Oktober 8, 2021
Von La Presse
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Seit Dienstag steht das Leipziger Hotel Westin in der Öffentlichkeit. Der Fall der mutmaßlich antisemitischen Anfeindung eines Mitarbeiters gegen Gil Ofarim veranlasste zahlreiche Persönlichkeiten zu einer öffentlichen Solidarisierung oder einer Stellungnahme.

SolidaritÀt auf Bundesebene
“Außenminister Heiko Maas (SPD) hat sich fassungslos ĂŒber die mutmaßliche antisemitische Beleidigung des Musikers Gil Ofarim in Leipzig gezeigt. Nötig sei ein “Schulterschluss der Gesellschaft” gegen Antisemitismus, forderte Maas bei der Verleihung des Shimon-Peres-Preises in Berlin laut Redetext. “Leipzig ist kein Einzelfall”, sagte Maas. Alle mĂŒssten sich daher “immer und ĂŒberall” Antisemitismus entgegenstellen.” lautete es in der Zeit

“Das ist ein unfassbarer Fall von Antisemitismus und in der Tat ein Verstoß gegen das AGG.” hieß es auf dem Twitter Kanal der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. â€œJuden waren in Deutschland schon mal in Hotels unerwĂŒnscht. Das war 1933. Wir fordern eine lĂŒckenlose AufklĂ€rung und personelle Konsequenzen.” sagte Lea Rosh, die Vorsitzende des Förderkreises Denkmal in einer Mitteilung.

Verhaltene Reaktionen aus Sachsen
“Was @GilOfarim aus Leipzig berichtet, bestĂŒrzt mich zutiefst. #Antisemitismus darf keinen Platz haben. Nicht offen, nicht verdeckt. Nicht in #Sachsen, nicht in Deutschland, nirgendwo. Wir haben eine ganz klare Verpflichtung: #niewieder! Mein Wort: mein ganzer Einsatz dafĂŒr!” lautete es auf Twitter von Wolfram GĂŒnther (BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen), dem ersten Stellvertreter des MinisterprĂ€sidenten Kretschmer (CDU) Sachsen.

Beim Zweiten Stellvertreter des MinisterprĂ€sidenten, Martin Dulig (SPD), lautete die erste Reaktion wie folgt: “Es ist inakzeptabel und macht mich wĂŒtend, was #GilOfarim in meinem Heimatland widerfahren ist. Ich spreche fĂŒr die ĂŒbergroße Mehrheit der Menschen in #sachsen, wenn ich mich stellvertretend fĂŒr die antisemitische DemĂŒtigung entschuldige. Wir haben noch viel zu tun in Sachsen!”

Sachsens Justizministerin Katja Meier (BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen) meldete sich ebenfalls zu Wort: “Dieser offene #Antisemitismus im Hotel #Westin in #Leipzig ist unsĂ€glich und unertrĂ€glich. Das muss Konsequenzen haben – und eine Entschuldigung reicht da nicht aus.  #Antisemitismus darf nicht Alltag bleiben.”

Ruhiger hingegen wurde es im SĂ€chsischen Kabinett rings um die CDU – welche in der Bundestagswahl gegen AfD und SPD verlor

Innenminister Wöller bediente sich mit “Sachsen ist ein weltoffenes Land” einer Vokabel seines VorgĂ€ngers Markus Ulbig. Vor dem Hintergrund, dass es sich bei dem Betroffenen um einen Deutschen handelt, welcher dem jĂŒdischen Glauben anhĂ€ngt, stellt sich die Frage was mit “weltoffen” gemeint ist. 

Sachsens Staatsoberhaupt Kretschmer befand sich am Montag in der Region Latio/Rom und meldete sich erst Mittwoch aus Dresden wieder zu Wort. Es ging um die GrĂŒndungsveranstaltung der “SĂ€chsische Semperoper Stiftung”, neben der “Stiftung Semperoper – Förderstiftung” die zweite Stiftung rund um die Semperoper – und um das “30. JubilĂ€um der Panzergrenadierbrigade 37”:


Antisemitismus war kein Thema. In einem am Mittwoch gefĂŒhrten Interview mit der Freien Presse, welches heute veröffentlicht wurde, beantwortete Kretschmer Fragen zur niedrigen Impfquote in Sachsen und zu seiner Intervention der Ablösung von Marco Wanderwitz als Chef der SĂ€chsischen Landesgruppe im Bundestag ausweichend.

Dynamische Entwicklung in Leipzig 
Inzwischen ging das Hotel in die Offensive. Zur Kundgebung, am Dienstag Abend, posierten die Mitarbeitenden mit einem Banner. Dass die Wahl der Motive unglĂŒcklich ausgefallen ist wurde, nach öffentlicher Kritik, in der LVZ kommuniziert.

Auch die Darstellung des mutmaßlich Betroffenen Gil Ofarim wurde mittels einer Anzeige, des inzwischen beurlaubten Mitarbeiters, in Zweifel gezogen. Gil Ofarim bekundete zwischenzeitlich Anzeige erstatten zu wollen. Das Westin tat inzwischen mit dem KĂŒnstler GĂŒnther Rothe einen Zeugen auf, der sich an die Äußerung mit dem Davidstern nicht erinnern könne. Auf der Webseite des KĂŒnstlers scheint er in Lobby des Hotels abgebildet, was auf eine lĂ€ngere Beziehung zum Haus schließen lĂ€sst. „Wir sind nicht glĂŒcklich darĂŒber, dass jetzt durch das Hotel selbst Zeugen gesucht werden. Aus strafrechtlicher Sicht können diese dann von den Ermittlungsbehörden nicht mehr unvoreingenommen befragt werden“, konstatierte  Polizeisprecher Olaf Hoppe gegenĂŒber der LVZ

Ebenfalls in diesem Beitrag kommt Burcu Akdoğan-Werner vom SĂ€chsischen AntidiskriminierungbĂŒro zu Wort: „Antisemitismus und Rassismus, ob auf der Arbeit oder im Dienstleistungsbereich, gehören leider zum Alltag von vielen Menschen in Leipzig. Uns sind auch im Zusammenhang mit dem Hotel Westin in der Vergangenheit bereits Diskriminierungen angezeigt worden“.

