, eine Flasche neben dem Bett vorzufinden); vom GefÀngnis habe ich hingegen fast nie getrÀumt.

Ich habe die Frage der IdentitĂ€t bereits erwĂ€hnt. Der Zustand der KlandestinitĂ€t ist eine bedeutende Erfahrung rund um dieses Thema, viel nĂŒtzlicher als die meisten PhilosophiebĂŒcher. Coeurderoy sagte, dass man die Möglichkeit haben sollte, jeden Tag den Namen zu wechseln. Genau das sagte ich den Bullen, die mich im Innenministerium verhörten, und fĂŒgte hinzu, dass das Konzept der IdentitĂ€t ein autoritĂ€res Konzept sei. Die nicht gerade entspannte Reaktion der Bullen bestĂ€tigte inwiefern die polizeilichen IdentitĂ€tskategorien ein Angelpunkt der Welt der Herrschaft sind. Was ist IdentitĂ€t?

In unseren alltĂ€glichen Beziehungen spielen wir mit einem Bild, das aus zahlreichen Elementen konstruiert ist. Unsere Geschichte, und das, was die anderen ĂŒber uns wissen, sind Voraussetzungen ĂŒber die wir nur wenig nachdenken, weil sie uns selbstverstĂ€ndlich erscheinen. Wenn wir mit jemandem vertraut werden, gewĂ€hren wir ihm Zugang zu dem, was wir als am Kostbarsten erachten: die GefĂŒhle und Gedanken, die ebenso eine Geschichte haben. Der Klandestine muss kontinuierlich eine neue IdentitĂ€t fĂŒr sich erfinden, deren KohĂ€renz entscheidend ist, um keinen Verdacht zu erregen. Sich an einen Vornamen gewöhnen, der nicht der eigene ist, und sich damit wohl fĂŒhlen, mit einer Geschichte, die man sich ausgedacht hat, ist eine einzigartige Erfahrung und fĂŒr manche unertrĂ€glich (vielleicht weil es zu sehr an das Ich ist ein anderer eines Klandestinen der Poesie namens Rimbaud herankommt). Ein interessanter und nĂŒtzlicher Aspekt einer solchen Situation ist, wenn sie dich dazu zwingt eine bestimmte FĂ€higkeit zu entwickeln, jene, manchmal mit einer extremen Offenheit, ĂŒber dich selber reden zu können und dabei jegliche Hinweise auf die Einzelheiten deines Lebens zu vermeiden. Ich nenne das nicht AbstraktionsfĂ€higkeit, sondern vielmehr die FĂ€higkeit, die erlebten Erfahrungen zu einer Essenz von Gedanken und GefĂŒhlen zu destillieren. Das, was am Ende dieses Destillationsprozesses bleibt, ist vielleicht ein anderes Konzept von IdentitĂ€t. Was wir im Laufe dieser innerlichen Alchemie wegwerfen, kann sehr wichtig sein, sogar schmerzhaft wichtig. FĂŒr mich war es zum Beispiel sehr schwierig von der öffentlichen Seite subversiver AktivitĂ€ten Abstand zu nehmen, da fĂŒr mich meine Lebenswelt im Grunde auch meinen „Charakter“ ausmacht (ich verwende AnfĂŒhrungszeichen, weil ich an einen Satz aus dem Notizbuch von ValĂ©ry denken muss, der besagt, dass das, was man Charakter nennt, nur temporĂ€r ist….).

Eine der wiederkehrenden Fragen eines GefĂ€hrten in KlandestinitĂ€t ist sicher, wie man sich in Projekte von anderen GefĂ€hrten einbringen kann, wenn die IdentitĂ€t auf dem Spiel steht (erinnern sie sich an mich…?). Der Zusammenhalt, der in unseren sozialen Beziehungen auch eine Garantie fĂŒr „NormalitĂ€t“ bedeutet, die uns vor der Angst vor dem Chaos beschĂŒtzt, und welcher oft weniger „gratis“ ist, als man denken könnte, da er eine bestimmte Dimension erlangt, in welcher die Spannung zwischen Theorie und Praxis einem, viel mehr inneren, Faden folgt. Er wird zu einer Art Treue sich selbst gegenĂŒber. Um diesen Zusammenhalt zu erreichen, kann man manchmal einen sehr hohen Preis bezahlen, wenn es um Liebesbeziehungen geht. Ich habe es mit meiner KlandestinitĂ€t, gewollt, nicht sehr streng genommen (wie der Besuch der Polizei ein paar Monate danach bewiesen hat…). Jedoch kann ich mir vorstellen, wie man sich selbst verschließen oder auch öffnen kann, wenn man sich in der Spirale einer stĂ€ndigen Achtsamkeit befindet. Ich verstehe den GefĂ€hrten, der sagte, er hĂ€tte niemals eine authentischere Freiheit gekannt als jene auf der Flucht, als er inkognito dahin und dorthin reiste. Als ich eines Abends auf einem HĂŒgel saß und die weit entfernten Lichter der Stadt beobachtete, hatte ich einen kleinen Einblick. Wenn man ausgeschlossen ist, kann man seine Situation umkehren und Bandit werden.

Die Bildung der Achtsamkeit (gegenĂŒber dem Gebiet in dem man sich fortbewegt, seinem eigenen Aussehen oder seinen Verhaltensweisen im Kontakt mit GefĂ€hrten, die nicht auf der Flucht sind) ist nichts, das sich improvisieren lĂ€sst, da es Zeit und Energie benötigt. Aber das wĂŒssten andere GefĂ€hrten, mit mehr Erfahrung, besser zu erklĂ€ren als ich.

Die Flucht und das GefĂ€ngnis sind sehr unterschiedliche Bedingungen, auch in der Wahrnehmung der eigenen IdentitĂ€t. Im GefĂ€ngnis wirst du mit deiner Geschichte konfrontiert. Ich erinnere mich an die tiefe, fast euphorische Freude, als ich angefangen habe in der Zelle an GefĂ€hrten zu schreiben mit denen ich lange Zeit keinen Kontakt hatte. Mit „meinem“ Namen zu unterschreiben, Briefe zu erhalten, von vergangenen Erfahrungen und zukĂŒnftigen Projekten zu sprechen. All das hat mein Herz und meine Tage erfĂŒllt. Die GefĂ€hrten sprechen ĂŒber die Gefangenen, organisieren Initiativen der SolidaritĂ€t, verbreiten öffentlich ihre Ideen. Jene, die auf der Flucht sind, sind allgemein viel isolierter. Ihre KohĂ€renz ist entsprechend schwieriger und beachtlicher, da sich die KlandestinitĂ€t fern von allen Blicken abspielt. Erinnern wir uns an die Umherziehenden.

Die KlandestinitĂ€t ist eine Erfahrung von starken Beziehungen, großer Komplizenschaft, aber auch tiefer Einsamkeit. Der DĂ€mon der Nostalgie stattet einem oft Besuch ab und bringt Erinnerungen an die OberflĂ€che zurĂŒck, die man definitiv glaubte begraben zu haben. Jener ein wenig entfernter Jugendfreund, der Duft des GeschĂ€fts, wo du als Kind hingegangen bist, eine Liebe aus der Zeit des Erwachsenwerdens, fĂŒr die du eine ganze Geschichte erfunden hast, oder jene schöne Passantin, die deinen Weg vergangenen Tags gekreuzt hat; und weitere Worte, Orte, Lieder, alles scheint eine gewaltige Verschwörung zu sein, um dich melancholisch werden zu lassen. Welch seltsame Welt der Nostalgie, die in den Ohren eines obdachlosen Anarchisten sogar ein schreckliches Lied aus San Remo [jĂ€hrliches VarietĂ©festival] herrlich erscheinen lĂ€sst….

Ich denke, dass alle aus Erfahrung den Unterschied zwischen Traurigkeit und Melancholie kennen. Letztere ist ein schwarzes GefĂŒhl, jedoch eines Schwarz‘, das uns nĂ€hrt. Habt ihr nie bemerkt, wie die Melancholiker von einer ganz speziellen LiebenswĂŒrdigkeit sein können, gleichzeitig gewissenhaft und geistesabwesend? Durch die Nostalgie ihrer eigenen Vergangenheit, entwickeln sie oft eine spezielle SensibilitĂ€t gegenĂŒber Unbekannten, indem sie fast beinahe soweit gehen, das Nichts in ein Versprechen des GlĂŒcks verwandeln zu wollen. Ein bisschen so ist das Exil.

Es ist nicht erst kĂŒrzlich, dass ich auf die, am Anfang erwĂ€hnten, Worte von FerrĂ© aufmerksam geworden bin, als ich ihnen zufĂ€llig, mit einem Filzstift auf eine Mauer geschrieben, wieder begegnet bin. Findet ihr es nicht merkwĂŒrdig, dass die Anarchisten als Melancholiker beschrieben werden?

„Sie tragen eine schwarze Fahne / halbmast auf die Hoffnung

Und die Melancholie / um in ihren Leben weiterzugehen“.

… voilĂ , aus diesem Grund, denke ich, hat mich die Flucht verĂ€ndert: seitdem ist mein unheilbarer Optimismus melancholischer geworden, als ob er von einer schwermĂŒtigen Zigeunermelodie begleitet wĂŒrde.

Die Vermassung der AktivitĂ€t und der Gesten macht das kritische Wort immer inoffensiver. Oft hat man das GefĂŒhl, dass reden nicht viel bringt. Auch unter diesem Aspekt waren die Flucht und das GefĂ€ngnis zwei verschiedene Erfahrungen fĂŒr mich. Im Knast habe ich mit der Macht des Wortes experimentiert. In einer bestimmten Weise mit dem WĂ€rter, dem Direktor, dem ganzen Verwaltungspersonal oder in Momenten der „Geselligkeit“ oder der Diskussion, mit den andern Gefangenen zu sprechen, kann praktische Auswirkungen haben. Im Knast sind rebellische Worte nĂ€her an den Möglichkeiten, die sie in Aktion verwandeln können; deshalb erzeugen sie mehr Angst.

