April 12, 2021
Von Anarchist Black Cross Wien
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Warum der Kampf gegen Staat und Nazis Handarbeit bleibt

Wir, einige Anarchist*innen aus verschiedenen StÀdten, beobachten und verfolgen gespannt und in voller SolidaritÀt das Verfahren um den 129-Fall in Leipzig. Bei dem eine Person seit November 2020 in U-Haft sitzt, eine weitere sich auf der Flucht befindet und noch viele mehr beschuldigt sind.
Abgesehen von der miserablen Berichterstattung der MedienhĂ€user, die uns nicht verwundert, sind wir doch recht erschrocken wie ĂŒber diesen Fall geredet und ĂŒber die öffentliche (nicht-)Positionierung.
Wir fragen uns, ob es an dem Umgang mit der Öffentlichkeit liegt, dass es nicht mehr praktische SolidaritĂ€t mit der Inhaftierten Lina gibt. Uns jedenfalls, fiel es in den letzten Monaten schwer, ein eindeutiges GefĂŒhl der Verbundenheit zu entwickeln.

Wir wollen hier eine wohlwollende Kritik am Umgang mit dem aktuellen Repressionsfall zeichnen. Wir wollen, dass sich das Umfeld, aber auch alle Menschen, die sich selbst in tiefer Feindschaft zu Nazis, Faschos und dem Staat, der diese ganze menschenfeindliche Scheiße hervorbringt und fördert, in ihren KĂ€mpfen bestĂ€rkt fĂŒhlen und diese im besten Fall mit einer sozial-revolutionĂ€ren Perspektive weiterfĂŒhren und intensivieren.

Warum Antifaschismus und Angriff zusammen gehört und zu jeder Zeit richtig ist

Die Liste von Angriffen durch Faschist*innen ist lang und wird ununterbrochen lĂ€nger: Die AnschlĂ€ge von Hanau und Halle, die Mordserie des NSU, die Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen und Erfurt, die BrandanschlĂ€ge von Mölln und Solingen. Das sind einige der Bekanntesten der vergangen 30 Jahre. Noch nicht erwĂ€hnt werden dabei die BaseballschlĂ€ger-Jahre in den sogenannten „Neuen BundeslĂ€ndern“ der 90er Jahren, die so viele Menschen, ĂŒber mehrere Generationen hinweg, nachhaltig traumatisiert haben.
Elitesoldaten und Beamte, die sich fleißig an MunitionsbestĂ€nden bedienen, sich gemeinsam als „Prepper“ organisieren. Kurze Erinnerung an den Fall des SEK Bullen aus Meck-Pom. Er wurde am Ende zu 21 Monaten auf BewĂ€hrung verurteilt, in den Medien als „etwas schrĂ€g“ verhandelt und als absoluter Einzelfall abgestempelt. In Chats unter den Mitgliedern der Preppergruppe „Nordkreuz“ wurde rechtsradikales Gedankengut ausgetauscht, wie der Richter in der Verhandlung zu diesem Fall sagte. Jedoch sei dies fĂŒr den Prozess unerheblich gewesen.
Wenn wir uns den Berichterstattungen der heutigen Zeit widmen, dann ist die ErzĂ€hlweise von Repressionbehörden und Medienlandschaft denkbar simpel. „Auf dem rechten Auge blind“- heißt es doch immer so schön – und diese Phrase wirkt hier recht passend.
Ein dummes Arschloch, welches mordend durch Hanau lĂ€uft und 9 Menschenleben auslöscht, ein verwirrter EinzeltĂ€ter – nicht organisiert
 ???
Uns verwundert das nicht sonderlich, auch wenn es uns immer wieder abstĂ¶ĂŸt. Wir wissen was wir von diesem Staat, seiner Justiz und seinen Behörden zu halten haben. Denn auch wir haben die ein oder andere Erfahrung auf Nazidemos gemacht oder waren hier und da mal mit Nazi-Cops konfrontiert. Wir denken, dass sich sehr viele Menschen in diesen Erfahrungen wiederfinden: Linke/Antifaschist*innen oder Anarchist*innen als politische Gegner*innen und noch sehr sehr viele Menschen mehr, die nicht als „Deutsch“ gelesen werden und sich mit diesem Irrsinn tĂ€glich konfrontiert sehen.
Wir wissen oder haben am eigenen Körper gelernt, dass wir uns nicht ausruhen und uns auf staatliche Strukturen verlassen können. Ein Staat, der an den europĂ€ischen Außengrenzen mordet, der mit seinem KriegsgerĂ€t Milliarden UmsĂ€tze macht- und mordet, ein Staat der weiterhin viele Strukturen aus der NS-Zeit in seinem System integriert hĂ€lt. Gleichberechtigung und SolidaritĂ€t sind mit seiner Existenz nie und nimmer vereinbar.
Daher braucht es null Komma null Rechtfertigung fĂŒr Antifaschismus.
Antifaschismus in Wort und Tat ist einfach richtig und ist Handarbeit! Zu jedem Zeitpunkt und in jeder Form!

