Mai 30, 2022
Von Anarchistische Bibliothek
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Erster August 1914. Die Zeitung Cronaca Sovversiva feiert im ersten Artikel der wöchentlichen Ausgabe den 14. Jahrestag der Ermordung des Königs Umberto I. durch Gaetano Bresci. Ein Medaillon mit dem Abbild des anarchistischen SchĂŒtzen, und ein paar Zeilen, die unter anderem daran erinnern, dass: „so lange es Tyrannen gibt, wird es Selbstjustiz geben; so lange es UnterdrĂŒckung gibt, wird der rebellische UnterdrĂŒckte den UnterdrĂŒcker herausfordern und sein Todesurteil vollstrecken. Das ist die Geschichte aller Zeiten, und so wird es immer sein, so lange der letzte Ausbeuter nicht in einem blutigen Röcheln verschwunden sein wird“. Eine absolute, unverĂ€nderbare Regel, eine vom Prinzip untrennbare Konsequenz: die Freiheit. Aber an diesem selben Tag riefen die gegenwĂ€rtigen Geschehnisse eine andere Regel in Erinnerung. Eine genau so absolute Regel, Konsequenz des entgegengesetzten Prinzips: so lange die Staaten und der Kapitalismus die Lebensbedingungen auf Erden bestimmen, wird es Kriege geben. Und in der Tat: vier Tage nachdem Österreich-Ungarn Serbien den Krieg erklĂ€rt hatte, sprach Deutschland seine KriegserklĂ€rung an Russland aus. Der erste Akt eines Konflikts, der in kurzer Zeit in einen totalen, großangelegten Krieg ausartete.

Wenn auch niemand im Unwissen ĂŒber dieses organisierte Massaker ist, und wenn nur wenige Anarchisten, unter all den möglichen Tendenzen, den oben erwĂ€hnten Königsmord und dessen Autor nicht kennen, wie viele wissen hingegen, dass in den Vereinigten Staaten zwischen 1914 und 1920 eine große bewaffnete revolutionĂ€re Offensive gegen die staatlichen, richterlichen, religiösen, industriellen und finanziellen Institutionen des wichtigsten kapitalistischen Landes des Planeten gefĂŒhrt wurde? Direkte Aktionen, die nicht von den kĂ€mpfenden Organisationen irgendeiner politischen Partei oder irgendeiner mehr oder weniger radikalen Massenbewegung ausgefĂŒhrt wurden, sondern vielmehr von ein paar Handvoll italienischer Anarchisten, die am Anfang des 20. Jahrhunderts dort eingewandert waren. WĂ€hrend die Geschichtsschreibung der anarchistischen Bewegung im Großen und Ganzen von dieser Zeit nur den Verrat der anarchistischen Prinzipien, den das darstellt, und die davon ausgelöste Polemik festhĂ€lt, sind uns – bestenfalls – Ideen, Taten, VorschlĂ€ge und Perspektiven dieser in den Vereinigten Staaten eingewanderten Anarchisten, die doch sehr aktiv waren und eine gefĂ€hrliche Entschlossenheit aufbrachten, unbekannt. GefĂ€hrten, die man in vielerlei Hinsichten nicht zu den „klassischen Antimilitaristen“ zĂ€hlen kann, und auch nicht voll ins Bild der anarchistischen Opposition zum Krieg passen. Und wenn „vielleicht die wichtigste AktivitĂ€t jene ist, die im Schweigen vollbracht wurde und in Vergessenheit gerĂ€t“, so nimmt das den wenigen Spuren, die uns erreicht haben und die immer noch viel zu sagen haben, nichts weg.

Im Verlaufe dieses Herbstes 1914 bietet Cronaca Sovversiva Platz fĂŒr Diskussionen und Debatten, welche die GefĂ€hrten wĂ€hrend mehreren Wochen beschĂ€ftigten, und welche die Grundlage der kommenden Interventionen und VorschlĂ€ge darstellten. Einige sehen den Krieg mit Fatalismus und KalkĂŒl als einen Krisenmoment, der, wie jede Krise, eine Transformationskraft besitzt. Der Krieg wĂŒrde dem Proletariat die Ungeheuerlichkeiten der Regierungen vor Augen fĂŒhren, es aufrĂŒtteln und somit zum Ausbruch der Revolution fĂŒhren. Andere haben eine weniger mechanistische Vision und befĂŒrworten, angesichts der Hassentladungen und der fiktiven Feindseligkeiten, welche die Proletarier dazu bringen, in den Krieg zu gehen, die Wichtigkeit einer Propaganda, die daran erinnert, dass die „einzigen logischen Gegner in der gegenwĂ€rtigen sozialen Ordnung“ die Besitzenden sind, die ihre allgegenwĂ€rtige und vielgestaltige Herrschaft wahren wollen, und jene, die um eine weniger prekĂ€re Existenz kĂ€mpfen. Die Kritiken seitens der Anarchisten gegen die Pazifisten, Christen und ihre GefĂŒhlsduselei fĂŒhren zu einer Ermahnung, dass die Gewalt

von unten mit derselben IntensitĂ€t an Gewalt, die von oben kommt – jene des „kapitalistisch-bourgeoisen und staatlichen Regimes“ – antworten sollte. Und in der Überzeugung, dass nur der soziale Krieg die bestehende Ordnung umstĂŒrzen kann. Am 12. September werden die GefĂ€hrten in der aperiodischen Rubrik Fra noi (Unter uns) formell dazu eingeladen, sich zum Krieg zu Ă€ußern. GegenĂŒber den Lesern, die ein solches Vorgehen als zu intellektuell beurteilen, verteidigt die Zeitung – wie ĂŒblich – zwei fundamentale AusdrĂŒcke der menschlichen AktivitĂ€t, welche zwar unterschiedlich sind, sich aber gegenseitig nĂ€hren: das Denken und die Aktion. Wenn eines der Ziele der Zeitung darin besteht, FĂ€higkeiten wie Beobachtung, Reflexion, Analyse und Debatte anzuregen, geschieht dies nicht, um sich mit etwas Hirngymnastik zu begnĂŒgen, sondern, um die Aktion vorzubereiten, die Köpfe mit Ideen zu fĂŒllen und diese fĂŒr die Zukunft gedeihen zu lassen. Hier ein paar Zeilen zum Wortlaut dieser Debatten: „Der Krieg ist etwas schlechtes, niemand bestreitet das; aber ist er ein notwendiges, unumgĂ€ngliches Leid, oder ist er einfach das Resultat der Intrigen einer Gruppe von Individuen, die keine Menschlichkeit kennen? Ist er eine historische FatalitĂ€t oder eine willentlich geschaffene Begebenheit? Und weiter: Kann der Krieg das Kommen der Revolution beschleunigen oder ihr Steine in den Weg legen? Folglich: Sollen wir Anarchisten ‚Nieder mit dem Krieg‘ oder ‚Es lebe der Krieg‘ rufen?“

