MĂ€rz 11, 2021
Von Anarchistische Bibliothek
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Es gibt so etwas wie einen Raum, ein Raum in dessem Inneren Windstille herrscht, abgeschirmt von dicken WĂ€nden Plexiglas, in welchem Inneren sich die neue technokratische Elite aufhĂ€lt, die dort arbeitet, dorthinein nur einlĂ€dt, wen sie wĂŒnscht, und in die hinein nichts dringen darf, was stören könnte. Wenn wir frĂŒher als Anarchisten gegen Politiker kĂ€mpften so sind wir heute zunehmends in der Situation, wo wir gegen einen PlexiglaswĂŒrfel kĂ€mpfen, der aber unerreichbar ist (der aber sehr wohl mit Energie und Informationen versorgt werden muss und diese Verbindungen können nicht alle abgeschirmt werden). Das Problem der Massen ist der Wunsch nach Dialog mit diesem WĂŒrfel, einen Dialog, der niemals stattfinden kann, weil dieser sakrale, sterile Ort abgeschirmt ist. All die Massen an Kritiken an den Massnahmen in denen wir uns heute wiederfinden, sind als wĂŒrde man am tiefsten Talspunkt einer Burg stehen und diese Kritiken, am Wasserfall vorbei an den höchsten Punkt der Burg schreien wollen, dort wo der FĂŒrst sitzt. In einer solchen Situation befinden wir uns heute. Die Linke und darunter speziell hervorzuheben die radikale Linke, hat sich glorreich hervorgetan als Umgarner und Komplize die Herrschaftsphantasien wahr werden zu lassen. Abgesehen von den offensichtlichsten aller Neuerscheinungen der herrschaftlichen Vorgehensweisen, möchte ich hier ein paar wenige genauer betrachten. In einer Kleinstadt in Italien kam es zu dem Fall, bei welchem die BĂŒttel des Staates in Form von Carabinieri in eine Kirche eindrangen, und den lokalen PĂ€dophilen mehrmals unterbrachen, und sogar von ihm verlangten, wĂ€hrend der Messe mit dem HĂ€uptling seiner Einheit am Telefon zu sprechen. Dieser Vorgang wurde auf Video aufgezeichnet und kann nachgeschlagen werden. Hier geht es natĂŒrlich nicht darum, sich ĂŒber zwei verschiedene Ausformungen meiner Feinde und der Tatsache, dass sich diese beiden gegenseitig Ă€rgern, die eine mit der “Unverfrohrenheit” eine Messe, mit einer Handvoll Leute zu gestalten, Sicherheitsabstand und Masken mit eingeschlossen, und die andere ĂŒber das erzwungene Unterbrechen selbiger, Abstrafungen der GlĂ€ubigen und des PĂ€dophilen inkludiert. Das was mich hierbei zum Nachdenken angeregt hat, ist der Vorgang, und die Wertigkeiten innerhalb des ausbeuterischen Systems. Einerseits sind keine RĂŒckzugsorte gestattet, wie die Kirche traditionell einen solchen in der Gesellschaft darstellt, zumindest nach den jeweiligen Überlieferungen, gleichsam sind keine Ungehorsamen gestattet, wie das speziell in Italien mit der Vorgehensweise der zahlreichen Polizeieinheiten eindrucksvoll unter Beweis gestellt wurde. Die Liste der scheinbar willkĂŒrlichen Handhabungen der Polizei ist so immens lang und scheinbar chaotisch, dass eine vollstĂ€ndige Auflistung sinnlos wĂ€re, abgesehen einmal von der ÜberflĂŒssigkeit und der Zeitverschwendung von einem solchen Unternehmen. Auffallend ist zweitens die Tatsache, dass der durchschnittliche Carabiniere dem katholischen Glauben angehörig ist. Und das ist das eigentlich Besondere. Wir wissen, dass Bullen ganz im Allgemeinen einfach ihren Befehlen nachgehen, aber wie sonst ĂŒblich geht es hier nicht um eine einfache Kontrolle von einem gesetzlichen Vergehen, der Staat und das techno – wissenschaftliche System, das nunmehr ĂŒber Jahre aufgebaut wurde, verlangt von dem Beamten und zwingt ihn in Folge, mit seiner Weltanschauung zu brechen, d.h. er setzt sich ĂŒber die GottesfĂŒrchtigkeit hinweg und nötigt auch den Beamten dazu, selbiges zu tun. Die Rede vom Tod Gottes ist nun wirklich nichts neues, aber eine derartige Verdinglichung ist dennoch eine Seltenheit. Dem Pfaffen ist der Schock der Situation auch ins Gesicht geschrieben. Er kann nicht fassen, was sich dabei vor seinen Augen abspielt und in welchem TheaterstĂŒck er sich unfreiwillig, tragisch-humoristisch wiederfindet. Er schliesst die Messe mit den Worten, seine Pfarre wĂŒrde natĂŒrlich die fĂ€llig gewordenen Strafzahlungen ĂŒbernehmen und ringt perplex um kalmierende Worte. Die Symbolik der letzten Jahre verdinglicht sich mehr und mehr in solcherlei Situationen, in denen klar wird, dass sich eine Hierarchieverschiebung innerhalb der MĂ€chtigen vollzieht. Der Papst hielt sein Ostergebet vor einem leeren Platz ab, wo sonst tausende von Menschen zugegen gewesen wĂ€ren. Dennoch, oder zynischer gesagt, gerade deswegen, werden als Vermittlungshelfer, technologische KanĂ€le auf dem Internet angeboten. Das gespenstische Gebet wird mit Hilfe des Fernsehens und des Internets schlichtweg in die Wohnzimmer der Millionen und Abermillionen von GlĂ€ubigen ĂŒbertragen. Wer keinen Zugang zu derlei technischem Firlefanz hat ist offensichtlich von den Gebeten ausgeschlossen. Kirchen geschlossen, GlĂ€ubige abgestraft, der Papst alleine auf weiter Flur, damit bleibt defacto nur mehr das Beten im eigenen Hausarrest.