In der KlandestinitĂ€t ist diese Macht der Worte manchmal limitiert, und zwar nicht nur aus offensichtlichen SicherheitsgrĂŒnden. Es kann sein, dass man Bedenken hat zu sprechen, denn das was du sagen könntest, droht einer Lektion zu gleichen, weil daraus keine gemeinsame Praxis entstehen kann (wenn sich die anderen beispielsweise exponieren, wĂ€hrend du dies nicht tun kannst). Du bevorzugst also zu schweigen, es sei denn du findest eine andere Art, um Komplize eines gemeinsamen Projekts zu sein. Schließlich hast du noch mehr Handlungsfreiheit, betrachtet man den Vorteil, den du gegenĂŒber deinem Feind hast: er weiß nicht, wo du bist…

In gewissen primitiven Gemeinschaften existiert eine Bestrafung, die ihre Mitglieder als die schlimmste erachten. Es handelt sich weder um körperliche Folter noch um GefĂ€ngnis oder Verbannung. Angesichts besonders schwerer und verwerflicher Vergehen, reagiert die Gemeinschaft, indem sie deren Urheber so behandelt, als ob er nicht existieren wĂŒrde. Sie schauen ihn nicht an, sie sprechen nicht mehr mit ihm, noch ĂŒber ihn, die Bewohner lassen ihn einfach fĂŒr eine kĂŒrzere oder lĂ€ngere Zeit unsichtbar werden. Es scheint eine unertrĂ€gliche Strafe zu sein. Unsere IndividualitĂ€t bildet und verfeinert sich in einem fortlaufenden Spiel von Kommunikation und gegenseitiger Erkennung. Man wird fĂŒreinander unsichtbar, wenn man umgekehrt den Preis fĂŒr die eigene PrĂ€senz bezahlt, wenn man lĂ€stig und gesichtslos geworden ist, durch eine Vermassung, die uns daran hindert, unsere Verbindungen zu bestimmen und wahrhaftig zu diskutieren, ohne Vermittlung.

Diese Bedingung kommt nahe an die Lebensbedingungen von Millionen von Klandestinen in der Welt heran, ĂŒberwiegend WirtschaftsflĂŒchtlinge der kapitalistischen Vernichtung. Sie wurden unsichtbar, dazu gezwungen, die Mauern der Metropolen wie Schatten zu streifen, um fĂŒr das Verbrechen, Arme und Fremde zu sein, zu bezahlen. Der „sans papiers“- Klandestine macht uns Angst, weil wir, wenn wir ihn kreuzen, unsere eigene entwurzelte und prekĂ€re Lage wiedererkennen, einem gigantischen produktiven und technologischen Apparat ausgeliefert, in dem wir nichts kontrollieren und von einer materiellen Notwendigkeit in die andere geworfen werden, deren Sinn sich einem völlig entzieht.

Leider ist die Untergrabung der Kategorien der Herrschaft (Arbeiter oder Arbeitsloser, BĂŒrger oder Fremder, Geduldeter oder Illegaler, Unschuldiger oder Schuldiger) heutzutage hauptsĂ€chlich ein Diskurs, und kein realer Prozess. Die Trennungen mĂŒssen in den KĂ€mpfe zerstört werden; es reicht nicht aus, zu behaupten, sie existierten nicht. Die nunmehr weltweite Bedingung von Millionen dem Gesetz nach inexistenten MĂ€nnern und Frauen, wie es ein gleichermaßen gefeierter wie unterwĂŒrfiger italienischer Politologe definierte, könnte eine gleichzeitig schmerzhafte wie großartige Gelegenheit sein, um alle autoritĂ€ren und kollektiven IdentitĂ€ten explodieren zu lassen. Leider sucht jener, der, da von der Sprache und der Gegenseitigkeit getrennt, unsichtbar geworden ist, oft seinerseits eine kollektive IdentitĂ€t der Verteidigung, eine Art schĂŒtzende Gemeinschaft mit der er verschmelzen kann. Dazu dient der Fundamentalismus, Spiegel eines Kapitalismus, der jegliche Unterschiede systematisch negiert. Über diese gesellschaftlichen Ursachen zu reflektieren ist umso wichtiger, da wir eine sachliche Kritik an der Religion nicht mit den intellektuellen Nachweisen der Nicht-Existenz Gottes formulieren können. Das BedĂŒrfnis nach Gemeinschaft in einer Welt, in der die einzige mögliche Gemeinschaft die der Ware ist, ist immer stĂ€rker und immer manipulativer durch die ersten nationalistischen oder fundamentalistischen Rufe. Heutzutage sind die Unsichtbaren, die um sich herum nichts als Hass und GleichgĂŒltigkeit vorfinden, zahlreicher denn je, MĂ€nner und Frauen, welchen man ein permanentes Ultimatum aufzwingt: entweder unterwerfen oder ausgewiesen werden, Zwangsintegration oder Abschiebung. Gemeinsame RĂ€ume der Revolte zu kreieren, indem man unmittelbare BedĂŒrfnisse angeht um sie zu ĂŒberwinden, ist mehr als ein solidarischer Akt: es ist ein innerer Weg, auf welchem man seiner eigenen Befreiung entgegen geht. Weil die Fanfaren, die dazu imstande sind, die Möglichkeit eines sozialen Krieges in die Gewissheit eines „rassistischen“ Kriegs zu verwandeln, immer mĂ€chtiger werden. Im unaufhaltsamen Chaos der Sprachen und der Kulturen mĂŒssen wir mit einer neuen Fahnenflucht und neuen Verbindungen experimentieren……

Wie können wir fĂŒr die Herrschaft und ihre Schergen unsichtbar bleiben – wie können wir uns schließlich jeglicher Identifikation widersetzen – und gleichzeitig sozial sichtbar bleiben? Das ist, so scheint es mir, die Frage aller GefĂ€hrten in KlandestinitĂ€t. Ich denke, dass wenn man von einem Zustand einer ausgedehnten Wanderschaft ausgeht, man auch so von unseren umherziehenden GefĂ€hrten sprechen kann, so dass sie weniger weit entfernt sind.

Sich vom Frust befreien

Was hat dich dazu gebracht, dich von einer persönlichen und gemeinschaftlichen Situation zu entfernen, die dir, wie dramatisch und schwierig sie auch war, dennoch vertraut war? Was hast du gehofft zu finden und was hast du tatsÀchlich gefunden?

Vielleicht liegt genau hierin das Problem. Eine Situation kann einem so bekannt sein, dass man gar nichts mehr Ă€ndern kann, dass es kein Verlangen gibt, das eigene Leben zu verĂ€ndern oder ĂŒberhaupt weiter zu leben. Es ist die permanente Lebensgefahr. Von einem Moment auf den anderen kann man getötet werden. Aber es war nicht immer so. In den letzten Jahren, zu Beginn der neunziger Jahre, befanden sich alle Algerier in Lebensgefahr, nicht nur ich. Aber auch bevor wir in diese Situation einer stĂ€ndigen Lebensgefahr kamen, war der Kontext schon gefĂ€hrlich. An der Uni war ich bei einer Gewerkschaft, ich war bereits ein Aktivist der extremen Linken. Im Moment, als der Terrorismus begann und politisch aktive Personen zu seinem Hauptziel machte, habe ich begriffen, dass ich untertauchen musste, um handeln zu können: Öffentlich war dies von nun an nicht mehr möglich. Solange das Risiko bloss aus physischer Gewalt gegen mich selbst, meine Freunde oder meine Familie bestand, war ich noch handlungsfĂ€hig, aber als die Lebensbedrohung einmal da war, als das Leben meiner Familie, der Kinder auf dem Weg zur Schule, nicht mehr sicher war, war das Land zu verlassen der einzige Ausweg fĂŒr mich. Das Land zu verlassen bedeutete nicht, sich zu ergeben oder die Arme hĂ€ngen zu lassen und abzuhauen, im Gegenteil. Wir waren gefangen in einer Art Zange: Die algerischen Geheimdienste stellten die eine Seite dar und die Terroristen die andere. Zu dieser Zeit arbeitete ich bei einem Staatsunternehmen, dem einzigen Telekommunikationsunternehmen des Landes. Wir erhielten Briefe, die uns aufforderten, nicht mehr fĂŒr den Staat zu arbeiten. Aber wenn du zu arbeiten aufgehört hast, kam die Polizei oder die Armee zu dir und sagte, du seist ein Terrorist und versteckst dich hier: Kamst du den Terroristen davon, wurdest du von der Polizei geschnappt. Wie ich bereits sagte, solange das Risiko nur aus physischer Gewalt bestand, war ich bereit, es einzugehen, aber als ich mit einer permanenten Lebensgefahr fertig werden sollte, blieben mir zwei Alternativen: Die Waffen gegen die Terroristen zu ergreifen oder selber ein Terrorist zu werden. Keine dieser beiden Optionen interessierte mich als Art zu kĂ€mpfen, als Standpunkt. Die Situation zwang die Menschen, eine Seite zu wĂ€hlen und das Risiko dabei war nicht seine Arbeit zu verlieren oder sein Haus in Flammen aufgehen zu sehen, es war noch grösser: Es war das Risiko, nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das der Menschen aus dem eigenen Umfeld zu verlieren. Dies ist der Hauptgrund, weswegen ich das Land verlassen wollte. Es gab natĂŒrlich auch wirtschaftliche Faktoren, auch wenn die Lage fĂŒr mich nicht katastrophal war. Ich hatte eine einigermassen gut bezahlte Stelle, die es mir ermöglichte zu ĂŒberleben. Aber die Bedingungen, die die Integristen vorschrieben, indem sie die Religion zur Politik machten und die Gesellschaft moralisierten, erlaubten es mir nicht mehr frei zu leben. Die simple Tatsache, mit einem MĂ€dchen auszugehen, mit der eigenen Freundin, bedeutete das Risiko einzugehen, angegriffen zu werden, oder eher, die Gewissheit, angegriffen zu werden. Ein MĂ€dchen konnte nicht in Ruhe in den Kleidern, die ihr gefallen, spazieren gehen, sie musste einen Schleier anziehen: Die persönliche Freiheit und die Entscheidungsfreiheit waren bedroht. Es war ein soziales Problem. Diese Gewalttaten blieben ausserdem unbestraft. Zum Beispiel gab es an den Unis integristische Studenten-banden, die auf dem Campus umherstreiften und mit einem Stock die PĂ€rchen verprĂŒgelten, die sie vorfanden. Wer leistet Widerstand gegen so etwas? Wer ist bereit dies tagtĂ€glich zu riskieren?

FĂŒr mich war das wirtschaftliche Problem zweitrangig. Mein Lohn in Algerien lag bei einer Million Dinar, ungefĂ€hr hundert Euro. Damit konnte man leben, die Preise waren dort deutlich tiefer als hier. Aber in den letzten Jahren wurde das Leben aufgrund von Terrorismus, Wirtschaftsreformen, Entlassungen und Sabotagen in den Fabriken (angeblich durch die Terroristen, aber offensichtlich durch die Hand des algerischen Staates, um die Fabriken zu Spottpreisen zu verscherbeln) auf wirtschaftlicher Ebene um einiges hĂ€rter. Die Kaufkraft befand sich, selbst bei einem durchschnittlichen Lohn, in einem schwindelerregenden Fall. Unter dem Vorwand des Terrorismus wurden die Preise verzehnfacht, teils sogar verzwanzigfacht. FrĂŒher verteilte der Staat noch UnterstĂŒtzungsgelder. FĂŒr die Produkte der GrundbedĂŒrfnisse (Mehl, Brot, Milch etc.) bezahlte der Staat 80% des Preises und die Bevölkerung die restlichen 20%. Mit dem Aufkommen des Terrorismus wurde all dies abgeschafft, tiefgreifende Wirtschaftsreformen wurden umgesetzt und selbst ein solcher Lohn ermöglichte es nicht mehr, angemessen zu leben. Ausserdem gab es einen Traum. Den Traum eines Europa der Menschenrechte, wo die Menschen in Freiheit leben. Ich hatte den Wunsch, von dieser Freiheit zu kosten.