FĂŒr Verwunderung sorgte das Posting der Sicherheitsfirma ProGSL auf Facebook. Mitarbeiter und GeschĂ€ftsfĂŒhrung werden der rechten Szene zugeordnet. Auf nachdrĂŒckliche Presseanfragen von Belltower.News zum Einsatz der Firma schwieg das Hotel Westin, bekundete dann jedoch gegenĂŒber dem MDR “am Donnerstag, dass der Sicherheitsdienst vor der angekĂŒndigten Demonstration kurzfristig engagiert worden sei. Wichtig sei, dass alles friedlich geblieben sei. Mit der Firma sei vorher noch nicht zusammengearbeitet worden. Sollten sich die Berichte als wahr herausstellen, “war es auch das letzte Mal”, sagte Hachmeister. Das sei selbstverstĂ€ndlich. ” 

Keine Reaktion aus dem Leipziger Rathaus
Vor dem Hintergrund der Entwicklungen interessierte uns was OberbĂŒrgermeister Burkhard Jung zur Thematik sagte. Auf Twitter datiert sein letzter Beitrag vom 3.7..  Auf Facebook ist der letzte Beitrag ein Wahlaufruf vom 26.09.2021

WĂ€hrend MinisterprĂ€sident Kretschmer intensiv Social Media nutzt, den Vorfall aber nicht fĂŒr kommentierenswert hĂ€lt, nutzt der Leipziger OberbĂŒrgermeister Jung seine Social Media Auftritte primĂ€r rund um Wahlkampfauftritte. Einen Treffer ergab die Suche nach dem OberbĂŒrgermeister  auf Facebook dennoch:

Er fĂŒhrt zur Beschreibung in einem Fotobeitrag der “GRK-Charity-Masters”. Genauer einer Fotoserie. Die “GRK-Charity-Masters” wurden 2008 Immobilienunternehmer Steffen Göpel ins Leben gerufen. â€œDer Unternehmer gehört zu den schillernden Persönlichkeiten Leipzigs und gilt als enger Freund von OberbĂŒrgermeister Burkhard Jung” lautet es in einem Beitrag des kreuzer Leipzig. 

“Unsere Shuttle-Flotte steht bereit, unser Partner-Hotel ist bereit, WIR sind bereit – let the Charity begin! An dieser Stelle einen herzlichen Dank an unsere Premium-Partner Mercedes Benz und The Westin Leipzig!” lautet es in einem der FotobeitrĂ€ge von der “GRK-Charity-Masters”.

Ein einem anderen Fotobeitrag mit dem Initator der “GRK-Charity-Masters” lautet es: “Auf dem Foto abgebildet sind “Alexander Tomescheit (Mercedes Benz/Foto links), Antje Reichstein (The Westin Leipzig) und Initiator Steffen Göpel (r.)”. Nicht auf dem Bild abgebildet, jedoch ebenfalls in der Beschreibung erwĂ€hnt – Burkhard Jung.

Sachsen droht 2021 ein Jahresrekord in der Anzahl antisemitischer Straftaten und Leipzig nimmt dabei eine Spitzenrolle ein. Vor dem Hintergrund freundschaftlicher Kontakte rund um den engeren Kreis der â€œGRK-Charity-Masters” richteten wir gestern folgende Anfrage an die Pressestelle des OberbĂŒrgermeisters:

Sehr geehrte Damen und Herren, 
sehr geehrter Herr XXXXXX, 

vor dem Hintergrund des mutmaßlich antisemitischen Vorfalls im Hotel Westin richte ich folgende Fragen an Sie. 

1. Warum hat OberbĂŒrgermeister Jung bislang noch keine Stellungnahme zu den VorwĂŒrfen bezogen? 

2. Hat OberbĂŒrgermeister Jung Kontakt zum mutmaßlich Betroffenen oder dessen Management aufgenommen? Wenn ja, wann? 

3. Wann hatte OberbĂŒrgermeister Jung zuletzt Kontakt zu dem Westin-Manager Andreas Hachmeister und der stellvertretenden GeschĂ€ftsfĂŒhrerin Antje Reichstein

4. Wie bewertet OberbĂŒrgermeister Jung, dass zur Absicherung des Hotels nach den Vorkommnissen eine Sicherheitsunternehmen eingesetzt wurde, dessen GeschĂ€ftsfĂŒhrer und Mitarbeiter am „Überfall auf Connewitz“ beteiligt gewesen sind?
https://twitter.com/datt_thomas/status/1445858677542375424 

Die Antwort kam umgehend und lautete lediglich knapp:

zurzeit kennen wir eine Behauptung eines KĂŒnstlers, dem gegenĂŒber steht eine Behauptung seitens des Hotels. Zeugenaussagen, die die eine oder die andere Sichtweise stĂŒtzen, liegen nicht vor. In einer solchen Situation Ă€ußert sich die Stadt nicht zu den VorfĂ€llen.”

Ob abseits von gegenseitigen Schuldzuweisungen zumindest eine klare Haltung erwartet werden kann? 

/TP MG MS

Bildquelle: @MPKretschmer 




Quelle: La-presse.org