MĂ€rz 4, 2021
Von Anarchistische Bibliothek
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Innerhalb von nur einer Woche kann sich heutzutage sehr viel Ă€ndern. Die Welt scheint sich so schnell zu drehen, mensch könnte jede Minute seinen Browser refreshen und sehen, dass schon wieder eine neue Maßnahme der sozialen Kontrolle in Kraft getreten ist.

ZunĂ€chst waren die LĂ€den noch voll von panischen EinkĂ€ufer*innen, und wir konnten dieselbigen mit den Armen voller gestohlener Waren verlassen, spĂ€ter dann haben wir uns verstohlen durch unsere eigenen Nachbarschaft bewegt, haben heimlich Dinge in nun leeren LĂ€den mitgehen lassen, haben uns klandestin in Hinterhöfen getroffen, einfach nur um der sozialen Interaktion willen, und mussten dann dazu ĂŒbergehen, Zettel mit uns zu fĂŒhren, die uns das “Recht” auf das Atmen von frischer Luft einrĂ€umen sollen. Und all das innerhalb von nur einer Woche.

Niemals zuvor schien die Polizei so prÀsent zu sein und noch nie war sie so freudig erregt wie jetzt, da sie den Status der sozialen Helden zugesprochen bekommen hat. Und wir, wir, ducken uns tiefer als jemals zuvor, wenn wir in der Nacht unser Unwesen treiben und das GerÀusch eines vorbeifahrenden Autos hören.

Die GefĂŒhle von Angst als auch von Regeltreue sind schon fast mit HĂ€nden zu greifen, selbst sogenannnte Anarchist*innen ermutigen uns dazu, zu Hause zu bleiben und den drakonischen Gesetzen zu gehorchen, die unsere Leben einschrĂ€nken. Sie sagen, es gehe um Sicherheit, wir sagen, es geht um Kontrolle.

An einigen Orten sind nĂ€chtliche Ausgangssperren das neue “normal” geworden; so hat zum Beispiel der französische PrĂ€sident allen Stadtverwaltungen erlaubt, wo immer und wann immer sie wollen zwischen 20 Uhr und 6 Uhr eine Ausgangssperre zu verhĂ€ngen. Aber Ausgangssperren werden die Verbreitung des Virus nicht stoppen. Sie werden lediglich dazu fĂŒhren, dass Leute, die lieber in der Nacht Sport treiben, oder Angehörige von Risikogruppen, die es vorziehen ihre Hunde dann auszufĂŒhren, wenn die Straßen leerer sind, um die Risiken einer Ansteckung fĂŒr sich gering zu halten, gezwungen werden, all das tagsĂŒber zu tun. Gerade Ausgangssperren sind ein deutliches Zeichen dafĂŒr, welcher eigentliche Zweck hinter diesen staatlichen Maßnahmen steckt: Es geht nicht darum, ein Virus in Schach zu halten, sondern darum, eine Bevölkerung in Schach zu halten.

Gerade jetzt, wo die Unruhe steigt, wo in zahllosen GefĂ€ngnissen ĂŒberall auf der Welt Unruhen, Riots und Hungerstreiks ausbrechen, wo die wirtschaftliche Dreifachbedrohung bestehend aus ‘keiner Arbeit – Miete zahlen mĂŒssen – MĂ€uler stopfen mĂŒssen’ zunimmt, wo die dauernde BelĂ€stigung durch die Polizei immer grĂ¶ĂŸer wird, da steigt die Wut in möglichen Teilnehmer*innen an AufstĂ€nden beim Anblick der Balkone, auf denen die Leute jetzt immer so passiv sitzen und applaudieren. Der Staat ist sich diesem Risiko nur allzu bewusst, sie wissen um die Möglichkeiten, dass ein Massenmietstreik ausbricht und dass sich die Leute einfach nehmen werden, was sie zum Leben brauchen, und der Staat weiß auch um das Risiko, dass, wie es ja schon passiert ist, nun zunehmend Cops angegriffen werden, wenn sie andere Menschen tyrannisieren.

Wenn es dem Staat nicht gelingt, diese Wut unter Kontrolle zu bekommen, oder es ihm nicht gelingt, sie einzig und allein auf das Virus zu richten, dann wird er ĂŒberrannt werden; der Winter ist bald vorbei, und mit jedem Tag, den die Menschen drinnen verbringen, sehen die sonnigen Straßen einladender aus. “Bleibt zuhause” sagen sie, aber wie lange können sie das noch wiederholen? In Spanien, Italien, Marokko und Tunesien (und wahrscheinlich noch vielen anderen, unbenannten Orten), reicht es nicht mehr, dass immer nur zu sagen, sondern es muss auch mit Gewalt durchgesetzt werden. Jeden Tag ist dort die Armee auf den Straßen, die die Straßen verbarrikadiert, Bewegungsfreiheiten einschrĂ€nkt und Leute tyrannisiert (in Spanien zum ersten Mal seit dem Fall des Francoregimes). Überall auf der Welt tun Polizeieinheiten oder die Armee so etwas momentan.