Du hast oft von Terrorismus gesprochen, kannst du genauer erklÀren, was du unter diesem Begriff verstehst? Wie ist die Situation in deinem Herkunftsland?

Der Terrorismus, von dem ich spreche, ging von gewissen studentischen Organisationen oder Quartiervereinen aus. Der Chef war der Imam der Moschee, seine Absicht war es, die Gesellschaft zu moralisieren, das heisst, die Frauen konnten nicht in Miniröcken spazieren gehen oder Auto fahren und die MĂ€nner durften ihre Ehefrauen nicht ausgehen lassen, unter Androhung einer Bestrafung von Mann und Frau. Wein zu trinken war streng verboten. Die Integristen haben die Bars in der Stadt zerstört. Diese Bewegung stand frĂŒher unter der Kontrolle der Polizei, die sie gewĂ€hren liess, aber nachdem es in Algerien Wahlen gab und die Partei der Milizen – dieser Moralisierer der Gesellschaft – gewonnen hatte, unterbrach die Armee den Wahlprozess und steckte die FĂŒhrer der Integristenpartei ins GefĂ€ngnis. Die Reaktion des harten FlĂŒgels ihrer AnhĂ€nger bestand darin, die Waffen zu ergreifen und mit den Massakern zu beginnen.

FrĂŒher konnte man mit Ideen gegen sie kĂ€mpfen, die Menschen ĂŒberzeugen oder gegen ihre Drohungen Widerstand leisten. SpĂ€ter haben sie sich nicht mehr darauf beschrĂ€nkt, HĂ€user anzuzĂŒnden oder SĂ€ure auf Frauen zu werfen. Sie machten sich daran, alle umzubringen, die nicht mit ihnen einverstanden waren. Sie legten Bomben in Bussen, auf der Arbeit holten sie uns mindestens fĂŒnf Mal am Tag aus dem BĂŒro und bedrohten uns. Sie sagten, dass eine Bombe im zweiten Stock platziert sei, und wir rannten alle hinaus. So haben sie den Terror gesĂ€t: In Algerien gab es zwischen 1992 und 2002 200’000 Tote. Diese 200’000 Toten waren wehrlose Menschen. Menschen, die weder ins Ausland flĂŒchten, noch die Waffen gegen die Terroristen ergreifen, noch sich gegen die algerischen Geheimdienste wehren konnten. Die Terroristen waren infiltriert von Agenten der Sicherheitsdienste und vom MilitĂ€r, doch es gab keinen Willen von Seiten des Staates, die Bevölkerung vor diesen Massakern zu beschĂŒtzen, im Gegenteil. Es gab eine ganze Palette von GrĂŒnden, weswegen man irgendwann an einen Punkt kam, wo alle Hoffnung, am Leben zu bleiben, verloren war. Es war nicht mehr möglich, gegen jemanden zu kĂ€mpfen, der gleich stark ist, wie man selbst. An diesem Punkt war man gezwungen, zu töten. Ich wollte niemanden töten, ich wollte kein Terrorist werden. Es gab ein Massaker in Algier, ich arbeitete damals in der Hauptstadt, 400 Menschen wurden in dieser Nacht getötet, einige durch Kugeln, anderen wurde die Kehle durchgeschnitten etc. Einigen gelang es, zu fliehen. Sie gingen zu einer Kaserne in der NĂ€he. Diese gehörte nicht zur Polizei oder zu den Gendarmen, sondern zur Armee, die von der Bevölkerung mehr geschĂ€tzt wurde. Du verstehst, psychologisch bedingt flieht man und versucht sich zu schĂŒtzen, wenn man in Gefahr ist, man wendet sich an die AutoritĂ€ten. Aber, na so was, auch die haben auf sie geschossen und sie getötet. Das ist Terrorismus. Die Terroristen töteten die normalen Menschen, sie töteten die Armen, die sich nicht schĂŒtzen konnten, sie töteten die Bauern. In diesen Jahren ermöglichte es die MittĂ€terschaft des Staates, enorm viele Bauern an isolierten Orten zu beseitigen, und das war kein Zufall: In Algerien gab es keinen privaten Boden, die kultivierbaren Böden wurden von der Gemeinschaft bearbeitet, von den Dorfbewohnern und sie gehörten niemandem. Im Prozess der Privatisierung, die dem Profit des Staates und der Armee diente, begannen sie, diese Böden zu verkaufen: Die Bauern weigerten sich zu gehen, deshalb wurden sie vernichtet, vom Ältesten bis zum fĂŒnf Monate alten Kind. Auch auslĂ€ndische GeschĂ€ftsleute kamen, um diese Böden zu kaufen. Ich nenne all das Terrorismus, denn man weiss nicht, wer wen tötet. Wir können alle verrecken, aber niemand weiss weshalb oder durch wen. Niemand weiss, was danach geschehen wird. Wenn es etwas gĂ€be, fĂŒr das es sich lohne, sich zu opfern… Aber hier handelte es sich um eine unverstĂ€ndliche und nicht zu bewĂ€ltigende Sache. Es hatte keinen Sinn, sich in diesem Kontext töten zu lassen.

Und dann hast du versucht zu emigrieren


Was ich hoffte hier zu finden, das war die Freiheit. Einerseits die individuelle Freiheit, andererseits aber auch die kollektive Freiheit. Auf der Ebene der individuellen Freiheit habe ich mich furchtbar getĂ€uscht. Was die kollektive Freiheit angeht, habe ich bemerkt, dass es nicht so simpel ist: Ohne die RealitĂ€t zu kennen, liessen wir uns von den westlichen Medien verfĂŒhren, die ein falsches Bild konstruierten. Gleichzeitig erzĂ€hlten uns die Emigranten, die fĂŒr die Ferien in ihr Heimatland zurĂŒck kamen, nie, wie es wirklich war. Es ist eine Frage der MentalitĂ€t: In einer Gesellschaft, in der man nie mit den anderen ĂŒber seine Probleme spricht, erzĂ€hlt eine Person, die in ihr Heimatland zurĂŒckkehrt, selbst wenn ihr Leben als Migrant schrecklich ist, dass man im neuen Land gut lebe, dass man frei sprechen könne, dass man dies und das tun könne. Es kam dann aber ganz anders fĂŒr mich. Der erste Ort, an den ich gelangte, war ein kleines Dorf im Norden von Italien. Ich hatte einen Freund, der ein Jahr zuvor dorthin gezogen war. Ich hatte telefonischen Kontakt mit ihm und alles schien bestens zu laufen. Er erzĂ€hlte mir nie von seinen Problemen, auch wenn ich sie mir ausmalen konnte. Ich sagte mir, was auch immer ich in Italien antreffen werde, es kann nicht schlimmer sein, als das, was ich in Algerien erlebt habe… Und wenn man bedenkt, dass andere nach Niger gegangen sind! Wir flĂŒchteten ja alle, weil unser Leben in Gefahr war. Es gab aber auch einen sozialen Frust: Die Meinungsfreiheit existierte nicht, sei es aufgrund der Moralisierung der Gesellschaft oder der Unnachgiebigkeit des politischen Systems. Es ist unmöglich, nicht in Angst und Schrecken versetzt zu sein, wenn man den Kopf von jemandem aus dem eigenen Dorf am Ortseingangsschild aufgehĂ€ngt sieht. Und wenn du in Angst und Schrecken lebst und weder mit den MilitĂ€rs noch mit den integristischen Islamisten einverstanden bist, bleibt dir nichts anderes ĂŒbrig, als das Dorf zu verlassen.

Direkt nach meiner Ankunft mitten in der Nacht, ging ich zu meinem Freund, der alleine lebte. Er arbeitete in der Landwirtschaft und fand sofort eine Arbeit fĂŒr mich im selben Sektor. Das Erste, was du tun musst, wenn du ankommst, ist dir Gedanken zu machen, wie du fĂŒr deine GrundbedĂŒrfnisse aufkommen wirst. Ich begann im Weinbau zu arbeiten, und da habe ich am eigenen Leibe Dinge erlebt, die ich niemandem wĂŒnsche. Ich arbeitete von sieben Uhr morgens bis zum Einbruch der Nacht, oder sogar bis zehn Uhr abends und bekam 6000 Lire pro Stunde bezahlt (ca. 3€). Zu Beginn passte das fĂŒr mich. Was zĂ€hlte, war, nicht zu verrecken. Ich fuhr fort, hart zu arbeiten und erlebte gewisse Dinge, machte gewisse Sachen durch, die ich mir niemals vorstellen konnte. Vielleicht stellte ich sie mir auch vor, aber ich war mir sicher, dass sie nicht mehr existierten. Selbst in Algerien existierten sie nicht mehr. Bei der Weinlese zum Beispiel schnitten alle ausser mir und meinem Freund die Trauben. Uns aber befahl die Chefin, die BĂŒtten entlang der Reihen zu tragen, eine harte Arbeit. Ich erinnere mich, dass es besonders heiss war, ich habe der Chefin gesagt, dass ich mich ausruhen und auch Trauben schneiden wolle. Sie liess mich nicht, die harte Arbeit war uns vorbehalten. Doch uns bezahlte man nur halb so viel, wie den anderen, die alle Italiener waren. Ich verspĂŒrte generell eine wirklich hĂ€ssliche Diskriminierung. Es konnte nicht möglich sein, dass sich das in Europa so ereignete, der Heimat der Menschenrechte. Keiner der Arbeiter unterstĂŒtzte mich. Wir konnten nicht einmal eine Pause machen, um eine Zigarette zu rauchen. Ich regte mich sehr auf, ich wollte eine andere Arbeit suchen, aber es war ein kleines Dorf und ich kannte nur einen Algerier. Ich fand nichts anderes. Also habe ich diese Arbeit weiter gemacht, ich musste die Miete bezahlen. Bevor wir eine Wohnung mieteten, hatten wir eine Ruine bewohnt, die uns ein Vorgesetzter lieh und deren Dach herabfiel, dann haben wir eine Wohnung im Dorf gemietet. Ich arbeitete weiterhin am gleichen Ort: Es ist immer möglich, physisches Leiden zu ertragen, auch wenn es schwierig ist, sich daran zu gewöhnen, aber ich wollte meine WĂŒrde bewahren. Ich wollte weiterhin in der Lage sein, die Miete zu bezahlen. Die physischen Leiden konnten ĂŒberwunden werden. Ich sagte mir, es sei nur eine schlechte Zeit, die ich ĂŒberstehen musste. Als die Weinlese zu Ende war, gab es keine Arbeit mehr und Einsamkeit machte sich breit. Ich kannte niemanden, die Bewohner des Dorfes waren misstrauisch und hatten Angst. Sogar die linken Aktivisten zeigten sich uns gegenĂŒber feindlich. Einige hielten uns geradezu fĂŒr minderwertig, bloss weil wir aus einem “unterentwickelten” Land kamen. Ich sagte mir also: Ich muss unbedingt von hier verschwinden.

