September 7, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Die Fußball-Europameisterschaft 2020 war ein großes sportliches Fest fĂŒr die Fußball-Fans. Welche Bedeutung hat ein solches Sportspektakel, vor allem angesichts der andauernden Covid-19-Pandemie? Was hat Cristiano Ronaldo mit Kapitalismuskritik zu tun? Warum riechen die TribĂŒnen nicht mehr nach „FĂŒrzen und Zwiebeln“? Und was hat die Arbeiter*innenklasse als Mythos damit zu tun? Auf diese Fragen antwortet im 1. Teil seines Artikels Jacek Drozda. In der Oktober-Ausgabe wird das Thema im 2. Teil weitergefĂŒhrt mit dem Akzent auf alternativen Fußball-Vereinen und deren Bedeutung. (GWR-Red.)

Die UEFA Europameisterschaft 2020 (EURO 2020;
EM 2020) war eine positive Überraschung in Bezug auf die sportliche QualitĂ€t. Gleichzeitig haben die COVID-19-Pandemie und die damit verbundenen HygienebeschrĂ€nkungen dieses Spektakel etwas bizarr gemacht, sicherlich verstörend. Wird der Fußball in der Welt des verfallenden Neoliberalismus nicht zu einem bizarren Fall, aber auch gefĂ€hrlichen Zombie?

Eine verheerende Kritik,
die kaum jemanden interessiert

Fußball ist ein leichtes Ziel fĂŒr antikapitalistische Kritik. Unglaublich hohe Einnahmen von Fußballstars und Transfersummen, Oligarchen, die an zwielichtige Regime gebunden sind, und rĂ€uberische Konzerne im Finanzsektor, die Fußballvereine kaufen – dies sind nur einige aus der langen Liste von GrĂŒnden fĂŒr die Unzufriedenheit, die die heutige Fußballindustrie den an der Tradition hĂ€ngenden Fans liefert. Ein von Geld triefendes globalisiertes Sportspektakel wird immer hĂ€ufiger von jenen Fußballbegeisterten missbilligt, die in anderen Belangen keine systemkritische Haltung einnehmen und sich nicht gegen verschiedene Erscheinungsformen einer allumfassenden Kommodifizierung wehren. Die Parole „Against Modern Football“ wird nicht mehr nur von radikalen Stadionfanatiker*innen proklamiert, die entschlossen sind, sich der Aneignung ihrer geliebten Disziplin durch den Turbokapitalismus zu widersetzen. Aber seien wir ehrlich: Ungeachtet der FĂŒlle an BĂŒchern, Artikeln und Appellen, die gnadenlos das heutige Gesicht des Fußballs zeigen, ungeachtet der Fanproteste, kritischen Kommentare in den Medien und des immer hĂ€ufiger werdenden Abscheus ĂŒber die aggressive Kommerzialisierung der beliebtesten Sportart der Welt – wenn die Zeit der nĂ€chsten Welt- oder Europameisterschaft kommt, verlieren sich auch kompromisslose Kritiker*innen der Fußball- und Finanzmaschinerie in den KĂ€mpfen der Nationalmannschaften. Die kĂŒrzlich abgeschlossene EM 2020, die aufgrund der COVID-19-Pandemie mit einem Jahr VerspĂ€tung ausgetragen wurde, entpuppte sich in vielerlei Hinsicht als einzigartiges Ereignis.
DarĂŒber hinaus kann dieses Turnier als spezifisches Zeugnis einer bestimmten Epoche bzw. ihrer anhaltenden DĂ€mmerung verstanden werden.

