Oktober 13, 2021
Von Anarchistische Bibliothek
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In unzĂ€hligen Diskussionen – und noch schlimmer: in den tĂ€glichen AktivitĂ€ten von Vielen – kommen die Beteiligten immer wieder auf den selben Punkt. Der Suche nach Leuten, fĂŒr die man kĂ€mpfen kann und denen man mit seinem kĂŒmmerlichen Aktivismus „helfen“ könne. FrĂŒher wurde das von anderer Seite bereits polemisch als die „Suche nach dem politischen Subjekt“ benannt, egal ob es sich dabei um „die“ Frauen, „die“ GeflĂŒchteten“, „die“ Arbeiter*innen oder was auch immer handelt.

Dabei wird schnell deutlich, dass „die“ nicht alle gleich sind und vor allem nicht die gleichen GrĂŒnde und Motivationen fĂŒr einen gemeinsamen Kampf haben, denn „die“ existieren lediglich als konstruierte soziale Kategorie. Jeder Mensch ist individuell unterschiedlich und hat dementsprechend andere AnsĂ€tze, Erfahrungen und Perspektiven. Wie dem auch sei, natĂŒrlich gibt es immer wieder gemeinsame KĂ€mpfe und Momente und das ist auch gut so. Aber die Betonung muss hier auf „gemeinsam“ liegen. Ich bin auf der Suche nach Kompliz*innen, mit denen ich zumindest teilweise Analysen teile und vor allem ZugĂ€nge zum KĂ€mpfen. Ich will diese Zivilisation und ihre Gesellschaft, ihre Wirtschaft und ihre AutoritĂ€t, all ihre auf Waren beruhenden Beziehungen, in TrĂŒmmern liegen sehen und dazu brauche ich VerbĂŒndete und keine „Opfer von irgendwas“, denen ich helfen kann und im schlimmsten Fall mit den Herrschenden in Dialog treten muss, um Rechte oder „Verbesserungen“ zu beantragen.

Bei dieser weit verbreiteten Suche nach „politischen Subjekten“ passieren mindestens drei Dinge:

1. die „politischen Subjekte“ werden zwangslĂ€ufig viktimisiert, d.h. in eine Opferposition gesetzt (auch wenn das rhetorisch und sprachlich natĂŒrlich weitestgehend vermieden wird). So werden um vielleicht eines der besten Beispiele zu nennen, Leute idealisiert, die in Scheiß-Jobs arbeiten und womöglich werden ihnen irgendwelche obskuren Ideen vom Kommunismus und dem Ende der Lohnarbeit durch Automatisierung in Aussicht gestellt – oft von Student*innen oder irgendwelchen anderen Leuten, die in keinster Weise die LebensrealitĂ€t von denen teilen, die sie damit erreichen wollen. Wenn man diesen Blick auf Menschen hat, wundert es kaum, dass ein Zusammenkommen auf Augenhöhe nicht stattfinden kann. Und eine Revolte, die auf die Zerstörung all dessen abzielt, was uns von unserer Freiheit trennt, muss zwangslĂ€ufig die Zerstörung der einschrĂ€nkenden sozialen Rollen beinhalten, so dass sich Alle abseits von sozialen Normen und Kategorien so entfalten können, wie sie es wollen. Diese Viktimisierung bestimmter Individuen nĂŒtzt weder denen, die sie erfahren, noch denen die sie betreiben, sondern lediglich der Reproduktion der bestehenden Trennung zwischen Individuen, die andernfalls Kompliz*innen werden könnten.

2. meine eigenen KĂ€mpfe werden damit aus meiner Hand genommen, ich kĂ€mpfe „fĂŒr“ jemand anders und nicht „mit“ jemand anders zusammen. Wenn ich an der Zerstörung des Komplexes GefĂ€ngnis interessiert bin, dann deshalb, weil es ein tagtĂ€glicher Teil meines Alltags ist, auch wenn ich mich nicht tagtĂ€glich innerhalb von GefĂ€ngnismauern bewege. Aber die Drohung dieses physischen Ortes ist in dieser Gesellschaft allgegenwĂ€rtig und als Anarchist*in nicht vernachlĂ€ssigbar. Denn meine AktivitĂ€ten richten sich natĂŒrlich u.A. gegen das „herrschende Gesetz“ und daher ist die Möglichkeit des Eingesperrtwerdens eine immer prĂ€sente Option in meinen KĂ€mpfen. Auch gilt diese Drohung an alle Unangepassten, Kriminellen, usw. NatĂŒrlich so lange, wie Individuen hinter Mauern gefangen genommen werden und daher können wir alle nicht frei sein, solange es den Komplex des GefĂ€ngnisses gibt. Das ist der Grund fĂŒr meine Revolte dagegen, nicht weil ich bessere Haftbedingungen fĂŒr XY bei den Herrschenden erbetteln will oder will, dass eine bestimmte Gruppe nicht in den Knast muss. Sonder dass niemand in den Knast muss, allem voran ich selbst nicht.

3. Diese „Aktivist*innen der Anderen“ laufen damit immer irgendeiner sozialen Kategorie, einem Ort, einer Zeit hinterher und vergessen dabei, dass der beste Kampfplatz der Ort ist, an dem sie sich gerade befinden (also ihr Leben). Und dass die beste Zeit Jetzt ist. Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass es ĂŒberall und zu jeder Zeit möglich ist, zu kĂ€mpfen und fĂŒr etwas Wirbel zu sorgen, unabhĂ€ngig davon, ob ich gerade viele Kompliz*innen an meiner Seite habe oder ob ich allein handeln muss/will. Die Art und Weise wie das aussieht und die IntensitĂ€t mit der KĂ€mpfe von Anderen aufgegriffen und weitergetragen werden, ist aber sicher vom momentanen Kontext abhĂ€ngig und keinesfalls uninteressant.

Ich bin nicht der Meinung dass „jede*r ihres/seines eigenen GlĂŒckes Schmied*in ist“, wie dieses Sprichwort behauptet. Zumindest nicht, was den gleichen Zugang zu Ressourcen (materiell oder nicht) in dieser verschissenen Welt angeht. Dieses Sprichwort hat nur insofern einen Wert, als dass es darauf ankommt, ob ein Individuum gegen seine/ihre Lebensbedingungen rebelliert oder nicht – sprich eine aktive oder eine passive Rolle im Leben und im Kampf einnimmt.

Ich stimme zu, dass es wichtig ist, sich nicht nur um „den eigenen Scheiß“ zu kĂŒmmern und die Augen offen zu halten fĂŒr andere Perspektiven abseits von meiner eigenen. Denn selbstverstĂ€ndlich ist meine eigene Perspektive und mein eigener Blickwinkel von meinen Erfahrungen und LebensumstĂ€nden geprĂ€gt und mitunter auch eingeschrĂ€nkt.

Ich handle, um VerĂ€nderungen herbeizufĂŒhren und nicht um den AutoritĂ€ten MissstĂ€nde aufzuzeigen, die sie dann entschĂ€rfen und wieder ins System integrieren können. Ich will keine Fehler des Systems ausbessern sondern der Fehler im System sein. Wenns dir genauso geht, antworte auf diesen Text. Wenn nicht und du diskutieren willst, auch.




Quelle: Anarchistischebibliothek.org