In der Zwischenzeit kam ein anderer Freund an. Zu dritt haben wir im selben Dorf eine andere Wohnung, eine ziemlich grosse, die nicht sehr teuer war, gemietet. Wir verbrachten dort 15 Tage mit Nachdenken. Wir haben uns den Kopf darĂŒber zerbrochen, was wir tun sollten und wir entschieden uns, das Dorf zu verlassen, um zu sehen, was es anderswo gab. Wir dachten, anderswo sei es vielleicht besser. Wir wollten auf keinen Fall so weiter leben. Also gingen wir in eine Stadt, in einen grösseren Ort. Wir beabsichtigten, eine Organisation aufzusuchen, aber auf keinen Fall die Lega Nord. Wir gingen zum Sitz der kommunistischen Partei. Wir erzĂ€hlten ihnen von uns, wir sagten, dass wir Algerier seien und dass wir die Leute der Linken dieses Ortes kennen lernen wollten. Wir sprachen sehr schlecht Italienisch, aber wir schafften es, uns verstĂ€ndlich zu machen. Sie schickten uns von dort zur Gewerkschaft CGIL. Man sagte uns, es gĂ€be da einen Typen der Rifondazione Comunista, der Französisch spreche und uns vielleicht helfen könne. Wir haben mehrere Stunden mit ihm gesprochen und am Abend sind wir nach Hause zurĂŒck gekehrt. Aber was hat es genĂŒtzt? Wir haben schnell erkannt, dass unsere Probleme, unser Frust, unsere Botschaft, die wir mitteilen wollten, diese Person nicht berĂŒhrte. Wir mussten mit jemandem sprechen, der uns verstehen konnte. Aber eine Person, die eine Rolle fĂŒr unser Leben hĂ€tte spielen können, trafen wir nicht.

Die Entdeckung der RealitĂ€t der westlichen politischen Welt war eine EnttĂ€uschung. Das System der Parteien und die “so sehr beneidete” westliche Demokratie sind letztendlich nicht so anders, wie die Korruption und die abgekarteten Spiele, auf denen die Macht in Algerien beruht. Es ist die gleiche Art zu regieren, das gleiche VerstĂ€ndnis von Macht, Parteien und Gewerkschaften. Ich wĂŒrde sogar sagen, die beiden Systeme ergĂ€nzen sich. Das eine kann nicht existieren ohne das andere. Wir blieben noch fĂŒr eine gewisse Zeit im Dorf. Jener Freund, der als letzter angekommen war, war mit einem sechsmonatigen Studierendenvisum in Italien und beantragte eine Aufenthaltsbewilligung. Er ging zwei Monate spĂ€ter aufs Amt, um sie abzuholen. Aber anstatt ihm dort die Bewilligung zu geben, gab man ihm zu verstehen, dass er fĂŒnfzehn Tage Zeit habe, um das Staatsgebiet zu verlassen. Seine Situation war somit schlimmer als meine, er konnte abgeschoben werden. Wir zogen uns ins Dorf zurĂŒck. In diesem Moment begannen die Probleme zwischen uns. Wir waren die ganze Zeit eingesperrt in diesem Haus. Wir gingen nie raus, denn draussen gab es sonst niemanden. Ich weiss es nicht, aber möglicherweise haben uns die Leute aus ihren Fenstern beobachtet, um zu sehen, ob wir gerade etwas stahlen. Ausserdem war da die Angst, die Carabinieri anzutreffen: Allein auf der Strasse hĂ€tten sie uns bestimmt geschnappt. Einmal fuhr ein Auto des Zolls vorbei, sie hielten uns an. Mit ihnen sprachen wir immer in unserer Sprache. Wir verstanden zwar ein wenig Italienisch, aber es war besser, so zu tun, als ob wir nichts verstehen wĂŒrden. Sie sagten uns, dass wir uns bei der PrĂ€fektur melden sollten, um eine Aufenthaltsbewilligung zu beantragen, aber wir wussten, dass dort nur Ausweisungsbefehle verteilt wurden. So ging keiner von uns hinaus und es war nicht einfach, miteinander klar zu kommen. Mein Freund, der schon vor meiner Ankunft hier war, hatte Papiere und entschied sich, diese Wohnung zu verlassen, die natĂŒrlich auf seinen Namen gemietet war. Die Situation war sehr schwierig fĂŒr mich: Ich konnte mir weder vorstellen, nach Algerien zurĂŒckzukehren, noch draussen zu schlafen. Ich wollte dieses Schicksal nicht akzeptieren. Die Situation, gezwungen zu sein, draussen zu schlafen, das konnte ich mir nie in meinem Leben vorstellen. Auf der Strasse zu schlafen, nicht etwa weil mir die Mittel fehlten, sondern, weil ich nicht existierte, weil ich nicht mieten konnte, weil ich nicht in ein Hotel gehen konnte, weil es niemanden gab, der mir sagen konnte: Mach dir keine Sorgen, du kannst heute Abend bei mir schlafen. Ich wollte diese Situation nicht akzeptieren. Deshalb entschied ich mich, einen Freund anzurufen, der jetzt in Nordamerika lebt, der aber frĂŒher in Italien lebte. Ich sagte ihm, dass es nicht gut laufe und er gab mir die Nummer von jemandem, der Französisch sprach. Ich rief ihn an und bemerkte, dass er Inder war. Wir trafen uns. Er war mit einer Italienerin verheiratet und hatte Kinder. Ich erklĂ€rte ihm meine Situation. Ich sagte ihm, dass ich mit einem Freund wohne, aber dort ausziehen mĂŒsse und dass ich keine Papiere habe. Er schlug mir vor, bei ihm zu wohnen. Eine Freundin von ihm war auch dabei und auch wenn ich nicht gut Italienisch sprach, habe ich verstanden, dass sie ihm sagte, dass er, wenn er mich beherbergte, eine Busse bekommen könne oder das GefĂ€ngnis riskiere. Aber er erwiderte, dass er bereit sei, ins GefĂ€ngnis zu gehen, um mir zu helfen. Ich bin bei ihm eingezogen. Ich wohnte fĂŒr zwei Monate dort. Er suchte eine Arbeit fĂŒr mich, indem er seine Beziehungen spielen liess, auch in anderen StĂ€dten, aber er hat nichts gefunden.

Dann begann wieder die Arbeitssaison im Dorf. Ich wollte keine Last sein. Ich wohnte bei einer Familie. Manchmal hatten sie Diskussionen untereinander, was normal ist, doch ich fĂŒhlte mich unwohl, obwohl er mir immer wieder sagte, dass es kein Problem gĂ€be. Ich fand einen anderen Arbeitgeber, der mich beherbergen konnte und ich bevorzugte es, auf dem Land zu arbeiten, denn hier hatte ich ĂŒberhaupt keine Perspektive. Ich konnte bloss warten. Aber auf was? Ich musste etwas tun.

Mit diesem neuen Chef traf ich eine Vereinbarung: Ich verdiente eine Million Lire im Monat (500€) und er meldete mich nicht an. NatĂŒrlich wusste niemand dort, auch er nicht, dass ich keine Papiere hatte, bestimmt nicht! Er sagte mir, dass er mich nicht melden konnte, weil das fĂŒr ihn bedeute, hohe Abgaben zu bezahlen. Mir kam das ganz gelegen. Ich hatte gar keine andere Wahl. Ich war mir bewusst, dass dieser Lohn in Bezug auf die Arbeitsstunden miserabel war, vor allem ohne Sozialleistungen. Wir haben deshalb abgemacht, dass ich nicht jeden Tag arbeiten mĂŒsse, dass ich an den Tagen, an denen es nicht viel zu tun gab, nicht zur Arbeit kommen mĂŒsse. Ich arbeitete drei Monate bei ihm, manchmal von fĂŒnf Uhr morgens bis Mitternacht. Dann entschied ich mich, fĂŒnf Tage frei zu nehmen, um meinen indischen Freund zu besuchen. Aber das war nicht in Ordnung fĂŒr meinen Chef. Er rief mich mehrmals an, um mich zu fragen, wieso ich nicht zur Arbeit gekommen sei. Ich ging zurĂŒck zu ihm und wir diskutierten. Ich erinnerte ihn an unsere Übereinkunft und alles schien sich zu lösen. Ich arbeitete noch zwei Monate ohne Pause und dann wollte ich mir ein wenig Erholung gönnen. Dieses Mal drohte er, mich zu feuern, wenn ich nicht zurĂŒck kĂ€me. FĂŒr mich wĂ€re das eine Katastrophe gewesen, aber ich wollte vor dieser Drohung nicht einknicken. Ich forderte, dass er mir eine Auflistung meiner Stunden machte und dass er mir 10‘000 Lire (5€) pro Stunde auszahle. Es brachte mich fast zum Explodieren, dass er mir Drohungen machte. Er hatte Angst, dass ich ihn anzeige, und ich umgekehrt auch. Schlussendlich zahlte er mich aus. Nicht ganz soviel, wie ich verlangt hatte, aber auch nicht das bisschen, dass er beabsichtigt hatte, mir zu geben, und ich zog davon. Ich fuhr fort, hier und dort fĂŒr ein paar Tage zu arbeiten. Oft blieb ich im Haus (aus dem meine Freunde doch nicht ausgezogen waren). Dann kam die Saison zu ihrem Ende und der Albtraum ging von Neuem los. In der Zwischenzeit wurde mein Freund, der mit einem Studierendenvisum eingereist war, regularisiert und er verliess das Dorf. Ich blieb mit dem anderen zurĂŒck, mit dem ich mich verzankt hatte. Von Oktober bis MĂ€rz gab es nichts zu tun, draussen nur Schnee, und wir drinnen am Streiten. Wieder wollte er das Haus verlassen und in eine Stadt ziehen. Mir blieb keine andere Wahl, als meinen indischen Freund anzurufen, damit er mich noch einmal aufnehmen wĂŒrde. Ich blieb fĂŒr drei Monate bei ihm. Er versuchte erneut eine Arbeit und eine Wohnung fĂŒr mich zu finden, ergebnislos. Er beabsichtigte fĂŒr zwei Monate nach Indien zu fahren. Ich wollte nicht mit seiner Frau und seinen Kindern alleine bleiben, denn ich hatte nichts zu tun und diese UntĂ€tigkeit zehrte an meinen Nerven. Sie erdrĂŒckte mich.