Eine spaltende Debatte. Auf der einen Seite jene, fĂŒr die „Nieder mit dem Krieg“ unter anderem auf der Überzeugung basiert, dass der Krieg die Institutionen und patriotischen GefĂŒhle stĂ€rkt und ein Sicherheitsventil fĂŒr die Regierungen darstellt. Und auf der anderen Seite jene, fĂŒr die „Es lebe der Krieg“ sich zum Beispiel aus der Überzeugung rechtfertigt, dass „Anarchie Kampf, Leben, Bewegung ist“, und „wir den langen erdrĂŒckenden Zeiten des bewaffneten Friedens, die uns bluten lassen, uns tĂ€uschen und uns verblöden, den blutigen Ausbruch der gegnerischen und feindlichen Energien vorziehen, der aufweckt, stĂ€rkt und belebt“. In der Vorahnung, dass die Meinungsverschiedenheiten vielleicht nicht so tief sind, schlug ein Beitrag vor, den Gegensatz zwischen „Nieder mit dem Krieg!“ der einen und „Es lebe der Krieg!“ der anderen zu umgehen und sich hinter dem Ruf „Es lebe der soziale Krieg!“ zu versammeln. Und da das Europa der Zaren und Monarchen bald ein rauchender Haufen von TrĂŒmmern und Ruinen sein wĂŒrde, werde die Zeit kommen, es neu zu gestalten. In diesem Moment mĂŒsse dafĂŒr gesorgt werden, dass es nicht in die blutverschmierten HĂ€nde der Sieger gerate. „Dass das Arbeitervolk die Waffen nicht niederlegt. Dass es die Munition, die Kraft und das Heldentum fĂŒr seinen eigenen Krieg aufbewahrt. Dass die letzte Szene des dĂŒsteren Dramas, das sich im Theater des europĂ€ischen Krieges abspielt der Höhepunkt der Revolte der Arbeit sein werde.“ Der Vorschlag war lanciert: Die Stunde der Revolte wĂŒrde kommen, der richtige Moment des Aufstands wĂŒrde kommen, man mĂŒsse sich darauf vorbereiten. Diese Frage der Vorbereitung wĂŒrde bald in aller Munde sein, im Geist und in den Entscheidungen der GefĂ€hrten. Denn wenn einerseits „die Diskussion wichtig ist und, da wir weder Dogmen noch Katechismen noch Programme pflegen, es richtig ist, dass jeder unter uns zeigt, dass er seine eigenen Überzeugungen ausgearbeitet hat: das ist in sich eine BekrĂ€ftigung der UnabhĂ€ngigkeit des Geistes und des Gehirns“, wĂŒrde anderseits durch die Vertiefung der Ideen, um zwei Positionen und zwei Kampfschreie zu verteidigen – Rufe, deren Unterschiede, in der Ansicht des BeitrĂ€gers, mehr formell als grundlegend sind – die revolutionĂ€re Energie verloren gehen, wenn sie nicht von der Aktion begleitet wird. So hatte diese Anfang des Jahres 1915, etwa sechs Monate nach dem Anfang des Krieges, die im September lancierte Debatte die Geister gestĂ€rkt, das Denken verfeinert, das Bewusstsein gebildet und zur Aktion ermutigt. Und wenn es nicht in Frage kam, die Diskussionen zu beenden, so bestand zweifellos die Notwenigkeit, mehr Energie fĂŒr die Agitationsarbeit und die Revolutionsvorbereitung aufzubringen.

Am 7. November 1914, erscheint in Cronaca Sovversiva der erste von einer Reihe von sieben Artikeln mit dem Titel Per la guerra, per la neutralitĂ  o per la pace? (FĂŒr den Krieg, fĂŒr die NeutralitĂ€t oder fĂŒr den Frieden?), die von Luigi Galleani geschrieben wurden.

Einerseits stellt er grĂŒndlich die anarchistischen Interventionisten in Frage, in dem er mit Genauigkeit ihre Argumente zerlegt, sowie die Behauptungen, auf denen sich letztere stĂŒtzen (wobei er auf Cipriani und Kropotkin persönlich abzielt). Anderseits veranschaulicht Galleani mit Hilfe von Presseartikeln, Zahlen, Statistiken und offiziellen Dokumente, dass „der Krieg heute nichts weiter als ein Unternehmen der Börse, ein GeschĂ€ft“ ist. Seiner Ansicht nach sind die Ursachen des Kriegs eher im unbeugsamen Antagonismus zwischen den Bankern und den Industriellen Deutschlands und Englands zu suchen, als in den Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland (besonders die Konflikte bezĂŒglich des Elsass und Lothringen, wie Kropotkin behauptet). Am 28. November 1914 bemerkte ein regelmĂ€ĂŸig Beitragender der Cronaca mit Ironie, dass der europĂ€ische Krieg in zwei Monaten ein Wunder vollbracht habe, das selbst durch hundert Jahre Fasten und Beten nicht erreicht werden wĂŒrde. Die Vereinigten Staaten waren plötzlich zu Antimilitaristen geworden. Ihr Fanatismus fĂŒr den Frieden zwischen den KriegslĂ€ndern ging sogar so weit, dass der Staatschef einen Gebetstag organisierte. WĂ€hrend des Marsches bat letzterer den biblischen Gott um das Ende des Krieges. „Welch eine Heuchelei!“, war im Artikel zu lesen. „Es ist eine Heuchelei, weil der PrĂ€sident der großen Republik zum Unsichtbaren betet, wĂ€hrend er keine Maßnahmen gegen die amerikanischen Industriellen ergreift, die den KriegslĂ€ndern Waffen und Munition liefern, um ihre Massaker zu vollziehen“. TatsĂ€chlich war „der Anfang des Krieges in Europa fĂŒr die amerikanische RĂŒstungsindustrie eine wahrhafte Gabe des Himmels. Die Bestellungen erfuhren einen starken Anstieg, je weiter sich der Konflikt ausbreitete, desto mehr wurde die Massenvernichtung zu einem rentablen GeschĂ€ft.“ Am 9. Januar 1915 publizierte Galleani einen Artikel mit dem Titel: „La Repubblica di Sant’Ignazio“ (Die Republik von St. Ignatius), ein harter Angriff gegen das GeschĂ€ft mit dem Tod, in dem man nicht nur erfuhr, dass die Regierungen die unverschĂ€mte Summe von tĂ€glich 40 Millionen Dollar fĂŒr die Zerstörung von GĂŒtern und Menschen ausgibt, sondern auch eine Liste der RĂŒstungskommissionen und die Namen der verantwortlichen Unternehmen veröffentlicht wurde. Es ist also vielleicht kein Zufall, dass in den darauf folgenden Monaten die in New Jersey und um New York liegenden Kriegsfabriken zum Ziel von Brand- oder SprengstoffanschlĂ€gen wurden. Zum Beispiel, am 5. MĂ€rz gegen die Munitionsfabrik DuPont in Haskell, am 4. April gegen ein Waffendepot in Pompton Lakes, am 10. Mai bei der Firma DuPont in Caney Point, am 15. Juli in der Werft von Weehawken, am 29. August in den Einrichtungen der Firma DuPont in Wilmington, oder auch die zwischen dem 6. MĂ€rz und dem 9. Juli verzeichneten 10 AnschlĂ€ge gegen die Munitionsfrachten im Hafen von New York. Übrigens brachte ein Leser in der Cronaca vom 18. September 1915, einen Monat nach der EinfĂŒhrung der Rubrik Che cosa fare? (Was gibt’s zu tun?) zum Ausdruck, dass „wenn der Krieg stattfindet, wird es bestimmt Verantwortliche geben. Und unser Ziel ist es, die Verantwortlichkeiten zu recherchieren und aufzuzeigen, genauso wie unsere Aktion darauf abzielen muss, sie zu vernichten und dabei das Unbehagen und den Missmut, welche sich durch das Elend, den Tod und den BĂŒrden aller Art des grausamen Massakers im enttĂ€uschten und verbitterten GemĂŒt des internationalen Proletariats vertiefen, wahrzunehmen.“ Ein Ausdruck dafĂŒr, dass die Idee, die Verantwortlichen des europĂ€ischen Krieges direkt anzugreifen zirkulierte, dass sie greifbar geworden war. Was auch der Brand vom Bethlehem Steel Plant (der mehrmals in der Cronaca zitiert wurde) am 10. November zeigt, der 64.000 mÂČ des BetriebsgelĂ€ndes zerstörte, in dem sich Kriegsfahrzeuge und Kriegsmaterial befand, und mehrere Millionen Dollar Schaden anrichtete. Was auch die Explosion vom 29. Februar 1916 in der New England Manufacturing Company zeigt, in einem Vorort von Boston, die eines der GebĂ€ude zerstörte, in dem TNT gelagert war. Diese Explosion ist vielleicht nicht einem einfachen „BetriebsunglĂŒck“ zuzuschreiben, wie es die Zeitungen behaupteten. Den GerĂŒchten zufolge bekam die Direktion zwei Wochen vor dem Anschlag einen Drohbrief, der die Waffenfabrik dazu aufforderte die Lieferungen an die KriegslĂ€nder in Europa einzustellen. Wer waren die Autoren dieser Sabotagen gegen das Getriebe der RĂŒstungsindustrie? „Agenten des Kaisers“? WĂŒtende Arbeiter? Anarchisten? Auch wenn nicht alle AnschlĂ€ge den GefĂ€hrten zugeschrieben werden können, muss man jedoch eingestehen, wie zutreffend die Argumentationen waren, die letztere hĂ€tten motivieren können: Wie gegen den Krieg auf der anderen Seite des Ozeans kĂ€mpfen, wie kann man mit Entschlossenheit und konkret gegen den Militarismus hier in den Vereinigten Staaten kĂ€mpfen, wenn nicht „durch den Angriff gegen die Fabriken, die zwei Schritte weit entfernt von ihnen die nötigen Instrumente fĂŒr das laufende Massaker herstellten?“ Anderseits ist ebenfalls gewiss, dass sie an den verschiedenen anonymen Angriffen, die in dieser Zeit stattgefunden haben, auch nicht unbeteiligt waren.

