Februar 1, 2023
Von Contraste
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Im folgenden Text gehe ich der Frage nach, welches VerhĂ€ltnis zwischen individualistischen Varianten des Anarchismus zur Politik besteht. In einem vorherigen Beitrag (siehe CONTRASTE Nr. 459, Dezember 2022) habe ich die (Anti-)Politik im mutualistischen und kommunitĂ€ren Anarchismus betrachtet, wĂ€hrend ich an anderer Stelle, das paradoxe VerhĂ€ltnis zur Politik im anarchistischen Kommunismus und Syndikalismus beleuchtet habe. Ich setze diese AusfĂŒhrungen fort, um einige Ergebnisse meiner Doktorarbeit zur politischen Theorie des Anarchismus zugĂ€nglich zu machen. FĂŒr eine Veröffentlichung suche ich aktuell noch nach finanzieller UnterstĂŒtzung.

Jonathan Eibisch, Leipzig

Neben der Sozialdemokratie und dem Partei-Kommunismus bildet der Anarchismus eine der Hauptströmungen des Sozialismus. WĂ€hrend erstere sich mit den Strategien der politischen Reform und der politischen Revolution auf den Staat beziehen, kritisieren Anarchist*innen das Handeln auf dem politischen Feld und die Bezugnahme auf politische Logiken, Verfahren und Organisationen. Wesentlich sinnvoller, effektiver und emanzipatorischer erscheint dagegen das Handeln in Form von direkten Aktionen, persönliche Überzeugungen und die eigene LebensfĂŒhrung. Ideengeschichtlich betrachtet adaptierte der Anarchismus Elemente liberaler Theorien. Dies zeigt bei seiner Betonung von IndividualitĂ€t und SubjektivitĂ€t, ebenso wie in theoretischen Konzepten der »freien Vereinbarung« und »Selbstorganisation«, dem Organisationsprinzip der »Freiwilligkeit«, als auch in der Bezugnahme von Willensfreiheit, Selbstverantwortung, »Selbst-Eigentum« und der zu erringenden SouverĂ€nitĂ€t von Einzelnen. Auch wenn es einigen kommunistischen und syndikalistischen Anarchismus nicht passt, sind individualistische Aspekte wesentliche Bestandteile des anarchistischen Denkens und Handelns insgesamt.

Ausgangspunkte und StrÀnge des Individualanarchismus

Dabei gibt es nicht »den« Individualanarchismus an sich, sondern verschiedene StrĂ€nge. Meiner Ansicht nach unterschieden werden können der aufklĂ€rerische Rationalismus (angefangen bei William Godwin), der Egoismus (ausgehend von Max Stirner, Émile Armand und Renzo Novatore), der Transzendentalismus (etwa von Waldo Emerson, Henry David Thoreau oder Lew Tolstoi) und ein Ultra-Liberalismus(von Benjamin Tucker oder John Henry Mackay). DarĂŒber hinaus bezogen auch ausgewiesene kommunistische Anarchist*innen wie Emma Goldman oder Errico Malatesta gelegentlich individualistische Positionen, wenn es darum ging, vor kollektivistischer Gleichmacherei oder parteilichem Gehorsam und AutoritĂ€ts-Anmaßungen zu warnen.

Die Befreiung der Einzelnen ist eine wesentliche Orientierung aller Anarchist*innen, wie bereits 1880 der frĂŒhe Anarch@-Kommunist Carlo Cafiero feststellte. Was Individualanarchist*innen jedoch kennzeichnet, ist die Bedeutung, welche sie der Befreiung und ErmĂ€chtigung der Einzelnen im Hier und Jetzt zuschreiben und der Erkenntnis, dass Emanzipation im Leben von Einzelnen konkret erfahrbar sein mĂŒssen, um etwas zu gelten. »Freiheit« kann deswegen nicht allein durch die Schaffung der gesellschaftlichen Bedingungen fĂŒr eine selbstbestimmte Lebensgestaltung erreicht werden, noch besteht sie vorrangig in der abgekapselten Selbstverwirklichung vereinzelter Personen. Vielmehr misst sie sich an der Möglichkeit der Kritik und Überschreitung jeglicher ZwĂ€nge, Normen und Hierarchien, welche in Kollektiven immer wieder entstehen können. Dies bezeichnet Daniel Loick in seinem EinfĂŒhrungsband als »Àsthetische Freiheit«, wurde aber tatsĂ€chlich bereits 1882 von Michael Bakunin thematisiert.

