Mai 17, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Ein kurzer Kommentar zum antagonistischen Diskurs zum Ausnahmezustand wÀhrend der Pandemie, zur Querfront und zu antiautoritÀren Perspektiven.

Anmerkung: In Ermangelung eines passenderen Begriffs, welches Anarchist_innen und Linke mitmeint, verwenden wir den Begriff „Antagonistische“.

Im Oktober und November letzten Jahres verfasste unsere GefĂ€hrtin Fox zwei BeitrĂ€ge zur Situation der Antagonistischen im deutschen Raum hinsichtlich der Corona-Pandemie. Beide BeitrĂ€ge stießen ĂŒberraschenderweise auf viel positive Resonanz — ĂŒberraschend deshalb, weil der antagonistische Diskurs zu dieser Zeit weiterhin weitestgehend das staatliche Narrativ verfolgte und antiautoritĂ€re Perspektiven Mangelware waren.
UrsprĂŒnglich war eine ganze Serie an Pandemie-BeitrĂ€gen geplant. Daraus ist leider nichts geworden, da Fox Ende Dezember aufgrund persönlicher UmstĂ€nde eine Auszeit nahm und sich auch weiterhin in einer Auszeit befindet. Nach all diesen Monaten wollen wir nun also einen erneuten Blick auf antiautoritĂ€re Perspektiven in der Pandemie werfen und reflektieren, was sich geĂ€ndert hat und was gleich geblieben ist.

„Die antiautoritĂ€re Bewegung in Deutschland war bereits vor der Pandemie geschwĂ€cht. Nun muss man sich so langsam die Frage stellen, ob sie nicht bereits im Sterben liegt.“

Dieser Satz wurde im November 2020 verfasst. Und es ist erschreckend festzustellen, dass dieser Satz heute umso mehr seine GĂŒltigkeit behĂ€lt. Nein, die antagonistischen Bewegungen im deutschen Raum liegen nicht einfach nur im Sterben, sie sind in die völlige Bedeutungslosigkeit gesunken.

#AlleRausHier im Zuge der Debatten um Ausgangssperren war fĂŒr viele ein Hoffnungsschimmer, uns eingeschlossen, aber was können wir festhalten? Die Ausgangssperre ist da — in Bayern ĂŒbrigens seit etlichen Monaten ohne jeglichen nennenswerten Widerstand — und obwohl es den Eindruck erweckt hat, dass viele Antagonistische endlich aus ihrer langen Resignation erwacht sind, schaffen es bundesweit nur 1000 Menschen gegen die Ausgangssperre zu demonstrieren. Diese Zahl muss man erstmal auf sich einwirken lassen. 1000 Menschen. Bundesweit. Damit kann man es wohl nun wirklich offiziell machen: wenn Anarchist_innen und Linke jetzt immer noch nicht die Straßen zurĂŒckerobern, welche sie ĂŒber ein Jahr lang freiwillig Querdenken ĂŒberlassen haben, wird sich auch in nĂ€chster Zeit nicht mehr viel Ă€ndern. Der Widerstand ist tot.

Wenn die Pandemie eins gezeigt hat, dann, dass viele Linke, und erschreckenderweise auch viele Anarchist_innen, sich kein Leben ohne Staat vorstellen können. AntiautoritÀre Perspektiven? PandemiebekÀmpfung von unten? Kritische Debatten um den Ausnahmezustand? LösungsansÀtze, die ohne Vater Staat auskommen? Fehlanzeige.

Heute wie gestern ist das Narrativ kaum verĂ€ndert. Ein Teil der Linken fĂŒhlt sich hoffnungslos verloren, dass sie eigene Ideale verraten und sich einer Querfront anschließen [um hier wieder Fox zu zitieren: Man marschiert nicht mit Nazis!], ein weiterer Teil der Linken und Anarchist_innen resigniert weiterhin und verschließt die Augen vor der dystopischen RealitĂ€t, in welcher wir uns bereits lĂ€ngst befinden, und ein mikroskopisch kleiner Teil im antagonistischen Diskurs lĂ€sst nicht nach und diskutiert tatsĂ€chlich den Ausnahmezustand — allerdings nicht ohne von Linken angegriffen zu werden und in eine Ecke mit der Querfront positioniert zu werden anstatt KrĂ€fte gegen die tatsĂ€chliche Querfront zu mobilisieren.

Das Virus ist fucking real und tötet unzĂ€hlige Menschen, die Pandemie ist kein geplanter Great Reset, und die Gefahr von Querdenken wĂ€chst von Tag zu Tag, aber das grĂ¶ĂŸte Problem im antagonistischen Diskurs bleibt die Diffamierung, sĂ€mtliche Kritik am Ausnahmezustand im Keim zu ersticken, sich weiter zu schwĂ€chen und das Feld den Rechten zu ĂŒberlassen.