„Wenn ihr euch die MĂŒhe gemacht hĂ€ttet die unaufhörlichen VerĂ€nderungen des Lebens zu beobachten, hĂ€ttet ihr verstanden, dass die Zerstörung der alten Formen neue erzeugt, die den neuen BedĂŒrfnissen besser angepasst sind. Und ihr wĂ€rt weder von unserer Gewalt noch von unserem zerstörerischen Geist ĂŒberrascht.“

Cronaca Sovversiva, 19. September 1914

TatsĂ€chlich explodierte am 4. Juli 1914 eine Bombe in den HĂ€nden dreier Anarchisten aus New York, die an den Protesten gegen das Massaker der Minenarbeiter von Ludlow in Colorado im April beteiligt waren. Laut Ermittlungen war sie fĂŒr Rockefeller vorgesehen, der Besitzer des grĂ¶ĂŸten Minenunternehmens (die Colorado Fuel & Iron Company) und Auftraggeber dieses blutigen Massakers, welches dutzende Tote unter den Streikenden und ihren Angehörigen forderte. Am 13. Oktober 1914, dem fĂŒnften Jahrestag der Hinrichtung von Francisco Ferrer, explodierte eine Bombe in der Kathedrale St. Patrick von New York und eine weitere in der Kirche St. Alphonse, wo einige Wochen zuvor ein Demonstrationszug von Arbeitslosen (ihnen voran der Anarchist Frank Tannenbaum) eine Unterkunft und zu Essen gefordert hatten, eine Initiative die mit der Verhaftung von 190 Personen und der Verurteilung des GefĂ€hrten zu einem Jahr Haft endete. Am 11. November, Jahrestag der Hinrichtung der „MĂ€rtyrer von Chicago“, explodierte eine Bombe im Eingang des Bronx Court House, dem New Yorker Gerichtshof. Unter den TrĂŒmmern fanden die Ermittler eine anarchistische BroschĂŒre, Die MĂ€rtyrer von Chicago, in der man zur Rache fĂŒr den Tod von Spies, Fischer, Parsons, Engel und Lingg aufrief. Am 14. November gelang es einem Individuum in einem Saal des Justizpalastes von Centre Street unter dem Stuhl des Richter A. L. Campbell eine Bombe mit brennender ZĂŒndschnur zu legen (der Richter zeichnete sich durch harte Strafen gegen hunderte, wĂ€hrend den Agitationen der vorigen Monaten verhaftete, Subversive aus), jedoch weckte er durch seine stĂŒrmische Flucht den Verdacht der anwesenden Polizisten, die den Docht noch vor dem entscheidenden Augenblick herausziehen konnten. Die rĂ€chenden Absichten dieser Anarchisten waren kein Geheimnis, wie es unter anderem die Worte von Umberto Postiglione in der Cronaca Sovversiva vom 30. Januar 1915 zeigen, der ohne Umschweife bekrĂ€ftigte: „ein Italien ohne SchĂ€ndlichkeiten der Priester, ohne Ausbeutung durch die Arbeitgeber, ohne Tyrannei der Könige“ zu wollen. „FĂŒr dieses [Italien] werden wir in den Krieg gehen, wir werden uns auflehnen. Und fĂŒr jene, die eine Rache auszuĂŒben haben, die erste Gelegenheit, die sich bietet, begierig aufgespĂŒrt, ist die richtige.“ Genauso ihre Absichten den „guten Krieg“, den sozialen Krieg zu fĂŒhren. In einem Artikel Galleanis vom 13. MĂ€rz 1915, wo er die Vermehrung der Angriffe gegen verschiedene Ziele in den letzten Monaten beobachtet, freut er sich darĂŒber, dass der Proletarier sich ĂŒber „die furchtbare Effizienz der extremen Kampfmittel, die er endlich entschloss anzuwenden“ bewusst geworden ist. Inmitten des europĂ€ischen Krieges war dies der einzige Krieg an dem sie sich versprochen hatten weiter teilzunehmen: jener, in dem man die Strukturen und Verantwortlichen der Herrschaft direkt angreift. Jener, in dem im Verlauf eines sozialen Kampfes (wie die Streiks) sowie in Zeiten des RĂŒckgangs (wĂ€hrend Repressionswellen) sich jeder gegen die ihm aufgezwungene Situation aufl ehnen kann, mit Wagemut, Entschlossenheit und einer besonderen Auffassung von SolidaritĂ€t: eine vielgestaltige SolidaritĂ€t, die weder GroßzĂŒgigkeit noch Empathie ausschließt, mit der Absicht, den Kampf weiterzufĂŒhren und zu nĂ€hren, nicht gezwungenermaßen an der Seite der Betroffenen, aber gegen den Repressionsapparat, der sie getroffen hat.

„Wir sind damit einverstanden, dass man die Revolutionen nicht organisiert, aber, ich glaube, wir sind auch alle damit einverstanden, dass die AufstĂ€nde ohne eine geistreiche, geduldige und eifrige Arbeit sich weder entwickeln, noch ihren Weg finden, noch die gewĂŒnschten Konsequenzen herbeifĂŒhren.“