EM 2020, Pandemie,
Voyeurismus und Angst

Die verzögerte Europameisterschaft wurde erstmals nicht in einem oder zwei zuvor ausgewĂ€hlten GastgeberlĂ€ndern, sondern in zwölf ĂŒber den Kontinent verstreuten StĂ€dten ausgetragen. Erstmals durften die Trainer wĂ€hrend der Grundspielzeit bis zu fĂŒnf Spieler einwechseln. Die Schiedsrichter sollten durch das VAR-System (Video Assistant Referee) bei der KlĂ€rung zweifelhafter Situationen unterstĂŒtzt werden. Als auffĂ€lligste Neuheit entpuppten sich jedoch die leeren TribĂŒnen. Turniere dieses Ranges sind fast immer ein Garant fĂŒr bis auf den letzten Platz gefĂŒllte Stadien. Diesmal wurden sanitĂ€re Restriktionen eingefĂŒhrt, wodurch die meisten Arenen der EM 2020 den Eindruck erweckten, dass dort nicht die prestigetrĂ€chtigsten Wettbewerbe von europĂ€ischem Rang ausgetragen wurden, sondern allenfalls ein mĂŒdes Gekicke, das bei den Fans der lokalen Liga auf durchschnittliches Interesse stieß. Ausnahme war die PuskĂĄs ArĂ©na in Budapest. Die ungarischen Behörden meinten, dass das Coronavirus keine so große Bedrohung mehr darstelle, und erlaubten volle RĂ€nge mit Fans auf den TribĂŒnen. Die Folge dieser Entscheidung war nicht nur die massenhafte freudige Anfeuerung der Spieler, sondern auch eine erschreckende nationalistisch-xenophobe Show, die gut zur Regierungspolitik von Viktor OrbĂĄn passt.

Der erste starke Schock, den die EM 2020 bei den Zu-schauer*innen auf den TribĂŒnen und vor den Fernsehern auslöste, war die Tragödie, die sich wĂ€hrend der ersten Runde der Gruppenspiele in Kopenhagen ereignete. Christian Eriksen, der 29-jĂ€hrige KapitĂ€n der dĂ€nischen Nationalmannschaft gegen Finnland, wurde plötzlich ohnmĂ€chtig und fiel leblos auf den Platz. Ein paar Sekunden spĂ€ter umzingelten verĂ€ngstigte und verzweifelte Teamkollegen Eriksen und die Ärzte, die ihn in einem engen Kordon wiederbelebten. Letztere schafften es zum GlĂŒck, den Spieler wieder zum Leben zu erwecken, trugen ihn dann auf einer Trage vom Spielfeld und transportierten ihn ins Krankenhaus. Der Kampf um die Rettung des Fußballers und die Reaktionen der Zuschauer*innen auf den TribĂŒnen wurden live im Fernsehen ĂŒbertragen. Als einige Wochen spĂ€ter im Endspiel ein Fan aufs Feld lief, wurden die Kameras sofort in eine andere Richtung gedreht. Dasselbe passiert, wenn die auf den TribĂŒnen anwesenden Fans beim Blick auf einen großen Bildschirm erkennen, dass sie im Fernsehen gezeigt werden. Dann wird die Linse von den Kameraleuten sofort gezielt auf einen anderen Platz gerichtet. All dies, um nicht versehentlich eine kontroverse (z. B. politische) oder obszöne Geste der gefilmten Person zu zeigen. Eine echte Tragödie, die mit dem Tod eines Fußballers enden kann, entpuppt sich als akzeptables Element des Spektakels, anders ist es nach Meinung von Sendern und Veranstalter*innen jedoch bei spontanen Äußerungen politischer Ansichten oder anderen nicht passenden Inhalten der Fußballshow. Entpolitisierter, ethisch fragwĂŒrdiger Voyeurismus fĂŒr die*den neugierige*n Verbraucher*in – OK!