Doch das ist nichts Neues: Unter Linken wie auch unter Anarchist_innen ist es hierzulande zu einem selbstmörderischen Trend geworden, jede Position zu verwerfen, welche Rechte plötzlich fĂŒr sich entdecken. Anstatt StĂ€rke zu zeigen und entschlossen dafĂŒr zu kĂ€mpfen, dass antiautoritĂ€re Perspektiven sichtbar bleiben, wird das Feld freiwillig gerĂ€umt. Dass es auch anders geht, zeigt zB Frankreich mit den Gilet Jaunes. Und so abstrus die Vorstellung nun auch klingen mag, aber diesen Alman-Linken (scheint uns der passende Begriff fĂŒr eine Vielzahl der antagonistischen Stimmen hierzulande zu sein) ist es mittlerweile einfach nur noch zuzutrauen plötzlich eine reaktionĂ€re Haltung einzunehmen, sollten Rechte progressive Positionen fĂŒr sich entdecken. Polemisch? Vielleicht.

Und natĂŒrlich dĂŒrfen wir unsere Augen auch nicht davor verschließen, dass es tatsĂ€chlich wichtige Diskussionen (guter Witz) hinsichtlich verschiedener Positionen zur pandemischen Situation braucht. Aber alles, was nicht dem staatlichen Narrativ entspricht, als querdenkernah zu positionieren, verkennt die bittere Lage, in welcher wir uns befinden. Auch hier hat es Fox bereits vor etlichen Monaten richtig erkannt: die eigene UnfĂ€higkeit ist die neue StĂ€rke der Rechten. Querdenken wĂ€chst, weil „wir“ resignieren.

„Schon frĂŒh warnte Edward Snowden davor, dass ein Überwachungsstaat aufgebaut wird, welcher das Virus ĂŒberstehen wird. Die Regierungen aller LĂ€nder nutzen die Pandemie um eine Architektur der UnterdrĂŒckung zu errichten. Und einen solchen Ausbau autoritĂ€rer Strukturen und MassenĂŒberwachung wird man so schnell nicht wieder los.“

Und auch das ist genau so real wie die GefĂ€hrlichkeit der Pandemie und der Querfront. Willkommen in der neuen Dystopie der Zukunft. Willkommen in der neuen NormalitĂ€t. Der Ausbau autoritĂ€rer Strukturen geht stetig voran, natĂŒrlich nur zum Schutz vor dem Virus! Widerstand von anarchistischer und linker Seite? Verhallt im Wind.

Genau das wird den antagonistischen Bewegungen den endgĂŒltigen Todesstoß versetzen. Wir befinden uns in einem Zeitalter der Umweltzerstörung, der Klimakatastrophe und der Pandemien. Covid-19 ist erst der Anfang. Zoonosen werden aufgrund der Entwicklung auf dieser Welt immer hĂ€ufiger auftreten. Immer mehr Menschen werden an diesen leiden und sterben. FĂŒr Antagonistische ist es daher essentiell bereits jetzt (vor ĂŒber einem fucking Jahr!) auf diese zu reagieren, sich auszutauschen, die Straßen zurĂŒckzuerobern. Davon ist jedoch kaum etwas zu sehen. Und es ist zweifelhaft ob „wir“ in der nĂ€chsten Pandemie eine weitere „Chance“ erhalten werden.

„Die antiautoritĂ€re PrĂ€senz hinsichtlich einer eigenen Antwort auf die Pandemie ist – milde ausgedrĂŒckt – ernĂŒchternd. Seit den ersten großen Maßnahmen im MĂ€rz sind 8 Monate vergangen und die antiautoritĂ€re Bewegung in Deutschland hat kaum etwas auf die Beine gestellt. Es dĂŒrfte mittlerweile schwierig werden aus dieser Lage herauszukommen – wenn auch nicht völlig unmöglich. Bei all den Trauerspielen der letzten Zeit habe ich doch tatsĂ€chlich noch Hoffnung.“

Sehen wir es doch ein: Es gibt keinen Grund mehr Hoffnung zu haben. Wir glauben zwar weiterhin, dass einzelne Individuen aus dem Zustand der Resignation ausbrechen werden und sind mit vollem Herzen bei ihnen (außer ihre Resignation schlĂ€gt in eine Querfront ĂŒber — in dem Falle haben wir nur eins zu sagen: Verpisst euch!), aber fĂŒr eine grĂ¶ĂŸere Bewegung ist es wohl lĂ€ngst zu spĂ€t. Die BrĂŒche sind bereits zu stark. Die Querfront freut sich ĂŒber „unser“ Versagen. Wer Querdenken angreift (richtig und wichtig!), sollte nicht die Augen davor verschließen, dass „wir“ dabei krĂ€ftig geholfen haben diese groß zu machen.