Cronaca Sovversiva, 18. September 1915

Die StĂ€rke des Anarchismus besteht nicht nur in der Tatsache, dass er gleichzeitig ein sehr reiches Zusammen von Ideen ĂŒber die Welt, ein Lebensstil und eine BestĂ€tigung seiner selbst ist, durch die Entwicklung des eigenen Bewusstseins und der eigenen SensibilitĂ€t. Er besteht ebenso in einer Aufforderung zur Revolte die nicht auf ihre Stunde wartet, wie auch in seinen Versuchen, durch das stĂ€ndige Pendeln zwischen Theorie und Praxis, schneller zur Stunde der sozialen Revolution zu gelangen. Dies wĂŒrde ohne die FĂ€higkeit, Analysen der Kontexte und der Situationen auf verschiedenen Ebenen zu erarbeiten, mit dem Ziel, daraus Interventionsmöglichkeiten zu ziehen nicht möglich, und auch nicht ohne die Entschlossenheit, sich darauf vorzubereiten. Ein paar Wochen bevor Italien am 23. Mai 1915 auf der Seite der Triple-Entente in den Krieg zog, publizierte Galleani in der Cronaca einen Artikel mit einem aussagekrĂ€ftigen Titel: Contro la guerra per la rivoluzione sociale (Gegen den Krieg, fĂŒr die soziale Revolution). In der Stunde, in der das italienische Proletariat von den königlichen Anordnungen und den Predigten der Bischöfe aufgerufen wurde, die Waffen zur Hand zu nehmen, um den Thron, das Vaterland, den Glauben, die Tradition, die Felder, Minen und Fabriken zu verteidigen, rief auch Galleani die Proletarier dazu auf, diese Waffen zur Hand zu nehmen. Ja, sie zur Hand zu nehmen, aber mit einer sehr unterschiedlichen Perspektive, sie zu ergreifen, um „uns unser Land wieder anzueignen, das Haus, das uns gehört, das Brot, die Freiheit, die Erholung, die Liebe, die Freude, die Zukunft. Um uns unseren Platz an der Sonne wieder zu nehmen, unseren Platz im Leben, unseren Platz in der Geschichte.“ Es muss festgestellt werden, dass der Kriegseintritt Italiens beachtliche Konsequenzen auf das Umfeld der italienischen Migranten in den USA, als auch in Kanada, hatte. Der Vorschlag Galleanis eine „notwendige Einigung ĂŒber die Projekte, Ziele und Aktionen“ unter den „libertĂ€ren aller Fraktionen“ zu finden (was weitgehend von der anarchistischen Bewegung in den Vereinigten Staaten und in Italien geteilt wurde), konkretisierte sich unter anderem in einer großen Demonstration gegen den Krieg, die am 20. Juni in New York organisiert wurde und die Subversiven und Arbeiter dazu aufrief, den AnhĂ€ngern des Krieges eine unermĂŒdliche Schlacht zu liefern. Es war die erste einer langen Reihe von Demonstrationen, Kundgebungen und Konfrontationen, die in zahlreichen StĂ€dten in einem bestĂ€ndigen Rhythmus stattfanden. Teilweise fanden die Treffen auf nationaler Ebene statt und verschrieben sich die kulturellen und linguistischen HĂŒrden zu ĂŒberwinden. So gab es beim „Großen internationalen Treffen zum Protest gegen den Krieg“, das von internationalistischen Anarchisten aus Boston am 17. Oktober 1915 organisiert wurde, bekannte Redner der anarchistischen Bewegungen, die auf Italienisch, Französisch, Englisch, Deutsch, Spanisch, Russisch und HebrĂ€isch das Wort ergriffen. An gewissen Orten schien diese ganze Agitation FrĂŒchte zu tragen. Am Prozess gegen den Anarchisten Delmoro im Dezember 1915 in Hamilton (Kanada), der sich wegen anti-religiöser und anti-militaristischer Propaganda angeklagt sah, da er unter anderem das Flugblatt „Söhne, kehrt nicht dorthin zurĂŒck“ (veröffentlicht am 24. Juli 1915 in der Cronaca, und in Form von FlugblĂ€ttern von ĂŒber zehntausend Exemplaren verteilt) verteilt haben soll, gestand ein Spitzel dem Richter, dass in Kanada unter den Italienern ein gewisser Enthusiasmus fĂŒr den Krieg herrschte, und dass nach der Verbreitung dieses Aufrufs niemand mehr in den Krieg ziehen wollte! Woche fĂŒr Woche intensivierte sich der Konflikt zwischen den Interventionisten und den Antimilitaristen. Das italienische Konsulat in New York (das am 14. Juni 1914, genau eine Woche nach dem Ausbruch der Settimana Rossa, zum Ziel eines knapp verfehlten Angriffs wurde, genauso wie am 5. November 1915) griff auf mafiöse Hilfe zurĂŒck, um diese antimilitaristische Propaganda zum Schweigen zu bringen. Die ganze anarchistische Bewegung schien von den Fragestellungen rund um die auszufĂŒhrenden Aktionen und die zu unternehmenden Initiativen durchströmt zu sein. Dieses Anliegen war so dringend, dass die Cronaca am 14. August 1915 die neue Rubrik Che cosa fare, ora? (Was gibt’s zu tun?) eröffnete, die durch den gleichnamigen Artikel des Genfer Anarchisten Luigi Bertoni eingeleitet wurde. Der Artikel betonte, „Denken ist gut, aber Agieren ist noch besser. AktivitĂ€t ist Leben. Die Zukunft gehört den Aktiven, dem Menschen der Aktion. Es geht darum sich gut zu verstehen, sich bezĂŒglich dieser AktivitĂ€t zu verstehen.“ Infolge dieses Artikels wurden Dutzende und aber Dutzende BeitrĂ€ge an die Cronaca geschickt, welche bis Ende des Jahres regelmĂ€ĂŸig die von der Redaktion als die am interessantesten eingeschĂ€tzten Artikel veröffentlichte.

Am 1. Januar 1916 bemerkte jemand in einem mit „Anno nuovo?“ (Neues Jahr?) betitelten Artikel, dass es „zu viele Funken in der Luft gibt, als dass der Wind nicht einmal einen in das Pulverfass der Revolution bringt“, und dass im Feuer des sozialen Krieges, die Anarchisten mit einer genauen Vorstellung der zu erfĂŒllenden Aufgaben an ihrem Platz sein werden. WĂ€hrend die Diskussion ĂŒber die Reaktion auf den Krieg noch im Gange war, verfĂŒgten sie hingegen in anderen KĂ€mpfen, an welche sich der antimilitaristische Kampf hinzu tat, ĂŒber eine gewisse Erfahrung. Zum Beispiel, wenn ein spontaner Streik ausbrach, nahmen sie direkt daran teil und wenn das nicht möglich war, solidarisierten sie sich deutlich mit ihm. Dazu kam es am 17. Januar, als ein Streik – der einen Monat lang andauern wird – in der Cordage Company von Plymouth ausbrach, der weltweit grĂ¶ĂŸten Seilfabrik, die seit Beginn des Krieges ein rapides Anwachsen von Bestellungen erfuhr. Die Anarchisten aus dem Umfeld der Cronaca (besonders Vanzetti, der seine ganze Energie dafĂŒr aufbrachte) eilten herbei, um am Konfl ikt teilzunehmen, den sie als sehr viel versprechend einschĂ€tzten, besonders weil die Arbeiter sich geweigert hatten, sich sowohl von den reformistischen Gewerkschaften, als auch von der I.W.W., organisieren zu lassen. Der Verlauf dieses Streiks und die Erfahrungen, die diese der Cronaca nahestehenden GefĂ€hrten machten, fĂŒhrten zu positiven Schlussfolgerungen. Die Arbeiter, die sie angetroffen hatten, teilten nicht nur den Vorschlag der GefĂ€hrten, den vollen und kollektiven Besitz der Felder, der Minen, der Fabriken, der Eisenbahn, der HĂ€fen durch die gewaltvolle Enteignung der Besitzenden zu ergreifen, die ein Monopol beanspruchten. Ebenso verwarfen sie nicht die Revolution, als das extreme Mittel, um die Freiheit zu erobern. Wenn Mut, Energie und Kraft fĂŒr die Revolution fehlte, war die Rolle der agierenden anarchistischen Minderheit jene, die ihrige zu ĂŒbermitteln. Es ist dieses Vertrauen und dieses Bewusstsein ĂŒber die, im Hinblick auf den Ausbruch der sozialen Revolution zu erfĂŒllenden Aufgaben, die man wenig ĂŒberraschend, zwei Monate spĂ€ter in Galleanis Artikel „Contro la guerra, contro la pace, per la rivoluzione“ (Gegen den Krieg, gegen den Frieden, fĂŒr die Revolution) wiederfindet, der in der Spezialausgabe „Contro la guerra“ (Gegen den Krieg!) erschien.