Tolle Feier auf
einem sinkenden Schiff

So musste der Europameisterschaft etwas von ihrer speziellen Ausstrahlung genommen werden. DarĂŒber hinaus schienen Eriksens Unfall gleich zu Beginn des Wettbewerbs sowie frĂŒhere Berichte ĂŒber die Entdeckung von Coronavirus-FĂ€llen bei Spielern und Stabsmitgliedern mehrerer Nationalmannschaften eine Katastrophe anzukĂŒndigen. Paradoxerweise erwies sich die EM 2020 in der sportlichen Dimension letztendlich als Erfolg. WĂ€hrend des Turniers wurden mehr Tore erzielt als je zuvor. Es war reich an extrem spektakulĂ€ren und kĂ€mpferischen Matches. VerlĂ€ngerungen und Elfmeterschießen mussten ĂŒber das Ergebnis einer Rekordzahl der Spiele entscheiden. Über das Defizit an spektakulĂ€ren Aktionen, ĂŒberraschenden Entscheidungen und Demonstrationen des individuellen sportlichen Könnens der Spieler konnten sich die Fans nicht beklagen.
An dieser Stelle kann man eigentlich die allgemeine Zusammenfassung der unerwartet erfolgreichen, typisch sportlichen Inhalte der diesjĂ€hrigen Meisterschaft beenden. Leider erschöpft sich darin nicht die Geschichte der EM 2020, die auch in puncto gesellschaftlicher Bedeutung von ganz anderen Ereignissen geprĂ€gt war. Die Erinnerungen an das hohe sportliche Niveau der Veranstaltung werden mit der Zeit verblassen. Dasselbe gilt nicht fĂŒr die Komponenten der gegenwĂ€rtigen Krise, die in gewisser Weise durch die EM akzentuiert wurden. Schließlich haben wir nicht nur als Zuschauer*innen von SpielĂŒbertragungen daran teilgenommen. Wir waren auch Zeug*innen einer Demonstration moderner Techniken der Überwachung und des Managements einer Gesellschaft, die von einer beispiellosen Bedrohung der öffentlichen Gesundheit betroffen ist. Wir wurden Zeug*innen eines dĂŒsteren Paradoxons: Die neoliberale GlĂŒcksindustrie versuchte uns von ihrem Angebot zu ĂŒberzeugen, indem sie in einer AtmosphĂ€re der Unsicherheit und des drohenden sozioökonomischen Zusammenbruchs im Zuge der Pandemie NormalitĂ€t simulierte.
Kommerzieller Glitzer und die Kommodifizierung von allem, was mit Fußball zu tun hat, erwecken angesichts der heutigen Probleme den Eindruck einer Geschichte aus einer anderen Dimension. Wie kann man im Kontext der anhaltenden Epidemiekatastrophe in vielen LĂ€ndern und des Verlusts von ArbeitsplĂ€tzen Tausender Menschen die Berichte ĂŒber die TransferplĂ€ne, also die wahrhaft astronomischen Ausgaben großer Klub-Konzerne, oder die sagenhaften Einnahmen von Fußballern bezeichnen? Wie ist der Hochmut der Besitzer*innen der reichsten Klubs einzuordnen, die die Welt des Fußballs vollstĂ€ndig den Interessen des Großkapitals unterordnen wollen und ihre Absicht ankĂŒndigen, eine europĂ€ische „Super League“ zu grĂŒnden – eine alptraumhafte, turbokapitalistische Alternative zur „Champions League“? Obwohl diese Initiative einer etwas anderen Ordnung angehört als die Europameisterschaft, spielen die Spieler der EM tĂ€glich eine große Rolle in Klubs, die erneut ihren Wunsch bekundet haben, einen UEFA-Wettbewerb ohne „bĂŒrokratische Strenge“ zu schaffen. Wie ist schließlich die Eskalation des Kulturkrieges um das Regenbogensymbol zu interpretieren, der im Kontext der EM 2020 ausgetragen wurde?