Individualistische Aspekte sind aus dem Anarchismus insgesamt nicht wegzudenken. Dies zeigt sich auch darin, dass Themen wie die Vielfalt und Selbstbestimmung in GeschlechtsidentitĂ€t und sexuellem Begehren in unserer Zeit relevant sind. Ebenso spielt der Individualismus eine Rolle in strategischen Fragen danach, wie sich Einzelne fĂŒr anarchistische Projekte begeistern und motivieren lassen, als auch bei ethischen Überlegungen darĂŒber, wie man in einer Welt voller Herrschaft anarchistischen Vorstellungen entsprechend leben kann und sollte. Wenn Anarchist*innen etwas zum VerstĂ€ndnis, der Kritik und Weiterentwicklung der gegenwĂ€rtigen Gesellschaftsform beitragen wollen, ist zu verstehen, wie sie das Spannungsfeld von KollektivitĂ€t und IndividualitĂ€t beschreiben und damit produktiv umgehen können.

Massengesellschaft und Pseudo-Individualismus

Gehen wir noch einmal einen Schritt zurĂŒck zur Entstehung der anarchistischen Bewegung um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Parallel zur Durchsetzung des kapitalistischen Wirtschaftssystems, des Modells der patriarchalen Kleinfamilie, der Konstruktion von »Rassen« im Zuge von Kolonialisierung und Versklavung wie auch der systematischen Naturbeherrschung, breitete sich der moderne Nationalstaat aus. Die nationalstaatliche politische Herrschaft regulierte, kontrollierte und regierte immer mehr gesellschaftliche SphĂ€ren. Aus Untertanen wurden BĂŒrger*innen und aus Bewohner*innen eine Bevölkerung geformt, welche statistisch erfasst und bĂŒrokratisch verwaltet wurde. Zugleich ist der Anbruch der Moderne eine hochgradig ambivalente Angelegenheit. Innovationen in Landwirtschaft, Gesundheitsversorgung, Maschinenarbeit, Bildung und ProduktivitĂ€t ermöglichten einen relativen Wohlstand fĂŒr einen Teil der Menschen und bildeten somit – verbunden mit einem durch den Humanismus gewandelten Menschenbild – die Voraussetzung fĂŒr die selbstbestimmte, individuelle Lebensgestaltung.

Die individualanarchistische Kritik daran lautet erstens, dass Selbstbestimmung und Selbstentfaltung eben nicht fĂŒr alle gleichermaßen möglich wurde und zweitens, dass der bĂŒrgerliche Individualismus ein Pseudo-Individualismus wĂ€re – den Einzelnen sei es eben nur so weit gestattet, ihre Besonderheit zu entwickeln, wie sie damit nicht althergebrachte oder auch neu eingefĂŒhrte Konventionen und hegemonialen Vorstellungen angriffen oder irritierten. Dies betrifft zum Beispiel die Sexualmoral und nicht-sesshafte Lebensstile, bĂŒrgerliche Etikette (»Knigge«) und bestimmte Grenzen zwischen dem, was privat gehalten und was öffentlich gezeigt werden soll.

Es ist kein Widerspruch, dass diese Pseudo-Individualisierung mit dem Aufkommen der Massengesellschaft einhergeht. Durch Fabrikarbeit, standardisierte Wohnviertel und Konsumformen, staatliche Schulen und MilitÀrdienst wurden proletarisierte soziale Gruppen gleich gemacht und individuelle Besonderheiten egal. Diese Homogenisierung, wie auch die VerdrÀngung vormoderner Lebensformen zugunsten nationaler Mythologie, diente zur Herausbildung eines vermeintlich kohÀrenten »Volkes«. Standardisierte industrielle Produktion verdrÀngte Handwerk und Industrielle, monokulturelle Landwirtschaft regional angepasste Anbaumethoden. Mit der Kulturindustrie wurden massentaugliche Ausdrucksformen, Rollenmuster und Narrative vereinheitlicht.