In der Zwischenzeit versuchten die verschiedenen subversiven Tendenzen weiter, eine breite Protestbewegung gegen den europĂ€ischen Konflikt aufzubauen. Am Sonntag den 30. Januar 1916, fand das Große internationale Treffen gegen den Krieg schließlich in New York statt, wo sich Redner italienischer, französischer, englischer, russischer und deutscher Sprache versammelten. In der AnkĂŒndigung erinnerten die Organisatoren die Arbeiter daran, dass der die Welt mit Blut befleckende Krieg gegen sie gerichtet war, und dass ihr Krieg, jener gegen „alle Vampire, die uns das Blut in den Minen, Fabriken, WerkstĂ€tten aussaugen, ĂŒberall, wo Arme und Gehirn der Arbeiter sich fĂŒr den Reichtum anderer abmĂŒhen“ sei. Worte, die vielleicht, in Anbetracht der Situation Ende des Januars 1916, noch mehr als ĂŒblich ihren vollen Sinn ergeben. Dennoch waren nicht alle GefĂ€hrten der Cronaca mit der Absicht, verschiedene subversive Tendenzen zu versammeln, einverstanden und dabei ihre theoretischen und praktischen Divergenzen auf die Seite zu legen. Die am 18. MĂ€rz 1916 erschienene Spezialausgabe „Contro la guerra“ (Gegen den Krieg!) (eine doppelte Ausgabe mit einer Aufl age, welche die 7000 Kopien der Hommage an Kropotkin und die 10.000 der Hommage an Francisco Ferrer ĂŒberstieg) stellt die ausfĂŒhrlichste Antwort auf die von ihnen einige Monate zuvor lancierte Debatte dar, mit einem Blick ĂŒber den lokalen und nationalen Kontext hinaus. Neben den Artikeln zur Agitation (die zum Beispiel die Ablehnung des Krieges sowie des Friedens bekrĂ€ftigen oder zur Kriegsdienstverweigerung anstacheln), einer Studie ĂŒber die globale Situation (den unmittelbar bevorstehenden Kriegseintritt der Vereinigten Staaten vorhersehend, die sich einen guten Platz auf dem Weltmarkt sichern wollen) und Berichten, sind auch Kritiken und VorschlĂ€ge zu finden, welche die Einzigartigkeit ihres Anarchismus ausmachen. Wie jener Schwerthieb gegen „das OrganisationsgeschwĂŒr“ in einem Artikel, der unmissverstĂ€ndlich mit „Che cosa Ăš fallito“ (Etwas ist gescheitert) betitelt wurde. Die Arbeiterorganisationen in Europa, die sich zugleich mit großem Aufwand an Propaganda als subversiv aufgespielt hatten, hatten vor dem Krieg hart darauf hin gearbeitet, die Arbeiter zu organisieren und sie in ihre Strukturen einzugliedern. Sie rannten hinter den Mitgliederzahlen her und interessierten sich mehr dafĂŒr, sie an Befehle von oben zu gewöhnen, als deren Bewusstsein und Willen zu stĂ€rken. Die Tatsache, dass Millionen von Mitgliedern, die sich fĂŒr emanzipiert hielten, wenn sie es versucht hĂ€tten, den Krieg hĂ€tten verhindern können, schließlich an die Front gingen, nachdem die Chefs schlagartig ihr FĂ€hnchen nach dem Wind gedreht hatten, war wohl „der fauligste Ausdruck der angeblich subversiven Organisationen“. Oder dieser kĂŒhne Vorschlag im Artikel „Gegen den Krieg, gegen den Frieden, fĂŒr die Revolution“, welcher der damals gĂ€ngigen Perspektive (sich auf den Gegenzug bei Kriegsende vorzubereiten) die Überzeugung entgegensetzte, dass angesichts der sozialen und wirtschaftlichen Situation, der Aufstand vor der Waffenruhe in einem der europĂ€ischen LĂ€nder ausbrechen wĂŒrde, um zu verhindern, dass der Frieden auf den Ruinen des Krieges die alte soziale Ordnung wiederherstellt. Sobald der Aufstand ausbrechen wĂŒrde, mĂŒssten die Anarchisten sich folgender Aufgabe bewusst werden: die Macht zu verwirren, in dem sie enthauptet wird, die herrschende Klasse durch die Beseitigung der wichtigsten ReprĂ€sentanten in die Flucht zu schlagen. Jene, die potentiell gefĂ€hrlich oder ein Hindernis sind, zu eliminieren.

Dies ist die Idee dieser GefÀhrten: in Zeiten des Arbeiterkampfes, wie auch in einer vor-aufstÀndischen Situation, bildet die anarchistische Offensive durch die VervielfÀltigung gezielter Angriffe gleichzeitig die Verwirklichung ihrer KÀmpfe und einen Beitrag, der darauf abzielt, eine Bruchstelle zu öffnen, mit der Absicht, falls Andere denselben Weg einschlagen, das Pulverfass zum explodieren

zu bringen.

„Wie gestern gegen den Krieg, dort unten, sind wir auch heute gegen den Krieg, hier, wo er von den gleichen Intrigen und den gleichen LĂŒgen geschwĂ€ngert aufblitzt, gierig nach dem gleichen Blut, nach der gleichen Beute und nach den gleichen Restaurationen. Wie gegen den dreckigen Frieden, dort unten, sind wir auch heute gegen den Frieden, hier, der allseits das Privileg und die Knechtschaft, die Ungleichheit und die Ungerechtigkeit besiegelt.“

Ed ora, tocca a noi (Und jetzt sind wir dran),

Mariuzza, Cronaca Sovversiva, 10.