Ich habe eine Schwester, die in Frankreich wohnt, sie ist verheiratet und hat Papiere. Ein Freund bot mir an, mich zu ihr zu begleiten. Einer seiner Freunde wollte dieselbe Strecke machen und wir gingen eines Abends los, um die Grenze zu ĂŒberqueren. Damals gab es noch permanente Grenzkontrollen. Es war kein leichtes Unterfangen. Wir versuchten auf einer Karte einen Pass fĂŒr die Überquerung zu finden, aber es war Dezember. Es war eine Katastrophe, ĂŒber die ich mich nicht weiter auslassen möchte. Wir mussten umkehren, aber mein Freund war fest entschlossen, er wollte es versuchen, die Grenze am Zoll zu ĂŒberqueren. Er war immer gut angezogen, Anzug und Krawatte. Er war ĂŒberzeugt, dass wir es schaffen. Ich sagte zu ihm: Lass es gut sein, ich möchte nicht mehr nach Frankreich gehen, ich kehre nach Algerien zurĂŒck. Schlussendlich versuchten wir es trotzdem. Es war ein Uhr morgens und saumĂ€ssig kalt. Wir dachten, der Grenzposten sei nicht besetzt. Die Freundin, die fuhr, beschleunigte, als sie niemanden sah, aber genau in dem Moment kamen die Zöllner heraus. Sie wusste nicht, dass man immer langsam fahren und auf das Signal zum Weiterfahren warten musste. FĂŒr sie waren wir offensichtlich auf der Flucht. Sie hielten uns an und befragten uns. Ich gab die IdentitĂ€t eines Kumpels an, der eine Aufenthaltsbewilligung hatte und die PrĂ€fektur bestĂ€tigte, dass ich regulĂ€r war. In der Zwischenzeit beschuldigten sie meinen Freund, ein Schlepper zu sein. Er wiederum forderte gekrĂ€nkt, dass man ihm diese Anschuldigung schriftlich aushĂ€ndige, damit auch er Anzeige erstatten könne. Schlussendlich liessen sie uns passieren. Hundert Meter weiter kam der französische Zoll. Wir entschlossen uns, die Initiative zu ergreifen. Wir gingen direkt auf sie zu und sagten, dass wir verspĂ€tet seien und dass wir sowieso schon auf der italienischen Seite kontrolliert worden seien und alles in Ordnung sei. Sie liessen uns passieren. So kamen wir in Frankreich an. Wir schliefen in einem Hotel und am nĂ€chsten Morgen ging ich zu meiner Schwester.

In Frankreich hatte ich noch mehr Probleme als in Italien. Obwohl ich wusste, dass ich fĂ€hig war, fĂŒr meine GrundbedĂŒrfnisse aufzukommen, fand ich mich an HĂ€nden und FĂŒssen gefesselt. Das BedĂŒrfnis aktiv zu sein, aber nichts tun zu können, bringt dich in einen Zustand, der dem Wahnsinn nahe ist.

Aus einer Situation der Isolierung oder zumindest sehr konfliktreicher Beziehungen zu den Personen, mit denen du gearbeitet hattest, kamst du an einen Ort, wo es bestimmt mehr Leute aus deinem Heimatland gab, wo du auch familiĂ€re Verbindungen hattest. Wie hast du diese Erfahrung einer AnnĂ€herung an eine Gemeinschaft erlebt, die dich, in gewissem Sinne, mittels dieser Beziehungen, in dein Heimatland zurĂŒckholte?

Innerhalb der Familie sind die Beziehungen ziemlich offen. Meine Schwester wusste, dass ich illegalisiert war und es gab deswegen keine Probleme. Das Problem ging von mir aus. Meine Schwester stand morgens auf, zog die Kinder an und ging zur Arbeit, ihr Mann ebenso. WĂ€hrend ich aufstand, zu Hause blieb und nichts zu tun hatte. Das war nicht gut. Meine Beziehungen zu den Anderen, meinen Bekannten aus meinem Heimatland, waren speziell, denn es gab ein grosses Problem: Ich wollte ja nicht, dass mein Vater oder meine Mutter ĂŒber meine Situation Bescheid wussten. Ich hĂ€tte es nicht akzeptieren können, wenn sie gewusst hĂ€tten, wie ich lebte. Also habe ich niemandem erzĂ€hlt, wie es um mich stand. Dass ich gezwungen war, jemanden zu bitten, mich unterzubringen etc. Sie erzĂ€hlten mir ihre Sorgen auch nicht, deswegen waren die Beziehungen sehr oberflĂ€chlich. Man traf sich, trank etwas zusammen, plauderte, machte Witze und jeder ging wieder zu sich nach Hause.

Zu dieser Zeit traf ich viele illegalisierte Kollegen, die genau dieselben Probleme hatten wie ich. Sie waren wie ich Teil der letzten Einwanderungswelle, jener der 90er-Jahre, die mit dem Terrorismus zusammenhing. In Frankreich wurde ein spezielles Dekret der Regierung fĂŒr alle diese Algerier, es waren Tausende, verabschiedet. Die französischen Intellektuellen und eine gewisse politische Klasse drĂ€ngten auf die Schaffung dieses Statuts, dem Territorialasyl. Dieses erlaubte es, Ă€hnlich dem politischen Asyl, einen vorĂŒbergehenden Aufenthaltstitel zu erhalten, wĂ€hrend man darauf wartete, wieder nach Algerien zurĂŒckkehren zu können. Es war kein Papier, dass es einem erlaubte zu arbeiten. Man hatte ĂŒberhaupt kein Recht, man musste einfach abwarten. Auch heute noch kenne ich Leute, die diese Karte seit vier Jahren haben und immer noch warten.

Schliesslich verbrachte ich acht Monate in Frankreich, obwohl ich nur zwei vorgesehen hatte. Ich blieb bis zum Inkrafttreten des Napolitano-Dekrets in Italien: Die Regularisierung. Eines Tages erhielt ich einen Anruf von meinem indischen Freund, der mir anbot, mir zu helfen, die Schritte zur Regularisierung in Angriff zu nehmen. FĂŒr mich war das eine wunderbare Sache. Ich wartete schon so viele Jahre darauf, aus der IllegalitĂ€t heraus zu kommen. Aber zuerst musste ich noch die Grenze ĂŒberqueren und wiederum schaffte ich es dank ihm, einzureisen. Gleich nach meiner RĂŒckkehr stellte ich einen Antrag auf Regularisierung und das nahm viel Zeit in Anspruch. Ich brauchte dafĂŒr einen Arbeitsvertrag und eine WohnsitzbestĂ€tigung. Wie kann jemand, der keine Papiere hat, eine BestĂ€tigung der Miete vorweisen? Das ist absurd.

Über die Bekanntschaften meines Freundes lernte ich einen Ägypter kennen, der es mir ermöglichte, die Wohnungsfrage zu lösen. Gleichzeitig stellte er mich als Mann fĂŒr alles ein, was mir einen Arbeitsvertrag verschaffte. Schlussendlich habe ich, also eher er, es geschafft, dieses Antragsdossier fĂŒr die Aufenthaltsbewilligung unter Dach und Fach zu bringen. Ich kam im September aus Frankreich zurĂŒck und Ende Mai hatte ich noch immer keine Antwort erhalten. Sie hatten mir eine Empfangsbescheinigung gegeben, die bestĂ€tigte, dass ich mich im Prozess der Regularisierung befand. Damit machte ich mich, da ich wusste, dass sie mich nicht verhaften können, auf die Suche nach einer BeschĂ€ftigung. Ich beabsichtigte, in eine grosse Stadt zu gehen. Es war ein grosser Schritt fĂŒr mich endlich aus diesem kleinen Dorf wegzukommen! Ich fand eine Arbeit als Prospekteverteiler, aber das Problem des Schlafplatzes blieb. Man bezahlte mir 30‘000 Lire (15€) am Tag, doch ich musste die Fahrt in die Stadt selbst bezahlen. Aber es war fĂŒr mich wichtiger, nicht lĂ€nger ohne BeschĂ€ftigung zu sein, auch wenn ich nichts dabei verdiente. Es war fĂŒr mich eine Möglichkeit, die Stadt kennen zu lernen. NatĂŒrlich nicht die Kunstwerke, sondern die Menschen und ihre Netzwerke. An einem bestimmten Punkt waren die Papiere immer noch nicht angekommen und die Probleme blieben bestehen. Ich fĂŒhlte, dass ich wieder zu einer Last fĂŒr die Familie wurde, die mich beherbergte. Ich musste unbedingt wieder aus dieser Situation herauskommen. Ich war bereits die Ursache fĂŒr einen Streit zwischen dem Vater und seinen beiden Kindern gewesen, weil er mich aufgenommen hatte und ich immer noch bei ihnen war. Und wenn ich meine Aufenthaltsbewilligung gehabt hĂ€tte, was hĂ€tte das geĂ€ndert? Ich begriff, dass meine Situation nicht ausschliesslich an die Aufenthaltsbewilligung geknĂŒpft war, sondern auch an meine WĂŒnsche, die ich verwirklichen wollte.

Ich entschied mich, in ein Aufnahmezentrum zu gehen. Was ich dort erlebte, konnte ich mir weder in Europa, noch sonst irgendwo vorstellen. Ich konnte mir nicht vorstellen, gezwungen zu sein, in einer vergleichbaren Situation zu leben, wie ich sie dort Tag fĂŒr Tag durchmachte. Um eine Unterbringung zu bitten, fĂŒhlte sich fĂŒr mich unglaublich erniedrigend an, denn ich bin gesund, es fehlt mir nichts und mein Vater hatte Geld ausgegeben, um mein Studium zu bezahlen. Und trotzdem befand ich mich nun in dieser absolut inakzeptablen Situation. Dieses Aufnahmezentrum war eine Struktur der Kirche in einem Randviertel der Stadt. Ich schlief dort in einem Raum mit Leuten anderer Gemeinschaften, Albanern, Tunesiern, Marokkanern. Meine Aufenthaltsbewilligung war immer noch nicht angekommen und in dieser Einrichtung war die Zeit der Unterbringung begrenzt. Ich konnte da also nicht auf unbestimmte Zeit bleiben, irgendwann musste ich meinen Platz jemand anderem ĂŒberlassen.