Es liegt mir fern mit dieser Beschreibung vormoderne Vergangenheiten zu idealisieren oder sie als romantisierte ProjektionsflĂ€che einer vermeintlich heilen und versöhnten Welt entgegen modernen Gesellschaftsformen zu benutzen – wie kalt, zerstörerisch, vereinzelnd und vermassend letztere tatsĂ€chlich auch ist. Wesentlich wichtiger ist es, Orientierung darĂŒber zu gewinnen, wo wir gemeinsam hin wollen – und wie wir bereits Hier und Heute so leben und kĂ€mpfen können, um dies zu verwirklichen. Dass alle Einzelnen ihre Leben selbst bestimmen, gestalten und entfalten können, sollte dabei weiterhin die Fluchtlinie emanzipatorischer GesellschaftsverĂ€nderung bleiben. Denn Emanzipation gelingt nur dort, wo sie im Leben konkreter Einzelner erfahrbar und durch sie selbst vollzogen wird. Soziale Freiheit ist kein abstrakter philosophischer Begriff, sondern eine Seinsweise, deren Bedingungen wir schaffen und ausweiten können.

Politik als Nivellierung der Einzelnen und »Politik der ersten Person«

Auch individualistische Anarchist*innen wollen also die gesellschaftlichen VerhÀltnisse verÀndern. Dies tun sie angefangen bei ihrem eigenen Leben und ihrer unmittelbaren Umgebung, weil dies nun einmal der Horizont ist, in welchem sie wirksam werden und damit auch Selbstwirksamkeit erfahren können. Damit stellt sich auch die Frage, welches VerhÀltnis zur Politik sich daraus ableiten lÀsst.

Grundlegend kritisiert wird, dass politisches Handeln vom modernen Staat vereinnahmt, monopolisiert und diesem hĂ€ufig zugeordnet wird. In der reprĂ€sentativen, parlamentarischen Demokratie wird nur eine Ă€ußerst vermittelte ReprĂ€sentation individueller WĂŒnsche und Bestrebungen möglich. Mehrheitsentscheidungen fĂŒhren dazu, dass Minderheiten und somit auch die Forderungen Einzelner systematisch ĂŒbergangen werden. Die BĂŒrokratie des modernen Staates behandelt seine BĂŒrger*innen nicht als individuelle Menschen mit spezifischen WĂŒnschen, BedĂŒrfnissen, FĂ€higkeiten und Lebensweisen, sondern als zu zĂ€hlende und zu berechnende Bevölkerung, ebenso wie sie von kapitalistischen Unternehmen als ArbeitskrĂ€fte mit Humankapital betrachtet werden. Interessen von Einzelnen mĂŒssen aggregiert (»gesammelt«) und in einer Fachsprache artikuliert werden, damit sie in politischen Prozessen und Verfahren beachtet werden. Politik fĂŒhrt in einer Gesellschaftsform, die durch die politische Herrschaft der modernen Nationalstaatlichkeit dominiert wird, also notwendigerweise zu einer Entfremdung der Einzelnen von ihren unmittelbaren, eigenen WĂŒnschen, BedĂŒrfnissen, Interessen, Vorstellungen und sozialen Beziehungen. Dies gilt fĂŒr staatliche Institutionen gleichermaßen wie fĂŒr politische Parteien.

Den Staat interessiert nicht, was Menschen in ihrem Privatleben denken und tun, wobei er definiert, wo die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem verlĂ€uft. Liberale betonen diese Grenze, begrĂŒnden damit aber auch die Notwendigkeit des Staates, welcher erst die bĂŒrgerliche Existenzweise – verknĂŒpft mit dem bĂŒrgerlichen Rechtssystem und Privateigentum – einrichtet. Anarchist*innen wollen die Selbstbestimmung der Einzelnen entgegen der verstaatlichten Politik ausdehnen, ĂŒberschreiten damit aber auch die Grenzen dessen, was privatisiert und veröffentlicht wird. Der Slogan der zweiten Welle der Frauenbewegung »Das Private ist politisch« verdeutlicht, worum es geht: Es ist sollte eben keine Privatsache sein, ob zum Beispiel MĂ€nner ihre Partnerinnen bevormunden oder befehligen, denn die patriarchale Kleinfamilie ist eine herrschaftsförmige Institution, die es zu kritisieren und zu ĂŒberwinden gilt. Dies geschieht auf verschiedenen Ebenen, also auch auf jener der sozialen Beziehungen. Feministische Bewegungen waren erfolgreich, weil sie insbesondere auch ins Private abgeschobene LebensverhĂ€ltnisse und Verhaltensweisen thematisierten, Alternativen zu ihnen schufen und ihr Umfeld unmittelbar verĂ€nderten.