Februar 1917

Es war also eine Gewissheit, dass der Aufstand in Europa ausbrechen wĂŒrde, der Krieg konnte nicht ewig andauern. Aber vorerst konnte man auf der anderen Seite des Atlantiks am Horizont mit der gleichen Gewissheit wahrnehmen, dass die Vereinigten Staaten in den Krieg eintreten wĂŒrden. Eigentlich war der Juni 1916 nicht nur der Monat, in dem der Kongress die Produktion von Kriegsmaterialien abgesegnet (Torpedoboote, Kreuzer, Unterseeboote, Flugzeuge…), die Anzahl an Heeresrekruten erhöht und zu diesem Zweck Millionen Dollar zur VerfĂŒgung gestellt hat. Zu der selben Zeit lud die Bundesregierung in einem Rundschreiben, das an alle Gemeinden mit mehr als 4000 Einwohnern gesendet wurde, die Direktoren der öffentlichen Schulen dazu ein, mit den Behörden des Ortes bei der „Amerikanisierung“ der AuslĂ€nder zu kooperieren. Es ging nĂ€mlich genau darum, die Liebe zur „Wahlheimat“ und die Pflicht, ihr in jedem Fall zu dienen, in die Herzen der Immigranten einzuflĂ¶ĂŸen, um die Rekrutierung im Falle des Krieges einfacher zu machen. Und es war im Jahr 1916 als das Preparedness Movement (lanciert von den höchsten Behörden mit dem Ziel in der Verwaltungsbehörde Lobbying zu betreiben, die Nation von den Interessen fĂŒr das Land zu ĂŒberzeugen und sich auf den Krieg vorzubereiten) den Höhepunkt seiner TĂ€tigkeit erreichte. In diesem Zeitraum wurden auch Preparedness Parades durchgefĂŒhrt – am 13. Mai in New York (11 Stunden Truppenschau, 150.000 Teilnehmer und mehr als eine Million Zuschauer), am 17. Mai in Baltimore (7.000 Teilnehmer und mehr als 100.000 Zuschauer), am 3. Juni in Providence (52.000 Personen), am 14. Juni in Washington (60.000 Personen). Aber dieser militĂ€rische Bekehrungseifer, der speziell die staatlichen Verwaltungsbehörden, die Kirche und die Zivilgesellschaft einbezog, ging nicht ohne ZusammenstĂ¶ĂŸe und WiderstĂ€nde vonstatten. Ein Beispiel ist die Versammlung gegen den Krieg, die am 20. Juli 1916 stattfand und an der mehr als 4000 Subversive teilnahmen. Und es sind wahrscheinlich die Ereignisse des 22. Juli in San Francisco, welche die extremen Folgen zeigten zu denen dieser erbitterte Bruch in der Bevölkerung, geteilt zwischen den Verfechtern des laufenden Krieges und jenen, die sich ihnen mit Gewalt entgegensetzten, fĂŒhren könnte. An jenem Tag explodiert dort, nur wenige Minuten vor dem Beginn der Truppenschau, eine starke Bombe, die zehn Tote und vierzig Verletzte unter den Zuschauern verursachte. Ein Angriff, dem ein Brief an alle Zeitungen von San Francisco vorausgegangen war, in dem „die Exilierten der militĂ€rischen Regierungen von Italien, Deutschland, den Vereinigten Staaten“, die den Text unterzeichnet hatten, hinweisen: „unsere Proteste gegenĂŒber dieser Vorbereitungspropaganda haben sich als zwecklos erwiesen, deshalb sind wir dazu ĂŒbergegangen, fĂŒr den 22. eine kleine Aktion auszufĂŒhren, deren Echo in der Welt erklingen wird und zeigen wird, dass Frisco sehr gut weiß was zu tun ist, und dass der Militarismus uns und unseren Kindern nicht auferlegt werden kann ohne gewaltsamen Protest. […] wollen wir den patriotischen Heuchlern, die den Krieg preisen, aber dort niemals hingehen, eine echte Kostprobe des Krieges geben“. Ein Angriff, der von Artikeln in verschiedenen anarchistischen Zeitungen gefolgt wurde und diesen verteidigten, wie beispielsweise in The Blast aus San Francisco, in der Alexander Berkman schrieb: „wie schrecklich die Tragödie auch sei, sie stellt nur eine kleine Kostprobe dessen dar, was sich die Leute vom Wahnsinn der Preparedness erwarten können, aber millionenfach multipliziert […] es ist klar, dass die UnterdrĂŒckung und die Drohung von oben, und die Vorbereitungen fĂŒr die militĂ€rischen und industriellen Massaker, zwangslĂ€ufig zu einem bitteren Ressentiment und zu einem gewalttĂ€tigen Widerstand von unten fĂŒhren“. Ein gewalttĂ€tiger Widerstand von unten, der in der Folge, wie in den vorhergehenden Monaten, von einer intensiven Agitationsarbeit genĂ€hrt (Zeitungen, BĂŒcher, Treffen, Kundgebungen…) sowie von einer zĂ€hen und entschlossenen AktivitĂ€t (Demonstrationen, Störungen von Predigten, Zeremonien und patriotischen oder Initiativen zugunsten des Krieges) verwirklicht wurde, von denen die Ereignisse von Milwaukee des 9. September des folgenden Jahres, inmitten einer Periode der Reaktion, nur einige der Veranschaulichungen sind. An jenem Tag begab sich der italienische Pfarrer Augusto Giuliani, erbitterter Verteidiger des Krieges, zum dritten Mal in das Viertel von Bay View, um seine guten Worte des heiligen Geistes zu bringen, eine Lobrede auf das sich zutragende Massaker zu schwingen und seine Herdentiere anzutreiben, ihre eigene Pflicht zu erfĂŒllen, d.h. sich bei der Rekrutierungsstelle anzumelden. Die Anarchisten, die bereits das Fest der vorhergehenden Woche versaut hatten, fanden sich dieses Mal mit Polizisten konfrontiert, die den Priester beschĂŒtzten: Eine Schießerei fand statt, nachdem die GefĂ€hrten das Feuer eröffnet hatten, um sich gegen die SchlĂ€ge der Polizisten zu verteidigen. Zwei Anarchisten starben, einer wurde schwer verletzt und weitere elf wurden verhaftet. Die Rache ließ nicht lange auf sich warten: einige Monate spĂ€ter, wĂ€hrend die Verhafteten gerade verurteilt wurden, wurde eine Bombe vor die Kirche geworfen. Aufgrund eines glĂŒcklichen Zusammentreffens von UmstĂ€nden landete diese in einem Truppensaal der Polizeiwache. Dort setzte sie ihrer kurzen Existenz ein Ende und nahm die zehn anwesenden Bullen mit sich, worunter die Mörder der GefĂ€hrten. An jenem Ende des Jahres 1916 waren die Anarchisten regelmĂ€ĂŸig das Ziel der Repression und der immer „willkĂŒrlichere“ und heftigere Charakter, den diese annahm, lies den maßgeschneiderten Maulkorb, den die Regierung am Erschaffen war, durchscheinen. Aber es war ab dem 6. April 1917, als die Jagd nach den Subversiven die ZĂŒge echter und tatsĂ€chlicher SchlĂ€ge annahm. An jenem Tag verkĂŒndete der PrĂ€sident Woodrow Wilson offiziell den Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg und rief „diejenigen, die auf der Seite Amerikas stehen, am Anfang, am Ende und fĂŒr alle Ewigkeit“ zu dessen UnterstĂŒtzung auf. FĂŒr die RevolutionĂ€re verkĂŒndete diese befehlerische Aufforderung sich in die Reihen einzufĂŒgen, eine Intensivierung der Repression, erst recht fĂŒr die AuslĂ€nder, und eine zusĂ€tzliche EinschrĂ€nkung des von der liberalen Demokratie zugelassenen Spielraums (Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit…). Die Regierung verlangte den Gehorsam, die LoyalitĂ€t und die Zustimmung aller. Jedes „Recht auf Kritik“, das bis jetzt mehr oder weniger toleriert worden war, wurde nunmehr komplett unterdrĂŒckt. Den Krieg zu kritisieren, gegen seine Massaker zu protestieren, in einer Zeitung oder auf der Straße, wurde zu einem Akt des Verrats an der Nation, den sich ein legislatives Arsenals mitleidlos bezahlen ließ. Am 18. Mai verabschiedete der Kongress das Gesetz zur allgemeinen Wehrpflicht und stellte die fehlende Eintragung in der Einberufungsliste mit einem Jahr GefĂ€ngnis unter Strafe, und am 15. Juni trat der Espionage Act in Kraft, der die anarchistischen Zeitungen de facto verbot und damit auch die Beteiligung an diesen. In dieser Situation, in der der Krieg AuswĂ€rts den Krieg gegen den inneren Feind verschĂ€rfte, wurden die Feinde der Ordnung in die Enge getrieben; verstummen und alle TĂ€tigkeiten aufgeben oder andersherum weitermachen und sicher im GefĂ€ngnis enden; in die KlandestinitĂ€t ĂŒbergehen, umziehen, falsche IdentitĂ€ten annehmen, bei Freunden verstecken oder die Grenze (mit Kanada oder Mexiko) ĂŒberschreiten. Zwischen FrĂŒhling und Sommer 1917 war es diese letzte Option, die von den GefĂ€hrten um die Cronaca gewĂ€hlt wurde. Zwei GrĂŒnde scheinen den Fortgang motiviert zu haben. In erster Linie die Überzeugung, dass die Revolution, die einige Monate zuvor in Russland ausgebrochen war, sich auf den Rest von Europa, also Italien, ausbreiten wĂŒrde, und dass es viel leichter sein wĂŒrde von Mexiko aus dorthin zu reisen, als von den Vereinigten Staaten, die seit kurzem mit den Italienern verbĂŒndet waren. Und letztendlich die Möglichkeit fĂŒr die einen, einfacher den Umgang mit Waffen und Explosiven zu ĂŒben oder fĂŒr die anderen, die bereits Experten waren (vor allem dank der Veröffentlichung der Anleitung La Salute Ăš in voi! im Jahr 1906 und deren weitreichende Verbreitung ĂŒber die Jahre hinweg), ihr Können zu festigen. Welche die von den GefĂ€hrten getroffene Wahl auch sei, fĂŒr alle (ausgenommen jener, die sich aus dem Kampf zurĂŒckzogen) war das, was sie motivierte, der Wille um weiterhin zu handeln, damit die soziale Revolution ausbrechen wĂŒrde und die Überzeugung, dass es notwendig war sich auf die ersten aufstĂ€ndischen Funken vorzubereiten oder besser noch, diese anzuzetteln.