Und in der Zwischenzeit, wĂ€hrend du auf deinen Aufenthaltstitel gewartet hast, was hattest du da fĂŒr ein Dokument auf dir?

WĂ€hrend ich auf die Beantwortung meines Antrages wartete, hatte ich eine EmpfangsbestĂ€tigung dieses Antrages. Ich wohnte in diesem Aufnahmezentrum der Kirche, wĂ€hrend ich mit der Verteilung der Werbeprospekte fortfuhr. Schlussendlich schaffte ich es nicht mehr, fĂŒr meine GrundbedĂŒrfnisse aufzukommen. Mit 30‘000 Lire am Tag und manchmal nur einem Tag Arbeit pro Woche, manchmal drei, war es unmöglich zu ĂŒberleben. Ich entschied mich also, wieder in die Landwirtschaft zu gehen. Ich rief jemanden im Dorf an, bei dem ich zuvor schon mal gearbeitet hatte. Es gab Arbeit und ich ging zurĂŒck dorthin, wĂ€hrend ich weiterhin im Aufnahmezentrum wohnte. Das bedeutete lange Arbeitswege (das Dorf befindet sich ungefĂ€hr 70km von der Stadt entfernt), den ganzen Tag zu arbeiten und kurz vor elf Uhr abends heim zu kommen. Ich hatte das GefĂŒhl, ein Ticket zu kaufen und den Zug zu nehmen sei eine Sache, die ich jetzt machen musste, die ich vorher nicht machen konnte… Vorher hatte ich dieses „Recht“ nicht, sozusagen, da mich dabei die Angst quĂ€lte.

Ein Jahr nach Abgabe des Dossiers kam endlich die Aufenthaltsbewilligung und das erste was ich machte, war in einem ReisebĂŒro ein Ticket nach Algerien zu kaufen. NatĂŒrlich hatte ich kein Geld, um es zu kaufen. Ein Freund bezahlte es.

Das war wichtig, denn ich hatte noch ein anderes grosses Problem. Es war ein Problem auf moralischer und emotionaler Ebene, denn meine Verlobte war in Algerien geblieben. Das mag vielleicht unwichtig erscheinen, aber ihr ging es dort auch nicht gut. Das Problem war, dass ihre Eltern, ihr Vater und ihre Mutter, wussten, dass wir verlobt waren… Eine nicht sehr gewöhnliche Sache in Algerien, man kann seine Freundin nicht nach Hause einladen so wie hier. Es war wie ein Versprechen
 Was auch immer die GrĂŒnde und UmstĂ€nde waren, ich konnte sie nicht fallen lassen, denn mein Vater hatte sein Wort gegeben und es lastete der ganze soziale Druck auf ihm. Wir waren wĂ€hrend zehn Jahren zusammen gewesen. Hier war ich schon dreieinhalb Jahre, ohne sie zu sehen und das war ein zusĂ€tzliches Leiden fĂŒr mich und auch fĂŒr sie… Und deshalb war das erste, was ich machte, ein Ticket zu kaufen. Eine Woche spĂ€ter flog ich nach Algerien. Ich habe sie getroffen, ich traf meine Freunde und andere Leute, ich blieb fĂŒr eineinhalb Monate. Auf dem RĂŒckweg nach Italien, im Flugzeug, fragte ich mich, wo ich jetzt hingehen wĂŒrde, da ich meinen Platz im Aufnahmezentrum aufgeben musste. Wohin werde ich gehen, wenn ich zurĂŒck bin? Ein weiteres Mal bot mir mein Freund an, zu ihm zurĂŒckzukehren. Er ging nach Indien und ich konnte mit seiner Frau und seinen Kindern leben. Das machte ich dann auch. Ich blieb bis zu dem Moment, als ich mir sagte: Es reicht, ich habe meine Aufenthaltsbewilligung. Ich bin nach Algerien gegangen, ich habe meine Familie und meine Freundin wieder gesehen, was habe ich in diesem Haus noch zu suchen? Er antwortete mir: Bleib locker, die Dinge sind schwierig, nimm dir deine Zeit, beeile dich nicht… Aber ich konnte mir nicht vorstellen, so weiter zu machen.

Also habe ich mich in einem Aufnahmezentrum der Gemeinde eingeschrieben und erhielt ein Bett in einem Zimmer fĂŒr sechs Personen. Eine schreckliche Erfahrung, die meine EnttĂ€uschung auf meiner Suche nach Freiheit noch verstĂ€rkte. Es waren einfache Sachen, die ich mir nie ausgemalt hĂ€tte, wie zum Beispiel heimlich Wein trinken zu mĂŒssen, die mir MĂŒhe machten. Auch in Algerien gab es ein Risiko, Wein zu trinken, da es schlecht angesehen war. Aber in Italien, in Europa, in einem demokratischen Land, wieso sollte ich hier das Recht dazu nicht haben? Also, Wein trinken verboten, und um sieben Uhr morgens musste man den Ort verlassen. Alle, die an solche Orte gehen, haben entweder kein Geld oder sie können nichts mieten… Sie gehen dorthin, weil sie dazu gezwungen sind, das ist klar. Um sieben Uhr morgens also, selbst im Winter, wenn es draussen minus zehn Grad kalt war, kam eine Frau, die dort arbeitete, wie eine Polizistin, und alle mussten raus… Du musst um sieben Uhr morgens rausgehen und kannst nicht vor sieben Uhr abends zurĂŒckkommen. Um 21:30 Uhr werden alle Lichter gelöscht und du musst schlafen. Es war eine unglaubliche EnttĂ€uschung fĂŒr mich, auf diese Art behandelt zu werden. Man durfte keinen Wein trinken, weil „die Marokkaner sonst Krawall machten“, weil Disziplin herrschen musste… Eine Katastrophe. Mit dreissig Jahren willst du mich erziehen, du
 Ich muss diszipliniert werden, weil ich so sein muss, wie du mich haben willst. Wut, Frustration…

Dann wieder die Arbeit, diesmal mit einer Aufenthaltsbewilligung. Ich bin oft zurĂŒck in die Landwirtschaft gegangen. In Wirklichkeit hat die Aufenthaltsbewilligung nicht viel verĂ€ndert, was den wirtschaftlichen Aspekt des Lebens angeht, auf der Ebene der Absicherung meiner tĂ€glichen BedĂŒrfnisse. Ich habe auch Gelegenheitsjobs gemacht, zum Beispiel in einer Fabrik. Ich hatte sogar ArbeitsunfĂ€lle. Wie gesagt, ich konnte mir nie vorstellen, das alles durchzumachen.

WĂ€hrend all dessen behielt ich in meinem Kopf die Hoffnung, eines Tages eine Arbeit finden zu können, die meinem Diplom entspricht, in der Stadt, in der ich lebte, in Italien. Ich hatte sehr viel Vertrauen in meine Kompetenzen, diese Arbeit in Italien oder anderswo zu machen. Das lag auch daran, dass ich Freunde in Algerien hatte, die mit mir studiert und in der Telekommunikationsbranche gearbeitet hatten und jetzt hier eine Arbeit gefunden hatten. In diesem Sektor, der sich in voller Expansion befand. Die Hoffnung, eine solche Anstellung zu finden, liess mich immer standhalten. WĂ€hrend ich die beschwerlichen Arbeiten in der Fabrik verrichtete, dachte ich stets daran, dass ich einmal etwas anderes finden werde… Und so machte ich wĂ€hrend eines ganzen Jahres diese kleinen Jobs. Zum Beispiel war ich fĂŒnfzehn Tage lang Arbeiter und dann hing ich einen Monat im Aufnahmezentrum herum. Leider ging die Zeit meines Aufenthalts im Aufnahmezentrum zu Ende. Es waren nun keine Lösungen mehr ĂŒbrig. Zu meinem indischen Freund zurĂŒckzukehren stand ausser Frage. Also entschied ich mich, mit einem Freund, den ich auf den Feldern kennengelernt hatte, eine Wohnung zu mieten. Besser gesagt, waren wir gezwungen, eine zu finden.

Wir verbrachten Tage und NĂ€chte mit der Suche… Wir antworteten auf Anzeigen… Nichts. Wir liessen einen Italiener anrufen, aber als wir fĂŒr die Besichtigung aufkreuzten… Nichts. Es gab immer eine Ausrede: Meine Tochter hat die Wohnung an ihren Freund vermietet… Mein Mann hat sie schon jemand anderem vermietet… Was weiss ich, Geschichten halt, um sie nicht an uns zu vermieten. In der Woche bevor wir das Zentrum verlassen mussten, fand eine marokkanische Freundin eine Wohnung und sie wusste, dass ich auch eine suchte. Der Besitzer wollte eine Kaution von drei Millionen Lire (1500€), weil er gerade renoviert hatte und uns die Waschmaschine etc. ĂŒberliess. Meine Freundin antwortete ihm: Einverstanden, ich spreche mit meinem Mann darĂŒber und halte sie auf dem Laufenden. Sie war zwar nicht meine Frau, aber das war der einzige Weg, sich in den Augen der EigentĂŒmer gut zu prĂ€sentieren. FĂŒr sie waren wir also Mann und Frau… Wir haben uns mit dem GebĂ€udeverwalter getroffen, meine Freundin trug einen Schleier. Wir liessen ihn im Glauben, dass sie nicht sehr gut Italienisch verstand, um zu verhindern, dass wir uns widersprachen, falls sie uns Fragen stellen wĂŒrden. Es schien einfach zu sein, fast ein Spiel. Aber die Perspektive, auf der Strasse zu landen, machte die Sache Ă€usserst ernsthaft. Mein Freund und ich akzeptierten sogar, die drei Millionen zu bezahlen, obwohl wir völlig Pleite waren. Schlussendlich schickte uns ein Bekannter, der im Ausland arbeitete, Geld und wir konnten 1,7 Millionen Lire und die Miete bezahlen und zogen in diese Mansarde ein. Eine Woche zuvor hatte mein Mitbewohner einen Job gefunden, der seinem Diplom entsprach, was seine Probleme so ziemlich löste. FĂŒnfzehn Tage spĂ€ter fand auch ich Arbeit bei einem Fertigungsbetrieb eines grossen Telekommunikationsunternehmens. Die Situation begann sich also zu verbessern. Wir hĂ€tten auch einen weiteren Kredit beantragen können, denn als Arbeitende waren wir in der Lage, ihn zurĂŒck zu bezahlen.

