MĂ€rz 8, 2021
Von InfoRiot
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Nur eine Beratungsstelle

Antidiskriminierungsarbeit bleibt in Brandenburg auf der Strecke

08.03.21 | 13:23 Uhr

In Brandenburg haben die Beratungsanfragen wegen rassistischer Diskriminierung letztes Jahr um 22 Prozent zugenommen. Doch dem Land fehlt es an Möglichkeiten, Betroffene zu unterstĂŒtzen. FĂŒr Leidtragende heißt das oft, dass sie auf sich allein gestellt sind. Von Efthymis Angeloudis und Viktoria Kleber

Alle drei Monate kriegt Bassel A. ein Schreiben vom Landkreis Oder-Spree ins Haus: Er solle eine neue Wohnung suchen und die Übergangseinrichtung nach ĂŒber sechs Jahren verlassen. Der Druck, eine neue Wohnung fĂŒr seine Eltern und seine beiden Geschwister zu finden, ist groß fĂŒr den 25-JĂ€hrigen. In Beeskow im Landkreis Oder-Spree sind Wohnungen zwar – anders als in Potsdam oder Berlin – keine Mangelware. Trotzdem wird Bassel A. seit ĂŒber einem Jahr nicht fĂŒndig – und das, obwohl beide Eltern und ein Bruder in Vollzeit arbeiten.

Betroffene fĂŒhlen sich im Stich gelassen

LĂ€nger hat der 25-jĂ€hrige Wirtschaftsinformatiker ein dumpfes GefĂŒhl, dass die vielen Absagen wegen seiner Herkunft erfolgen könnten – er ist sich aber nie wirklich sicher. Anfang Februar ruft Bassel A. bei der Annonce einer Vier-Zimmer-Wohnung mit kleinem Garten an. Doch noch bevor er sich richtig vorstellen kann, erwidert ihm dem Vermieter: “Geh, such’ dir eine Wohnung in der TĂŒrkei” – und legt auf. “Ich war richtig schockiert und enttĂ€uscht”, sagt Bassel dem rbb. “Das war eindeutig Rassismus.” Was er bisher nur vermutet hatte, schallte ihm jetzt direkt ins Gesicht.

Zwei Tage spĂ€ter gibt ein anderer Vermieter vor, dass eine Wohnung, fĂŒr die A. schon vor mehreren Tagen zugesagt, aber trotz tĂ€glicher Nachfrage keinen Mietvertrag erhalten hatte, vergeben sei. Einige Tage danach steht die Wohnung wieder frisch in den Angeboten. A.s Anrufe werden ignoriert.

Das lĂ€sst fĂŒr ihn das Fass ĂŒberlaufen: Bassel A. nimmt sich trotz Bachelorarbeit die Zeit und schreibt die Antidiskriminierungsstelle des Bundes an.

Antidiskriminierungsstelle muss Betroffene ablehnen

Immer mehr Menschen in Brandenburg geht es wie A.. Der Beratungsbedarf fĂŒr Betroffene rassistischer Diskriminierung ist im vergangenen Jahr drastisch gestiegen. Die Zahl der gemeldeten FĂ€lle habe sich um 22 Prozent erhöht, sagt Ingmar Pech von der Beratungsstelle Opferperspektive dem rbb.

Doch mehr gemeldete FĂ€lle bedeutet auch mehr Beratungsbedarf. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Opferperspektive klĂ€ren die Betroffenen ĂŒber ihre Rechte auf, vermitteln sie zu AnwĂ€lten und bestĂ€rken sie. Doch der Verein Opferperspektive in Potsdam ist die einzige Fachberatung bei rassistischer Diskriminierung in Brandenburg. Im vergangenen Jahr mussten sie Betroffene ablehnen, weil der Andrang zu groß war.

Rassismus fĂŒr Landespolitiker kein Thema?

“In Brandenburg wird das Thema Antidiskriminierung sehr wenig gesetzt”, sagt Pech. Wenn sie mit Landespolitikern rede, mĂŒsse sie vielen erstmal klar machen, das Rassismus nicht gleich rechte Gewalt sei. “Rassismus fĂ€ngt viel frĂŒher an. Rassismus ist Alltagsrassismus und wenn dem nicht begegnet wird, dann kann er sehr oft in rassistische Gewalt eskalieren.”

Dabei sei Beratung sehr wichtig fĂŒr Betroffene, sagt Cristina Martin vom Verein Opferperspektive. “Öfter geht es auch darum, ĂŒberhaupt ‘Basta’ zu sagen und sich zu wehren.” Und auch wenn die Betroffenen am Ende nicht die Wohnung oder die Anerkennung erhalten wĂŒrden, hĂ€tten sie zumindest erlebt, dass sie die Kontrolle ĂŒber das eigene Leben gewinnen können. Nur so könnten sie sich auch wirklich hier zuhause fĂŒhlen.

Nonnemacher: Wir sind in einer sehr schwierigen Haushaltssituation

Die zustĂ€ndige Ministerin fĂŒr Soziales, Gesundheit, Integration und Verbraucherschutz, Ursula Nonnemacher (GrĂŒne), beteuert, es sei ihr ein großes Anliegen – doch derzeit sei keine Ausweitung der Beratungsstellen möglich. “Ich hĂ€tte gerne auch mehr Mittel, um solche Formen der Antidiskriminierung noch stĂ€rker zu bedienen. Aber Sie wissen: Wir sind in einer sehr schwierigen Haushaltssituation.”

FĂŒr Betroffene wie Bassel A. kann das bedeuten, dass sie ihr Recht, gleich behandelt zu werden, nicht durchsetzen können und auf sich alleingestellt bleiben. Statt einer persönlichen Beratung oder einem Telefonat bekommt der werdende Wirtschaftsinformatiker nach seiner Beratungsanfrage nur eine E-Mail mit einem PDF-Anhang als Antwort: In der E-Mail gibt man ihm den Hinweis, “den Vermieter bei Ebay zu melden”.

“Ich habe mir Hilfe vor Ort gewĂŒnscht”, sagt Bassel A. enttĂ€uscht. “Nicht eine lange, komplizierte E-Mail, sondern jemanden, der mir bei diesem Fall zur Seite steht.”

Sendung: Brandenburg Aktuell, 08.02.2021, 19:30 Uhr




Quelle: Inforiot.de