Die Schwerpunkte in den verschiedenen StrÀngen des Individualanarchismus in Hinblick auf das PolitikverstÀndnis werden dabei verschieden gesetzt.

Von Stirner ausgehend findet sich dabei eine Fundamentalkritik am Politikmachen. Mir ihr wird angenommen, Politik unterwerfe, vereinnahme und nivelliere immer die Einzelnen, die stattdessen einfach unmittelbar ihren BedĂŒrfnissen und Leidenschaften folgen sollten. Daher gelte es auch, sozialistischer Politik gegenĂŒber grundlegend skeptisch zu sein, mit welcher die Einzelnen ebenso missachtet werden wĂŒrden. Als zeitgenössischer Denker steht zum Beispiel der französische Philosoph Michel Onfray in dieser Tradition, die paradoxerweise in eine anti-liberale, Querfront-populistische Tendenz abgleitet.

Thoreau formuliert dagegen eine Haltung der ausgesprochenen Indifferenz gegenĂŒber staatlicher Politik und kritisiert sie gerade deswegen, weil sie in die Angelegenheit der Einzelnen eingreift. Wenn man so will, soll Politik so fern wie möglich gehalten werden, was aber umgekehrt keineswegs ausschließt, sich um seine Gemeinschaft zu kĂŒmmern und damit verbunden das eigene Leben bewusst zu gestalten. Von diesem Ansatz wurden vor allem Konzepte des Zivilen Ungehorsams abgeleitet, die sich auf eine höhere »Gerechtigkeit« und damit auf einen imaginĂ€ren Gesellschaftsvertrag beziehen, der von verstaatlichter Politik gebrochen werde.

Letzteres ist auch bei Godwin der Fall. In seiner Linie lĂ€sst sich am ehesten eine individualanarchistische Politik formulieren. Beispielsweise lehnt er das staatliche und kirchliche Schulsystem ab, argumentiert aber, dass es ein öffentliches Schulsystem brauche, damit Menschen sich emanzipieren können. Damit geht er also wie selbstverstĂ€ndlich davon aus, dass es nicht Aufgabe des Staates sei, gesellschaftliche Institutionen zu schaffen oder zu verwalten, denn dieser wĂŒrde keine Selbstbestimmung der Einzelnen ermöglichen.

Tucker vermischt Aspekte verschiedener anarchistischer Denker und tritt fĂŒr eine Variante des Sozialismus ein, die vor allem genossenschaftlich und mutualistisch orientiert ist. Dieser könne am ehesten die Selbstbestimmung der Einzelnen ermöglichen, welche sich in freiwilliger Vereinbarung direkt zusammenschließen sollten. DafĂŒr gĂ€lte es allerdings der Tendenz zur Monopolisierung und staatlicher Regulierung entgegenzutreten.

Allen StrĂ€ngen im Individualanarchismus ist gemeinsam, dass sie die Nivellierung der Einzelnen durch verstaatlichte Politik kritisieren und die politischen Institutionen und Verfahren des modernen Staates nicht fĂŒr geeignet halten, selbstbestimmte Individuen hervorzubringen. Daher richten sie sich auch gegen den autoritĂ€ren Kommunismus und sind skeptisch gegenĂŒber groß angelegten GesellschaftsentwĂŒrfen und Revolutionsvorstellungen. Außerdem kritisieren sie die Ideologie politischer Herrschaft, welche zum Beispiel durch Schulen, Geschichtsschreibung, staatliche Medien und Nationalfeierlichkeiten produziert wird. Diese Herangehensweisen sind zwar mit linksliberalen VerstĂ€ndnissen verwandt, erweisen sich bei genauerer Kenntnis jedoch als eigenstĂ€ndige Perspektiven, aus denen sich verschiedene Positionen im Umgang mit Politik feststellen lassen. WĂ€hrend Stirner sich ganz auf den anti-politischen Pol stellt und Thoreau eine Indifferenz befĂŒrwortet, versuchen Godwin und Tucker, die Politik aus ihrer Verstaatlichung zu lösen und in den Dienst der Selbstbestimmung der Einzelnen stellen wollen.