Die „gute alte Zeit“
und Weltraumexpeditionen

Keine der oben genannten Fakten und PhĂ€nomene sind neu in der Welt des Fußballs. Die fortschreitende Vereinnahmung durch die Mechanismen und Institutionen des Neoliberalismus, die Entfremdung der EigentĂŒmer und der Strukturen, die die Klubs auf deren Geheiß verwalten, sowie die Konflikte um die politische Natur des Fußballs sind Prozesse, die sich ĂŒber viele Jahre entwickelt haben. Manche Kritiker*innen, angewidert von diesem Zustand, verfallen deshalb in Nostalgie und erinnern an die „gute alte Zeit“, als Fußball ein Spiel des Volkes war, verwurzelt in lokalen IdentitĂ€ten, Arbeiter*innenkultur und sozialer SolidaritĂ€t. Die Klubs waren nicht das Spielzeug der Reichen oder Unternehmen, die sich mehr auf den Wettbewerb außerhalb des Feldes konzentrierten als beispielsweise darauf, ein traditionelles Derby mit dem grĂ¶ĂŸten Lokalrivalen zu gewinnen. Dieses „heroische“ Bild des Fußballs spiegelt sich nur teilweise in der realen Geschichte wider. TatsĂ€chlich erschien der Fußballverein zu einer Zeit, in der sich die Klassenunterschiede in deutlicheren kulturellen Unterschieden manifestierten, z. B. zwischen dem Industrieproletariat und dem unteren Stand der Beamtenklasse, als Teil eines geordneten Klassenuniversums. Der Amateurcharakter der Mannschaften und Wettbewerbe hinderte sie nicht daran, große PopularitĂ€t zu erlangen, da die Skepsis gegenĂŒber dem Profisport recht verbreitet blieb. ProfessionalitĂ€t hingegen war keine Quelle exorbitanter Vermögen, und professionelle Fußballstars schienen, auch wenn sie sich ein bisschen Extravaganz leisten konnten, den gewöhnlichen Menschen, die jeden Tag zur Arbeit gingen, nĂ€her zu sein. Diesem Bild scheinen die Spieler zu entsprechen, die 1962 in der Dokumentation The Saturday Men prĂ€sentiert wurden. Sie zeigt den Alltag der Spieler des englischen Klubs West Bromwich Albion, der in den 1950er-Jahren zu den stĂ€rksten Mannschaften Europas gehörte. Der Film ist Teil eines dokumentarischen Triptychons mit dem Titel Look at Britain, dessen Aufgabe es war, die Freuden und Herausforderungen der tĂ€glichen Arbeit der britischen Gesellschaft im Zeitalter der dynamischen Entwicklung des Nachkriegskapitalismus positiv darzustellen. Neben der Dokumentation ĂŒber die damals populĂ€ren Fußballer von West Brom waren in der Serie auch Every Day Except Christmas (1957) und We Are the Lambeth Boys (1959) zu sehen. Der erste Film handelt von der Arbeit von HĂ€ndler*innen, VerkĂ€ufer*innen, TrĂ€ger*innen und anderen Arbeiter*innen auf dem Covent Garden Market in London. Der zweite widmet sich dem Leben von working class-Jugendlichen aus einem der proletarischen Viertel der britischen Hauptstadt, die sich in einem soziokulturellen Club treffen. Einer von denen, die durch die in die Zerstörung der Sozialpolitik verliebten Margaret Thatcher und ihre nachfolgenden Inkarnationen namens John, David, Theresa oder Boris jahrzehntelang so gezielt eliminiert wurden.

Fußball aus den Tagen von The Saturday Men galt also als Teil der Arbeitswelt. FĂŒr Liebhaber*innen der „guten alten Zeit“ ist es wichtiger, dass die Spieler, die jedes Wochenende auf den englischen PlĂ€tzen nach dem Ball rannten, nicht durch extreme Wirtschafts- und Statusunterschiede von den Ge-mĂŒseverkĂ€ufer*innen aus Covent Garden getrennt waren, als die Tatsache, dass schon damals an der Spitze der Fußballindustrie hauptsĂ€chlich FunktionĂ€re aus den privilegierten Klassen standen. Wir zeigten Every Day Except Christmas bei einem der „Anarchist Film Festivals“ in Warschau (1), denn dieser Dokumentarfilmklassiker unter der Regie von Lindsay Anderson ist nicht nur eine Hommage an die arbeitende Bevölkerung. Er zeigt auch zahlreiche Analogien, aber auch Diskrepanzen zwischen den ArbeitsrealitĂ€ten in Handel und Logistik gestern und heute.