„Die Erfahrung hat uns gezeigt, dass [der Espionage Act] beabsichtigt war, [um] die libertĂ€ren Feinde des kapitalistischen Krieges zum Schweigen zu bringen, die Subversiven zu treffen, von denen die Bundes- und StaatsgefĂ€ngnisse gefĂŒllt waren. […] Aber was jetzt?! Der Krieg ist vorbei, aber alles bleibt in der AbsurditĂ€t bestehen, als ob der Frieden niemals geschlossen worden wĂ€re, der Kriegszustand ist immer in Kraft.“

Guerra in tempo di pace (Krieg in Zeiten des Friedens),

Tommaso, Cronaca Sovversiva,

20. MĂ€rz 1919

Letztendlich ist die Refl exion in Bezug auf den Antimilitarismus, die immer noch gefĂŒllt ist von allen PotenzialitĂ€ten, die uns von diesen sich im Umfeld der Cronaca befindenden Anarchisten ĂŒbermittelt werden, dass der Krieg und der Frieden zwei Aspekte, zwei Momente des gleichen PhĂ€nomens sind: In Zeiten des Krieges wie in Zeiten des Friedens muss sich das Proletariat, mit Blut und Schweiß, des Reichtums, der Herrschaft, der Allmacht einer Minderheit vergewissern, die es ausbeutet und regiert, und dass der einzige Weg zur Freiheit die Revolution ist. Dass die Reaktion in Zeiten des Friedens und in jenen des Krieges dieselbe ist. Das was sich Ă€ndert ist die IntensitĂ€t, wie es zu jener Zeit durch die FĂŒlle an Prozessen, die GefĂ€ngnisstrafen, das Verbot der Zeitungen, die PlĂŒnderungen ihrer RĂ€umlichkeiten, die Razzien, die EntfĂŒhrungen, die Deportationen und die Tötungen gegen alle Subversiven bewiesen wurde. Dass der Antagonismus der gleiche bleibt, mit den Verfechtern der sozialen Ordnung auf der einen Seite und jenen, die sie umstĂŒrzen wollen auf der anderen. Ein Antagonismus, der durch den Konflikt an seine Ă€ußeren Limits gedrĂ€ngt und mit der Aktion vertieft werden muss. Eine kollektive Aktion, denn diesen GefĂ€hrten zufolge ist keine Revolution denkbar ohne der Teilnahme des „Proletariats“. Ein Proletariat, das nie als kopflose Masse betrachtet wurde, die es zu mobilisieren galt, sondern als eine Gesamtheit von Individuen, deren authentische und subjektive RadikalitĂ€t sich im Kampf ausdrĂŒcken können muss, der beste Schutz gegen die Logik der Gehorsamkeit, die das Heraufkommen einer neuen Herrschaft erlaubt, sei sie auch revolutionĂ€r. Individuen, die nach ihrem eigenen Bewusstsein handeln, und deren Mut, Gewagtheit und Energie ansteckend werden können. Daraus ergibt sich, vielleicht zuallererst, die Notwendigkeit der individuellen Aktion, die ihren Platz ebenso außerhalb des Kampfes findet, um diesen zu entfachen und zu entfesseln, wie an seinem Inneren, um ihn zu fördern, zu stĂ€rken oder zu radikalisieren. Eine spĂŒrbare, verkörperte Auffassung des Handelns, wenn man an die Welle der Sprengstoff- oder BrandanschlĂ€ge gegen die Gerichte, Richter, Kommissariate, Kirchen und Regierungsinstitutionen, Politiker, Fabriken, Industrielle etc. denkt, die ab 1914 gegen die Vereinigten Staaten brandeten. Angriffe, die noch relevanter wurden im Jahr 1919, mitten in der Jagd auf die Roten und nach unzĂ€hligen Deportationen von italienischen Anarchisten. Angriffe, die zugleich von der Entschlossenheit und der organisatorischen FĂ€higkeiten zeugten, unter anderem auch aufgrund ihrer Koordination.

Am 30. Dezember zerstört eine Bombe in Philadelphia das Haus von Ernest T. Trigg, dem PrĂ€sidenten der Handelskammer, und zur gleichen Zeit eine andere jenes des Polizeikommissars William B. Mills, und jenes des Bundesrichters Robert von Moschzisker, anschließend wurde noch eine vierte gefunden, im dritten Stock eines BundesgebĂ€udes, vor der TĂŒr eines PolizeibĂŒros, nahe des BĂŒros des Staatsanwalts Francis Fisher Kane. An allen diesen Orten wurden hunderte FlugblĂ€tter gefunden, die „an die Ausbeuter, an die Richter, an die Polizisten, an die Soldaten“ gerichtet waren.

Im Februar 1919 wurde ein Flugblatt mit den Titel Go-Head! (VorwĂ€rts!) und unterzeichnet mit Die amerikanischen Anarchisten in ganz New England verbreitet, das nachdrĂŒcklich beteuerte: „[…] Wir, die amerikanischen Anarchisten, protestieren nicht, denn es ist zwecklos, Energie mit blöden Personen zu verschwenden, die von unserer MajestĂ€t Phonograph Wilson gefĂŒhrt werden. Glaubt nicht, dass nur die AuslĂ€nder Anarchisten sind, auch hier sind wir in großer Zahl. Die Deportation wird den Sturm nicht davon abhalten unsere Ufer zu erreichen. Der Sturm ist hier und sehr bald wird er euch ĂŒberfl uten, euch zerquetschen, euch im Blut und im Feuer vernichten. Ihr habt uns kein Mitleid gezeigt. Wir werden das gleiche tun. Deportiert uns! Wir werden euch in die Luft sprengen! Deportiert uns alle oder lasst uns alle frei!“. Im Jahr 1915 hatte die Cronaca einen Artikel veröffentlicht, der den 1. Mai kritisierte und einigen Anarchisten vorwarf, „den 1. Mai zu wĂ€hlen, um einmal pro Jahr die eigenen revolutionĂ€ren Überzeugungen zu bekrĂ€ftigen, um dann die eigene Machtlosigkeit in der kollektiven Feigheit der restlichen Tage des Jahres zu verstecken, wodurch er zu einem absurden, vollkommen unsinnigen Akt wird“, und die Initiativen honorierte, die darauf abzielen „stattdessen eine große Menge an Individuen […] ein unerschĂŒtterliches revolutionĂ€res Bewusstsein zu erschaffen“ und bekrĂ€ftigte, dass „die RevolutionĂ€re das ganze Jahr, Tag fĂŒr Tag, ihren RevolutionĂ€rismus mit Wort und Tat bestĂ€rken mĂŒssen, dass die Arbeiter beweisen mĂŒssen, dass sie fĂ€hig sind, der Ausbeutung der Arbeitgeber zu widerstehen“. Aber an jenem 1. Mai 1919 hatte sich die Situation geĂ€ndert. Zwischen dem 22. und dem 26. April waren um die dreißig Paketbomben direkt an die Wohnsitze der Politiker, Staatsbeamten und GeschĂ€ftsmĂ€nner verschickt worden, die (wenn sie nicht einfach und schlichtweg bedeutungsvolle Vertreter des Kapitalismus waren) gemein hatten, sich in der Umsetzung der Einwanderungspolitik, der Entwicklung des 1914 in Kraft getretenen repressiven Arsenals oder in der Repression gegen die subversive Bedrohung, ausgezeichnet zu haben. Unter ihnen Alexander Mitchell Palmer, Justizminister, Albert S. Burleson, Generaldirektor der Post (der den Postversand der revolutionĂ€ren Presse verboten hatte), William B. Wilson, Arbeitsminister (dessen Aufgabe es war, die Deportationsgesuche zu genehmigen), Anthony Caminetti, Generalbeauftragter fĂŒr Immigration, Frederick C. Howe, Beauftragter fĂŒr Immigration in Ellis Island, John D. Rockefeller, J. P. Morgan, Richard E. Enright, Polizeikommissar von New York, Kenesaw M. Landis, Bundesrichter, Charles Fickert, Staatsanwalt des Distrikts von San Francisco… Eine Vorwarnung, wie man in der Cronaca des 1. Mai lesen kann, an „jene, die auf der anderen Seite [der Barrikaden] auf dem wahnsinnigen Vorsatz beharren, den Weg zum Fortschritt, zur Freiheit zu einem neuen Menschwerden mit wilder Repression, mit Knebel und GefĂ€ngnis zu versperren“.