Als Nihilist*innen fanden wir den jetzt berĂŒhmt gewordenen Ausspruch vom “social distancing” ja schon immer gut. Wir haben uns schon immer von dieser verabscheuungswĂŒrdigen Gesellschaft und allem, was sie uns bieten möchte, ferngehalten. Wir haben “Arbeit” ersetzt durch “KriminalitĂ€t” (wofĂŒr es nur ein paar wenige Menschen und offene RĂ€ume braucht, wobei “Arbeit” Hunderte von Menschen in engen, geschlossene RĂ€umen benötigt), wir beschrĂ€nken unseren Kontakt zu der ansteckendesten Krankheit von allen, der AutoritĂ€t, und wir begnĂŒgen uns mit engen Beziehungen zu Freund*innen und Mitverschwörer*innen wĂ€hrend wir uns von Chef*innen, Kolleg*innen, Verwaltungsbeamt*innen, Fahrkartenkontrolleur*innen, Cops und so weiter fernhalten.

Aber das ist nicht die Art von social distancing, die sie von uns wollen. Sie wollen nicht die Art von social distancing, die das mörderische Unterfangen beenden wĂŒrde, einen ĂŒberfĂŒllten Bus zum ĂŒberfĂŒllten Arbeitsplatz zu nehmen oder die uns daran hindern wĂŒrde, eine Polizeiwache zu betreten. Sie wollen die Art von social distancing, die uns auseinander bringt.

Jede*r von uns ist neuerdings zu einer tickenden Zeitbombe mutiert, ist eine abstoßende, kranke, infektiöse und monströse Kreatur, die sich und andere hassen sollte und sich von anderen Menschen so weit wie möglich fern zu halten hat. FĂŒr diejenigen von uns, die von der Gesellschaft schon vorher als abstoßend befunden wurden (Queere, Transmenschen, Sexarbeiter*innen, Junkies, HIV positive Menschen) mag das kein sonderlich neues GefĂŒhl sein, aber jetzt betrifft das Krankheitsstigma uns alle.

Es hat dazu gefĂŒhrt, dass wir Angst vor menschlichem Kontakt haben, Angst vorm Umarmen, vorm KĂŒssen, vor Treffen auf offener Straße oder bei uns zu Hause, es hat dazu gefĂŒhrt, dass wir mit unseren Liebsten “zoomen” anstatt sie im realen Leben zu treffen, dass wir Google Maps fĂŒr virtuelle SpaziergĂ€nge mit Freund*innen nutzen, anstatt wirklich und wahrhaftig rauszugehen, mit dem Wind auf unserem Gesicht oder der Sonne auf unserem RĂŒcken.

Wir sind genau dort, wo uns der Staat haben will; einsam und isoliert, alleine und depressiv, es ist uns nicht möglich, die Haut von denen, die wir lieben anzufassen oder die Hand ein*er Freund*in zu halten, und gleichzeitig sind wir ĂŒber unsere IP und Mac Adressen unglaublich leicht lokalisierbar, aufspĂŒrbar und ĂŒberwachbar.

Einige von uns sehen die, die sie lieben, vielleicht ĂŒber Monate hinweg nicht. Wir sind “gelockdowned”, die Möglichkeiten zur freien Bewegung werden weniger und weniger und viele von uns akzeptieren das, weil wir den Glauben, dass wir das Risiko sind, internalisiert haben.

Aber das Problem sind nicht wir, nicht mal das Virus selbst ist das Problem. Das Problem sind Staaten, denen es egal ist, ob gewisse Leute sterben, Staaten, die immer mehr und mehr Macht anhĂ€ufen wollen, Staaten, die jetzt völlig ungestraft ĂŒberall all die neusten Maßnahmen zur Überwachung austesten. Selbst sentimentale Liberale, die oft wenigstens noch die schlimmsten AuswĂŒchse von Überwachung kritisiert haben, verstehen diese jetzt als “nötig” und feiern es sogar, wenn solche Maßnahmen eingefĂŒhrt werden. Um hier mal den grĂ¶ĂŸten linken Schwachkopf Owen Jones (britischer Politiker der britischen linken Labor Partei), Held der Linken, aus Großbritannien zu zitieren “Ich hĂ€tte ja nie gedacht, dass ich mal erleichtert sein wĂŒrde, zusammen mit Millionen anderer von einem Polizeistaat unter der FĂŒhrung von rechten Tories (rechtskonservative Partei in GB) unter Hausarrest gestellt zu werden.”

Doch wir weigern uns, der Verzweiflung anheim zu fallen. Wir weigern uns, diese neue Form des Existierens auszuhalten. Innerhalb unserer eingegrenzten Aufenthaltsorte haben wir Wege und Mittel gefunden, um die Isolation zu durchbrechen, um geheime Treffen abzuhalten, ZusammenkĂŒnfte und Parties zu organisieren. Wir fĂ€lschen Schreiben ĂŒber angebliche Arzttermine mit deren Hilfe wir uns weiter von unserem Wohnort wegbewegen können als offiziell erlaubt. Wir tauschen Adressen von Freunden untereinander, sodass wir uns innerhalb der Stadt von Ort zu Ort bewegen können ohne uns je zu weit von “zu Hause” wegzubewegen. Wir lernen andere Arten der Fortbewegung kennen und nutzen; denen schon lange bekannt, fĂŒr die die Tore Europas seit jeher geschloßen sind (Laster, GĂŒterzĂŒge, andere Fortbewegungmittel, die fĂŒr den “Warenverkehr” benötigt werden, usw). Wir finden neue Wege, um uns durch die Stadt zu bewegen, wie SeitengĂ€sschen, U-Bahn Tunnel, Bahnschienen und entdecken alte Methoden der Fortbewegung wieder, wie zum Beispiel das gute alte Fahrrad.