Das andere Problem war das Heiratsversprechen, das ich dem Vater meiner Verlobten gegeben hatte. FĂŒr mich ist ein gegebenes Wort… bei uns sagt man, wie eine Pistolenkugel, sie schiesst aus dem Lauf heraus und kehrt nie wieder dorthin zurĂŒck. Ich konnte keinen RĂŒckzug machen, das war eine Frage der WĂŒrde. Es ging um meine Ehre und jene meiner Familie. Aber auch um die Ehre von ihr und ihrer Familie. Also ging ich, um zu heiraten.

WĂ€hrend ich in Algerien war, schickte uns der Freund, der schon den EigentĂŒmer fĂŒr uns bezahlt hatte, das Geld des zweiten Darlehens, um das wir ihn gebeten hatten. Vier Millionen Lire (2‘000€)… eine enorme Summe in Algerien, wenn man bedenkt, dass man kaum 200‘000 Lire (100€) im Monat verdient.

Ich schaffte es endlich, zu heiraten, und kehrte wieder nach Italien zurĂŒck. Dann begann der Kampf um den Nachzug meiner Ehefrau nach Italien. Neue Frustrationen kamen auf mich zu. Schlussendlich genĂŒgten weder die Arbeit, die mir mein Diplom ermöglichte, noch die Aufenthaltsbewilligung, um mich frei zu fĂŒhlen oder mir das GefĂŒhl zu geben, das was ich suchte, gefunden zu haben. Nur die Probleme verĂ€nderten sich.

Was sind die Unterschiede und die konkreten Perspektiven, wenn man vom Status eines illegalen Einwanderers zu einem legalen Status kommt?

Als die Aufenthaltsbewilligung kam, verdrĂ€ngten neue Probleme die Illusion, die ich wĂ€hrend dem Warten auf die regulĂ€ren Papiere hatte. Sie erregten Wut und Frustrationen, Ă€hnlich jenen, die ich zuvor hatte. Vorher hatte ich zumindest die Hoffnung, dass sich die Situation verĂ€ndern wĂŒrde, sobald ich die Papiere erhalte.

Letztlich ist es schlimmer, weil neue Probleme aufkommen
 Ein einfaches Beispiel betreffend meiner Tochter: In Italien schenkt die Gemeinde bei einer Geburt dem Neugeborenen einen Scheck. Meine Frau verlangte diesen Scheck, aber weil wir AuslÀnder sind, hatte meine Tochter kein Anrecht darauf.

Es ist kein grösseres Problem im Vergleich zu jenen, denen ich zuvor begegnet war, aber ein Problem anderer Natur: Da ist dieses MĂ€dchen, das bereits vor seiner Geburt diskriminiert, als minderwertig betrachtet wird. Es widerte mich an, nicht mehr der Einzige zu sein, den es traf und dass das alles auch andere Personen aus meinem Umfeld betraf. Es gab keine Möglichkeit, da raus zu kommen, denn es hing nicht von mir ab. Es war wie in der IllegalitĂ€t. Deswegen sage ich, dass es sich um den selben Frust handelt… In der IllegalitĂ€t war ich nicht Herr ĂŒber mein Leben, ich musste abwarten, was andere darĂŒber entschieden. Obwohl ich ĂŒber die physischen und intellektuellen KapazitĂ€ten verfĂŒgt hĂ€tte, um meine Situation zu verbessern, hing nichts von mir ab. Und diese Problematik erlebte ich auch mit meiner Tochter, bloss auf eine andere Weise.

Der Glaube, die eigene wirtschaftliche Situation verbessern zu können, war eine Illusion. Es ist zwar so, dass mein Lohn in Algerien es mir nicht erlaubt hatte, gewisse Dinge, wie zum Beispiel ein Hemd, zu kaufen, was mich wĂŒtend gemacht hatte… Aber hier stand ich um sieben Uhr morgens auf und kam um sieben Uhr abends nach Hause, fĂŒr nichts. Man zahlte mir einen Lohn, der mir nichts ermöglichte. Meine Wut verstĂ€rkte sich auch durch gewisse Ereignisse wie dem folgenden: Im siebten Monat der Schwangerschaft meiner Frau fragten wir bei unserem Verwalter schriftlich an, ob wir, gegen Bezahlung, einen Fahrstuhl in einem angrenzenden Teil des Wohnhauses benutzen könnten. Dies wurde abgelehnt. Als ich die Verwaltung darauf hinwies, dass es auf ihrem Gewissen lasten wĂŒrde, wenn etwas geschĂ€he, antworteten sie mir: Wir haben keine Probleme mit unserem Gewissen, wir sind Katholiken. Es verzehnfachte meinen Zorn, dass meine Frau gezwungen war, diese fĂŒnf Etagen zu Fuss zu gehen, wĂ€hrend sie einen Fahrstuhl hĂ€tte benutzen können. Ich war bestĂŒrzt ĂŒber die Unmöglichkeit, eine Wohnung mit Fahrstuhl zu mieten. Die Probleme hatten sich verĂ€ndert, gewiss, aber keines liess mich nachts schlafen.

FrĂŒher gab es die Angst, als Illegaler ertappt und abgeschoben zu werden, aber mit den Papieren ist es noch schlimmer: Die Angst hat sich verdoppelt. In der IllegalitĂ€t gab es eine Art Selbstrepression auf allen Ebenen, die es verhinderte, ein öffentliches Leben zu fĂŒhren, mich zu wehren, wenn ich angegriffen wurde, die es verhinderte meine psychologische und materielle Situation zu verbessern. Diese Dinge waren mir nicht möglich, weil ich keine Papiere hatte. In Wirklichkeit bin ich mit den Papieren einer stĂ€rkeren Kontrolle ausgesetzt. Ich bin stĂ€rker ausgeleuchtet in meinem öffentlichen und auch in meinem privaten Leben… Ich habe das GefĂŒhl vor Angst zu ersticken. NatĂŒrlich, niemand hĂ€lt mir eine Knarre an die SchlĂ€fe, aber es gibt diese Einsperrung, diesen Stacheldrahtzaun, diese unsichtbare Umzingelung, die einem Angst macht. Die Angst, wieder auf dem Startfeld zu landen, oder noch schlimmer, nach all den erduldeten Opfern nach Algerien zurĂŒckkehren zu mĂŒssen. Denn in Wirklichkeit bringt die Aufenthaltsbewilligung nichts, sie dient nur der Regierung, um dich besser kontrollieren zu können. Es ist in der Tat genau dieselbe Angst, die ich in der IllegalitĂ€t erlebte. Schlimmer, denn Algerien akzeptiert keine Sans-Papiers. Ich begreife jetzt, dass ich ohne Papiere sicherer war. Sie konnten mich nicht nach Algerien schaffen, wĂ€hrend sie es jetzt sehr wohl können, denn sie haben meinen Pass. Sie haben alles. In Wirklichkeit bin ich nun stĂ€rker exponiert. Und ich muss niemanden töten, um dies zu riskieren. Es reicht dass ich entlassen werde, meine Stelle verliere und sie können mich abschieben. Die Situation ist nicht wie zuvor, sie ist schlimmer. Auf der wirtschaftlichen Ebene bleibt der Frust, auch wenn ich lĂŒgen wĂŒrde, wenn ich sagen wĂŒrde, dass sich der Alltag nicht verĂ€ndert hĂ€tte. In Algerien wĂ€re es fĂŒr mich sehr schwierig, eine Wohnung, selbst eine solche, wie diese hier, zu finden und ruhig mit meiner Familie zu leben. Nicht weil es keine Wohnungen gĂ€be, sondern weil sie sehr teuer sind. Hier kann ich zwar eine finden, aber dass es meiner Frau verboten wird, einen Fahrstuhl zu benĂŒtzen, ruft denselben Frust hervor. Wenn ich das jetzt jemandem erzĂ€hlen wĂŒrde, der noch in Algerien ist, wĂŒrde er mir antworten: Du bist verrĂŒckt! Aber wenn du ein Problem selbst erlebst, nimmt es eine andere Form an, eine andere Dimension. Es gibt keinen Unterschied zur IllegalitĂ€t, es bleibt eine Frage des Überlebens… Es ist nicht alles in Ordnung, bloss weil du Papiere hast.

Es gibt auch die Angst, sich in einem gemeinschaftlichen Projekt mit anderen Leuten zu organisieren. Dies wurde mir bewusst, als ich andere Leute kennen lernte, die politisch aktiv waren. Denn wenn du auf eine Demo gehst, was eine normale Sache fĂŒr mich ist und es zu Auseinandersetzungen kommt, ja selbst wenn es nicht dazu kommt, vervielfacht sich das Risiko, wenn du ein Immigrant bist. Das hat dann zur Konsequenz, dass du nicht auf Demos gehst, selbst wenn du Lust dazu hast.

Selbst wenn es zu deiner Überzeugung gehört, gewisse Aktionen zu machen, Demos oder anderes. Und nicht teilzunehmen war fĂŒr mich eine enorme Energieverschwendung: Du hast Lust etwas zu tun, du weisst, du kannst es, aber du tust es nicht, weil du ein Immigrant bist. Nicht weil du jemanden getötet oder eine Bank ĂŒberfallen hast, einzig und allein, weil du ein Immigrant bist. Dies sind die grössten EnttĂ€uschungen fĂŒr jemanden, der auf der Suche nach Freiheit und der Verbesserung der eigenen wirtschaftlichen und familiĂ€ren Situation ist.

WĂ€hrend die IllegalitĂ€t also bloss ein Teil deines Lebens, deiner Migrationsgeschichte war, ein Teil dessen, was du hinter dir gelassen hast, um deine WĂŒnsche zu realisieren, scheint diese Freiheit ein Weg ohne Möglichkeit umzukehren zu sein. Eine Situation, die dich, inmitten all dieser PrĂŒfungen, bestimmt dazu treibt, voranzuschreiten, um etwas zu finden, was diesen Frust des gegenwĂ€rtigen Moments auslöschen kann. Auch wenn du weisst, dass bereits am nĂ€chsten Tag ein neuer Frust eintreten kann, mit einem neuen Problem. Es scheint mir, dass die Migration, vielmehr als die IllegalitĂ€t, die Entscheidung war, die dein Leben und die Perspektiven, die sich angesichts deiner Lage darin auftun, Tag fĂŒr Tag bestimmt.

Diese Entscheidung bestimmt wahnsinnig viel. In Wirklichkeit entscheidet man nicht selbst, zu migrieren, man wird dazu gezwungen. Wenn jemand gezwungen ist zu migrieren, ist es immer mit der Hoffnung auf eine Verbesserung verbunden. In Wirklichkeit stellen sich bloss neue Probleme ein, neue Frustrationen in derselben Grössenordnung. Ob du frustriert bist, weil du es nicht schaffst ein GefĂŒhlsleben zu haben oder weil du kein Wasser zum Trinken hast, du kannst den Grad der Frustration nicht einschĂ€tzen oder bestimmen was dich stĂ€rker frustriert. Beides kann denselben Wert haben.