Von der Befreiung zur Selbstbestimmung der Einzelnen

Ideengeschichtlich und politisch-theoretisch betrachtet ist anarchistischer Individualismus wie dargestellt nicht damit gleichzusetzen, dass Einzelne eben »ihr Ding« machen, ihnen niemand in ihr Denken und Handeln »reinreden« soll, sie lediglich auf das eigene GlĂŒck schauen oder gar das Recht des StĂ€rkeren befĂŒrworten wĂŒrden. Mit anderen Worten ist der Individualanarchismus etwas anderes als der bĂŒrgerlich-liberale Individualismus und dessen Zuspitzung im wutbĂŒrgerlich-rechten »Libertarianismus« oder sogenannten »Anarcho-Kapitalismus«. Deswegen ist die Kritik von Marxist*innen, Leninist*innen und vielen kommunistische und syndikalistische Anarchist*innen an Verfechtern eines individualistischen Anarchismus nicht zutreffend.

Aus dem Individualanarchismus folgt weder eine BefĂŒrwortung der kapitalistischen Wirtschaftsweise, noch ein Recht des StĂ€rkeren und nicht einmal zwangslĂ€ufig die Desorganisierung sozialer Bewegungen. Im Gegenteil wird argumentiert, dass moderner Staat, Kapitalismus und Patriarchat eben keine echte Individualisierung im anarchistischen Sinne ermöglichen und dulden, diese also gegen die HerrschaftsverhĂ€ltnisse ausgeweitet werden mĂŒsse. Die Betonung der Einzelnen und ihrer Selbstverantwortung kann gerade zur Förderung eines ethischen Lebens beitragen, in welchem Menschen Verantwortung fĂŒreinander ĂŒbernehmen, sich gegenseitig verstehen, unterstĂŒtzen und miteinander wachsen möchten. Und schließlich stĂ€rkt es Gruppen in sozialen Bewegungen gerade, wenn individuelle Ansichten und Positionen gehört und respektiert werden. Gerade dadurch können besonders Einzelne einen freiwilligen Bezug zu einer KollektivitĂ€t herstellen, in welcher sie nicht ignoriert oder eingliedert werden.

Zugleich stimmt es aber ebenfalls, dass wir in einer Gesellschaftsform leben, welche auch im 21. Jahrhundert umfassend durch Pseudo-Individualisierung und Massengesellschaft geprĂ€gt ist. Die Digitalisierung und Beschleunigung des Lebens hat beide komplementĂ€ren PhĂ€nomene sogar noch weiter verschĂ€rft: Zeitgenössische Menschen empfinden hĂ€ufig einen Zwang zur Selbstdarstellung auf sozialen Medien, zur Herausstellung ihrer vermeintlichen Besonderheiten und GeschmĂ€cker oder auch zur Überbetonung ihrer persönlichen Betroffenheiten. Zugleich werden sie insbesondere von rechtspopulistischen Akteur*innen manipuliert, aufgepeitscht und vereinnahmt. Diese haben keinerlei Interesse an ihrer wirklichen Selbstbestimmung, sondern sich ganz im Gegenteil gegen diese richten, schauen wir uns beispielsweise die Debatten um Abtreibung an.