Außerdem haben wir gemerkt, dass es Anhaltspunkte dafĂŒr gibt, dass Maske und Handschuhe dazu beitragen die Polizei, wenn du denn zufĂ€llig auf sie triffst, davon zu ĂŒberzeugen, dass du ein “gesetzestreuer BĂŒrger” bist. Es reduziert die Wahrscheinlichkeit, an Checkpoints aufgehalten zu werden und wenn doch, dann erhöht es die Chancen, dass du ohne weitere Probleme wieder laufen gelassen wirst. Das sind scheinbar gute Neuigkeiten.

Klar gibt es da draußen viele, die uns verantwortungslos nennen, die uns erzĂ€hlen, dass wir uns selbst und andere gefĂ€hrden wĂŒrden. ZusĂ€tzlich zu dem “Fick dich”, das wir ihnen entgegenschleudern, lĂ€sst sich noch Folgendes sagen. Wir entscheiden selbst, uns dem Risiko auszusetzen, unsere Freund*innen und die Menschen, die wir lieben, entscheiden sich selbst dazu, sich dem Risiko auszusetzen. Wie schon gesagt, social distancing ist etwas das wir mit einem Großteil der Gesellschaft bereits tun. Außerdem ist Entscheidungsfreiheit genau das, worum es hier geht, wir ENTSCHEIDEN uns dafĂŒr, uns dem Risiko auszusetzen, Supermarktmitarbeiter*innen oder Deliveroo Lieferant*innen haben keine solche Wahl, ĂŒber ein Risiko zu entscheiden, dem sie aber ausgesetzt sind, ebenso wie Gefangene keine Wahl haben; all diese Leute haben am Tag zehn mal mehr soziale Interaktionen als wir es haben und stellen fĂŒr sich selbst und andere ein viel grĂ¶ĂŸeres Risiko dar, als wir es tun, wenn wir unsere Freund*innen besuchen. Der Unterschied ist, dass die Leute den Wert, den eine Wirtschaft hat, als wichtig erachten, ebenso wie sie die Herrschaft von Gesetzen anbeten. Sich gegenseitig bringen sie aber keine WertschĂ€tzung entgegen, und auch nicht ihrem eigenes GlĂŒck und ihrer Freiheit.

Wenn wir die Straßen jetzt aufgeben, bekommen wir sie dann je zurĂŒck?

Wenn wir verinnerlichen, dass es normal ist, Abstand zu denen zu halten, an denen uns etwas liegt und NÀhe nur zu denen zu suchen, mit denen zusammen wir Wert anhÀufen, werden wir uns dann je wieder daran erinnern, wie mensch NÀhe zu anderen aufbaut?

Wenn wir unsere Leben einmal dem Staat aushĂ€ndigen, bekommen wir sie dann je zurĂŒck?

Warum sollten wir den Befehlen jener gehorchen, die systematisch Gesundheitssysteme kaputtgemacht haben, jene Gesundheitssysteme, die jetzt Leben retten könnten?

Warum sollten wir denen zuhören, die so viele Millionen Menschen an AIDS und EBOLA haben sterben lassen, weil die es nicht wert waren, gerettet zu werden, aber jetzt in Panik verfallen, weil es endlich ein Virus gibt, dass auch vor weißen reichen MĂ€nnern nicht Halt macht?

Warum sollten wir denen zuhören, die Zigmillionen in Banken, die Polizei, Armeen, große Konzerne und Grenzkontrollen pumpen und den Rest von uns verrotten lassen?

Ist es denn immer noch nicht klar geworden, dass der Feind der ist, der uns erzÀhlt, dass wir Abstand voneinander halten sollen, wogegen wir widersprechen? Wir sagen: Abstand vom Staat, nicht Abstand von unseren Freund*innen.

Wenn mehr von uns diese Geisteshaltung annehmen wĂŒrden, wenn mehr von uns auf den Straßen wĂ€ren, dann wĂ€re es fĂŒr sie schwieriger, uns zu kontrollieren. Ja, das wĂŒrde auch heißen, dass es mehr Infektionen gĂ€be, mehr Tote, mehr BrualitĂ€t; aber hinterfrage dich mal ernsthaft, lebst du gerade eigentlich? Zu Hause sitzend, mit einem kostenlosen Porn Hub Abo und einer betĂ€ubenden Droge deiner Wahl
? Können wir bitte wenigstens ein bisschen mehr “Leben” vor dem Tod haben





Quelle: Anarchistischebibliothek.org