Mai 6, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Der neue Film der Regisseurin und Co-Drehbuchautorin Julia von Heinz war einer der meistdiskutierten deutschsprachige Film des Jahres 2020 und erscheint jetzt bei Netflix.

Nichts soll in „Und morgen die ganze Welt“ ĂŒberinszeniert wirken, nichts artifiziell, die Regisseurin verzichtet weitgehend auf Farbfilter und Score, so erinnert der Film Ă€sthetisch fast an einen Dokumentarfilm inklusive der obligatorischen Wackelkamera.

Trotz aller formaler BemĂŒhungen will das mit der links-alternativen AuthentizitĂ€t aber nicht recht hinhauen und es ist schon wirklich erstaunlich, dass von Heinz, die ja angibt, in diesem Film ihre eigene Antifa-Vergangenheit aufzuarbeiten, offenbar wĂ€hrend dieser nichts davon mitbekommen hat, dass links-alternatives Engagement zu einem Großteil in politischer Bildung und Diskurs einerseits und tĂ€tiger sozialer Hilfe andererseits besteht. Und wer mal ein autonomes Zentrum von innen gesehen hat, weiß beispielsweise auch, dass die linke Szene durchaus keine besonders jugendliche ist, sondern hier alle Generationen vertreten sind, auch viele Ă€ltere. In „Und morgen die ganze Welt“ sehen wir stattdessen eine wild feiernde und vögelnde Gruppe junger Student:innen, die zwischen „Neonschwarz“-Konzert, Kokshinterzimmer und Kampftraining im selbst eingerichteten Fitnessstudio Nazis angreift, deren Autos zerstört und in einen wilden RĂ€uberpistolen-Plot gerĂ€t.

Von Heinz lĂ€sst keine Zweifel daran, wo sie steht und dass sie nichts von Hufeisentheorien hĂ€lt und dieses Insistieren darauf ist auch ĂŒberzeugend inszeniert.

Dazwischen entgleitet der Regisseurin die Möglichkeit, so etwas wie Erkenntnis hinsichtlich ihrer filmisch aufgeworfenen, durchaus wichtigen Fragen erlangen zu können, weshalb auch die Figuren klischeehaft, die gezeigten VorgĂ€nge unwahrscheinlich und die ganze Auseinandersetzung oberflĂ€chlich wirken. Keine brave Studentin aus gutbĂŒrgerlichem Haus wie die Protagonistin Luisa (Mala Emde) wird sich mit NazischlĂ€gern anlegen, weil ihr von einer Freundin ein vollgestelltes Hinterzimmer in einer Party-WG angeboten wird. Linkes Engagement, insbesondere antifaschistisches, grĂŒndet nicht in erster Linie „auf einem LebensgefĂŒhl“, sondern auf politischen Überzeugungen und die fallen nicht vom Himmel, sondern entspringen intellektuellen Auseinandersetzungen, Reflexionen, Analysen. WĂ€re es anders, dann wĂ€re der berĂŒhmteste aller KleinbĂŒrgerkalendersprĂŒche, wonach kein Herz habe, wer in der Jugend nicht links sei, jedoch keinen Verstand, wer das spĂ€ter nicht ablege, nicht so quatschig wie er ist.

Von Heinz zitiert diesen Spruch in einer Szene, in der der Schlamassel, in dem der Film steckt, sichtbar wird. Denn der spießbĂŒrgerliche Vater der Protagonistin Luisa spricht genau diesen Dummsatz, ohne dass irgendeine Reaktion seiner Tochter darauf folgen wĂŒrde. Stattdessen schmiegt sie sich an ihn und bittet ihn, sein Auto leihen zu dĂŒrfen. FĂŒr die Figur Luisa mag solches Verhalten plausibel sein, in der von dem Film formal verzweifelt beschworenen wirklich echten RealitĂ€t wĂŒrde eine Aktivistin, die bereit ist, gefĂ€hrliche direkte Aktionen durchzufĂŒhren und sich mit echten NazischlĂ€gern anzulegen, dem Spießerarsch etwas husten und auf dessen Bonzenauto scheißen, Samengeber hin oder her. Das kann von HeinzÂŽ Protagonistin aber nicht, dafĂŒr hĂ€tte man sie als in erster Linie politisch motivierte und ernsthaft politisierte Figur entwickeln mĂŒssen. Dann wĂ€re auch klar geworden, dass der Auseinandersetzung zwischen links und rechts ein politischer Konflikt zugrundeliegt, der letztlich darauf zurĂŒckzufĂŒhren ist, ob man (fetischistische) Herrschaftsformen wie das kapitalistische Regime des „automatischen Subjekts“, die immer gewaltsam abgesichert werden mĂŒssen und die Möglichkeit faschistischer MachtĂŒbernahmen in sich tragen, affirmiert, oder sie durch eine bewusste, freiheitliche Vergesellschaftung und eine Ökonomie mit demokratisch kontrollierten Produktionsmitteln ersetzen will. Dann hĂ€tte auch klar werden können, dass die gesellschaftlichen Frontlinien nicht eine „politische Mitte“ von Links- und Rechtsradikalen trennen, sondern der Faschismus eine Extremform kapitalistischer Ausbeutung ist und der „bĂŒrgerlichen Mitte“ entspringt. Dann hĂ€tte klar werden können, dass es bei linken KĂ€mpfen um einen Konflikt ums Ganze geht und nicht um das schlechte Gewissen sozialromantisierter BĂŒrgerkinder.