Eine andere Form des Glaubens wurde gerade eben vorgefĂŒhrt, von den eigentlich sonstigen Protagonisten dieses Glaubens. Der Glauben des offiziellen, staatlichen Antifaschismus. Die Linke hat gezeigt, auf welcher Seite der KĂ€mpfenden sie sich befindet. Der 25te April ist in Italien nationaler, politischer Feiertag. Gefeiert wird die Befreiung vom Faschismus. Von 23 Jahren Faschismus um genau zu sein, und gefeiert wird (bzw. wurde) die Grundsteinlegung der Republik Italiens. Heuer [2020] war dem anders, die Leute blieben zuhause. Abgesehen von ein paar wenigen Versuchen, Partisanen in Mailand oder Rom zu ehren und der gefolgten völlig ausufernden Repression der Behörden, die intensiv physische Gewalt gegen ein paar Einzelne aufbrachten, um diese dazu zu zwingen wieder nach Hause zu gehen, blieben die Leute in ihren gemĂŒtlichen Kerkern. Es war schlichtweg still im Land. AngekĂŒndigte Flashmobs von den Knastbalkonen der Wohnzimmer der Leute in welchen Bella Ciao gesungen und gespielt werden sollte, fanden nicht statt. Oder nur sehr selten. Das GrundverstĂ€ndnis, dass, wie auch immer man zu einer solchen Art von Antifaschismus stehen mag, Faschismus nur in den Strassen bekĂ€mpft werden kann und somit folglich auch gefeiert werden kann, ist nunmehr Vergangenheit. Wer von diesen Linken und radikalen Linken glaubt, das einfach “nachzuholen” oder im nĂ€chsten Jahr “doppelt zu feiern”, hat die folgende Fabel noch nicht gehört:

Ein Ritter reitet des Wegs und kommt an ein Bauernhaus, bekannt fĂŒr seinen Macchiavellismus und seiner Lust seine Position zu unterstreichen, ruft er das Bauernehepaar heraus. Er sagt dem Bauern, dass er nun dazu ĂŒbergehen wird seine Frau zu ficken, aber nicht ohne dass dieser ihm dabei seine Eier halten mĂŒsse. Nach getaner Vergewaltigung schwingt er sich wieder auf sein Pferd und reitet weiter. Die entsetzte Frau schreit ihren Ehemann an, warum er zur Hölle nichts getan hĂ€tte und einfach die Vergewaltigung zugelassen hĂ€tte, worauf dieser lapidar, naiv und igorant antwortet: “Aber ich hab ihm doch seine Eier nicht gehalten”.