Doch was erwartet man auch schon? Diskriminierungen wie Antisemitismus und Sexismus sind bis heute Probleme in eigenen Reihen. Widerstand gegen den Staat und alles AutoritĂ€re sind lĂ€ngst an einem Tiefpunkt anbelangt. Die aktuelle Entwicklung in Pandemiezeiten, die Resignation, das Abdriften in eine Querfront wie auch das Diffamieren jeglicher Stimme, die nicht dem autoritĂ€ren Narrativ folgt, passt da doch nur zu gut zu bisherigen VerhĂ€ltnissen. Aber bleibt ruhig #StayHome, wartet auf das Ende der jetzigen Pandemie und einer RĂŒckkehr zur NormalitĂ€t. Die NormalitĂ€t war schon vorher eine beschissene RealitĂ€t, insbesondere fĂŒr die am stĂ€rksten Marginalisierten. [Hier ist es auch sinnvoll anzumerken, dass der grĂ¶ĂŸte Widerstand gegen die Ausgangssperre von der insbesondere migrantischen Jugend kommt, aber das bekommt die weiße #Stayhome-Fraktion ohnehin nicht mit]

Ein deprimierender und niederschmetternder Kommentar zum Zeitgeschehen? Mit Sicherheit. Alle Achtung, wer heute noch einen Schimmer der Hoffnung am Horizont sieht. Wir lassen uns aber gerne eines Besseren belehren. Vielleicht schafft es irgendwann ein Beitrag tatsĂ€chlich ein Weckruf zu werden oder zumindest eine sinnvolle Debatte anzustoßen. Was diesen Beitrag anbelangt, so wird dieser wahrscheinlich direkt in der Luft zerrissen werden.

Was bleibt noch viel zu sagen? Viel Liebe fĂŒr alle WiderstĂ€ndischen, welche allen autoritĂ€ren Narrativen [die der Querfront wie auch der des Staates] trotzen und fĂŒr eine antiautoritĂ€re Perspektive kĂ€mpfen. Viel Liebe fĂŒr alle GefĂ€hrt_innen, die sich gegen die Ausgangssperre und anderen autoritĂ€ren Maßnahmen erheben, versuchen sich Gehör zu verschaffen, diskutieren und auf der Straße sind. Und natĂŒrlich viel Liebe an alle, die am stĂ€rksten vom Ausnahmezustand betroffen sind und welche von vielen Antagonistischen vergessen wurden. Diese geben zwar gerne vor besonders an die am stĂ€rksten UnterdrĂŒckten, den Armen, den Marginalisierten — d.h. ĂŒberwiegend Migrantische —, zu denken, wissen sie aber ausschließlich in einer Opferrolle, wĂ€hrend gleichzeitig nach einem harten Lockdown gelechzt wird. Die RealitĂ€t, nach welcher es eben diese „Opfer“ sind, welche am ehesten KontaktbeschrĂ€nkungen missachten (und warum), wird einfach ignoriert — bzw weiße Antagonistische bekommen es nicht mit, weil ihnen der Bezug zu migrantischen und anderen Communities fehlt. Dazu scheint uns folgende Textstelle aus diesem Artikel passend:

Anzeichen dafĂŒr, dass vielen Proleten ein Leben, das von Angst vor Tod und Krankheit bestimmt ist, nicht so lebenswert erscheint wie ein Leben, das riskanter, aber eben auch angstfreier ist, gab es im vergangenen Jahr immer wieder: Umfragen in Frankreich, wonach der Anteil der Lockdown- und IsolationsbefĂŒrworter unter Menschen mit geringem Einkommen signifikant niedriger ist; Jugend- und Vorstadtrandale in Frankreich, BrĂŒssel, Stuttgart und jĂŒngst in Spanien. Das sind heterogene PhĂ€nomene, aber ihnen ist gemeinsam, dass viele Menschen im Aufstand oder, nĂŒchterner, in der Ver­weigerung von GesetzeskonformitĂ€t, mehr Sinn sehen als darin, dem herrschenden Hygienediskurs zu folgen. Beharrt die Linke darauf, Arme und Proletarisierte zu Opfern der Pandemie zu erklĂ€ren, nimmt sie – im besten Fall unfreiwillig, aber in vielen FĂ€llen eben auch bewusst – den Standpunkt des Staates ein. Damit gibt sie ihre EigenstĂ€ndigkeit auf. Aus Staatsperspektive sind die Leute »unten« Betreuungsobjekte, denen geholfen werden muss, und das heißt immer auch: Sie mĂŒssen in Schach gehalten werden; FĂŒrsorge und Repression sind verschrĂ€nkt.

Quellen fĂŒr die genannten Umfragen in Frankreich werden zwar nicht geliefert, sind aber auch nicht notwendig, denn das Selbe können wir auch hierzulande aus unseren Umfeldern beobachten. Nicht dass es den AutoritĂ€tsarschkriechenden aber auch interessieren wĂŒrde.

Den Antagonistischen, die in einer Querfront „Zuflucht“ suchen, weil es „ja nicht anders geht“, wie auch denen, die uns nun auch gerne diffamieren möchten, folgende Worte zum Abschluss (so nett wie möglich ausgedrĂŒckt): Fickt euch.

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Quelle: Schwarzerpfeil.de