UND MORGEN DIE GANZE WELT – Kinotrailer from THE SCREENERS on Vimeo.

Der Zusammenhang entgeht dem Film aber weitgehend.

Luisa kommt in das oben beschriebene linke Wohnprojekt, schließt sich bald antifaschistischen Aktionen an, erlebt auf einer Demo (sexualisierte) Gewalt, wird von dem Andreas Baader-Verschnitt Alfa (der junge Mann, gespielt von Noah Saavedra, heißt im Film wirklich so) vor einem weitergehenden Übergriff eines NazischlĂ€gers bewahrt und kann dabei ein Aktionshandy der Rechten klauen, wodurch die Gruppe Informationen ĂŒber einen bevorstehenden rechten Pogrom erhĂ€lt, den es nun zu verhindern gilt. Sie verfolgen die Nazis, finden in deren Unterschlupf Sprengstoff, entwenden diesen und geraten – offenbar gehörte das Dynamit V-Leuten des Verfassungsschutzes – ins Visier des staatlichen Repressionsapparates. Bald stehen existenzielle Fragen fĂŒr die eigene Karriereplanung auf dem Programm.

Auch wenn das eigentliche Anliegen des Films wie gesagt daran scheitert, dass er radikal linkes Engagement nicht nachvollziehbar als radikal politisches motiviert, bekommt der Film im dritten Akt in mancher Hinsicht doch die Kurve.

Luisa gerĂ€t in einen rechten Liederabend zwischen eine Horde Nazis, die, wo sie sich unter sich wĂ€hnen, gemeinsam ihr Lieblingslied schmettern: „Das ist kein Mensch, das ist ein Jud, frag nicht lang nach, mach ihn kaputt“ und in einer anderen Zeile ĂŒber Schwarze: „Das ist kein Mensch, das ist ein Aff, denk nicht lang nach, mach einfach baff“, wobei die feinen Herrenmenschen auf das „baff“ johlend SchlĂ€ge und KopfstĂ¶ĂŸe simulieren. Dagegen schneidet von Heinz ein paar Minuten spĂ€ter das linke „Neonschwarz“-Konzert mit einem Song, in dem die Band ĂŒber FreirĂ€ume, SolidaritĂ€t und sogar die Eigentumsfrage singt und Menschen miteinander tanzen und feiern. Bis sie von der Polizei gewaltsam abgerĂ€umt werden. Von Heinz lĂ€sst also keine Zweifel daran, wo sie steht und dass sie nichts von Hufeisentheorien hĂ€lt und dieses Insistieren darauf ist auch ĂŒberzeugend inszeniert.

Genauso die Diskussionen um die Gewaltfrage. Die Menschen, die hier ĂŒber Gewalt diskutieren, sind fĂŒhlende, sensible, ganz und gar nicht gewalttĂ€tige Figuren, ausdrĂŒcklich auch Alfa, der, obwohl ihm die gewaltsamen Aktionen sichtlich auch Spaß und Adrenalinkick bereiten, durchaus kein SchlĂ€ger ist. Sie wollen auch keine Gewalt anwenden, sehen sich aber aus verschiedenen GrĂŒnden dazu gezwungen, wĂ€gen Vor- und Nachteile ab und streiten darĂŒber. In dieser Frage sind die Figuren auch plausibel, denn um dieses Handeln zu erklĂ€ren, genĂŒgt es, zunĂ€chst klarzumachen, dass sie in ihrer kleinbĂŒrgerlichen Welt auf verstĂ€ndnisvolle Eltern gestoßen, in einem gewaltfreien, zugeneigten Umfeld aufgewachsen sind und grundsĂ€tzlich friedvolle, zĂ€rtliche Menschen sind. Dass sie also darĂŒber emotional diskutieren, ob die Nazis ĂŒber ihre Gegendemos „nur lachen“ und man deshalb zu anderen Aktionsformen greifen sollte und zu welchen, ist gut verstĂ€ndlich und diese viel zu seltenen Szenen gehören zu den stĂ€rksten des Films.




Quelle: Graswurzel.net