Was aber hat ein Vertreter eines fĂŒr die EM 2020 qualifizierten Landes heute mit einer Amazon-Arbeiterin gemeinsam, der statt einer Gehaltserhöhung in der Lagerhalle eine Box zum Mindfulness-Praktizieren gegeben wurde? Ihr direktes Aufeinandertreffen scheint jetzt nur noch online möglich: Es kann vorkommen, dass Cristiano Ronaldo darauf reagiert, in einem Instagram- oder Twitter-Post von einer der Tausenden von hart Arbeitenden getaggt zu werden, die Jeff Bezos Mittel verschaffen, sich selbst in einer Rakete, die einem riesigen Penis Ă€hnelt, in den Kosmos zu schießen. Wie auch immer, Cristiano Ronaldo verdient angeblich mit jedem Social-Media-Post rund 2 Millionen Euro, er gehört also mit dem Amazon-Besitzer in ein „Team“. Dazu gehört auch Robert Lewandowski – ein Idol, in dessen Land der Autor dieses Artikels auch StaatsbĂŒrger ist. An dem Tag, an dem ich diese Worte schreibe, berichteten die polnischen Medien von den skandalösen Lohnbedingungen in dem Restaurant, das der Bayern-Star in Warschau eröffnet hatte. Es wurde bereits in eine breite Kategorie namens „Pathogastronomie“ [von „pathologisch“, dt. „krankhaft“ – d. Ü.] eingeordnet, die Betriebe mit extremen MissstĂ€nden bezeichnet: Es zahlt Hungerlöhne, die Personalfluktuation ist riesig, und niemand kĂŒmmert sich darum, den Kellner*innen, Barkeeper*innen und Köch*innen angemessene Bedingungen fĂŒr ihre harte Arbeit zu bieten. Letztere können 22 Zloty netto pro Stunde (2) im Restaurant des beliebten „Lewy“ [Spitzname von Lewandowski – d. Ü.] verdienen, was etwa 4,80 Euro entspricht. Das eigene Einkommen von Lewandowski wird sehr unterschiedlich geschĂ€tzt. Berechnungen auf der Grundlage der SchĂ€tzungen von „Forbes“ und „Bild“ ergeben einen Betrag von 22 Millionen Euro pro Jahr, was etwa 12.000 Zloty (fast 2.700 Euro) pro Stunde entspricht (3). Daher ist es kaum zu glauben, dass so schlechte GehĂ€lter der Köch*innen in Herrn Robert Lewandowskis gastronomischem Betrieb auf geschĂ€ftliche Probleme zurĂŒckzufĂŒhren sind.

Wie verhĂ€lt sich der Antikapitalismus zum modernen Fußball? Einige versuchten, seine Manifestationen in der Geste ausgerechnet von Cristiano Ronaldo zu sehen. Als der portugiesische Star wĂ€hrend einer Pressekonferenz der EM 2020 angewidert Coca-Cola-Flaschen von sich wegschob und erklĂ€rte, dass nur Wasser getrunken werden sollte, hatte es das Internet eilig. Es hat sich herausgestellt, dass Expert*innen den möglichen finanziellen Verlust des GetrĂ€nkeherstellers auf bis zu 4 Milliarden Euro schĂ€tzen (4). Der Coca-Cola-Konzern beeilte sich zwar bekanntzugeben, dass er auch Mineralwasser herstellt, wenn also jemand eine ErnĂ€hrungsberatung von Juventus-Spieler wichtig findet, kein Problem: Das Unternehmen ermutigt dazu, Wasser in Flaschen ihrer Produktion zu kaufen.