Einen Monat spĂ€ter, in der Nacht des 2. Juni 1919, werden acht Bomben, jede bestehend aus fast zehn Kilo Dynamit und von den selben fachkundigen HĂ€nden hergestellt, direkt an den Wohnsitzen des Richters Albert F. Hayden (Boston), des Abgeordneten Leland W. Powers (Newtonville), des Richters Charles C. Nott Jr. (New York), des SekretĂ€rs der Handelskammer John J. Fitzgerald (Paterson), des Richters William H. Thompson und des Hauptinspektors des EinwanderungsbĂŒros (Pittsburgh), des BĂŒrgermeisters Harry L. Davis (Cleveland), des Justizministers Alexander Mitchell Palmer (Washington), eine vor der Victoria Kirche (Philadelphia) und eine andere vor einem Juwelierladen (wahrscheinlich von den AttentĂ€tern wĂ€hrend der Flucht zurĂŒckgelassen, um sie loszuwerden) abgeliefert. Ein Flugblatt mit dem Titel „Parole Chiare“ (Klare Worte), das an den ausgewĂ€hlten Wohnsitzen zurĂŒckgelassen wurde und mit The Anarchist Fighters unterzeichnet war, polterte: „Wir haben von der Freiheit getrĂ€umt, wir haben von der Freiheit gesprochen, wir haben uns nach einer besseren Welt gesehnt und ihr habt uns eingesperrt, geprĂŒgelt, abgeschoben, ermordet so oft ihr konntet. Jetzt, da der große Krieg vorbei ist, gefĂŒhrt, um eure Taschen zu fĂŒllen und einen Sockel fĂŒr eure Heiligen zu erbauen, um die gestohlenen Millionen und den ungerechterweise erlangten Ruhm zu beschĂŒtzen, bleibt euch nichts anderes mehr, als die ganze Macht der mörderischen Institutionen, die ihr zu eurer ausschließlichen Verteidigung erschaffen habt, gegen die Menschenmengen an Arbeitern, aufgestanden fĂŒr eine menschlichere Lebensauffassung, zu richten. Die GefĂ€ngnisse, die Verliese, die ihr gebaut habt, um alle Stimmen des Protests zu beerdigen, sind jetzt voll mit bewussten Arbeitern, die schmachten, und niemals zufrieden erhöht ihr deren Zahl tĂ€glich. Es ist Geschichte von gestern, dass eure Meuchelmörder die unbewaffneten Massen in großen Mengen geschlagen und getötet haben; es ist die Geschichte eines jeden Tages in eurem Regime; und jetzt sind alle Aussichten noch schlechter. Erwartet nicht, uns betend und heulend sitzen zu sehen. Wir nehmen eure Herausforderung an und gedenken euren Kriegspflichten nachzukommen. Wir wissen, dass alles was ihr macht, zum Schutz unserer Klasse dient; wir wissen auch, dass die Proletarier das gleiche Recht haben, sich zu schĂŒtzen, wo ihre Presse erstickt und mit einem Maulkorb versehen wurde; Wir beabsichtigen fĂŒr sie mit der Stimme des Dynamits zu sprechen, durch den Mund der Waffen. Sagt nicht, dass wir wie Feiglinge handeln, da wir versteckt bleiben, sagt nicht, dass es verabscheuungswĂŒrdig ist; es ist Krieg, Krieg der Klassen, und ihr wart die ersten dabei, unter dem Deckmantel mĂ€chtiger Institutionen, die ihr Ordnung nennt, in der Dunkelheit eurer Gesetze, beschĂŒtzt von den Waffen eurer dummen Sklaven.“

Der große Krieg war vorbei, ja, aber nicht der „gute Krieg“ dieser Anarchisten, der keinen Waffenstillstand kannte. Jener, zu dem sie in Zeiten des Friedens anspornten, und jener an dem sie auch weiterhin teilnahmen, als der Krieg dazu neigte sich durch einen Schneeballeffekt, wie eine unausweichliche RealitĂ€t des Moments, durchzusetzen. Eine RealitĂ€t, in der sie mit ihren anarchistischen Idealen den Kurs beibehielten und weiterhin vorwĂ€rts gingen, denn sie hatten Ideen als Kompasse, Leidenschaft als Winde und Karten, die sie immer wieder in ihren Zeitungen und auf ihren Treffen prĂ€zisierten. Wenn der Krieg sie nicht ĂŒberrascht hatte, dann weil sie vorbereitet waren, es gewohnt waren im sozialen Krieg zu handeln und eine Fortdauer mit einer speziellen Spannung zu entwickeln: Im Kampf gegen den „Frieden“, bereit und auf die Gelegenheit der Herausforderung der zukĂŒnftigen KĂ€mpfe lauernd.

[1] Anarchistische Wochenzeitung in italienischer Sprache, die zwischen 1903 und 1919 in den Vereinigten Staaten mit einer Aufl age von 4000 Exemplaren erschien. Die Redaktion zog im September 1911 nach Boston, nach dem sie sich anfangs in Barre, Vermont, niedergelassen hatte.

[3] Paroles claires. La „bonne guerre“ des anarchiste italiens immigrĂ©s aux Etats-Unis (1914-1920, Editions L’AssoiffĂ©, Juni 2018, S. 95

[4] Zum Beispiel am 25. Juli 1915 in Philadelphia nach einem Angriff der Agenten des Konsulats und deren Schergen wĂ€hrend eines Treffens gegen den Krieg. Am 2. Oktober 1915 in Detroit, nachdem ein Anarchist an einer patriotischen Zeremonie das Wort ergriff, um den Redner zu widerlegen. Am 27. Mai 1916 in Cleveland an einem anarchistischen Treffen in der Öffentlichkeit.

[5] Zu Themen wie Der Krieg und das Proletatriat, Der Krieg und das Vaterland, Krieg, Vaterland und Religion, Der Krieg und die Anarchisten, Krieg dem Krieg, Der aktuelle Krieg und die Arbeitslosigkeit, Der europÀische Krieg und Italien, Die Anarchisten und der europÀische Krieg, Unsere NeutralitÀt und der Krieg, Der Krieg hier und dort, Die Psychologie des Krieges, Die Frau und der Krieg, Gott und der Krieg, Der Krieg und das Privateigentum.




Quelle: Anarchistischebibliothek.org