Die IllegalitĂ€t wird in der Hoffnung gelebt, aus ihr hinaus zu kommen. Man begegnet ihr ohne verrĂŒckt zu werden, weil es die Hoffnung auf eine VerĂ€nderung gibt. Wenn man aus der IllegalitĂ€t heraus kommt, wird man sich bewusst, dass die Probleme nicht verschwunden sind. Vielleicht ist also die einzig wahre Hoffnung aus der IllegalitĂ€t heraus zu kommen, nicht dieses IdentitĂ€tspapier, dieser Papierfetzen, von dem man sich als Illegalisierter erhofft, dass es alle Verbesserungen, von denen man so viel trĂ€umte, mit sich bringen wĂŒrde, sondern eher, der Mut, man selbst zu sein, in dem man seine Bestrebungen ohne jene Frustrationen verwirklicht, die uns die ganze Zeit ĂŒber begleitet hatten.

Von einem Zwischenfall zu einer Lebensentscheidung

FĂŒr mich begann die Flucht im Jahr 1980. Es war eher eine Notwendigkeit als eine persönliche Entscheidung. Es waren harte Zeiten und die Spitzel schossen wie Pilze aus dem Boden. Wegen ein paar dieser Arschlöcher musste ich (nicht mĂŒhelos) mein Elternhaus in einem Vorort des Dorfes, wo ich geboren wurde, verlassen. Es war bei weitem nicht der beste Moment – ich wusste nicht wohin – und eine grosse Angst und grosses Misstrauen machte sich unter den GefĂ€hrten und Freunden breit. Viele wurden bereits von den Carabinieri und der Polizei besucht, mehrere hatten bereits in Folge von Denunziationen das GefĂ€ngnis kennengelernt und jene, die noch clean waren, hatten ganz einfach Angst um ihre Sicherheit… und sie hatten recht. Bereits wenn man jemanden, der auf der Flucht war, bei sich zu Hause aufnahm, konnte man wegen „bewaffneter Organisation“ angeklagt werden, mit Aussicht auf viele Jahre im Kerker des Vaterlandes. Ich erinnere mich, bei vielen Kameraden angeklopft zu haben… an ihre verdutzten Gesichter, ihr verzweifeltes „wir können dir nicht helfen“. Wenn du keine Bleibe hast, ist das Schlimmste an allem die Nacht. Bestimmt kannst du nicht, wie ein ehrlicher BĂŒrger, ins Hotel gehen. Am Anfang verbrachte ich meine Tage (und NĂ€chte) im Zug. Ich nahm einen, der von Mailand nach Reggio Calabria fuhr: Abfahrt Milano Centrale, Ankunft 22 Stunden spĂ€ter in Reggio Calabria. Ich stieg aus dem Zug und nahm einen zurĂŒck nach Mailand, und so ging es tagelang weiter… Es war hart, aber wenigstens hatte ich ein Bett und ein Dach ĂŒber dem Kopf, das immer in Bewegung war. Es war nicht die perfekte Lösung, nur eine Alternative (trotzdem gefĂ€hrlich aufgrund der unaufhörlichen Ausweiskontrollen am Bahnhof) in Erwartung auf Besseres. Ich hĂ€tte auf diese Situation gefasst sein mĂŒssen, aber letztendlich hatte ich meine KlandestinitĂ€t ĂŒberhaupt nicht vorbereitet.

Ich kam gerade aus dem GefĂ€ngnis San Vittore (Mailand), wo ich nur 6 Monate eingesperrt war, bevor ich aufgrund der Ablauffrist der Untersuchungshaft frei kam. Ich habe einen kleinen Job als Vertreter von mechanischen Werkzeugen gefunden. Mein kleines Einkommen gab ich meinen Eltern, so dass mir nicht genug Geld ĂŒbrig blieb, um eine tolle und ruhige Flucht im Alleingang organisieren zu können, was in diesem Moment, ehrlich gesagt die beste Idee gewesen wĂ€re. Jemanden finden, der dir eine kleine Wohnung vermietet und genug Geld haben, um dort zu leben. Die grösste Schwierigkeit bestand nicht darin, die richtige Person zu finden, die dir eine Wohnung vermieten kann. Das Problem waren die finanziellen Mittel, um in einem Kontext, in dem du gesucht wirst, deine BedĂŒrfnisse befriedigen zu können. Und das kostet sehr viel Geld… das kann ich versichern! Die Lohnarbeit erlaubt nicht genĂŒgend Geld zu sparen, um, in Voraussicht auf einen harten Schlag, auf eine ruhige KlandestintĂ€t vorbereitet zu sein. Die Lösung wĂ€re ein BankĂŒberfall gewesen, aber seit ich mein Elternhaus verlassen hatte, war ich alleine, ohne Waffen, ohne Papiere, ohne Wohnsitz und mit sehr wenig Geld in den Taschen. Unter diesen UmstĂ€nden ist die Freiheit nur von kurzer Dauer. Schlimmstenfalls hĂ€tte ich mit irgendeiner bewaffneten Organisation rechnen können, die ich kannte… und das war eine Chance, wenn man das so nennen kann. Ich kannte GefĂ€hrten, die mir geholfen hĂ€tten, aber wie immer gab es Bedingungen, die ich nicht akzeptieren wollte. Dies hĂ€tte bedeutet, als Militanter ihrem Dienst ihrer Organisation beizutreten. Also ging ich ohne sie weiter – nach einer kurzen Denkpause – um verzweifelt einen Ausweg zu finden, der nicht derjenige war, zu dem sie mich zwingen wollten. Ich wollte keiner anderen Organisation beitreten und jene, der ich angehörte und die ich mit anderen GefĂ€hrten gegrĂŒndet hatte (die PAC, Bewaffnete Proletarier fĂŒr den Kommunismus) existierte nach den Verhaftungen und der Identifizierung des grössten Teils ihrer Mitglieder nicht mehr. Ich spĂŒrte, dass ein neues Abenteuer dieser Art nicht lange gedauert hĂ€tte. Meine instabile Situation dauerte etwa 6 Monate. Oft kam ich bei GefĂ€hrten unter, aber nie lĂ€nger als zwei, drei Tage…. Wie ein enger Freund von mir sagte: “Nach drei Tagen beginnt der Gast zu stinken.“ So schleppte ich mich immer verzweifelter dahin, auf der Suche nach einem Loch, in dem ich leben konnte. Finanziell wurde ich von meinen alten GefĂ€hrten unterstĂŒtzt. Und endlich… im Moment, in dem ich es am wenigsten erwartet hĂ€tte, traf mich das GlĂŒck und ich fand einen Ort, wo ich von niemandem abhĂ€ngig war. Und das ist das Essentielle: von niemandem ausser vom eigenen Willen abhĂ€ngig zu sein. Die KlandestinitĂ€t muss vor der KriegserklĂ€rung gegen das System vorbereitet sein… und da glaube ich nicht zu ĂŒbertreiben.

NatĂŒrlich sind es etwas besondere Gegebenheiten, die ich bisher beschrieb. Die KlandestinitĂ€t als einen Zwischenfall, so wie ich sie erlebte, wie ich ihr gegenĂŒber treten musste: plötzlich und traumatisch.
Die Frage ist viel komplexer, wenn wir sie unter allen Aspekten analysieren wollen: erzwungene KlandestinitÀt, Flucht, Ablehnung der Teilnahme an einer, durch eine Ideologie definierten Organisation, welche dir nicht entspricht, Suche nach UnabhÀngigkeit als Perspektive der KontinuitÀt im Kampf, finanzielle UnabhÀngigkeit, Suche nach materiellen Mitteln und Mithilfe, um sie zu erreichen.

Am Anfang meiner Erfahrung lebte ich die KlandestinitÀt in voller Angst, da ich sie, aufgrund meiner instabilen Situation, als ineffizient empfand. Mit der Zeit fand ich den richtigen Ausgleich, das heisst, Sicherheit und operationelle KapazitÀt von einem kleinen Kern von GefÀhrten aus, die sich grosse Operationen und wilde Angriffe gegen das politische und wirtschaftliche System leisten konnten. Dabei erreichten wir beinahe das Perfektionsniveau grosser Organisationen. In einer Gesellschaft wie jener der 80er (und der heutigen) erreicht man die maximale Effizienz mittels kleiner Gruppen von 3 bis 4 GefÀhrten, die auf militÀrischem Niveau trainiert und gut informiert sind. Ohne diese KapazitÀt, wÀre jedes Projekt des Angriffs undenkbar.

Im Moment, in dem man sich, aus eigener Entscheidung oder Notwendigkeit, fĂŒr die KlandestinitĂ€t entscheidet, ist es wie eine KriegserklĂ€rung an den Staat. Die einfache Tatsache, dass man in den Strassen geht und schlechte Papiere auf sich trĂ€gt, kann im Fall einer Kontrolle zu einem schnellen Entscheid fĂŒhren: flĂŒchten, sich ergeben oder reagieren. In den ersten beiden FĂ€llen kennt man aus Erfahrung bereits die Konsequenzen. Im dritten Fall können dich nur deine QualitĂ€ten und deine Erfahrung retten.

Es stimmt nicht ganz, dass ein polizeilich gesuchtes Individuum alleine ist. In Wirklichkeit fĂŒhlt es sich alleine. Es ist ein kurzlebiges GefĂŒhl, das verschwindet, sobald du Papiere in der Tasche hast, die dir Selbstsicherheit geben. Die Welt gehört uns… der Vorteil dieser modernen Zeiten ist, dass sie uns erlauben, ĂŒber alles gut informiert zu sein, da man in wenigen Stunden von einem Ende des Planeten zum anderen und zurĂŒck ist, wenn man einen guten Ausweis in der Tasche hat.

Effektive Beziehungen zu haben wird zu einem Problem. Eine Sache ist sicher: wenn du vorher eine Freundin/einen Freund hattest, gibt es nur eine mögliche Entscheidung. Entweder kommt sie/er mit dir mit, oder man muss sich definitiv trennen.

Es ist unmöglich sich von Zeit zu Zeit versteckt zu treffen: fast alle Erfolge der verschiedenen Carabinieri- und Polizeidienste (ausgenommen sind FÀlle von Denunziation und operationellen Fehlern, die uns zum Fallen bringen) sind Folge der systematischen Beschattung nahestehender Personen (Eltern und Familie inbegriffen). Auf diesem Terrain mit ihnen Katz und Maus zu spielen, ist eine sichere Art bald im Knast zu landen.




Quelle: Anarchistischebibliothek.org