Weder Schuldig noch Unschuldig oder auch ‚RevolutionĂ€re SolidaritĂ€t‘

Wir freuen uns sehr, dass Lina sich nicht unterkriegen lÀsst und jegliche Zusammenarbeit mit Repressionsbehörden und dem Staat verweigert. Wir empfinden dies als Richtig und wollen hier noch einmal betonen, dass es uns nicht darum geht wer- wann- was gemacht hat oder nicht! Die Respressionbehörden unterstellen ihr, eine SozialrevolutionÀrin (Linksextremistin im Behördensprech) und Antifaschistin der Tat zu sein. Die Presselandschaft versucht im Gegenzug das Bild der netten Studentin zu zeichnen, die in Minirock und roten FingernÀgeln zu Miley Cyrus tanzt und als PÀdagogin auch noch im Dienste des Staates steht.
Wir finden die Darstellungen, die Diskussion ĂŒber Schuld und Unschuld und auch die Wichtigkeit einer solchen totalen Quatsch und wirklich völlig fehl am Platze. Hier werden nicht nur (vielleicht sogar aus falschem Wohlwollen) sexistische Bilder bedient, sondern wird auch die Ernsthaftigkeit und Richtigkeit von direkten Angriffen (auch gewalttĂ€tigen) gegen Nazis und Faschist*innen in Frage gestellt und untergraben.
Unsere Aufgabe, und auch eine Aufgabe von SolidaritĂ€t unter Antifaschist*innen, SozialrevolutionĂ€r*innen, Anarchist*innen ist die Aktionen, die Militanz und KĂ€mpfe in ihrer KontinuitĂ€t fortzufĂŒhren und zu verteidigen. FĂŒr uns gehört dazu auch zu diskutieren und uns die Frage zu stellen, ob Ort, Zeit und Art einer spezifischen Aktion angemessen und vertretbar sind. Sicherlich machen wir darin auch Fehler. Aber wir mĂŒssen nicht, nein Falsch, wir sollten niemals die Aufgabe von Ermittlungsbehörden ĂŒbernehmen.
Sie und auch die Justiz sind nicht unsere Referenz von Diskussion. Wir mĂŒssen uns damit beschĂ€ftigen, dass es den Menschen gut geht die gerade von RepressionsschlĂ€gen direkt betroffen sind. DafĂŒr ist eine wichtige und große Aufgabe verantwortungsvoll fĂŒr unsere gefangenen GefĂ€hrt*innen und Freund*innen zu sorgen. Eine weitere ist es auch unsere KĂ€mpfe fortzufĂŒhren, denn Nazis sind immer noch gut organisiert und bewegen sich selbstbewusst in ihren Territorien.
Wir finden es aufgrund der uneindeutigen Öffentlichkeitsarbeit nicht leicht nachzuvollziehen, was von Lina und ihrem Umfeld gewollt ist. Wir sind uns allerdings sicher, dass ein SchĂŒren von Mitleid, eine Inszenierung von der Betroffenen als eigentlich unschuldiges Opfer kein integrer Weg der solidarischen UnterstĂŒtzung sein kann. Wenn nicht wir selbst, wer soll dann die Notwendigkeit unserer KĂ€mpfe verteidigen?
Die Erfahrung aus vielen RepressionsfĂ€llen zeigt, dass es Menschen sehr den RĂŒcken stĂ€rkt, wenn sie sehen, dass KĂ€mpfe, in deren Kontext sie Repression erfahren, fortgefĂŒhrt werden. Wenn in diesem Fall also weiterhin konsequent gegen Nazis und andere AutoritĂ€re vorgegangen wird, wenn Menschen vor die KnĂ€ste ziehen, um ihre Ablehnung gegen eben jene zu demonstrieren, wenn Menschen sich weiterhin kollektiv aufeinander beziehen, dann ist das praktische SolidaritĂ€t.
Der Paragraph 129 ist dazu geschaffen worden Menschen zu beschnĂŒffeln, auszuspionieren und Leute unter Druck zu setzen. Wenn wir behaupten: „ Sie/Er war es nicht“ behaupten wir im gleichen Moment „Es war jemand anderes“. Es gibt keine Notwendigkeit diese Aussage zu tĂ€tigen.
Wir wissen doch wer wir sind! Wenn wir uns im Klaren darĂŒber sind, welche Entscheidungen wir treffen, können wir uns mit geradem RĂŒckgrat jeder schweren Situationen stellen. Es ist super wichtig im Falle von Repression, nicht das GefĂŒhl der Einsamkeit zu bekommen. Es ist wichtig nicht dem Eindruck zu verfallen, dass irgendwer an irgendeinem Punkt in seinem/ihrem Leben die „falsche“ Abzweigung genommen hat.
Dies können wir tun, indem wir Aktionen machen, die den GefÀhrt*innen ein LÀcheln in ihr Gesicht zaubern, indem wir Briefe schreiben, Poster anfertigen, Infoveranstaltungen machen, zu Demos gegen Faschos aufrufen oder wie auch immer uns gerade der Kopf steht.
Es gibt keine Notwendigkeit sich von Wort und Tat zu distanzieren oder Menschen in das Licht der Unschuld zu rĂŒcken.
Wir sind Schuldig: Denn wir wollen den Staat abschaffen, wir kĂ€mpfen gegen Faschismus und fĂŒr ein Leben ohne Machtstrukturen.

Freiheit und GlĂŒck fĂŒr Lina, der Person auf der Flucht und allen in dem Verfahren Beschuldigten!

Anarchist*innen

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Quelle: Abc-wien.net