Derartige Bedingungen wirken sich verstĂ€ndlicherweise auch auf die Organisation sozialer Bewegungen aus: Wer in einer Gruppe permanent auf die Durchsetzung eigener Ansichten pocht, chronisch gekrĂ€nkt ist und glaubt, nie gehört, verstanden und respektiert zu werden, kann sich kaum dauerhaft und tiefgehend mit anderen verbĂŒnden. Wer in seinen Sorgen und Bestrebungen permanent nur um sich selbst kreist, wird nicht begreifen, dass es die UmstĂ€nde zu verĂ€ndern gilt, die es uns schwer machen, einen positiven und authentischen Bezug zu unserem Selbst zu finden. Wer dem neoliberalen GlĂŒcksversprechen verfĂ€llt und kurzfristige Kicks in der Erlebnissucht und Heische nach Aufmerksamkeit sucht – und sei es im Konsum alternativer Subkulturen – wird nicht nur gerade sein GlĂŒck verpassen, sondern auch keine rebellische Haltung entwickeln können. Gerade in Bezug auf diese Themen können individualanarchistische Überlegungen inspirieren, wenn sie als eigenstĂ€ndige BeitrĂ€ge verstanden werden. Dazu gilt es allerdings vom individualistischen Anti-Reflex zu wirklicher Selbstbestimmung zu gelangen, was manchmal ein schmaler Grad ist. Insofern steht der Individualanarchismus als Ausgangspunkt der Entstehung des Anarchismus, kann aber auch seine Verfallserscheinung darstellen.

Schlussfolgerung fĂŒr individualanarchistische (Anti-)Politik

In Bezug auf Politik bedeutet dies erstens: Bei sich selbst und dem eigenen Umfeld anzufangen, Dinge zu verĂ€ndern. Dort kennen wir uns aus und dort erfahren wir jene Selbstwirksamkeit, die entscheidend dafĂŒr ist, das eigene Leben insgesamt zur VerĂ€nderung werden zu lassen, welche wir uns fĂŒr die Welt wĂŒnschen. DafĂŒr brauchen wir keine hochtrabenden Überlegungen ĂŒber Revolutionen anzustellen oder zu behaupten, die Bedingungen fĂŒr radikale und emanzipatorische VerĂ€nderungen wĂ€ren nicht gegeben – denn sie sind es immer oder nie.

In organisatorischer Hinsicht heißt dies, zweitens, sich möglichst anhand konkreter sozialer Beziehungen zu organisieren. Dies bedeutet keineswegs mit allen Genoss*innen befreundet zu sein, aber AffinitĂ€ten zu ihnen zu entwickeln. Es geht also darum, Beziehungen aktiv den eigenen AnsprĂŒchen nach zu gestalten, vernĂŒnftig zu kommunizieren und einen respektvollen Umgang miteinander zu pflegen. Selbst große soziale Bewegungen sind nur so stark, wie sich die Einzelnen in ihnen direkt zusammenschließen, vertrauen und miteinander kooperieren – was nicht vom Himmel fĂ€llt, sondern aktiv gefördert werden kann.

Drittens lĂ€sst sich aus dem individualistischen Anarchismus eine Skepsis gegenĂŒber dem Politikmachen ableiten, die durchaus angebracht ist und gut begrĂŒndet werden kann. Aktionen sind nicht nur dann »erfolgreich«, wenn mit ihnen Druck auf den Staat ausgeĂŒbt werden kann, sodass dieser sich genötigt sieht, Reformen einzuleiten. Direkte Aktionen sprechen fĂŒr sich und haben unmittelbare Effekte auf die Dinge, welche wir kritisieren und verĂ€ndern möchten. Dies verlangt, dass die Einzelnen aktiv, freiwillig, reflektiert und bewusst, also selbstbestimmt, handeln. Damit wird vorweggenommen, also bereits praktiziert, was Anarchist*innen insgesamt anstreben: Eine Gesellschaftsform, in welcher alle Menschen die Bedingungen haben, ĂŒber ihre Leben selbst zu bestimmen und sie selbst zu gestalten – was auch einschließt, dass sie Verantwortung fĂŒr sich selbst ĂŒbernehmen können und sollen. Ob daraus resultierendes Handeln dann als »politisch« benannt wird oder gerade nicht, ist dabei nicht wichtig. Entscheidend ist, damit vom verstaatlichten Modus politischen Handelns wegzukommen.

Link zum Blog des Autors: https://paradox-a.de/

Titelbild: Als Einzelne*r in der Gruppe: Anarchistischer Individualismus setzt beim eigenen Umfeld an. Foto: suju-foto/Pixabay




Quelle: Contraste.org