Romantische Hooligans,
GeschĂ€ftsleute in Stone Island und Fußballforscher*innen

Vielleicht bleiben die Fans also die letzte Bastion des Antikapitalismus in der Fußballwelt? Auf diese Frage kann es mindestens zwei Antworten geben.
Seit sich die Sozialwissenschaften fĂŒr Fangemeinschaften interessieren, prallen an ihnen unterschiedliche methodische AnsĂ€tze aufeinander, die sich wiederum in politischen Untertönen unterscheiden. Das Thema der akademischen Auseinandersetzungen vereinfachend lĂ€sst sich sagen, dass zwei sozio-anthropologische Strömungen dominant geworden sind. Die erste stammt aus der Soziologie des „Zivilisationsprozesses“, die sich auf das Denken von Norbert Elias bezieht. Seine AnhĂ€nger*innen interpretieren die Fankultur vor allem durch das Prisma des PhĂ€nomens Rowdytum. Die Teilnahme an organisierten Gruppen von Fußballfans, die gegenseitige Gewalt anwenden, ist im Lichte der von EliasÊŒ Soziologie inspirierten Theorien ein Element des Prozesses der Klassensozialisation. Die Zugehörigkeit zur Fangemeinde wird hier als eine Art Sicherheitsventil interpretiert. Unter den Fans, einschließlich derer, die innerhalb und außerhalb des Stadions in Hooliganismus verwickelt sind, bekommen die Vertreter*innen der Arbeiterklasse die Möglichkeit, ihren heftigen Emotionen, aggressiven Trieben, die vor allem am Arbeitsplatz nicht tĂ€glich akzeptiert werden, Luft zu machen. Mit anderen Worten, Sportshows und bestimmte damit verbundene Praktiken nehmen den Charakter eines Karnevals an, d. h. einer Zeit der Lockerung des Korsetts gesellschaftlicher Normen. Gleichzeitig wird aber die Position seiner Teilnehmer*innen in der Klasseneinteilung bestĂ€tigt. Die Forschung zu dem beschriebenen theoretischen Trend wurde in erster Linie von Eric Dunning und seinen Mitarbeiter*innen vertreten. Diese Gemeinschaft wurde informell „Leicester School“ genannt, weil sie von der in dieser Stadt gelegenen UniversitĂ€t ausging. (5)

Der zweite Trend entwickelte sich in der breiten Gemeinschaft des Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) an der University of Birmingham. Er hatte einen klar marxistischen Charakter, aber ohne ideologischen Dogmatismus. Das Zentrum in Birmingham war in den 1970er- und 1980er-Jahren eine der aktivsten akademischen Einrichtungen in der PopulĂ€rkulturforschung. Die Wissen-schaftler*innen konzentrierten sich vor allem auf soziale Beziehungen und Hierarchien, die der Popkultur eingeschrieben sind und von ihr aufgebaut wurden. In diesem Sinne wurde auch die Hooligan-Subkultur analysiert. Sie wurde als spezifischer Ausdruck des Klassenwiderstands wahrgenommen, insbesondere vor dem Hintergrund der Auswirkungen der neoliberalen Wende der Thatcher-Ära auf das Gesicht des Fußballspektakels.