Nicht dass uns die Handlungen, oder genauer das Tun der Linken und radikalen Linken wirklich ĂŒberraschen kann, zu gut wissen wir ĂŒber die Ideologien, welchen diese folgen, aber einen Kommentar ist es dennoch wert. Vielleicht einfach nur um den Moment auf Papier zu bringen, den diese selber nicht festhalten wollen, so wie der Bauer die Eier des Ritters nicht festhalten wollte, wĂ€hrend seine Frau vergewaltigt wurde. Irgendwas konkretes ist hier passiert. Angst vor dem Virus kann es nicht sein, dass praktisch ein ganzes Land einer solch hochgehaltener Tradition nicht nachgeht, einer Tradition, die auf den Tod von einer viel grösseren Zahl von Partisanen hinweist, die ĂŒber lange Jahre einem viel grösseren Risiko ausgesetzt waren und die vermutlich auf die Gefahr eines solchen Virus hin, nur gelacht hĂ€tten im Angesicht des dauernd möglichen Todes, bzw. aus dem Untergrund heraus agieren mĂŒssens und den vielen sonstigen Entbehrungen, welchen Partisanen natĂŒrlicherweise unterworfen waren. Angst vor Strafen kann es auch nicht sein aus ebensolcher UnverhĂ€ltnismĂ€ssigkeit bezĂŒglich der kĂ€mpfenden Partisanen von offen faschistischen Epochen. Vielleicht haben wir nunmehr das EingestĂ€ndnis bezeugen dĂŒrfen, sich dem neuen modernen Glauben an die Technologie zu unterwerfen und dem neuen technokratischen Staatsgebilde, welches die alte Republik abgelöst hat, um die neuen Zeiten einzulĂ€uten. Und die Linke hat mit ihrer Stille mitgelĂ€utet, die schon sichtbaren Zeichen der letzten Jahre offiziell gemacht. Das GrundverstĂ€ndnis, “Antifaschismus ist die Strassen zu besetzen und gegenĂŒber den Faschisten zu verteidigen”, ist abgelöst worden von der Unterwerfung der Bildschirme, phantastischen Videoheimproduktionen, sowohl pornographischer Art als auch dem Genre der Balkonvideos, die dabei auch als eine Art “Widerstand” gegen alles mögliche gesehen werden wollen. Was der Sinn von diesem Genre ist, geht uns dabei natĂŒrlich nicht auf, denn der Glauben, dass ein Video irgend etwas auslösen könnte, ist eben ein solcher; Glaube. Das Vertrauen an die eigenen HĂ€nde, Arme, Beine, FĂŒsse, und das Denkvermögen wurde mit diesem Glauben ersetzt. Wo frĂŒher die Leute den Weg in die Strasse gefunden hĂ€tten, wenn jemand von der Polizei in aller Öffentlichkeit gefoltert worden wĂ€re, hat sich im Gehirn nunmehr ein neuer Pfad gebildet, der Impuls des Sehens, wird nunmehr mit einem AufnahmegerĂ€t verbunden, an welchem schon der Gedanke der Veröffentlichung verknĂŒpft ist. Lange Zeit hat es nicht gedauert, dass das technokratische System den Leuten eine neue neurologische Bahn ihn ihr Gehirn legen konnte. Aber anstatt, dass Blumentöpfe von den Balkonen fliegen um die StaatsbĂŒttel aus den Strassen zu vertreiben, wird die eigene Strasse zur BĂŒhne von besagtem Balkonvideo-Genre gemacht. Ob dabei jemand misshandelt wird, ist letztlich egal, den schliesslich ist auf diese Weise die eigene Langeweile wenigstens etwas verringert worden. So sieht der neue Antifaschismus aus.

Und um in diesem kurzen Kommentar zum 25ten April 2020 in Italien zu einem Ende zu kommen, wieder zur einleitenden Burgmetapher. Die Intentionen der Artikel, Kommentare, Balkonvideos mögen ja nicht alle völlig jenseitiger Natur sein, aber gegen einen Wasserfall zu schreien wĂŒrde niemandem einfallen, all diese Arbeit, die dabei umgesetzt wird, aber sehr wohl. Nutzlosigkeiten, absolute Nichtigkeiten des neuen Nullismus in dem wir leben, der Umkehrungen der Werte. Wir sind von Psychopathen in die Knie gezwungen worden. Abgesehen von der Tatsache, dass ein Psychopath uns nicht im geringsten Aufmerksamkeit schenken wĂŒrde, wenn wir vor ihm stĂŒnden um unsere Forderungen und WĂŒnsche vorzutragen und die FĂŒrbitten und Bitte, Bitte, unser Überleben sichern zu lassen, eines Lebens, das vorher schon erbĂ€rmlich war, hat sich dieser fĂŒrstliche und königliche Psychopath aber viel besser abgesichert, er hört dieses weinerliche Lamentieren gar nicht. Einerseits nicht wegen dem Plexiglas”wasserfall”, andererseits wegen der psychologischen Struktur eines solchen Psychopathen, die gezeichnet ist von absoluter UnfĂ€higkeit bzw. Unwilligkeit zuzuhören, diesem und damit all seinen Co-Psychopathen, geht es um den eigenen Vorteil, Punkt und Aus. Solange wir auch nur andenken in Dialog mit einer Horde Psychopathen zu gehen, finden wir nur in einem Moment unsere Erlösung, in unserem Tod. Sklaven bitten und flehen fĂŒr das eigene Überleben, Krieger kĂ€mpfen mit allen notwendigen Mitteln auf sowohl strategischen Ebenen, als auch ĂŒber sozial- revolutionĂ€ren Bindungen gegen die Ausbeutung. Wer wirklich Schluss machen will mit diesem idiotischen Verhalten, dieser völlig ausser Kontrolle geratenen Psychopathie, hört erstens auf damit zu versuchen in Dialog zu treten mit diesen und zweitens fĂ€ngt er auf bestmöglichem Weg an, diese klug und ernsthaft zu bekĂ€mpfen.




Quelle: Anarchistischebibliothek.org