Beide genannten Forschungsrichtungen britischer UniversitĂ€ten bieten interessante Instrumente fĂŒr wissenschaftliche Einblicke in die Fußballkultur. Jede von ihnen hat auch erhebliche Nachteile. Im Fall der „Leicester School“ sind es unter anderem eine sehr klare Tendenz zum Eurozentrismus und ein gewisser theoretischer Anachronismus, der es schwierig macht, ihn auf die gegenwĂ€rtigen Bedingungen anzuwenden. Der CCCS-Trend hingegen tendierte dazu, Fangemeinden zu romantisieren und ihnen eine tiefe Treue zum Ethos der Arbeiter*innen zuzuschreiben. Als 1985 von Liverpool- und Juventus-Fans angestiftete Ausschreitungen zur Tragödie im BrĂŒsseler Heysel-Stadion fĂŒhrten, gab es einen Moment der NĂŒchternheit. Hooligans verloren schließlich ihre „Unschuld“, und das Image von „KlassenkĂ€mpfern“, das sie frĂŒher in den Augen einiger Wissenschaftler*innen genossen, wurde in Misskredit gebracht. Im Laufe der Zeit wurde klar, dass das Ziel von Hooligans normalerweise nicht darin besteht, ein reales oder nur eingebildetes Klassenerbe zu schĂŒtzen. Zunehmend wurde auf die offensichtlichen Verbindungen einiger Fangruppen mit den brutalsten Kreisen des kriminellen Untergrunds, die Verbreitung rassistischer und rechtsextremer Ideen unter ihren Mitgliedern und den gewöhnlichen Sadismus geachtet, dessen Opfer nicht nur Vertreter*innen der konkurrierenden Gruppen, sondern immer hĂ€ufiger auch Unbeteiligte waren.
Der Sinn einer deterministischen Lesart des Klassencharakters von Fußballfanbewegungen ist
unter den Bedingungen des heutigen SpĂ€tkapitalismus noch unrealistischer. Staatsapparate in Europa dĂŒrften den (teilweise
nur scheinbaren) Erfolg im Kampf gegen Hooligan-Gewalt
dank der Umsetzung einer Gentrifizierungsstrategie von Stadien feiern. Keine billigen Stehplatztickets mehr, eine Aura von Luxus, abgehobene Fußballer, moderne Überwachung und eine ganze Reihe von Instrumenten zur Aufzeichnung und Überwachung der Fans – so sieht die moderne Sportarena aus. Es hat nicht viel mit der spezifischen AtmosphĂ€re der Arbeiter*innentribĂŒne zu tun, die der berĂŒhmte englische Schriftsteller Nick Hornby in seinem Roman „Fever Pitch“ als eine Art Tempel der Klassenbruderschaft bezeichnete, der nach „FĂŒrzen und Zwiebeln“ stinkt. Aber fĂŒhlt sich der Hooligan in einem heutigen Stadion wirklich unwohl? Stimmt es, dass ein Hooligan unbedingt ein Industriearbeiter sein muss, der kaum ĂŒber die Runden kommt? Was, wenn der Hooligan bereitwillig auf „traditionelle“ Gewaltformen verzichtet und dem popkulturell geförderten Narrativ der sozialen Emanzipation des 21. Jahrhunderts folgt? Schließlich sind billige, glĂ€nzende TrainingsanzĂŒge nicht mehr die Artefakte des Fan-Stils. Stone Island-Jacken sind Luxuskleidung, die sich nur wenige Fans, die in den traditionellen Berufen des Industrieproletariats ihren Lebensunterhalt bestreiten, leisten können. Vielleicht verdient der Hooligan heute lieber Geld mit Bitcoins? Vielleicht mehr als von den SchlĂ€gereien am Wochenende in einem nahe gelegenen Park wird er von der medial konsumierten ErzĂ€hlung einiger in neoliberalen Hierarchien diskriminierter Gemeinschaften angesprochen: Wenn sie uns unterdrĂŒcken, uns arm und minderwertig halten, dann werden wir reicher als sie um jeden Preis, und man wird es uns ansehen. Über Leichen gehend zum Ziel, auch wenn es unter uns Opfer gibt – es ist halt so, das ist der Preis. Statt politischer Forderungen – die Namen von Luxusmarken auf T-Shirts; statt sich selbst zu organisieren – Business (das nicht unbedingt legal sein muss).
Es gibt natĂŒrlich den anderen Pol der Fanwelt


Jacek Drozda
In der Oktober-Ausgabe wird das Thema im 2. Teil weitergefĂŒhrt mit dem Akzent auf alternativen Fußball-Vereinen und deren Bedeutung.

Der Autor ist Kulturwissenschaftler, Antifaschist, Doktor der Geisteswissenschaften, Fußball-, Box- und Rugby-Fan. Er veröffentlichte unter anderem die BĂŒcher Postfußball. Fußballanthropologie (2012, mit M. Czubaj und J. Myszkorowski), Kultureller Widerstand. Zwischen Theorie und sozialer Praxis (2015) und Echos anderer Revolutionen. Von Muhammad Ali zur japanischen Roten Armee (2020). Er betreibt einen Podcast auf Polnisch mit dem Titel Emanzipationen, der der Geschichte der Revolution und des sozialen Widerstands gewidmet ist.




Quelle: Graswurzel.net